Part 15
Jürgen erstieg die Treppen bis zum obersten Stockwerk. Ein häßlicher Geruch drang ihm überall entgegen; schmutzige, seit Jahrzehnten nicht mehr im Anstrich erneuerte Wände starrten ihn an. Endlich hatte er die Wohnung erreicht. Er las: Friedrich Kern. Der Name eines deutschen eingewanderten Arbeiters, bei dem sich Ilse Hergenbach aufhalten sollte.
Ein Klingelzug war nicht vorhanden, -- er klopfte. Nach einer ganzen Weile wurde erst die Tür geöffnet. Eine ärmlich aussehende ältere Frau kam heraus und schaute verwundert auf den elegant gekleideten Herrn hin, der zu so früher Stunde hier erschien.
»Ist Fräulein Hergenbach zugegen?«
»Sie meinen die Ilse! Ich werde sie gleich rufen.«
»Unterlassen Sie es bitte!« fiel Jürgen ein. »Ich will sie in ihrem Zimmer aufsuchen.«
Die Frau zeigte ein mattes Lächeln.
»Die Ilse hat kein Zimmer, Herr! Die hilft mir beim Kochen und der groben Arbeit und schläft in der Küche.«
Jürgen Plüddekamp wurde von dieser Antwort stark berührt. Er hatte noch bis zu diesem Augenblick nicht geglaubt, in welch grauenvoller Lage sich Ilse Hergenbach befand, nun überzeugte er sich davon.
»Ich gehe zu ihr,« schob er die vor ihm Stehende beiseite. Er schritt hastig in den kleinen dunklen Korridor hinein, von dem drei Türen abgingen.
»Rechts wohnt ein Genosse von meinem Mann, dann kommt unsere Kammer, und diese Tür links ist die Küche,« erklärte die nachfolgende Frau.
Jürgen Plüddekamp faßte nach dem Türdrücker und trat dann ein. Ein düsterer, von Rauch geschwärzter kleiner Raum, dessen schmales Fenster nach dem Hof hinausführte, lag vor ihm. Ein alter Kochherd, weniges Küchengerät und eine schmale eiserne Bettstelle befanden sich darin. Ilse reinigte das Geschirr in einer Blechwanne. Sie hörte den starken Männertritt und wandte sich rasch um. Vielleicht glaubte sie, daß der Arbeiter zurückkehre; im gleichen Augenblick aber erkannte sie Jürgen Plüddekamp.
Sie unterdrückte einen Schrei. Ihre Gestalt begann zu schwanken, so daß sie sich mit einer Hand schwer gegen die Wand stützen mußte, um nicht zusammenzubrechen.
»Sie kommen -- zu mir, Herr Plüddekamp!« brachte sie tonlos über die Lippen, -- »das ist -- entsetzlich!«
»Lassen wir alles Unnötige, Fräulein Hergenbach,« erwiderte Jürgen kurz. »Ich bin hier, um Sie aus einer unwürdigen Lage zu befreien! Sind Sie den Leuten noch etwas schuldig? Bitte sagen Sie es mir! Ihre Sachen mag die Frau hinunterschaffen. Sie folgen mir sofort!«
»Nein, nein!« stieß sie heftig aus. »Lassen Sie mich in meinem Unglück! Von Ihnen kann und will ich keine Hilfe annehmen.«
»Das ist Torheit, Fräulein Hergenbach!« fiel er scharf ein. »In einem solchen Augenblick dürfen Sie keiner falschen Empfindung Raum geben.«
Sie sah erschreckend bleich aus. Tiefe Furchen lagerten sich um den kleinen Mund. Die Augen lagen glanzlos in ihren Höhlen. Ihre Kleidung war ordentlich gehalten, aber vollständig abgetragen. Ihren schmalen Händen sah man die grobe Arbeit an, die sie zu verrichten hatten.
Jürgen wandte sich an die Arbeiterfrau, die nach einer kurzen Rücksprache den Raum verließ.
»Gehen Sie jetzt mit mir,« trat Jürgen auf Ilse zu. »Sie haben an Konsul Martens geschrieben, um wieder in geordnete Verhältnisse zu kommen. Er verständigte sich mit mir. Ich bin sofort hierhergeeilt, -- zögern Sie nun nicht länger --«
Sie hielt ihm abwehrend beide Hände entgegen.
»Ich kann es nicht!« flammte es plötzlich in ihr auf. »Jedem anderen würde ich folgen -- Ihnen aber nicht! -- Hätte ich Sie doch nie gesehen! Daraus entstanden meine Vergehungen --«
»Denken Sie ruhiger, Fräulein Hergenbach,« unterbrach er sie ernst. »Sie haben kein Recht, mir Vorwürfe entgegenzuschleudern!«
Ilses Augen blickten ihn wild an.
»Recht, -- Herr Plüddekamp? Nein! -- Kennt Liebe aber etwas anderes als ein Naturgesetz, -- und wenn dies verhöhnt wird --« Sie wandte sich ab und suchte ihr Schluchzen zu verbergen. »Ich ertrage mein Los nicht länger -- jetzt bleibt mir nur -- die Amstel!«
»Das wäre ein leichtes Mittel -- um Torheit auszulöschen. Wem der innere Halt fehlt -- der greift gern danach -- aber Kraft zeigen, -- sich aufrichten, -- ein Leben neu aufbauen -- wenn die Hand dazu geboten wird --.«
»Halten Sie ein!« schrie sie gequält auf. »Wie könnte ich mich wieder hineinfinden --«
»Sie werden es -- Sie müssen es! Sie haben die Pflicht, Ihren Charakter zu stählen -- es ist nicht so schwer -- als es Ihnen erscheinen mag.«
Sie hörte zu weinen auf. Was waren dies für Worte? Durfte sie wirklich noch hoffen, konnte sie sich selbst überwinden?
Er merkte sofort den Eindruck, den sie erhalten, und suchte diesen rasch auszunutzen.
»Vor allen Dingen kommen Sie hier fort. Sie sollen sich dann in Ruhe mit mir aussprechen, -- wir werden Ihre Zukunft überlegen, -- schenken Sie mir endlich doch Vertrauen!«
Es kämpfte noch eine geraume Zeit gewaltig in ihr, -- dann rang sie sich aber zu einem plötzlichen Entschluß durch.
»Ein Felsen kann nicht härter sein, als Sie zu mir waren, Herr Plüddekamp, ich zerbrach daran! Nun wollen Sie mich wieder aufrichten, -- ich fühle Ihren kalten Stolz, -- aber auch das Stark-Ehrenhafte in Ihnen, -- und will den Haß im mir niederdrücken, -- der mich ins Elend brachte. -- Ich -- folge Ihnen.«
Frau Kern brachte die Sachen Ilses. Sie wurden in eine kleine Handtasche getan. Jürgen gab der Frau ein Goldstück. Dann schritt Ilse vor ihm die Treppe hinunter und stieg mit in das Auto ein.
»Wir fahren zuerst nach einem Magazin. Sie müssen entsprechend gekleidet sein, ehe Sie das Hotel betreten.«
Sie wollte dagegen aufbegehren. Ein Blick aus den großen, grauen Augen traf ihn, der zu fragen schien: »Was denkst du von mir?!« Jürgen mußte ihn verstanden haben.
»Seien Sie beruhigt, Fräulein Hergenbach! Ich traf Sie heute lieber in dieser elenden Behausung an, als elegant gekleidet in bequem möblierter Wohnung!«
Sie holte tief Atem und erwiderte dann:
»Sie handeln ohne Eigennutz an mir, Herr Plüddekamp! Ich füge mich Ihren Anordnungen.«
Obwohl sich Jürgen mit weiblicher Ausstattung nie befaßt hatte, sprach er doch ganz gewandt über diese Dinge. Kurz darauf hielten sie vor einem großen Modemagazin. Er mußte dort einige Zeit geduldig warten, damit sie sich eine neue Kleidung auswählen konnte. Als sie dann vor ihn trat, war sie eine ganz andere geworden. Nach deutschem Muster, einfach aber geschmackvoll angezogen, machte sie mit ihrer schlanken Gestalt wieder einen angenehmen Eindruck. Nur in ihren bleichen Zügen war noch das Elend der letzten Zeit zu erkennen. Jürgen sah sie prüfend an.
»So,« sagte er darauf kurz, »jetzt können wir in das Hotel fahren.«
In den vornehmen Restaurationsräumen des Hotels stand das zweite Frühstück bereit. Jürgen forderte Ilse auf, daran teilzunehmen.
Wie seltsam sich doch ihr Geschick gestaltete? Hätte nicht alles anders sein können? Jetzt saß sie ihm an dem kleinen gedeckten Tisch gegenüber, und es wurden ihnen die ausgewähltesten Speisen aufgetragen.
»So schön wie auf einer Hochzeitsreise,« dachte sie. Wohin aber hatte sie das Schicksal geführt! -- Der ungeheure Unterschied von gestern und heute drang zu gewaltig auf sie ein. Sie berührte kaum die Speisen.
»Essen Sie doch, Fräulein Hergenbach, Sie werden wohl in der letzten Zeit keine genügende Kost gehabt haben!«
Sie versuchte ein leises Lächeln.
»Gewiß, Herr Plüddekamp, ich habe manchen Tag sogar gehungert. Der Arbeiter Kern nahm mich auf, als ich in den Straßen umherirrte und aus Schwäche von einer Ohnmacht befallen wurde. Ich vermochte mich niemand in meiner Not anzuvertrauen; auch jetzt gab ich die Hoffnung auf, daß Konsul Martens mir helfen würde. -- Heute drang alles so unerwartet auf mich ein, daß ich kaum daran glauben mag. Ich sitze hier wie in einem schönen Traum. Aus dem düsteren Raum heraus -- in diesen Glanz der Welt hinein! -- Der Gegensatz ist zu schroff. Lassen Sie mir Zeit, daß ich mich wiederfinde!«
»Das sollen Sie, Fräulein Hergenbach! Ich bin kein Unmensch und will, daß Sie sich Ihre Stellung in der Welt zurückerobern. Noch können Sie es.«
Sie richtete ihr Auge fragend auf ihn. In dem Blick war nicht mehr das Überwältigen der Sinne des Mannes geboten, etwas Demütiges, Unterordnendes lag in ihm. Jürgen erkannte daraus, daß sie eine furchtbare Lehre empfangen hatte, die sie läuterte. Schade, daß manche Menschen erst irren müssen, um dann auf den rechten Weg zu gelangen.
»Trinken Sie doch ein Glas Wein!« forderte er sie auf. Sie ließ aber das Glas unberührt, das er ihr reichte.
»Ich bin es nicht gewohnt, Herr Plüddekamp. Der Alkohol würde mir zu Kopf steigen.«
Er nahm ein auf dem Tisch stehendes größeres Glas, goß Wasser hinein und vermischte dies mit dem Wein.
»So kann es Ihnen nicht schaden!«
»Es schmerzt mich, Herr Plüddekamp, daß Sie jetzt gütig zu mir sind. Ihre Schroffheit war mir verständlicher.«
»Warum? Mir hat Mitleid nie ferngelegen,« erwiderte er kurz. »Es ist jetzt meine Pflicht, daß es es Ihnen zuteil wird.«
Das Frühstück war vorüber. Jürgen wandte sich zu Ilse.
»Ehe Sie Ihr Zimmer aufsuchen, Fräulein Hergenbach, wollen wir ein Programm entwerfen. In einem der kleinen Konferenzzimmer sind wir ungestört. Ich muß meine Zigarre dabei rauchen.«
Es standen nur ein Tisch mit grüner Tuchplatte, ein paar hochlehnige Stühle und einige Klubsessel in dem kleinen Raum, den sie nun betraten. Jürgen ließ sich bequem nieder, langte eine kräftige Importe heraus, die er nach jeder Mahlzeit rauchte, schnitt behutsam die Spitze ab und brannte sie an. Ilse nahm auf einem Stuhl Platz.
»Hier sind wir besser aufgehoben, als vor Stunden in der Küche, Fräulein Hergenbach. Sie können sich offen aussprechen. Es wird niemand etwas davon erfahren. Ich bin nicht neugierig, muß aber klar sehen, damit ich handeln kann.« Er reichte ihr freundschaftlich seine Hand, in die sie die ihre zögernd legte. Er drückte diese kräftig. »So, -- unser Pakt ist geschlossen -- nun reden Sie!«
Ilse atmete tief.
»Es wird mir schwer, die Worte zu finden, um Ihnen das Erlebte zu schildern, Herr Plüddekamp.«
»Na, -- ohne Worte geht es schon nicht ab, Fräulein Hergenbach! Sie liebten früher in solchem Falle -- stumm zu bleiben. Diesen Zug Ihres Charakters haben Sie wahrscheinlich fallen lassen.«
Ihr Gesicht überflog eine schnelle Röte.
»Ich möchte reden -- und kann es nicht, Herr Plüddekamp! Sie würden mich doch nicht verstehen! Ich erniedrige mich nur noch mehr, als es schon geschah.«
»Unsinn! Es fällt kein Mensch so tief, daß er nicht wieder aufsteht. Übrigens -- es macht mir besondere Freude, Sie -- die Moderne -- wieder auf die gute alte verstoßene Bahn zu heben --.« Er ließ wohlgefällig sein breites Lachen ertönen.
Ilse fühlte die Herzensgüte, die sich unter den derben Worten Jürgens offenbarte; dadurch kam ein sicheres Gefühl über sie. Wie ein gewaltiger, lange zurückgedämmter Strom drang es jetzt hervor:
»Ja, -- Sie sollen es hören, Herr Plüddekamp, und dann mögen Sie mich richten! -- Ich wurde hinausgesandt, ohne mich selbst zu kennen. Meinen Eltern und Geschwistern glaubte ich nicht, -- warum sollte ich auch anders geartet sein? Es lag aber ein wilder Drang in mir, den ich den Blicken fremder Menschen verschließen mußte. Ich blieb stumm, wenn ich am liebsten hinausgeschrien hätte: ›Laßt mich ausleben!‹ -- In der Pension erfuhr ich nur Überflüssiges, -- was einfache Mädchen belastet. Eine Sucht nach der Schönheit im Leben, -- künstlerische Neigungen wurden in mir erweckt, -- ich konnte stundenlang in den Galerien die Bilder betrachten.«
»Die meisten Mädchen waren aus der Großstadt und mir in allem voraus. Sie schürten mich täglich an -- die Kraft der Frau den Männern gegenüber zu erproben -- Siegerin zu werden. Was war dies? Ich verstand es nicht!«
»Kurz darauf kam ich in Ihr Haus. Der Ernst, der darin waltete, erdrückte mich anfangs, -- ich sah mißmutig in eine andere Welt hinein. Bald fühlte ich aber die siegreiche Macht der Frau. Sie haschten alle nach mir. Ihr Bruder Wolf voran --«
»Leider,« warf Jürgen ein.
»Nur einer nicht --«
»Lassen Sie diesen einen beiseite, Fräulein Hergenbach. -- Es ist kein Verdienst, -- nur eine Verstandeseigenschaft, die heute vielen verkehrt erscheint.«
»Nein, es muß heraus, Herr Plüddekamp!« fuhr sie in leidenschaftlichem Ton fort, und auf ihren Wangen entstanden scharf umrissene rote Kreise. »Ich haßte Sie, und um mich zu rächen, gab ich Wolf mein Wort. Ich wußte, daß Sie dies nicht wollten und ich Sie nicht tiefer treffen konnte. Es war schlecht gehandelt --«
»Allerdings! Sie haben Wolf bis an den Rand des Todes gebracht,« fiel er bitter ein.
Sie stand zitternd auf.
»Wolf -- Ihren Bruder -- unmöglich!«
»Es ist jetzt noch kaum genesen -- von Ihnen allerdings geheilt.«
»Wie soll ich dies verstehen, -- er hat mich betrogen, -- die blonde Person in der Weinkneipe, -- in die mich Smiders lockte, -- stand ihm näher --«
»Smiders fing Sie durch eine lächerliche Komödie. Er benutzte die weibliche Eitelkeit. -- Sie sollen jetzt von mir die Wahrheit hören --«
Wort für Wort drang auf Ilse ein. Sie sah ihn starr an, -- jeder Blutstropfen ihres Gesichts wich zurück.
»Mein Gott -- Herr Plüddekamp,« stöhnte sie auf, »was kann ich tun, um Wolfs Verzeihung zu erlangen!«
»Nichts, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er ernst, »als daß Sie nie mehr vor ihn hintreten. -- Er hat Ruhe und Frieden wiedergefunden.« -- --
Sie hörte von diesem Augenblick geduldig an, was er ihr vorschlug.
»Ich werde Sie nach Nordhausen in Ihr Elternhaus zurückbringen. Herta war gezwungen, auf einen Brief Ihrer Mutter zu antworten, daß Sie uns verlassen hatten. Trotzdem können Sie ruhig sein, -- ich spreche für Sie. --«
XXIV.
Wolf blieb wochenlang in Wershagen. Er sah die Halme gelb werden und die Ähren reifen. Die Ernte ging vorüber. Der Weizen und Roggen füllte die Scheunen. Das frische Korn breitete sich nach und nach zu mächtigen Haufen in den Speichern aus.
Wolf Plüddekamp war in dem einfachen, ruhigen Landleben an Körper und Seele wieder gesundet. Er ritt täglich mit Oberamtmann Wichers auf die Felder hinaus, und die launige Art des Landwirtes wirkte wohltuend auf sein Gemüt ein. An den Abenden spielte er mit Lieschen vierhändig Klavier. Die blauen Augen des jungen Mädchens schauten froh und schelmisch drein, als wollten sie sagen: »Bin ich nicht ein lustiger Kamerad?« Wenn sich Wolf auch noch nicht ausgesprochen hatte, Lieschen wußte genau, daß mit seiner Krankheit alle törichte Leidenschaft in ihm geschwunden war. Sie hatte sich den zukünftigen Gatten durch Liebe und Aufopferung erkämpft. Was zwischen ihnen lag, war kein wildes Empfinden, das sie gewaltsam zusammenband, sondern die milde, wohltuende Flamme einer reinen Neigung, die am häuslichen Herd wärmend und beglückend ausdauert.
Wolf Plüddekamp wollte nach Stettin zurück. Er nahm keinen Abschied von Wershagen; ein kräftiger Händedruck, den er Oberamtmann Wichers und Lieschen gab, offenbarte die Tiefe seines Gefühls. Der Händedruck sprach aus: »Wir sind einig fürs Leben!«
* * * * *
Im alten Kaufherrnhause herrschte ungewohntes Leben und Treiben. Die freudige Erregung ging von Jürgen Plüddekamp selbst aus. Schon am frühen Morgen rief er seinen Freund und Prokuristen Armin herein.
»Die Kontore werden heute nachmittag geschlossen. Die jungen Leute sollen den schönen Herbsttag benutzen und einen Ausflug machen. Sie vertreten mich dabei, Armin! Ich will mich meinem Bruder widmen und die Freude empfinden, daß er uns Geschwistern nach der langen, schweren Krankheit gesund wieder geschenkt wurde.« --
Jochen war damit beschäftigt, eine mächtige Girlande über dem Treppenaufgang anzubringen.
»Heute kommt mein Wolf,« schmunzelte er vor sich hin, »es wird auch man Zeit. Das alte Haus schläft sonst noch ganz ein. Er pfeift doch manchmal eins!«
Kurz vor Beginn der Mittagszeit traf Wolf Plüddekamp ein. Jürgen stand vor dem Toreingang. Als sein Bruder aus dem Wagen sprang, sagte ihm ein einziger Blick, daß dieser im Vollbesitz seiner Kraft wiederkam.
Der alte Hüne, Jochen Hindorf, hatte mit abgezogener Kappe neben seiner Girlande Aufstellung genommen. Wolf gab ihm einen tüchtigen Schlag auf die Schulter.
»Ich danke dir, Alter,« sagte er, ihm die Hand reichend, »und morgen komm zu mir, dann sollst du deinen Dänen haben, der dir wohl schon lange gefehlt hat.«
»Es muß ja nicht sein, Herr Wolf,« lachte Jochen über das ganze Gesicht. »Die größte Freude habe ich, daß Sie wieder vergnügt sein können.«
Die Geschwister zogen sich nach dem Mittagessen in die gemütliche Ecke des Speisezimmers zurück.
»Ihr waret mit euren Briefen recht karg,« meinte Wolf lachend. »Es kam mir auch ganz erwünscht. Ich mochte nichts mehr von dem Vergangenen hören und selbst keine Feder zum Schreiben ansetzen. Dafür lief ich den ganzen Tag in Feld und Wald herum. Du siehst, Jürgen, welche starke Einwirkung die Natur auf mich ausübte. Ich habe die Empfindung, daß ein ganz neues Leben in mir erwacht ist.«
»Du verspürst also keine Lust, Wölfchen, auf deinen Kontorsitz zurückzukehren?«
»Offen gestanden, nein, Jürgen! Ich habe großes Gefallen an der Tätigkeit eines Landwirtes gefunden, daß ich diese gern ausüben möchte.«
Herta lächelte fein.
»Natürlich unter Mitwirkung einer hübschen kleinen Frau, Wölfchen!«
»Ja, Herta, du hast das Richtige getroffen! Als ich heute von Wershagen fortfuhr, um euch im alten Plüddekampschen Hause aufzusuchen, hatte ich dabei im stillen die Empfindung, bald aufs Land zurückzukehren. Ich will mir ein eigenes Nest bauen, und Wichers hilft mir dazu. Jürgen und du, ihr werdet noch lange unter Aufrechterhaltung alten Herkommens eure Pflicht hier erfüllen. Mich aber soll nichts mehr daran erinnern -- was einmal war. Ich habe Lieschen Wichers und Wershagen herzlich lieb gewonnen.«
Jürgen blickte seinen Bruder ernst, aber mit größtem Wohlwollen an.
»Ich habe deinen Entschluß geahnt, und er wird für dich der richtige sein. Das alte Haus vereint uns noch einmal -- dann werden wir dich freigeben müssen. Das Leben verlangt das Schaffen von neuen Werten. Wir wollen es hier und dort redlich tun. In deinen Söhnen wird uns eine neue Generation erstehen. Land und Stadt sollen sich ergänzen, dann kann ein kerniges Geschlecht neue Erfolge zeitigen.«
Herta hatte diesen Worten still zugehört. Sie seufzte tief auf und setzte dann leise hinzu:
»Wenn ich euch Männer so sprechen höre, ist es mir wie ein vergessenes Klingen und Singen einstiger Jahre. -- Ein Zeichen, daß ich dem wahren Glück des Lebens aus dem Wege gegangen bin.«