Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung
Part 56
($S. 401, Z. 5 f.$) Es hat Anspruch auf das ernsteste Nachdenken, und verdient die tiefste Ehrfurcht des Hörers, und nicht Gelächter (womit ihm heute wohl allenthalben geantwortet würde), wenn _Tertullian_ das Weib so apostrophiert (De habitu muliebri liber, Opera rec. J. J. Semler, Halae 1770, Vol. III, p. 35 f.): »Tu es diaboli ianua, tu es arboris illius resignatrix, tu es divinae legis prima desertrix, tu es, quae eum suasisti, quem diabolus aggredi non valuit. Tu imaginem dei, hominem, tam facile elisisti; propter tuum meritum, id est mortem, etiam filius dei mori debuit; et adornari tibi in mente est, propter pelliceas tuas tunicas?« Diese Worte sind an die _Weiblichkeit_ als _Idee_ gerichtet; die empirischen Frauen würden durch die Zumessung einer solchen Bedeutung sich stets nur angenehm gekitzelt fühlen; die Frauen sind sehr zufrieden mit dem _anti_sexuellen Manne, und ratlos nur dem $a$sexuellen gegenüber.
($S. 401, Z. 12.$) Wie sich durch seine Sexualität der Mann dem Weibe annähert, geht aus der Tatsache hervor, daß die Erektion dem Willen entzogen ist und durch ihn nicht aufgehoben werden kann, gleichwie eine Muskelkontraktion vom gesunden Menschen auf Befehl des Willens rückgängig gemacht wird. Der Zustand der wollüstigen Erregtheit beherrscht das Weib ganz, beim Manne doch nur einen Teil. Aber die Wollust dürfte die einzige Empfindung sein, welche im allgemeinen nicht durchaus verschieden ist bei den beiden Geschlechtern; die Empfindung des Koitus hat für Mann und Frau eine gleiche Qualität. Der Koitus wäre sonst unmöglich. Er ist der Akt, der zwei Menschen am stärksten einander angleicht. Nichts kann demnach irriger sein als die populäre Ansicht, daß Mann und Weib vor allem oder gar ausschließlich in ihrer _Sexualität differieren_, wie ihr z. B. _Rousseau_ Ausdruck gibt (Emile, Livre V., Anfang): »En tout ce qui ne tient pas au sexe la femme est homme.« Gerade die Sexualität ist das _Band_ zwischen Mann und Frau und wirkt auch stets _ausgleichend_ zwischen beiden.
($S. 402, Z. 10.$) Auch das spezifische _Mitleid_ des Mannes mit der Frau -- ihrer inneren Leere und Unselbständigkeit, Haltlosigkeit und Gehaltlosigkeit wegen -- weist, wie alles Mitleid, auf eine Schuld zurück.
($S. 402, Z. 9 v. u.$) Es sind hiemit scheinbar drei _verschiedene_ Erklärungen der Kuppelei (und somit Herleitungen der Weiblichkeit) gegeben; aber sie drücken, wie man wohl sieht, alle ein und dasselbe aus. Die sich ewig vergrößernde Schuld des höheren Lebens ist die dem Menschen ewig unerklärliche, für ihn wahrhaft _letzte_ Tatsache des Abfalls jenes Lebens zum niederen Leben; der plötzliche Absturz des völlig Schuldlosen in die Schuld. Das niedere Leben aber kulminiert in jenem Akte, durch das es neu erzeugt wird; alle Begünstigung des niederen Lebens schließt darum notwendig Kuppelei ein. Dieses selbe Streben, das irdische Leben Realität gewinnen zu lassen, ist dadurch bezeichnet, daß alle Materie sich verführerisch der Formung entgegendrängt; oder wie dies _Plato_ tiefsinnig angedeutet hat: durch die betrügerische Zudringlichkeit der _Penia_ (der Armut, des Leeren, des Nichts) an den trunkenen, träumenden Gott _Poros_ (den Reichen).
Zu Teil II, Kapitel 13.
($S. 404, Z. 13 v. u.$) Über den mangelhaften Bartwuchs der Chinesen _Darwin_, Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II, S. 339. Auch die _Stimme_ des Mannes soll sich bei den verschiedenen Menschenrassen nicht gleich sehr von der des Weibes unterscheiden, z. B. gerade bei Chinesen und Tataren, »die Stimme des Mannes nicht so sehr von der des Weibes abweichen, wie bei anderen Rassen.« (_Darwin_, Die Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Leipzig, Universalbibliothek, Bd. II, S. 348, nach Sir Duncan _Gibb_, Journal of the Anthropological Society, April 1869, p. LVII und LVIII.)
($S. 405, Z. 14 v. u.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, I. Hälfte, 4, Aufl., München 1903, S. 345 ff.
($S. 406, Z. 1 v. u.$) Als hervorragendere »Philosemiten« könnten nur der sehr überschätzte G. E. _Lessing_, und Friedr. _Nietzsche_ in Betracht kommen, der letztere aber wohl bloß infolge eines Oppositionsbedürfnisses gegen _Schopenhauer_ und _Wagner_; und der erstere hat den eigenen Rang viel klarer erkannt und offener eingestanden als die Geschichtsschreiber der deutschen Literatur (vgl. Hamburgische Dramaturgie, Stück 101 f.). Der schärfste Antisemit unter allen ist wohl _Kant_ gewesen (nach der Anmerkung zum § 44 seiner »Anthropologie in pragmatischer Hinsicht«). Vgl. über den »Consensus ingeniorum« _Chamberlain_, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, S. 335.
($S. 413, Z. 7 v. u. f.$) _1. Buch Mosis_, Kap. 25, 24-34; 27, 1-45; 30, 31-43.
($S. 414, Z. 4-9.$) Nach M. _Friedländer_, Der Antichrist in den vorchristlichen jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 118 ff. hat der Antichrist schon im vorchristlichen Judentum (z. B. dem freilich sehr spät entstandenen Buche Deuteronomium) eine Rolle als »Beliar« gespielt. Friedländers Auffassung gipfelt, wie ich glaube (von dem historischen Materiale muß ich absehen), darin, daß der Antichrist erst da sein mußte, damit der Christ komme, ihn zu vernichten (S. 131). Damit wird jedoch dem Bösen eine selbständige Existenz _vor_ dem Guten und also unabhängig von diesem zugesprochen; das Böse indes ist nur »Privation« des Guten (_Augustinus_, _Goethe_). Nur der gute, nicht der böse Mensch _fürchtet_ das Böse, dem der Verbrecher selbst _dient_. Das Böse ist nur ein Abfall vom Guten, und hat nur einen Sinn in Bezug auf dieses; indes das Gute an sich ist und keiner Relation bedarf.
Die wenigen Elemente des vorchristlichen jüdischen Teufelsglaubens stammen nach den Resultaten der Forschung aus dem Parsismus. Vgl. W. _Bousset_, Die jüdische Apokalyptik, ihre religionsgeschichtliche Herkunft und ihre Bedeutung für das neue Testament, Berlin 1903, S. 38-51. S. 45: »Der Schluß drängt sich mit zwingender Gewalt auf: die jüdische Apokalyptik ist in dem Neuen, was sie in den Hoffnungsglauben des Judentums hineinbringt, von Seiten der eranischen Religion bedingt und angeregt.« Und S. 48: »Nun läßt sich doch behaupten, daß der Dualismus spezifisch unisraelitisch ist. Die Religion der Propheten und des alten Testamentes kennt den Teufel nicht. Die Gestalt des Satans, wie sie im Erzählungsstück des Hiobbuches, in der Chronik, bei Sacharja auftritt, hat mit der späteren des Teufels, wie sie im neutestamentlichen Zeitalter herrscht, äußerst wenig, nicht viel mehr als den Namen gemeinsam. Und überdies sind sämtliche hier genannten Stücke -- auch das Erzählungsstück des Hiobbuches -- recht spät. Der Teufelsglaube, die Annahme eines organisierten dämonischen Reiches widerspricht direkt dem Geiste der Frömmigkeit der Propheten und Psalmen, ihrem starken und starren Monotheismus. Hingegen ist in keiner anderen Religion der Dualismus so heimisch und wurzelt so tief wie in der eranischen Religion. Auch von hier aus drängt sich der Schluß der Abhängigkeit der jüdischen Apokalyptik unmittelbar auf.«
($S. 415, Z. 10.$) So nicht nur die Argumente des Tages, sondern selbst _Schopenhauer_ (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132): »[Das jüdische Volk] lebt parasitisch auf den anderen Völkern und ihrem Boden, ist aber dabei nichtsdestoweniger von lebhaftestem Patriotismus für die eigene Nation beseelt, den es an den Tag legt durch das festeste Zusammenhalten, wonach Alle für Einen und Einer für Alle stehen; so daß dieser Patriotismus ~sine patria~ begeisterter wirkt, als irgend ein anderer. Das Vaterland des Juden sind die übrigen Juden: daher kämpft er für sie, wie ~pro ara et focis~, und keine Gemeinschaft auf Erden hält so fest zusammen wie diese.«
($S. 418, Z. 18.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 143, Anm. 1. -- Über die jüdische Diaspora der letzten vorchristlichen Jahrhunderte vgl. ferner M. _Friedländer_, Der Antichrist in den vorchristlichen jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 90 f.
($S. 420, Z. 10.$) Über den Mangel an Unsterblichkeitsglauben im alten Testamente hat _Schopenhauer_ das Treffendste und Kräftigste gesagt (Parerga und Paralipomena, Bd. I, S. 151 f., ed. Grisebach).
($S. 420, Z. 12.$) _Schopenhauer_, Neue Paralipomena, § 396 (Handschriftlicher Nachlaß, Bd. IV, herausgegeben von Eduard Grisebach, S. 244).
($S. 420, Z. 18 f.$) Gustav Theodor _Fechner_, Die drei Motive und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 254-256. Auch in der »Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht«, Leipzig 1879, S. 65-68.
($S. 420, Z. 8 v. u.$) _Tertulliani_ Apologeticus adversus gentes pro christianis, cap. 17 (Opera, Vol. V, p. 47, rec. Semler, Halae 1773.)
($S. 420, Z. 6 v. u.$) _Chamberlain_ a. a. O., S. 391-400.
($S. 421, Z. 13.$) _Schopenhauer_ hat das Wesen des Jüdischen am sichersten herausgefühlt; denn von ihm rührt das Wort her von den »dem Nationalcharakter der Juden anhängenden, bekannten Fehlern, worunter eine wundersame Abwesenheit alles dessen, was das Wort ~verecundia~ ausdrückt, der hervorstechendste, wenngleich ein Mangel ist, der in der Welt besser weiter hilft, als vielleicht irgend eine positive Eigenschaft ....« (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132.)
Diesen Mangel an ~verecundia~ will ich erst weiterhin berühren und in einen Zusammenhang mit allem übrigen jüdischen Wesen zu bringen versuchen (S. 591).
($S. 422, Z. 14 v. u.$) Aus Versen _Keplers_ citiert nach Johann Karl Friedrich _Zöllner_, Über die Natur der Kometen, Beiträge zur Geschichte und Theorie der Erkenntnis, 2. Aufl., Leipzig 1872, S. 164.
($S. 423, Z. 1 v. u.$) Gustav Theodor _Fechner_, Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Organismen, Leipzig 1873. Wilhelm _Preyer_, Naturwissenschaftliche Tatsachen und Probleme, 1880, II. Vortrag: Die Hypothesen über den Ursprung des Lebens (»Kosmozoen-Theorie«).
($S. 425, Z. 4.$) Was _Schopenhauer_ (Über den Willen in der Natur, Werke, ed. Grisebach, III, 337) und _Chamberlain_ (Grundlagen des 19. Jahrhunderts, 4. Aufl., S. 170 f.) _Spinoza_ hauptsächlich zum Vorwurf machen, seine merkwürdigen sittlichen Lehren, das bildet in weit geringerem Grade einen Einwand gegen ihn und gegen das Judentum, und am wenigsten deutet es auf irgend eine Immoralität in Spinoza selbst hin. Spinozas ethische Lehre ist gerade darum so flach geworden, weil er recht wenig Verbrecherisches in sich zu überwinden hatte. Aus demselben Grunde treffen auch _Aristoteles'_, _Fechners_ oder _Lotzes_ ethische Theorien so wenig das eigentliche Problem, obwohl sie, als Arier, von vornherein tiefer sind als der Jude.
($S. 425, Z. 13.$) Ich glaube, daß auf einem Mißverständnis, auf einer Verwechslung von Wille und Willkür beruht, was _Chamberlain_ sagt (a. a. O., S. 243 f.): »Das liberum arbitrium ist entschieden eine semitische und in seiner vollen Ausbildung speziell eine jüdische Vorstellung.«
($S. 425, Z. 17.$) Wie ganz anders auch _Fechner_, den eine oberflächliche Betrachtung in sehr große Nähe zu Spinoza zu rücken versucht hat, als welcher jenem an Bedeutung und Tiefe weit nachsteht! Vgl. z. B. Zend-Avesta, II^2, 197: »Der Mensch, aus dem der jenseitige Geist kommt [beim Tode] ...., bleibt unter _allen_ Einwirkungen, die ihm begegnen mögen, ein Individuelles.«
($S. 427, Z. 16 f.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und Vorstellung, Zweiter Band, erstes Buch, Kapitel 8: Zur Theorie des Lächerlichen. -- _Jean Paul_, Vorschule der Ästhetik, § 26-55.
($S. 429, Z. 2 f.$) Im »fliegenden Holländer«, im »Lohengrin«, im »Parsifal« ist das Problem des Judentums offen formuliert; aber Siegfried, der »dumme Knab'«, ist nicht minder als Parsifal, der »reine Tor«, von _Wagner_ in einem Gegensatze zu allem Jüdischen gedacht worden.
($S. 434, Z. 10-12.$) Die Selbstsetzung des Ich bleibt der tiefste Gedanke der _Fichte_schen Philosophie. Vgl. Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre, Sämtliche Werke herausgegeben von J. H. Fichte, I/1, Berlin 1845, S. 95 f. (vgl. zu S. 205, Z. 18):
»~a)~ Durch den Satz A = A wird _geurtheilt_. Alles Urtheilen aber ist laut des empirischen Bewußtseyns ein Handeln des menschlichen Geistes; denn es hat alle Bedingungen der Handlung im empirischen Selbstbewußtseyn, welche zum Behuf der Reflexion, als bekannt und ausgemacht, vorausgesetzt werden müssen.
~b)~ Diesem Handeln nun liegt etwas auf nichts höheres gegründetes, nemlich X = Ich bin, zum Grunde.
~c)~ Demnach ist das _schlechthin gesetzte_ und _auf sich selbst gegründete_ -- Grund _eines gewissen_ (durch die ganze Wissenschaftslehre wird sich ergeben, _alles_) Handelns des menschlichen Geistes, mithin sein reiner Charakter; der reine Charakter der Thätigkeit an sich; abgesehen von den besonderen empirischen Bedingungen derselben.
Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thätigkeit desselben. -- Das Ich _setzt sich selbst_, und es _ist_, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt, das Ich _ist_, und es setzt sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns. -- Es ist zugleich das Handelnde und das Produkt der Handlung; das Thätige, und das, was durch die Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung und That sind Eins und ebendasselbe; und daher ist das: _Ich bin_, Ausdruck einer Thathandlung .....
8. Ist das Ich nur, insofern es sich setzt, so ist es auch nur _für_ das setzende und setzt nur für das seyende. -- _Das Ich ist für das Ich_, -- setzt es aber sich selbst, schlechthin so wie es ist, so setzt es sich nothwendig und ist nothwendig für das Ich. _Ich bin nur für Mich; aber für mich bin ich nothwendig_ (indem ich sage _für Mich_, setze ich schon mein Seyn).
9. _Sich selbst setzen_ und _Seyn_ sind, vom Ich gebraucht, völlig gleich. Der Satz: Ich bin, weil ich mich selbst gesetzt habe, kann demnach auch so ausgedrückt werden: _Ich bin schlechthin, weil ich bin._
Ferner, das sich setzende Ich und das seyende Ich sind völlig gleich, Ein und ebendasselbe. Das Ich ist dasjenige, als _was_ es sich setzt; und es setzt sich als _dasjenige_, was es ist. Also: _Ich bin schlechthin, was ich bin._
10. Der unmittelbare Ausdruck der jetzt entwickelten Thathandlung wäre folgende Formel: _Ich bin schlechthin, das ist ich bin schlechthin, weil ich bin, und bin schlechthin, was ich bin; beides für das Ich._
Denkt man sich die Erzählung von dieser Thathandlung an die Spitze einer Wissenschaftslehre, so müßte sie etwa folgendermaßen ausgedrückt werden: _Das Ich setzt ursprünglich sein eigenes Seyn._«
($S. 434, Z. 15 f.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_ a. a. O., S. 397 f. -- Die Dualität von Religion und Glaube, die Chamberlain S. 405 f. behauptet, dürfte kaum haltbar sein.
($S. 435, Z. 6 v. u.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_, Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 244, 401.
($S. 436, Z. 2 v. u.$) Man sieht, wie schwierig es ist, das Judentum zu definieren. Dem Juden fehlt die Härte, aber auch die Sanftmut -- eher ist er zähe und weich; er ist weder roh noch fein, weder grob noch höflich. Er ist nicht König, nicht Führer, aber auch nicht Lehnsmann, nicht Vasall. Was er nicht kennt, ist Erschütterung; doch es mangelt ihm ebensosehr der Gleichmut. Ihm ist nie etwas selbstverständlich, aber ebenso fremd ist ihm alles wahre Staunen. Er hat nichts vom _Lohengrin_, aber beinahe noch weniger vom _Telramund_ (der mit seiner Ehre steht und fällt). Er ist lächerlich als Korpsstudent; und gibt doch keinen guten Philister ab. Er ist nie schwerblütig, aber auch nie vom Herzen leichtsinnig. Weil er nichts glaubt, flüchtet er ins Materielle; nur daher stammt seine Geldgier: er sucht hier eine Realität und will durchs »Geschäft« von einem Seienden überzeugt werden -- der einzige Wert, den er als tatsächlich anerkennt, wird so das »verdiente« Geld. Aber dennoch ist er nicht einmal eigentlich Geschäftsmann: denn das »Unreelle«, »Unsolide« im Gebaren des jüdischen Händlers ist nur die konkrete Erscheinung des der _inneren Identität_ baren jüdischen Wesens auch auf diesem Gebiete. _»$Jüdisch$« ist also eine $Kategorie$_ und psychologisch nicht weiter zurückzuführen und zu bestimmen; metaphysisch mag man es als _Zustand vor dem Sein_ fassen; introspektiv kommt man nicht weiter als bis zur inneren Vieldeutigkeit, dem Mangel an Überzeugungen, der Unfähigkeit zu irgend welcher Liebe, das ist ungeteilten Hingabe, und zum Opfer.
Die Erotik des Juden ist sentimental, sein Humor Satire; jeder Satiriker aber ist sentimental, wie jeder Humorist nur ein umgekehrter Erotiker. In der Satire und in der Sentimentalität ist jene Duplizität, die das Jüdische eigentlich ausmacht (denn die Satire verschweigt zu wenig und fälscht darum den Humor); und jenes Lächeln ist beiden gemeinsam, welches das jüdische Gesicht kennzeichnet: kein seliges, kein schmerzvolles, kein stolzes, kein verzerrtes Lächeln, sondern jener unbestimmte Gesichtsausdruck, welcher _Bereitschaft_ verrät, _auf alles einzugehen_, und alle Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst vermissen läßt; jene Ehrfurcht, die allein alle andere »~verecundia~« erst begründet.
($S. 437, Z. 6.$) _Chamberlain_: a. a. O., S. 329 f.
($S. 437, Z. 5 v. u. f.$) Über das »epileptische Genie« vgl. besonders _Lombroso_, Der geniale Mensch, Hamburg 1890, an vielen Orten. Über Napoleons Epilepsie orientiert Louis _Proal_, Napoléon I. était-il épileptique? Archives d'Anthropologie criminelle, 1902, p. 261-266 (mit den Zeugnissen von Constant und Talleyrand).
($S. 438, Z. 11.$) _Kant_, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, S. 46-47, ed. Kehrbach. Vgl. S. 49 f.: »Wenn der Mensch aber im Grunde seiner Maximen verderbt ist, wie ist es möglich, daß er durch eigene Kräfte diese Revolution [einen Übergang zur Maxime der Heiligkeit der Gesinnung] zustande bringe und von selbst ein guter Mensch werde? Und doch gebietet die Pflicht, es zu sein, sie gebietet uns aber nichts, als was uns tunlich ist. Dieses ist nicht anders zu vereinigen, als daß die Revolution für die Denkungsart, die allmähliche Reform aber für die Sinnesart (welche jener Hindernisse entgegenstellt), notwendig und daher auch dem Menschen möglich sein muß. Das ist: wenn er den obersten Grund seiner Maximen, wodurch er ein böser Mensch war, durch eine einzige unwandelbare Entschließung umkehrt (und hiemit einen neuen Menschen anzieht); so ist er sofern dem Prinzip und der Denkungsart nach ein fürs Gute empfängliches Subjekt u. s. w.« --
Das andere Genie erfährt die Gnade noch vor der Geburt; der Religionsstifter im Laufe seines Lebens. In ihm stirbt ein älteres Wesen am vollständigsten und tritt vor einem gänzlich neuen zurück. Je größer ein Mensch werden will, desto mehr ist in ihm, dessen Tod er beschließen muß. Ich glaube, daß auch _Sokrates_ hier den Religionsstiftern (als der einzige unter allen Griechen[106]) sich nähert; vielleicht hat er den entscheidenden Kampf mit dem Bösen an jenem Tage gekämpft, da er bei Potidaea vierundzwanzig Stunden allein an einem und demselben Orte aufrecht stand.
_Kant_ (Religionsphilosophie; vgl. im Texte S. 209), _Goethe_ (Citat auf S. 438), _Jakob Böhme_ (De regeneratione) und Richard _Wagner_ (Wotan bei Erda, Siegfried, III. Akt) sind ebenfalls diesem Ereignis einer buchstäblichen _Neugeburt_ des _ganzen_ Menschen weniger fern gewesen als die meisten anderen großen Männer.
Zu Teil II, Kapitel 14.
($S. 443, Z. 7 v. u.$) »Alle höhere Kultur ist nicht auf das Prinzip der _Sexualität_, sondern im Gegenteil auf das Prinzip der _Askese_ gegründet« das ist (wenn man Askese nicht zu eng, nicht im Sinne einer Jesuiten-Schulung faßt) das wahrste Wort aus dem trefflichen Aufsatze von O. _Friedländer_ (vgl. zu S. 446, Z. 1 v. u.).
($S. 443, Z. 15-21.$) Auf das Überwiegen des dirnenhaften Elementes im heutigen Weibe dürfte die zunehmende Unlust und Unfähigkeit der Mütter, ihre Kinder zu stillen, viel eher zurückweisen als auf den seit Jahrhunderten unverändert großen Alkoholgenuß (vgl. S. 291, Z. 14 v. u. f.)
($S. 444, Z. 15.$) Sogar in die Wissenschaft ist diese Wertung des Mannes nach seiner geschlechtlichen Fähigkeit eingedrungen. »Il ne peut être douteux que les testicules donnent à l'homme ses plus nobles et ses plus utiles qualités.« (_Brown-Séquard_, Archives de Physiologie normale et pathologie, 1889, p. 652.)
Es ist sehr verdienstlich von _Rieger_, diesen so populären Anschauungen derart kräftig entgegengetreten zu sein, wie er es in seinem Buche über »Die Kastration« (Jena 1900) getan hat.
($S. 446, Z. 1 v. u.$) Auf einem anderen Wege und weniger durch eine Analyse der Weiblichkeit als der Männlichkeit kommt Oskar _Friedländer_ (»Eine für Viele«, eine Studie, Die Gesellschaft, Münchener Halbmonatsschrift, 1902, Heft 15/16) zu _demselben_ Ergebnis (S. 181 f.): »Die Geschlechter bilden und beeinflussen einander in der Richtung nach dem physischen und moralischen Ideale, das sie als Maßstab ihrer wechselseitigen Wertschätzung zu Grunde legen, und von dessen mehr oder minder vollkommener Erfüllung die Bevorzugung der einen vor den anderen bei der Liebeswahl abhängig zu denken ist. Wenn echte Weiblichkeit mit dem Attribute der Keuschheit unzertrennlich verbunden ist, so ist demnach der Grund dafür nicht in der Natur des Weibes, sondern in der moralischen Disposition des Mannes zu suchen. Ihm ist die Keuschheit, im weiteren Sinne: die Fähigkeit, die Schranken des sinnlichen Einzeldaseins zu übersteigen, der höchste sittliche Wert und wird es trotz aller beklagenswerten Aberrationen, an denen unser, einem durchaus unberechtigten Optimismus huldigendes Zeitalter so reich ist, immer bleiben; darum überträgt er ihn in der Form eines moralischen Imperatives auf das andere Geschlecht. Der Frau ist, weniger im ethischen als im sexuellen Interesse, alles an der Erfüllung dieser Forderung gelegen. Deshalb hält sie so unerbittlich zähe daran fest, zähe besonders am Scheine der Keuschheit, an den Regeln der Konvenienz.
Die Anwendung auf den entgegengesetzten Fall wird man mir erlassen. Es heißt dem Scharfsinn meiner Leser nicht allzuviel zumuten, wenn ich ihnen die Entscheidung anheimstelle, wo das Ideal der männlichen Unkeuschheit seinen Ursprung genommen haben mag.«
($S. 447, Z. 1.$) Doch ist auch der Wert, der auf Jungfräulichkeit gelegt wird, wie bekannt, ein sehr verschiedener bei den verschiedenen Menschenrassen. Vgl. Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde, Berlin 1902, S. 93.
($S 447, Z. 1 v. u.$) Der Mensch, der sich straft durch Fleischeskreuzigung und Abtötung des Leibes, will den Sieg ohne Kampf; er räumt den Leib aus dem Wege, weil er zu schwach ist, dessen Triebe zu überwinden. Er ist ebenso feig wie der Selbstmörder, der sich erschösse, weil er am Siege über sich verzweifelte. Und die Buße ist der Reue geradezu entgegengesetzt; denn sie beweist, daß der Mensch gar nicht _über_ seiner Missetat steht, sondern noch in ihr befangen ist, sonst würde er sich nicht züchtigen; er würde trotz der Zurechnung einen Unterschied machen zwischen dem Moment der Tat und dem Moment der Reue, wofern Reue da wäre. Denn Bedingung der Reue ist nunmehrige Unfähigkeit zur Tat, und diese Unfähigkeit zum Bösen kann kein Mensch in sich strafen wollen. Auch _Kant_ hat die Askese durchschaut (Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, § 53).
($S. 448, Z. 4 v. u.$) Richard _Wagner_, Parsifal, ein Bühnenweihfestspiel. Zweiter Aufzug. (Gesammelte Schriften und Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. X, S. 360 f.)
($S. 451, Z. 9 v. u.$) _Schopenhauer_: »Die Mormonen haben Recht.« (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 370 Ende.) _Demosthenes_ 59, 122 (Κατὰ Νεαίρας): »Tὰς μὲν γὰρ ἑταίρας ἡ δονῆς ἕνεκ' ἔχομεν, τὰς δὲ παλλακὰς τῆς καθ' ἡμέραν θεραπείας τοῦ σώματος, τὰς δἐ γυναῖκας τοῦ παιδοποιεῖσθαι γνησίως καὶ τῶν ἔνδον φύλακα πιστὴν ἔχειν.«