Geschwister Plüddekamp

Part 9

Chapter 93,685 wordsPublic domain

»Sie gefällt mir aber ganz und gar nicht, Vater,« stieß sie plötzlich aus.

»Mir auch nicht,« brummte der Oberamtmann. »Hat ein Paar Augen im Kopfe wie eine Katze, die auf Raub lüstern ist. Läßt sich aber nichts dran ändern, Lieschen, muß mit in den Kauf genommen werden.«

* * * * *

Die Schlittenbahn blieb gut. An Plüddekamps ging eine Einladung zur Jagd mit anschließendem Jagddiner in Wershagen sofort ab. Der Tag kam heran.

Lieschen Wichers hatte ein pelzbesetztes grünes Jagdkostüm angelegt, das sie allerliebst kleidete. Herta gab ihrem jüngeren Bruder einen leichten Rippenstoß.

»Wölfchen,« flüsterte sie, »sieh einmal Lieschen an! Was ist sie doch für ein prächtiges, frisches Mädchen.«

Wolf ließ den Blick flüchtig über sie hinweggleiten.

»Ja, ja,« erwiderte er eintönig. Gleichzeitig schaute er schon nach Ilse aus, die soeben zu Lieschen Wichers trat und sich bei ihrer großen, schlanken Figur leicht vornüberneigte, um mit ihr zu sprechen.

Nach einem kurzen Imbiß wurden die Schlittensitze eingeteilt. Es ging nach den Seen hinaus, auf denen die wilden Gänse in großer Anzahl einfielen. Oberamtmann Wichers trug für seine Frühjahrssaat Sorge. Es sollte deshalb unter den Eindringlingen tüchtig aufgeräumt werden.

Eine ganze Reihe tadellos bespannter Schlitten hielt vor dem Wohnhause. Die Gäste stiegen ein. Voran fuhr Oberamtmann Wichers mit Herta Plüddekamp, dann folgte Jürgen mit Ilse Hergenbach und Wolf mit Lieschen Wichers. Ein leerer Schlitten für die bereits draußen befindlichen Jäger beschloß den Zug.

Wolfs Schlitten wurde von ein paar flotten, jungen Pferden gezogen, die das schönste Schellengeläute trugen. Nun ging es hinaus in die prächtige Winterlandschaft nach den zusammenhängenden kleinen Seen. Förster und Inspektor von Wershagen sollten dort die Jagdgäste empfangen und ihnen den besten Stand anweisen.

Lieschen Wichers plauderte munter drauflos. Wolf hatte vorläufig genügend mit seinem jungen Gespann zu schaffen. Die beiden Lichtbraunen tänzelten vor dem Schlitten hin und her und waren nicht gewillt, in der Reihe zu bleiben. Ihrem Lenker, der sehr viel Sinn für allen Sport besaß, machte dies viel Vergnügen.

»Ein Paar tolle Racker,« sagte er zu Lieschen Wichers. »Ihr Papa scheint ein großes Vertrauen in meine Fahrkunst zu setzen.«

»Gewiß,« erwiderte Lieschen Wichers stolz, »sonst hätte er Ihnen nicht die beiden jüngsten und besten Pferde aus dem Stall gegeben.«

»Alle Hochachtung über die mir zugedachte Ehre, Fräulein Wichers! Sie kommen aber schlecht dabei weg.«

»Wieso?« fragte Lieschen erstaunt.

»Ich muß auf die Pferde aufpassen und kann mich nicht Ihnen widmen, wie ich es möchte.«

»O, dann lassen Sie mich fahren! Sie wissen doch, ich bin ein geschulter Kutscher. Papa hat mir von klein auf die Fahrleine in die Hand gegeben.«

Wolf mußte sie lachend abwehren, da sie bereits Anstalten traf, um seinen Platz einzunehmen.

»Ich darf doch die Zügel nicht aus der Hand geben! Was würden die anderen dazu sagen,« meinte er scheinbar vorwurfsvoll. »Es kommt dem Manne zu --«

»Zuweilen ist es ganz angebracht, Herr Plüddekamp, wenn die Frau den Mann ablöst,« fiel sie ein, und in ihren blauen Augen glänzte es wie klarer Wintersonnenschein.

Wolfs Schlitten war dicht an den seines Bruders herangekommen. Die Pferde begannen zu galoppieren und wollten vorbei.

»Kein Rennfahren, Wolf!« ließ Jürgen seine starke Stimme erschallen.

Die Lichtbraunen ließen sich aber nicht halten, und Lieschen Wichers griff plötzlich in die Zügel hinein.

»Das Sattelpferd kürzer fassen, den Hals links abbiegen, Herr Plüddekamp, dann stoppt das Handpferd von selbst,« und wirklich -- der Ratschlag war gut. Der Schlitten kam wieder in die Reihe hinein.

»Sehen Sie,« lachte das junge Mädchen. »Ein wenig verstehe ich von der Fahrkunst meines Vaters.«

* * * * *

Auf den Wershagener Seen war das Rohr bereits geschnitten. Von niedrigem Erlengebüsch umgeben, lag die weite weiße Fläche anscheinend still und eintönig da. Eine ganze Strecke vorher blieben die Schlitten halten und ihre Insassen stiegen aus. Die vorausgeschickten Stalleute hüllten die dampfenden Pferde in wollene Decken ein. Nun stapften alle tüchtig durch den Schnee, die Flinten im Arm. Der Förster und Inspektor kamen ihnen entgegen.

»Auf dem oberen See liegt ein ganzer Schwarm wilder Gänse, Herr Oberamtmann,« meldete der Förster. »Wir müssen aber vorsichtig heranschleichen, sonst fliegen sie auf. Es sind ein paar große Schneewehen davor, die uns einigermaßen decken.«

Jürgen richtete sich auf. Seine ganze Gestalt schien zu wachsen. Die Pelzmütze etwas von der Stirn zurückschiebend, schauten seine scharfen Augen zu den Seen hinüber. Die Jagdlust erwachte in ihm. Es war die einzige Leidenschaft, die er außer seinem Geschäft besaß. Ilse betrachtete ihn mit leuchtenden Blicken. Sie hätte laut aufjauchzen mögen, so schlug ihr plötzlich das Herz.

Er hatte während der Fahrt mit ihr freundlich geplaudert. Der sonst so schweigsame und ernste Geschäftsmann konnte zuweilen dem Leben auch frohe Seiten abgewinnen. Jürgen kannte Nordhausen und ihr Elternhaus. Er war in früheren Jahren mehrmals dort gewesen, um die geschäftlichen Beziehungen fester zu gestalten.

»Was macht ihr zwei nun?« fragte Jürgen, sich an Herta und Ilse wendend, die nicht jagdmäßig ausgerüstet waren.

»Wir tragen die Beute heim,« erwiderte Ilse.

»So,« stieß Jürgen gedehnt aus, »sind Sie ihrer schon gewiß?«

»Ich hoffe es bestimmt.« Dabei schaute sie ihn bedeutungsvoll an.

Die Jagd begann. Vorsichtig schlichen alle hinter den mächtigen Schneewehen auf den oberen See zu. Jürgen und der Oberamtmann kamen schneller vorwärts. Wolf und Lieschen Wichers bogen etwas nach links ab, während der Förster und der Inspektor weit voraus mit hochgehaltener Hand die Richtung angaben.

»Wir stehen im zweiten Treffen,« sagte Lieschen zu ihrem Begleiter. »Der Schwarm steigt also in die Höhe, ehe wir zum Schuß kommen. Wir wollen aber den anderen ein Schnippchen schlagen und gehen jetzt ganz nach links auf das Erlengebüsch zu. Es bietet uns gute Deckung. Die Wildgänse müssen, nach dem Stand der anderen Schützen zu schließen, bei uns vorüberfliegen. Wir haben die besten Aussichten, ein paar herunterzuholen.«

»Ganz mein Fall!« meinte Wolf, der jetzt Lust bekam, das Jagdglück zu erproben. »Sie sind wirklich eine gute Beraterin, Fräulein Lieschen!«

Eine breite Schneewehe lag vor ihnen, sie mußten diese durchschreiten.

»Oho,« lachte Lieschen Wichers laut auf und war tief in den Schnee eingesunken. Es schien ihr das größte Vergnügen zu bereiten.

Sofort sprang Wolf an ihre Seite, faßte sie leicht um die Taille und hob sie heraus. Er trug hohe Jagdstiefel, es machte ihm nichts aus, weit hinein zu geraten.

»Sie haben ja staunenswerte Kräfte, Herr Plüddekamp!« rief Lieschen belustigt. »Sie heben mich wie eine Daunenfeder hoch.«

Wolf erwiderte in der gleichen Tonart:

»So leicht sind Sie wirklich nicht, Fräulein Lieschen. Ich habe mich ganz gehörig plagen müssen,« und er schaute dabei auf ihre rundlichen Formen hin.

Sie sah schelmisch zurück.

»Ich habe neue vierhändige Stücke in Stettin gekauft. Kommen Sie bald wieder heraus, Herr Plüddekamp. Heute wird doch nichts aus unserem Spiel.«

»Warum nicht, Fräulein Lieschen? Nach dem Essen!«

»Ach, das wird endlos bei Papas Flaschenbatterien! Dann fahren Sie bald zurück. Ich erwarte Sie also bestimmt in den nächsten Tagen, aber als Solokrebs.«

Ihr Auge ruhte mit voller Innigkeit auf ihm, als sie seine zusagende Antwort erwartete.

»Ich kann jetzt schwer abkommen, Fräulein Lieschen,« erwiderte er zögernd. »Das Frühjahrsgeschäft muß vorbereitet werden. Jürgen läßt mich nicht aus dem Kontor fort.«

»Ich sage es ihm selbst, dann tut er es,« fiel sie energisch ein. »Seine Anwesenheit reicht aus. Sie kommen mir gar nicht wie ein Kaufmann vor, Herr Plüddekamp, und eignen sich viel mehr zum Rittergutsbesitzer! Warum haben Sie überhaupt nicht die Landwirtschaft erlernt?«

»Daran dachte ich früher nicht,« zuckte Wolf mit den Achseln. »Ich wäre am liebsten Offizier geworden. Freilich -- der Kaufmannsstand paßt mir sehr wenig.«

»Machen Sie es wie die Raupen im Frühjahr, die entpuppen sich.«

»Nein,« schüttelte er mit dem Kopf. »Das Plüddekampsche Hausgesetz schreibt mir vor, in den Bahnen meiner Väter zu wandeln.«

»Dann durchbrechen Sie die Regel,« lachte Lieschen hell auf, »wenn auch die alten Herren auf ihren Bildern die Köpfe verwundert schütteln werden.«

In diesem Augenblick fielen am oberen See eine Anzahl Schüsse schnell hintereinander.

»Jetzt wird's die höchste Zeit,« rief Lieschen aus. »Wir müssen an die Erlen heran. Laufen wir, Herr Plüddekamp!« Flink wie ein Wiesel rannte sie vorwärts.

Sie sah so zierlich und nett dabei aus, daß Wolf seine helle Freude hatte und mit langen Sätzen neben ihr hereilte.

»Wir machen es wie unsere Lichtbraunen!« rief Lieschen weiter, »aber nicht durchgehen, Herr Plüddekamp!«

Von weitem ertönte schon das starke Geschnatter der Wildgänse.

»Sie steigen auf! Achtung!« stieß sie hastig aus.

Sie blieben mitten im tiefen Schnee stehen, die Flinte im Anschlag. Ein Schwarm wilder Gänse kam verwirrt heran. Man sah, wie sie bestrebt waren, sich zu ordnen.

»Halten Sie auf die Spitze des Zuges,« rief Lieschen im Jagdeifer, »noch ist er nicht hoch und zu erreichen! -- Jetzt -- Schuß!«

Ein Doppelknall erfolgte. Oben in der Luft schlug eine Wildgans gewaltig mit den Flügeln. Der ganze Schwarm stieg rasch höher, während die Getroffene immer noch flatternd zurückblieb, langsam niedersank und, sich plötzlich überschlagend, tief in die weiche Schneedecke herabschoß.

»Was sagen Sie nun, Herr Plüddekamp? Wir zwei haben eine Gans geschossen!«

»Ich nicht,« meinte Wolf bedächtig, »ich glaube -- ich habe das blaue Himmelszelt getroffen.«

»Merken Sie sich die Stelle, an der die Wildgans heruntergegangen ist. Es wird nicht lange dauern, dann kommt die zweite Auflage.« Sie schob neue Patronen in den Doppellauf des Gewehres hinein.

Wolf setzte seine Büchse ab.

»Ich habe heute kein Jagdglück,« sagte er.

»Doch, Herr Plüddekamp,« fiel Lieschen ein. »Ein Mann wie Sie hat immer Glück.«

Es kam dies so offen und ehrlich heraus und ihre Augen richteten sich so verheißungsvoll auf Wolf, daß er darin hätte leicht lesen können: das größte Glück steht an deiner Seite.

Trotz der warmen Strahlen der Sonne flog Wolf ein kalter Schauer über den Rücken. Auf einem weiter unterhalb der Seen gelegenen Hügel waren Herta und Ilse plötzlich aufgetaucht. Unwillkürlich wandte sich sein Blick dorthin. Er seufzte tief auf.

»Was haben Sie?« fragte Lieschen Wichers erstaunt.

»Nichts,« erwiderte er kurz. Er wußte aber wohl, was in ihm vorging.

Ein zweiter Schwarm wilder Gänse und vereinzelte Wildenten zogen vorüber, aber in solcher Höhe, daß ein Treffen unmöglich wurde.

»Holen Sie unsere Beute,« bat Lieschen, zu Wolf gewandt. »Ich gehe inzwischen zu Ihrer Schwester, und Sie kommen mir dorthin nach.«

Wolf mußte über das Eis des Sees schreiten, die Wildgans war in schräger Richtung am jenseitigen Ufer niedergegangen. Lieschen winkte ihm noch von weitem mit der Hand. Er kam in dem tiefen Schnee nur langsam vorwärts, dabei fröstelte ihn. --

Nach einiger Zeit versammelten sich alle bei den Schlitten. Die jungen Lichtbraunen waren recht unruhig, und Jürgen rief seinem Bruder zu:

»Gib gut acht, Wölfchen!«

»Seien Sie ohne Sorge, Herr Plüddekamp!« lachte Lieschen hell auf. »Ich bin doch da, um aufzupassen.«

Der erste Schlitten ging im schnellen Trabe voran. Die anderen drei folgten. Die Pferde griffen nach dem langen Stehen mutig aus, zumal es nach dem Stall ging. Namentlich die Lichtbraunen gallopierten fortgesetzt und waren kaum zu bändigen.

»Fahr zu, Wolf!« rief Jürgen laut, »wenn die Braunen voran sind, werden sie ruhiger gehen!«

Dieser hatte in dem kurzen Augenblick, während er im Schlitten vorbeisauste, einen Blick auf Ilse geworfen. Jürgen hielt seine Pferde fest in den Zügeln, sie sah mit den großen Augen stolz zu ihm auf. Wolf vergaß vor Ärger die Führung seiner Pferde; der Schlitten ging über eine Schneewehe und kam vollständig schräg zu stehen.

»Oho, Wolf!« rief Jürgen ihm nach. »Beinahe hättest du eine Kippe gemacht!«

Die Lichtbraunen aber jagten schon eine ganze Strecke voraus, und Jürgen wurde besorgt.

»Sein Temperament reißt ihn wieder einmal fort,« brummte er vor sich hin. »Hätte Wolf nur mehr Ruhe in sich,« sagte er dann halblaut.

Ilse hatte es gehört und erwiderte:

»Herr Wolf ist manchmal recht ungestüm.«

»Sooo,« meinte Jürgen gedehnt, »haben auch Sie dies an ihm bemerkt?«

»Ja,« brachte sie ganz leise hervor, sah ihn aber durchdringend dabei an. »Ich habe es über mich ergehen lassen müssen.«

»Müssen!« wiederholte Jürgen scharf. »Nein, Fräulein Hergenbach, Sie haben es nicht nötig! Wolf ist noch eine stürmische, nicht abgeklärte Natur. Weisen Sie ihn in seine Schranken zurück.«

»Ich werde es tun, Herr Plüddekamp! Aber --« sie stockte.

»Nun und?« fragte Jürgen.

»Wenn Sie, Herr Plüddekamp --«

»Ja, was soll ich dabei,« entgegnete er barsch, »ich stehe doch nicht immer neben Ihnen!«

»Sie können viel tun, Herr Plüddekamp. Ihre Worte fallen schwer in die Wagschale. Herr Wolf ist manchmal ganz eigenartig zu mir -- ich weiß selbst nicht, was ich davon halten soll. Ich fühle mich glücklich in Ihrem Hause, und doch wird es mir zuweilen schwer, das richtige Verhalten in allen Dingen zu finden. Darum bitte ich Sie -- Herr Plüddekamp -- mir beizustehen.«

Er sah sie an. Ihre Augen strahlten in voller Leidenschaft. Es wurde einen Augenblick hindurch siedendheiß in ihm. Was für eine Frau saß an seiner Seite? Welche Gewalt übte dieses Geschöpf selbst über ihn, den ruhigen Mann, aus! Es lag eine große Gefahr in ihr. -- Sollte er? -- Nein, nein, und dreimal nein! -- Sein Lebensweg war vorgezeichnet. Zurück mit solchen Gedanken! -- Er hob die Peitsche und hieb auf die Pferde ein, daß sie zum Galopp ansprangen und der Schlitten vorwärtsflog. -- Er hatte überwunden, und seine eiserne Ruhe kehrte zurück.

»Es wäre besser gewesen, Sie kamen nie zu uns,« erwiderte er kalt. »Ich habe es auch nicht gewollt. Hätte ich gewußt, welchen Einfluß Sie auf Wolf ausüben würden, so wäre ich Herta schärfer gegenübergetreten.«

»Herr Plüddekamp!« schrie sie gequält auf. »Sie nehmen mir durch Ihre Worte das Recht, länger in Ihrem Hause zu bleiben.«

»Gewiß nicht, Fräulein Hergenbach! Ich habe meinen ersten Standpunkt aufgegeben. Herta sagte mir, daß Sie sehr tüchtig in der Hauswirtschaft sind. Ich bitte Sie nur um eins, lassen Sie Wolf ganz aus dem Spiele!«

»Ich tue ja alles, daß er mir nicht nahe kommt, Herr Plüddekamp!« stieß sie erregt aus. »Ich beeinflusse sein Wesen in keiner Weise. Aber wie soll ich mich schützen, wenn er auf mich einstürmt --«

»Kalt bleiben,« sagte Jürgen kurz, »das genügt!«

In diesem Augenblick sah er, wie ein Schwarm Krähen, der eine Strecke voraus auf der Schneedecke lagerte, plötzlich mit lautem Gekrächze aufflog.

Die Pferde Wolfs scheuten vor dieser schwarzen aufsteigenden Wolke und jagten in starkem Galopp davon. Lieschen Wichers griff mit beiden Händen in die Zügel. Dabei mußte sie zu sehr nach rechts gezogen haben, die Pferde bogen vom Wege ab, durchquerten eine Schneewehe und kamen aufs freie Feld hinaus. Dort rasten sie im weiten Bogen umher. Wolf strengte seine ganze Kraft an, um sie wieder an die Zügel zu bringen.

Sie sausten jetzt in vollem Galopp auf den Weg zu. Der Schlitten von Jürgen befand sich in gleicher Höhe.

»Weiter rechts, Wolf!« rief Jürgen.

Es war bereits zu spät. Krachend stießen sie zusammen.

Jürgens Schlitten wurde zur Seite geschleudert. Ilse flog heraus und schlug mit dem Kopf gegen einen am Wege stehenden Weidenstamm. Die Lichtbraunen rannten weiter. Nur mit Mühe konnte Jürgen seine ebenfalls aufgeregten Pferde zum Stehen bringen. Die Leine in der rechten Hand haltend, stieg er aus und beugte sich zu Ilse hernieder, um sie mit seinem freien linken Arm aufzuheben.

Sie mußte einige Minuten bewußtlos gewesen sein. Als aber Jürgen ihren Körper berührte, schlug sie, wie aus einem Traum erwachend, die Augen groß zu ihm auf, ihre Arme umschlangen plötzlich seinen Hals, sie preßte sich fest an ihn, und »Jürgen, Jürgen!« klang es von ihren Lippen.

»Sie vergessen sich, Fräulein Hergenbach,« sagte er ernst und löste seinen Arm von ihr. »Für Sie bin ich auch in einem solchen Augenblick -- Herr Plüddekamp.«

Sie ließ von ihm ab, taumelte zurück und sank in sich zusammen.

»Was ist mit mir geschehen?«

»Haben Sie sich verletzt?« fragte Jürgen kalt.

»Nein!« Sie stöhnte auf, als ob sie eine schwere Wunde empfangen hätte. »Es wird vorübergehen.« Dabei versuchte sie, sich aufzurichten.

Mit gewaltiger Kraftanstrengung brachte Jürgen den Schlitten aus dem tiefen Schnee wieder auf die Bahn zurück.

»Steigen Sie ein, Fräulein Hergenbach! Herta und Oberamtmann Wichers kommen schon heran.«

Ohne ein Wort weiter zu wechseln, fuhren sie nach dem Gutshofe.

XV.

Über dem Jagdessen hatte eine düstere Stimmung gelegen, die selbst Oberamtmann Wichers in seiner jovialen Weise nicht bannen konnte. Ilse saß bei Tisch wie eine leblose Statue an Jürgens Seite. Es wirkte dies lähmend auf die übrigen Gäste. Selbst Lieschen Wichers, das frohsinnige Geschöpf, wurde davon angesteckt. Wolfs Augen waren fortwährend auf Ilse gerichtet. Nach Aufhebung der Tafel fuhren Plüddekamps sofort nach Stettin zurück.

»Nun brat mir einer eine Gans, aber recht knusprig,« sagte Oberamtmann Wichers, als die Geschwister fort waren. »Die Sache hat keinen guten Anstrich.«

Lieschen Wichers war auf ihr Zimmer gegangen und weinte bitterlich.

* * * * *

Jürgen und Wolf befanden sich am anderen Tage im Kontor stumm gegenüber. Keiner von beiden mochte das Gespräch anfangen. Es lag wie eine gefüllte Mine zwischen ihnen, die nicht entzündet werden sollte. Prokurist Armin kam wie täglich herein, um von Jürgen die Anordnungen entgegenzunehmen. Wolf erhob sich.

»Du mußt mich heute entschuldigen, Jürgen! Ich habe starke Kopfschmerzen und will einen Spaziergang machen.« Er stand auf und ging hinaus.

Jürgen stützte seinen Kopf schwer auf die Hand. Er besprach dann langsam die schwebenden Angelegenheiten.

»Gestern war Herr Konsul Martens hier,« sagte Armin, »er wollte Herrn Wolf Plüddekamp fragen, ob Smiders & Sohn den Hamburger Herrn als stillen Teilhaber aufgenommen haben.«

Jürgen zuckte mit den Achseln.

»So viel ich weiß, ist es noch nicht so weit. Mein Bruder hat wenigstens nichts davon erwähnt.«

* * * * *

Es war Tauwetter eingetreten. Die Straßen waren naß und schlüpfrig, von den Dächern tropfte der schmelzende Schnee herab.

Wolf Plüddekamp ging durch die Anlagen, und der sonst so lebenslustige junge Mann schien ganz in Gedanken versunken zu sein. Er achtete kaum darauf, wer ihm begegnete.

»Holla, junger Freund,« weckte ihn plötzlich die Stimme des Konsul Martens, der seinem Geschäft zueilte, aus dem tiefen Sinnen auf. »Wohin wollen Sie?«

»Ziellos in die Welt!« erwiderte Wolf.

»Das darf man nie, Freundchen,« erwiderte der Bankier. »Man muß stets ein Ziel vor Augen haben.« Er sah darauf den jungen Mann schärfer an. »Haben Sie gestern eine starke Sitzung gehabt?« fragte er weiter.

»Nein, Herr Konsul! Wir waren in Wershagen zur Jagd.«

»Natürlich hat Jürgen wieder die größte Strecke gehabt.«

»Stimmt auffällig! Er erlegte eine stattliche Reihe Wildgänse.«

»Und Sie?«

»Eine -- dabei nur gemeinschaftlich mit Fräulein Lieschen Wichers. Wer sie eigentlich getroffen, wußten wir selbst nicht.«

»Macht nichts, lieber Freund! Mit Lieschen Wichers können Sie sich ruhig in das Jagdglück teilen. Überhaupt -- das Fräulein ist eine Partie für Sie! Ich habe schon immer etwas munkeln hören. Greifen Sie doch zu! Neulich war der Oberamtmann mit seinem Töchterlein bei mir. Ich darf zwar nicht ausplaudern, aber das kann ich Ihnen doch sagen, die Staatspapiere, die er auf der Bank liegen hat, werden außer Wershagen eine stattliche Mitgift für die einzige Tochter sein. Sie können sich dann später den Roggen gleich selbst bauen, den Sie im Geschäft brauchen.«

Wolf hatte den alten Freund der Familie ruhig sprechen lassen. Er seufzte jetzt tief auf.

»Es ist richtig, was Sie sagen, Konsul Martens! Ich würde mich vielleicht auch eines Tages dazu entschließen, wenn nicht --«

»Nanu,« meinte Martens verdutzt, »haben Sie noch mehr Ernsthaftes im Sinne?«

»Ja!« fuhr es Wolf heraus. »Sind Sie eilig, in Ihre Bank zu kommen, oder können Sie noch mit mir ein wenig spazieren gehen?«

»Gern,« erwiderte der Konsul. Sie schritten langsam auf den nassen Wegen dahin. Hie und da war der Schnee zu einer großen Wasserlache geworden, die sie in weitem Bogen umschreiten mußten.

»Sie waren als junger Mann in Berlin?« begann Wolf plötzlich zu fragen.

»Allerdings,« nickte der Konsul.

»Sie erlebten dort manches?«

»Natürlich,« erwiderte der Konsul lächelnd, »man muß sich doch in seiner Jugend die Hörner abstoßen, wie man so zu sagen pflegt --«

»Und sind dann Junggeselle geblieben!«

»Leider!« stieß Martens aus. »Sie wissen ja auch, warum.«

»Gut! Sagen Sie mir jetzt, Konsul Martens: gibt es Frauen, die einen Mann so fesseln können, daß die Leidenschaft, die man für sie fühlt, ein Leben hindurch aushält?«

Der Bankier schaute erstaunt auf.

»Ei, ei, lieber Freund Wolf, das ist eine heikle Frage! Wie soll ich Ihnen diese beantworten! -- Es kommt ganz auf Charakter und Temperament an. Zum Guten führt es wohl selten. Für eine Ehe braucht man mehr. Dazu gehört vor allen Dingen eine beiderseitige Herzensbildung, gleiche Neigungen und ein alles umfassendes Wohlwollen, das man sich täglich und stündlich angedeihen lassen muß. Eine Ehe soll nicht Sturm auf dem Meere bedeuten, sondern Frieden und Ruhe im Hafen an einem sicheren Anker.«

»Und wenn man dies nun nicht kann!« fuhr Wolf plötzlich auf. »Wenn es nicht möglich ist, daß man sich in ein solches Los hineinfindet? Wenn man sich mit allen Gedanken an ein Geschöpf kettet, das jeden Nerv in einem erregt! Dieses Geschöpf aber herumflattert, wie eine angeschossene Weihe, die noch im letzten Augenblick mit ihren Fängen zuschlagen will, -- was soll man dann tun?«

»Brr!« schüttelte sich Konsul Martens, »was malen Sie für Bilder, lieber Wolf! Mit Raubvögeln mag ich nichts zu schaffen haben. Die läßt man hübsch beiseite. Das Interesse ist höchstens für einige flüchtige Minuten, -- aber nicht für das Leben. Ich weiß wohl, wen Sie meinen! Übrigens, Sie stehen damit nicht allein da. Es ging mir gerade so. Ilse Hergenbach, diese meinen Sie doch, hat auf uns alle eine merkwürdige Anziehungskraft ausgeübt. Wissen Sie, Freundchen, -- sie ist ein Weib, das uns eine Zeitlang berauschen, aber nie beglücken wird.« Er setzte dann ernst hinzu: »Lassen Sie die Hand davon, Wolf Plüddekamp!«

»Ich kann es nicht mehr! Ich kann es wirklich nicht mehr,« sagte der junge Mann mit ganz verstörtem Gesichtsausdruck. »Ich erliege fast unter den seelischen Qualen, die ich in den letzten Monaten erduldet habe. Wenn Sie wüßten, was alles unter uns vorgefallen ist, und dabei bin ich heute noch keinen Schritt weiter wie am ersten Tage! Es packt mich zuweilen eine Eifersucht, wenn sie andere Männer ansieht, daß ich rein toll werden könnte. Mit dem ersten Blick aus ihren grauen, rätselhaften Augen hat sie meinen ganzen Gemütszustand in eine wilde Erregung gebracht. Sie muß mein werden!«

»Pah, pah! Lieber junger Freund,« erwiderte Konsul Martens. »Verstehe, verstehe! Ich bin gut zwei Dutzend Jahre älter als Sie, da denkt man ruhiger über solche Leidenschaft. Ich habe Fräulein Hergenbach mehrfach beobachtet! Ich glaube, wir erleben noch etwas an ihr --«

»Dann bin ich dabei,« sagte Wolf kurz. »Ich ändere nichts mehr daran.«

»Holla, mein Herr Wolf! Ehe Sie einen törichten Schritt vornehmen, vertrauen Sie sich erst vor allen Dingen Ihrem Bruder Jürgen an.«

»Das kann ich nicht, Konsul Martens! Jürgen versteht mich nun einmal nicht!«