Geschichten aus Steiermark

Part 20

Chapter 203,867 wordsPublic domain

Aber in den Nächten waren doch lange Stunden, in denen sie nicht schlafen konnte, und da stand das Bild der Vergangenheit auf und alles war getrübt wie durch einen rötlichen Rauch, der über einer moorigen Gegend liegt, wenn in der Nacht eine Feuersbrunst gewesen ist. Ihr Vater hatte aus Rache ein Haus angezündet und war im Kerker gestorben. Sie selbst wurde bei einem Küster voll strenger Grundsätze erzogen, aber sie war die Tochter des Brandstifters und genoß keine Liebe und kein Vertrauen. Die Welt war ihr fremd; schon frühe -- zur Zeit, da in anderen die Liebesfreudigkeit aufgeht -- baute sie sich ihre Heimat im Gedanken an die Ewigkeit, in der Hoffnung an ein besseres Leben. Sie wollte nicht heiraten, aber da fand sich im Dorfe ein junger Mann -- der einzige, der sie lieb hatte auf dieser Welt -- an den sank sie hin und war selig eine kurze Zeit. Wie waren die Kinder, die in rascher Folge nun erschienen, frisch und munter! Aber das Weib bangte fort und fort, es könne in einem oder dem anderen die unglückliche Ader des Großvaters schlagen! sie zitterte vor den Irrwegen, die ihre Kinder wandeln könnten. Der Vater verstand es freilich, die Kleinen in Zaum und Zucht zu halten; aber als er starb -- vor Gram darüber starb, daß ein Bruder von ihm eines Betruges wegen verurteilt worden -- da war die arme Familie haltlos und die Mutter vermochte das kleine, lebhafte Völklein nicht so zu leiten, wie sie glaubte, daß es sein müsse, um sie vor dem Schicksale des Großvaters und Oheims zu bewahren. Eines der Kleinen war einmal schwer erkrankt, da sagten die Leute: Wenn Gott es zu sich nähme, es wäre das beste! Anfangs tat ihr dieser Gedanke wehe, aber sie machte sich mit ihm vertraut -- und das Kind genas. Die Sorgen wuchsen von Tag zu Tag; sie arbeitete anfangs Tag und Nacht, aber endlich verlor sie die Lust dazu, weil sie trotz alles Fleißes den Bedarf des Hauses bei weitem nicht decken konnte. Die Mildtätigkeit der Leute, denen sie fremd geblieben war, wollte sie nicht in Anspruch nehmen. Sie wandte sich an den Allmächtigen. Der ließ auch warten. Von der Nachbarschaft liefen Klagen ein über die Rangen, die sich aufsichtslos im Dorfe herumtummelten. »Wenn nur die Kinder nicht wären!« hatte sie oft aufgeseufzt, und da hatte sich, erst schüchtern, dann immer zudringlicher, der Gedanke eingefunden: Du gabst ihnen das Leben, du hast das Recht darüber. Das Leben ist für Kinder ein gefährliches Spielzeug. Nimm es ihnen wieder weg! Tausendmal besser, sie sterben, als daß sie schlechte Menschen würden! -- Und als hernach der Bäcker kam und ihr vorhielt: Dein Kind hat mir Brot gestohlen! -- da erwog sie nicht mehr, sie fühlte nichts mehr, als die Verzweiflung, sie ging nach Hause und vollbrachte die Tat.

So war es gekommen.

Sie sind heim zu Gott. Nur der eine nicht -- der Liebling nicht. Wie wird's ihm ergehen! Sie will nicht an ihn denken, sie will die Augen schließen. Auch er soll tot sein. -- Wenn sie noch lebten, so dachte das Weib dann weiter, jetzt wüchsen sie heran und hätten schon Laster über Laster auf sich und sie würden bald reif sein für das Zuchthaus.

Es war kein Wunder, das unglückliche Weib sah ja nichts um sich, als Verbrecher, es mußte wohl glauben, daß die ganze Welt -- mit wenigen Ausnahmen -- aus Wichten und Schlechtlingen bestehe.

So atmete sie denn fort. Und wenn die Gedanken bisweilen zu wirr wurden, so legte sie die Steinkohlen darauf, und wenn das Herz aufschrie -- oft plötzlich und fürchterlich aufschrie -- so legte sie Steinkohlen darauf. Durch die Arbeit suchte sie sich zu betäuben.

* * * * *

Und als viele Jahre vergangen waren, da ereignete sich im Lande eine große Freude. Bekränzt waren die Pforten, mit Fahnen geschmückt die Zinnen, Glockenklingen ging von Berg zu Berg. Der junge Herrscher des Landes hielt Hochzeit, und große Herren und große Menschen lieben es, von ihrem Glücke auszuteilen, wie es ja bekannt ist, daß das Glück wie das Grab um so größer wird, je mehr man davon weggibt.

So fiel auch ein Strahl davon in die finsteren Gänge, durch welche das arme, gebrechlich gewordene Weib Steinkohlen trug. Es wurde ihr gesagt, sie solle den Steinkohlenkorb zu Boden stellen, ihre Hände reinigen, ihren Anzug ordnen und in den Betsaal kommen. Dort waren schon andere versammelt. Dann erschien ein Mann in schwarzem Gewande und las eine Amnestie des Landesfürsten vor und nannte die Namen der Begnadigten.

Da erhob sich im Saale ein unbeschreiblicher Jubel, aber Irena schaute stumm und ratlos drein. Auch ihr Name war genannt worden. Sie ist frei? Sie darf in den Sonnenschein hinaus und gehen, wohin sie will? Was soll sie denn draußen?

Man führte sie aus dem Strafhause in ein Armenhaus und anstatt Steinkohlen zu schleppen in den düsteren Mauern, sollte sie nun in einem Garten arbeiten bei den Pflanzen und Blumen. Anfangs taumelte sie auf dem freien Erdboden und ihren Augen tat das Licht wehe. Aber allmählich wurde sie kräftiger und ihre Dumpfheit verwandelte sich in eine sanfte Wehmut -- das machten die Blumen. Sie hat einst -- so deutete ihr ein wunderlicher Traum -- geliebte Wesen freiwillig in die Erde gelegt; die Erde gibt sie dankbar wieder zurück, und es sind Blumen daraus geworden. Blumen können blühen und welken, aber sie können keine Verbrecher werden.

Sie wußte selbst nicht, wie das war, daß ihr jetzt -- nach einer viele Jahre langen Nacht -- die Blumen so ans Herz wuchsen; sie liebte jede Blüte einzeln und pflegte sie, wie die Mutter ihr Kind. Und so kam es, daß man endlich weit und breit keine so schönen Veilchen, Nelken, Cyclamen, Narzissen und Rosen fand, als im Garten dieses Armenhauses. Und selbst im Stübchen wollte Irena die lieblichen Geschöpfe nicht missen, und an Tagesstunden, wo Mütter ihre Kinder zu nähren pflegen, begoß sie die Blumen, und am Abende, wenn andere Mütter mit ihren Kindern beten, kniete sie zu den Blumen hin und sprach mit ihnen und kosete sie.

Eines Morgens, als sie zur bestimmten Stunde nicht aus ihrer Stube getreten war, fand man sie betäubt vor dem Blumentische liegen. So hat das arme Weib erfahren müssen, daß auch die Blumen Übeltäter sein können und daß selbst in den lieblichsten Geschöpfen dieser Erde Gift verborgen liegt. Soll sie die Blumen deshalb vernichten? Dann wird sie alles vernichten müssen, was da lebt und strebt, denn was dem einen erhaltend ist, das ist dem anderen zerstörend. Was bliebe dann übrig von dieser Welt, die Gott erschaffen hat?

Nun kam ihr auf einmal die Einsicht, dem Schöpfer dürfe man nicht entgegenarbeiten, und nun erwachte endlich die Reue. Sie begann sich zu sehnen nach Verzeihung und Trost, und wenn sie so im Garten saß zwischen den Rosen, da weinte sie still in den hellen Sonnenschein hinaus und da war ihr, als müsse sie noch einmal gut Freund werden mit dieser schönen Welt.

Zur selben Zeit ließ sie an den alten Pfarrer ihres Heimatsdorfes schreiben, daß sie eine Reise machen wolle, um das Dorf und die Pfarrkirche und den Friedhof noch einmal zu sehen, und ob sie bei ihm anklopfen dürfe? Die Antwort war, daß der alte Herr Pfarrer Gottfried schon lange in das bessere Jenseits abgerufen worden sei, daß in Birkenheide eine fast neue Generation lebe, die sich an Vergangenes kaum mehr erinnere, und daß sie nur kommen möge, ihre Pfarrkirche und den Friedhof zu besuchen.

Sie war körperlich erschöpft und hat den weiten Weg doch nicht gemacht, aber in ihrem Garten hat sie vier Blumenbeete hergerichtet -- just vier -- und ist zwischen ihnen gesessen.

Allsonntägig stieg sie den Berg hinan zur Kirche, zu welcher das Armenhaus eingepfarrt war. Es war ein stattliches Gotteshaus und leuchtete mit seinen zwei Türmen weit in das grüne Hügelland hinaus. Auf den lichten Auen und auf den Weinbergen -- so lustig es sonst dort zuging -- gab es doch immerhin Menschen, die sich von den Glocken rufen ließen und der Orgel lauschten, die an stillen Sonntagsvormittagen herüberklang. Und die Kanzelredner sprachen so schön und trostreich, daß oft die geräumige Kirche die Zuhörerschaft nicht zu fassen vermochte und die Predigt im Freien, auf dem Rasen des Kirchhofes stattfinden mußte.

So war einmal der Frühling wieder da. Irena begann ihre Blumenbeete zu zügeln und am Ostersonntag, da stieg sie hinauf zur Kirche. Es war ein wohliger Morgen und auf dem Kirchhofe sproßte das junge Gras, das heute wieder in den Boden getreten werden sollte, denn die Predigt fand im Freien statt. Der Kaplan sollte sie halten, es war derselbe, den sie weit und breit lieb hatten, weil er allen Menschen, denen er begegnete, Gutes tat. Das war einer, der es in der Tat bewies, wie sehr ein Mensch -- und wäre es selbst der ärmste -- anderen Menschen gut sein kann.

Dieser bestieg nun die Kanzel, die an der Kirchhofsmauer angebracht war. Irena, das arme Weib, drängte sich durch die Menge vor, so weit als möglich, denn ihr Gehör war schon schwach geworden, auch schaute sie dem Priester so gern in sein freundliches Angesicht.

Der Prediger leitete seine Rede mit dem glorreich Auferstandenen ein, dann ging er über auf zwei andere Gottgesandte, die der Himmel in seiner Liebe und Gnade den Menschen beigesellt habe, die jedoch von so vielen nicht erkannt, sondern gefürchtet und gemieden würden, denn sie wären eben das, was die Leute Ungemach und Elend benennten. Der Heiland -- so fuhr der Priester fort -- sei nicht gekommen, um des Menschen Erhöhung in der Behaglichkeit, in Genuß und Wohlleben zu suchen; er sei gekommen, um zu zeigen, daß selbst die Schatten dieses Lebens voll von Gottes Liebe wären. Die zwei Gesandten, die er meine, trügen einen Spaten und ein Kreuz und hießen: die Arbeit und der Schmerz. Die Arbeit, er meine die gewissenhafte Erfüllung der Berufspflichten, sei mächtiger als alle feine Erziehung, alle guten Grundsätze und guten Vorbilder zusammen. Der Arbeitende habe nicht allein keine Zeit, sondern auch keine Lust zur Sünde. Aus dem Müßiggange aber entspringen -- wie ja alle Welt wisse -- die bösen Gelüste, die Ausklügelung der Laster oder der Selbstqualen, die Unzufriedenheit. Nicht des Broterwerbes wegen sei die Arbeit so wichtig, denn man könne verhungern und doch ein braver Mensch geblieben sein; aber des Abgrundes wegen, der in unserem Wesen auszufüllen ist, sei die Arbeit so unerläßlich, und ein gesunder Mensch, der nicht arbeite, müsse mit seiner Seele zugrunde gehen.

Jedoch ein ebenso treuer, aber weit herberer Freund als die Arbeit sei der Schmerz. Er meine nicht die kleinen Leiden des Tages, etwa den Ärger, die Ungeduld, die Sorge, er meine auch nicht körperliches Unbehagen, er meine den großen, tiefen Schmerz der Seele über eine begangene Schuld. Ein Übeltäter, dem dieser Schmerz fehle, er möge nun sein Leben im Kerker verschmachten oder auf dem Hochgerichte enden, büße nicht. Der Schmerz des Gefallenen sei ein Arm, den Gott vom Himmel herabstrecke, um ihm wieder aufzuhelfen. Der Schmerz sei nichts anderes als eine Sehnsucht nach dem Frieden des Herzens und nach den reinen Freuden. Der Schmerz sei ein Wegweiser zu Gott. -- All das hörte das Weib aus dem Armenhause und begann darüber so laut zu schluchzen, daß die Umstehenden auf sie aufmerksam wurden.

Der Prediger fuhr fort, daß der Schmerz des Schuldigen eine Auferstehung sei, ein Sinnbild der Verwandlung und eine Verheißung des großen Auferstehens von den Toten am Jüngsten Tage.

Hier stockte dem Priester plötzlich die Stimme. Erblassend brach er ab und starrte auf das Angesicht eines seiner Zuhörer hin, auf das arme weinende Weib Irena.

Allmählich schien er sich wieder zu sammeln, dann sagte er leise, daß ihn ein Unwohlsein befallen habe und daß er daher seine Worte abbrechen müsse. Und verließ wankend die Kanzel.

In die Sakristei zurückgekehrt, fragte er den Küster, ob dieser das Weib nicht kenne, das bei der Predigt so sehr geschluchzt habe.

»Das Weib kenne ich wohl,« antwortete der Küster, »das ist die Blumenmutter aus dem Armenhause.«

»Die Blumenmutter?«

»Ja, das ist ein gar absonderliches Weib. Ist über sechzehn Jahre im Strafhaus gesessen. Sie hat ihre Kinder umgebracht und an den Blumen will sie es wieder gut machen.«

Der Kaplan ging auf sein Zimmer und träumte. -- Seitdem er seine Mutter das letztemal gesehen, das ist schon lange her, aber er hat ihr Bild nicht aus der Seele verloren. Er erinnert sich noch an den Tag, da ein Missetäter seine Familie erschlug, und wie ihn damals der gute Pfarrer in das Kloster gebracht. Aber später, als er forschen wollte, wie sich denn die Sache verhalten, hat er nichts mehr erfahren können.

Es sind alle gestorben, die's wissen könnten, hatte der Prälat gesagt, und mit dem Namen Franz Eman, den er bei der Priesterweihe abgelegt, ist sein Kindesleben verschwunden.

Aber der Mutter Bild war noch übrig geblieben aus jener traumhaften Welt, und dieses Bild war ihm nun während der Osterpredigt erschienen.

Selig sind die Toten und sie mögen ruhen! Aber was bedeutet die Erscheinung, die auf den Gräbern plötzlich vor ihm steht und ihn anschaut mit weinenden Augen?

Am nächsten Tage stieg der Kaplan hinab zum Armenhause. Er fragte nach der Frau, die man die Blumenmutter heiße.

»Und hat der hochwürdige Herr denn die Sterbesakramente nicht bei sich?« war die Gegenfrage einer Wärterin. »Die gestrige Osterpredigt soll rechtschaffen schön gewesen sein, aber gesund war sie nicht, wie man gehört hat. Ist dem Prediger dabei schlecht geworden und den Zuhörern auch. Heißt das, einer, unserer armen Blumenmutter, die ist gar aufgeregt und verwirrt zurückgekommen und ist -- wir haben es allmiteinander nicht gewahrt -- die ganze Nacht draußen bei ihren Blumen gewesen. Die Nächte sind noch wolter kalt, und jetzt wird's mit ihr vorbei sein. Ich weiß gar nicht, wo unsereins den Kopf gehabt hat, daß man nicht nachschauen geht noch gestern auf die Nacht! Aber wer hätt's denn vermeint? Wer hätte denn so was vermeint?«

Der Kaplan trat in das Gemach der Sterbenden. Es war wieder dasselbe Antlitz, aber es war entstellt und seit gestern sehr gealtert. -- Er tröstete sie mit Worten der Religion. Da blickte sie ihn traurig an und flüsterte: »Für mich gibt es nur einen Trost, und den habt Ihr nicht.«

»Faßt Vertrauen, liebe Frau. Könnt Ihr es zu mir nicht haben, so habt es zu dem barmherzigen Gott, als dessen Diener ich Euch besuche.« Das sagte der Priester, indem sein Auge immer scharf an den Zügen der Greisin hing.

»So fragt ihn,« entgegnete diese, »fragt den gütigen Gott, ob er von meinem Kinde was weiß. Ich habe einen Sohn; schon lange, lange ist er nicht mehr bei mir, aber er muß noch auf der Welt sein. Und jetzt, ehe ich -- sterben muß --«

»Möchtet Ihr wissen, ob er glücklich ist,« unterbrach sie der Priester.

»Ob er ~brav~ geblieben ist, möchte ich wissen!« rief sie mit heller Stimme. Und dann erzählte sie, von Atemnot und Fiebern oft unterbrochen, die traurige Geschichte, und wie sie seither ihren Franz nicht mehr gesehen habe.

Als sie geendet hatte, saß der Priester still an ihrem Lager und trocknete ihr die Stirn und strich ihr mit seiner Hand die ergrauenden Locken aus dem Antlitz.

Und endlich, als sie ruhiger geworden war und als sie ihn anblickte, so dankbar, daß er bei ihr sei und ihre schlimme Erzählung so geduldig vernommen habe, sagte der Kaplan die Worte:

»Wenn, liebe Frau, Euer Sohn zur Tür hereinträte und setzte sich zu Euch, und nähme Euch an der Hand, so wie ich es jetzt tue, und wenn er ganz so wäre, wie ich bin --«

»Das wäre mir schon recht,« nickte sie. Und nachdem sie ihn eine Weile groß angeschaut hatte, tat sie den Schrei: »Franz!«

Seine Tränen fielen auf ihre Hand.

Sie richtete sich halb auf und sagte:

»Wenn du der Franz bist, dann habe ich verspielt! Dann könnten die anderen ja auch so geworden sein, wie du!«

»Mutter, Ihr habt alles hart gebüßt. Die Menschen haben Eure Schuld längst gestrichen und Gott hat Euch verziehen.«

»Hat er das? Hat er's?« rief sie bebend, »und du kannst es auch? Wenn du es kannst, Franz!«

Er neigte sich innig zu ihr nieder; sie schlang ihre Arme um seinen Nacken: »Mein Kind ein braver Mensch!« jubelte sie stöhnend und drückte ihn an sich -- und sank zurück.

Und als es Abend war, da ruhte sie aufgebahrt im Saale. Ein Wald von grünen Gewächsen und Blumen umgab sie und rankte sich über ihrem Haupte zusammen.

Rote Rosen neigten sich nieder gegen ihr Antlitz und schauten sie an.

Und wie dankbare Kinder das Grab ihrer Mutter besuchen, so stehen heute taufunkelnde Blumen auf ihrem Hügel.

Laurentl, der um Rat fragt.

Ich hatte einen jungen Vetter. Der war schlank gewachsen, trug eine hirschlederne Kniehose, einen grünen Filzhut, hieß mit Namen Laurentl und war Bauernknecht. Er hatte ein fast milchweißes schmales Gesicht, braunes Haar, das links gescheitelt und rechts quer über die Stirn gekämmt war, er hatte ein braunes Schnurrbärtchen, dessen Spitzen er gerne mit dem Beinmundstück seiner Tabakspfeife emporschob, und er sah eigentlich aus wie ein Stadtbübel, das man wundershalber so über die Sommerfrische ins Bauerngewand gesteckt hat. Ach, Stadtbübel, das war der Laurentl nicht, und so gut ging es ihm nicht. Obschon erst neunzehn Jahre alt, mußte er bei seinem Großbauern neben drei baumstarken Kerlen arbeiten wie sie, und wenn er vor dem Spätabend müde sich auf den Rasen setzte und auf der Stelle einschlief, trieben sie mit ihm Gespötte und steckten ihm kleine rote Ameisen hinter den Hemdkragen. Im Weberhäusel bei Vater und Mutter hatte er eine warme Kindheit gehabt; die Eltern starben, das Häusel wurde vergantet und das Leben des Jungen wurde hart und kalt. Mit Freuden war er in den Dienst gegangen, als der Großbauer eines Tages auf dem Kirchplatz zu ihm gesagt: »Na, Laurentl, was ist's denn? Weil 's Häusel hin ist, rat ich dir, nimm ein Haus. Komm zu mir, ich hab auch als Knecht angefangen und heut hab' ich hundert Joch Acker, vierzig Stück Vieh und zwei Dutzend Leut.« -- Wohl. Just das zweite Dutzend machte der Laurentl voll und wie er nach dem ersten Tagwerk auf dem Felde in Hemdärmeln beim großen Tisch saß, mitten unter den derben, bärtigen und schwitzigen Knechten, da kam er sich das erstemal in seinem Leben als jemand vor -- wenn schon noch nicht ganz als Knecht, so doch als Knechtl. Aber bald zeigte es sich, der Pflug war stärker als er, denn er schleuderte ihn auf den Furchen hin und wieder; und auch die Mehlklöße waren stärker als er, denn sie drückten ihm mächtig den Magen. Er war schier der letzte und der niedrigste im ganzen Hause.

Dann ist er -- ein Sonntag war's, um Nachmittag -- zu mir kommen.

Weinen tat er just nicht, aber weit war's nicht davon. Und den Oheim wollte er halt um einen Rat fragen.

»Oheim, ich hab' mir's überlegt. Das Bauerndienen freut mich nicht. Ich will ins Eisenwerk gehen. Dort kommt der Verdienst viel höher und die Arbeitszeit ist kürzer. Ist die Schicht vorbei, so bin ich mein eigener Herr und kann machen was ich will. Der Firnsteiner Sepp ist auch ins Werk gegangen und er sagt, vier starke Zugochsen brächten ihn nicht zurück ins Bauernhaus. Jetzt möcht ich's halt auch probieren und frag den Oheim um Rat.«

So habe ich ihm geantwortet: »Laurentl, das täte ich nicht. Das Bauerndienen ist freilich hart, ich weiß es wohl. Aber anderswo ist's noch gefährlicher. Der Verdienst im Eisenwerk ist höher, aber auch der Verbrauch, mußt bedenken. Beim Bauern kostet dir die Wohnung nichts, im Werk mußt du dir ein Zimmer mieten um viel Geld; beim Bauern brauchst dich gleich so zur Schüssel zu setzen, im Werk mußt du dir alles selber einschaffen und kochen; oder gehst ins Wirtshaus, dann weiß man schon, was es geschlagen hat. Beim Bauern hast du gesunde Arbeit von allerhand, jetzt in Haus und Hof, jetzt in Feld und Wald, und du siehst, daß was wird. Im Werk mußt bei Staub und Rauch alleweil das gleiche tun, so daß der eine Körperteil überanstrengt, der andere verkümmert wird, und von der Arbeit hast du doch bei keinem einzigen Stück aufzuweisen: das habe ich gemacht. Na, und die Freiheit, mein Gott, die wird von jungen Leuten halt dazu verwendet, sich umzubringen. Dich halte ich für brav. Was man aber vom Firnsteiner Michel hört! Vier starke Zugochsen werden den jetzt freilich nicht zurückbringen ins Dorf; bis er nur erst siech und arbeitsunfähig ist, dann wird eine alte Schindmähre stark genug sein, um ihn auf dem Strohkarren in seine Heimatsgemeinde zurückzuschleppen. -- Jetzt kannst dir denken, Laurentl, welchen Rat ich dir geben will.«

Der Junge ist dagestanden, hat an den Fransen seines Hutbandes gezupft und nachher gesagt:

»Ich denk', es kommt halt darauf an, wie der Mensch ist. Der Fleißige bringt's im Eisenwerk leichter zu was. Beim Bauern kann ich Tag und Nacht arbeiten, es kommt mir nicht zu Nutzen und keine Stund der Wochen kann ich für mich selber sein. Und schon gar, wie es mir geht. Vorigen Winter habe ich einmal so Halsweh gehabt, schier zum Ersticken. Und der Schlund voller Blasen und so viel die Hitz'. Da haben sie mich im Stall liegen lassen auf dem Strohsack, drei Wochen lang, in Durst und Fieber, und erst wie zu einer kranken Kuh der Tierarzt gekommen ist und mich liegen gesehen und angeschaut hat, sagt er: Jesses, Leut, der hat ja die häutige Bräun! Nur geschwind Kuhfladen um den Hals binden. Gestorben bin ich freilich nicht, aber die Red ist mir verfallen gewesen monatelang, daß ich gar nichts hab' sagen können. Macht nix, hat mein Bauer gesprochen, reden braucht er eh nit, wenn er nur wieder arbeiten kann. Das kann ich freilich, aber was hilft's? Wenn ich alt oder krank werd', hab' ich doch nichts. Schlechter kann's auch im Eisenwerk nicht sein, aber leicht besser, wenn ich fleißig sparen tu.«

Hierauf habe ich gesagt: »Laurentl, wenn du fleißig sparen tust, so probier's halt in Gottesnamen und gehe ins Werk.« Denn, habe ich bei mir selber gedacht, wenn der Bauer seine Dienstboten schlechter hält, wie das Vieh, so will ich weiter nichts drein reden.

Also mein junger Vetter ist Eisenwerksarbeiter geworden und hat Wort gehalten -- hat fleißig gespart. Und weil er nicht mit den andern gehalten, die ihre Groschen verjubelten, so ist er bald ihr Gespött geworden. Dennoch hat ihn jede Partei -- die rote wie die schwarze -- für sich haben wollen. Er aber war ein nachdenklicher Bursche, hat die Roten und die Schwarzen beobachtet in ihren Grundsätzen und Handlungen, hat das eine von beiden angenommen und das andere von beiden verworfen, wie es eben in seinem Kopf schon fertig gewesen ist. Bei der Arbeit hat er willig und verläßlich seinen Mann gestellt, an Sonntagen ist er im schmucken Gewande des Obersteirers im Freien umhergegangen, hat mit Genossen, die ihm helfen konnten, »zweispannig« gesungen, oder ist allein über die Felder geschritten, um die Blumen anzuschauen, oder durch die Wälder, um den Rehen und Hirschen nachzuspähen und sich an ihrer schönen Gestalt zu ergötzen von weitem. Am Abend hat er sich eine Pfeife angezündet und ein Glas Wein getrunken in seiner Kammer, die er im Häuschen einer Witwe gemietet hatte. Die Frau achtete seiner gut und machte ihm's heimlich im warmen Neste ihres Besitztums. Das hat ihm wohlgefallen. Das Wirtshaus aber war ihm zu laut und zu dunstig gewesen. Manchmal hat er sich sogar mit einem Buche abgeplagt, in der Absicht, das Lesen zu lernen, denn seine Eltern hatten ihn vor lauter Liebe nicht in die Schule geschickt, weil er beim ersten Versuche gröhlend nach Hause gekommen war.