Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung
Part 53
(S. 447): »Wenden wir uns nun zur Gattung _Matthiola_. Der Pollen der einen Sorte von _Levkoj_ affiziert zuweilen die Farbe der Samen einer anderen Sorte, die als Mutterpflanze benutzt wird. Ich führe den folgenden Fall um so lieber an, als _Gärtner_ ähnliche Angaben, die in Bezug auf den Levkoj von anderen Beobachtern früher gemacht worden waren, bezweifelte. Ein sehr bekannter Gartenzüchter, Major _Trevor Clark_ (siehe auch einen Aufsatz, welchen dieser Beobachter vor dem internationalen Hortikultur- und botanischen Kongreß in London 1866 gelesen hat), teilt mir mit, daß die Samen des großen rotblütigen, _zweijährigen_ Levkoj (M. annua; »Cocardeau« der Franzosen) hellbraun sind, und die des purpurnen verzweigten Levkojs »Queen« (M. incana) violettschwarz sind. Nun fand er, daß, wenn Blüten des roten Levkojs mit Pollen des purpurnen befruchtet wurden, sie ungefähr 50% schwarzen Samen ergaben. Er schickte mir vier Schoten von einer rotblühenden Pflanze, von denen zwei mit ihren eigenen Pollen befruchtet worden waren, und diese enthielten blaßbraune Samen, und zwei, welche mit Pollen von der purpurnen Sorte gekreuzt worden waren, und diese enthielten Samen, die alle tief mit Schwarz gefärbt waren. Diese letzteren Samen ergaben purpurblühende Pflanzen wie ihr Vater, während die blaßbraunen Samen normale rotblühende Pflanzen ergaben. Major _Clarke_ hat beim Aussäen ähnlicher Samen in einem größeren Maßstabe dasselbe Resultat erhalten. Die Beweise für die direkte Einwirkung des Pollens einer Spezies auf die Färbung der Samen einer anderen Spezies scheinen mir in diesem Falle ganz entscheidend zu sein.«
Darwin legt hier besonderen Nachdruck auf die radikale Veränderung in der Mutterpflanze durch den männlichen Pollen. So im englischen Texte (2. ed., London 1875, Vol. II, p. 430 f.): »Professor _Hildebrand_ (Botanische Zeitung, Mai 1868, S. 326) ... has fertilised ... a kind [of maize] bearing yellow grains with the precaution that the mother-plant was true. A kind bearing yellow grains was fertilised with pollen of a kind having brown grains, and two ears produced yellow grains, but one side of the spindle was tinted with a reddish brown; _so that here we have the important fact of the influence of the foreign pollen extending to the axis_.« S. 449 (der deutschen Ausgabe): »Mr. _Sabine_ (Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 69) gibt an, daß er gesehen hat, wie die Form der nahezu kugeligen Samenkapseln von Amaryllis vittata durch die Anwendung des Pollens einer anderen Spezies, deren Kapseln höckerige Kanten haben, verändert wurden.«
(S. 459): »Ich habe nun nach der Autorität mehrerer ausgezeichneter Beobachter der Pflanzen, welche zu sehr verschiedenen Ordnungen gehören, gezeigt, daß der Pollen einer Spezies oder Varietät, wenn er auf eine distinkte Form gebracht wird, gelegentlich die Modifikation der Samenhüllen und des Fruchtknotens oder der Frucht verursacht, was sich in einem Falle bis auf den Kelch und den oberen Teil des Fruchtstiels der Mutterpflanze erstreckt. Es geschieht zuweilen, daß das ganze Ovarium oder alle Samen auf diese Weise modifiziert werden; zuweilen wird nur eine gewisse Anzahl Samen, wie in dem Falle bei der Erbse, oder nur ein Teil des Ovariums, wie bei der gestreiften Orange, den gefleckten Trauben und dem gefleckten Mais, so affiziert. Man darf nicht annehmen, daß irgend eine direkte oder unmittelbare Wirkung der Anwendung fremden Pollens unabänderlich folgt: dies ist durchaus nicht der Fall; auch weiß man nicht, von welchen Bedingungen das Resultat abhängt.«
(S. 451): »Die Beweise für die Wirkung fremden Pollens auf die Mutterpflanze sind mit beträchtlichem Detail gegeben worden, weil diese Wirkung ... von der höchsten theoretischen Bedeutung ist und weil sie an und für sich ein merkwürdiger und scheinbar anormaler Umstand ist. Daß sie vom physiologischen Standpunkte aus merkwürdig ist, ist klar; denn das männliche Element affiziert nicht bloß, im Einklang mit seiner eigentlichen Funktion, den Keim, sondern auch die umgebenden Gewebe der Mutterpflanze.« (Hier fährt die englische Ausgabe I^2, p. 430, fort): »... $We thus see, that an ovule is not indispensable for the reception of the influence of the male element.$«
($S. 307, Z. 5 v. u.$) Ich setze den berühmten Bericht im Original her: (Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 1821, Part I, p. 20 f.):
_A communication of a singular fact in Natural History. By the Right Honourable the Earl of $Morton$_, F. R. S., in a Letter addressed to the President.
Read, November 23, 1820.
My Dear Sir,
I yesterday had an opportunity of observing a singular fact in Natural History, which you may perhaps deem not unworthy of being communicated to the Royal Society.
Some years ago, I was desirous of trying the experiment of domesticating the Quagga, and endeavoured to procure some individuals of that species. I obtained a male; but being disappointed of a female, I tried to breed from the male quagga and a young chestnut mare of seven-eighths Arabian blood and which had never been bred from: the result was the production of a female hybrid, now five years old, and bearing, both in her form and in her colour, very decided indications of her mixed origin. I subsequently parted with the seven-eighth Arabia mare to Sir _Gore Ouseley_, who has bred from her by a very fine black Arabian horse. I yesterday morning examined the produce, namely, a two-years old filly, and a year-old colt. They have the character of the Arabian breed as decidedly as can be expected, where fifteen-sixteenths of the blood are Arabian; and they are fine specimens of that breed; _but both in their colour, and in the hair of their manes, they have a striking resemblance to the quagga_. Their colour is bay, marked more or less like the quagga in a darker tint. Both are distinguished by the dark line along the ridge of the back, the dark stripes across the fore-hand, and the dark bars across the back-part of the legs. The stripes across the fore-hand of the colt are confined to the withers, and to the part of the neck next to them; those on the filly cover nearly the whole of the neck and the back, as far as the flanks. The colour of her coat on the neck adjoining to the mane is pale and approaching to dun, rendering the stripes there more conspicuous than those on the colt. The same pale tint appears in a less degree on the rump: and in this circumstance of the dun tint also she resembles the quagga -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- [p. 22] These circumstances may appear singular; but I think you will agree with me that they are trifles compared with the extraordinary fact of so many striking features, which do not belong to the dam, being in two successive instances communicated through her to the progeny, not only of another sire, who also has them not, but of a sire belonging probably to another species; for such we have very strong reason for supposing the quagga to be.
I am, my dear Sir Your faithful humble servant $Morton$.
($S. 308, Z. 1 f.$) Besonders ausführlich H. _Settegast_, Die Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre, Breslau 1878, S. 223 bis 234: Infektion (Superfötation). Er verweist alles in das Gebiet des Aberglaubens und der Phantastik. »So kommen wir denn zu dem Schluß, daß die vermeintliche Infektion der Mutter auf einer Täuschung beruht, und daß es unzulässig ist, durch sie die Fälle erklären zu wollen, in welchen das Kind in Farbe und Abzeichen, in Form und Eigenschaften der Übereinstimmung mit den Eltern ermangelt. Aus unseren bisherigen Untersuchungen über Abweichungen von elterlicher Verwandtschaft ist zu ersehen, daß die vereinzelten Fälle, welche die Infektionstheorie zu ihren Gunsten auslegt, und die zugleich als verbürgt angesehen werden dürfen, auf Rechnung der Neubildung der Natur zu schreiben sind.
Durch unsere Ausführungen glauben wir die Infektionstheorie widerlegt zu haben: daß es uns gelungen sein sollte, sie für immer zu bannen, dürfen wir kaum hoffen. Die Infektionstheorie ist die Seeschlange der Vererbungslehre.«
($S. 308, Z. 3.$) F. C. _Mahnke_, Die Infektionstheorie, Stettin 1864. Vgl. zu der Frage auch Rudolf _Wagner_, Nachtrag zu R. Leuckarts Artikel »Zeugung«, in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV, 1853, S. 1011 f. Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898, S. 137 f.
($S. 308, Z. 4.$) August _Weismann_, Das Keimplasma, Eine Theorie der Vererbung, Jena 1892, S. 503 f. Die Allmacht der Naturzüchtung, Jena 1893, S. 81-84, 87-91. Weismann verhält sich, wie er (seiner Überzeugung von der völligen Unbeeinflußbarkeit des Keimplasmas gemäß) es wohl muß, ablehnend, und beruft sich hiebei vor allem auf die eingehenden Erörterungen _Settegasts_. Ähnlich Hugo _de Vries_, Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 206-207.
Dagegen ist _Darwin_ von der »direkten Wirkung des männlichen Elementes auf das Weibchen« (nicht bloß auf eine einzige Keimzelle desselben) überzeugt, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, Kap. 27 (Bd. II^2, S. 414, Stuttgart 1873); wie es wohl ein jeder sein muß, der sich die ungeheuere Veränderung, welche in den Frauen sofort mit Beginn der Ehe eintritt, und ihre außerordentliche Anähnlichung an den Mann während derselben vor Augen hält. Vgl. im Texte S. 376, 396.
Darwin sagt a. a. O., S. 414: »Wir sehen hier, daß das männliche Element nicht den Teil affiziert und hybridisiert, welchen zu affizieren es eigentlich bestimmt ist, nämlich das Eichen, sondern die besonders entwickelten Gewebe eines distinkten Individuums.«
Ausführlicher spricht Darwin über die Telegonie im 11. Kapitel dieses selben Werkes, wo er aus der Literatur eine große Zahl von Fällen anführt, welche für ihr Vorkommen beweisend sind (Bd. I^2, S. 453-455):
»In Bezug auf die Varietäten unserer domestizierten Tiere sind viele ähnliche und sicher beglaubigte Tatsachen veröffentlicht worden, andere sind mir noch mitgeteilt worden; alle beweisen den Einfluß des ersten Männchens auf die später von derselben Mutter mit anderen Männchen erzeugten Nachkommen. Es wird hinreichen, noch einen einzigen Fall mitzuteilen, der in einem auf den des Lord _Morton_ folgenden Aufsatz in den »Philosophical Transactions« enthalten ist: Mr. _Giles_ brachte eine Sau von Lord _Westerns_ schwarzer und weißer Essexrasse zu einem wilden Eber von einer tiefkastanienbraunen Färbung; die produzierten Schweine trugen in ihrer äußeren Erscheinung Merkmale sowohl des Ebers als der Sau, bei einigen herrschte aber die braune Färbung des Ebers bedeutend vor. Nachdem der Eber schon längere Zeit tot war, ward die Sau zu einem Eber ihrer eigenen schwarzen und weißen Rasse getan (einer Rasse, von welcher man sehr wohl weiß, daß sie sehr rein züchtet und niemals irgend eine braune Färbung zeigt); und doch produzierte die Sau nach dieser Verbindung einige junge Schweine, welche deutlich dieselbe kastanienbraune Färbung besaßen, wie die aus dem ersten Wurfe. _Ähnliche Fälle sind so oft vorgekommen, daß sorgfältige Züchter es vermeiden, ein geringeres Männchen zu einem ausgezeichneten Weibchen zu lassen wegen der Beeinträchtigung der späteren Nachkommen, welche sich hienach erwarten läßt._
Einige Physiologen haben diese merkwürdigen Folgen einer ersten Befruchtung aus der innigen Verbindung und der freien Kommunikation zwischen den Blutgefäßen des modifizierten Embryo und der Mutter zu erklären versucht. Es ist indes eine äußerst unwahrscheinliche Hypothese, daß das bloße Blut des einen Individuums die Reproduktionsorgane eines anderen Individuums in einer solchen Weise affizieren könne, daß die späteren Nachkommen dadurch modifiziert würden. Die Analogie mit der direkten Einwirkung fremden Pollens auf den Fruchtknoten und die Samenhüllen der Mutterpflanze bietet der Annahme eine kräftige Unterstützung, daß das männliche Element, so wunderbar diese Wirkung auch ist, direkt auf die Reproduktionsorgane des Weibchen wirkt, und nicht erst durch die Intervention des gekreuzten Embryo.«
Wilhelm Olbers _Focke_, Die Pflanzen-Mischlinge, Ein Beitrag zur Biologie der Gewächse, Berlin 1881, S. 510-518: »Ich schlage ... vor, solche Abweichungen von der normalen Gestalt oder Färbung, welche in irgendwelchen Teilen einer Pflanze durch die Einwirkung vom fremden Blütenstaube hervorgebracht werden, als Xenien zu bezeichnen, gleichsam als Gastgeschenke der Pollen spendenden Pflanze an die Pollen empfangende.« (S. 511.)
($S. 308, Z. 16 v. u.$) Zum »Versehen« vgl. die Anmerkungen zu S. 285 f.
($S. 308, Z. 8 v. u.$) Wie für das Versehen auf _Goethe_ und auf _Ibsen_, so hätte ich, wenn ich nicht erst nach Abschluß dieses Kapitels hierauf wäre aufmerksam gemacht worden, auch für die Realität der Telegonie auf das Werk eines großen Künstlers mich berufen können: ich meine Madeleine _Férat_, den wenig gelesenen, aber wohl sehr großartigen Roman des jugendlichen _Zola_. Was Zola über die Frauen gedacht hat, muß, nach diesem, wie nach anderen Werken, meinen Anschauungen sehr nahe gestanden sein. Vgl. Madeleine Férat, Nouvelle édition, Paris, Bibliothèque-Charpentier 1898, S. 173 f., besonders S. 181 ff. und 251 f., Stellen, die ich ihrer großen Länge wegen nicht hiehersetzen kann.
($S. 310, Z. 17.$) Über die Zuhälter vgl. _Lombroso-Ferrero_, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, S. 560 ff. der deutschen Ausgabe, über ihre Identität mit den eigentlichen Verbrechern, ibid. S. 563-564.
Zu Teil II, Kapitel 11.
($S. 314, Z. 11 f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd. II, Kapitel XXVII. -- Die Erzählung in Betreff des Lord _Byron_ ist nach R. von _Hornstein_ wiedergegeben von Eduard _Grisebach_ im Anhange zu Schopenhauers sämtlichen Werken, Bd. VI, S. 191 f.
($S. 315, Z. 1 v. u.$) _Kant_, Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, Königsberg 1764, III. Abschnitt (Bd. VIII, S. 36 der Kirchmannschen Ausgabe): »Diese ganze Bezauberung ist im Grunde über den Geschlechtstrieb verbreitet. Die Natur verfolgt ihre große Absicht, und alle Feinigkeiten, die sich hinzugesellen, sie mögen nun so weit davon abzustehen scheinen, wie sie wollen, sind nur Verbrämungen und entlehnen ihren Reiz doch am Ende aus derselben Quelle.« -- _Schopenhauer_ in seiner wiederholt citierten »Metaphysik der Geschlechtsliebe« (Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 44).
($S. 316, Z. 3 v. u. f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 369.
($S. 318, Z. 10.$) _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, Transscendentale Dialektik, I, 3. System der transcendentalen Ideen (S. 287 ff., Kehrbach).
($S. 318, Z. 15-8 v. u.$) Das Lied ist das des Wolfram aus _Wagners_ Tannhäuser, 2. Aufzug, 4. Scene.
($S. 324, Z. 19 f.$) _Platon_, Phaedrus, p. 251 A. B.: »ὅταν θεοειδὲς πρόσωπον ἴδῃ κάλλος εὖ μεμιμημένον, ἤ τινα σώματος ἰδέαν, πρῶτον μὲν ἔφριξε ... εἶτα προσορῶν ὡς θεὸν σέβεται, καὶ εἰ μὴ δεδιείη τὴν τῆς σφόδρα μανίας δόξαν, θύοι ἂν ὡς ἀγάλματι καὶ θεῷ τοῖς παιδικοῖς. ἰδόντα δὲ αὐτὸν, οἷον ἐκ τῆς φρίκης, μεταβολή τε καὶ ἱδρὼς καὶ θερμότης ἀήθης λαμβάνει· δεξάμενος γὰρ τοῦ κάλλους τὴν ἀποῤῥοὴν διὰ τῶν ὀμμάτων, ἐθερμάνθη ᾗ ἡ τοῦ πτεροῦ φύσις ἄρδεται, θερμανθέντος δὲ ἐτάκη τὰ περὶ τὴν ἔκφυσιν, ἃ πάλαι ὑπὸ σκληρότητος συμμεμυκότα εἶργε μὴ βλαστάνειν, ἐπιῤῥυείσης δὲ τῆς τροφῆς ᾤδησέ τε καὶ ὥρμησε φύεσθαι ἀπὸ τῆς ῥίζης ὁ τοῦ πτεροῦ καυλὸς ὑπὸ πᾶν τὸ τῆς ψυχῆς εἶδος· πᾶσα γὰρ ἦν τὸ πάλαι πτερωτή.«
($S. 325, Z. 16-8 v. u.$) Vgl. _Dante_, Paradiso, Canto VII, v. 64-66: »La divina bontà, che da sè sperne ogni livore, ardendo in sè sfavilla Si che dispiega le bellezze interne.«
($S. 326, Z. 13.$) _Kant_, Kritik der Urteilskraft. -- _Schelling_, System des transcendentalen Idealismus, Sämtliche Werke, I. Abteilung, Bd. III. -- _Schiller_, Über die ästhetische Erziehung des Menschen.
($S. 326, Z. 17 v. u.$) _Shaftesbury_: nach W. _Windelband_, Geschichte der neueren Philosophie in ihrem Zusammenhange mit der allgemeinen Kultur und den besonderen Wissenschaften, 2. Aufl., Leipzig 1899, Bd. I, S. 272. -- _Herbart_, Analytische Beleuchtung des Naturrechts und der Moral, Göttingen 1836, Sämtliche Werke, ed. Hartenstein, Bd. VIII, S. 213 ff.
($S. 330, Z. 19 v. u.$) _Platons_ Gastmahl, 206 E.
($S. 330, Z. 11 f. v. u.$) _Platon_ a. a. O., Kap. 27, S. 209 C-E (Übersetzung nach _Schleiermacher_).
($S. 331, Z. 17 v. u.$) _Novalis_: »Es ist wunderbar genug, daß nicht längst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und ihre gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.« (Novalis' Schriften, herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel, Zweiter Teil, Wien 1820, S. 288.)
($S. 331, Z. 15 v. u.$) _Bachofen_, Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, S. 52: »Das stoffliche, das tellurische Sein umschließt beides, Leben und Tod. Alle Personifikationen der chthonischen Erdkraft vereinigen in sich diese beiden Seiten, das Entstehen und das Vergehen, die beiden Endpunkte, zwischen welchen sich, um mit Plato zu reden, der Kreislauf aller Dinge bewegt. So ist Venus, die Herrin der stofflichen Zeugung, als Libitina die Göttin des Todes. So steht zu Delphi eine Bildsäule mit dem Zunamen Epitymbia, bei welcher man die Abgeschiedenen zu den Totenopfern heraufruft (Plut. quaest. rom. 29). So heißt Priapus in jener römischen Sepulcralinschrift, die in der Nähe des Campanaschen Columbariums gefunden wurde, mortis et vitai locus. So ist auch in den Gräbern nichts häufiger als Priapische Darstellungen, Symbole der stofflichen Zeugung. Ja es findet sich auch in Südetrurien ein Grab, an dessen Eingang, auf dem rechten Türpfosten, ein weibliches sporium abgebildet ist.« -- Der Kreislauf von Tod und Leben war auch ein Lieblingsthema der Reden _Buddhas_. Ihn hat aber auch der tiefste unter den voreleatischen Griechen, _Anaximandros_, gelehrt (bei Simplicius in Aristot. Physika 24, 18): »ἐξ ὧν ἡ γένεσίς ἐστι τοῖς οὖσι, καὶ τὴν φθορὰν εἰς ταῦτα γίνεσθαι κατὰ χρεών. διδόναι γὰρ αὐτὰ τίσιν καὶ δίκην τῆς ἀδικίας κατὰ τὴν τοῦ χρόνου τάξιν.«
($S. 332, Z. 10-11.$) Giordano _Bruno_, Gli eroici furori, Dialogo secundo 13 (Opere di G. B. Nolano ed. Adolfo Wagner, Vol. II, Leipzig 1830, p. 332): »Tutti gli amori, se sono eroici, e non son puri animali, che chiamano naturali e cattivi a la generazione come instrumenti de la natura, in certo modo hanno per oggetto la divinità, tendono a la divina bellezza, la quale prima si comunica a l'anime e risplende in quelle, e da quelle poi, o per dir meglio, per quelle poi si comunica a li corpi.«
($S. 332, Z. 8-9 v. u.$) Ed. v. _Hartmann_. Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 699 spricht es nur der allgemeinen Meinung nach: »..... es ist an der Zeit, den heranwachsenden Mädchen klar zu machen, daß ihr Beruf, wie er durch ihr Geschlecht vorgezeichnet ist, nur in der Stellung als Gattin und Mutter sich erfüllen läßt, daß er in nichts anderem besteht, als in dem Gebären und Erziehen von Kindern, daß die tüchtigste und am höchsten zu ehrende Frau diejenige ist, welche der Menschheit die größte Zahl besterzogener Kinder geschenkt hat, und daß alle sogenannte Berufsbildung der Mädchen nur einen traurigen Notbehelf für diejenigen bildet, welche das Unglück gehabt haben, ihren wahren Beruf zu verfehlen.«
($S. 332, Z. 8 v. u.$) Besonders im Judentum werden zum Teil noch heute unfruchtbare Frauen als zwecklos betrachtet (vgl. Kapitel XIII, S. 417). Aber auch nach deutschem Recht »durfte der Mann wegen Unfruchtbarkeit seiner Frau .... geschieden zu werden verlangen«. Jakob _Grimm_, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Ausgabe, Leipzig 1899, S. 626.
($S. 333, Z. 13 f.$) Das französische Citat stammt aus dem Cyklus »Sagesse« (Paul _Verlaine_, Choix de Poésies, Edition augmentée d'une Préface de François Coppée, Paris 1902, p. 179).
($S. 336, Z. 15.$) Vgl. Liebeslieder moderner Frauen, eine Sammlung von Paul _Grabein_, Berlin 1902.
($S. 337, Z. 15.$) Poros und Penia als Eltern des Eros: nach der so tiefen Fabel des platonischen Gastmahls (p. 203, B-D). Vgl. S. 340 und 397.
($S. 338, Z. 8 v. u. ff.$) Zu der Wirkung des männlichen Geschlechtsteiles auf das weibliche Geschlecht vgl. eine Erzählung _Freuds_ (_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, Leipzig und Wien, S. 113); vor allem aber die großartige Scene in _Zolas_ Roman »Germinal« (Quinzième Partie, Fin, p. 416), wo die Frauen das Zeugungsglied des gemordeten und nach dem Tode kastrierten Maigrat erblicken.
($S. 339, Z. 6.$) Erst lange, nachdem ich diese Stelle niedergeschrieben hatte, wurde ich darauf aufmerksam, daß fascinum, von dem fascinare sich herleitet, im Lateinischen (z. B. Horaz, Epod. 8, 18) nichts anderes als das männliche Glied bedeutet. Die Wirkung des männlichen Bartes auf die Frau ist zwar eine bedeutend schwächere und nicht gleich allgemeine, aber mit der des Zeugungsgliedes psychologisch nicht ohne Verwandtschaft.
($S. 340, Z. 9 f.$) _Plato_, Symposion, 202, D-E: Τί οὖν ἄν εἴη ὁ Ἔρως;.... Μεταξὺ θνητοῦ καὶ ἀθανάτου, .... δαίμων μέγας, ὦ Σώκρατες· καὶ γὰρ πᾶν τὸ δαιμόνιον μεταξύ ἐστι θεοῦ τε καὶ θνητοῦ. 203 E: οὔτε ἀπορεῖ Ἔρως ποτὲ οὔτε πλουτεῖ. σοφίας τε αὖ καὶ ἀμαθίας ἐν μέσῳ ἐστίν.
($S. 340, Z. 14 f.$) Der neueste Darsteller der platonischen Gedankenwelt ist ein Anhänger _Mills_: Theodor _Gomperz_, Griechische Denker, eine Geschichte der antiken Philosophie, Bd. II, Leipzig 1902, S. 201 ff. In manchen Regionen scheint dieser vielfach hochverdiente Autor selbst gefühlt zu haben, wie ferne er einem Verständnis der inneren Denkmotive des Philosophen ist. Interessanter sind jene Stellen des Buches, wo der Verfasser Plato zu begreifen meint und beloben zu müssen glaubt. Vor dem Geiste der Modernität, welcher die höchsten Synthesen, deren er fähig war, im Lawn-tennis-Spiele vollzogen hat, vermögen nur zwei Stellen des »Staates« vollste Gnade zu finden. (»_Wir dürfen es Plato hoch anrechnen_, daß er die ‚hinkende’ Einseitigkeit des bloßen Sport- und Jagdliebhabers nicht stärker mißbilligt als jene, die sich nur um die Pflege des Geistes und gar nicht um jene des Körpers kümmert .... Nicht minder bezeichnend ist es, daß er auch bei der Auswahl der Herrscher neben den Charaktereigenschaften nach Möglichkeit die Wohlgestalt berücksichtigt wissen will .... Hier ist der asketische Verfasser des Phaedon wieder ganz und gar Hellene geworden.« S. 583.) Dem Dialog über den Staatsmann wird wie als höchste Anerkennung diese, daß »ein Hauch von baconischem, modern induktivem Geiste ihn gestreift« habe (S. 465). Gleichsam als das Ruhmwürdigste im »Phaedon« erscheint die Antizipation der Associationsgesetze (S. 356), und allen Ernstes wird als eine »wunderbare Äußerung Platons« eine Stelle des Sophisten (247, D E) gepriesen, die als eine Vorwegnahme der »modernen Energetik« vielleicht aus purem Wohlwollen gegen den Denker mißverstanden wird, der mit John Stuart Mill so gar keine Ähnlichkeit hatte (S. 455). Wie es unter solchen Umständen dem Timaeus ergeht, das kann man sich leicht ausmalen. Man sollte übrigens -- und diese Bemerkung richtet sich nicht bloß gegen eine unzulängliche Darstellung Platos -- es durchaus unterlassen, einen Philosophen oder Künstler deswegen zu loben, weil die Nur-Wissenschaftler nach tausend Jahren einen Gedanken von ihm zu begreifen anfangen. _Goethe_, _Plato_ und _Kant_ sind zu größeren Dingen auf der Erde erschienen, als empirische Wissenschaft aus ihrer Erfahrung allein je einsehen oder begründen könnte.