Part 12
Es war Vorfrühling. Man durfte schon mit weniger Zagheit die Fenster offen stehen lassen und brauchte den Ofen nur noch leichter zu heizen. Die Kinder brachten Hedwig ganze Sträuße von Schneeglöckchen mit in die Schule, so daß man in Verlegenheit geriet, wohin sie alle setzen, da nicht genug kleine Gefäße vorhanden waren. Die Ahnung des Frühlings duftete beklemmend in der Dorfluft. In der Sonne gingen schon Menschen spazieren. Simon war den einfachen Leuten bekannt geworden, ganz spurlos, so ganz nebenher, man fragte nicht viel, wer er sei, es hieß, es sei einer der Brüder der Lehrerin, das genügte, um ihm hier Achtung zu verschaffen. Er wird einige Zeit zu Besuch bleiben, dachte man. Simon ging ziemlich abgerissen umher, aber mit einer gewissen leichten, kleidsamen Eleganz, die die Ärmlichkeit der Stoffe, die er trug, hübsch verdeckte. Seine zerrissenen Schuhe machten nicht viel Aufsehen. Simon fand es reizend, auf dem Lande in defekten Schuhen zu gehen; denn darin spürte er eine der hervorragenden Annehmlichkeiten des ländlichen Lebens. Wenn er Geld bekäme, würde er leise daran denken, das Schuhwerk aufbessern zu lassen, nur ganz gemach und leise! Vielleicht würde er vierzehn Tage lang hinzaudern damit; denn was kommt es auf dem Lande auf vierzehn Tage an! In der Stadt mußte man alles schnell tun, aber hier hatte man die schöne Verpflichtung, alles von einem Tag auf den anderen zu verschieben, ja, es verschob sich ganz von selber; denn die Tage kamen so still und ehe man es denken konnte, war der Abend schon wieder da, dem eine innige Nacht folgte, ein wahrer Schlaf von einer Nacht, den der Tag leise wieder aufweckte, sorgsam und zärtlich. Simon liebte auch die meist schmutzigen Dorfwege, die kleinen, die über Geröll führten, und die großen, in denen man im Kot versank, wenn man nicht aufpaßte. Aber das war es ja eben! Man hatte Gelegenheit, aufzupassen, man konnte den Städter herauszeigen, der daran gewöhnt war, mit Sorgfalt und etwas posiertem Schrecken vor dem Schmutz eine Straße zu passieren. Die älteren Dorfweiber konnten denken, das sei ein reinlicher und achtsamer junger Mann und die Mädchen konnten lachen über die weiten Sprünge, mit denen Simon über Gräben und Pfützen hinübersetzte. Der Himmel war vielmals dunkel umwölkt, mit Wolken besetzt, die dick aufgeblasen waren, und köstliche Stürme wehten oft und schüttelten den Wald und rasten über das Moos, wo die Leute arbeiteten, die Erde stachen und die Pferde geduldig daneben standen. Oft auch lächelte der Himmel, daß alle Menschen, die es sahen, augenblicklich mitlächeln mußten. Hedwigs Gesicht nahm einen frohlockenden Ausdruck an, der Lehrer, der im oberen Stock wohnte, steckte seine Brille neugierig zum Fenster hinaus und genoß auf seine Weise das Entzücken eines freundlichen Himmels. Simon hatte sich in einem kleinen Laden eine billige Pfeife und dazu Tabak gekauft. Es erschien ihm schön und angemessen, auf dem Lande nur Pfeife zu rauchen, denn eine Pfeife konnte man stopfen, und dieses Stopfen war eine Bewegung, die zum offenen Feld, zum Wald paßte, wo er beinahe den ganzen hellen Tag verbrachte. Am warmen Mittag lag er im hellgelben Gras unter dem herrlichen sanften Himmel, am Flußufer hingestreckt und durfte nicht nur, sondern mußte sogar träumen. Aber er träumte von nichts Weitem, Entfernterem und Schönerem, sondern er sann und träumte glücklich in seine Umgebung hinein; denn er wußte von nichts Schönerem. Hedwig, die Nahe, war der Gegenstand seiner Träume. Er hatte die ganze übrige Welt vergessen und der Pfeifentabak, den er rauchte, führte ihn nur wieder ins Dorf, zu dem Schulhause, zu Hedwig. Er dachte von ihr: »Sie fährt mit einem in einem Nachen, der sie entführt hat. Der See ist klein wie ein Parkteich. Sie sieht immer in die großen, schwarzen, düsteren Augen des Mannes, der unbeweglich im Nachen sitzt, und denkt: »Wie doch seine Augen ins Wasser blicken. Mich sieht er nicht an. Aber das ganze, weite Wasser blickt mich mit seinen Augen an!« Der Mann hat einen struppigen Bart, wie die Räuber Bärte zu tragen pflegen. Dieser Mann kann galant sein, wie keiner. Er kann die Galanterie bis zum Verlust seines Lebens treiben, ohne mit einer Wimper zu zucken und gewiß ohne die Hand aufs Herz zu legen und sich mit seiner Tat zu brüsten. Dieser Mann würde sich nie brüsten. Er hat eine warme, wundervolle Männerstimme, aber er gebraucht sie nie, um eine Artigkeit zu sagen. Nie kommt eine Schmeichelei über seine stolzen Lippen und seine Stimme verdirbt er mit Absicht, daß sie rauh und herzlos töne. Aber das Mädchen weiß, daß er ein grenzenlos gutes Herz hat, und wagt es dennoch nicht, an sein Herz mit einer Bitte anzuschlagen. Eine Saite tönt über das Wasser mit langen Tonwellen. Hedwig meint sterben zu sollen in dieser tönenden Luft. Der Himmel über dem Wasser ist so, wie dieser leichte, wasserfarbene Himmel ist, der jetzt über mir schwebt. Ein schwebender, hängender See da oben, das paßt gut. Die Parkbäume im Bilde entsprechen den hohen, schwankenden Bäumen in dieser Gegend. Sie haben etwas Parkartiges, Herrschaftliches. Im Bilde jedoch ist alles gedrängter und zusammengesetzter, und ich schweife jetzt wieder darein hinüber, ohne den stillen Zusammenhang mit mir und dieser Gegend weiter zu würdigen. Der Mann erfaßt nun das Ruder und gibt damit dem Nachen einen rücksichtslosen Stoß. Hedwig fühlt, daß er seiner eigenen Wärme und Liebe in solcher Weise entgegenhandeln könnte. Wenn er Liebe und Zärtlichkeit in sich spürt, ist er beleidigt und er straft sich unbarmherzig, daß er sich erlaubt hat, ein weiches Gefühl in der Brust gehegt zu haben. So unnatürlich stolz ist er. Kein Mann, sondern eine Mischung von Knabe und Riese. Einen Mann verletzt es nicht, sich von Empfindungen überwältigt zu finden, aber einen Knaben, der mehr sein will als ein aufrichtig fühlender Mann, der ein Riese sein will, der nur stark sein will und nicht auch zuweilen schwach. Ein Knabe besitzt Tugenden der Ritterlichkeit, die der vernünftig und reif denkende Mann immer zur Seite wirft als unnütze Beigaben zum Feste der Liebe. Ein Knabe ist weniger feige als ein Mann, weil er weniger reif ist, denn die Reife macht leicht niederträchtig und selbstisch. Man muß nur die harten, bösen Lippen eines Knaben betrachten: der ausgesprochene Trotz und das bildliche Versteifen auf ein einmal sich selber im stillen gegebenes Wort. Ein Knabe hält Wort, ein Mann findet es passender, es zu brechen. Der Knabe findet Schönheit an der Härte des Worthaltens (Mittelalter) und der Mann findet Schönheit darin, ein gegebenes Versprechen in ein neues aufzulösen, das er männlich verspricht zu halten. Er ist der Versprecher, jener ist der Vollstrecker des Wortes. Locken um die jugendliche Stirne und einen Todestrotz auf den geschwungenen Lippen. Augen wie Dolche. Hedwig zittert. Die Parkbäume sind so weich, sie verschwimmen in der hellblauen Luft. Dort unter den Bäumen sitzt der Mann, den sie verachtet. Den, der bei ihr ist und der lieblos ist, muß sie lieben, trotzdem er nichts verspricht. Er hat noch den Mund zu keinem Versprechen aufgetan, hat sich erlaubt, sie zu entführen, ohne ihr zum Ersatz auch nur eine Zärtlichkeit ins Ohr hineinzuflüstern. Flüstern, das ist des andern Sache, der da versteht es nicht. Und wenn er es auch verstünde, so würde er es doch nie tun, oder zu einer Gelegenheit tun, wo andere nicht mehr daran denken, noch etwas zu äußern. Aber sie gibt sich ihm, ohne zu wissen, warum. Sie hat nichts davon, darf sich keine Hoffnungen machen, wie Weiber sie sich gerne machen, sie darf nur auf schonungslose Behandlung gefaßt sein, auf die wilden Launen, womit ein Herrscher mit seinem Besitztum umzugehen pflegt. Aber sie fühlt sich beglückt, wenn er mit einer Stimme zu ihr spricht, barsch und achtlos, als ob sie schon die Seinige wäre. Sie ist es ja, und das weiß dieser Mann. Er achtet nicht mehr, was schon sein ist. Ihre Haare sind ihr aufgegangen, es sind wundervolle Haare, die an ihren schmalen, rötlichen Wangen wie flüssige Stoffe niederstürzen. »Binde sie,« befiehlt er, und sie bemüht sich, seinem Befehl zu gehorchen. Sie gehorcht mit Entzücken, und er sieht es natürlich, auch wenn er die Augen schlösse; denn dann würde er einen Seufzer von ihr hören wie ihn nur Glückliche ausstoßen können, und solche, die dabei hastig eine Arbeit verrichten, die ihren Händen vielleicht beschwerlich fällt, aber ihren Herzen schmeichelt. Sie steigen aus dem Nachen hinaus und treten ans Land. Das Land ist weich und senkt sich leicht unter den Tritten, wie ein Teppich, oder wie mehrere aufeinandergelegte Teppiche. Das Gras ist das gelbliche, dürre vom Vorjahre, wie es hier, wo ich meine Pfeife rauche, zu sehen ist. Da erscheint plötzlich ein Mädchen, ein ganz kleines, blasses, düster blickendes Mädchen auf der Szene. Es scheint eine Prinzessin zu sein; denn ihre Kleider sind prachtvoll und in die Breite gebauscht in einem schweren Bogen, aus dem die Brust wie eine kleine, prangende Knospe herausspringt. Die Kleider sind dunkelrot, sie haben das getrocknete Rot des Blutes. Ihr Gesicht ist von einer durchsichtigen Blässe, es hat die Farbe des Winterabendhimmels in den Gebirgen. »Du kennst mich!« Mit diesen Worten wendet sie sich an den betroffenen Mann, der starr dasteht. »Du wagst es, mich noch anzublicken? Geh, töte dich. Ich befehle es dir!« So spricht sie zu ihm. Der Mann macht Miene zu gehorchen. Was für eine Miene? Ja, eine solche Miene, die man macht, wenn etwas Unabänderliches getan werden soll. Man pflegt dabei eine Grimasse zu schneiden. Das Gesicht zuckt und man muß es zerbeißen und einkneten mit der ganzen Willenskraft. Es will auseinanderreißen. Ein Stück Nase will abfallen. Ähnliches geschieht jedenfalls bei solchen Gelegenheiten. Aber weiter mag ich mit dem tollen Mann nicht Miene machen, mich zu töten; denn es müßte mit einem langen Messer geschehen, und ich glaube, ich habe nur eine Tabakspfeife und kein Messer. Mein Traum hat mir im Anfang gefallen, aber jetzt, merke ich, will er ausarten und das paßt nicht zu Hedwig; denn Hedwig ist sanft und wenn sie leidet, leidet sie auf schönere und stillere Weise. Meinen Mann da im struppigen Bart würde sie schön auslachen, wenn er ihr so frech käme. Die Landschaft, die ich da gemalt habe, war indessen sehr nett, aber auch nur deshalb, weil ich sie in den großen Zügen dieser natürlichen Gegend hier herum entnommen habe. Man darf beim Träumen nie den Boden des Natürlichen aufgeben, auch bei Menschen nicht, denn sonst gelangt man sehr leicht zu dem Punkt, wo man eine der Figuren sprechen läßt: »Geh, töte dich.« Und dann muß einer Miene machen, und das Machen einer Miene ist lächerlich und ist geeignet, den schönsten Traum zu verderben!« --
Simon ging nach Hause. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Tag gegen Abend zu einer bestimmten Zeit nach Hause zu schlendern, den Blick meist zu der braunen, schwärzlichen Erde gesenkt, um zu Hause den Tee zu kochen, und hatte im Teekochen eine Handfertigkeit bekommen, die stets das richtige Maß traf, denn es kam darauf an, nicht zu wenig und nicht zu viel von der feinen, wohlriechenden Pflanze für einmal zu gebrauchen, das Geschirr stets ziemlich sauber zu halten und es in appetitlicher und anmutiger Art auf den Tisch zu stellen, das Wasser auf der Weingeistflamme nicht zerkochen zu lassen und es mit dem Tee in vorgeschriebener Weise zu vermischen. Für Hedwig war das eine kleine Erleichterung, da sie jetzt nur schnell aus der Schulstube hinaus zum Tee zu eilen brauchte, um wieder zur Arbeit zu gehen. Am Morgen, nach dem Aufstehen, brachte Simon sein Bett in Ordnung, ging dann in die Küche und bereitete den Kakao, und zwar zu Hedwigs Vergnügen sehr schmackhaft; denn er lauerte auch bei dieser Arbeit auf den richtigen Kniff, der immer einer Verrichtung, und wäre sie noch so geringfügig, die nötige Vollendung gibt. Auch übernahm er es, und zwar ganz wie von selbst, ohne jede Vorstudien oder Anstrengungen, den Ofen zu feuern und das Feuer zu unterhalten, Hedwigs Zimmer zu reinigen, wobei ihm die Gewandtheit, mit der er einen langen Besen zu handhaben wußte, sehr zustatten kam. Die Fenster öffnete er, um frische Luft in die Stube hineinzulassen, aber er schloß sie, wenn es ihm Zeit schien, auch gehörig wieder zu, damit er eine warme und zugleich angenehm duftende Stube bekäme. Überall im Zimmer, in kleinen Töpfen, blühten die Blumen weiter, die der Natur draußen entrissen wurden, und verbreiteten Duft in die Enge der vier Wände. Die Fenster hatten einfache aber zierliche Gardinen die zu der Helligkeit und Freundlichkeit im Zimmer vieles beitrugen. Am Boden lagen warme Teppiche, die Hedwig aus zusammengerafften Stoffresten von armen Zuchthäuslern hatte verfertigen lassen, die dergleichen Arbeiten vortrefflich ausführten. Ein Bett stand in einer Ecke und in der andern ein Piano, dazwischen ein altes Sofa mit geblümtem Tuchüberzug, ein genügend großer Tisch davor, Stühle daneben; und dann befand sich im Zimmer noch ein Waschtisch, ein kleiner Schreibtisch mit Schreibunterlage und Büchergestell, das vollbesetzt mit Büchern war, eine kleine umgestürzte Kiste am Boden, mit weichem Tuch überzogen zum Sitzen und Lesen, da manchmal beim Lesen das Bedürfnis entstand, nahe am Boden zu sein und sich orientalisch vorzukommen, weiter ein Nähtischchen mit Nähkörbchen, in denen sich all das wunderliche Zeug befand, das einem Mädchen mit häuslichen Sitten unentbehrlich ist, ein runder merkwürdiger Stein mit Poststempel und Marke versehen, ein Vogel, ein Haufen Briefe und Ansichtskarten und an der Wand ein Horn zum Blasen, ein Becher zum Trinken, ein Stock mit einem großen Hacken, ein Rucksack mit Feldflasche und eine Schwanzfeder von einem Falken. An den Wänden hingen außerdem noch Bilder, die Kaspar gemalt hatte, darunter eine Abendlandschaft mit Wald, ein Dach, von einem Fenster aus gesehen, eine neblige, graue Stadt (besonders schön für Hedwig), eine Flußpartie in üppigen Abendfarben, ein Feld im Sommer, ein Ritter Don Quichote und ein Haus, das so an einen Hügel gedrückt war, daß man wohl mit einem Dichter sprechen konnte: »Da hinten liegt ein Haus.« Auf dem Piano, dessen Deckel mit einem Seidentuch überdeckt war, befand sich eine Büste von Beethoven in grünlichem Bronceton, einige Photographieen und ein kleines, feines Schmuckkästchen ohne Inhalt, eine Erinnerung an die Mutter. Ein Vorhang, der wie ein Bühnenvorhang aussah, trennte beide Zimmer voneinander und beide Schlafenden. Am Abend sah das Zimmer der Lehrerin besonders traulich aus, wenn die Lampe angezündet wurde und die Läden zugedrückt wurden; und am Morgen weckte die Sonne dort eine Schläferin, die nicht gern aus dem Bett herauswollte und doch am Ende mußte.
Die Notare ließen Simon im Stich, keiner ließ etwas von sich hören. Infolgedessen sah er sich gedrängt, auf andere Weise etwas Geld zu verdienen, womit er hoffte, seiner Schwester den guten Willen zu zeigen, auch etwas zum Haushalte mitzusteuern. Er nahm ein Blatt Papier zur Hand und schrieb darauf:
=Landleben.=