Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung

Part 58

Chapter 581,668 wordsPublic domain

[53] Dem Verfasser geht es nicht besser als seinem Leser, wenn diesen die obige Analyse der Koketterie nicht sollte befriedigt haben. Was sie aufdeckte, lag doch ziemlich an der Oberfläche. Das Rätselhafte in der Koketterie scheint mir immer mehr ein eigentümlicher _Akt_ zu sein, durch welchen die Frau sich zum _Objekt_ des Mannes macht und sich _funktionell_ mit ihm _verknüpft_. Sie ist da ganz dem anderen weiblichen Streben vergleichbar, _Gegenstand des Mitleids_ der Nebenmenschen zu werden: _in beiden Fällen macht sich das Subjekt zum Objekt, zur Empfindung des anderen_ und setzt diesen über sich als Richter ein. Die _Koketterie_ ist die spezifische Verschmolzenheit der Dirne, wie die zuerst als Schwangerschaft, später als Laktation u. s. w. auftretende _Fürsorge_ die Verschmolzenheit der Mutter vorstellt.

[54] Auch ist das Motiv des tierischen Männchens keineswegs Eitelkeit als Wille zum Wert.

[55] Wer bedenkt, wie fast alle Frauen bei ihrer heutigen großen Freiheit sich auf der Gasse bewegen, wie sie durch straffes Anziehen ihrer Kleider alle Formen sichtbar werden lassen, wie sie jedes Regenwetter zu solchem Zwecke ausnützen, der wird dies nicht übertrieben finden.

[56] Nicht wenn er _spielt_ (_Schiller_).

[57] Vgl. S. 216.

[58] Beide berühren sich im Begriffe der _Scheu_ (im lateinischen: _vereri_).

[59] Die Wirkung des männlichen Bartes auf die Frau ist in einem weiteren Sinne und aus einem tieferen Grunde, als man vielleicht glaubt, psychologisch ein vollständiges, und nur in der Intensität geschwächtes, _Abbild_ der Wirkung des männlichen Gliedes selbst. Doch kann ich dies hier nicht näher ausführen.

[60] Ich verweise vor allem auf den Schluß des 9. Kapitels.

[61] Kapitel 13.

[62] Die _eine_ scheinbare Ausnahme, die es hievon gibt, findet noch in diesem Kapitel eine gründliche Erörterung.

[63] Das ruhende, träge, große Ei wird vom beweglichen, flinken, kleinen Spermatozoon aufgesucht.

[64] Und nur _dafür_, daß niemand noch ein hysterisch verändertes _Gewebe_ gesehen hat.

[65] Aus diesem Grunde sind Frauen aus dem hysterischen Anfall (nach _Janet_) so besonders leicht in Somnambulismus überzuführen: sie stehen gerade dann bereits unter dem zwingendsten fremden Banne.

[66] Ganz oberflächlich ist die alte Meinung, daß die Hysterika _bewußt_ simuliere und lügnerische Geschichtlein erzähle. Die Verlogenheit des Weibes liegt ganz im Unbewußten; der eigentlichen Lüge, sofern diese einen Gegensatz zur Möglichkeit der Wahrheit bildet, ist das Weib gar nicht fähig (S. 194, 369 und 384).

[67] Auch unter den Männern finden sich hiezu Analogien: es gibt geborene Diener, es gibt aber auch männliche Megären, z. B. Polizisten. Merkwürdigerweise findet der Polizeimann im allgemeinen auch sein _sexuelles_ Komplement im Dienstmädchen.

[68] Die absolute Megäre wird ihren Mann nie fragen, was sie tun, was sie z. B. kochen soll, die Hysterika ist immer ratlos und verlangt nach der Inspiration von außen; dies sei, als ein banalstes Erkennungszeichen beider, hier angeführt.

[69] Die Magd, nicht die Megäre, ist auch jene Frau, von der man, entgegen dem elften Kapitel, glauben könnte, daß sie der Liebe fähig sei. Die Liebe dieser Frau ist aber nur der Vorgang des _geistigen_ Erfülltwerdens von der Männlichkeit eines bestimmten Mannes, und darum nur bei der Hysterika möglich; mit eigentlicher Liebe hat sie nichts zu tun, und kann sie nichts zu tun haben. Auch in der Schamhaftigkeit des Weibes ist ein solches Besessensein von einem Manne; erst hiedurch kommt Abschließung gegen alle anderen Männer zustande.

[70] S. 184.

[71] S. 199.

[72] S. 315 f., 330.

[73] S. 173, 224.

[74] Es ließen sich die Analogien zwischen höherem und niederem Leben noch vermehren. Es ist nicht, wie man heute allgemein glaubt, nur ein oberflächlicher Fehlschluß, wenn stets und überall der _Atem_ in eine besondere Beziehung zur _Seele_ des Menschen gesetzt wurde. Wie die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, d. h. im Zusammenhange mit dem All lebt, so ist auch der Atem, viel allgemeiner noch als die Sinnesorgane, Vermittler eines Konnexes zwischen jedem Organismus und dem Weltganzen; und wenn er erlischt, ist das niedere Leben zu Ende. Er ist das Prinzip des irdischen, wie die Seele das des ewigen Lebens.

[75] Alle Individualität ist der Gemeinschaft feind: wo sie in höchster Sichtbarkeit wirkt, wie im genialen Menschen, zeigt sich dies gerade dem Geschlechtlichen gegenüber. Nur _hieraus_ erklärt es sich, daß sicherlich alle bedeutenden Menschen, die, welche es verhüllt aussprechen können, wie die Künstler, und die, welche so unendlich viel verschweigen müssen wie die Philosophen -- weshalb man sie dann für trocken und leidenschaftslos hält -- daß also alle genialen Menschen ohne Ausnahme, soweit sie eine entwickelte Sexualität besitzen, an den stärksten geschlechtlichen Perversionen leiden (entweder am »_Sadismus_«, oder, wie zweifelsohne die größeren, am »_Masochismus_«). Das allen jenen Neigungen Gemeinsame ist ein instinktives _Ausweichen_ vor der völligen körperlichen Gemeinschaft, ein _Vorbeiwollen am Koitus_. Denn einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Koitus mehr sähe als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar in ihm das tiefste, heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es niemals geben.

[76] Die männliche Freundschaft scheut das Niederreißen von Mauern zwischen den Freunden. Freundinnen _verlangen_ Intimitäten _auf Grund_ ihrer Freundschaft.

[77] In solchen Fällen kommt die hübschere der weniger ansehnlichen oder weniger beachteten zweiten mit einem aus Mitleid und Verachtung gemischten Gefühl entgegen, welches, nebst dem Interesse an einer Folie für die eigenen Vorzüge, allein die längere Aufrechthaltung derartiger Beziehungen auch von ihrer Seite begünstigt.

[78] Man darf dies nicht verwechseln mit der Fähigkeit, die ganze Natur zu umfassen, wie sie der Mann hat, weil er _nicht nur_ Natur ist. Die Frauen stehen _in_ der Natur als ein _Teil_ derselben, und in kausaler Wechselbeziehung zu allen anderen Teilen: von Mond und Meer, von Wetter und Gewitter, von Elektrizität und Magnetismus sind sie in einem viel weiteren Ausmaß _abhängig_ als der Mann.

[79] Vgl. S. 109.

[80] Vgl. S. 128.

[81] Vgl. S. 127, 129.

[82] Vgl. hiezu auch S. 245.

[83] Man vergleiche den Schluß des 10. Kapitels.

[84] Vgl. Kapitel 11, Schluß. So auch, warum höher stehende Frauen bisexuell sein, d. h. nicht _ausschließlich_ unter dem Regiment des Phallus stehen müssen (Teil I, S. 81-82). Doch scheint in der lesbischen Liebe _Hysterie_ eine beträchtliche Rolle zu spielen.

[85] Der Verfasser hat hier zu bemerken, daß er selbst jüdischer Abstammung ist.

[86] Ein solcher vom Judentum fast freier Mann, und darum »Philosemit«, war _Zola_. Daß hervorragendere Menschen sonst fast stets Antisemiten waren (_Tacitus_, _Pascal_, _Voltaire_, _Herder_, _Goethe_, _Kant_, _Jean Paul_, _Schopenhauer_, _Grillparzer_, _Wagner_) geht eben darauf zurück, daß sie, die so viel mehr in sich haben als die anderen Menschen, auch das Judentum besser verstehen als diese (vgl. Kapitel 4).

[87] Vgl. Kapitel 11, S. 327.

[88] Vgl. S. 139 f.

[89] Und russisch. Die Russen aber sind bezeichnend wenig sozial veranlagt, und haben unter allen europäischen Völkern das geringste Verständnis für den Staat. Hiemit stimmt es nach dem vorigen nur überein, daß sie durchwegs Antisemiten sind.

[90] Der Glaube an Jehovah und die Lehre Mosis ist nur ein Glaube an diese jüdische Gattung und ihre Lebenskraft; Jehovah ist die personifizierte Idee des Juden_tums_.

[91] Hier kam es mir darauf an, den Drang der Juden zur Chemie einzuordnen. Der anderen Chemie, der Wissenschaft eines _Berzelius_, _Liebig_, _van t'Hoff_ soll hiemit nicht nahegetreten sein.

[92] Ein Genie ist _Spinoza_ nicht gewesen. Es gibt keinen gedankenärmeren und keinen phantasieloseren Philosophen unter allen _singulären_ Gestalten der Philosophiegeschichte. Und man mißversteht den Spinozismus -- durch den Gedanken an _Goethe_ getäuscht -- _völlig_, wenn man in ihm vielleicht den schamhaften Ausdruck eines tiefsten Verhältnisses zur Natur erblickt. Wer das All umfassen will, der kann nicht mit Definitionen beginnen. _Spinozas_ Verhältnis zur Natur war vielmehr ein ausnehmend loses. Dazu stimmt es, daß er auf seinem ganzen Lebenswege nirgends der Kunst begegnet ist (vgl. Kapitel 11, S. 325 f.).

[93] Vgl. Kapitel 12, S. 356, 363.

[94] Dem hier entwickelten, _umfassenden_ Begriff der Frömmigkeit könnten mannigfache Mißdeutungen leicht begegnen. Darum möchte ich zu seiner Erläuterung noch einiges bemerken. Frömmigkeit liegt nicht bloß im _Besitz_, sondern auch im Kampfe, um Besitz zu _erringen_: nicht bloß der überzeugte _Gottverkünder_ (wie _Händel_, oder wie _Fechner_) ist _fromm_, sondern auch der irrende, zweifelnde _Gottsucher_ (wie _Lenau_, oder wie _Dürer_). Frömmigkeit braucht nicht in ewiger Betrachtung vor dem Weltganzen zu stehen (so wie _Bach_ vor ihm steht); sie mag (wie bei _Mozart_) als eine alle _Einzel_dinge _begleitende_ Religiosität sich offenbaren. Sie ist endlich nicht an das Auftreten eines Stifters gebunden: das frömmste Volk der Welt sind die _Griechen_ gewesen, und darum war ihre Kultur die höchste unter allen bisherigen; unter ihnen aber hat es sicher nie einen überragenden Religionsstifter gegeben (dessen sie nicht bedurften; vgl. S. 440).

[95] Hiegegen kann die jüdische Unduldsamkeit keinen Einwand bilden. Wahre Religion ist _immer_ eifrig, aber _nie_ zelotisch. Intoleranz ist vielmehr identisch mit Ungläubigkeit; wie die _Macht_ das täuschendste Surrogat der _Freiheit_ ist, so entsteht Intoleranz nur aus dem Mangel an _individueller Sicherheit_ des Glaubens.

[96] Hieraus erst ist wirklich die Genielosigkeit des Juden erklärbar (vgl. S. 236): nur Glaube ist schöpferisch. Und vielleicht spiegelt die geringere geschlechtliche Potenz des Juden _dieselbe_ Tatsache in der _niederen_ Sphäre wieder.

[97] Der Mann erst schafft das Weib. Darum besitzen die Jüdinnen bekanntermaßen jene Einfachheit der Christinnen nicht, die sich ohne weiteres an das sexuelle Komplement hingibt.

[98] Dies darf man aber nicht, wie _Schopenhauer_, und nach ihm unter Benützung seiner mangelhaften psychologischen Distinktion, H. S. _Chamberlain_, als ein Überwiegen des Willens und ein abnormes Zurücktreten des Intellektes deuten. Der Jude ist gar nicht wirklich willensstark, und seine innere Unentschiedenheit könnte sogar leicht zu einer _irrigen_ Verwechslung mit psychischem »Masochismus«, das ist Schwere und Hilflosigkeit im Augenblicke des Entschlusses, Anlaß geben.

[99] Hier gelangt zur Erledigung, was aus den Erörterungen des vierten bis achten Kapitels mit Absicht fern gehalten werden mußte.

[100] Man erinnert sich hier vielleicht des S. 139 f. über die psychologische Bedeutung der Gegensatzpaare Bemerkten.

[101] Hierin liegt auch der Unterschied und die Grenze zwischen dem Antisemitismus des Juden und dem Antisemitismus des Indogermanen begründet. Dem jüdischen Antisemiten ist der Jude nur antipathisch; der antisemitische Arier hingegen ist, wenn er auch noch so mutig den Kampf gegen das Judentum führt, im Grunde seines Herzens doch immer, was der Jude nie ist: _Judaeophobe_.

[102] Vgl. Kapitel 12, S. 374 f.

[103] Zum Beispiel der Laura _Marholm_.

[104] Über den Einfluß der Ovarienexstirpation auf Strukturveränderungen des Uterus. Archiv für Gynäkologie, 51, 1896, 286 ff.

[105] Man würde sich einer sehr zweischneidigen Waffe bedienen, wenn man diese Worte so auffassen wollte, als hätte Keats wie Hume erklärt, keine Seele zu besitzen, da in Wirklichkeit vielmehr die Existenz der Seele hierin ausgesprochen ist.

[106] _Nietzsche_ hatte auch wohl recht, als er in ihm keinen echten Hellenen erblickte; indes _Plato_ wieder ganz und gar Grieche ist.