Part 10
»Ich will mich an die Kindheit zurückerinnern, da dies, in meinem jetzigen Falle, eine spannende und belehrende Aufgabe ist. Ich war ein Knabe, der sich gern an warme Öfen mit dem Rücken lehnte. Ich kam mir dabei wichtig und traurig vor und machte ein zufriedenes und zugleich wehmütiges Gesicht. Auch zog ich, wenn ich nur immer konnte, weiche Filzschuhe für die Stube an, das heißt, das Wechseln der Schuhe, das Tauschen der nassen mit den warmen, machte mir die größte Freude. Eine warme Stube hatte etwas Zauberhaftes für mich. Ich war nie krank und beneidete immer die, die krank sein konnten, die man pflegte, für die man etwas feinere Worte hatte, wenn man zu ihnen sprach. Deshalb dachte ich mich öfters krank und war gerührt, wenn ich in meiner Einbildung vernahm, wie meine Eltern zärtlich zu mir redeten. Ich hatte ein Bedürfnis darnach, zärtlich behandelt zu werden, und es geschah nie. Vor meiner Mutter fürchtete ich mich, weil sie so selten zärtlich sprach. Ich hatte das Renommee eines Spitzbuben, und ich glaube, nicht mit Unrecht, aber es war doch manchmal verletzend für mich, immer daran erinnert zu werden. Ich hätte gern verzärtelt werden mögen; als ich aber einsah, daß es unmöglich war, daß man mir diese Aufmerksamkeit schenke, wurde ich ein Flegel und verlegte mich darauf, diejenigen zu ärgern, welche den Vorzug genossen, brave, geliebte Kinder zu sein. Das war meine Schwester Hedwig und mein Bruder Klaus. Nichts machte mir größeres Vergnügen, als Ohrfeigen von ihnen zu bekommen; denn daran sah ich, daß ich das Geschick dazu hatte, sie zornig auf mich zu machen. Von der Schule habe ich keine große Erinnerung mehr, aber ich weiß, daß sie mir eine Art Entgeltung wurde für die kleine Zurücksetzung, die ich im elterlichen Hause erfuhr: ich konnte mich auszeichnen. Es war mir eine Genugtuung, gute Zeugnisse nach Hause zu tragen. Ich fürchtete die Schule und verhielt mich infolgedessen dort brav; ich blieb in der Schule überhaupt immer zurückhaltend und zaghaft. Die Schwächen der Lehrer blieben mir indessen nicht lange verhüllt, doch kamen sie mir mehr schrecklich als lächerlich vor. Einer der Lehrer, ein plumper, ungeheurer Mensch, hatte ein wahres Säufergesicht; trotzdem fiel es mir nie ein, daß er ein Säufer hätte sein können, dagegen von einem andern ging ein rätselhaftes Gerücht in der Schulwelt umher, daß er am Trunk untergegangen wäre. Dieses Mannes Leidensgesicht vergesse ich nie. Die Juden hielt ich für vornehmere Menschen als die Christen; denn es gab etliche entzückend schöne Judenfrauen, vor denen ich, wenn ich ihnen auf der Gasse begegnete, erbebte. Öfters mußte ich, im Auftrage meines Vaters, in eines der eleganten Judenhäuser gehen, und es roch immer wie nach Milch in diesem Hause, und die Dame, die mir dort die Tür aufzuschließen pflegte, hatte weiße, weite Kleider an und brachte einen warmen, gewürzigen Duft mit sich heraus, vor dem ich anfangs einen Abscheu hatte, den ich aber nachher lieben lernte. Ich glaube, ich trug nicht gerade hübsche Kleider als Knabe, jedenfalls sah ich mit boshafter Bewunderung einige andere Knaben an, die hohe schöne Schuhe trugen, glatte Strümpfe und gutsitzende Anzüge. Ein Knabe besonders machte mir tiefen Eindruck wegen seiner Zartheit an Gesicht und Händen, wegen der Weichheit seiner Bewegungen und der Stimme aus seinem Munde. Er glich völlig einem Mädchen, war immer in weiche Stoffe gekleidet und genoß bei den Lehrern eine Achtung, die mich stutzig machte. Ich sehnte mich krankhaft danach, von ihm eines Wortes gewürdigt zu werden und war glücklich, als er mich eines Tages vor dem Schaufenster einer Papierhandlung unvermittelt ansprach. Er schmeichelte mir, weil ich so schön schrieb, und sprach das Verlangen danach aus, eine ebenso schöne Schrift wie ich zu besitzen. Wie freute mich das, diesem jungen Gott von Knaben in einem Stück wenigstens überlegen zu sein, und ich wehrte seine Schmeicheleien errötend und selig von mir ab. Dieses Lächeln! Ich erinnere mich noch, wie er lächelte. Seine Mutter war lange Zeit mein Traum. Ich überschätzte sie zu Ungunsten meiner eigenen Mutter. Welches Unrecht! Diesen Knaben griffen einige Spottvögel in unserer Klasse an, indem sie die Köpfe zusammensteckten und sagten, er sei ein Mädchen und zwar ein wirkliches, nur verkleidet in den Kleidern eines Knaben. Natürlich war es nur Unsinn, aber mich traf das wie ein Donnerschlag und ich glaubte lange Zeit, in diesem Knaben ein verkleidetes Mädchen verehren zu sollen. Seine überweiche Figur gab mir allen Anlaß zu überspannten romantischen Empfindungen. Natürlich war ich zu schüchtern und stolz, ihm meine Vorliebe für ihn zu erklären, und so hielt er mich für einen seiner Feinde. Wie vornehm wußte er sich abzusondern. Wie merkwürdig, jetzt das zu denken! -- Im Religionsunterricht entzückte ich einmal meinen Lehrer, weil ich für eine bestimmte Empfindung ein bestimmtes treffendes Wort fand; auch das ist mir unvergeßlich geblieben. In verschiedenen Fächern war ich überhaupt sehr gut, aber es war immer beschämend für mich, als Muster dazustehen, und ich bemühte mich oft förmlich, schlechte Resultate zu erzielen. Mein Instinkt sagte mir, daß mich die Überflügelten hassen könnten, und ich war gerne beliebt. Ich fürchtete mich davor, von den Kameraden gehaßt zu werden, weil ich das für ein Unglück hielt. Es war in unserer Klasse Mode geworden, die Streber zu verachten, deshalb kam es öfters vor, daß sich intelligente und kluge Schüler aus Vorsicht einfach dumm stellten. Dieses Verhalten, wenn es bekannt wurde, galt als musterhaftes Betragen unter uns, und in der Tat, es hatte wohl einen Anstrich von Heroismus, wenn auch in mißverstandenem Sinne. Von Lehrern ausgezeichnet zu werden, war also mit der Gefahr der Mißachtung verbunden. Welch eine seltsame Welt: die Schule. In einer der frühesten Schulklassen hatte ich einen Schulkameraden, einen kleinen Knirps mit Flecken im spitzigen Gesicht, dessen Vater ein herumsaufender Korbflechter war, den alle Leute kannten. Da mußte nun der kleine Kerl immer vor der ganzen höhnenden Klasse das Wort Schnaps aussprechen, was er nicht konnte, da er immer Snaps statt Schnaps sagte, infolge eines armseligen Zungenfehlers. Wie gab uns das zu lachen. Und wenn ich jetzt daran denke: wie roh war doch das. Ein anderer, ein gewisser Bill, ein drolliger kleiner Bursche, kam immer zu spät in die Schulstunde, weil seine Eltern ein Haus in einer einsamen, wilden, weit von der Stadt entfernten Berggegend bewohnten. Dieser Spätling mußte jedes Mal für sein Zuspätkommen die Hand ausstrecken, um einen bissigen, scharf schmerzenden Schlag mit dem Meerrohr darauf zu empfangen. Der Schmerz preßte dem Kleinen jedes Mal Tränen zu den Augen heraus. Welche Spannung rief in uns diese Abstrafung hervor. Ich hebe übrigens hervor, daß ich hier nicht irgend jemand, vielleicht den betreffenden Lehrer, wie man leicht glauben könnte, anklagen will, sondern einfach mitteile, was ich noch weiß aus jenen Zeiten. -- Auf dem Berge, im Wald, oberhalb der Stadt, pflegte sich, damals mehr als heutzutage, wie ich annehme, allerhand arbeitsloses, wildes, verkommenes Volk anzusammeln, um aus Schnapsflaschen im Dickicht zu trinken, Karten zu spielen, oder um mit den Weibern zu buhlen, denen das Elend und der Jammer zum Gesicht herausglotzten, und die aus den Fetzen von Kleidern, die sie trugen, erkenntlich waren. Man nannte diese Menschen Vaganten. Eines Sonntag Abends gingen wir, Hedwig, Kaspar und ich mit einem Mädchen, das wir Anna nannten, und das unserem Hause treu war, auf einem schmalen Weg über diesen Berg und sahen, als wir in eine Waldlichtung voll Felsstücken hinaustraten, wie ein Mann eben eines dieser Felsstücke mit seiner Faust ergriff und es einem andern Mann, seinem Gegner, ins Gesicht schleuderte, daß es einen Krach gab und das Blut des Getroffenen, der alsobald zu Boden stürzte, herausspritzte. Der Streit, dessen Ende, da wir sogleich flohen, wir nicht sahen, schien aus Anlaß eines Weibes entstanden zu sein, wenigstens ist mir eine düstere, große Weibsfigur noch immer deutlich vor Augen, die damals gelassen dagestanden ist und dem Streit mit böser Haltung zusah. Ich trug ein tiefes Weh und einen Schauder nach Hause, der mich am Essen verhinderte und noch lange Zeit jene Waldstelle meiden ließ. Es lag etwas Furchtbares, Uranfängliches in diesem Männerkampf. --
Kaspar und ich hatten einen gemeinschaftlichen Freund, Sohn eines Großrates und angesehenen Kaufmanns, den wir wegen seiner Bereitwilligkeit und Unterwürfigkeit gegen unsere Pläne sehr liebten. Zu diesem gingen wir oft in das elterliche, großrätliche Haus, wo uns eine zierliche Dame, seine Mutter, jedes Mal freundlich willkommen hieß. Wir spielten mit unseres Freundes Baukasten und Bleisoldaten stundenlang und unterhielten uns vortrefflich. Kaspar zeichnete sich im Bauen von Festungen und Palästen und im Entwerfen von Schlachtenplänen aus. Unser Freund hing sehr an uns; an Kaspar, wie es mir schien, noch mehr als an mir; und er besuchte auch uns öfters in unserem Hause, wo es freilich nicht ganz so fein war. Hedwig hatte ihn sehr lieb. Seine Mutter war von der unsrigen ganz verschieden, die Zimmer waren glänzender als bei uns, der Ton war ein anderer, ich meine: der Ton der Umgangssprache; aber bei uns war es in allem lebhafter. Damals lebte in unserer Stadt eine reiche Dame für sich allein in einem herrlichen Garten, natürlich in einem Haus, aber das Haus sah man nicht vor lauter Efeu und Bäumen und Springbrunnen, die es verdeckten. Diese Dame hatte drei Töchter, schöne, blasse Mädchen, von denen es hieß, daß sie alle zwei Wochen ein neues Kleid anzögen. Die Kleider behielten sie nicht im Schrank, sondern ließen sie durch besondere Botenläufer unter den Leuten der Stadt verkaufen. Hedwig besaß einmal ein Seidenkleid und ein paar Schuhe von einem dieser Mädchen, und diese schon getragenen Sachen flößten mir, als ich sie betrachtete und anrührte, einen geheimen Abscheu ein, vermischt mit dem höchsten Interesse und einer Teilnahme, wegen der ich oft ausgelacht wurde. Die Dame saß immer in ihrem Hause oder höchstens einmal im Theater, wo sie erschreckend weiß aussah in ihrer dunkelroten Loge. Das mittlere von den drei Mädchen war wohl das schönste. Ich sah sie in meiner Phantasie immer zu Pferde; sie hatte so ein Gesicht, das dazu geschaffen war, vom Rücken eines tanzenden Pferdes auf eine gaffende Volksmenge herabzublicken und alle die Augen niederschlagen zu machen. Alle drei Mädchen sind jetzt wohl längst verheiratet. -- Einmal hatten wir eine Feuersbrunst, und zwar nicht in der Stadt selber, sondern in einem Nachbardorfe. Der ganze Himmel in der Runde war gerötet von den Flammen, es war eine eisige Winternacht. Die Menschen liefen auf dem gefrorenen, knirschenden Schnee, auch ich und Kaspar; denn unsere Mutter schickte uns weg, um zu erfahren, wo es brenne. Wir kamen zu den Flammen, aber es langweilte uns, so lang in das brennende Gebälk zu schauen, auch froren wir, und so liefen wir bald wieder nach Hause, wo uns Mutter mit all der Strenge einer Geängstigten empfing. Meine Mutter war damals schon krank. Kaspar trat ein wenig später aus der Schule aus, in der er keinen Erfolg mehr hatte. Ich hatte noch ein Jahr vor mir, aber eine gewisse Melancholie ergriff mich und hieß mich auf die Dinge der Schule mit Bitterkeit herabsehen. Ich sah das nahe Ende kommen und den nahen Anfang von etwas Neuem. Was es sein sollte, darüber konnte ich mir nur allerhand unkluge Gedanken machen. Ich sah meinen Bruder öfters, mit Paketen beladen, in seinem Geschäftsleben, und dachte darüber nach, warum er so niedergeschlagen dabei aussah und sein Gesicht zur Erde niederhing. Es mußte nicht schön sein, dieses Neue, wenn man dabei die Augen nicht aufschlagen durfte. Aber Kaspar hatte damals sich auf seinen Beruf zu besinnen angefangen, er schien immer zu träumen und war von einer sonderbaren Gelassenheit, was dem Vater nichts weniger als gefiel. Wir bewohnten jetzt ein geringeres Vorstadthaus, dessen Anblick ein erkältender war. Die Wohnung war Mutter nicht recht. Sie hatte überhaupt eine eigentümliche Krankheit, sich von ihrer jeweiligen Umgebung verletzt zu fühlen. Sie mochte von vornehmen kleinen Häusern in Gärten schwärmen. Was kann ich wissen. Sie war eine sehr unglückliche Frau. Wenn wir zum Beispiel alle beim Essen saßen, ziemlich schweigsam, wie wir es gewohnt waren, erfaßte sie plötzlich eine Gabel oder ein Messer und warf es von sich weg, über den Tisch hinaus, so daß alle mit den Köpfen zur Seite bogen; wenn man sie dann beruhigen wollte, kränkte es sie, und wenn man ihr Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte einen schweren Stand mit der Kranken. Wir Kinder erinnerten uns mit Wehmut und Schmerz der Zeiten, wo sie eine Frau war, der alles mit einem Gemisch von Hochachtung und Zärtlichkeit begegnete, wo, wenn sie die helle Stimme ansetzte und einen rief, man sich beglückt fühlte zu ihr hinzueilen. Alle Damen der Stadt erwiesen ihr Artigkeiten, die sie mit Grazie und Bescheidenheit abzulehnen wußte; diese entschwundene Zeit erschien mir schon damals wie ein zaubervolles Märchen voll entzückender Düfte und Bilder. Ich lernte also schon früh, mich schönen Erinnerungen mit Leidenschaft hinzugeben. Ich sah wieder das hohe Haus, wo die Eltern ein reizendes Galanteriewarengeschäft hatten, wo viele Menschen zu uns hineinkamen, um zu kaufen, wo wir Kinder eine helle, große Kinderstube besaßen, in welche die Sonne mit einer Art Vorliebe hineinzuscheinen schien. Dicht neben unserem hohen Hause kauerte ein kleines, schräges, zerdrücktes, uraltes Haus mit einem spitzigen Giebeldach, darin wohnte eine Witwe. Sie hatte einen Hutladen, einen Sohn und eine Verwandte und, ich glaube, noch einen Hund, wenn ich mich recht erinnere. Wenn man zu ihr in den Laden trat, begrüßte sie einen so freundlich, daß man das bloße dieser Dame Gegenüberstehen als einen Wohlgenuß empfand. Sie preßte einem dann verschiedene Hüte auf den Kopf, führte einen vor den Spiegel und lächelte dazu. Ihre Hüte rochen alle so wunderbar, daß man wie gebannt dastehen mußte. Sie war eine gute Freundin meiner Mutter. Dicht daneben, das heißt, dicht neben dem Hutladen glitzerte und lockte eine schneeweiße Konditorei, eine Zuckerbäckerei. Die Zuckerbäckersfrau schien uns ein Engel zu sein, nicht eine Frau. Sie hatte das zarteste, ovalste Gesicht, das man sich denken kann; die Güte und die Reinheit schienen diesem Gesicht die Formen gegeben zu haben. Ein Lächeln, das einen zum frommen Kinde machte, wenn es einen traf, bezauberte und versüßte noch ihre süßen Züge. Die ganze Frau schien wie geschaffen dazu, Süßigkeiten zu verkaufen, Sachen und Sächelchen, die man nur mit Nadelspitzenfingern anrühren durfte, wenn man ihnen den köstlichen Geschmack nicht rauben wollte. Das war auch eine Freundin meiner Mutter. Sie hatte viele Freundinnen.« --
Simon hörte auf zu schreiben. Er ging zu einer Photographie seiner Mutter, die an der schmutzigen Wand seines Zimmers hing, und preßte, indem er sich auf die Fußspitzen erhob, einen Kuß darauf. Dann zerriß er das Geschriebene, weder mit Unmut noch mit vielem Besinnen, einfach deshalb, weil es keinen Wert mehr für ihn besaß. Dann ging er zu Rosa, in die Vorstadt hinaus und sagte zu ihr: »Ich werde nun vielleicht bald eine Anstellung in einer kleinen Landstadt bekommen, was für mich jetzt das Schönste wäre, was es geben könnte. Eine kleine Stadt ist doch etwas Entzückendes. Man hat da sein altes, behagliches Zimmer, das man für merkwürdig wenig Geld bekommt. Vom Geschäft ins Zimmer zu gelangen, wäre mit ein paar Schritten leicht abgetan. Alle Leute grüßen einen in der Gasse und denken sich, wer der junge Herr wohl sein könne. Diejenigen Weiber, die Töchter haben, geben einem schon im Geiste eine ihrer Töchter zur Frau. Das wird die jüngste Tochter sein mit den Ringellocken und den herabhängenden, schweren Ohrringen an den kleinen Ohren. Im Geschäft würde man sich langsam unentbehrlich machen, und der Chef wäre glücklich, eine solche Erwerbung wie mich gemacht zu haben. Abends nach Hause gekommen, säße man im geheizten Zimmer, und die Bilder an den Wänden würden angesehen, von denen eines vielleicht die schöne Kaiserin Eugenie darstellen dürfte und ein anderes eine Revolution. Die Tochter des Hauses käme vielleicht herein und brächte mir Blumen, warum nicht? Ist dies alles in einer Kleinstadt nicht möglich, wo die Menschen einander so zärtlich begegnen? Eines Tages aber, in der warmen, hellen Mittagspause, würde dasselbe Mädchen schüchtern an meiner Tür anklopfen, einer Tür, nebenbei gesagt, die aus der Rokokozeit herstammte, würde sie aufmachen und zu mir in das Zimmer treten und zu mir, unter einer unendlich feinen Seitenbeugung des schönen Kopfes, sagen: »Wie sind Sie immer so still, Simon. Sie sind so bescheiden und machen gar keine Ansprüche. Sie sagen nicht: mir fehlt dieses oder jenes. Sie lassen alles so gehen. Ich fürchte, Sie sind unzufrieden.« Ich würde lachen und sie beruhigen. Dann plötzlich, wie von seltsamen Gefühlen ergriffen, könnte es ihr einfallen zu sagen: »Wie still und schön die Blumen sind, da auf dem Tische. Sie sehen aus, als ob sie Augen hätten und es ist mir, als ob sie lächelten.« Ich würde überrascht sein, so etwas aus dem Munde einer Kleinstädterin zu hören. Dann würde ich es plötzlich natürlich finden, in langsamen Schritten zu der Dastehenden und Zaudernden hinzugehen, meinen Arm um ihre Figur zu legen und das Mädchen zu küssen. Sie würde es geschehen lassen, aber nicht so, daß man versucht wäre, auf unschöne Gedanken zu verfallen. Sie würde die Augen tief niederschlagen und ich hörte das Pochen ihres Herzens, das Wogen ihren schönen, runden Brust. Ich würde sie bitten, mir ihre Augen zu zeigen, und daraufhin würde sie sie aufmachen und ich würde in den Himmel ihrer geöffneten, fragenden Augen hineinschauen. Das würde ein langes Bitten und Schauen sein. Erst wäre es ein flehender Blick von ihr, dann würde es mich reizen, sie ebenso anzusehen, dann würde ich natürlich lachen müssen und sie würde mir trotzdem vertrauen. Wie wunderbar könnte das sein, und das kann sein in einer kleinen Stadt, wo die Menschen mit Blicken so viel sagen. Ich würde sie wieder küssen auf ihren seltsam gebogenen und geschweiften Mund und ihr schmeicheln, so, daß sie meinen Schmeicheleien glauben müßte und es also dann wieder keine bloßen Schmeicheleien wären, und ihr sagen, daß ich sie als mein Weib betrachtete, worauf sie, wieder den Kopf so wundervoll zur Seite biegend, ja sagen würde. Denn was könnte sie mir entgegnen, wenn ich ihr den Mund zudrückte, wie einem Kind, wenn ich sie nun mit Küssen bedeckte, die Herrliche, die ein Lächeln des Übermutes und des Siegesgefühles nicht zu unterdrücken vermöchte? Freilich, Siegerin wäre sie und ich ihr Besiegter, das würde sich ja bald zeigen, denn ich würde ihr Mann werden und ihr damit mein ganzes Leben, meine Freiheit und alle Gelüste, die Welt zu sehen, opfern und schenken. Nun würde ich sie immer betrachten und sie immer schöner finden. Bis zu unserer Vermählung würde ich wie ein Schelm hinter ihren Reizen, die sie hinter sich fallen ließe, her sein. Ich würde ihr zusehen, wenn sie auf den Zimmerboden hinkniete, abends, um im Ofen Feuer anzufachen. Ich würde viel lachen, wie ein Blödsinniger, nur um nicht immer allzu feine Worte des Zärtlichseins zu gebrauchen, und vielleicht würde ich sie öfters auch roh behandeln, um die Züge des Schmerzes aus ihrem Gesicht abzufangen. Nach solcher Handlungsweise käme es mir nicht darauf an, heimlich, wenn sie es nicht sähe, vor ihrem Bette hinzuknieen und die Abwesende mit heißem Herzen anzubeten. Ich würde mich vielleicht sogar dazu versteigen, ihren Schuh, der doch mit Wichse bedeckt wäre, an meinen Mund zu pressen; denn der Gegenstand, in den sie ihre kleinen weißen Füße steckte, würde für das Gefühl der Anbetung vollkommen genügen, zum Beten braucht es ja nicht viel. Ich stiege öfters auf die nahen, hohen Felsenberge hinauf, sorglos mich hinaufziehend an kleinen Baumstämmchen, über Abgründe hinauf, und würde mich oben über einen Felssturz auf die gelbliche Weide hinlegen und mich darauf besinnen, wo ich denn eigentlich wäre, und mich fragen, ob mir ein solches Leben in der Enge mit einer allerdings geliebten, aber doch alles heischenden Frau wohl genügen würde. Ich schüttelte auf solche Fragen nur mit dem Kopf und träumte mit herrlich gesunden Sinnen in die Ebene hinab, wo die kleine Stadt ausgebreitet läge. Vielleicht würde ich eine halbe Stunde lang weinen, warum nicht, um meine Sehnsucht zu versöhnen und würde wieder ruhig und glücklich daliegen, bis die Sonne untersänke, dann hinuntergehen und meinem Mädchen die Hand reichen. Es wäre alles beschlossen und hinter mir zugeriegelt, aber ich wäre von Herzen froh über die feste, gebietende Abgeschlossenheit. Alsdann würde ich Hochzeit feiern und so meinem Leben ein neues Leben geben. Das alte würde wie eine schöne Sonne untergehen, und nicht einmal einen Blick würde ich ihm nachwerfen, weil ich das für gefährlich und schwach hielte. Die Zeit verginge, und nun würden wir uns, um für unsere Zärtlichkeit eine Abbildung zu haben, nicht mehr über Blumen beugen, sondern über Kinder und uns entzücken über ihr Lächeln und Fragenstellen. Die Liebe zu unseren Kindern und die tausend Sorgen, die sie heischen würden, machte unsere eigene Liebe sanfter und nur größer, aber stiller. Mich zu fragen, ob mir meine Frau noch gefalle, würde mir niemals einfallen, und mir einzureden, daß ich ein kleines, dürftiges Leben führte, käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahren, was an Erfahrung das Leben gibt und würde gern auf den Gedanken verzichten, der mir allerhand elegante Abenteuer vorhielte und vorspiegelte, die ich versäumt hätte. »Was ist noch ein Versäumnis zu nennen?« würde ich mich ruhig und überlegen fragen. Ich wäre ein fester Mensch geworden, das wäre alles und bliebe alles bis zu meiner Frau Tode, der es vielleicht bestimmt wäre, früher als ich zu sterben. Doch weiter mag ich nicht denken; denn das liegt doch zu fernab im Dunkel der schönen Zukunft. Was sagen Sie dazu? Ich träume jetzt immer so viel, aber Sie müssen wenigstens zugeben, daß ich mit einer gewissen Aufrichtigkeit und mit dem Verlangen träume, ein besserer Mensch zu werden, als ich jetzt bin.«
Rosa lächelte. Sie schwieg eine Weile, indem sie Simon aufmerksam betrachtete und fragte dann:
»Was macht Ihr Herr Bruder, der Maler?«
»Er will nächstens nach Paris gehen.«
Rosa erblaßte, schloß die Augen und atmete schwer. Simon dachte: Also auch sie liebt ihn.
»Sie lieben ihn,« sagte er leise.
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