Part 3
Das flache, braungeteerte Fahrzeug, das hauptsächlich zur Verschiffung des wichtigsten Landesproduktes, des Backtorfs, nach der Freien Reichs- und Hansestadt Bremen diente, lag dreißig Schritt vom Hause in einem kleinen Hafen, den ein auf Eichenpfählen ruhendes Strohdach, das Schiffsschauer, gegen Regen und Sonnenbrand schützte. Es hatte vorn eine Art Verdeck, Koje genannt, die dem Schiffer zum Übernachten dienen kann, und weiterhin eine feste, zur Aufnahme des Segelbaums durchbohrte Bank. Meist lag jener jedoch, mit dem torffarbigen Segeltuch umwickelt, samt dem Steuer unten im Schiff, und dieses wurde mit dem langen, schwertförmigen, eisenbewehrten Schieberuder gestakt oder vom Leinpfad aus geschoben.
Gerd lud Segel und Steuer, die von Jans letzter Bremerfahrt her noch im Schiff lagen, aus und stieg mit der Schwester hinein. Während sie unter einem ausgedienten Regenschirm, dem der Griff fehlte und zwei Rippen durch den altersgrünen Bezug starrten, auf der Segelbank Platz nahm, handhabte er mit Kraft und Sicherheit das Schieberuder, und das Schiff glitt mit ziemlicher Schnelligkeit im Graben hinauf, der die Grenze zwischen den Stellen 40 und 39 bildete und sich schnurgerade zum Hochmoor hinzog.
Den schwarzen Wasserlauf zwischen den weißen Ufern, der die jetzt vor dem Winde lustig tanzenden Schneeflocken unbarmherzig verschluckte, begleiteten anfangs die beschneiten Felder der benachbarten Stellen, um nach einer Weile tiefer liegenden, von schmalen Gräben durchschnittenen Wiesen Platz zu machen. Diesen folgten, wieder zu beiden Seiten, wüste abgetorfte Flächen, aus denen schwarze Lachen gähnten und regelrecht gesetzte Torfhaufen, an der Schlagseite mit Strohschirmen geschützt, ebenfalls schwarz gegen die weiße Umgebung sich erhoben. Dahinter stand in anderthalb Mannshöhe die senkrecht abgestochene Wand des Hochmoors, auf dem der Schnee in niedrigem Birkenanflug, üppigem Heidekraut und sperrigem Gagelgesträuch hing. Eine Gruppe älterer Föhren schloß endlich die hintere Schmalseite des Rechtecks, das Jan Rosenbrocks Stelle bildete, gegen die nächste Kolonie hin ab. Sonst prangten sie in sattem Dunkelgrün, aber heut' erschienen sie tiefschwarz, wie denn der Schnee alles, was er nicht weiß machen konnte, schwarz gefärbt hatte. Die winterliche Öde war wie ausgestorben. Nur eine Elster schunkelte, hungrig schackernd, von einer Föhre zu einer Birke. Auch sie, wie alles, weiß und schwarz.
Die Streuheide, die Jan Rosenbrock im Spätsommer mit der Lee gehauen hatte, lagerte am Saum des Föhrengehölzes. Auf Forken trugen die Kinder sie, oftmals hin und her gehend, an den zwanzig Schritt entfernten Graben, um ihre Last die steile Moorwand hinab ins Schiff zu werfen.
Als dieses beladen war, kletterten sie hinunter und hockten zu kurzem Ausruhen unter Leidchens Regenschirm aneinandergeschmiegt auf der Segelbank.
Gerd war durstig geworden und nahm sich vom Bordrand eine Prise Schnee.
»Hast du den Apfel, den ich dir geschenkt habe, schon aufgegessen?« fragte Leidchen, indem sie in seine Tasche langte. »Nein, hier ist er noch!« rief sie erfreut und brachte ihn zum Vorschein.
Gerd holte sein Dreigroschenmesser aus der Hosentasche, teilte die Frucht und reichte der Schwester die größere Hälfte. Sie aßen auch das Kerngehäuse mit, denn Äpfel gab's in diesem Jahr nicht viele, und es war der letzte Prinzenapfel.
Als er verschwunden war, griff Leidchen in ihre Rocktasche, machte ein verheißungsvolles Gesicht und sagte: »Ich hab' auch noch was Feines.«
Ein Weilchen ließ sie seine Neugierde zappeln, dann zog sie eine Tafel Schokolade heraus.
-- »Feine Gewürzschokolade, mit Zusatz von feinstem Weizenmehl,« las sie lüstern, ihren Schatz sich unter das Näschen haltend. Dann durfte auch der Bruder dran riechen.
»Wo hast du das her?« fragte dieser mit strenger Miene.
»Wird nicht verraten,« antwortete sie, geheimnisvoll lächelnd.
»Von Tante Beta?«
»Nicht so neugierig, mein Junge! Da, nimm!«
»Erst will ich wissen, wo das herkommt.«
»Denn nicht,« sagte sie und führte das Stück, das sie ihm angeboten hatte, zum eigenen Munde. Aber er griff schnell zu und packte ihre Hand.
»Laß mich los!« rief sie und suchte sich frei zu machen.
Aber seine Hand hielt die ihre wie ein Schraubstock umklammert.
»Wenn du nicht auf der Stelle losläßt, beiß' ich,« schrie sie und zeigte ihre Zähne.
Er lachte kurz und spöttisch auf. Aber im nächsten Augenblick sprang er mit einem Schrei in die Höhe, das Schirmdach mit sich emporreißend. Sie hatte die kleinen Beißer recht herzhaft in seinen Daumenballen geschlagen.
»Du bist ja 'n ganzer Satan!« knirschte er und hob die Hand zur vergeltenden Backpfeife. Da sie sich aber schnell unter den Schirm duckte, stapfte er mit großen Schritten über die Ladung weg auf die andere Seite des Bootes und setzte es mit dem Schieberuder in Bewegung. Er hatte sein bitterbösestes Gesicht aufgesteckt und sah mit Ausdauer an der Schwester vorbei.
Diese saß schmausend auf der Segelbank, lugte unter ihrem graugrünen Dach hervor und liebäugelte nach dem Bruder hinüber. Sie hätte jetzt gern wieder Frieden gemacht.
Das Schiff glitt seine Bahn dahin. Das Planschen des Moorwassers gegen den Bug und die engen Ufer war mit dem Reiben des Stangenruders an der Bordwand das einzige Geräusch in der Stille der winterlichen Welt.
Als Leidchen einsah, daß sie mit Äugeln die Aufmerksamkeit seines in die Schneelandschaft starrenden Leichenbittergesichts nicht auf sich lenkte, kletterte sie ebenfalls über die Streuheide und suchte, indem ihre Augen ein verführerisches Lächeln spielen ließen, ihm ein Stück Schokolade zwischen die Lippen zu schieben. Aber er hielt diese fest geschlossen. Da kitzelte sie ihm mit den Fingern der linken Hand unter dem Kinn. Und plötzlich schnappte er zu. Doch sie hatte, dies erwartend, die Hand blitzschnell zurückgezuckt und nur die Schokolade blieb zwischen seinen Zähnen.
Lustig sprang sie über die Heide zu ihrer Bank zurück, streifte die Schneeflocken aus dem Haar und lugte triumphierend unter dem wieder aufgenommenen Schirm hervor.
»Na, wie schmeckt's?«
»Oh ... nicht schlecht ... Deern, du bist 'ne kleine Hexe!«
Dabei lächelte er und sah nicht mehr an ihren schalkhaften Augen vorbei.
»Gut, daß du wieder artig bist. Nun sollst du auch wissen, wo die Schokolade herkommt. Müllers Hermann hat mir die Tafel geschenkt.«
»Müllers Hermann?« wiederholte Gerd gedehnt.
»Ja, ja, dein Freund Hermann.«
»Mein ~Freund~?«
»Ja, meinetwegen auch dein Feind.«
»Leidchen, das wundert mich, daß der dir Schokolade schenkt. Und noch mehr, daß du sie annimmst.«
»Hahaha, kneifst du die Hände zu, wenn dir einer was schenken will?«
»Ja, das wär' möglich. Von jedeinem ließ' ich mir nichts schenken ... Aber sag', wie kommt der dazu?«
»Gestern abend mußte ich doch Sirup holen, weißt du, für unsern Buchweizenpfannkuchen. In Bollmanns Laden traf ich Hermann, und er hatte sich gerade drei Tafeln Schokolade gekauft. Draußen gab er mir dann eine ab und sagte, ich sollte es nicht weiter sagen. Und ich sag's sonst auch zu keinem.«
»Leidchen, ich wollte, du hättest das Geschenk nicht angenommen. Ich hätte dir dafür gern zwei Tafeln gekauft.«
»Haha, das kannst du jetzt leicht sagen. Du hast mir überhaupt noch keine Schokolade geschenkt.«
»Schokolade wohl noch nicht, aber hab' ich dir nicht neulich erst von der Konfirmandenstunde 'ne dicke Apfelsine mitgebracht? ... Drei Groschen auf einmal für solche Schnökerei ... Wo er das viele Geld wohl her hat?«
»Der? Och Junge, das wissen doch alle Leute, daß seine Eltern gräsig reich sind. Meta Kück hat mir erzählt, als sie Hochzeit gemacht hätten, hätte der große Tewesbauer von Drömstedt ihnen die harten Taler man so scheffelweise zugemessen. Und Anna Meyerdierks sagt, es gäbe nicht viele im Dorf, die dem Müller kein Geld schuldig wären, und wenn der Gerichtsvollzieher käme, hätte er ihn beinah immer kommen lassen.«
»Die Leute schnacken allerhand dummes Zeug,« sagte Gerd trocken, indem er mit der rechten Hand an den Fingern der linken zog und ein bedenkliches Gesicht dazu machte.
Ihre braunen Augen blitzten.
»Willst du damit sagen, er hätte sich das Geld genommen?«
Als er die Achseln zuckte, rief sie empört: »Du, das finde ich gar nicht schön von dir, daß du anderen Leuten so was Schlechtes zutraust!«
»Müllers Hermann traue ich nicht von da bis da,« sagte er, indem er mit der Hand von einem Ufer des schmalen Grabens zum andern zeigte.
»Ich glaube, du bist bloß neidisch, weil er über dir sitzt,« meinte sie lauernd.
Er schüttelte langsam den Kopf: »Das ist mir einerlei. Es ist ja auch nur, weil er dem Müller sein Sohn ist. Was der alte Lenz für einer war, das wissen wir doch wohl ... Leidchen, glaub' mir, ich habe die ganzen Schuljahre bei ihm gesessen und kenn' ihn: der Junge ist nicht echt. Ja, den Leuten die Augen zu verblenden, das versteht er. In der Konfirmandenstunde sitzt er so andächtig da und macht so'n scheinheiliges Gesicht, daß der Pastor ihn gewiß für den frömmsten von uns allen hält. Na, der sollte bloß wissen, was er unterwegs manchmal für Reden führt! ... Wir andern müssen alle tüchtig mit an die Arbeit. Aber der? Die ganzen Nachmittage läuft er mit der Vogelflinte herum und schießt nach den kleinen Lerchen, wenn sie zum Himmel aufsteigen wollen, und auch sonst nach allem Lebendigen, was ihm in die Quere kommt. Sein Vater kümmert sich um nichts, und die Mutter ist in ihr einziges Kind rein vernarrt. Darum ist er auch so bodenlos frech ... Ich freue mich, daß er's heut' morgen mal ordentlich gekriegt hat.«
»Ihr habt es reichlich schlimm gemacht. So viele auf einen, das ist auch nicht gerade nett.«
»Warum haben die anderen ihm nicht geholfen! Er soll dich nur noch einmal ›schöne Adelheid‹ schimpfen, dann lernt er mich erst kennen. So was einem Mädchen anzuhängen! ...«
Sie lachte hell auf.
»Wenn einer mir nichts Schlimmeres anhängt, als das, bin ich zufrieden ... Kuck mal!«
Aus dem Stanniol der Schokolade hatte sie sich einen breiten Fingerreif gefaltet und gebogen und hielt nun die Hand mit dem silberglänzenden Schmuck in die Höhe.
»Was ist an solchem Narrenkram zu kucken ...« sagte er verdrossen, den Gegenstand ihres Entzückens kaum eines halben Blickes würdigend, während sie, das Köpfchen schief haltend, noch eine Weile mit ihm liebäugelte.
Es wehte plötzlich ein kälterer Lufthauch über das Land, der die spärlichen Schneeflocken, die noch fielen, vor sich hertrieb. Das Mädchen schauerte leicht zusammen, stand entschlossen auf und sprang von der Koje auf das Ufer hinüber. »Wo willst du hin?« fragte Gerd verwundert. »Es wird kalt, ich lauf',« sagte sie kurz und lenkte durch einen kleinen Obstkamp dem Hause zu.
Gerd sah mit nachdenklichen Augen hinter ihr her. Sie schritt wie eine, die ihren eigenen Weg gehen will und nicht sonderlich geneigt ist, sich gängeln und leiten zu lassen.
3.
Zum viertenmal schickte Herr Timmermann einen Jahrgang Brunsoder Jugend zur Einsegnung nach Grünmoor, und zwar einen guten, den er ungern aus den Händen ließ. Freilich, mit dem starken Geschlecht war kein Staat zu machen. Dessen einziger Vertreter, Jan Kassen vom Achterdamm, hatte in seinem welken Gesicht ein Paar starre, blöde Augen und war auch als Konfirmand nicht über die dritte Bank hinausgeklettert. Aber die Mädchen! Glatt und schier waren sie alle fünf, die am Gründonnerstagmorgen unbedeckten Hauptes, funkelneue Gesangbücher und gefaltete weiße Taschentücher in den Händen, die ungewohnten langen Festkleider hoch aufgerafft, an der schimmernden Birkenreihe des Kirchdamms entlang auf Grünmoor zuschritten. Und eine von ihnen war so rank und schlank gewachsen, schaute aus schmalem, rosig durchscheinenden Gesichtchen so frank und frei, hell und warm in die Welt, daß ein alter Heide- und Moorläufer mit jungen Augen und Beinen, den der Tag zur ersten Vorfrühlingswanderung verlockt hatte, abends in Bremen seiner Frau erzählte: »Du, heut' morgen bin ich unter den Moorbirken dem leibhaftigen Frühling begegnet.«
Die Kinder hätten sich für ihre Einsegnung keinen schöneren Tag aussuchen können. Ein herbfrischer Märzwind strich ihnen über die jungen Gesichter, spielte mit den losen Härchen, die den ordnenden Kämmen und Bändern entschlüpft waren, entführte die heut' nicht gesparten Haaröldüfte und jagte grüne Wellen über die junge Saat der Ackerbreiten. Die Luft war voll Sonnenglanz und von Lerchenjubel wie gesättigt. Über dem Dunkellila des Birkengezweiges lagen schon die zarten Schleier von grüner Seide, im ernsten Braun des Hochmoors loderten lichtbraune Inseln blühenden Gagels, die bewaldeten Höhenrücken der Geest standen in der Ferne tiefblau und scharfumrissen gegen die sanfte Bläue des wolkenlosen Himmels. Die Welt schien so groß und weit, und den Kindern war ein wenig eng und ängstlich ums Herz, aber auch wieder feiertäglich ernst und freiheitsfroh, standen sie nun doch vor der Tür, die sie aus der Schulstube in das Leben hinausführen wollte. Mochte dieses auch keinem von ihnen Großes und Außerordentliches zu versprechen haben, an solchem Tage macht es nun einmal jedem ein verheißungs- und geheimnisvolles Gesicht.
Eine halbe Stunde, nachdem Leidchen Rosenbrock das Haus verlassen hatte, machte sich auch ihr Bruder auf den Weg. Er trug die Weste hoch am Halse geschlossen und auf dem Kopf eine Tuchmütze mit blankem Schirm. Seine dunkelgrauen Augen blickten stetig und verweilend, harte Arbeit hatte die Züge seines langen, schmalen Gesichts, zumal um den strengen Mund herum, scharf herausgemeißelt. Mit weit ausgreifenden wiegenden Schritten folgte er anfangs einem wenig begangenen federnden Moorpfad. An Gesellschaft und Unterhaltung lag ihm heute nichts. Er war keiner von denen, die der Einsamkeit aus dem Wege gehen, und wollte die Schwester zum Abendmahlstisch geleiten.
Wer hätte das sonst tun sollen? Der Vormund wohnte in einem anderen Dorfe und kümmerte sich um nichts. Bruder Jan ging nicht ohne seine Frau, und die lag mit ihrem vierten Kinde im Bett. Beta Rotermund, die gute Nachbarin und Leidchens Patentante, hatte mit ihrer Frühjahrserkältung zu tun. »Sie hat keinen als dich,« hatte einst die Mutter gesagt, als sie sterben wollte, und so war's wirklich gekommen.
Es machte sich ganz von selbst, daß er eine kleine Rechnung darüber aufstellte, was er schon alles für seine Schwester getan hatte.
Einen angenehmeren und besser bezahlten Dienst, der ihm angeboten war, hatte er ausgeschlagen, um als Knecht des Bruders ihr nahe zu bleiben, ein Auge auf sie zu haben und sie anzuleiten. Wie manche Arbeit hatte er ihr abgenommen, damit sie ungestört die Schularbeiten machen konnte!
Ob sie am Palmsonntag bei der Konfirmandenprüfung so gut bestanden und besonders gelobt worden wäre, wenn er an den Abenden des letzten Winters ihr nicht immer die Lektionen abgehört hätte?
Warum hatte er sich mehr und mehr von der Wildbahn zurückgezogen, so daß er den Erwachsenen mit seinen achtzehn Jahren als der solideste und vernünftigste Bursch des Dorfes, dem Jungvolk dagegen als Duckmäuser und Drögepeter galt? Der Schwester wegen! Um sie, die sehr lebenslustig war und mit ihrer Ausgelassenheit ihn manchmal fast bange machte, vermahnen zu dürfen und in Schranken halten zu können, hatte er sich selbst je länger desto mehr in acht genommen und zurückgehalten.
Dafür hatte er nun aber auch so viel im Sparkassenbuch, wie wohl keiner seiner Altersgenossen. Im Grunde war das Solide doch wohl das Beste, wenn einer sich nur erst daran gewöhnt hatte.
Gerd nickte ein paarmal wohlgefällig, er war recht mit sich zufrieden. Und der liebe Gott, bei dem er heute zu Gast gehen wollte, war es gewiß auch.
Der einsame Moorpfad mündete endlich auf den belebteren Damm, der die Kirchgänger der nördlichen Kolonien des Kirchspiels sammelte.
Eine Strecke war Gerd auf diesem dahingeschritten, als plötzlich eine Klingel hinter ihm schrillte. Er trat in die Birkenreihe, um den Radfahrer, der sich auf solche Weise bemerklich machte, vorbei zu lassen. Aber dieser sprang neben ihm ab und sagte munter: »'n Morgen, Gerd.«
»Ach so, du bist das, Hermann ...«
Gerd hatte den alten Schulkameraden, der seit Jahren auf einer Windmühle vor den Toren Bremens arbeitete und selten nach Hause kam, lange nicht mehr gesehen. Er wunderte sich, wie der Mensch sich herausgemacht hatte. Ein Paar übermütige Augen lachten ihm aus dem frischen, gebräunten Gesicht, das sogar schon der Anflug eines Schnurrbärtchens schmückte, und dem der kecke grüne Hut mit dem Spiel eines Birkhahns vortrefflich stand.
Der junge Müller schritt, das Rad schiebend, an Gerds Seite.
»Wie die Zeit hinläuft! Wir beiden sind nun schon vier Jahr aus der Schule und müssen nächstens zur Musterung. Und euer lüttjes Kinkindiewelt wird auch schon konfirmiert.«
»Ja,« sagte Gerd kurz und trocken.
»Die Leute sagen, sie wär' eine bannig schmucke Deern geworden. Kann's mir wohl denken, daß aus dem gralläugigen Leidchen mit den Jahren 'ne ›schöne Adelheid‹ geworden ist. Weißt du noch?«
»Hast du dein leeges Maul noch immer nicht abgelegt?«
»Mensch, was machst du für ein Gesicht? ... Ach so, du willst heute fromm sein. Na, denn will ich nicht länger stören. Grüß Leidchen von mir, und ich gratulierte ihr vielmals. Adjüs.«
Er sprang lachend auf sein Rad, riß den Hut ein wenig in den Nacken und fuhr in gemächlichem Bummeltempo, die linke Hand in die Seite gestemmt, davon.
Über das winzige Kirchdörfchen -- nur aus Pfarre, Schule, einigen Gastwirtschaften und Kaufläden, sowie einem knappen Dutzend kleiner Anbauerstellen bestehend, ist es eins der kleinsten des Landes, während das Kirchspiel eins der größten ist -- schaute die frischvergoldete Turmuhr her und zeigte an, daß bis zum Beginn des Gottesdienstes noch eine gute halbe Stunde blieb, weshalb Gerd seinen Schritt verlangsamte. Aber plötzlich schlug er ein sehr schlankes Tempo an, das ihn nach wenigen Minuten ins Dorf brachte.
An den Gruppen von Konfirmanden, die auf der Straße vorm Pfarrhause sich bereits gesammelt hatten, hinschreitend, suchte er seine Schwester heraus und winkte sie zu sich. Sie kam nur zögernd und, wie es schien, widerwillig. Als er ihr aber einige Worte zuflüsterte, nickte sie zustimmend, trat an seine Seite, und sie gingen schweigend die Dorfstraße hinunter. Durch ein eisernes Tor bogen sie nach rechts auf die Lindenallee des Friedhofs ab, umschritten die Kirche und folgten einem Nebenweg, der sie zu einem hochragenden Wacholder führte. Vor dem halb eingesunkenen, von dichter Grasnarbe überzogenen Hügel zu seinen Füßen blieben sie stehen. Gerd zog seine Schirmmütze und hielt sie vor die Brust. Leidchen hatte die in schwarzen Wollhandschuhen steckenden Hände über dem Gesangbuch gefaltet. So standen sie wohl eine Minute. Dann setzte er räuspernd die Mütze wieder auf, sie fuhr sich mit einem Zipfel des weißen Einsegnungstaschentuches über beide Augen, und schweigend gingen sie den Weg zurück, den sie gekommen waren.
Die Holzschuhe der Läuter polterten auf den Treppen des Turmes, und kaum war der zehnte Schlag der Uhr verhallt, da setzte die kleine Glocke, etwas vorlaut, auch schon ein, und bald ließ auch die große ihre tiefen, vollen Klänge vernehmen.
Aber die Menge, die den breiten Lindenweg vom Friedhofstor bis zur Kirche besetzt hielt, hörte weniger auf das Geläute, das aus der Höhe kam, als auf das Singen, dessen Klang der Frühjahrswind vom Pfarrhause herüberwehte, und das sich langsam näherte.
Nicht weit von Gerd Rosenbrock stand die eheverlassene Trina Kassen vom Achterdamm, die mit Heidquesten durch die Dörfer ging. Als ihr Jan mit dem unförmlichen Kopf und dem welken Gesicht, die Augen starr im Gesangbuch, in der letzten Knabenreihe vorüberstolperte, schossen ihr die Tränen in die Augen, die sie dann mit dem verrunzelten Handrücken in ihren grüngrau verschossenen Rock wischte.
Gerd hatte die Frau stets ehrlich verachtet. Denn ihren kleinen Hausierhandel benutzte sie als Deckmantel für eine recht unverschämte Bettelei, durch die sie dem Dorf in der Umgegend Schande machte. Aber wie er jetzt die Freudentränen aus ihren blöden Augen stürzen sah, da wallte es warm in ihm auf. Und als er bald darauf seine Schwester so ernst und lieblich in dem feierlichen Zuge vorüberwallen sah, als er ihre klare, schöne Stimme aus dem Gesang heraushörte, da lief es ihm schnell hintereinander kalt und heiß über den Rücken, und er mußte ein paarmal mit den Augenlidern zwinkern, um etwas zwischen ihnen zu verdrücken.
* * * * *
Wenn die Brunsoder zweimal den weiten Kirchweg gemacht haben, gehört es für sie mit zur rechten Sonntagsruhe, daß sie sich nach dem Mittagessen ein Stündchen lang legen.
»Du willst dich jetzt wohl ein bißchen ausruhen?« fragte Gerd seine Schwester, als sie vom Tisch aufstanden.
Sie schüttelte den Kopf: »Ach was, ich bin nicht ein Spierchen müde.«
»Dann schlage ich vor, wir machen ein paar Schritte zusammen über Feld. Wir beide haben heut' noch keine fünf Minuten miteinander gesprochen.«
Leidchen war gern dazu bereit.
Festlich umstrahlte Gerd das saubere Weiß der Hemdsärmel, während von unten das Rot funkelneuer Ellernholzschuhe heraufleuchtete. Die zur Feier des Tages mit besserem Tabak gefüllte Sonntagspfeife, auf deren Kopf eine lachende Sennerin himmelblaue Augen, kirschrote Wangen und schneeweiße Zähne zeigte, ließ er nicht, wie sonst wohl, faul im Munde hängen, sondern so oft er ein paar Züge getan hatte, nahm er sie heraus, um sie am Daumen in das Armloch seiner Weste zu hängen.
Leidchen hatte sich im Sonnenwinkel hinter der Scheune ein Veilchensträußchen gepflückt und erfreute sich bald an dem süßen Duft, bald an der lieblichen Farbe. Das lange Einsegnungskleid, in dem das Gehen ihr noch unbequem war, trug sie hoch aufgerafft, so daß die blanken Schnürstiefelchen und ein gut Teil des rotgesäumten weißen Flanellunterrocks frei wurden.
So schlenderten sie feiertäglich gemächlich den Weg dahin, der die Rosenbrocksche Stelle der Länge nach durchschneidet.
»Die Saat steht über Jahr gut. Eine Krähe kann sich schon drin verstecken,« sagte Gerd mit einem Kennerblick über die Roggenbreiten und mit dem Behagen des Landmanns, der seiner Mühe schönen Lohn winken sieht. Leidchen nickte und ließ den warmen Glanz ihrer braunen Augen still und träumerisch auf dem leuchtenden jungen Grün ruhen. Viel zu reden spürte sie keine Lust. Die Eindrücke des Vormittags wirkten leise nach, und eine leichte Abspannung und Mittagsmüdigkeit machte sich doch auch geltend.
Vom Ackerland senkte der Weg sich zu den abgetorften Gründen, die zu einem Teile in Wiesen verwandelt waren, zum größeren aber schwarz und öde in gelbem vorjährigem Riedgras und spärlichem Birkenanflug lagen.
Gerd war stehen geblieben, tat ein paar nachdenkliche Züge aus seiner Pfeife, beschrieb mit ihr in der Luft ein Quadrat und sagte:
»Ein schönes Loch, was unsere Vorweser da schon ins Moor hineingewühlt haben ... Als der erste Rosenbrock -- er hieß auch Gerd, hat Großvater, den du nicht mehr gekannt hast, mir erzählt -- von der Geest hierher kam und da, wo jetzt unser Haus steht, seine Erdhütte hinsetzte, fing er mit einer Ziege und einem halben Dutzend Hühnern an. Wir sind gut vorwärts gekommen. Manche hundert Taler haben wir hier aus dem Moor herausgequält.«
»Wie manchen Tropfen Schweiß das wohl gekostet hat ...« sagte Leidchen nachdenklich.
»Tropfen? Ich sage dir, Deern, viele hundert Eimer voll.«
»Na, na!«
»In hundertundzwanzig Jahren? Ganz gewiß!«
Schweigend standen sie und schauten auf die Arbeitsstätte ihres Geschlechts.
»Weißt du noch,« fragte nach einer Weile das Mädchen leise, »wo Vater und Mutter ihren Torf gemacht haben?«
Er maß die schwarze Fläche mit den Augen ab. Dann zeigte er mit dem Mundstück seiner Pfeife schräglinks hinüber: