Geschwister Tanner

Part 11

Chapter 112,270 wordsPublic domain

Am nächsten Morgen trat Simon in einem kurzen, dunkelblauen Mantel, mit einem zierlichen, unbehülflichen Stöckchen in der Hand, aus dem Hause heraus. Ein dicker, schwerer Nebel empfing ihn und es war noch vollständige Nacht. Nach einer Stunde aber erhellte es sich, als er auf einer Anhöhe stand und auf die große Stadt zu seinen Füßen zurückblickte. Es war kalt, aber die Sonne, die eben jetzt feurig und hellrot über den verschneiten Büschen und Feldern emporstieg, versprach einen wundervollen Tag. Er blieb in den Anblick des immer höher fliegenden roten Balles gebannt und sagte sich, daß die Sonne im Winter noch drei Mal so schön sei, wie eine Sonne mitten im Sommer. Der Schnee brannte bald in dieser eigentümlich hellroten, warmen Farbe, und dieser wärmende Anblick und die wirkliche Kälte dazwischen wirkten belebend und anspornend auf den Wanderer, der sich auch nicht allzu lange mehr aufhalten ließ, sondern tüchtig weiterschritt. Der Weg war derselbe, den Simon damals in der Herbstnacht gegangen war, er hätte ihn jetzt beinahe schlafend gefunden. So lief er den ganzen Tag. Im Mittag spendete die Sonne schöne Wärme auf die Gegend herab, der Schnee wollte schon wieder zerrinnen, und das Grün blickte an einigen Stellen naß hervor. Die rieselnden Quellen verstärkten den Eindruck der Wärme, aber gegen Abend, als der Himmel in dunkelblauer Farbe prangte und der rote Schein der Sonne sich über dem Bergrücken verlor, wurde es auch gleich wieder grimmig kalt. Simon stieg wieder den Berg hinauf, den er schon einmal, aber in wilderer Hast, in der Nacht erklommen hatte; der Schnee knirschte unter seinen Schritten. Die Tannen waren so voll mit Schnee beladen, daß sie ihre starken Äste herrlich zur Erde niederhängen ließen. Ungefähr in der Mitte des Aufstieges sah Simon plötzlich einen jungen Mann mitten im Wege im Schnee daliegen. Es war noch so viel letzte Helle im Wald, daß er den schlafenden Mann ins Auge fassen konnte. Was veranlaßte diesen Menschen, sich hier in der bitteren Kälte und an einer so einsamen Stelle im Tannenwald niederzulegen? Des Mannes breiter Hut lag quer über dessen Gesicht, wie es oft im heißen, schattenlosen Sommer vorkommt, daß ein Liegender und Ausruhender sich auf diese Weise gegen die Sonnenstrahlen schützt, um einschlafen zu können. Das hatte etwas Unheimliches an sich, dieses Gesichtverdecken mitten im Winter, zu einer Zeit, wo es wahrhaftig keine Lust konnte genannt werden, es sich hier im Schnee bequem zu machen. Der Mann lag unbeweglich und schon fing es an, immer dunkler im Walde zu werden. Simon studierte des Mannes Beine, Schuhe, Kleider. Die Kleider waren hellgelb, es war ein Sommeranzug, ein ganz dünner und fadenscheiniger. Simon zog den Hut von des Mannes Gesicht, es war erstarrt und sah schrecklich aus, und jetzt erkannte er auf einmal das Gesicht, es war Sebastians Gesicht, kein Zweifel, das waren Sebastians Züge, das war sein Mund, sein Bart, seine etwas breite, gedrückte Nase, seine Augenbildungen, seine Stirn und seine Haare. Und er war hier erfroren, ohne Zweifel, und er mußte schon etliche Zeit liegen, hier am Wege. Der Schnee zeigte hier keine Fußspuren, es war also denkbar, daß er schon lange liege. Gesicht und Hände waren längst erstarrt, und die Kleider klebten an dem erfrorenen Leib. Sebastian mochte hier, durch große, nicht mehr zu ertragende Müdigkeit, hingesunken sein. Allzukräftig war er nie gewesen. Er ging immer in gebückter Haltung, als ertrüge er die aufrechte nicht, als täte es ihm weh, seinen Rücken und seinen Kopf stramm zu halten. Wenn man ihn ansah, empfand man, daß er dem Leben und seinen kalten Anforderungen nicht gewachsen war. Simon schnitt Tannenäste von einer Tanne und bedeckte den Körper damit, doch zog er vorher noch ein kleines dünnes Heft aus der Rocktasche des Toten, das dort hervorgeschaut hatte. Es schien Gedichte zu enthalten, Simon unterschied die Schriftzeichen nicht mehr. Es war mittlerweile völlige Nacht geworden. Die Sterne funkelten durch die Lücken der Tannen und der Mond schaute in einem schmalen, zierlichen Reifen der Szene zu. »Ich habe keine Zeit,« sagte Simon still vor sich, »ich muß mich beeilen, daß ich die nächste Stadt noch erreiche, ich würde sonst keine Bangigkeit verspüren, noch etwas längere Zeit bei diesem armen Kerl von Toten zu verweilen, der ein Dichter und Schwärmer war. Wie nobel er sich sein Grab ausgesucht hat. Mitten unter herrlichen, grünen, mit Schnee bedeckten Tannen liegt er. Ich will niemanden davon Anzeige erstatten. Die Natur sieht herab auf ihren Toten, die Sterne singen leise ihm zu Häupten, und die Nachtvögel schnarren, das ist die beste Musik für einen, der kein Gehör und kein Gefühl mehr hat. Deine Gedichte, lieber Sebastian, will ich in die Redaktion tragen, wo man sie vielleicht lesen und dem Abdruck übergeben wird, damit von dir wenigstens dein armer, funkelnder, schönklingender Name der Welt erhalten bleibt. Eine prachtvolle Ruhe, dieses Liegen und Erstarren unter den Tannenästen, im Schnee. Das ist das beste, was du tun konntest. Die Menschen sind immer geneigt, derartigen Käuzen, wie =du= einer warst, weh zu tun und ihre Schmerzen zu verlachen. Grüße die lieben, stillen Toten unter der Erde und brenne nicht zu sehr in den ewigen Flammen des Nichtmehrseins. Du bist anderswo. Du bist sicher an einem herrlichen Ort, du bist jetzt ein reicher Kerl, und es verlohnt sich, die Gedichte eines reichen, vornehmen Kerls herauszugeben. Lebe wohl. Wenn ich Blumen hätte, ich schüttete sie über dich aus. Für einen Dichter hat man nie Blumen genug. Du hattest zu wenig. Du erwartetest welche, aber du hörtest sie nicht über deinem Nacken schwirren, und sie fielen nicht auf dich nieder, wie du geträumt hast. Siehst du, ich träume auch viel, und viele, viele Menschen, denen man es nicht zutrauen würde, träumen, aber du glaubtest, ein Recht zu haben auf das Träumen, während wir anderen nur träumen, wenn wir uns recht elend vorkommen, aber froh sind, es einstellen zu können. Du verachtetest deine Mitmenschen, Sebastian! Aber, Lieber, das darf sich nur ein Starker erlauben, und du warst schwach! Doch ich will nicht dein heiliges Grab gefunden haben, um es zu beschmähen. Was weiß ich, was du gelitten hast. Dein Tod unter den offenen Sternen ist schön, ich werde das lange nicht vergessen können. Ich will Hedwig dein Grab unter diesen edlen Tannen schildern, und ich werde sie damit weinen machen. Die Menschen werden wenigstens noch deine Gedichte lesen, wenn sie mit dir doch einmal nichts anzufangen wußten.« -- Simon schritt von dem Toten weg, warf einen letzten Blick auf das Häufchen Tannenäste, unter denen jetzt der Dichter schlief, wandte sich mit einer schnellen Drehung seines schmiegsamen Körpers von dem Bilde ab und lief, was er konnte, im Schnee weiter, den Berg hinauf. Er mußte also zum zweiten Mal den Berg bei Nacht ersteigen, aber dieses Mal schauerten Leben und Tod heiß durch seinen ganzen Körper. Er hätte jubeln mögen in dieser eisigen, sternengeschmückten Nacht. Das Feuer des Lebens trug ihn vom sanften, blassen Bild des Todes stürmisch hinweg. Er spürte keine Beine mehr, nur noch Adern und Sehnen, und diese gehorchten biegsam seinem vorwärtseilenden Willen. Droben auf der freien Bergmatte genoß er den erhabenen Anblick der herrlichen Nacht erst ganz, und er lachte laut auf, wie ein Knabe, der noch nie einen Toten gesehen hat. Was war denn ein Toter? Ei, eine Mahnung ans Leben. Weiter gar nichts. Eine köstliche zurückrufende Erinnerung und zugleich ein Treiben in die ungewisse, schöne Zukunft. Simon spürte, daß seine Zukunft noch recht weit und offen vor ihm liegen mußte, wenn er so ruhig mit Toten umgehen konnte. Es machte ihm eine tiefe Freude, diesen armen, unglücklichen Menschen noch einmal gesehen zu haben und so geheimnisvoll angetroffen zu haben, so schweigend, so beredt, so dunkel und ruhig und so vornehm fertig. Jetzt gab es gottlob über diesen Dichter nichts mehr zu lächeln und zu naserümpfen, bloß noch zu fühlen. -- Simon schlief herrlich in einem Gasthausbett, nämlich in demselben Gasthaus, dessen Tanzsaal sein Bruder bemalt hatte. Den andern Tag benutzte er zu frischem Laufen auf beschwerlichen Straßen voll Schnee. Er sah immer einen blauen Himmel über sich, Häuser zu beiden Seiten der Straßen, schöne große Häuser die auf eine wohlhabende und stolze Landbevölkerung schließen ließen, Hügel mit schwarzen, zerzausten Bäumen besetzt, in die der blaue Himmel hineinkroch, und Menschen, die an ihm vorübergingen und solche, die mit ihm die gleiche Richtung liefen, die er aber überholte; denn er lief, während die andern gemächlich gingen. Als es Nacht wurde, ging er durch ein stilles, enges, sonderbares Tal, ganz von Wäldern umschlossen und voll Windungen und seltsamer Ausblicke in erhöhte Dörfer, wo die Nachtlichter brannten und die Menschen spärlich umherliefen. Da ihn nun doch eine ernstliche Müdigkeit zu plagen anfing, kehrte er im nächsten Gasthaus wieder ein. Die Wirtsstube war mit Menschen angefüllt, und die Wirtin sah eher wie eine vornehme Frau aus feinem Haus aus als wie eine Wirtin, die Gäste bediente. Er verlangte schüchtern, was er begehrte, worauf ihn die schöne Frau mit seltsamen Blicken maß. Er aber war so müde, so zerschlagen, daß er nur froh war, als er bald darauf in sein Zimmer geführt wurde, wo er sich mit Wonne in ein eiskaltes Bett legte, um sogleich einzuschlafen. Der dritte Tag brachte ihn in eine schöne, mächtige Stadt, wo er nur ein Geschäft hatte: einen Redakteur ausfindig zu machen, um Sebastians Gedichte abzugeben. Vor dem ihm bezeichneten Hause angekommen, fiel ihm ein, daß es nicht klug wäre, selber hineinzugehen und Gedichte eines Totaufgefundenen abzugeben. Er schrieb daher auf den Umschlag des blauen Heftes den Titel: »Gedichte eines im Tannenwald erfroren aufgefundenen jungen Mannes zur Veröffentlichung, wenn es möglich ist«, und warf das Heft in den großen, plumpen Briefkasten, in den es hinunterprallte. Dieses getan machte sich Simon neuerdings auf den Weg. Das Wetter war milder geworden, Schnee wirbelte in großen, nassen Flocken auf die Straßen, zu denen hinaus es ihn drängte. Die unbekannten Menschen dieser Stadt sahen ihn so sonderbar groß an, daß er beinahe glauben mußte, sie kennten ihn, den völlig Fremden. Bald kam er zur eigentlichen Stadt hinaus in die vornehme Villenvorstadt, und zu dieser auch wieder hinaus, in einen Wald, auf ein Feld, auf ein anderes, wieder in einen kleineren Wald, dann in ein Dorf, in ein zweites und drittes, bis es Nacht wurde.

Achtes Kapitel.

In dem kleinen Dorfe schneite es am Morgen. Die Schulkinder kamen alle mit nassen, verschneiten Schuhen, Hosen, Röcken und Köpfen und Kappen in die Schule. Sie brachten Schneeduft in die Schulstube und allerhand Geröll von den schmutzigen, aufgeweichten Wegen. Die Schar der Kleinen war infolge des Schneefalles zerstreut und angenehm aufgeregt, zu Aufmerksamsein wenig geneigt, worüber die Lehrerin ein wenig unmutig wurde. Sie wollte eben mit Religion beginnen, als sie einen dunklen, schlanken, beweglichen, gehenden Fleck vor dem Fenster gewahrte, einen Fleck, den kein Bauer hätte machen können, denn er war zu zierlich und beweglich. Es flog nur so an der Fensterreihe vorüber, und auf einmal sahen die Kinder ihre Lehrerin, alles vergessend, zur Stube hinauseilen. Hedwig trat nur zur Schulstubentür hinaus, um ihrem Bruder, der dicht davor stand, in die Arme zu fliegen. Sie weinte und küßte Simon und führte ihn in eines von den zwei Zimmern, die ihr zur Verfügung standen. »Du kommst unerwartet, aber es ist gut, daß du kommst,« sagte sie, »lege deine Sachen hier ab. Ich muß noch Schule halten, aber ich will die Kinder heute eine Stunde früher nach Hause schicken. Das wird nichts ausmachen. Sie sind heute doch sonst so unaufmerksam, daß ich einen Grund habe, böse zu sein und sie früher abzufertigen.« -- Sie ordnete sich ihr Haar, das bei der heftigen Begrüßung ziemlich aus den Fugen geraten war, sagte Auf Wiedersehen zu ihrem Bruder und ging wieder zurück an ihr Geschäft.

* * * * *

Simon fing an, sich auf dem Lande einzurichten. Seine Koffer kamen mit der Post nach, worauf er alle seine Sachen auspackte. Vieles besaß er nicht mehr, ein paar alte Bücher, die er nicht hatte veräußern oder weggeben mögen, Wäsche, einen schwarzen Anzug und einen Knäuel von Kleinigkeiten wie Bindfaden, Seidenreste, Krawatten, Schuhbändel, Kerzenstümpchen, Knöpfe und Fadenteile. Man lieh sich bei der Nachbarsschullehrerin eine alte eiserne Bettlade, dazu eine Strohmatratze, das genügte, um auf dem Lande schlafen zu können. Diese Bettstelle wurde auf einem breiten Schlitten in der Nacht vom nächsten Dorf herbeigeführt. Hedwig und Simon setzten sich auf das sonderbare Fahrzeug; der Sohn der befreundeten Lehrerin, ein strammer Bursche, der eben den Militärdienst verlassen hatte, leitete den Schlitten bergab in die Einsenkung, in der sich das Schulhaus befand. Man lachte viel. Das Bett wurde im zweiten Zimmer aufgeschlagen und mit dem nötigen Bettzeug versehen und so für einen Menschen hergerichtet, der keine zu überspannten Ansprüche an ein Bett machte, was auch Simon keineswegs tat. Hedwig dachte im Anfang eine Weile: »Da kommt er nun zu mir, weil er sonst nirgendswo anders zu leben hat in der weiten Welt. Dafür bin ich ihm gut. Wenn er wüßte, wo schlafen und essen, er würde sich sicher seiner Schwester nicht erinnert haben.« Aber sie verscheuchte diesen Gedanken bald, der nur in einem Anflug von Trotz entstand, der ausgedacht wurde, weil er so kam, nicht, weil man ihn gerne dachte. Simon seinerseits schämte sich ein wenig, die Güte seiner Schwester in solcher Weise zu beanspruchen, aber auch nicht sehr lange; denn die Gewohnheit schluckte diese Empfindung bald auf, er gewöhnte sich daran, ganz einfach! Geld hatte er wirklich keines mehr, aber er ließ sofort, in den ersten Tagen schon, ein Schreiben an alle umliegenden Notare ergehen, mit der Bitte, ihm, einem gewandten Schönschreiber, Arbeiten zuzuweisen. Und was brauchte man auf dem Lande Geld! Viel jedenfalls nicht. Nach und nach sank jede empfindliche Scheidewand zwischen den beiden Bewohnern des Schulhauses, sie lebten, als wenn sie immer miteinander gelebt hätten, und teilten Entbehrung sowie Lustbarkeiten fröhlich miteinander.