Geschwister Tanner

Part 15

Chapter 153,391 wordsPublic domain

»Ja,« fuhr Hedwig fort »was hätte mich daran sollen verhindern können. Ich werde vielleicht bald von hier fortgehen, und die Abreise macht mir Kummer; denn ich verlasse viel und werde vielleicht nichts dafür bekommen, das mich das Weggeworfene und im Stich Gelassene vergessen ließe. Trotzdem bin ich fest entschlossen wegzugehen; denn ich mag nicht mehr allein sein mit meinen Träumen. Auch du gehst ja bald fort, und was sollte ich dann noch hier? Du lassest mich wie einen Brocken, wie einen schlecht gewordenen Gegenstand zurück, oder vielmehr so: der ganze Ort, das Dorf, alles hier ist dann der Brocken, der verlassene, unbeachtete und weggeworfene Gegenstand, und ich dann noch mitten drin? Nein, ich habe mich zu sehr daran gewöhnt, das Leben, das wir hier führen, mit Hilfe deiner Augen anzusehen, es schön zu finden, so lange du es schön fandest; und du fandest es schön, und so fand ich es auch noch schön. Aber weiter würde ich es nicht mehr schön und groß genug für mich finden, ich würde es verachten, weil es eng und stumpf wäre, und es wäre auch eng und stumpf durch meine gleichgültige Verachtung. Ich kann nicht leben und mein Leben verachten. Ich muß mir ein Leben suchen, ein neues, und wenn das ganze Leben auch nur in einem einzigen Suchen nach Leben bestehen sollte. Was ist das: geachtet zu sein, gegen das andere: glücklich zu sein und den Stolz des Herzens befriedigt zu haben. Auch unglücklich zu sein ist noch schöner als geachtet zu sein. Ich bin unglücklich, trotz der Achtung, die ich genieße; ich verdiene vor mir diese Achtung also nicht; denn in meinen Augen ist nur das Glück achtenswert. Infolgedessen muß ich versuchen, ob es möglich ist, glücklich zu sein, ohne Achtung zu beanspruchen. Vielleicht gibt es ein Glück dieser Art für mich und eine Achtung, die man der Liebe und der Sehnsucht zollt, nicht der Klugheit. Ich will nicht deshalb unglücklich sein, weil mir der Mut fehlte, mir einzugestehen, daß man unglücklich werden kann, weil man versuchte, glücklich zu werden. Solches Unglück ist achtenswert, das andere nicht; denn Mangel an Mut kann man nicht achten. Wie kann ich länger zusehn, daß ich mich zu einem solchen Leben verdamme, das nur Achtung einbringt und nur Achtung von Andern, die einen immer so haben wollen, wie es ihnen am besten paßt! Warum soll es das? Und warum muß man die Erfahrung machen, daß das, was es einem eingebracht hat, zum Schluß nichts wert ist? Da hat man dann gesorgt und gehütet und gewartet und ist nur genarrt worden. Es ist bitter unklug, auf etwas warten zu wollen; es kommt nicht zu uns, wenn wir nicht hingehen und es uns holen. Freilich, es wird einem so viel Furcht eingejagt von Fürchtlingen, die um einen besorgt scheinen. Ich hasse sie jetzt beinahe, die den Kopf schütteln, sobald man nur etwas Mutiges sagt. Wie würden die sich erst betragen, wenn sie hörten, daß man das Mutheischende zur Ausführung gebracht hat. Wie diese vielen Ratgeber schwinden vor der Herzensgewalt einer frei vollbrachten Tat! Und wie sie einen knechten mit ihrer süßlichen Liebe, wenn man diesen Mut nicht findet und sich ihnen ausliefert. Man wird mich hier mit vielem Bedauern wegziehen sehen und es nicht verstehen wollen, warum ich einen so angenehmen und ersprießlichen Platz verlasse; und auch ich verlasse das Land mit einem Gefühl, das mich noch immer überreden möchte, hier zu bleiben. Ich habe geträumt, Bäuerin zu werden, einem Mann anzugehören, einem einfachen und zarten Menschen, ein Heim zu besitzen mit einem Stück Land und Stück Garten, wozu ein Stück Himmel gehört hätte, zu bauen und zu pflanzen, keine weitere Liebe als Achtung zu verlangen und das Entzücken zu haben, meine Kinder aufwachsen zu sehen, womit ich mich für allen Verlust einer tieferen Liebe entschädigt gefunden hätte. Der Himmel würde die Erde berührt haben, ein Tag hätte den andern in die Zeiten hinuntergerollt, und ich wäre unter Sorgen eine alte Frau geworden, die an sonnigen Sonntagen unter der Haustüre gestanden und die Vorübergehenden beinahe schon verständnislos angeblickt hätte. Ich würde dann nie wieder nach Glück gestrebt und heißere Empfindungen vergessen haben, hätte meinem Manne und seinen Geboten und dem gehorcht, was mir als Pflicht würde vorgeschwebt haben. Und ich hätte gewußt, was einer Bäuerin Pflicht wäre. Meine Träume wären mit den Tagen wie Abende eingeschlafen und würden nie mehr wieder etwas gefordert haben. Ich würde zufrieden und heiter gewesen sein, zufrieden, weil ich nichts anderes gewußt, und heiter, weil es sich nicht geziemt hätte, meinem Manne eine unmutige Stirne mit dunklen Sorgen zu zeigen. Mein Mann würde vielleicht den Takt besessen haben, in der ersten Zeit, da noch vieles heißer gedrängt und gepocht hätte, mich zu schonen und mich sanft für meine kommende Aufgabe zu erziehen, was ich dankbar würde haben geschehen lassen mit mir; dann wäre es auch gegangen, und eines Tages würde ich verwundert an mir die Beobachtung gemacht haben, daß ich innerlich Frauen von heftiger und sehnsüchtiger Gemütsart, das heißt, solche von meinem eigenen früheren Schlag, nicht mehr dulden mochte, weil ich sie für gefährlich und schädlich hielte. Mit einem Wort: ich würde geworden sein wie die andern und würde das Leben verstanden haben, wie die andern es verstehen. Doch das alles blieb nur ein Traum. Einem andern als dir würde ich mich hüten, so etwas zu sagen. Vor dir werden Träumende nicht lächerlich, auch verachtest du niemanden, weil er träumt, denn du verachtest überhaupt niemanden. Ich bin auch sonst gar nicht ein so überspanntes Mädchen. Wie käme ich dazu! Ich habe jetzt nur ein wenig zu viel gesprochen, und wenn ich so spreche, spreche ich leicht etwas zu viel. Man möchte alle seine Gefühle erläutern und kann es doch nie, man redet sich nur in eine Heftigkeit hinein. Komm, gehen wir zu Bett.« --

Sie sagte sanft und ruhig Gute Nacht.

»Ich bin doch froh,« sagte sie am andern Morgen, »daß ich noch hier bin. Wie kann man sich nur so stürmisch von einer Stelle wegwünschen. Als ob es hierauf ankäme! Ich muß beinahe lachen und schäme mich ein wenig, gestern so mitteilsam gewesen zu sein. Und doch bin ich froh; denn einmal muß man sich aussprechen. Wie du gestern mir nur so geduldig zuhören konntest, Simon! So beinahe andächtig! Und doch bin ich auch darüber froh. Am Abend ist man nicht wie am Morgen, nein, so ganz anders, so verschieden im Ausdruck und im Empfinden. Eine einzige Nacht ruhig geschlafen zu haben, das kann, habe ich gehört, einen Menschen ganz verändern. Ich glaube es wohl. Gestern so gesprochen zu haben, kommt mir heute am hellen Morgen wie ein ängstlicher, übertriebener, trauriger Traum vor. Was war es denn nur! Soll man denn die Dinge so reizbar schwernehmen? Denke gar nicht mehr daran! Ich muß gestern müde gewesen sein, so wie ich immer des Abends müde bin, aber jetzt bin ich so leicht, so gesund, so frisch, wie neu geboren. Ich habe ein so gelenkiges Gefühl, als hebe mich jemand empor, als trüge mich etwas, wie man jemand trägt in einer Sänfte. Mach die Fenster auf, indes ich noch im Bett liege. Es ist so schön, im Bett zu liegen, wenn die Fenster aufgemacht werden, so wie du es jetzt tust. Wo nehme ich nur all die Fröhlichkeit her, die mich jetzt ganz einhüllt. Draußen scheint mir die schöne Gegend zu tanzen, die Luft dringt zu mir hinein. Ist es heute Sonntag? Wenn nicht, so ist es ein Tag wie geschaffen zum Sonntag. Siehst du die Geranien? Sie stehen so schön vor dem Fenster. Was wollte ich gestern? Glück? Habe ich es denn nicht schon jetzt? Soll man erst suchen müssen in der unbekannten Ferne, unter den Menschen, die gewiß gar keine Zeit haben, an das Glück zu denken? Es ist gut, wenn man für Vieles nicht Zeit hat, recht gut, denn, hätte man Zeit, so würde man ja sterben vor lauter Anmaßung. Wie hell ist mir jetzt im Kopf. Nicht ein einziger Gedanke mehr, der nicht, wie seine Herrin, nämlich ich, froh und leicht daläge, ganz ebenso wie ich. Willst du mir das Frühstück ans Bett bringen, Simon? Es würde mir Spaß machen, mich von dir bedienen zu lassen, wie wenn ich eine portugiesische Noblesse wäre und du ein Mohrenkind, das meinen leisesten Wink verstände. Natürlich bringst du mir das Verlangte. Warum solltest du dich weigern, mir eine Aufmerksamkeit zu erweisen? Seit wie lange bist du jetzt bei mir? Warte einmal, es war Winter, als du ankamst, der Schnee fiel, ich weiß es noch so gut, und seitdem, wie viele schöne und regnerische Tage sind schon vorbeigegangen. Jetzt wirst du bald gehen; aber mir das Vergnügen stehlen, dich noch ein paar weitere Tage bei mir zu haben, das darfst du nicht. Nach drei Tagen werde ich zu dir sagen: »Bleib noch drei«, und du wirst dich ebensowenig widersetzen können, als jetzt, da du mir das Frühstück an mein Bett bringst. Du bist ein merkwürdig widerstandsloser und skrupelloser Mensch. Was man von dir verlangt, das tust du. Du willst alles, was man will. Ich glaube, man könnte von dir viel Ungebührliches verlangen, ehe du es einem übel nähmest. Man kann sich eines gewissen verächtlichen Gefühles dir gegenüber nicht enthalten. Ein ganz klein wenig verachte ich dich, Simon! Aber ich weiß, es macht dir nichts wenn man so zu dir spricht. Ich halte dich übrigens für einer Heldentat fähig, wenn es dir darauf ankommt. Sieh, ich denke doch ganz gut von dir. Dir gegenüber erlaubt man sich alles. Dein Betragen erlöst anderer Betragen von jeder Art Unfreiheit. Ich habe dir früher Ohrfeigen gegeben, ich habe dich stets der Mutter zur Bestrafung angezeigt, wenn du Übeltaten verrichtetest, jetzt bitte ich dich, mir einen Kuß zu geben, oder so: laß mich dir lieber einen geben. Auf die Stirn, ganz behutsam! So! Ich bin wie eine Heilige heute am Tag gegen gestern am Abend. Ich habe ein Gefühl für kommende Zeiten und lasse nun alles kommen. Lache nur nicht! Es würde mich übrigens freuen, wenn du lachtest; denn das ist für den frühen, blauen Morgen der passendste Laut. Nun bitte ich dich, aus dem Zimmer zu gehen und mir die Freiheit zu lassen, mich anzukleiden.« --

Simon ließ sie allein.

»Ich bin immer daran gewöhnt gewesen,« sagte Hedwig im Laufe des Tages zu Simon, »dich als etwas mir Unterlegenes zu behandeln. Vielleicht halten es andere Menschen mit dir auch so. Du machst wenig den Eindruck der Klugheit, viel mehr den der Liebe, und du weißt, wie man diese Empfindung ungefähr einschätzt. Ich glaube nicht, daß du je mit deinem Tun und Trachten Erfolg haben wirst unter den Menschen, aber du wirst dir sicher auch nie deswegen einen kummervollen Gedanken machen, was dir, so wie ich dich kenne, wenigstens nicht ähnlich sähe. Nur die dich kennen, werden dich tieferer Empfindung und kühner Gedanken für fähig erachten, die andern nicht. Das ist der Schwerpunkt und die Ursache, weshalb du sehr wahrscheinlich im Leben erfolglos bleibst: Man muß dich immer erst kennen lernen, ehe man dir glaubt, und das nimmt Zeit in Anspruch. Der erste Eindruck, der den Erfolg macht, wird dir immer versagen, aber du wirst deswegen deine Ruhe keineswegs verlieren. Dich werden nicht viele Menschen lieben, aber es wird etliche unter ihnen geben, die sich alles von dir versprechen. Das werden einfache und gute Menschen sein, denen du gefallen wirst; denn deine Blödigkeit kann sehr weit gehen. Du hast etwas Blödes an dir, etwas Unzurechnungsfähiges, etwas, wie soll ich sagen, Unbekümmert-Läppisches. Das wird Viele beleidigen, man wird dich frech nennen, und du wirst viele unfeine, früh mit ihrem Urteil über dich fertige Feinde haben, die dir zu schwitzen geben können; doch wird dir das nie Angst einjagen. Andere werden dir immer unzart und du wirst andern immer unverschämt vorkommen; das wird Reibereien geben, sieh dich vor! In einer größeren Gesellschaft von Menschen, wo es doch darauf ankommt, daß man sich zeigt und beliebt macht durch hervorragendes Sprechen, wirst du immer stumm bleiben, weil es dich nicht reizt, den Mund noch aufzutun, wo schon so viele durcheinanderschwatzen. Man wird dich infolgedessen übersehen: du wirst dann trotzig und benimmst dich unschicklich. Dagegen werden es manche Menschen, die dich kennen gelernt haben, für einen Vorzug halten, mit dir allein ein herzliches Gespräch zu führen; denn du verstehst es, zuzuhorchen, und das ist im Gespräch vielleicht wichtiger, als selbst das Sprechen. Man wird gern einem verschwiegenen Menschen, wie dir, Geheimnisse und Seelenangelegenheiten anvertrauen, und du wirst dich im diskreten Verschweigen und Aussprechen meist als Meister erweisen, unbewußt, meine ich, nicht als ob du dir irgendwelche Mühe dabei gäbest. Du sprichst ein bißchen schwerfällig, hast einen etwas plumpen Mund, der sich zuerst öffnet und offen bleibt, ehe du zu sprechen anfängst, als erwartetest du die Worte von außen aus irgend einer Richtung her, daß sie dir in den Mund hineinflögen. Du wirst den meisten Menschen eine uninteressante Erscheinung sein, fade für die Mädchen, unbedeutend für Frauen, absolut unvertrauensvoll und unenergisch für Männer. Ändere dich doch da ein wenig, wenn es in deiner Macht steht! Gib etwas mehr acht auf dich und sei eitler; denn ganz und gar nicht eitel sein, das wirst du bald selbst für einen Fehler halten müssen. Zum Beispiel, Simon, sieh dir doch einmal wieder deine Hosen an: Unten zerfetzt! Allerdings, und ich weiß schon: es sind nur Hosen, aber Hosen sollen ebensogut in Stand gesetzt sein wie Seelen, denn es zeugt doch von Nachlässigkeit, zerrissene und zerfetzte Hosen zu tragen, und die Nachlässigkeit kommt aus der Seele. Du mußt also auch eine zerfetzte Seele haben. Was ich dir noch sagen wollte: Du glaubst doch nicht etwa, daß ich dies im Scherz gesagt habe? Da lacht er. Hältst du mich nicht für ein bißchen erfahrener als dich? Doch nein! Du bist erfahrener, aber indem ich sage, daß dir noch vieles zu erfahren bevorsteht, beweise ich doch sicher auch wiederum Erfahrung. Oder etwa nicht?« --

Sie dachte eine Weile nach, und fuhr dann fort:

»Wenn du nun, was ja bald geschehen muß, von mir fort bist, so schreibe mir nicht. Ich will es nicht. Du sollst nicht meinen, du müßtest verpflichtet sein, mir von deinem ferneren Treiben eine Nachricht zukommen zu lassen. Vernachlässige mich, wie du es früher auch getan hast. Was sollte uns beiden das Schreiben nützen? Ich werde hier weiter leben und es als einen Genuß empfinden, öfters daran zu denken, daß du drei Monate lang da warst. Die Gegend wird mich emportragen und mir dein Bild zeigen. Ich werde alle die Orte aufsuchen, die wir zusammen schön gefunden haben, und ich werde sie noch schöner finden; denn ein Fehler, ein Verlust macht die Dinge noch schöner. Mir und der ganzen Gegend wird etwas fehlen, aber diese Lücke und selbst dieser Fehler werden meinem Leben noch innigere Empfindungen aufdrücken. Ich bin nicht aufgelegt, einen Mangel als einen Druck zu empfinden. Wie käme ich dazu! Im Gegenteil: etwas Befreiendes, Erleichterndes liegt darin. Und dann: Lücken sind dazu da, um mit etwas Neuem gefüllt zu werden. Am Morgen werde ich, wenn ich im Begriffe bin aufzustehen, glauben, deinen Schritt und deinen Kopf und deine Stimme zu vernehmen, und lächeln über die Täuschung. Weißt du was: ich habe die Täuschungen lieb, und du mußt sie ebenfalls lieb haben, ich weiß es. Merkwürdig, wie viel ich zusammenrede in diesen Tagen. Diese Tage! Ich meine, die Tage müßten jetzt selber fühlen, wie kostbar sie mir sind und müssen, aus Rücksicht auf mich, langsamer, gedehnter, träger und verweilerischer auftreten, auch leiser! Sie tun es auch. Ich spüre ihr Nahen wie einen Kuß und ihr dunkles sich Entfernen wie einen Händedruck, wie ein Winken mit einer lieben, bekannten Hand. Die Nächte! Wie viele Nächte hast du bei mir geschlafen, schön geschlafen; denn du verstehst zu schlafen, da drüben in der Kammer, im Strohbett, das bald nun herrenlos und schlaflos sein wird. Die Nächte, die jetzt noch kommen, werden nur schüchtern herankommen zu mir, wie kleine, schuldbewußte Kinder mit gesenkten Augen zum Vater oder zur Mutter kommen. Die Nächte werden weniger still sein, Simon, wenn du fort bist und ich will dir sagen warum: du warst so still in der Nacht, du vermehrtest mit deinem Schlaf die Stille. Wir waren zwei stille, ruhige Menschen während allen diesen Nächten; nun werde ich allein still sein müssen, etwas gezwungen, und es wird weniger still sein; denn ich werde mich öfters im Dunkel im Bett aufrichten und auf irgend etwas aufhorchen. Dann werde ich fühlen, daß es viel weniger still mehr ist. Vielleicht werde ich dann weinen, gar nicht etwa wegen dir, und ich bitte dich, dir nichts darauf einzubilden. Seh einer doch, da will er sich gleich etwas vormachen. Nein, nein, Simon, wegen dir wird niemand weinen. Wenn du fort bist, bist du fort. Das ist alles. Glaubst du, um dich könnte man weinen? Keine Rede. Das darf dir nie in den Sinn kommen. Man spürt, daß du fort bist, man merkt es sich, aber weiter? Etwa Sehnsucht, oder dergleichen? Nach einem Menschen von deinem Schlag empfindet niemand Sehnsucht. Du weckst keine. Kein Herz wird dir je nachzittern! Dir einen Gedanken weihen? I, was! Ja, nachlässig, so wie man eine Nadel aus der Hand fallen läßt, wird man gelegentlich deiner gedenken. Mehr verdienst du auch nicht, und wenn du hundert Jahre alt würdest. Du hast nicht das mindeste Talent, Andenken zu hinterlassen. Du hinterlässest auch gar nichts. Ich wüßte nicht, was du hinterlassen könntest; denn du besitzest ja gar nichts. Du hast keine Ursache, so frech zu lachen, ich spreche im Ernst. Geh mir aus den Augen! Marsch!« --

* * * * *

Während der folgenden Tage war schlechtes, regnerisches Wetter, auch das war wiederum ein Anlaß zum Dableiben. Simon konnte doch nicht bei diesem Wetter seine Reise antreten. Er hätte gekonnt, ja, aber mußte es denn gerade bei schlechtem Wetter sein? So blieb er noch. Einen oder zwei Tage, mehr nicht, dachte er. Er saß beinahe den ganzen Tag in dem leeren, großen Schulzimmer und las in einem Roman, den er noch fertig zu lesen wünschte, ehe er ging. Manchmal lief er zwischen den Reihen von Bänken auf und ab, immer das Buch in der Hand, dessen Inhalt ihn so sehr fesselte, daß er mit seinen Gedanken nicht davon wegkam. Er kam nicht vorwärts mit seinem Lesen; denn immer blieb er stecken in Gedanken. Ich lese noch so lange, als es noch regnet, dachte er; wenn es schönes Wetter wird, muß ich fortfahren, aber nicht mit Lesen, sondern fortfahren, und zwar wirklich.

Hedwig sagte am letzten Tag zu ihm:

»Nun gehst du wohl, nun ist es wohl abgemacht. Leb wohl. Komm ganz in meine Nähe und gib mir die Hand. Ich werde mich vielleicht in kurzer Zeit einem Mann hinwerfen, der mich nicht verdient. Ich werde das Leben verspielt haben. Ich werde viel Achtung genießen. Man wird sagen: das ist eine tüchtige Frau. Eigentlich habe ich nicht den Wunsch, jemals wieder etwas von dir zu hören. Versuche ein braver Mann zu werden. Mische dich in öffentliche Angelegenheiten, mach von dir reden, es würde mir Vergnügen machen, aus der Leute Mund von dir zu hören. Oder lebe dahin, wie du es kannst und verstehst, bleibe im Dunkel, kämpfe im Dunkel mit den vielen Tagen, die noch kommen werden. Ich mute dir nie Schwächlichkeiten zu. Was soll ich noch sagen, um dir Glück mit auf deine Reise zu wünschen? Bedanke dich doch. Ja, du! Denkst du nicht daran, mir zu danken für das Hiersein, das ich dir gewährt habe? Nein, laß es, denn es stünde dir nicht gut an. Du verstehst nicht, eine Verbeugung zu machen und zu sagen, daß du gar nicht wüßtest, wie du danken solltest. Dein Betragen war deine Dankbarkeit. Ich habe mit dir die Zeit gejagt und getrieben, daß es ihr heiß wurde vor uns. Hast du wirklich nicht mehr Sachen, als da in diesen kleinen Koffer hineingehen? Du bist wirklich arm. Ein Reisekoffer ist das ganze Haus, das du in der Welt bewohnst. Das hat etwas Hinreißendes aber auch etwas Erbärmliches. Geh jetzt. Ich werde dir aus dem Fenster nachschaue. Wenn du oben auf dem Hügelrand bist, wende dich um und blicke noch einmal nach mir. Was sollten wir noch mehr Zärtlichkeiten tauschen? Du Bruder zu mir Schwester? Was hat es zu sagen, wenn eine Schwester ihren Bruder auch nie mehr wiedersieht? Ich entlasse dich ziemlich kalt, weil ich dich kenne und weiß, daß du die Wärme beim Abschied hassest. Zwischen uns bedeutet das nichts. So sage mir denn adieu und geh denn.« --

Elftes Kapitel.