Part 8
Vierzehn Tage später reiste der Doktor ab. Er wußte mit einemmal, daß er seine Kindheit anderswo suchen müsse. In München fand er im Adreßbuch: Klara Söllner, Schwabing, Straße und Nummer. Er meldete sich an und fuhr hinaus. Eine schlanke Frau begrüßte ihn in einer Stube voll Licht und Güte.
'Georg, und Sie erinnern sich meiner?'
Der Doktor staunte. Endlich sagte er: 'Also das sind Sie, Klara,' sie hielt ihr stilles Gesicht mit der reinen Stirn ganz ruhig, als wollte sie ihm Zeit geben, sie zu erkennen. Das dauerte lange. Schließlich schien der Doktor etwas gefunden zu haben, was ihm bewies, daß seine alte Spielgefährtin wirklich vor ihm stünde. Er suchte noch einmal ihre Hand und drückte sie; dann ließ er sie langsam los und schaute in der Stube umher. Diese schien nichts Überflüssiges zu enthalten. Am Fenster ein Schreibtisch mit Schriften und Büchern, an welchem Klara eben mußte gesessen haben. Der Stuhl war noch zurückgeschoben. 'Sie haben geschrieben?' ... und der Doktor fühlte, wie dumm diese Frage war. Aber Klara antwortete unbefangen: 'Ja, ich übersetze.' 'Für den Druck?' 'Ja,' sagte Klara einfach, 'für einen Verlag.' Georg bemerkte an den Wänden einige italienische Photographien. Darunter das »Konzert« des Giorgione. 'Sie lieben das?' Er trat nahe an das Bild heran. 'Und Sie?' 'Ich habe das Original nie gesehen; es ist in Florenz, nicht wahr?' 'Im Pitti. Sie müssen hinreisen.' 'Zu diesem Zweck?' 'Zu diesem Zweck.' Eine freie und einfache Heiterkeit war über ihr. Der Doktor sah nachdenklich auf.
'Was haben Sie, Georg. Wollen Sie sich nicht setzen?' 'Ich bin traurig,' zögerte er. 'Ich habe gedacht -- aber Sie sind ja gar nicht elend --' fuhr es plötzlich heraus. Klara lächelte: 'Sie haben meine Geschichte gehört?' 'Ja, das heißt --' 'O,' unterbrach ihn Klara schnell, als sie merkte, daß seine Stirn sich verdunkelte, 'es ist nicht die Schuld der Menschen, daß sie anders davon reden. Die Dinge, die wir erleben, lassen sich oft nicht ausdrücken, und wer sie dennoch erzählt, muß notwendig Fehler begehen --.' Pause. Und der Doktor: 'Was hat Sie so gütig gemacht?' 'Alles,' sagte sie leise und warm. 'Aber warum sagen Sie: gütig?' 'Weil -- weil Sie eigentlich hätten hart werden müssen. Sie waren ein so schwaches, hilfloses Kind; solche Kinder werden später entweder hart oder --' 'Oder sie sterben -- wollen Sie sagen. Nun, ich bin auch gestorben. O, ich bin viele Jahre gestorben. Seit ich Sie zum letztenmal gesehen habe, zu Haus, bis --' Sie langte etwas vom Tische her: 'Sehen Sie, das ist sein Bild. Es ist etwas geschmeichelt. Sein Gesicht ist nicht so klar, aber -- lieber, einfacher. Ich werde Ihnen dann gleich unser Kind zeigen, es schläft jetzt nebenan. Es ist ein Bub. Heißt Angelo, wie er. Er ist jetzt fort, auf Reisen, weit.'
'Und Sie sind ganz allein?' fragte der Doktor zerstreut, immer noch über dem Bilde.
'Ja, ich und das Kind. Ist das nicht genug? Ich will Ihnen erzählen, wie das kommt. Angelo ist Maler. Sein Name ist wenig bekannt, Sie werden ihn nie gehört haben. Bis in die letzte Zeit hat er gerungen mit der Welt, mit seinen Plänen, mit sich und mit mir. Ja, auch mit mir; denn ich bat ihn seit einem Jahr: du mußt reisen. Ich fühlte, wie sehr ihm das not tat. Einmal sagte er scherzend: 'Mich oder ein Kind?' 'Ein Kind,' sagte ich, und dann reiste er.'
'Und wann wird er zurückkehren?'
'Bis das Kind seinen Namen sagen kann, so ist es abgemacht.' Der Doktor wollte etwas bemerken. Aber Klara lachte: 'Und da es ein schwerer Name ist, wird es noch eine Weile dauern. Angelino wird im Sommer erst zwei Jahre.'
'Seltsam,' sagte der Doktor. 'Was, Georg?' 'Wie gut Sie das Leben verstehen. Wie groß Sie geworden sind, wie jung. Wo haben Sie Ihre Kindheit hingetan? -- wir waren doch beide so -- so hilflose Kinder. Das läßt sich doch nicht ändern oder ungeschehen machen.' 'Sie meinen also, wir hätten an unserer Kindheit leiden müssen, von Rechts wegen?' 'Ja, gerade das meine ich. An diesem schweren Dunkel hinter uns, zu dem wir so schwache, so ungewisse Beziehungen behalten. Da ist eine Zeit: wir haben unsere Erstlinge hineingelegt, allen Anfang, alles Vertrauen, die Keime zu alledem, was vielleicht einmal werden sollte. Und plötzlich wissen wir: Alles das ist versunken in einem Meer, und wir wissen nicht einmal genau wann. Wir haben es gar nicht bemerkt. Als ob jemand sein ganzes Geld zusammensuchte, sich dafür eine Feder kaufte und sie auf den Hut steckte, hui: der nächste Wind wird sie mitnehmen. Natürlich kommt er zu Hause ohne Feder an, und ihm bleibt nichts übrig, als nachzudenken, wann sie wohl könnte davongeflogen sein.'
'Sie denken daran, Georg?'
'Schon nicht mehr. Ich habe es aufgegeben. Ich beginne irgendwo hinter meinem zehnten Jahr, dort, wo ich aufgehört habe zu beten. Das andere gehört nicht mir.'
'Und wie kommt es dann, daß Sie sich an mich erinnert haben?'
'Darum komme ich ja zu Ihnen. Sie sind der einzige Zeuge jener Zeit. Ich glaubte, ich könnte in Ihnen wiederfinden, -- was ich in mir nicht finden kann. Irgendeine Bewegung, ein Wort, einen Namen, an dem etwas hängt -- eine Aufklärung --' Der Doktor senkte den Kopf in seine kalten, unruhigen Hände.
Frau Klara dachte nach: 'Ich erinnere mich an so weniges aus meiner Kindheit, als wären tausend Leben dazwischen. Aber jetzt, wie Sie mich so daran mahnen, fällt mir etwas ein. Ein Abend. Sie kamen zu uns, unerwartet; Ihre Eltern waren ausgegangen, ins Theater oder so. Bei uns war alles hell. Mein Vater erwartete einen Gast, einen Verwandten, einen entfernten reichen Verwandten, wenn ich mich recht entsinne. Er sollte kommen aus, aus -- ich weiß nicht woher, jedenfalls von weit. Bei uns wartete man schon seit zwei Stunden auf ihn. Die Türen waren offen, die Lampen brannten, die Mutter ging von Zeit zu Zeit und glättete eine Schutzdecke auf dem Sofa, der Vater stand am Fenster. Niemand wagte sich zu setzen, um keinen Stuhl zu verrücken. Da Sie gerade kamen, warteten Sie mit uns. Wir Kinder horchten an der Tür. Und je später es wurde, einen desto wunderbarern Gast erwarteten wir. Ja, wir zitterten sogar, er könnte kommen, ehe er jenen letzten Grad von Herrlichkeit erreicht haben würde, dem er mit jeder Minute seines Ausbleibens näher kam. Wir fürchteten nicht, er könnte überhaupt nicht erscheinen; wir wußten bestimmt: er kommt, aber wir wollten ihm Zeit lassen, groß und mächtig zu werden.'
Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: 'Das also wissen wir beide, daß er nicht kam --. Ich habe es auch nicht vergessen gehabt.' 'Nein,' -- bestätigte Klara, 'er kam nicht --.' Und nach einer Pause: 'Aber es war doch schön!' 'Was?' 'Nun so -- das Warten, die vielen Lampen, -- die Stille -- das Feiertägliche.'
Etwas rührte sich im Nebenzimmer. Frau Klara entschuldigte sich für einen Augenblick; und als sie hell und heiter zurückkam, sagte sie: 'Wir können dann hineingehen. Er ist jetzt wach und lächelt. -- Aber was wollten Sie eben sagen?'
'Ich habe mir eben überlegt, was Ihnen könnte geholfen haben zu -- zu sich selbst, zu diesem ruhigen Sichbesitzen. Das Leben hat es Ihnen doch nicht leicht gemacht. Offenbar half Ihnen etwas, was mir fehlt?' 'Was sollte das sein, Georg?' Klara setzte sich neben ihn.
'Es ist seltsam; als ich mich zum erstenmal wieder Ihrer erinnerte, vor drei Wochen nachts, auf der Reise, da fiel mir ein: sie war ein frommes Kind. Und jetzt, seit ich Sie gesehen habe, trotzdem Sie so ganz anders sind, als ich erwartete -- trotzdem, ich möchte fast sagen, nur noch desto sicherer, empfinde ich, was Sie geführt hat, mitten durch alle Gefahren, war Ihre -- Ihre Frömmigkeit.'
'Was nennen Sie Frömmigkeit?'
'Nun, Ihr Verhältnis zu Gott, Ihre Liebe zu ihm, Ihr Glauben.'
Frau Klara schloß die Augen: 'Liebe zu Gott? Lassen Sie mich nachdenken.' Der Doktor betrachtete sie gespannt. Sie schien ihre Gedanken langsam auszusprechen, so wie sie ihr kamen: 'Als Kind -- hab ich da Gott geliebt? Ich glaube nicht. Ja, ich habe nicht einmal -- es hätte mir wie eine wahnsinnige Überhebung -- das ist nicht das richtige Wort -- wie die größte Sünde geschienen, zu denken: Er ist. Als ob ich ihn damit gezwungen hätte, in mir, in diesem schwachen Kind, mit den lächerlich langen Armen, zu sein, in unserer armen Wohnung, in der alles unecht und lügnerisch war, von den Bronze-Wandtellern aus Papiermaché bis zum Wein in den Flaschen, die so teure Etiketten trugen. Und später --' Frau Klara machte eine abwehrende Bewegung mit den Händen, und ihre Augen schlossen sich fester, als fürchteten sie, durch die Lider etwas Furchtbares zu sehen -- 'ich hätte ihn ja hinausdrängen müssen aus mir, wenn er in mir gewohnt hätte damals. Aber ich wußte nichts von ihm. Ich hatte ihn ganz vergessen. Ich hatte alles vergessen. -- Erst in Florenz: Als ich zum erstenmal in meinem Leben sah, hörte, fühlte, erkannte und zugleich danken lernte für alles das, da dachte ich wieder an ihn. Überall waren Spuren von ihm. In allen Bildern fand ich Reste von seinem Lächeln, die Glocken lebten noch von seiner Stimme, und an den Statuen erkannte ich Abdrücke seiner Hände.'
'Und da fanden Sie ihn?'
Klara schaute den Doktor mit großen, glücklichen Augen an: 'Ich fühlte, daß er war, irgendwann einmal war ... warum hätte ich mehr empfinden sollen? Das war ja schon Überfluß.'
Der Doktor stand auf und ging ans Fenster. Man sah ein Stück Feld und die kleine, alte Schwabinger Kirche, darüber Himmel, nicht mehr ganz ohne Abend. Plötzlich fragte Doktor Laßmann, ohne sich umzuwenden: 'Und jetzt?' Als keine Antwort kam, kehrte er leise zurück.
'Jetzt --,' zögerte Klara, als er gerade vor ihr stand, und hob die Augen voll zu ihm auf: 'jetzt denke ich manchmal: Er wird sein.'
Der Doktor nahm ihre Hand und behielt sie einen Augenblick. Er schaute so ins Unbestimmte.
'Woran denken Sie, Georg?'
'Ich denke, daß das wieder wie an jenem Abend ist: Sie warten wieder auf den Wunderbaren, auf Gott, und wissen, daß er kommen wird -- Und ich komme zufällig dazu --.'
Frau Klara erhob sich leicht und heiter. Sie sah sehr jung aus. 'Nun, diesmal wollen wirs aber auch abwarten.' Sie sagte das so froh und einfach, daß der Doktor lächeln mußte. So führte sie ihn in das andere Zimmer, zu ihrem Kind. --
In dieser Geschichte ist nichts, was Kinder nicht wissen dürfen. Indessen, die Kinder haben sie nicht erfahren. Ich habe sie nur dem Dunkel erzählt, sonst niemandem. Und die Kinder haben Angst vor dem Dunkel, laufen ihm davon, und müssen sie einmal drinnen bleiben, so pressen sie die Augen zusammen und halten sich die Ohren zu. Aber auch für sie wird einmal die Zeit kommen, da sie das Dunkel liebhaben. Sie werden von ihm meine Geschichte empfangen, und dann werden sie sie auch besser verstehen.
INHALT
ALS EINLEITUNG
Das Märchen von den Händen Gottes 1
GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT
Der fremde Mann 19
Warum der liebe Gott will, daß es arme Leute gibt 29
Wie der Verrat nach Rußland kam 41
Wie der alte Timofei singend starb 55
Das Lied von der Gerechtigkeit 69
Eine Szene aus dem Ghetto von Venedig 89
Von einem, der die Steine belauscht 103
Wie der Fingerhut dazu kam, der liebe Gott zu sein 111
Ein Märchen vom Tod und eine fremde Nachschrift dazu 123
Ein Verein aus einem dringenden Bedürfnis heraus 139
Der Bettler und das stolze Fräulein 159
Eine Geschichte, dem Dunkel erzählt 171
Druck von Bernhard Tauchnitz in Leipzig
IM INSEL-VERLAG · LEIPZIG
DICHTUNGEN VON RAINER MARIA RILKE
DAS STUNDENBUCH. (Vom mönchischen Leben; Von der Pilgerschaft; Von der Armut und vom Tode.) 30.-39. Tausend.
ERSTE GEDICHTE. 10.-13. Tausend.
DIE FRÜHEN GEDICHTE. 11.-14. Tausend.
NEUE GEDICHTE (1905 bis 1907). 10.-14. Tausend.
DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. 9. bis 13. Tausend.
DAS BUCH DER BILDER. 16.-19. Tausend.
REQUIEM. (Für eine Freundin. Für Wolf Graf von Kalckreuth.) Fünfte Auflage.
DAS MARIENLEBEN. 31.-40. Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 43.)
DIE WEISE VON LIEBE UND TOD DES CORNETS CHRISTOPH RILKE. 201.-230. Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 1.)
DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE. Roman. Zwei Bände. 13.-17. Tausend.
AUGUSTE RODIN. Mit 96 Vollbildern nach Skulpturen und Handzeichnungen Rodins. 31.-35. Tausend.
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Von Rilke wurden übertragen:
ELIZABETH BARRETT-BROWNING: SONETTE AUS DEM PORTUGIESISCHEN. (Insel-Bücherei Nr. 252.)
DIE LIEBE DER MAGDALENA. Ein französischer Sermon, gezogen durch den Abbé Joseph Bonnet aus dem Manuskript Q I 14 der Kaiserlichen Bibliothek zu St. Petersburg. Dritte Auflage.
DIE VIERUNDZWANZIG SONETTE DER LOUÏZE LABÉ. Lyoneserin 1555. (Insel-Bücherei Nr. 222.) 11.-20. Tausend.
PORTUGIESISCHE BRIEFE. (Die Briefe der Marianne Alcoforado.) 21.-25. Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 74.)
ANDRÉ GIDE. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. 16.-20. Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 143.)
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.
Rechte auf die Linke los: Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die Rechte auf die Linke los: 'Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die
Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen 'Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen
wofür der Name mir fehlt Und alle diese Dinge lagen in den seichten wofür der Name mir fehlt. Und alle diese Dinge lagen in den seichten
Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: Das also wissen Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: 'Das also wissen
]
End of Project Gutenberg's Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke