Geschwister Plüddekamp

Part 13

Chapter 133,707 wordsPublic domain

»Nein!« erwiderte diese zögernd. »Ich fühle mich nicht ganz wohl und muß mir eine starke Kopferkältung zugezogen haben. Eine Schwere liegt mir in allen Gliedern, daß ich mich kaum aufrecht erhalte.«

»So bleibe doch in deinem Zimmer! Ich sende dir die Mahlzeiten hinauf,« sagte Herta in gütigem Tone.

»Ich danke dir, Tante Herta.«

Ilse war recht froh, dem Wirtschaftsgetriebe fernbleiben zu können, und zog sich sofort auf ihr Zimmer zurück. Nach einer schlaflos verbrachten Nacht fühlte sie eine starke Ermattung in ihren Gliedern. Aus dem Gewirr der Gedanken hatte sie sich zu einem Entschluß durchgerungen. Sie wollte das Plüddekampsche Haus verlassen, um Wolf nie wiederzusehen. Alfred Smiders mußte ihr dazu die Hand bieten. Sie würde ihn schon zu zwingen wissen. -- Es konnte ihr niemand verdenken, wenn sie eine Stunde ausging, um frische Luft zu schöpfen. Der Weg aber, sollte sie zu Alfred Smiders führen. --

Jochen Hindorf war an dem Vormittag zufällig fortgeschickt worden. Als er bei der ›Grünen Schanze‹ vorbeikam, stand die blonde Rieke vor der Tür.

»Morjen, Mamsell!« rief er ihr zu.

»Guten Tag, Herr Hindorf! Kommen Sie ein bißchen herein. Ich will Ihnen ein Glas Wein geben.«

Damit erklärte sich Jochen sofort einverstanden. Er setzte sich in die Vorderstube und trank mit Behagen einen Schnitt ›Weißen‹ vom Faß, den ihm das junge Mädchen hinstellte.

»Wann kommt Herr Wolf Plüddekamp zurück?« fragte sie ihn aus.

»Jäh -- das weiß ich nicht! So was ist Geschäftsgeheimnis,« meinte der Alte ernst.

»Ich habe ihm aber sehr Wichtiges zu erzählen,« fuhr Riekchen fort.

»So, was Wichtiges! Das können Sie mir auch gleich sagen.«

»Nein, nein!« schüttelte Rieke den Kopf, »es geht nicht ohne weiteres.«

Jochen Hindorf war aber ein alter Pfiffikus. Wenn er etwas erfahren wollte, so ließ er nicht nach, und in seiner gemütlichen, halb dummdreisten Art brachte er schließlich alles heraus.

»Dunnerlüchting!« rief er plötzlich aus, »das ist keine andere, als Fräulein Ilse gewesen. Herrgott und die Welt -- nun möcht' ich bloß wissen, wie das zugegangen ist. Ich hab keine Zeit mehr, mein kleines Fräulein, sonst krieg ich was ab.«

»Sobald Herr Plüddekamp wieder hier ist, geben Sie mir sofort Nachricht,« bat Rieke, »und sagen Sie keinem Menschen ein Wort davon, was ich Ihnen anvertraute.«

»I Gott du bewahre! Ich bin doch keine Plapperlott!« gab der Alte zur Antwort.

Jochen Hindorf ging trotz der Schwere seiner Beine viel schneller, als es ihn sonst zur Arbeit trieb. Er machte ein finsteres Gesicht. Es würgte etwas in ihm herum, und er mußte doch zu einem Entschlusse kommen, bevor er Haus Plüddekamp erreichte. Wie sollte er es aber nur andrehen? Eine ganz tolle Sache, die er da erfahren hatte, und sein junger Herr stak dazwischen.

Er befand sich schon dicht vor dem Hause, als Ilse aus dem Torweg scheu hervorhuschte und ihm entgegenkam. Sie wollte schnell an ihm vorüber.

»Guten Morgen, Fräulein! Sie haben aber Eil!« sagte er mit seiner tiefen Brummstimme und machte dabei ein listiges Gesicht. Er glaubte, daß Ilse stehen bleiben und ihm antworten würde. Er hatte sich aber getäuscht. Sie gab kaum den Gruß zurück und ging hastig weiter.

»I, sieh einmal,« meinte der Alte, »sie beachtet mich gar nicht, na man zu, ich bin ihr nichts schuldig.«

Er schritt in den Torweg hinein und gab seine Besorgungen im Kontor ab. Als er dann nach dem Hof ging, stand Herta an der Gartenpforte und winkte ihn heran.

»Jochen, du sollst mir etwas helfen!« rief sie. »Es fehlen ein paar Bretter auf den Warmbeeten, du könntest sie mir wohl aussuchen und zurechtschneiden.«

»Jäh woll, gnädiges Fräulein, das werde ich tun,« Er wollte sich gleich auf den Weg machen.

»Jochen, warte noch einen Augenblick,« sagte Herta, »hast du noch immer starkes Kopfreißen?«

»Jäh woll, gnädiges Fräulein,« erwiderte Jochen, und sein breites Gesicht verzog sich zu einem versteckten Lächeln. Er hatte sich mit seinem angeblichen Kopfreißen manche alkoholische Vorteile verschafft.

»Du hast doch ein gutes Mittel dafür und kannst es mir besorgen. Fräulein Ilse leidet gleichfalls daran.«

»I was!« rief der Alte aus, »sie ist doch eben ausgegangen!«

»Ilse ist ausgegangen?« wiederholte Herta fragend. »Hast du sie angetroffen?«

»Jäh woll, gnädiges Fräulein.«

»Dann möchte ich nur noch sagen --«

»Ja, was denn, Jochen?«

Der Alte stand plötzlich eine Weile stumm da; die Worte wollten nicht über seine Lippen. Herta kannte ihn aber zu gut, als daß sie nicht weiter nachgeforscht hätte. Sie ließ ihm erst einen Augenblick Zeit, dann fragte sie:

»Du willst mir etwas anvertrauen, Jochen? Ich sehe es dir an. Du kannst es ruhig tun. Es ist wohl wegen meines Bruders Wolf?«

»Näh, gnädiges Fräulein, es ist nicht wegen Herrn Wolf! Aber wegen der da --« er zeigte auf den Torweg hin, durch den Ilse vorher hinausgegangen war -- »und wegen Herrn Smiders.«

»Wie, Jochen?« Herta wurde jetzt gespannt. »Komm -- wir gehen einen Augenblick in den Garten, da hört uns niemand.« Sie schritt voran, und der Alte stapfte ihr nach.

Als Herta einige Zeit darauf in das Haus zurückkehrte, lag ein düsterer Ernst auf ihrem Gesicht. Das Erfahrene war geradezu unerhört. Sie fühlte sich gewissermaßen verantwortlich, weil sie Ilse Hergenbach in ihrem Hause aufgenommen hatte. -- Wie sollte sie nun Jürgen mit diesen Tatsachen unter die Augen treten, -- wie würde der arme Wolf unter der Wucht der Ereignisse leiden? Sie suchte nach einem Ausweg in diesem Wirrnis und mußte erst mit sich zu Rate gehen, um das drohende Unheil abzuwenden. -- Was sie gefürchtet, war zum Ereignis geworden.

Wolf durfte Ilse bei seiner Rückkehr nicht mehr vorfinden; noch wußte niemand etwas von der Verlobung -- die Ehre konnte gewahrt bleiben. Sie schritt zum Haustelephon und rief Jürgen in seinem Privatkontor an.

»Hallo!« sagte dieser, »du wünschst, liebe Herta?«

»Ich bitte dich, sogleich zu mir heraufzukommen.«

»Es muß etwas ganz Außergewöhnliches sein,« tönte es zurück, »wenn du mich von der Arbeit wegholst.«

»Sogar sehr Dringendes!«

»Gut! Ich bin sogleich bei dir.«

Wenige Minuten später saßen die beiden Geschwister in Hertas Zimmer zusammen. Jürgen hörte alles mit an, ehe er ruhig erwiderte:

»Wir waren auf falschem Wege, Herta, als wir Ilse in unsern engen Familienkreis aufnahmen. Wohin wir gekommen sind, liegt heute klar vor uns. Ich glaube vorläufig noch nicht alles, was Jochen Hindorf dir erzählte. Er kann in seinem ewigen Tran manches durcheinandergebracht haben. Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als mich an Ort und Stelle selbst zu erkundigen. Es gibt natürlich nur einen Entschluß: Ilse Hergenbach packt sofort ihre Koffer und fährt nach Nordhausen zurück. Wir brechen jede Beziehung mit ihr für immer ab. Gut, daß Wolf dadurch von ihr lassen wird. Ich sehe jetzt noch viel klarer. Vorhin war der alte Smiders bei mir. Ein erbarmungsvoller Anblick -- der alte gelähmte Mann bittend für den auf Abwege geratenen Sohn. Dann Smiders und Ilse -- es ist wahrhaftig nicht zu glauben!«

»Sie hat erst Krankheit vorgeschützt, darauf ist sie ausgegangen. Wahrscheinlich wird sie bei ihm sein. Die Ereignisse überstürzen sich. Zürne mir nicht, Jürgen, daß ich dir so viel Unangenehmes bereitet habe.«

»Nicht doch -- liebe Herta! Wir Geschwister tragen alles gemeinschaftlich -- Freude und Leid! Ich gehe jetzt, um mich zu vergewissern.«

Jürgen kam alles so ungeheuerlich vor, daß er es kaum zu glauben vermochte. Es kostete ihm einen starken Entschluß, sich in die Weinstube auf der ›Grünen Schanze‹ zu begeben -- jedoch es mußte sein. Er wollte niemand Unrecht tun.

Als er eine halbe Stunde darauf sein Haus wieder betrat, hielt der starke Mann den Kopf gebeugt. Das Erfahrene überstieg alles, was er für möglich gehalten hatte. Wie konnte sich ein Mädchen, das bei ihnen lebte, so weit vergessen! Smiders war ein gewöhnlicher Schurke, er hatte dies schon lange erkannt. Der Zusammenbruch von Smiders & Sohn erschien unvermeidlich. Aber Ilse Hergenbach! -- Wie konnte sich dieser Bursche ihrer nur so bemeistern?

Herta wartete auf ihrem Zimmer mit Bangen die Rückkehr von Jürgen ab. Als er die Tür öffnete, stand die Antwort auf seinen Zügen geschrieben. Er brauchte ihr nichts zu sagen. Es lag noch schlimmer, als Jochen bereits mitgeteilt hatte.

»Ist das -- modernes Menschentum?« endete Jürgen seine Rede mit Bitterkeit. »Sind das die Früchte unserer jetzigen Erziehung? Besteht darin die Gleichberechtigung der Frau, daß alle vornehme Gesinnung und gute Sitte bei ihr schwindet? Es gibt nur noch den Drang, zu leben -- ohne Rücksicht auf andere. Ich fürchte für Wolf! Sein reiches Gemüt wird diesen Schlag kaum verwinden. Besser, er bleibt noch lange fort, damit die Spuren des Vorganges sich verwischen. Es ist keine heilsame Lehre für ihn, sondern das Bild einer Vernichtung von Treu und Glauben.«

Die Geschwister schwiegen darauf eine ganze Zeit, bis plötzlich Herta die Stille unterbrach:

»Sobald Ilse heimkehrt, werde ich mit ihr sprechen. Es ist ein schweres Amt für mich. Darf ich ihren Eltern das Geschehene verschweigen? Wenn sie alsdann von ihnen verstoßen wird? Ich kann nur handeln, wie es mir Frauengesetz und Recht vorschreibt. Welch schwere Augenblicke gibt es doch, in denen von wenigen Worten ein Lebensschicksal abhängt!«

Jürgen mußte seiner Tätigkeit weiter nachgehen. Herta aber versank in tiefes Nachdenken. Wie sollte sie es nur anfangen, Ilse Hergenbach wieder auf den rechten Weg zu bringen? Die Schuld traf diese nicht allein. Sie war von allen -- außer Jürgen -- mit schönen Worten und Schmeicheleien genug umgarnt worden.

»Das ist der Fluch, der auf uns Frauen lastet! Woher sollen diese stets den starken Charakter haben, wenn sie nicht dazu erzogen werden! Ist Ilse Hergenbach wirklich so schlecht, wie wir glauben?«

Je mehr sie alles durchdachte, desto mehr suchte sie nach Gründen, die ihr Verhalten entschuldigen konnten. Es drang immer wieder ein: »Nein -- nein!« hervor. »Niemand ist gezwungen, die abschüssige Bahn zu betreten. Die Frau muß den Halt in der Reinheit der Seele und der Gedanken finden -- in dem Stolz, gleichberechtigt neben dem Manne zu stehen. Sie darf nicht zu Handlungen schreiten, die ihrer unwürdig sind.«

Wie war es nur möglich, daß Ilse mit einem Mann, den sie kaum kannte, in ein solch verrufenes Lokal ging? Dachte sie nicht an die Folgerungen? Sie wurde doch genug von ihr behütet. -- Was gibt es doch für Rätsel der Menschenseele, die unauflöslich sind! --

Die Mittagszeit kam heran, ohne daß Ilse wieder eintraf. In Herta stieg der Gedanke auf, daß sie zu verzweifelten Schritten gelangt sein könne.

Die sonst so ruhige, abgeklärte Herta befand sich in großer Aufregung. Sie berührte kaum die zum Mittagessen aufgetragenen Speisen, und sagte zu Jürgen:

»Wenn Ilse bis zum Abend nicht wieder hier ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als sie suchen zu lassen.«

»Dann haben wir den öffentlichen Skandal, Herta!« erwiderte dieser. »Bedenke -- ein solcher Fall im Hause Plüddekamp!«

»Es kann aber nichts helfen! Wir wollen nur hoffen, daß er vermieden bleibt.«

Am späten Nachmittag stand Ilse jedoch vor Herta. Ihre Wangen waren bleich, eine hektische Röte erschien auf ihnen und schwand wieder; die Augen zeigten ein fieberhaftes Glänzen.

»Ich habe eine Bitte an dich, Tante Herta,« sagte sie mit zu Boden gesenkten Blicken. »Ich fürchte, krank zu werden, und möchte euch nicht zur Last fallen. Ich will mit dem Abendschnellzug über Berlin nach Nordhausen fahren.«

»Es steht dir vollständig frei,« erwiderte Herta in kaltem Ton. »Du denkst wohl nicht an eine Rückkehr?«

»Nein, Tante Herta!«

»So ordne deine Sachen. Unser Wagen wird dich mit dem Gepäck an die Bahn bringen. Bestelle deiner Mutter Grüße von mir.«

Einen Augenblick war Herta der Ansicht, jede Auseinandersetzung mit Ilse zu vermeiden. Sie wollte auch den Eltern keine Mitteilung zugehen lassen, um nicht die Zukunft des jungen Mädchens dadurch zu untergraben. Dann fragte sie sich aber in ihrem Innern: Ist es recht, sie ohne Aussprache von mir gehen zu lassen? Sie mußte sich doch von ihrem Seelenzustand überzeugen.

»Du siehst krank aus, Ilse,« begann sie. »Es erscheint mir aber nicht, als ob ein körperliches Leiden die Ursache davon ist. Hast du mir nicht noch etwas zu sagen?«

Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Sie konnte den Blick zu der Freundin ihrer Mutter nicht erheben. Ihr Mund blieb geschlossen. Sie zeigte wieder die alte trotzige Stummheit.

»Dein Schweigen deutet mir viel,« fuhr Herta fort. »Du willst deine Seele nicht entlasten. Was richtiger wäre, mußt du dir selbst sagen. Ich könnte dir noch einen Rat auf deinen späteren Lebensweg mitgeben, wie du ihn wohl so uneigennützig nicht wieder erhalten wirst. Das Wohl jeder meiner Mitschwestern liegt mir am Herzen. Ich will mich aber nicht gewaltsam in dein Gemüt eindrängen, -- du selbst mußt das Bedürfnis haben, mir anzuvertrauen, was vielleicht andere Zungen geschwätzig herumtragen werden. Ich habe den Zorn, der über dein Verhalten in mir entstand, bekämpft. An seine Stelle ist aufrichtiges Mitleid getreten, und dies erfüllt mich jedem weiblichen Wesen gegenüber, das vom richtigen Weg abweicht. Such das rechte Wort zu mir, Ilse!«

Herta sah, wie die blassen Lippen der Gegenüberstehenden zuckten. Sie schien in diesen Stunden um Jahre älter geworden zu sein. Ihr Mund blieb aber stumm.

»So geh, Ilse, wenn du kein Vertrauen finden kannst,« sagte Herta kalt. »Nun haben wir nichts mehr miteinander zu sprechen. Jürgen entbindet dich des Abschiednehmens.« Sie reichte ihr nicht mehr die Hand. Ilse verließ das Zimmer.

XXI.

Der Wagen war vorgefahren. Ilse stieg ein. Die Sachen wurden aufgeladen. Niemand begleitete sie -- niemand bot ihr den Abschiedsgruß. Nur der alte Jochen Hindorf kam und machte den Wagenschlag zu. Ein breites Lächeln glitt über sein Gesicht, als die Pferde anzogen.

»Sie hat nicht einmal schön Dank gesagt, und das Portemonnaie saß ihr verteufelt fest in der Tasche. Na -- es ist gut, daß sie weg ist. Nun wird mein lieber Wolf wohl wieder vernünftig sein,« brummte er und ging an seine Arbeit. --

Auf dem Bahnhof angelangt, übergab Ilse ihre Koffer einem Gepäckträger und trat an den Billettschalter. Sie sah sich scheu um. Vielleicht fürchtete sie, beobachtet zu werden. Sie nahm ein Billett bis zur nächsten Station und begab sich dann nach dem großen Wartesaal. Hier hielt sie sich eine Zeitlang auf, um anscheinend den Schnellzug abzuwarten.

Als er donnernd in die Halle fuhr, hatte sie einen Augenblick das Gefühl, daß es für sie besser wäre, mit einzusteigen. Dann kam aber der Gedanke wieder: »Es ist unmöglich! Ich darf Smiders nicht freigeben! Für mich ist kein Raum mehr daheim, -- ich will in die Welt hinaus. Der Kampf mit ihm war nicht leicht. Nur gut, daß er gerade auf längere Zeit nach London gehen muß, dort ist eine Verbindung ohne Schwierigkeit zu bewerkstelligen.« --

In später Nachtstunde löste sich ein kleiner Dampfkutter von der Landungsstelle in Bredow ab und fuhr die Oder hinunter. Sowie sich gegen Morgen der Landwind stärker erhob, schaukelte das kleine Fahrzeug heftig auf den kurzen Stoßwellen des Haffes. Außer dem Maschinisten und dem Heizer waren nur noch ein Herr in langem dunklem Mantel und eine dichtverschleierte junge Dame an Bord.

»Ich tue es um deinetwillen, Ilse,« sagte Alfred Smiders, »es braucht niemand zu wissen, daß du mit mir fortgegangen bist. Am Bollwerk gibt es beim Einsteigen hundert neugierige Menschen, die jedes Vorkommnis beobachten und weitertragen.«

»Was mache ich mir jetzt daraus,« antwortete Ilse, »für mich ist alles vorbei! Du hast mich doch besitzen wollen, -- nun bin ich bei dir, und du mußt für mich sorgen.«

Das Gesicht von Alfred Smiders zeigte bei ihren Worten ein höhnisches Lächeln.

»Ich werde es auch tun,« erwiderte er. »Du verstehst es ja meisterhaft, deinen Willen durchzusetzen.«

Die Wellen im Haff wurden immer höher, und ihr weißer Gischt schlug zuweilen über die Spitze des kleinen Kutters hinweg. Er lag hart an der Swinemünder Fahrt. Alfred Smiders hatte den Auftrag gegeben, den dänischen Dampfer ›Klampenborg‹, der am frühen Morgen von Stettin abging, anzulaufen.

Ilse, die das Seefahren nicht gewohnt war, befand sich in schlechter Stimmung. Das fortgesetzte Schaukeln des kleinen Kutters verursachte ihr das größte Unbehagen.

»Wenn nur erst der Dampfer kommen möchte,« sagte sie, »ich fühle mich grenzenlos elend!«

Smiders erwiderte nichts darauf. Er starrte in die Wellenberge hinein, die sich gegen das kleine Fahrzeug auftürmten. Würde nicht jetzt das Leben ebenso auf ihn hereinbrausen? Viel hatte er aus dem Zusammenbruch, der ihm nachfolgen mußte, nicht retten können, und nun hängte sich dieses Geschöpf noch an ihn. --

Es war bereits heller Tag, als endlich die Signalmasten und das Bugspriet des großen dänischen Schiffes sichtbar wurden.

»Geschickt anfahren!« befahl Smiders.

Der Dampfer kam rasch näher. Der Maschinist des Kutters gab mit der Dampfpfeife ein Zeichen, daß er Passagiere abgeben wollte. Der Kapitän des Dänen, der oben auf der Kommandobrücke stand, winkte ab. Die Wellen gingen zu hoch, so daß ein sicheres Anlaufen während der Fahrt nicht möglich war. Der kleine Kutter legte sich aber beharrlich in den Weg, und trotz der Warnungszeichen vom Schiff schoß er im nächsten Augenblick hart an dieses heran. Der Heizer griff nach einem vom Steuerbord herabhängenden Tau, und nun flog das kleine Fahrzeug äußerst gefährdet neben dem großen Dampfer hin.

Die Weilen schlugen darüber hinweg. Die Mannschaft des Dampfers kam auf Deck zusammen und schaute hinunter.

»Laßt ab!« donnerte der Kapitän oben. Der Kutter hielt aber stand. Seine Insassen schwebten in größter Lebensgefahr. Schlugen die Wellen in die Maschine hinein, so war eine Explosion des Kessels sehr leicht möglich.

Die Aufnahme wurde gewaltsam erzwungen. Es öffnete sich die tiefgelegene Schiffsluke, eine Strickleiter wurde hinuntergeworfen. Alfred Smiders brachte im nächsten Augenblick die vor Aufregung und Angst halb bewußtlose Ilse hinauf. Der Heizer gab rasch das Gepäck nach, dann löste sich der Kutter ab und blieb mit den starken Wellen kämpfend zurück.

Ilse Hergenbach stand gänzlich durchnäßt und fröstelnd auf dem Deck. Der Kapitän, der herangekommen war, geriet mit Alfred Smiders in heftigen Wortwechsel. Sie sprachen dänisch miteinander. Dann mußten sie sich aber geeinigt haben. Es wurde kurz darauf den beiden Passagieren eine Kabine zur Überfahrt nach Kopenhagen eingeräumt. Der Dampfer ›Klampenborg‹, der des Kutters wegen leicht gestoppt hatte, nahm jetzt wieder volle Fahrt auf und ging mit nördlichem Kurs in die See hinaus.

* * * * *

Wochen waren verstrichen. Herta hatte es vermieden, an Frau Hergenbach zu schreiben. Sie erwartete deshalb auch keine Nachricht aus Nordhausen. Die beiden Geschwister hatten sich beraten, was sie Wolfs wegen tun wollten.

»Ich kann ihn bloß noch mit vieler Mühe fernhalten,« meinte Jürgen. »Wenn er nur mit anderer Anschauung zurückkäme, als er fortgegangen ist!«

»Nein, Jürgen,« erwiderte seine Schwester, »du hältst Wolf für oberflächlicher, als er es in der Tat ist. Ich fürchte nach den Briefen an mich, daß sich die starke Neigung zu Ilse nicht vermindert, sondern durch seine Abwesenheit sogar noch vertieft hat. Der Schlag wird so gewaltig für ihn sein, daß wir das Schlimmste dabei befürchten können. Was sollen wir ihm nur bei seiner Rückkehr sagen?«

»Weiß nicht,« brummte Jürgen, »Wolf ist nun einmal aus anderem Holz, als wir Plüddekamps sonst geschnitzt wurden. Wir rütteln und schütteln uns Gutes und Böses ab. Einen Augenblick mag es uns im Innern stark erfassen, dann aber sind wir wieder gefestigt und lassen uns nicht mehr beirren.«

»Wolf ist das Bild meiner lieben Mutter, dieser schönen, gütigen und lebenslustigen Frau. Auf ihn haben sich alle ihre herrlichen Eigenschaften vererbt,« erwiderte Herta.

Jürgen nickte mit dem Kopf.

»Es wäre besser, er gliche unserem Vater, wie du, Herta. Sein Weg in der Welt würde ihm leichter werden.«

Beide Geschwister waren schwer bedrückt. Sie liebten Wolf zärtlich und empfanden, welcher Schmerz ihn bei der bevorstehenden Eröffnung treffen mußte. Jürgen versuchte Wolfs Aufenthalt in Spanien durch Depeschen zu verlängern. Er bat ihn in einem Schreiben, sich durch die Schönheiten und den Reiz der alten Städte Südspaniens festhalten zu lassen. Es sei doch zweifelhaft, ob er noch einmal dorthin käme. Wolfs Briefe lauteten aber entgegengesetzt.

So eifrig er alles Geschäftliche erledigte, die Sehnsucht nach Ilse sprach aus den Schlußzeilen im erhöhten Maße hervor. In Spanien trat bereits die wärmere Jahreszeit ein, und Wolf liebte als guter Pommer die starke kühle Seebrise seiner Heimat.

»Du meinst es gut mit mir, Jürgen,« schrieb er in seiner Antwort. »Es nutzt dir aber nichts, lieber Bruder, die Sehnsucht nach Hause ist stärker in mir, als der Drang, alte arabische Kunst und spanische Schönheit näher kennen zu lernen. Es wird mir im Leben schon noch einmal vergönnt sein, diese mit Ilse zusammen anschauen zu können.«

Jürgen sandte wieder Depesche auf Depesche. Er fürchtete geradezu die Stunde der Heimkehr Wolfs. In einem folgenden Briefe schien es sogar, als wenn sich dieser noch zur Reise nach Südspanien entschließen wolle. --

Eines Tages jedoch gegen Mittag hielt plötzlich eine Droschke vor dem Plüddekampschen Hause an. Wolf sprang heraus und eilte ins Kontor.

Als Jürgen ihn so frisch und lebenslustig, voll glücklicher Erwartung in den Zügen kommen sah, breitete er unwillkürlich seine Arme aus und drückte den Bruder an seine breite Brust.

»Wölfchen, du bist ein Prachtkerl!« rief er aus. »Wie dunkelgebräunt du von Spaniens Sonne ausschaust! Hast deine Sache wacker gemacht, mein Junge. Komm, setz dich auf deinen alten Platz und erzähle uns.«

Der Prokurist war ebenfalls hinzugetreten und hatte seinem zweiten Chef kräftig die Hand geschüttelt. Wolf war so erregt von dem augenblicklichen Gefühl des Glückes, wieder in der Heimat zu sein, daß er seine Erlebnisse fast übersprudelnd hervorbrachte. Er hatte vorzüglich abgeschnitten. Die spanischen Firmen waren ihm in der liebenswürdigsten Weise entgegengekommen und verhalfen ihm trotz der Schwierigkeiten zum Ankauf von Korn. Ebenso fand er die größte Bereitwilligkeit bei den Leitern der spanischen Brennereien, ihre Anforderungen zu ermäßigen. Er brachte sogar noch bedeutende Aufträge mit. Die Verbindungen waren durch sein persönliches Eingreifen stark gefestigt worden.

»Du bist ein famoser Minister des Auswärtigen,« lobte ihn Jürgen, »nur schade, daß du so wenig an dich selbst gedacht hast. Du konntest dir viel mehr Zeit gönnen und brauchtest dich nicht abzuhetzen. Hier ist es geschäftlich glatt gegangen.«

Der Prokurist lächelte fein. Unter Jürgen Plüddekamps Leitung war stets ein ruhiger, sicherer Betrieb.

»Was sagst du zu Alfred Smiders?« fuhr Jürgen jetzt fort. »Ein netter Bursche! Er hat sich stark hineingebuddelt und auf alle mögliche Weise Geld verschafft. Der Sturz mußte endlich kommen. Er war schon vorher verschwunden.«

»Es ist ein betrügerischer Bankrott,« setzte Armin hinzu. »Alfred Smiders wird steckbrieflich verfolgt.«

»So weit ist es mit ihm gekommen?« rief Wolf erstaunt aus und sah zu seinem Bruder fragend hinüber.

Jürgen vermied den Blick und schaute zur Seite. Die Hand des sonst so ruhigen Mannes zuckte nervös.

»Ich bedaure den alten Herrn Smiders. Er wird aus dem Zusammenbruch kaum etwas retten. Die Werft hat die Dampfer mit Beschlag belegt und baut den ›Friedrich Barbarossa‹ auf eigene Rechnung fertig. Es sind eine ganze Anzahl Banken stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Alfred Smiders hat in unglaublicher Höhe Wechselreiterei getrieben. Er muß im Auslande sein. Bis jetzt hat man ihn noch nicht erwischen können.«