Geschwister Plüddekamp

Part 2

Chapter 23,664 wordsPublic domain

»Dunnerlüchting!« fluchte dieser. »Wie haben die franzö'schen Gefangenen bei uns im Barackenlager immer gesagt: ›Grand malhör!‹ Hm -- -- -- das ist nun da! Mein Herr Wolf ist reingefallen und der alte Däne ist für mich futsch.«

Jürgen Plüddekamp hing in seinem Privatkontor die Mütze an die Wand und ging einige Male stark auf und ab. Die Dielen knarrten unter seinen schweren Schritten.

»Wolf hat es doch nicht nötig, mir etwas vorzuflausen! Warum tut er es?« dachte er. »Er besitzt die völlige Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie es ihm gefällt. Ist sein jetziges Verhalten eines echten Kaufmanns würdig? -- Auf das einfache Wort eines Mannes soll man Häuser bauen können. Und Wolf! -- Um sich zwei Stunden Aufsicht zu ersparen, zieht er selbst den alten Hindorf mit in Unwahrheiten hinein. -- Ich habe es dir in die Hand gelobt, Vater, über ihn zu wachen. Je älter er aber wird, desto schwerer ist es für mich.«

Es klopfte. Ein Angestellter brachte die fertige Korrespondenz und sah sich erstaunt um, weil der Chef nicht den gewohnten Platz einnahm. -- Jürgen atmete schwer auf. Er machte sich an die Arbeit, die Briefe zu unterzeichnen. Aus der breiten Goldfeder, deren er sich dazu bediente, floß es in markigen Buchstaben: »Jürgen Plüddekamp.«

III.

Am nächsten Morgen hatten die Brüder eine längere Aussprache. Wolf hielt auf die Anschuldigungen Jürgens diesem sofort entgegen:

»Du zwingst mich durch dein fortgesetztes Überwachen zu törichten Ausreden, die mir selbst zuwider sind. Zieh aber keine krause Miene, wenn ich zuweilen den Tagesdienst für ein paar Stunden satt habe.«

»Wolf! Es ist doch unser Geschäft! Das deine -- wie das meine. -- Haben wir nicht die verdammte Pflicht, jeder unser Bestes dafür einzusetzen? Sollen deine Nachkommen einst sagen: ›Die Firma Plüddekamp hat früher besser dagestanden!‹ Wird der Konkurrenzkampf nicht täglich, ja sogar stündlich gewaltiger? Können doch bereits in Stunden Gewinne verloren gehen, sogar Verluste entstehen. Die Nichtbeachtung eines späten Telegramms kostet unter Umständen Tausende. Man muß daher in einem derartigen Geschäftsbetriebe fortgesetzt auf dem Posten sein! Nur durch energische Arbeit, gepaart mit scharfem kaufmännischem Verstande, ist heute noch ein Vorwärtskommen möglich -- und vorwärts wollen wir!«

Wolf hatte die Worte des Bruders ruhig über sich ergehen lassen. Seine lebhaften blauen Augen irrten ein paar Sekunden an der gegenüberliegenden Wand ziellos umher.

»Du hast mir dies schon häufiger gesagt und bist in deinem Recht, Jürgen!« erwiderte er dann, und der Ton seiner Stimme vibrierte leise. »Ich besitze aber auch das meine, und es lautet etwas anders: das Leben ist nicht nur -- Arbeit, nicht nur -- Drang nach Kapitalbesitz! Das Leben verlangt auch gebieterisch, einer inneren Stimme zu genügen. Der eine Mensch drückt seinen Wert nur in Zahlen als Guthaben auf dem Bankkonto aus, er ist nach amerikanischem Muster bei seinen Mitmenschen -- fein-fein. Den andern aber, dem nicht nach weiterem Vermögen verlangt, treibt es -- das Schöne auf der Erde zu suchen und es an sich zu reißen, wo er es auch finden mag. Er ist ein Mensch, der sich noch ein Stück Idealismus bewahrt hat und Zahlen nicht schätzt, er ist in euren Augen ein -- Abtrünniger --«

»Wolf -- kein Wort weiter!« Jürgen hatte es heftig ausgerufen. Auf seiner Stirn schwoll die Zornesader der Plüddekamp dunkelblau an. »Unser Vater hat es gewünscht, daß ich dich ins Geschäft aufnehmen sollte. Er kannte meine Abneigung, eine Ehe einzugehen! Meine Familie waret ihr, -- Herta und du! Habe ich je etwas in der Sorge für euer Wohl verabsäumt? Nun wuchern deine Vorwürfe wie schwarzes Mutterkorn in vollreifen Ähren. Das darf nicht sein, Wolf. Sonst --«

»Nun, sonst?« fragte Wolf gereizt.

Jürgen Plüddekamp richtete seine strengblickenden Augen fest auf den jungen Mann, aber sein Mund blieb geschlossen. Er sprach ein hartes Wort, das er gedacht hatte, nicht aus. Erst nach einer geraumen Weile, als die Frühpost hereingebracht wurde und Prokurist Armin die Anordnungen entgegennehmen wollte, sagte er plötzlich:

»Es ist heute ein schöner Herbsttag. Graf Thadden-Bützenbrück verlangt einige tausend Zentner bestgereinigten Roggen zur Aussaat! Willst du mit ihm verhandeln, Wolf? Er ist einer unserer guten Kunden. Bleibe nur zu Tisch dort, du erhältst sicher eine Einladung.«

Wolf schaute zur Straße hinaus. Die goldenen Sonnenstrahlen tummelten sich dort auf den Pflastersteinen umher, blitzten auch zuweilen auf den starken Stahlbändern des Lastautos auf, das soeben nach den Speichern auf der Lastadie abfahren sollte. Es zog ihn mächtig hinaus, -- nur fort aus der dumpfen, ihn bedrückenden Kontorstube! --

»Gut! Ich werde hinausreiten!« erwiderte er dann, und auf seinem Gesicht begann ein freundliches Lächeln zu entstehen. »Ich habe also Urlaub für den ganzen Tag -- sollte jedoch Graf Thadden nicht anwesend sein oder mich nicht einladen --«

»Ausgeschlossen, Wolf! Übrigens reite dann weiter zum Oberamtmann Wichers. Sage ihm einen Gruß von mir und -- horche einmal, wie hoch die Lieferung ausfallen wird. Von seinem Boden kommt immer das vollste Korn. Wichers ist einer unserer besten Landwirte. -- Wir können ihm ruhig etwas mehr zahlen. Wichers Roggen -- schüttet Gold.«

»Ja, Jürgen! Zu Wichers reite ich noch auf alle Fälle. Wenn ich auch erst in der Nacht zurückkehren kann. Die Landstraße hat einen guten Sommerweg. -- Herr Armin,« wandte er sich an den Prokuristen, »ich möchte die Proben für Graf Thadden mit der heutigen Preisnotierung haben.«

Der Prokurist verließ sofort das Privatkontor, um das Gewünschte zu holen.

»Jürgen -- du bist doch ein guter Kerl,« fuhr Wolf fort, »und meine Worte von vorhin tun mir eigentlich leid. Du hast mich mit edler Waffe geschlagen. Ich bringe heute todsicher ein gutes Geschäft zustande. Am Abend spiele ich mit Lieschen Wichers vierhändig Klavier. -- Du sagst es Herta bei Tisch, damit sie nicht mit dem Abendbrot auf mich wartet. Und dann -- laß meine Flunkerei Jochen nicht entgelten. Ich hatte ihn gestempelt, -- der brave Alte konnte nicht anders.«

Jürgen lachte aus vollem Halse.

»So will ich dich haben, mein Wölfchen! Nun gefällst du mir wieder, und ich werde von heute ab den bösen Mentor einengen, wo und wie ich es nur kann.« --

Eine halbe Stunde darauf schwang sich Wolf Plüddekamp in elegantem Reitanzug aufs Pferd. Man sah ihm dabei sofort den flotten Reiter an.

Jürgen ging zu Wolf hinaus und klopfte den schlanken Hals des prächtigen Fuchses mit seiner kräftigen Hand. Das Blutpferd wurde unruhig und trat hin und her.

»Verliere die Proben nicht, Wölfchen! Du hast sie nur lose in die Seitentasche gesteckt.« Der Fuchs wollte anspringen und kaute heftig auf dem Gebiß. -- »Warte noch einen Augenblick, -- ich knöpfe dir die Tasche zu,« und als dies geschehen, fuhr er fort: »Nun bist du sicher -- und kannst so stark traben, wie du willst! Vergiß nicht, Wichers zu grüßen.«

Der feurige Fuchs ließ sich nicht länger zurückhalten und machte einige kräftige Sprünge. Wolf saß fest im Sattel und hatte ihn sofort wieder am Zügel. Er grüßte mit der Reitpeitsche und trabte die Straße hinunter, um bald auf dem weichen Reitweg der nahen Anlagen zu verschwinden.

Jürgen schaute ihm eine Zeitlang nach.

»Allzu scharf macht schartig! Ich will ihm die Zügel etwas länger lassen. Er kommt schon allein wieder auf das Richtige zurück,« dachte er bei sich, als er in das Kontor ging, um noch einige Anordnungen zu erteilen.

* * * * *

Wolf ließ den Fuchs dahintraben. Das Gefühl von Jugend und Kraft, das ihn beseelte, brachte die glücklichste Stimmung in ihm hervor. Lieschen Wichers war ein liebes Mädchen, ein echtes zukünftiges Hausmütterchen, -- gut erzogen, ein wenig musikalisch, und hatte oft lustige, schalkhafte Einfälle. Sobald sie vierhändig Klavier spielten, schaute sie ihn neckisch an. Der Oberamtmann konnte sich natürlich keinen besseren Schwiegersohn wünschen, seine Tochter keinen hübscheren Mann. Wolf Plüddekamp entflammte die Herzen aller jungen Mädchen in der Umgegend, mit deren Vätern seine Firma geschäftliche Beziehungen pflegen mußte.

Sein Bruder sandte ihn deshalb gern zu neuen Abschlüssen. Jeder töchterreiche Vater hoffte im stillen auf Absichten dabei, und Kauf wie Verkauf wickelte sich schneller ab als sonst. Lieschen Wichers war Wolf bisher ganz sympathisch gewesen, er hatte sogar manchmal weiter gedacht und sich geprüft, ob sein Puls in ihrer Nähe schneller schlage. -- Leider geschah es nicht, trotz der frischen Farben auf ihren Wangen. Wie dies nur zuging? Es fehlte etwas, das er sofort in den Augen auf Ilse Hergenbachs Bild erkannte. Ein unbewußt Anziehendes -- ein tolles Aufjauchzen vor Lust, und doch dabei ein tiefes Insichgekehrtsein und Zurückbeben -- miteinander streitende Gefühle, die jede Fiber des Körpers erregten. Wie kam dies alles nur in die Augen hinein? Es mußte sich ihm bald zeigen. Er wollte es ergründen, es kennen lernen. Würden Körper und Seele bei ihr schon soweit entwickelt sein, um alle Fragen beantworten zu können? -- Er erwartete den Tag der Ankunft Ilse Hergenbachs mit größter Spannung -- alles andere war ihm gleichgültig geworden. Klavierspiel, -- wie alltäglich! Jetzt kam etwas Aufrüttelndes, er sehnte die Stunde herbei, in der er endlich anfangen würde, es zu erleben. -- --

Jürgen und Herta saßen noch bei einer Partie Schach, als er spät in der Nacht heimkehrte.

»Tee und Sandwiches stehen für dich bereit, Wölfchen,« sagte Herta freundlich. »Du wirst sicher noch einen verborgenen Hunger haben, trotz der kräftigen Hausmannskost bei Oberamtmann Wichers. Hat nicht Fräulein Lieschen ihre Gänsesülze besonders gelobt?«

»Erraten, Herta! Aufs Tüpfelchen erraten! -- Spielt nur eure Partie zu Ende, -- ich stärke mich einstweilen. Nach dem zweistundenlangen Trabe revoltiert der Magen wirklich noch einmal!«

»Nun -- Wölfchen?« schaute Jürgen ihn fragend an, »Gutes erreicht?«

»Du wirst mit mir zufrieden sein, Jürgen. Ich bin genau deinem Rate gefolgt. Graf Thadden hat Sorte B gekauft, -- längeres Ziel als sonst. Hm, darüber müssen wir noch reden. Sein Sohn hat etwas zu kräftig verbraucht. Komtesse Marie verriet es mir.«

Jürgen lächelte.

»Ein längeres Ziel macht nichts aus. Bützenbrück hat vortrefflichen Boden, der eine Scharte rasch wieder auswetzt. Der junge Graf schlägt über die Stränge. In Berlin verpulvert sich ein brauner Schein sehr schnell, wenn man Graf ist und den alten Namen glänzend vorstellen will.

Manchmal reicht kein Vermögen hin. Der alte Graf legte als vorsichtiger Mann die Mitgift für Komtesse Marie auf der Reichsbank fest; -- der junge Graf sorgte dafür, daß sie wieder abgehoben wurde.«

»Bei Wichers war es gemütlich wie immer,« erzählte Wolf mit Unterbrechung, indem er einige Sandwiches verzehrte. »Er kann zehntausend Zentner mehr liefern, als er gedacht hat. Die Proben habe ich mit. Als die Preisfrage besprochen wurde, kam Lieschen Wichers dreimal ins Zimmer hinein, und dabei gelang es mir richtig, einige Prozent Skonto abzuhandeln. Es ist über tausend Mark, und der Oberamtmann zog ein Gesicht, als wir die Abschlußnotizen in unseren Büchern vornahmen. -- -- ›Sie sind schlimmer als Ihr Bruder,‹ meinte er. Beim Abendessen fuhr er aber ein paar alte Flaschen Rheinwein auf und lud mich ein, bald wieder herauszukommen.«

»Wirst du es tun, Wölfchen?« fragte Herta, vom Spiel aufsehend. Sie hatte soeben einen Springer günstig aufgestellt und hoffte Jürgen mit ein paar weiteren Zügen matt zu setzen.

»Vielleicht!« antwortete Wolf gleichgültig. »Wie's Wetter wird. Es ist immer ein starker Ritt für den Fuchs nach Wershagen. Der Gaul spürt es ein paar Tage in den Knochen.« -- Der junge Mann ließ sich den Nachtimbiß weiter munden.

Herta und Jürgen vertieften sich in ihre Partie, die anscheinend dem Ende zuging. Der Sieg schien sich, auf Hertas Seite zu neigen.

»Wölfchen -- komm her! Jetzt kann Jürgens König nicht mehr entweichen -- seit langer Zeit gewinne ich einmal --«

»Noch -- nicht,« warf Jürgen gedehnt ein.

Er sann einige Minuten nach. Man sah förmlich, wie die Pläne in seinem Kopfe entstanden, so ausdrucksvoll gestalteten sich seine Züge. Dann ging das Spiel fort. Herta wurde in kurzem vollständig matt gesetzt.

»Bravo Jürgen! Es waren Meisterzüge! Der blinde Neid muß dir dies lassen!« rief Wolf ihm zu.

»Gräm dich nicht darum, liebe Herta,« lächelte Jürgen freundlich. »Wir sind nun einmal das stärkere Geschlecht.« --

IV.

Die folgenden Tage brachten unfreundliches Wetter. Trübe, schwere Wolken zogen über die Stadt hinweg. Die kleinen Dampfer blieben im Hafen. Dieser war lange Zeit nicht mit so vielen Schiffen angefüllt gewesen. Die Steuerbeamten konnten kaum ihren Revisionen nachkommen. Zahlreiche nordische Dampfer warteten auf neue Ladung.

Die Möwen flatterten von der Odermündung bis in die Hafenanlagen hinein. Draußen auf der See und im Pommerschen Haff traten Böen auf; es gab kurze, heftige Stoßwellen, die alle Fischerboote zur Heimkehr zwangen. Sturm war in Sicht.

Es brauste auch bald aus Nordwest jäh und ungestüm heran. Die Wellen im Haff stürzten wild durcheinander, und selbst die größten Dampfer hatten schwere Fahrt. In der Stadt rüttelte der Sturm an den Dächern und Zäunen, entwurzelte in den Alleen große Bäume und trieb sein wildes, zügelloses Gebaren zum Verdruß der Einwohner.

Schwarzgraues Gewölk jagte tief über die Häuser hinweg. Es wurde am Nachmittag so dunkel, daß die Laternen eine Stunde früher angezündet werden mußten. Der Regen fuhr sturmgepeitscht hernieder, und auf den Gassen floß das Wasser stromweise zu den Abzugskanälen hin.

»Also heute abend,« sagte Wolf zu Herta. »Hast du den Wagen bestellt, oder kann ich Ilse Hergenbach von der Bahn abholen?«

»Nein, Wölfchen! Zügle deine Neugierde. Ich bin selbst zur Ankunft des Zuges auf dem Bahnhof! Laß deinen Abonnementsplatz im Theater nicht leer. Du siehst Ilse noch früh genug.«

»Sie ist doch die Tochter einer befreundeten Familie! Ich werde mir keine Unhöflichkeit zuschulden kommen lassen,« warf er hastig ein.

Herta schaute ihn darauf prüfend an, sie erwiderte aber nichts.

Zum Abendbrot war Ilse Hergenbach bereits eingetroffen. Wolf hatte sich sorgfältig umgekleidet, Jürgen erschien jedoch in seinem täglichen Kontoranzug.

Das erste Sehen gestaltet sich meist eigenartig. Herta saß mit dem jungen Mädchen in einer Sofanische. Als die Brüder eintraten, erhoben sie sich, und Ilse wurde erst Jürgen, dann Wolf vorgestellt. Der Ältere machte die erste Begegnung kurz ab.

»Seien Sie willkommen im Haus Plüddekamp, Fräulein Hergenbach. Lassen Sie es sich darin wohl sein.« Er dankte dann für die Grüße, die Ilse von ihren Eltern überbrachte. Die Augen des großen Mannes musterten kaum die schlanke Gestalt in dem einfachen grauen Reisekleide.

Wie anders Wolf! Er trat dicht an sie heran und gab ihr die Hand mit kräftigem Druck.

»Darf ich Fräulein Ilse sagen?« bat er sofort. »Wir beide sind jetzt die Jüngsten im Hause und werden hoffentlich gute Kameradschaft halten. Spielen Sie Lawn-Tennis? Wir haben im Garten einen Spielplatz. Morgen wird er allerdings durchweicht sein!«

»Nun frage Ilse auch gleich noch, ob sie Galopp reitet, ob sie an der Dollarprinzessin Geschmack findet und gern Sekt trinkt. So lautet doch dein Programm, Wölfchen?« neckte ihn Herta.

Wolf schien dies nicht ganz angenehm zu sein.

»Glauben Sie es nicht, Fräulein Ilse!« warf er hastig ein. »Meine Schwester versucht unsere notwendige Kameradschaft von vornherein zu untergraben. Ich bin wahrhaftig besser als mein Ruf.«

Ilse Hergenbach sah die leuchtenden blauen Augen dicht vor sich. Unwillkürlich weitete sich auch ihr Blick. Sie schaute ihn einen Augenblick hindurch etwas scheu an, dann flog ein leises Lächeln über die feinen, bleichen Züge. Wie seltsam ist solch ein erstes Begegnen! Impulsives Fragen und scheue, versteckte Antwort. Ilse und Wolf standen sich so gegenüber. Er mit freiem offenem Herzen, das sagte: »Ich freue mich, daß du zu uns gekommen bist! Ich finde dich interessant und will dich näher kennen lernen!« -- Sie dagegen mit dem klugen Instinkt des Weibes ihre Gedanken zurückhaltend und darum nur mehr anreizend, diese zu ergründen.

»Tante Herta schrieb bereits, daß ich in Ihnen einen Freund der schönsten Künste finden würde. Ich soll freilich die Hauswirtschaft studieren, wie Mama es will. Nun, ein Stündchen am Tage werde ich doch musizieren oder malen dürfen, damit ich nicht alles verlerne.«

»Gewiß, Ilse!« sagte Herta bereitwillig. »Du kannst dich auch an meiner Arbeit für notleidende arme Geschöpfe beteiligen. Überhaupt solltest du an allem in unserem einfachen Leben teilnehmen.«

»Ich scheide dabei aus, Fräulein Hergenbach,« fiel Jürgen mit seiner starken Stimme ein. »Meine Domäne ist das Kontor, -- das große Geschäftsgetriebe einer alten Firma, darin gibt es keinen Raum für ein junges Mädchen.«

»Warum nicht, Herr Plüddekamp? Ich habe bei meinem Vater oft aushelfen müssen. Ich stenographiere und bin auf der Schreibmaschine eingeübt. Ich habe kalkuliert und korrespondiert.«

»Dabei widmeten Sie sich der Musik und Malerei und trieben Kunststudien. Nun wollen Sie die Haushaltung erlernen. Ein wenig viel, um eins davon gründlich zu verstehen,« gab ihr Jürgen zur Antwort.

»Das moderne Mädchen soll doch in allen Sätteln gerecht sein, -- die Welt verlangt es, um uns für vollwertig zu halten!« vertrat Ilse ihren Standpunkt.

»Entsetzlich!« fiel Wolf mit lächelndem Munde ein. »Welche Stunden bleiben dann für die Pflege der Schönheit übrig, -- die Hauptaufgabe der Frau -- dem Manne zu gefallen?«

»Muß es denn unser Lebenszweck sein, Herr Plüddekamp, den Männern zu gefallen? Vielleicht war es früher so, heute -- wollen wir gleichberechtigt auftreten,« entgegnete Ilse. Keine Miene ihres Gesichtes verriet, ob ihre Gedanken und die ausgesprochenen Worte übereinstimmten.

»Sagen Sie bitte -- Wolf, zum Unterschied von meinem Bruder, Fräulein Ilse,« ließ sich dieser nicht beirren. »Übrigens soll meine Ansicht nicht als allgemeine Regel gelten. Es gibt Ausnahmen -- meine Schwester Herta gehört dazu. Und doch besitzt die Schönheit der Frau ein unbestrittenes Recht, zu gefallen, das sie sich nicht verkümmern lassen darf.«

»Wölfchen -- du windest dich in der Schlinge, -- du bist gefangen --« fiel Herta lachend ein. »Ilse hat ihre Sache tapfer verteidigt.«

Der junge Mann versuchte wiederholt, Ilse Hergenbach in die Augen zu sehen. Sein Wunsch, darin zu lesen, war zu mächtig, um ihm widerstehen zu können. Sie mußte dies unwillkürlich fühlen, denn plötzlich traf ihr Blick voll den seinen. Er hatte dabei ein neues, ganz eigenartiges Empfinden, das seine Nerven heftig erregte. Das Blut quoll ihm heiß vom Herzen bis zu den Schläfen empor. Einen Augenblick war er wie berauscht, -- das also konnten diese Augen, diese grauen, unergründlich tiefen Augen hervorrufen!

Welch eine wundersame Kraft strömte von ihr aus! Sie kam zu ihm, wohin würde sie ihn führen?

Herta mußte diesen Augenblick des Selbstvergessens bemerkt haben. Sie sah Ilse schärfer an und forderte sogleich auf, das Abendbrot einzunehmen. Jürgen ging an den Speisetisch, und während seine hohe, kräftige Gestalt fest auftrat, folgten ihm Ilses Blicke. -- Sie zeigten Neugierde, aber auch eine Bewunderung der echt männlichen Erscheinung des ältesten Plüddekamp.

Während der Mahlzeit wurde wenig gesprochen, und Herta hob früh die Tafel auf, damit sich Ilse nach der anstrengenden Reise bald zurückziehen konnte. Wolf war dies nicht recht.

»Was soll ich heute abend beginnen, Herta?« klagte er.

»Jürgen spielt Skat mit uns, du mußt dabei aufpassen, Wölfchen,« erwiderte die Schwester.

Er war aber derart zerstreut, nachdem Ilse das Zimmer verlassen hatte, daß er die einfachsten Spiele umwarf.

»Es geht heute wirklich nicht --« damit legte er unmutig die Karten hin. »Ihr müßt mich entschuldigen. Ich fahre nach dem ›Luftdichten‹, um mir die nötige Schlafschwere zu holen.«

Jürgen und Herta sahen sich schweigend an und begannen dann ihre allabendliche Partie Schach.

* * * * *

Seit Ilses Ankunft war Wolf wie ausgewechselt. Er verließ selten das Haus und schob das eingetretene schlechte Wetter vor. Jede freie Stunde des Tages brachte er bei Herta und ihrem Zögling zu, während Jürgen mehr denn je im Kontor arbeitete. Der Schimmer des elektrischen Lichtes fiel oft noch bis gegen Mitternacht auf die Straße hinaus. Spät begab er sich zur Ruhe.

Er hatte recht gehabt, wenn auch in anderer Weise. Ilse Hergenbach tollte nicht laut umher, -- im Gegenteil, sie war äußerst ruhig, sprach wenig, glitt geräuschlos mit ihrer überschlanken Gestalt durch Zimmer und Gänge, aber sie zog dabei magnetisch an sich.

Wolf folgte ihr, wo er es nur konnte; er mußte einen Blick, einige Worte von ihr erhaschen.

Jürgen dagegen, sobald er sich dabei ertappte, daß er ihr unwillkürlich ein paar Schritte nachgegangen war, reckte sich plötzlich stolz empor und wandte sich kurz der Haupttreppe zu, um in sein Kontor zu eilen. Es ärgerte ihn, daß sein Auge auf den schlanken Linien ihres Körpers geruht hatte, und er ballte fest die Faust zusammen, -- es sollte nicht wieder vorkommen. Seine Brust hob sich schwer dabei. Er hatte nicht gesehen, wie Ilse bei seiner schroffen Wendung sofort stehen blieb und die großen Augen ihm scheu und unwillig nachschauten.

Die Ruhe war aus dem alten Kaufherrnhause geschwunden. Das bisherige harmlose Zusammensein der Geschwister litt darunter, und Herta bereute schon, dem Wunsche ihrer Freundin nachgegeben zu haben.

Ilse Hergenbach, obwohl keine Schönheit im Sinne des Wortes, besaß etwas unheilvoll Bestrickendes für die Männer, dem nur eine große Willensstärke widerstehen konnte. Selbst Konsul Martens, der einstige Verehrer Hertas und Freund der Familie, kam jetzt häufiger und blieb einsilbig, wenn Ilse nicht erschien.

Herta sann darüber nach; ihr reiner, starker Sinn konnte sich lange keine Erklärung geben. Der Verkehr junger Männer wurde immer reger in ihrem Hause, und doch war Ilse nicht im mindesten kokett. Sie tat ruhig ihre Pflicht und plauderte nur zuweilen an den langen Winterabenden etwas angeregter mit Wolf. Auch Jürgen und Herta hörten gern zu, wenn sie von den erlebten Kunstgenüssen sprach und ihre tiefe, wohllautende Stimme die kleine Tafel beherrschte.

Sobald aber Ilse dies bemerkte, schwieg sie plötzlich still und war nicht wieder zum Reden zu bringen. Nur ihr Auge glitt von einem zum anderen, als wenn es sagen wollte: »Ich habe als Jüngste nicht das Recht, die Unterhaltung zu führen.«

Wolf konnte bitten, so viel er wollte, Ilse blieb stumm, -- es prallte jedes Wort bei ihr ab, selbst Herta erhielt auf ihre Fragen nur einige rasch hervorgestoßene Silben zur Antwort. Das junge Mädchen konnte durch sein Schweigen geradezu ungezogen erscheinen und gab sich auch keine Mühe, es zu verdecken.

Herta ärgerte sich darüber; sie hielt dies Benehmen für einen Mangel an Erziehung. Einige Male sagte sie auch zu ihrem jüngeren Bruder:

»Gib dir keine unnütze Mühe, Wölfchen! Wenn Ilse in ihre Stummheit versinkt, mag sie mit sich selbst fertig werden.«

Jürgen hatte nur sein kräftiges Lachen dafür, aber auch dies stockte manchmal; dann verließ er mit irgendeinem kurzen Wort den kleinen Kreis und ging in sein Schreibzimmer.

Nun kam das Seltsamste. Ilse fand plötzlich ihre Sprache wieder und war die Liebenswürdigkeit selbst zu den anderen.

»Ilse ist ein merkwürdiges Geschöpf -- ich werde aus ihr nicht klug,« sagte Herta eines Tages zu Jürgen, »sie kommt mir zuweilen wie eine Sphinx vor -- --«

»Nein, -- wie eine Hexe --« erwiderte er kurz.

»Aber Jürgen! Wie kommst du darauf?« fragte Herta erschrocken.

»Durch den starken Einfluß, den sie ausübt, liebe Schwester! Wölfchen hat sie ganz umstrickt, und seine Freunde rennen uns jetzt das Haus ein --«

»Ilse ist aber peinlich in ihrer Arbeit und versäumt keine Pflicht. Sie erfüllt sofort jeden meiner Wünsche und kann eine tüchtige Hausfrau werden.«

»Niemals!« stieß Jürgen barsch aus.