Geschwister Tanner

Part 13

Chapter 133,266 wordsPublic domain

Ich bin hier mit dem Schnee in ein Haus auf dem Lande gekommen, und obschon ich nicht der Herr dieses Hauses bin, noch die Absicht hege, es zu werden, kann ich mich doch als solcher fühlen und bin vielleicht glücklicher als der Besitzer einer Staatswohnung. Nicht einmal das Zimmer, in dem ich wohne, gehört mir, sondern einer sanften, lieben Lehrerin, die mich beherbergt und mir, wenn ich hungrig bin, zu essen gibt. Ich bin gerne ein solcher Kerl, der von anderer Menschen freundlicher Gnade abhängt, weil ich überhaupt gerne von jemandem abhängig bin, um den Jemand lieb zu haben und aufzuhorchen, ob ich seine Güte noch nicht verscherzt habe. Man muß ein eigenes Betragen für diesen Zustand der holdesten aller Unfreiheiten annehmen, ein Benehmen zwischen Frechheit und zarter, leiser, natürlicher Aufmerksamkeit, und ich verstehe das vortrefflich. Man darf vor allen Dingen den Gastgeber nie fühlen lassen, daß man ihm dankbar ist; damit zeigte man eine Schüchternheit und Feigheit, die den Gebenden beleidigen müßte. Im Herzen betet man den Gütigen an, der einen unter das Dach ruft, aber es spräche von wenig Empfindung, wollte man ihm so vorlaut den Dank zeigen, den er gar nicht empfangen will, da er nicht gegeben hat und noch gibt, um irgend etwas Bettelhaftes dafür einzuheimsen. Dank unter gewissen Umständen ist einfach Bettel. Weiter nichts. Und dann noch eines: Auf dem Lande ist der Dank mehr schweigend und still als geschwätzig. Der zum Dank Verpflichtete hat seine Art Betragen, weil er sieht, daß sein Gegenstück ebenfalls so eine Art hat. Feine Geber sind beinahe noch schüchterner als der Nehmer, und sie sind froh, wenn die Nehmer unbefangen hinnehmen, damit sie, die Geber, mit Anstand und ohne viel Federlesens geben können. Meine Lehrerin ist übrigens meine Schwester, aber dieser Umstand hinderte sie nicht daran, mich Tagedieb fortzujagen, wenn sie den Wunsch dazu in sich verspürte. Sie ist tapfer und aufrichtig. Sie hat mich mit einem Gemisch von Liebe und Mißtrauen empfangen, freilich, denn sie mußte denken, daß der Lump von Bruder nur daher gesegelt und gewackelt komme, zu ihr, der seßhaften Schwester, weil er in Gottes Welt nicht mehr wußte, wohin! Das mußte etwas Störendes und Verletzendes für sie haben, der ich, wenn es darauf ankam, monate-, ja jahrelang keinen Brief geschrieben habe. Sie mußte ja denken, daß ich nur komme, um meinen eigenen Leib zu pflegen, für den es wahrhaftig zeitweise nicht schade wäre, wenn er geprügelt würde, und nicht deshalb, um mit Sorgen eine Schwester aufzusuchen. Das hat sich indessen geändert, die Empfindlichkeiten sind gestorben und wir leben jetzt nicht mehr wie Blutsverwandte, sondern wie Kameraden zusammen, die trefflich miteinander auskommen. Ach, auf dem Lande ist es zwei Menschen leicht, gut miteinander auszukommen. Es gibt da eine Art, schneller alle Heimlichkeiten und alles Mißtrauen abzuwerfen und eine Art, sich heller und lustiger zu lieben, als in der gedrängten Stadt voll drängender Menschen und Tagessorgen. Auf dem Lande kennt selbst der Ärmste weniger Sorgen, als der viel weniger Arme in der Stadt; denn dort wird alles am Gerede und Tun der Menschen gemessen, während hier die Sorge ruhig weitersorgt und der Schmerz in Schmerzen seinen natürlichen Untergang findet. In der Stadt geht alles darauf los, reich zu werden, deshalb sind so viele, die sich bitter arm vorkommen, aber auf dem Lande wird, wenigstens zum großen Teil, der Arme nicht durch den immerwährenden Vergleich mit dem Reichtum verletzt. Er kann ruhig mit seiner Armut weiteratmen; denn er hat einen Himmel, zu dem er aufatmen kann. Was ist in der Stadt der Himmel! -- Ich selbst besitze nur noch ein kleines Silberstück an Geld, und das muß für die Wäsche reichen. Auch meine Schwester, die vor mir keinerlei Geheimnisse, als ganz unsagbare, hat, gesteht mir, daß ihr Geld ausgegangen sei. Nun, wir sind ganz ruhig. Wir bekommen saftiges Brot und frische Eier und duftenden Kuchen, soviel wir nur wollen. Die Kinder bringen uns das alles, denen es die Eltern für die Lehrerin mitgeben. Auf dem Lande weiß man noch zu geben, daß es denjenigen ehrt, der nimmt. In der Stadt muß man sich nachgerade vor dem Geben fürchten, weil es den Nehmer zu schänden angefangen hat, ich weiß wahrhaftig nicht aus welchen Gründen, vielleicht, weil man in der Stadt unverschämt wird dem gütigen Geber gegenüber. Man hütet sich da, ein edles Mitempfinden für den Darbenden an den Tag zu legen und gibt nur verstohlen, oder unter unschönen Reklamen. Welch eine heillose Schwäche, sich vor den Armen zu fürchten und seinen Reichtum so selbst zu verzehren, statt ihm den Glanz zu verleihen, den eine Königin bekommt, wenn sie ihre Hand einer schlechten Bettlerin entgegenstreckt. Ich halte es für ein Unglück, in der Stadt arm zu sein, weil man nicht bitten darf, da man fühlt, daß das Geben voll Güte nicht an der Tagesordnung ist. Eines bleibt wenigstens wahr: Lieber nicht geben und gar kein Mitleiden mehr fühlen, als es unwillig tun, mit dem Bewußtsein, sich einer Schwäche hingegeben zu haben. Auf dem Lande ist man nicht schwach, wenn man gibt, sondern man will geben und gibt sich manchmal geradezu eine Ehre, geben zu dürfen. Wer sich vor dem Geben hütet, wird sicherlich einmal, wenn der Fall eintritt, daß er niedergeworfen von Schicksalen aller Art wird, und bitten muß, schlecht bitten und ungraziös und verlegen, also wirklich bettelhaft in Empfang nehmen. Wie abscheulich von den mit Gütern Gesegneten, die Armen ignorieren zu wollen. Besser, man peinige sie, zwinge sie zu Fronen, lasse sie Druck und Schläge fühlen, so entsteht doch ein Zusammenhang, eine Wut, ein Herzklopfen und das ist auch eine Art Verbindung. Aber sich in eleganten Häusern, hinter goldenen Gartengittern verkrochen zu halten und sich zu fürchten, den Hauch warmer Menschen zu spüren, keinen Aufwand mehr treiben zu dürfen, aus Furcht, er könnte von den erbitterten Gedrückten wahrgenommen werden, drücken und doch den Mut nicht besitzen, zu zeigen, daß man ein Unterdrücker ist, seine Unterdrückten noch zu fürchten, sich in seinem Reichtum weder wohl zu fühlen, noch andere wohl sein zu lassen, unschöne Waffen zu gebrauchen, die keinen echten Trotz und Mannesmut voraussetzen, Geld zu haben, nur Geld, und doch damit keine Pracht: Das ist gegenwärtig das Bild der Städte, und es scheint mir ein unschönes, der Verbesserung bedürftiges Bild zu sein. Auf dem Lande ist es noch nicht so. Hier weiß der arme Teufel besser, woran er ist; er darf mit einem gesunden Neid zu den Reichen und Wohlhabenden emporblicken und man gestattet ihm das, denn das vermehrt die Würde desjenigen, der von solchen Blicken betroffen wird. Die Sehnsucht, ein eigenes Heim zu besitzen, ist auf dem Lande eine tiefbegründete und reicht bis zu Gott hinauf. Denn hier, unter dem geöffneten weiten Himmel, ist es eine Wonne, ein schönes geräumiges Haus zu besitzen. Das ist in der Stadt nicht so. Dort kann der Emporkömmling neben dem Grafen aus uraltem Geschlecht wohnen, ja, das Geld kann Wohnungen und heilige alte Gebäude wegreißen, wie es will. Wer möchte in der Stadt Besitzer eines Hauses sein? Das ist dort bloß ein Geschäft, nicht ein Stolz und eine Freude. Die Häuser sind bis oben hinauf von den verschiedenartigsten Menschen bewohnt, die alle aneinander vorübergehen, ohne sich zu kennen, ohne den Wunsch zu äußern, sich kennen lernen zu dürfen. Ist das ein Haus? Und lange, lange Straßen sind dort voll solcher Häuser, denen man, um sie richtig zu bezeichnen, einen merkwürdigen neuen Namen geben müßte. Auf dem Lande geschieht im Grunde genommen auch mehr, als in der Stadt; denn dort liest man die Geschehnisse kalt und gelangweilt aus der Zeitung, während sie hier von Mund zu Mund fieberisch und atemlos erzählt werden. Vielleicht kommt auf dem Lande jedes Jahr einmal etwas vor, aber dann war es ein Miterlebnis für alle. Ein Dorf in allen seinen versteckten Winkeln ist überhaupt fast immer belebter und mit Intelligenz gefüllter, als der Städter meist anzunehmen beliebt. Wie manche alte Frau mit Gesichtszügen, die für eines jeden Menschen Großmutter vielleicht passen würden, sitzt nicht hinter der weißen Gardine eines Fensters und könnte Dinge von innigem Zauber erzählen, und manches Dorfkind ist viel weiter vorgeschritten in der Bildung des Gemütes und Verstandes als man gerne voraussetzen möchte. Schon oft ist es vorgekommen, daß ein solches Dorfkind, wenn es in die Stadtschule versetzt wurde, seine neuen Kameradinnen in Erstaunen ob seines gut entwickelten Geistes gesetzt hat. Aber ich will die Stadt nicht schmähen und das Land nicht über Gebühr preisen. Hier sind die Tage nur so schön, daß man leicht die Stadt vergessen lernt. Sie wecken eine stille Sehnsucht in die Weite, aber man möchte doch nicht weitergehen. Es ist ein Gehen in allem und ein Kommen in allem. Wenn die Tage Abschied nehmen, so geben sie die wundervollen Abende dafür, an denen man spazieren geht, auf Wegen, die der Abend scheint entdeckt zu haben, und die man entdeckt für den Abend. Die Häuser treten weiter hervor, und die Fenster glänzen. Selbst wenn es regnet, bleibt es schön; denn da denkt man, es ist gut, daß es regnet. Seit ich hierher gekommen bin, ist es beinahe Frühling geworden und es wird immer mehr Frühling, die Türen und Fenster dürfen offen gelassen werden, wir fangen an, den Garten umzustechen, die andern haben es alle schon getan. Wir sind die Spätesten, und das schickt sich auch für uns. Ein ganzes Fuder schwarzer, feuchter, teurer Erde hat man bei uns abgeladen, diese Erde muß mit der bereits vorhandenen Gartenerde vermengt werden. Das wird eine Arbeit für mich geben, auf die ich mich, so unwahrscheinlich es klingt, wenn ich es sage, freue. Ich bin kein geborner Faulenzer, nein, ich bin nur ein Tagedieb, weil mich verschiedene Amtstuben und Notare nicht beschäftigen wollen, weil sie keine Ahnung davon haben, was ich ihnen nützen könnte. Ich klopfe alle Sonnabende die Teppiche aus, auch eine Arbeit, und bin befleißigt, das Kochen zu lernen, auch ein Streben. Nach dem Essen trockne ich das Geschirr ab und plaudere mit der Lehrerin; denn es gibt vieles zu sagen und zu erörtern zwischen uns und ich plaudere gern mit einer Schwester. Am Morgen kehre ich die Stube aus und trage Pakete auf die Post, komme heim und sinne darüber nach, was weiter zu tun ist. Gewöhnlich ist nichts zu tun und so gehe ich in den Wald hinunter und sitze dort solange unter den Buchen, bis es Zeit ist, oder bis ich glaube, daß es Zeit ist, wieder nach Hause zu gehen. Wenn ich die Menschen arbeiten sehe, so schäme ich mich unwillkürlich, keine Beschäftigung zu haben, aber ich finde, daß ich nicht mehr tun kann, als das eben empfinden. Der Tag kommt mir vor wie mir zugeworfen von einem gütigen Gott, der gern einem Taugenichts etwas hinwirft. Mehr als arbeiten wollen und eine Arbeit ergreifen, sobald ich eine vor mir sehe, verlange ich nicht von mir, da ich sehe, daß es so ganz gut geht. Das paßt nämlich wundervoll zum Leben auf dem Lande. Man darf hier nicht allzuviel tun, sonst verlöre man den Überblick über das schöne Ganze, verlöre den Anstand des Zuschauenden, der nun einmal auch in der Welt sein muß. Der einzige Schmerz wird mir von meiner Schwester bereitet, der ich die Schuld nicht abzahlen kann und die ich mühsam ihre saure Pflicht erfüllen sehe, während ich träume. Die spätesten Zeiten werden mich strafen für diese Schlenderei, wenn es die früheren nicht tun, aber ich glaube, ich bin meinem Gott angenehm so; Gott liebt die Glücklichen, er haßt die Traurigen. Meine Schwester ist niemals lange traurig; denn ich heitere sie fortwährend auf und gebe ihr zu lachen, indem ich mich vor ihr lächerlich mache, worin ich Talent habe. Aber es ist auch nur meine Schwester, die über mich lacht, in deren Augen ich eine freundliche Komik besitze, den andern gegenüber benehme ich mich mit Würde, wenn auch nicht steif. Man hat die Pflicht, nach außen hin sein Dasein durch ein ernsthaftes Betragen zu rechtfertigen, wenn man nicht als Gauner gelten will. Das Landvolk ist sehr empfindlich für das Benehmen junger Leute, die es gerne gesetzt, zuvorkommend und bescheiden sehen will. Ich schließe ab und hoffe, mit diesem Aufsatz einiges Geld verdient zu haben, wenn nicht, so hat es mich doch lebhaft interessiert, ihn zu schreiben, und einige Stunden sind mir über dem Schreiben dahingeflossen. Einige Stunden? Jawohl! Denn auf dem Lande schreibt man langsam, man wird öfters unterbrochen, die Finger sind ungelenkiger geworden und die Gedanken wollen auch in ländlicher Weise denken. Lebt wohl Städter!

Neuntes Kapitel.

Simon trug den Brief zur Post. Am nächsten Sonntag erschien Klaus, der ältere Bruder, zu Besuch. Es war ein regnerischer Tag, es fror einen, zu sehen, wie die kalten Regentropfen die schon erwachten Blüten peitschten. Klaus machte ein ziemlich erstauntes Gesicht, als er bei seiner Schwester den Simon eingerichtet sah, den er irgendwo im Ausland vermutet hatte, doch blieb er so freundlich, als er nur vermochte; denn er mochte den Sonntag nicht verderben. Sie blieben alle drei ziemlich still, standen sich oft gegenüber, ohne zu sprechen, und schienen nach Worten zu suchen. Mit Klaus kam eine gewisse nachdenkliche Befremdung in die Wohnung Hedwigs hinein. Man drehte und fand allerlei, das allerdings nicht am Platze war. Der Gegenstand war natürlich Simons Hiersein. Klaus wollte heute keine Vorwürfe machen, obgleich es ihn wahrlich lebhaft genug dazu antrieb, aber er vermied die entzweiende Bemerkung. Er sah seinen Bruder fragend und bedeutsam an, als wolle er sagen: »Ich bin erstaunt über dein Betragen. Sollte man glauben, daß du ein erwachsener Mensch bist. Ist es ehrenhaft für dich, die Lage deiner Schwester dazu zu benutzen, um den Müßiggänger zu spielen? Wahrlich, keine Ehre, das! Ich würde es dir auch offen heraussagen, aber ich schone Hedwig, die ich dadurch verletzte. Ich will nicht den Sonntag verderben!« Simon verstand ihn schon. Er wußte ganz genau, was dieser Blick, diese steife, unnatürliche Wärme beim Wiedersehen, dieses Schweigen und Verlegensein bedeuteten. Er war nur froh, daß Klaus schwieg; denn er hätte antworten müssen, was ihm längst zuwider war, als Rechtfertigung vorzubringen. Freilich, freilich! Verdammenswert war seine Lage für einen jungen Mann, wie er war, und sein Betragen gewiß nicht zu entschuldigen. Aber schön war es auch, hier zu sein, schön, schön. Plötzlich von Weichheit ergriffen, sagte er zu Klaus: »Ich weiß wohl, was und wie du denkst über mich, aber ich schwöre dir, daß es bald aufhört. Ich glaube, du kennst mich ein wenig. Glaubst du mir?« Klaus reichte ihm die Hand und der Sonntag war gerettet. Es wurde bald zu Mittag gegessen, und Hedwig merkte wohl, heimlich lächelnd, die veränderte Lage zwischen den Brüdern. »Er ist doch gut, Klaus! Klaus ist gut,« dachte sie und sie trug das wohlschmeckende Essen mit größerem Vergnügen auf. Es gab eine herrliche Suppe, auf deren feine Zubereitung sich Hedwig trefflich verstand, dann Schweinefleisch mit Sauerkohl und zuletzt einen mit Speck gespickten Braten. Simon plauderte unbefangen über Welt und Menschen, zog seinen Bruder in Gespräche von der verschiedensten Art und lobte mit komischer Begeisterung wieder das herrliche Essen, was Hedwig jedes Mal, wenn er es tat, so zum Lachen brachte, daß sie ganz fröhlich wurde und alles vergaß, was etwa noch hätte eine Sorge genannt werden können. Am Nachmittag, trotz des trüben Wetters, wurde ein kleinerer Spaziergang gemacht. Das Feld, durch das man langsam ging, war naß, so daß man bald wieder zurückkehrte. Alle waren wieder still am Abend. Simon versuchte eine Zeitung zu lesen, Klaus sprach wie absichtlich von den nebensächlichsten Dingen, worauf Hedwig zerstreut antwortete. Vor dem Abschiednehmen sagte Klaus zu dem Mädchen, das er in die Küche rief, ein paar Worte, auf die der Drinnenstehende nicht horchen mochte. Was mochte es denn sein. Mochte es sein, was es wollte. Dann ging Klaus. Als die beiden, nachdem sie ein Stück Weges den zu Gast Dagewesenen auf den Heimweg begleitet hatten, wieder allein zu Hause saßen, war ihnen unwillkürlich wieder froher ums Herz, wie Schülern, die den gestrengen Inspektor wieder fort wissen. Sie atmeten freier und fühlten sich wieder als die Alten. Hedwig sprach, und eine Besorgnis um dessen, was sie jetzt sprechen wollte, machte ihre Stimme inniger und höher klingen: »Klaus ist doch immer derselbe. Man hat immer eine kleine Angst auszustehen, wenn er da ist. Seine Gegenwart macht einen unwillkürlich zur schuldbewußten Schülerin, die eine Strafrede erwartet, weil sie leichtsinnig gewesen ist. Man ist immer leichtsinnig gewesen in seinen Augen, wenn man noch so ernsthaft meint gehandelt zu haben. Seine Augen sehen ganz anders, sehen die Welt so seltsam besorgniserregend an, als müßte man sich beständig vor irgend etwas fürchten. Er schafft sich selber und andern immer Sorgen. Aus seinem Munde kommt solch ein Ton heraus, der aus tausend rücksichtsvollen Bedenken zusammengesetzt ist, so wenig vertrauensvoll ist er zur Welt und zu den Fäden, die einen an die Welt spannen, ganz von selber. Er sieht aus, als ob er schulmeistern möchte, und sieht doch wieder so genau ein, daß er schulmeistert, ohne es zu wissen: er möchte nicht schulmeistern und tut's doch, wider seinen Willen, aus seiner Natur heraus, wofür man ihn nicht schuldig machen darf. Er ist so über alle Bedenken gut und zart, aber er bedenkt immer, ob es wohl angebracht sei, gut und milde zu sein. Die Strenge steht ihm absolut nicht, und doch glaubt er, mit der Strenge etwas erreichen zu sollen, was er glaubt, mit Güte verfehlt zu haben. Er meint: Güte sei unvorsichtig, und ist doch so gütig. Er verbietet sich, harmlos und gütig zu sein, was er doch am liebsten sein möchte, weil er immer fürchtet, dadurch etwas zu verderben, dadurch in den Augen der Welt als leichtsinnig dazustehen. Er sieht nur Augen, die ihn betrachten, und nicht Augen, die ruhig in seine sehen möchten. Man kann nicht ruhig in seine Augen blicken, weil man fühlt, daß ihn das beunruhigt. Er denkt immer, man denke etwas über ihn, und er möchte heraus haben, was man denkt. Wenn er nicht irgend einen Fehler an einem bemerkt, den er tadeln kann, scheint ihm nicht wohl zu sein. Und er ist doch so gut! Er ist nicht glücklich. Wenn er das wäre, würde er anders reden, im Nu, ich weiß es. Er neidet anderer Glück nicht gerade, aber es reizt ihn doch beständig, das Glück und die Unbefangenheit anderer zu bekritteln, was ihm doch sicher nur weh tut. Er mag nicht von Glück reden hören, ich begreife, warum nicht. Das liegt auf der Hand, und jedes Kind kann es verstehen: Selbst nicht froh, haßt man die Fröhlichkeit anderer. Wie muß ihn das oft schmerzen, ihn, der edel genug ist, um zu fühlen, daß er damit ein Unrecht begeht. Er ist durchaus edel, aber, wie soll ich sagen, ein bißchen verdorben in seinem Innern, ein ganz klein wenig, durch das Zurückgesetztsein und durch das Bemühen, sich nichts aus diesem Zurückgesetztsein zu machen. Ach, freilich ist er zurückgesetzt vom Schicksal, für dessen Launen und Kälten er viel zu wertvoll ist. So möchte ich es sagen; denn er tut mir weh! Zum Beispiel du, Simon! Ach Gott. Für dich empfindet man ganz anders, du ewig lustiger Bruder! Weißt du, über dich denkt man immer: Er sollte Prügel bekommen, so recht scharfe Prügel, das verdiente er! Man erstaunt über dich und begreift nicht, daß du noch nicht in einen Abgrund gefahren bist. Mitleid für dich empfinden, käme einem nie in den Sinn. Man hält dich allgemein für einen sorglosen, frechen, glücklichen Burschen. Ist das wahr?« --

Simon lachte laut auf, und damit war ein Ton angeschlagen, der eine Stunde lang anhielt. Da klopfte es draußen an der Türe. Die beiden erhoben sich, Simon ging, um zu sehen, wer draußen sei. Es war die Nachbarslehrerin. Sie kam verweint dahergelaufen. Ihr Mann, ein roher, rücksichtsloser Mensch, hatte die Frau wieder einmal geprügelt. Man suchte sie zu trösten, und es gelang.

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