Geschichten aus den vier Winden

Part 9

Chapter 93,802 wordsPublic domain

Und doch -- wie glänzen Odas mohnrote Augen! Ich behaupte, die Jugendliche hat mohnrote Augen. Ich fühle Röte und viele Träume in ihren Augen, Träume, wie nur ein Opiumraucher sie haben kann.

Wenn Oda dieses lesen würde, würde sie finden, daß ich alles das, was ich von ihr schreibe, über mich selbst schreibe. Denn sie glaubt sich klar zu sehen wie eine Photographie. Das mag sein, ich gebe ihr recht. Ich beschreibe nicht Odas Augenbild, sondern ihr Wirkungsbild.

Ich habe noch niemals Frauen sehen, sondern stets nur fühlen können. Ich fühle sie mit den Augen, fühle sie mit den Ohren, fühle sie mit dem Blut.

Liebe Oda, da du dich also nicht fühlen kannst, wie das Feuer sich nicht als heiß und hell fühlt, das Wasser sich nicht selbst als naß und weich fühlt, -- so mußt auch du, wenn du dieses einmal über dich lesen wirst, mir glauben, wie du von mir gefühlt wirst.

Du möchtest Schauspielerin werden, und ich zittere für dich, daß du Wege gehen mußt, die dich weglos wie einen Kometen in eine Irrwelt werfen können.

Aber du willst, und alle wollen mit dir, was du willst. Und wenn ich das bedenke, müßte ich eigentlich nicht mehr für dich zittern, denn deine Wege können höchstens Umwege, aber keine Abwege werden, wie ich dich kenne. Wenn du nur immer weißt, daß du willst.

Du kommst und setzt dich, wenn alle Damen in deiner Mutter Teestunde schon, eifrig plaudernd, das Zimmer unruhig wie ein auf- und abwankendes Fahrzeug machen. Du setzt dich mit deiner sechzehnjährigen Mädchenruhe in einen leeren Diwanwinkel und hast deine Glieder, wie nackt ohne Kleid, ohne Bewußtheit, mitgebracht und hast nicht deinen Körper vergessen, wie viele der viel zuviel gekleideten Damen es tun.

Dein Mund redete noch nicht, auch deine Glieder reden noch nichts. Du fühlst auch noch nichts. Und du bist da in deiner Dunkelheit vor mir, von deiner Mutter mit Sorgfalt in einfache zarte Kittel aus Seide gekleidet. Neulich war es grüne, herbgrüne Seide, deren Grün nichts gemein hatte mit Pflanzen oder Metallen oder Tierfarben. Es war ein fernweltliches Grün, weil aus dir ein Erlebnis strahlte. Du kamst aus einer Welt her, wo eine grüne Sonne geschienen hatte, und davon warst du noch feierlich zartglänzend und lieblich leuchtend.

Du sitzt auffällig in deiner Unauffälligkeit vor mir, und ich höre alles, was du nicht redest, lauter als rundum die glänzenden Reden der Sprechenden. Dein Herz aber ist flüssig, wenn es so, nichts sprechend, mit uns allen und mit niemandem spricht. Während uns die Teetassen in den Fingern zittern und der Witz der Nachbarn uns benachrichtigen will von Geschehnissen, die uns anfallen, bald kalt, bald glitzernd von Neugier, Eitelkeit und geistreicher Gewandtheit, bist du, Oda, verschwunden und wieder erschienen. Es rief dich irgend ein göttlich zweckloser Zweck.

Neulich, als ich zum ersten Mal seit Jahren wieder zu euch zu Besuch kam, war es der kleine zahme Kanarienvogel, den du in der Hand brachtest und mir auf den Ärmel setztest; und du lachtest, als ich verwundert aufschaute.

Warum brachtest du nicht alle Kanarienvögel der Stadt, damit ich dich hätte tausendmal lachen hören können! Ich sah den zahmen kleinen Vogel kaum, ich fühlte nur mein Herz schmerzen, weil du nur so kurz gelacht hattest, und weil, wenn du laut wirst wie die andern, ich dann unendlich viel Wirklichkeit von dir erleben möchte, von deinem unwirklichen und noch weltfernen Dasein.

Bei meinem zweiten Besuch fand ich dich, ein Tabakhäufchen zwischen zwei Fingern zu einer kleinen Kugel drehend, am Schreibtisch deines Vaters, und du stopftest eine kleine japanische Silberpfeife, die du dann rauchtest. Und du lachtest wieder kurz auf, als ich aus dem Nebenzimmer von den andern fortgegangen war, von Tee und Musik, und dich fand. Wie ein Eichhorn in einem Waldbusch versteckt, so kauertest du auf der Ottomane unter dem blauen Nebel des Tabakrauches und ließest dich nicht stören. Du lachtest einmal nur dieses kurze, gestoßene Lachen, und wieder schmerzte durch einen kleinen Ruck mein großes altes Herz, weil du einmal und nicht tausendmal lachen konntest. Weil die Lust so kurz ist, die du anschlägst und auslöschst.

Warum schmerzte aber mein Herz nicht, als du ein andermal am gleichen Schreibtisch, ans Telephon gerufen, mit einem jungen Kameraden lachtest? Er wollte dich mit andern jungen Damen abholen und zum Eisplatz zum Schlittschuhlaufen begleiten. Hinter dir aber stand dein Vater wie ein lang gen die Zimmerdecke gezeichneter Schatten und lächelte und war neckisch und sagte dir, da du um eine Antwort am Telephon verlegen warst, daß du absagen müßtest. Der Bursche am Telephon sei fad und nicht klug genug für dich. Du lachtest kurz auf, aber ich fühlte nichts bei diesem Lachen, diesmal nicht den Seufzer, nicht den zitternden Wunsch, dich noch mehr lachen zu hören.

Und wieder an einem andern Sonntag, zu einer andern Nachmittagsteestunde, als ein Freund eures Hauses, ein beweglicher, nicht alter, nicht junger Mann, vor dir hockte und vom Theater plauderte und du in einem Sessel, an die hohe Lehne zurückgedrückt, vor dem Sprecher saßest, da zitterte Schrecken in mir. Denn der Erzähler war ein gewandter Frauenverführer, und er war geistreich, weltlustig und zielte mit seinen Augen auf dich wie ein geübter Revolverschütze auf eine Scheibe. Und wie eine Zielscheibe flach lehntest du, in den Sessel tief zurückgedrückt, an der Sessellehne, und diese deine Stellung war jenem Mann Triumph genug. Und gleich wandte er sich an deine Mutter und machte den Vorschlag, dich mit ihm die Probe eines neuen Stückes besuchen zu lassen, der er beiwohnen wollte.

Und ich sah seinen vorgebeugten, glattrasierten Kopf, der wie ein Straußenei unterm Kronleuchter glänzte, und sah, wie er mit Eifer deine Mutter davon überzeugte, daß diese Theaterprobe dir nützen würde für deine Theaterkenntnis, die du dir aneignen möchtest.

Und es wurde verabredet, daß du an einem der nächsten Morgen um 11 Uhr in seine Loge kommen solltest, um die Probe zu sehen. Er hob den Zeigefinger und sagte:

»Aber es darf kein Geräusch gemacht werden, denn die Regie ist streng, und es darf eigentlich niemand wissen, daß wir zur Probe kommen. Aber im dunkeln Theaterraum und in der finsteren Loge wird niemand uns finden, wenn wir ganz leise sind.«

Ich sah dich bereits im Geist lautlos in jener dunkeln Loge und fühlte, wie du neben deinem Verführer im Dunkeln kaum zu atmen wagtest aus Lust am Theater, wie jener aber kaum zu atmen wagte aus Lust an dir.

Es waren drei Tage bis zu jenem Tage der Verabredung, die du, Oda, mit dem andern hattest. Und in jeder Nacht von diesen beiden Nächten, die zwischen den drei Tagen lagen, wachte ich auf und horchte. Ich hörte zuerst nur ferne Automobile durch die todstillen Straßen surren. Ich fühlte aber dann, wie sich die Häuser auflösten und wie sie ihre Mauern und ihre Steine nach mir warfen. Die ganze große Stadt steinigte meine Brust. Ich stöhnte, und morgens erwachte ich wie zerschlagen. Und mitten am Tage in meiner Arbeit wollte ich ans Telephon gehen. Es war mir, als müßte ich deine Mutter rufen und weiter nichts zu ihr sagen als: »Hilfe, Hilfe!« wie einer, der ein Unglück sieht und ratlos ist.

Zufällig hörte ich dann später von deiner Mutter, du würdest doch nicht zu jener Theaterprobe gehen. Aber ich glaubte es nicht. Warum glaubte ich es nicht? Warum atmete ich nicht auf? Ich glaubte es nicht, weil du ja doch deine Umwege oder Irrwege gehen mußt, wie wir alle sie gingen, denn keine andern führen ins Leben.

Als ich nach Wochen wieder einmal zu deinem Vater kam, nötigte er mich, zum Mittagessen zu bleiben. Ganz flüchtig sollte der Besuch sein, denn wir hatten nur geschäftlich zu sprechen.

Du warst mit deiner Mutter in der Stadt, und ihr machtet an diesem Tage andere Besuche und wart nicht zum Essen zu Hause.

Dein kleiner Bruder Nickel, der flinke und geweckte Junge, sprang mit seinem graublonden Lockenkopf mitten beim Essen vom Tisch auf und holte plötzlich den kleinen Kanarienvogel aus dem Bauer und setzte ihn auf das Tischtuch. Dort spazierte das hellgelbe Vögelchen zwischen dem weißen Porzellan und den Kristallgläsern und um das Silbergeräte und pickte und lugte mich mit einem Auge an.

Der kleine Kanarienvogel war erbärmlich anzusehen. Ein Beinchen war ihm gebrochen, das schleifte er nach sich. Aber der Bruch war schon geheilt und schmerzte ihn nicht mehr. Doch sein Köpfchen war ganz kahl. Er hatte alle Federn am Kopf verloren, und man sah, was man sonst nie sehen konnte, die großen Ohrlöcher des Vogels zu beiden Seiten des Köpfchens. Sie waren im nackten Schädel wie Löcher, durch die eine Kugel gegangen war.

Wieviel hat dieser Vogel gefühlt mit diesen Ohrlöchern? Wieviel Weh- und Wohllaute zogen durch den kleinen Schädel in das Herz ein?

Er hat Oda lachen und weinen gehört. Er hat Oda tanzen gehört und auch gehört, wie sie aufstampfte im Zorn. Er hat Oda besungen, wenn er andächtig wurde.

So gerupft gehen wir alle aus der Lebensandacht hervor, dachte ich bei mir. Früher oder später zieht das Herz einen geknickten Fuß nach. Oder man verliert die Locken des Mutes.

Nach dem Essen, als ich noch einen Augenblick in deines Vaters Schreibzimmer im Ledersessel saß, las und rauchte und auf deinen Vater wartete, der sich zum Ausgehen umzog, da tönte des gerupften blankschädligen Vögeleins Singstimme aus dem Nebenzimmer.

O, er sang, als wäre er gerührt über sich selbst. Er sang so schmelzend und zärtlich, als hätte dein Bruder Nickel einen Spiegel geholt und der Kanarienvogel hätte sein verunglücktes Bild im Glase gesehen. Und er sang, um den trauernden gerupften Vogel im Spiegel zu trösten, sein lebenssüßestes Lied. Denn er erkannte sich selbst nicht und glaubte für einen Fremden zu singen.

Da hätte ich gewünscht, Oda, du hättest mit meinen Ohren hören, mit meinen Augen sehen können.

Ich habe Wiedersehen gefeiert mit eigenem Leid. In deinen sechzehnjährigen Augen sehe ich meine eigenen Gebrechen wie in einem Spiegel, alle Wunden, die mir das Leben angetan.

An einem der nächsten Abende, zu dem ich mich mit deinen Eltern verabredet hatte, wurde ich zu Hause bei mir ans Telephon gerufen.

Als ich Antwort gab, rief mir eine Stimme zu: »Ich bin es!«

»Wer?« fragte ich ahnungslos.

»Ich, ich, ich,« riefst du mir zu, und es belustigte dich, daß ich deine Stimme nicht gleich erkannte.

Wie seltsam, daß ich deine Stimme nicht wiedererkannte!

Aber da lachtest du das kurze Stoßlachen, das immer wieder zu rasch auslöscht.

Da erkannte ich dich wieder.

Noch oft im Leben werde ich dich nicht erkennen, wenn du sprichst, aber ich hoffe, daß ich dich immer erkennen werde, wenn du lachst.

Zur Stunde der Maus

In einer Stadt der Provinz hatte ein Südfrüchtenhändler einen Laden eingerichtet, der sich über einem tiefen Keller befand, zu welchem eine Falltüre hinunterführte.

Aus diesem Keller kamen jede Nacht die Mäuse in Scharen in die Südfrüchtenhandlung herauf. Sie nagten dort die schönen, in Seidenpapier eingewickelten Kalvillenäpfel an, sie fraßen Datteln und Feigen, Rosinen und Bananen und schonten auch nicht die jungen Gemüse und die Maltakartoffeln. Keine Ware, die sich in der Südfrüchtenhandlung befand, war vor den kleinen zudringlichen Nagetieren zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang sicher.

Solange nachts Lärm auf den Straßen war und die Wagen fuhren, hielten sich die Mäuse noch still im Keller. Aber sobald es Mitternacht geschlagen hatte und es still in jener Straße wurde, kamen sie in Scharen, vergnügten sich an den süßen Vorräten und feierten wahre Freßorgien, deren Spuren den Südfrüchtenhändler jeden Morgen beim Betreten des Ladens in Verzweiflung setzten.

Den Laden zu räumen und einen anderen zu beziehen, das ging nicht gut an, da hier im Mittelpunkt der Stadt ein gutes Absatzgebiet war und dem Händler durch einen Umzug wahrscheinlich viele Kunden verloren gegangen wären.

Und so versuchte er, sich auf alle Weise gegen die Mäuse zu schützen. Er schaffte sich Katzen an, aber er mußte sie wieder abschaffen, da es vorgekommen war, daß die Tiere in der Nacht den Ladenraum verunreinigt hatten und der Geruch davon, der am Morgen nicht auszutreiben war, die Käufer entsetzt hatte.

Er schaffte sich dann Hunde, Rattenfänger, an. Aber diese stürmischen Tiere schlugen in den Nächten ein wildes Gebell auf, wenn sie hinter den Mäusen herjagten, und sie warfen dabei, wenn sie über die mit Obst gefüllten Körbe sprangen, Früchte und Körbe über den Haufen, so daß der Händler auch die Hunde wieder abschaffen mußte, weil die Nachbarn sich über das nächtliche Gebell beschwert hatten und der Schaden, den die hetzenden Hunde anstifteten, dem Schaden der Mäuse gleichkam.

Gift gegen die Mäuse zu legen, war nicht ratsam, da die halbvergifteten Tiere das Gift über die Eßwaren verschleppen konnten und dann großes Unglück durch die Vergiftung von Früchten hätte entstehen können.

So blieb dem armen, von Mäusen geplagten Südfrüchtenhändler nichts übrig, als sich um Mitternacht, zur Stunde der Maus, in den Ladenraum zu begeben und, versehen mit einem Stock, seine Fruchtkörbe selbst zu bewachen und durch Händeklatschen und Fußstampfen die eindringenden Mäusescharen zu verjagen.

Er allein konnte nicht Nacht um Nacht wachen, und so teilte er sich mit seiner Frau in die Nachtwachen. Aber dieses ermüdete auf die Dauer die beiden sehr.

Da kamen sie auf den Gedanken, eine entfernte Verwandte, die gerade eine Stellung suchte, zu sich ins Haus zu nehmen, damit diese die Mäusewache jede dritte Nacht übernähme.

Der Südfrüchtenhändler hatte es sich aber zur Pflicht gemacht, manchmal nachzusehen, wenn das junge Mädchen die Wache hatte, ob es nicht eingeschlafen wäre.

Er traf das Mädchen aber niemals schlafend an, denn es vertrieb sich die Zeit mit Lesen von Balladen und Romanzen, für die es eine Vorliebe hatte.

Mit der Zeit waren dem Händler die Augenblicke, die er zur Stunde der Maus mit dem jungen Mädchen verplauderte, wenn sie im Laden zusammen hinter die Körbe schauten, um die kleinen Ladenräuber zu verjagen, oder wenn sie ihm eine ihrer Romanzen vortrug, die sie bald alle auswendig kannte und die sie bei der Nachtwache laut hersagte, damit sie mit ihrer Stimme die Mäuse verjagte, -- so zur angenehmen Gewohnheit geworden, daß er die Minuten im Laden unbewußt immer länger ausdehnte und sich eines Nachts klar wurde, daß er sich in das junge Mädchen verliebt habe.

Das kam, als das junge Fräulein ihn eines Nachts, da er wieder lange ihren Balladen zugehört hatte und noch eine Romanze zu hören wünschte, daran erinnerte, es sei Zeit, daß er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu seiner Frau ginge. Und sie hatte lachend hinzugesetzt, sie wisse, daß er recht glücklich verheiratet wäre.

Dabei hatte sie den Kalvillenapfel, den er als den schönsten für sie ausgesucht und ihr für ihren Balladenvortrag zum Geschenk gemacht hatte, vorsichtig wieder in das schützende Seidenpapier eingewickelt und hatte ihn auf die Apfelpyramide zurückgelegt, von wo ihn der Händler genommen hatte.

»Für mich sind weniger schöne Äpfel auch gut genug. Auch wird sich vielleicht Ihre Frau ärgern, wenn ich den besten Apfel, der im Laden ist, aufesse.«

Als sie dieses gesagt, hatte sie leise geseufzt, und der Mann war aus dem Laden gegangen. Vorher hatte er ihr noch lachend zugerufen:

»Natürlich bin ich glücklich verheiratet, sogar sehr glücklich.«

Aber seit dieser Stunde, seit dieser Versicherung seines Glückes, war der Mann von einer Unruhe geplagt, die ihn unglücklich machte. Es war ihm, als habe er im Augenblicke der öffentlichen Feststellung seines Eheglückes den Gipfelpunkt dieses Glückes schon überschritten. Denn er war abergläubisch und glaubte bestimmt daran, daß er mit dem Eingeständnis seines Glückes sich ein Unglück ins Haus eingeladen habe. Er war aber zugleich ein ehrlicher und treuer Mann, der seine ihm angetraute Frau niemals betrogen hatte, und dessen Herz heftig erschreckte, als es zur Stunde der Maus seine Augen dabei ertappte, wie sie mit Wohlgefallen an dem Gedichte vortragenden Mädchen im mitternächtigen Laden hängen geblieben waren, so daß er die Zeit und den Schlaf vergessen konnte.

Das junge Geschöpf mit seinen erdbraunen Augen und seinen tabakfarbenen Haaren paßte gut zwischen die Pyramiden von Blutorangen und goldgrünen Zitronen und neben die weinduftenden Ananasfrüchte. Und oft am Tage, wenn der Südfrüchtenhändler die Kunden bediente und das Mädchen gar nicht im Laden anwesend war, schien ihm, als ob in den leichten flachen Holzschachteln die plattgepreßten gedörrten Malagatrauben oder die in Silberstanniol eingewickelten spanischen Mandarinen den gleichen Duft ausströmten, der ihm vom Nacken jenes Mädchens, von den feinen Haarwurzeln ihrer tabakbraunen Locken entgegengeströmt war und den er deutlich kannte von den Augenblicken, da sie beide zur Stunde der Maus hinter den Säcken mit Maltakartoffeln und hinter den Körben voll von afrikanischem Blumenkohl mit Stöcken nach den Mäusen geschlagen hatten.

Des Händlers Unruhe wuchs allmählich, besonders seiner Frau gegenüber, die er wirklich aufrichtig liebte und die er mit seiner Untreue nicht betrüben wollte.

Er wußte sich keinen Rat mehr, wenn er sich auch vornahm, das junge Mädchen zur Zeit, da es Wache hatte, nicht mehr im Laden aufzusuchen. Doch nützte ihm das nicht viel, denn er traf es am Tage, und er konnte nicht daran denken, es fortzuschicken, weil es für die Nachtwachen unentbehrlich war; und er hätte auch gar keinen Grund gehabt als den seiner Zuneigung, den er aber natürlich kaum sich selbst eingestehen wollte und den er noch weniger jemand anderem offenbaren konnte.

Es geschah auch, daß, wenn er dem Mädchen jetzt am Tage auf der Treppe oder im Ladenraum oder in seiner Wohnung begegnete, er ein kühleres Gesicht aufsetzte, um seine Gefühle mit Gewalt zu verleugnen. Und ihm schien es dann, als ob das junge Mädchen durch sein verändertes Wesen verletzt wurde, und daß es ihn leicht verächtlich behandelte.

Es war ihm in der Erinnerung unangenehm, daß er zu dem Mädchen gesagt hatte, er sei glücklich, sehr glücklich. Er fand es roh und häßlich, daß er glücklich sein sollte, während das junge Geschöpf glücklos war und die Lebenstage nur für die bezahlte Arbeit kommen und gehen sah.

Bei einem größeren Einkauf einer Warensendung, die er immer in der nächsten Hafenstadt, wo die Frachtschiffe aus dem Süden ankamen, machen mußte, wurde ihm der Vorschlag unterbreitet, ein Zweiggeschäft in jener großen Seestadt zu gründen, damit er die durch die Verpackung und Reise schon etwas beschädigten, aber noch guten Obstvorräte, denen eine Eisenbahnversendung nicht gut bekommen würde, an Ort und Stelle absetzen könnte.

Der Händler ging mit Freuden auf dieses Geschäftsunternehmen ein. Und da ihn die Fruchtversteigerungen oft nach der Hafenstadt gerufen hatten, so fand auch seine Frau es ganz in der Ordnung, wenn ihr Mann dem neuen Zweiggeschäft in der Hafenstadt vorstünde, wogegen sie den Laden in der Provinzstadt weiterführen wollte.

Für die Festtage des Jahres hatten die Eheleute verabredet, sich zu besuchen. Da aber die Frau zur Weihnachtszeit nicht von dem Laden abkommen konnte, erwartete sie der Mann erst zum Neujahrsabend, zur Silvesterfeier.

In der ersten Zeit der Trennung war der Südfrüchtenhändler von seinem neuen Geschäft so in Anspruch genommen, daß er weder seine Frau noch das junge Mädchen, das nach wie vor in dem Laden in der Provinz die Nachtwache hatte, vermißte.

Aber als das neue Geschäft im Gang war und sich eintönig abwickelte, kehrten seine Erinnerungen doppelt heftig zurück, und die Gerüche der Früchte im Laden, die ihre Süßigkeit durch die Luft verbreiteten, erweckten wieder, besonders, wenn er abends den Laden geschlossen, seine Rechnungsbücher durchgesehen und zugeklappt hatte und sich der Beschaulichkeit und dem Träumen überlassen durfte, das Bild des Mädchens und den Duft ihres Leibes, wie er ihm begegnet war vormals zur Stunde der Maus.

Er merkte, daß er sich sogar einzelner Verse jener Balladen und Romanzen erinnerte, die sie immer in der nächtlichen Stille im Kreis der Fruchtkörbe vorgetragen hatte, und die ihn auf ferne Inseln und zu fernen Ländern, unter fremdartige Bäume, zu feurigen und fremdgearteten Menschen versetzt hatten, deren Sprache voll auffallender Leidenschaftsworte lebhaft leuchtete, wie die Farben der Südfrüchte, die von den nüchternen Eisensäulen des Ladens, von den kahlen Kalkwänden und vom strengen Kassenpult wie bengalische Feuer abstachen, die man im nüchternen Tageslicht abbrennt.

Wenn der Mann dann aus dem Laden in sein Zimmer in einem der höher gelegenen Stockwerke des Hauses kam, wo er jetzt ohne Weib hausen mußte, gingen die Düfte der südlichen Länder, die an seinem Rock hafteten, mit in seine Träume. Und er umarmte in seinem Schlaf nicht sein Weib, sondern er zog das junge Mädchen an sein Herz, während ihm ihre Brüste wie zwei frische Kalvillenäpfel entgegendufteten.

Und besonders zur Stunde der Maus lag er oft auf dem Kissen wach, mit den verschränkten Armen unter seinem Kopf, und stellte sich seinen Laden in der Provinz vor, wo eine der Gaslampen brannte und sie, die er ersehnte, mit hochgezogenen Beinen auf dem Drehstuhl beim Ladentisch saß und ihre Balladen sprach und dazwischen aufsprang und nach einer Ecke schlich, wo überall Mausefallen waren, die aber den Mäusen so bekannt waren, daß keine mehr Lust hatte, sich fangen zu lassen.

Dann sah er, wie sie sich bückte und eine Falle, die von selbst zugeklappt war, wieder aufstellte, wobei sie vielleicht den Vers hersagte:

Ein Held, deß' Herz wie Feuer war, Ritt durch die Wälder sieben Jahr. Verschwiegen hat er sieben Jahr, Daß er ein Fraß der Flammen war.

Bald mußte sich der Händler auch am Tage mit seinen verliebten Träumen beschäftigen. Und der Gedanke, daß seine Sehnsucht die Ersehnte vielleicht herziehen könnte, wollte nicht mehr von ihm weichen.

Er nahm sich endlich vor, einen Brief zu schreiben und seiner Frau zu sagen, daß er eine Hilfe im Laden brauche und daß er nicht immer die Ladentüre abschließen könne, wenn er stundenlang zu den Fruchtversteigerungen gehen müsse, und er wollte ganz harmlos im Briefe bemerken, daß sie ihm jene Verwandte schicken sollte.

Er hatte den Brief im Geist vielleicht tausendmal abgefaßt, nachts und am Tag. Wo er ging und stand, schrieb er diesen Brief in Gedanken.

Aber er konnte sich nicht entschließen, die Feder in die Hand zu nehmen, die Tinte und das Briefpapier. Er wäre sich wie ein Verräter vorgekommen, Verräter an der Treue, die er seiner Frau halten wollte, und Verräter an seinem Herzen, das ehrlich bleiben wollte.

So schrieb er diesen Brief nur mit den Augen in die Luft. Er schrieb ihn abends stundenlang, wenn er seine Rechnungen abgeschlossen hatte, unter die Summen der Zahlen ins Hauptbuch, in das er brütend starrte. Er schrieb den Brief mit den Augen auf die Kistendeckel der Orangensendungen, wenn er das Kistenbrett in der Hand hielt und in Gedanken anstarrte, statt es in eine Ecke zu stellen. Er schrieb den Brief auf die rötlichen blanken Schalen der Blutorangen. Er schrieb den Brief an die leeren Kalkwände seines Verkaufsgewölbes, und er las ihn am Tag hundertmal, während er Früchte in die weißen Tüten hineinzählte, die er den jungen Mädchen und Frauen zureichen mußte. Auf allen Frauenhänden, die die Fruchttüten aus seiner Hand empfingen, las er jenen Brief, den seine Augen unaufhörlich schrieben.

Aber wie man sich scheut, mit bloßen Füßen durch brennendes Feuer zu gehen oder die bloßen Hände in helles Feuer zu legen, so scheute er sich, seine Hände und seinen Willen dazu herzugeben, den Brief zu schreiben und abzusenden, den Brief, der die heimlich Ersehnte zu ihm bestellen sollte.