Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung
Part 46
($S. 71, Z. 19 v. u. f.$) Die »Aktualitätstheorie« des Psychischen ist die Theorie Wilhelm _Wundts_ (Grundriß der Psychologie, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 387); sie lehnt alles substantielle und zeitlose Sein in der Psychologie ab und erblickt hierin ihren wesentlichen Unterschied gegenüber der Naturwissenschaft, welche über den Begriff der Materie nie hinauskommen könne (vgl. auch _Wundts_ Logik, Bd. II, Methodenlehre, 2. Aufl., Leipzig 1895).
($S. 72, Z. 9 ff.$) Die im folgenden dargetane prinzipielle Berechtigung der Physiognomik, die trotz _Lichtenbergs_ übler Prophezeiung nicht »im eigenen Fett erstickt«, vielmehr an der Auszehrung gestorben ist, liegt eigentlich bereits in den Worten des _Aristoteles_ enthalten (περὶ Ψυχής A 3, 407 b, 13 f.): »Εκεινο δὲ ἄτοπον συμβαίνει καὶ τούτῳ τῷ λόγῳ καὶ τοῖς πλείστοις τῶν περὶ ψυχῆς· συνάπτουσι γὰρ καὶ τιθέασιν εἰς σῶμα τὴν ψυχήν, οὐθὲν προσδιορίσαντες διὰ τίν' αἰτίαν καὶ πῶς ἔχοντος τοῦ σώματος. καίτοι δόξειεν ἂν τοῦτ' ἀναγκαῖον εἶναι· διὰ γὰρ τὴν κοινωνίαν τὸ μὲν ποιεῖ τὸ δὲ πάσχει καὶ τὸ μὲν κινεῖται τὸ δὲ κινεῖ, τούτων δ' οὐδὲν ὑπαρχει πρὸς ἄλληλα τοῖς τυχοῦσιν. Ὁἱ δὲ μόνον ἐπιχειροῦσι λέγειν ποῖόν τι ἡ ψυχή, περὶ δὲ τοῦ δεξομένου σώματος οὐθὲν ἔτι προσδιορίζουσιν, ὥσπερ ἐνδεχόμενον κατὰ τοὺς Πυθαγορικοὺς μύθους _τὴν τυχοῦσαν ψυχὴν εἰς τὸ τυχὸν ἐνδύεσθαι σῶμα_· δοκεῖ γὰρ ἕκαστον ἴδιον ἔχειν εἶδος καὶ μορφήν. Παραπλήσιον δὲ λέγουσιν ὥσπερ εἴ τις φαίη τὴν τεκτονικὴν εἰς αὐλοὺς ἐνδύεσθαι· δεῖ γὰρ τὴν μὲν τέχνην χρῆσθαι τοῖς ὀργάνοις, τὴν δὲ ψυχὴν τῷ σώματι.«
($S. 72, Z. 22.$) P. J. _Moebius_, Über die Anlage zur Mathematik, Leipzig 1900.
($S. 74, Z. 19 v. u.$) _Hume_ schweigt über den Unterschied, _Mach_ leugnet ihn (vgl. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch entwickelt, 2. Aufl. Leipzig 1900, S. 432 ff.).
($S. 74, Z. 8 v. u. f.$) Die hier zurückgewiesene Ansicht über das Zeitproblem ist die von Ernst _Mach_, Die Mechanik in ihrer Entwicklung historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 233. Unendlich flach ist, was J. B. _Stallo_ zu dieser Frage bemerkt, The Concepts and Theories of modern physics, 3. ed., London 1890, p. 204.
($S. 75, Z. 19.$) Über _Aristoteles_ als Begründer der Korrelationslehre vgl. Jürgen Bona _Meyer_, Aristoteles' Tierkunde, Berlin 1855, S. 468.
($S. 75, Z. 17 v. u. ff.$) Über die merkwürdige Korrelation bei Katzen sowie über »Correlated Variability« überhaupt vgl. _Darwin_, Das Variieren der Tiere und Pflanzen, Stuttgart 1873, Kap. 25 (Bd. II^2, S. 375). Vgl. Entstehung der Arten, S. 36 f., 194 f. der Haekschen Übersetzung (Universal-Bibliothek).
($S. 76, Z. 7 v. u.$) Ernst _Mach_, Die Mechanik u. s. w., 4. Aufl., S. 235.
($S. 77, Z. 14 f.$) Hier berührt sich die Darstellung mit Wilhelm _Dilthey_, Beiträge zum Studium der Individualität, Sitzungsberichte der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1896 (S. 295-335), S. 303: »In einem ... Typus sind mehrere Merkmale, Teile oder Funktionen regelmäßig miteinander verbunden. Diese Züge, deren Verbindung den Typus ausmacht, stehen in einer solchen gegenseitigen Relation zueinander, daß die Anwesenheit des einen Zuges auf die des anderen schließen läßt, die Variationen im einen auf die im anderen. Und zwar nimmt diese typische Verbindung von Merkmalen im Universum in einer aufsteigenden Reihe von Lebensformen zu und erreicht im organischen und dann im psychischen Leben ihren Höhepunkt. Dieses Prinzip des Typus kann als das zweite, welches die Individuen beherrscht, angesehen werden. Dieses Gesetz ermöglichte es dem großen _Cuvier_, aus versteinerten Resten eines tierischen Körpers diesen zu rekonstruieren, und dasselbe Gesetz in der geistig-geschichtlichen Welt hat Fr. A. _Wolf_ und _Niebuhr_ ihre Schlüsse ermöglicht.«
($S. 77, Z. 8 v. u.$) Gemeint sind die künstlich des Oberschlundganglions beraubten Nereiden. »Hat man mehrere so operierte Würmer in einem Gefäß zusammen, so ... geraten sie in eine Ecke und suchen hier durch die Wand zu rennen. Die Würmer blieben viele Stunden so und gingen schließlich infolge ihres unsinnigen Bestrebens, vorwärts zu kommen, zu Grunde.« Jacques _Loeb_, Einleitung in die vergleichende Gehirnphysiologie und vergleichende Psychologie mit besonderer Berücksichtigung der wirbellosen Tiere, Leipzig 1899, S. 63 (wo nach S. S. _Maxwell_, Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie, 67, 1897, eine Zeichnung von diesem Vorgange gegeben ist).
($S. 78, Z. 4 v. o.$) Der Ausdruck »Aufpasser« u. s. w. bei _Schopenhauer_, Parerga II, § 350 bis.
($S. 78, Z. 1 v. u.$) Konrad _Rieger_ sagt (Die Kastration, Jena 1900, Vorwort, S. XXV): »Auch ich teile vollkommen mit _Gall_, _Comte_, _Moebius_ die Überzeugung: daß es der größte Fortschritt wäre, sowohl in der reinen Wissenschaft als in praktisch sozialer und politischer Hinsicht, wenn eine Methode gefunden würde, mittels deren es möglich wäre, Moral, Intelligenz, Charakter, Wille eines Menschen [physiognomisch] exakt zu bestimmen.« Ich kann mich dieser Auffassung nicht anschließen und halte sie für ein wenig übertrieben; doch ich führe sie an, weil sie immerhin die Wichtigkeit der Sache ins Licht setzen hilft.
Zu Teil I, Kapitel 6.
($S. 79, Z. 6.$) Am nächsten kommt der in diesem Kapitel entwickelten Auffassung der Frauenfrage _Arduin_, Die Frauenfrage und die sexuellen Zwischenstufen, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. II, 1900, S. 211-223. Jedoch bin ich von diesem Autor gänzlich unabhängig.
($S. 81, Z. 6 v. u.$) Vgl. _Welcker_, Sappho von einem herrschenden Vorurteil befreit, Göttingen 1816, wieder abgedruckt in seinen »Kleinen Schriften«, II. Teil, Bonn 1845, S. 80-144. Auch Q. _Horatius_ Flaccus, erklärt von Hermann _Schütz_, III. Teil, Episteln (Berlin 1883), Kommentar zu Epistel I, 19, 28, und dazu _Welcker_, Kleine Schriften, Bd. V, S. 239 f.
($S. 82, Z. 4 v. u.$) _Mérimée_: nach Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_, Mutterschaft und geistige Arbeit, eine psychologische und soziologische Studie auf Grundlage einer internationalen Erhebung mit Berücksichtigung der geschichtlichen Entwicklung, Berlin 1901, S. 162. Die Erzählung über George _Sand_ und _Chopin_ ebenda S. 166. Dieser fleißigen Arbeit verdanke ich auch sonst eine Anzahl von Belegen und den Hinweis auf einige Quellen.
($S. 82, Z. 6.$) Die Angabe über Laura _Bridgman_ rührt von Albert _Moll_ her, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897/98, Bd. I, S. 144. Die Stellen bei Wilhelm _Jerusalem_, Laura Bridgman, Erziehung einer Taubstumm-Blinden, eine psychologische Studie, Wien 1890, S. 60, sprechen freilich eher für das Gegenteil. Über die George _Sand_: Moll ibid., S. 698 f., Anm. 4; über _Katharina_ II.: _Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 516; über _Christine_: Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_, Mutterschaft und geistige Arbeit, Berlin 1901, S. 209 (»jedenfalls eine durch sexuell-pathologische Erscheinungen gefährdete Persönlichkeit«).
($S. 83, Z. 6.$) Man vergleiche »Briefe Ludwigs II. von Bayern an Richard Wagner«, veröffentlicht in der Wage, Wiener Wochenschrift, 1. Jänner bis 5. Februar 1899.
($S. 83, Z. 15 v. u. ff.$) Über George _Eliot_: _Gerhardt_ und _Simon_ a. a. O., S. 155. Über Lavinia _Fontana_ ibid., S. 98. Über die _Droste-Hülshoff_, S. 137. Über die Rachel _Ruysch_: Ernst _Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 122.
($S. 84, Z. 3 f.$) Über Rosa _Bonheur_ vgl. _Gerhardt-Simon_, S. 107 f. Dort ist nach dem Biographen der Malerin René _Peyrol_ (Rosa Bonheur, Her Life and Work, London) citiert: »The masculine vigour of her character, as also her hair, which she was in the habit of wearing short, contributed to perfect her disguise.« Wenn R. B. in Männerkleidern ging, schöpfte niemand den geringsten Verdacht.
($S. 84, Z. 4 v. u.$) Da Frauen weniger produzieren als Männer, haben ihre Werke von vornherein einen Seltenheitswert und gelten eher als Kuriosität. Vgl. _Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, S. 260 f.: »Es genügte, daß ein Werk von weiblicher Hand herrührte, um schon um deswillen gepriesen zu werden.«
($S. 86, Z. 4 f.$) Vgl. P. J. _Moebius_, Über die Vererbung künstlerischer Talente, in der »Umschau«, IV, Nr. 38, S. 742-745 (15. September 1900). Jürgen Bona _Meyer_, Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, 1880, S. 295-298. Karl _Joel_, Die Frauen in der Philosophie. Sammlung gemeinverständlicher Vorträge, herausgegeben von Virchow und Holtzendorff, Heft 246, Hamburg 1896, S. 32 und 63.
($S. 86, Z. 8 f.$) _Guhl_ a. a. O., S. 8.
($S. 86, Z. 15.$) Ich hätte hier noch als sehr männlich Dorothea _Mendelssohn_ erwähnen sollen; über sie wie über ihren so weiblichen Gatten Friedrich _Schlegel_ vgl. Joh. _Schubert_, Frauengestalten aus der Zeit der deutschen Romantik, Hamburg 1898 (Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, herausgegeben von Virchow, Heft 285), S. 8 f. Auch die hochbegabte homosexuelle Gräfin _Sarolta_ V. aus _Krafft-Ebings_ Psychopathia sexualis (8. Aufl., 1893, S. 311-317) wäre anzuführen gewesen.
($S. 86, Z. 18.$) _Guhl_ a. a. O., S. 5.
($S. 86, Z. 3 v. u.$) Wer eifriger sammelt, als ich dies getan habe, mit größeren Kenntnissen in der Literatur-, Kunst-, Wissenschafts- und politischen Geschichte, und reichlichere Quellen besser aufzufinden weiß, als ich dies hier vermochte, der wird gewiß zu diesem Punkte noch viele merkwürdige Bestätigungen entdecken.
($S. 88, Z. 9 f.$) Die Stelle über die berühmten Frauen, _Darwin_, Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II, S. 344 f.
($S. 88, Z. 2 v. u.$) Mit dieser Angabe über _Burns_, die ich _Carlyle_, On Heroes etc., London, Chapman & Hall, p. 175 entnommen habe, steht im Widerspruch, was das »Memoir of Robert Burns«, welches der Ausgabe der Poetical Works, London, Warne, 1896, vorgedruckt ist, p. 16 f. über dessen Bildungsgang erzählt.
($S. 89, Z. 14 v. u.$) Das Citat aus _Burckhardt_, Die Kultur der Renaissance in Italien, 4. Aufl., besorgt von Ludwig Geiger, Leipzig 1885, Bd. II, S. 125.
($S. 89, Z. 6 v. u.$) _Gerhardt_ und _Simon_ a. a. O., S. 46 f.
($S. 90, Z. 8 ff.$) Hier bin ich durch Ottokar _Lorenz_ angeregt. Dieser sagt (Lehrbuch der gesamten wissenschaftlichen Genealogie, Stammbaum und Ahnentafel in ihrer geschichtlichen, soziologischen und naturwissenschaftlichen Bedeutung, Berlin 1898, S. 54 f.): »Die Erscheinungen, die man heute mit dem Namen der Frauenemanzipation nicht eben sehr treffend bezeichnet, vermöchte wohl kein Kenner vergangener Kulturzustände als eine in allen einzelnen Teilen neue Sache zu betrachten. Namentlich ist der Antrieb der Frauen, sich der gelehrten Bildung ihrer Zeit zu bemächtigen, im XVI. und im X. Jahrhundert ganz ebenso groß gewesen wie im XIX. Auch der heutige soziale Gedanke, den Frauen eine auf sich gestellte Wirksamkeit zu sichern, hat im kirchlichen und Klosterleben vergangener Zeiten seine vollen Analogien. Wenn man nun die Ursachen dieser im Wechsel der Zeiten sich ganz regelmäßig wiederholenden Erscheinungen erforscht, so ist doch unzweifelhaft, daß mindestens einen mächtigen Anteil daran jene Antriebe, jene Bewegungen haben müssen, die in den persönlichen Eigenschaften eben der nach der sogenannten Emanzipation in ihren verschiedenen Formen und Zeiten strebenden Frauen selbst begründet waren. Indem also die Frauenfrage im Wechsel der Zeiten bald mehr, bald weniger hervortritt, beweist sie für die aufeinanderfolgenden Geschlechter eine gewisse Wiederkehr frauenhafter Eigenschaften, die in gewissen Epochen unzweifelhaft weit mehr von männischer Art sind als in anderen, wo in denselben Zügen etwas geradezu Häßliches erblickt worden ist.«
($S. 90, Z. 22.$) _Darwin_, Das Variieren etc., II^2, 58: »Es ist bekannt, daß eine große Anzahl weiblicher Vögel ...., wenn sie alt oder krank sind, .... zum Teil die sekundären männlichen Charaktere ihrer Spezies annehmen. In Bezug auf die Fasanenhennen hat man beobachtet, daß dies während gewisser Jahre viel häufiger eintritt als während anderer.« Darwin beruft sich hiefür auf William _Yarrell_, On the change in the plumage of some Hen-Pheasants, Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 1827 (p. 270).
($S. 91, Z. 13 v. u.$) Werner _Sombart_ (Die Frauenfrage, in der Wiener Wochenschrift »Die Zeit«, 1. März 1902, S. 134) spricht über die Ansicht, daß die Maschinenarbeit an der Frauenarbeit die Schuld trage, weil sie Muskelkraft entbehrlich gemacht habe, und sagt: »Gewiß gilt das für zahlreiche Gewerbe, z. B. für die wichtige Weberei. Aber schon nicht für die Spinnerei, die vor Erfindung der mechanischen Spinnstühle viel ausschließlicher Frauenarbeit war als heute. Hier hat die Maschinentechnik die Möglichkeit gerade der Männerarbeit erst geschaffen, wie denn bekanntlich in den mechanischen Spinnereien zahlreiche männliche Spinner beschäftigt sind. _Es gilt aber auch für die meisten anderen Gewerbe mit starker Arbeit nicht; man denke an Putzmacherei, Stickerei, Strickerei, Tabakindustrie und andere, in denen die Maschinen die Frauen eher verdrängt als sie herangezogen haben._ Es gilt auch für das Hauptgebiet moderner Frauenarbeit, für die Konfektionsindustrie, nicht. Denn die Handnäherei ist doch der Frau nicht weniger zugänglich als die Maschinennäherei. Was vielmehr entscheidend für die Entwicklung der Frauenarbeit gewesen ist, was auf der Seite der Produktionsvorgänge die Differenzierung der ursprünglich-komplexen (und darum immer gelernten) Arbeitsverrichtung bedingte, war aber gar nicht einmal in erster Linie dieser Vorgang in der Produktionssphäre, sondern sind vielmehr bestimmte Gestaltungen der Bevölkerungsverhältnisse gewesen: die Entstehung von weiblicher Überschußbevölkerung auf dem Lande und in den Städten, die auf tieferliegende, hier nicht näher zu erörternde Ursachen zurückzuführen ist. Beliebt man ein Schlagwort, so kann man sagen: die moderne Frauenarbeit in der Industrie (und den übrigen nicht zur Landwirtschaft gehörigen Sphären des Wirtschaftslebens), verdankt ihre Entstehung nicht unmittelbar den Veränderungen in der Technik, sondern Umgestaltungen der Siedelungsverhältnisse.«
($S. 92, Z. 7 f.$) _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis, S. 220: »Die Tendenz der Natur auf heutiger Entwicklungsstufe ist die Hervorbringung von monosexualen Individuen.«
($S. 92, Z. 15.$) Über die Gephyreen _Weismann_, Keimplasma, S. 477 f.: »Es gibt in verschiedenen Gruppen des Tierreichs _Arten, deren Männchen sich beinahe in allen Charakteren von den Weibchen unterscheiden_. Schon bei vielen Rädertieren sind die Männchen winzig klein gegenüber den Weibchen, haben eine in allen Teilen verschiedene Körpergestalt und entbehren des gesamten Nahrungskanals; und bei Bonellia viridis, einem Meereswurm aus der Gruppe der Gephyreen, weicht das Männchen so sehr vom Weibchen ab, daß man versucht sein könnte, es einer ganz anderen Klasse von Würmern, den Strudelwürmern, zuzuteilen. Zugleich ist hier der Unterschied in der Körpergröße zwischen beiden Geschlechtern noch weit bedeutender; das Männchen hat eine Länge von 1-2 ~mm~, das Weibchen von 150 ~mm~, und das erstere schmarotzt im Innern des letzteren« etc. Vgl. _Claus_, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg 1897, S. 403. Auch manche Asseln (Bopyriden) sind sexuell weiter differenziert als der Mensch, vgl. Claus a. a. O., S. 482.
Zu Teil II, Kapitel 1.
($S. 97, Z. 3.$) Thomas _Carlyle_, On Heroes, Hero-Worship and the Heroic in History, London, Chapman & Hall, p. 99.
($S. 97, Z. 7 v. u. f.$) Vgl. Franz L. _Neugebauer_, 37 Fälle von Verdoppelungen der äußeren Geschlechtsteile, Monatsschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie, VII, 1898, S. 550-564, 645-659, besonders S. 554 f., wo ein Fall von »Juxtapositio organorum sexualium externorum utriusque sexus« beschrieben ist. Von dem bloß auf Entwicklungshemmungen beruhenden Scheinzwittertum sehe ich hier ab.
($S. 99, Z. 12 v. u.$) _Aristoteles_, Metaphysik, A 5, 986a, 31: Αλκμαίων ὁ Κροτωνιάτης φησι εἶναι δύο τὰ πολλά τῶν ανθρωπίνων.
($S. 99, Z. 10 v. u.$) Vgl. _Schelling_, Von der Weltseele, Werke, Stuttgart und Augsburg, 1857, Abt. I, Bd. II, S. 489: »So ist wohl das Gesetz der Polarität ein allgemeines Weltgesetz.«
($S. 101, Z. 4 ff.$) Gemeint sind hier die mit großem Recht sehr bekannt gewordenen hervorragenden Aufsätze von Wilhelm _Dilthey_, Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Sitzungsberichte der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften, 1894, S. 1309-1407. Beiträge zum Studium der Individualität, ibid. 1896, S. 295-335. Im ersten Aufsatz heißt es z. B. (S. 1322): »In den Werken der Dichter, in den Reflexionen über das Leben, wie große Schriftsteller sie ausgesprochen haben, ist ein Verständnis des Menschen enthalten, hinter welchem alle, erklärende Psychologie weit zurückbleibt.« Im zweiten Aufsatz (S. 299, Anm.): »Ich erwarte eine .... überzeugende Zergliederung .... auch der heroischen Willenshandlung, welche sich zu opfern und das sinnliche Dasein wegzuwerfen vermag.«
($S. 104, Z. 16 v. u.$) Vgl. Heinrich _Rickert_, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Freiburg im Breisgau 1902, S. 545: »Die atomisierende Individual-Psychologie sieht alle _Individuen_ als gleich an und _muß es als allgemeinste Theorie vom Seelenleben tun_, die individualistische _Geschichtsschreibung_ richtet ihr Interesse auf individuelle Differenzen.«
($S. 104, Z. 11 v. u.$) Man vergleiche die Kontroversen zwischen G. v. _Below_ und Karl _Lamprecht_ über die historische Methode und das Verhältnis der soziologischen Geschichtsschreibung zur Individualität aus den Jahren 1898 und 1899.
($S. 104, Z. 7 v. u.$) »Kein wissenschaftlicher Kopf kann je erschöpfen, kein Fortschritt der Wissenschaft kann erreichen, was der Künstler über den Inhalt des Lebens zu sagen hat. Die Kunst ist das Organ des Lebensverständnisses.« _Dilthey_, Beiträge zum Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, p. 306.
Zu Teil II, Kapitel 2.
($S. 106, Z. 3 f.$) Die Motti aus _Kant_, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, Zweiter Teil B. (S. 229 ed. Kirchmann); _Nietzsche_, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 232.
($S. 106, Z. 19.$) _Kant_ a. a. O. (S. 228).
($S. 107, Z. 22.$) »... die beachtenswerte Erscheinung, daß, während jedes Weib, wenn beim Generationsakte überrascht, vor Scham vergehen möchte, sie hingegen ihre Schwangerschaft, ohne eine Spur von Scham, ja mit einer Art Stolz, zur Schau trägt; da doch überall ein unfehlbar sicheres Zeichen als gleichbedeutend mit der bezeichneten Sache selbst genommen wird, daher denn auch jedes andere Zeichen des vollzogenen Koitus das Weib im höchsten Grade beschämt; nur allein die Schwangerschaft nicht.« _Schopenhauer_, Parerga, II, § 166.
($S. 107, Z. 9.$) Ich glaube es rechtfertigen zu können, daß ich zwei Psychologinnen, die mir durch Arbeiten bekannt waren, im Texte übergangen habe; denn die eine ist eine amerikanische Experimentatorin, die andere die russische Verfasserin einer schlechten Geschichte des Apperzeptionsbegriffes.
($S. 107, Z. 5 v. u.$) Das Beste über das schwangere Weib und das, was in ihm vorgeht, ist in einem leider bis jetzt ungedruckten Gedichte eines noch unbekannten _männlichen_ Dichters gesagt, dessen Wiedergabe an dieser Stelle mir gestattet wurde; wofür ich hier um so mehr meinen Dank sage, als ich selbst auf das psychologische Problem der Schwangerschaft auch im zehnten Kapitel nicht näher eingegangen bin.
»Geheimnisvolle Kräfte schlingen Um mich ein nie gekanntes Walten. Ich hör' ein liebend zartes Klingen, Und alles will sich neu entfalten.
Mir ist, als ob Natur sich neige In Ehrfurcht, wo ich leise gehe, _Als ob der Baum dem Baum mich zeige_, Daß er mich staunend schreiten sehe.
Ich fühle mich so hoch erhoben, Ein jedes Wesen ist mir nah, Mir hat sich die Natur verwoben, Seit mir so hohes Glück geschah.
Es schläft in mir, was nie noch lebte, Ein Wunder, das ein Traum gebar: Natur so ahnungsvoll erbebte, Weil hier ein neues Wesen war.«
($S. 108, Z. 8 v. u. f.$) So unter anderen Guglielmo _Ferrero_, Woman's Sphere in Art, New Review, November 1893 (citiert nach Havelock _Ellis_).
($S. 108, Z. 5 v. u. f.$) Die Forscher scheinen eher der Meinung von der geringeren Intensität des »Geschlechtstriebes« beim Weibe zu huldigen (z. B. _Hegar_, Der Geschlechtstrieb, 1894, S. 6), die praktischen »Frauenkenner« sind fast alle in großer Entschiedenheit der entgegengesetzten Ansicht.
($S. 109, Z. 4 v. u.$) Daß beim Weibe die Wollust nicht wie beim Manne durch irgend eine Ejakulation vermittelt sein kann, führt _Moll_ aus (Untersuchungen, I, S. 8 ff.). Vgl. auch _Chrobak-Rosthorn_, Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900 (aus Nothnagels Spezieller Pathologie und Therapie), Bd. I, S. 423 f.: »Wir müssen mit _Moll_ einen Detumeszenz- (Entleerungs-), vielleicht richtiger Depletionstrieb, und einen Kontrektations- (Berührungs-)trieb ... annehmen. Viel schwieriger steht die Frage dem Weibe gegenüber, bei welchem wir ... insofern keine Analogie mit dem Vorgang beim Manne finden können, als eine _Ejakulation_ von _Keimzellen_ nicht stattfindet ... Es kommt allerdings auch bei Frauen unter der Kohabitation häufig ein Flüssigkeitserguß aus den Bartholinschen Drüsen unter Bewegungen der Musculi ischio-et bulbo-cavernosi zustande, es findet auch eine Abschwellung der ebenfalls durch Muskelbewegungen strotzend gefüllten und dadurch vielleicht ein Unlustgefühl erzeugenden Gefäße (an den Schwellkörpern der Klitoris) statt, doch betrifft diese Entleerung einesteils nicht die keimbereitenden Organe, anderseits scheint sich diese sogenannte Ejakulation oft genug nicht einzustellen, _ohne daß hiedurch das Gefühl der sexuellen Befriedigung verhindert_ würde.«
($S. 109, Z. 10.$) Die _Moll_sche Unterscheidung in dessen Büchern: Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 2. Untersuchungen über die Libido sexualis, 1897, Bd. I, S. 10.
($S. 112, Z. 7.$) Daraus, daß W selbst durchaus und überall Sexualität ist, wird leicht erklärlich, daß man beim Weibchen in der ganzen Zoologie gar nicht eigentlich von »sekundären Geschlechtscharakteren« im selben Sinne reden kann wie beim Manne. Weibchen »bieten selten merkwürdige sexuelle Charaktere« (_Darwin_, Entstehung der Arten, S. 201, ed. Haek).
($S. 115, Z. 15 v. u. f.$) Auch unter den Tieren bildet bei den Männchen die Brunstzeit einen viel stärkeren Gegensatz zu ihrem sonstigen Leben als bei den Weibchen. Man vergleiche, um ein Beispiel statt vieler anzuführen, wie Friedrich _Miescher_ den Rheinlachs vor und während der Laichzeit schildert (Die histochemischen und physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig 1897, Bd. II, S. 123): »Wenn man etwa im Dezember einen männlichen Salm, sogenannten Wintersalm sieht, mit klarem, bläulich schimmerndem Schuppenkleid, der schönen Rundung des Leibes, mit der kurzen Schnauze ... ohne jede Spur von Hakenbildung ... und man daneben den bekannten Hakenlachs erblickt, mit einer Nase von doppelter Länge, einer überhaupt ganz veränderten Physiognomie des Vorderkopfes, mit der tigerartig rot und schwarz gefleckten, von Epithelwucherung trüben, dicken Hautschwarte, dem abgeplatteten Körper und den dünnen schlotternden Bauchwänden, so hat man immer wieder Mühe, sich zu überreden, daß dies Exemplare einer und derselben Spezies seien. Etwas geringer ist der Gegensatz beim weiblichen Exemplar. Die Länge und Form der Schnauze ist nicht wesentlich verschieden; die roten Flecken an Kopf und Leib, beim Winterlachs gänzlich fehlend, sind beim weiblichen Laichlachs schwächer entwickelt als beim Männchen; die Haut ist getrübt und wie unrein, doch nicht so stark verdickt.«