Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung
Part 32
Aber die volle Breite der Kuppelei ist auch mit der Ausdehnung auf den Hauptgesichtspunkt aller weiblichen Lektüre noch nicht ausgemessen. Wo an Sommerabenden in dunklen Gärten, auf den Bänken oder an den Mauern Liebespaare eine Zuflucht suchen, dort wird eine Frau, die vorübergeht, stets _neugierig_, sie _sieht hin_, indes der Mann, der jenen Weg zu gehen gezwungen ist, sich unwillig abwendet, weil er die Schamhaftigkeit verletzt fühlt. Desgleichen wenden sich die Frauen fast nach jedem Liebespaare, dem sie auf der Gasse begegnen, _um_ und verfolgen es mit ihren Blicken. Dieses _Hin_schauen, dieses _Sichumdrehen_ ist nicht minder Kuppelei als das bisher unter den Begriff Subsumierte. Was man ungern sieht und nicht wünscht, von dem wendet man sich weg, und sperrt nicht die Augen nach ihm auf; die Frauen sehen darum ein Liebespaar so gern, und überraschen es deshalb am liebsten bei Küssen und weitergehenden Liebesbezeigungen, _weil sie den Koitus $überhaupt$ (nicht nur für sich) wollen_. _Man beachtet nur_, wie schon längst gezeigt wurde, _was irgendwie positiv gewertet wird_. Die Frau, die zwei Liebende miteinander sieht, wartet stets auf das, was kommen werde, d. h. sie erwartet es, nimmt es voraus, hofft es, wünscht es. Ich habe eine längst verheiratete Hausfrau gekannt, die ihr Dienstmädchen, das den Liebhaber eingelassen hatte, zuerst lang in großer Anteilnahme vor der Tür behorchte, ehe sie hineinging, um ihm seine Stellung zu kündigen. Die Frau hatte also den ganzen Vorgang _innerlich bejaht_, um dann das Mädchen, in passiver Befolgung der ihr überkommenen Schicklichkeitsbegriffe, wenn nicht gar nur aus unbewußter Mißgunst, hinauszuwerfen. Ich glaube freilich, daß auch das letztere Motiv häufig mitspielt, und zur Verdammung der Betroffenen der Neid, der ihr jene Stunden doch nicht allein gönnt, seinen Teil beisteuert.
Der Gedanke des Koitus wird von der Frau stets und in jeder Form, in der er sich vollziehen mag, (selbst wenn ihn Tiere ausführen), lebhaft ergriffen, und nie zurückgewiesen[62]; sie verneint ihn nicht, empfindet keinen Ekel vor dem Ekelhaften des Vorganges, sucht nicht sofort lieber an etwas anderes zu denken: sondern die Vorstellung ergreift völlig von ihr Besitz und beschäftigt sie unausgesetzt weiter, bis sie von anderen Vorstellungen ebenso sexuellen Charakters abgelöst wird. Hiemit ist ein großer Teil des vielen so rätselhaft scheinenden psychischen Lebens der Frauen sicherlich beschrieben. _Das Bedürfnis, selbst koitiert zu werden, ist zwar das heftigste Bedürfnis der Frau, aber es ist nur ein $Spezialfall$ ihres tiefsten, $ihres einzigen vitalen Interesses, das nach dem Koitus überhaupt geht$; des Wunsches, daß möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann immer, koitiert werde._
_Dieses_ allgemeinere Bedürfnis richtet sich entweder mehr auf den Akt selbst, oder mehr auf das Kind; im ersten Falle ist die Frau Dirne und Kupplerin um der bloßen Vorstellung vom Akte willen; im zweiten ist sie Mutter, aber nicht nur mit dem Wunsche selbst Mutter zu werden; sondern an _jeder_ Ehe, die sie kennt oder zustande bringt, ist, je mehr sie der absoluten Mutter sich nähert, desto ausschließlicher ihr Interesse auf die Hervorbringung des Kindes gerichtet: die echte Mutter ist auch die echte Großmutter (selbst wenn sie Jungfrau geblieben ist; man vergleiche Johann _Tesmans_ unübertreffliche »_Tante Jule_« in _Ibsens_ »_Hedda Gabler_«). Jede ganze _Mutter_ wirkt für die Gattung insgesamt, sie ist Mutter der ganzen Menschheit: _jede_ Schwangerschaft wird von ihr begrüßt. Die _Dirne_ will die anderen Weiber nicht schwanger, sondern bloß _prostituiert_ sehen wie sich selbst.
Wie sogar die Sexualität der Frauen ihrer Kuppelei noch _unter_geordnet ist, und eigentlich nur als ein besonderer Fall der ersteren aufgefaßt werden darf, das geht sehr deutlich aus ihrem Verhältnis zu den verheirateten Männern hervor. Nichts ist den Frauen, da sie sämtlich Kupplerinnen sind, so wie der ledige Stand des Mannes zuwider, und darum suchen alle ihn zu verheiraten; _ist_ er aber schon Ehemann, so verliert er für sie auch dann sehr viel an Interesse, wenn er früher ihnen selbst ganz ausnehmend gefallen hat. _Auch_ wenn sie selber bereits verheiratet sind, also nicht mehr jeder Mann zunächst unter dem Gesichtspunkte der _eigenen_ Versorgung in Betracht kommt, und nun, wie man denken sollte, der Ehemann darum nicht mehr geringere Beachtung finden müßte als der andere, Ledige, selbst dann, als ungetreue Ehefrauen, kokettieren die Weiber kaum mit dem Gatten einer anderen; außer wenn sie über diese einen Triumph feiern wollen, dadurch, daß sie ihn ihr abspenstig machen. Hiedurch erst ist ganz bestätigt, daß es den Frauen nur auf die Verkuppelung ankommt; mit _Verheirateten_ wird _darum_ so selten der Ehebruch begangen, _weil diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt, bereits genügen_. Die Kuppelei ist die allgemeinste Eigenschaft des menschlichen Weibes: der Wille zur Schwiegermutter -- ich meine den Willen, Schwiegermutter zu werden -- ist noch viel durchgängiger vorhanden als der Wille zur Mutterschaft, dessen Intensität und Umfang man gewöhnlich über Gebühr hoch veranschlagt.
Man wird den Nachdruck, der hier gerade auf die _Kuppelei_ des Weibes gelegt wird, vielleicht doch noch nicht ganz verstehen, die Bedeutung, die ihr zugemessen werde, übertrieben, das Pathos der Argumentation unmotiviert finden. Man begreife aber, worum es sich handelt. Die Kuppelei ist dasjenige Phänomen, welches das Wesen des Weibes am weitesten aufschließt, und man muß nicht, wie dies immer geschieht, sie nur zur Kenntnis nehmen und gleich zu etwas anderem übergehen, sondern sie zu analysieren und zu ergründen trachten. Gewiß ist es eine den meisten Menschen geläufige Tatsache, daß »jedes Weib gern ein bißchen kuppelt«. _Aber daß gerade hierin und nirgendwo anders die Wesenheit des Weibes liegt, darauf kommt es an._ Es läßt sich -- nach reiflicher Betrachtung der verschiedensten Frauentypen und Berücksichtigung noch weiterer spezieller Einteilungen, außer der hier bereits durchgeführten, bin ich zu diesem Schlusse gekommen -- _absolut nichts anderes als positive allgemein-weibliche Eigenschaft prädizieren als die Kuppelei, das ist die Tätigkeit im Dienste der Idee des Koitus $überhaupt$_. Jede Begriffsbestimmung der Weiblichkeit, welche deren Wesen bloß im Wunsche, selbst koitiert zu werden, suchte, die im echten Weibe nichts für echt hielte, als das Bedürfnis vergewaltigt zu werden, wäre zu _eng_; jede Definition, die da sagen würde, der Inhalt des Weibes sei das Kind oder sei der Mann oder sei beides, bereits zu _weit_. Das allgemeinste und eigentlichste Wesen der Frau ist mit der _Kuppelei_, d. h. $mit der Mission im Dienste der Idee körperlicher Gemeinschaft$, _vollständig_ und _erschöpfend_ bezeichnet. _Jedes Weib kuppelt_; und diese Eigenschaft des Weibes, _$Gesandte, Mandatarin des Koitusgedankens$ zu sein_, ist auch die _einzige_, welche in _allen_ Lebensaltern da ist _und selbst das Klimakterium überdauert_: das alte Weib verkuppelt weiter, nicht mehr sich, sondern die anderen. Wenn man das alte Weib mit Vorliebe als _die_ Kupplerin sich vorgestellt hat, so wurde ein Grund hiefür schon angeführt. Der Beruf der greisen Kupplerin ist nicht etwas, das _hinzu_kommt, sondern eben dies, was jetzt allein _heraustritt_ und _übrig bleibt_ aus den früheren Komplikationen durch das eigene Bedürfnis: das reine Wirken im Dienste der unreinen Idee.
Es sei gestattet, hier kurz zu rekapitulieren, was die Untersuchung nach und nach an positiven Resultaten über die Sexualität des Weibes zutage gefördert hat. Es erwies sich zuerst als ausschließlich, und nicht nur in Pausen, sondern kontinuierlich sexuell interessiert; es war körperlich und psychisch in seinem ganzen _Wesen_ nichts als eben die Sexualität selbst. Es wurde dabei überrascht, daß es sich überall, am ganzen Körper und ohne Unterlaß, von allen Dingen ausnahmslos _koitiert_ fühlt. Und wie der ganze _Körper_ des Weibes eine Dépendance seines _Geschlechtsteiles_ war, so offenbart sich nun die zentrale Stellung _der Koitus-Idee_ in seinem _Denken_. _Der Koitus ist das einzige, allerwärts und immer, von der Frau ausschließlich $positiv$ Bewertete; die Frau ist die Trägerin des Gemeinschaftsgedankens überhaupt._ Die weibliche Höchstwertung des Koitus ist nicht auf ein Individuum, auch nicht auf das wertende Individuum, beschränkt, sie bezieht sich auf Wesen _überhaupt_, sie ist nicht individuell, sondern _inter_individuell, _über_individuell, sie ist sozusagen -- man sehe mir die Entweihung des Wortes einstweilen nach -- _$die transcendentale$ Funktion des Weibes_. _Denn wenn Weiblichkeit Kuppelei ist, so ist Weiblichkeit $universelle Sexualität$. Der Koitus ist der höchste Wert der Frau, ihn sucht sie immer und überall zu verwirklichen. $Ihre eigene Sexualität bildet von diesem unbegrenzten Wollen nur einen begrenzten Teil.$_ --
Der männlichen Höchststellung der Schuldlosigkeit und Reinheit aber, deren Erscheinung jene höhere Virginität wäre, welche der Mann aus erotischem Bedürfnis von der Frau wünscht und fordert, diesem nur _männlichen_ Ideale der Keuschheit ist jenes Streben der Frau nach Realisierung der Gemeinschaft so polar entgegengesetzt, daß es unbedingt als ihre eigentliche Natur sogar durch den dichtesten Weihrauch der erotischen Illusion hindurch vom Mann hätte erkannt werden müssen, wenn nicht _noch_ ein Faktor durch sein Dazwischentreten diese Klärung regelmäßig verhindert hätte. Diesen Umstand, der sich immer wieder einschiebt, um der Einsicht des Mannes in das allgemeine und eigentliche Wesen der Weiblichkeit entgegenzuwirken, dieses komplizierteste Problem des Weibes, seine abgründlich tiefe _Verlogenheit_, gilt es nun aufzuhellen. So schwierig und so gewagt das Unternehmen ist, es muß schließlich zu jener letzten Wurzel führen, _aus der wir sowohl die Kuppelei_ (im weitesten Sinne, in dem die eigene Geschlechtlichkeit nur ihr hervorstechendster Spezialfall ist) _als auch diese Verlogenheit_, welche die Begierde nach dem Sexualakt immerfort -- vor den Blicken des Weibes selbst! -- _verhüllt_, _beide_ unter dem Lichte _eines_ letzten Prinzipes klar werden emporsprießen sehen.
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Alles nämlich, was vielleicht schon wie ein sicherer Gewinn erschienen ist, findet sich nun nochmals in Frage gestellt. Den Frauen wurde keine Selbstbeobachtung eingeräumt: es gibt aber sicherlich Weiber, die sehr scharf vieles beobachten, was in ihnen vorgeht. Die Wahrheitsliebe wurde ihnen abgesprochen; und doch kennt man Frauen, die es auf das peinlichste vermeiden, eine Unwahrheit zu sagen. Das Schuldbewußtsein sei ihnen fremd, wurde behauptet, obwohl Frauen existieren, die sich selbst wegen geringfügiger Dinge die heftigsten Vorwürfe zu machen pflegen, obwohl man von Büßerinnen und ihren Körper kasteienden Weibern sichere Nachricht hat. Das Schamgefühl wurde nur dem Manne belassen: aber muß nicht das Wort von der weiblichen Schamhaftigkeit, von jener Scham, die nach _Hamerling_ sogar _nur_ das Weib kennt, in der Erfahrung irgend eine Grundlage haben, die es ermöglichte, ja begünstigte, daß die Dinge so gedeutet würden? Und weiter: Religiosität könnte dem Weibe fehlen trotz allen »religieuses«? Strenge Sittenreinheit bei ihm ausgeschlossen sein, aller tugendhaften Frauen ungeachtet, von denen Lied und Geschichte melden? Bloß sexuell sollte das Weib sein, die Sexualität allein bei ihm Anwert finden, wo es doch mannigfach bekannt ist, daß Frauen wegen der geringsten Anspielung auf sexuelle Dinge empört sein können, sich, statt zu kuppeln, oft erbittert und angeekelt wegwenden von jedem Orte der Unzucht, ja nicht selten den Koitus auch für ihre Person verabscheuen und ihm viel gleichgültiger gegenüberstehen als irgend ein Mann?
Es ist wohl offenbar, daß es sich in all diesen Antinomien um eine und dieselbe Frage handelt, von deren Beantwortung die letzte und endgültige Entscheidung über das Weib abhängt. Es ist klar, daß, wenn auch nur _ein einziges_ sehr weibliches Wesen _innerlich asexuell_ wäre, oder in einem wahrhaften Verhältnis zur Idee sittlichen Eigenwertes stünde, $alles$, was hier von den Frauen gesagt wurde, seine Allgemeingültigkeit als psychisches Charakteristikum ihres Geschlechtes sofort unrettbar verlieren müßte, und somit die _ganze_ Position des Buches mit einem Schlage vollkommen hinfällig würde. _Jene scheinbar widersprechenden Erscheinungen müssen befriedigend erklärt, und es muß von ihnen gezeigt werden, daß, was ihnen wirklich zu Grunde liegt und so leicht zu Äquivokationen verführt, $derselben$ weiblichen Natur entspricht, die bisher überall nachgewiesen werden konnte._
Man muß zunächst an die ungeheuere _Beeinflußbarkeit_, besser, nur schlechter zu sprechen, _Beeindruckbarkeit_ der Frauen sich erinnern, um zum Verständnis jener trügerischen Widersprüche zu gelangen. Diese außerordentliche Zugänglichkeit für Fremdes und die leichte Annahme der Ansichten anderer ist in diesem Buche bis jetzt noch nicht genügend gewürdigt worden. Ganz allgemein schmiegt sich W an M vollständig an, wie ein Etui an die Kleinodien in ihm, _seine_ Anschauungen werden die _ihren_, seine Lieblingsneigungen teilen sich ihr mit wie seine ganz individuellen Antipathien, jedes Wort von ihm ist für sie ein _Ereignis_, und zwar um so stärker, je mehr er sexuell auf sie wirkt. Diesen Einfluß des Mannes empfindet die Frau nicht als eine Ablenkung von der Linie ihrer eigenen Entwicklung, sie erwehrt sich seiner nicht als einer fremdartigen Störung, sie sucht sich nicht von ihm zu befreien als von einem Eingriff in ihr inneres Leben, _sie schämt sich nicht, rezeptiv zu sein_: im Gegenteil, sie fühlt sich nur _glücklich_, wenn sie es sein kann, _verlangt_ vom Manne, daß er sie, auch geistig, zu rezipieren _zwinge_. Sie schließt sich immer nur gerne an, _und ihr Warten auf den Mann ist nur das Warten auf den Augenblick, wo sie $vollkommen passiv$ sein könne_.
Aber nicht nur vom »richtigen« Manne (wenn schon von ihm am liebsten), auch von Vater und Mutter, Onkeln und Tanten, Brüdern und Schwestern, nahen Verwandten und fernen Bekannten _übernehmen_ die Frauen, was sie glauben und denken, und sind es froh, wenn in ihnen eine Meinung _geschaffen_ wird. Noch die erwachsenen und verheirateten Frauen, nicht nur die unreifen Kinder, ahmen einander in allem und jedem, _als ob das natürlich wäre_, nach, von einer geschmackvolleren Toilette oder Frisur, einer Aufsehen erregenden Körperhaltung angefangen bis auf die Geschäfte, in denen sie einkaufen, und die Rezepte, nach welchen sie kochen. Auch dieses gegenseitige Kopieren geschieht _ohne_ das Gefühl, sich hiedurch etwas zu _vergeben_, wie es wohl sein müßte, besäßen sie eine Individualität, die nur rein ihrem eigenen Gesetze zu folgen strebt. So setzt sich der theoretische Bestand des weiblichen Denkens und Handelns der Hauptsache nach aus Überkommenem und wahllos Übernommenem zusammen, das von den Frauen um so eifriger ergriffen und um so dogmatischer festgehalten wird, als ein Weib eine Überzeugung nie selbsttätig aus objektiver Anschauung der Dinge gewinnt, und also auch nie nach geändertem Aspekte frei aufgibt, nie selbst noch über seinen Gedanken steht, vielmehr immer nur will, daß ihm eine Meinung beigebracht werde, die es dann zähe festhalten könne. Darum sind die Frauen am unduldsamsten, wo ein Verstoß gegen sanktionierte Sitten und Gebräuche sich ereignet, mögen diese Institutionen welchen Inhaltes immer sein. Einen angesichts der Frauenbewegung besonders ergötzlichen Fall dieser Art will ich nach Herbert _Spencer_ mitteilen. Wie bei vielen Indianerstämmen Nord- und Südamerikas, so gehen auch bei den _Dakotas_ die Männer bloß der Jagd und dem Kriege nach und haben alle niedrigen und mühevollen Beschäftigungen auf ihre Weiber gewälzt. Von der Natürlichkeit und Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens sind die Frauen, statt irgend sich unterdrückt zu fühlen, allmählich so durchdrungen worden, daß ein Dakota-Weib dem anderen keinen größeren Schimpf antun und keine ärgere Kränkung bereiten kann, als diese: »Schändliche Frau .... ich habe Deinen Mann Holz in seine Wohnung tragen sehen zum Feueranzünden. Wo war seine Frau, daß er genötigt war, sich selbst zum Weibe zu machen?«
Diese außerordentliche Bestimmbarkeit des Weibes durch außer ihm Liegendes ist im Grunde wesensgleich mit seiner Suggestibilität, die weit größer und ausnahmsloser ist als die des Mannes: beides kommt damit überein, daß das Weib im Sexualakte und seinen Vorstadien nur die passive, nie die aktive Rolle zu spielen wünscht.[63] _Es ist die $allgemeine$ Passivität der weiblichen Natur, welche die Frauen am Ende auch die männlichen Wertungen, zu welchen sie gar kein ursprüngliches Verhältnis haben, acceptieren und übernehmen läßt._ Diese _Imprägnierbarkeit_ durch die männlichen Anschauungen, diese _Durchdringung_ des eigenen Gedankenlebens der Frau mit dem fremden Element, diese _verlogene_ Anerkennung der Sittlichkeit, die man gar nicht Heuchelei nennen kann, weil nichts _Anti_moralisches durch sie verdeckt werden soll, diese Aufnahme und Anwendung eines an und für sich ihr ganz _hetero_nomen Gebotes wird, soweit die Frau selbst nicht wertet, im allgemeinen leicht und glatt von statten gehen _und den täuschendsten Schein höherer Sittlichkeit leicht hervorbringen_. Komplikationen können sich erst einstellen, wenn es zur Kollision kommt mit der _einzigen eingeborenen_, echten und allgemein-weiblichen Wertung, der _Höchstwertung des Koitus_.
Die Bejahung der Gemeinschaft als des höchsten Wertes ist bei der Frau eine ganz unbewußte. Denn dieser Bejahung steht nicht wie beim Manne ihre Verneinung als die andere Möglichkeit gegenüber, es fehlt hier die Zweiheit, die zum Bemerken führen könnte. Kein Weib weiß, oder hat noch gewußt, oder auch nur wissen können, was es tut, wenn es kuppelt. _Die Weiblichkeit selbst ist ja identisch mit der Kuppelei_, und ein Weib müßte aus sich heraustreten können, um zu bemerken, zu verstehen, daß es kuppelt. So bleibt das tiefste Wollen des Weibes, das, was sein Dasein eigentlich bedeutet, von ihm stets unerkannt. Nichts hindert also, daß die männliche negative Wertung der Sexualität die positive weibliche vollständig im Bewußtsein des Weibes überdecke. _Die Rezeptivität des Weibes geht so weit, daß es das, was es ist -- das $einzige$, was es wirklich positiv $ist$! -- daß es selbst dies verleugnen kann._
Aber die Lüge, die es begeht, wenn es sich das männliche gesellschaftliche Urteil über die Sexualität, über Schamlosigkeit, ja über die Lüge selbst, _einverleiben_ läßt und den männlichen Maßstab aller Handlungen zu dem seinigen macht, diese Lüge ist eine solche, die ihm nie bewußt wird, _es erhält eine zweite Natur, ohne auch nur zu ahnen, daß es seine echte nicht ist_, es nimmt sich ernst, glaubt etwas zu sein und zu glauben, ist überzeugt von der Aufrichtigkeit und Ursprünglichkeit seines moralischen Gebarens und Urteilens: _so tief sitzt die Lüge, $die organische$_, ich möchte, wenn es gestattet wäre, am liebsten sagen: _$die ontologische$ Verlogenheit des Weibes_.
_Wolfram von Eschenbach_ erzählt von seinem Helden:
»... So keusch und rein Ruht' er bei seiner Königin, Daß kein Genügen fänd' darin So manches Weib beim lieben Mann. Daß doch so manche in Gedanken Zur Üppigkeit will überschwanken, Die sonst sich spröde zeigen kann! Vor Fremden züchtig sie erscheinen, _Doch ist des Herzens tiefstes Meinen Das Widerspiel vom äußern Schein_.«
Was das tiefste Meinen des weiblichen Herzens ist, das hat _Wolfram_ klar genug angedeutet. Aber er sagt nicht alles. Nicht nur die Fremden, _auch sich selbst_ belügen die Frauen in diesem Punkte. Man kann aber seine Natur, sei es auch die physische, nicht unterdrücken ohne Folgen. Die hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur des Weibes ist die _Hysterie_.
Von allen Neurosen und Psychosen stellen die _hysterischen_ Erscheinungen dem Psychologen beinahe die reizvollste Aufgabe; eine weit schwierigere und darum verlockendere als eine verhältnismäßig leicht nachzulebende _Melancholie_, oder eine simple _Paranoia_.
Zwar haben gegen psychologische Analysen fast alle Psychiater ein nicht zu beseitigendes Mißtrauen; jede Erklärung durch pathologisch veränderte Gewebe oder durch Intoxikationen auf nutritivem Wege ist ihnen a limine glaubhaft, nur dem Psychischen mögen sie keine primäre Wirksamkeit zuerkennen. Da aber nie noch ein Beweis dafür erbracht worden ist, daß dem Psychischen eher als dem Physischen die sekundäre Rolle zufallen müsse -- alle Hinweise auf die »Erhaltung der Energie« sind von den berufensten Physikern selbst desavouiert worden -- so kann man billig über dieses Vorurteil hinweggehen. Auf die Bloßlegung des »psychischen Mechanismus« der Hysterie kann unendlich viel, ja -- nichts spricht dagegen[64] -- möglicherweise _alles_ ankommen. Daß höchstwahrscheinlich dieser Weg der richtige ist, darauf weist auch hin, daß die wenigen bisherigen wahren Aufschlüsse über die Hysterie nicht anders gewonnen wurden: ich meine die mit den Namen _Pierre Janet_ und _Oskar Vogt_, und besonders J. _Breuer_ und S. _Freud_ verknüpften Forschungen. Jede weitere Aufklärung über die Hysterie ist in der Richtung zu suchen, welche diese Männer eingeschlagen haben: in der Richtung auf die Rekonstruktion des _psychologischen_ Prozesses, welcher zur Krankheit geführt hat.
Schematisch hat man sich, wie ich glaube, die Entstehung derselben, unter Annahme eines _sexuellen_ »traumatischen« Erlebnisses als des häufigsten (nach _Freud alleinigen_) Anlasses zur Erkrankung, so vorzustellen: eine Frau, die irgend eine sexuelle Wahrnehmung oder Vorstellung gehabt, diese durch ursprüngliche oder Rückbeziehung auf sich selbst _verstanden_ hat, und diese nun, vermöge der ihr aufgedrungenen und von ihr gänzlich übernommenen, _in sie über_gegangenen und ihr _waches Bewußtsein_ allein beherrschenden männlichen Wertung _als ganze zurückweist, über sie empört, unglücklich ist -- und sie gleichzeitig vermöge ihrer Beschaffenheit als Weib positiv wertet, bejaht, wünscht in ihrem tiefsten Unbewußten_; in der dann dieser Konflikt weiter schwärt, gärt und zu Zeiten in einem Anfall aufbraust: eine solche Frau gewährt das mehr oder minder typisch gewordene Krankheitsbild der Hysterie. So erklärt sich die Empfindung des von der Person, wie sie _glaubt_, verabscheuten, tatsächlich aber doch von etwas in ihr, von der ursprünglichen Natur, _gewollten_ Sexualaktes als eines »_Fremdkörpers im Bewußtsein_«. _Die kolossale Intensität des durch jeden Versuch zu seiner Unterdrückung nur gesteigerten Wunsches, die um so heftigere, beleidigtere Zurückweisung des Gedankens_ -- dies ist das Wechselspiel, das sich in der Hysterika vollzieht. Denn die _chronische_ Verlogenheit des Weibes wird _akut_, wenn sie auf den _Hauptpunkt_ sich erstreckt, wenn die Frau sich auch die ethisch-negative Bewertung der Sexualität vom Manne noch hat einverleiben lassen. Und daß die Hysterischen die _stärkste Suggestibilität_ dem Manne gegenüber offenbaren, ist ja bekannt. $Hysterie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes.$ Ich leugne nicht, daß es auch, wenngleich _relativ_ nur recht _selten_, hysterische _Männer_ gibt: denn _eine_ unter den unendlich vielen Möglichkeiten, die psychisch im Manne liegen, ist es, zum Weibe und damit, gegebenenfalls, auch _hysterisch_ zu werden. Es gibt freilich auch verlogene _Männer_; aber da verläuft die Krisis anders (wie auch ihre Verlogenheit stets eine andere, nie eine so völlig _hoffnungslose_ ist): sie führt zur, obschon oft nur vorübergehenden, _Läuterung_.