Geschichten aus den vier Winden

Part 6

Chapter 63,736 wordsPublic domain

Häcksel aber, dem der Mund trocken war, ging zu einer Straßenpumpe, wo eben ein Kutscher seinem Gaul Wasser gab. Er bat den Kutscher, daß er ihm vom Wasser aus der Pferdekufe trinken lasse. Als er getrunken hatte und sich aufrichtete, erzählte er auch diesem Kutscher, daß man ihm sein Geld gestohlen hatte. Der sagte, er habe schon davon gehört. Ein Kollege habe ihm heute morgen erzählt, daß zwei Fahrgäste, ein Rothaariger und einer, der als Schutzmann verkleidet war, einem Mann einen Ledergurt mit Silbergulden gestohlen hätten, und daß beide von wirklichen Schutzleuten zum Haftlokal geführt worden seien.

Dem Häcksel wurde ganz wohl, als er das hörte, und er schenkte dem Kutscher die Bierbrezeln und bat, ihn dafür zu jener Polizeistation zu fahren, da er seinen Ledergurt wiederholen wollte.

Der Kutscher tat das auch. Und Zinnoberchen, als es hörte, daß Häcksel freiwillig zum Haftlokal fahren wollte, war vergnügt und guter Dinge und vermißte ihren treulosen Floh aus dem Löwenfell nicht länger.

Aber auch Flöhe bekommen nicht in allem ihren Willen. Häcksel wurde nicht ins Haftzimmer, sondern nur in die Polizeiwachtstube geführt. Dort fand die Flöhin gar nicht, was sie wollte.

Man gab Häcksel seinen Gurt zwar nicht zurück, aber man zeigte ihm denselben, und er erkannte ihn als den seinen.

Dann wurde ein Polizist beauftragt, Häcksel in sein Heimatdorf zu begleiten und dort in Erfahrung zu bringen, wie Häcksel zu dem Silbergeld gekommen sei.

Häcksel behauptete immer noch, er habe es geerbt. So kam Häcksel auf Polizeikosten zurück in sein Heimatdorf. Nach langem Fragen glaubte man endlich Häcksel, und man ließ ihn wieder seine Bergwerkarbeit antreten.

Zinnoberchen bekam inzwischen viele Junge. Es waren Flohkinder, von ihm, der damals in der Nacht über den Plankenzaun in den Hühnerstall geflüchtet war. Die Flohmänner waren ihr unterwegs alle wieder abhanden gekommen. Sie kehrte einsam und nur mit vielen Kindern beschenkt mit Häcksel ins Bergwerk zurück.

Häcksel aber bekam zwar jenen Geldgurt zurück, doch fand sich kein einziger Silbergulden mehr in dem Gurt. Die letzten waren auf der Polizei herausgerollt, und niemand wußte wohin.

Als Häcksel den leeren Gurt umschnallte, wurde er schwermütig. Er fieberte täglich heftiger und heftiger und wollte doch nicht sterben, da ihn kein Begräbnis erster Klasse erwartete.

Häcksel hat sich dann im Bergwerkpferdestall anstellen lassen und kam gar nicht mehr an die Erdoberfläche. Davon, daß er überhaupt nicht mehr die Luft wechselte und immer in der durchwärmten Schachtluft wohlbeschützt dahinlebte, heilte seine Lunge aus, und er genas von seiner Schwindsucht und dem Fieber.

Aber eines Tages schlug ihm ein Pferd, als er sich eben bückte, mit dem Hinterfuß vor den Kopf, da Häcksels Leibfloh das Pferd unsanfter als sonst in die Weichen gebissen hatte.

Eine ganze Nacht lag Häcksel in seinem Blut unter dem Pferd. Niemand war da, und nur die Flöhe sahen von allen Pferderücken herunter neugierig zu, wie so ein Menschenvieh endlich einmal stirbt. Sie lachten und kicherten, bissen in die Pferdeweichen und hatten es wunderschön, indessen Häcksel nochmals die Nacht durchlebte, da er alles Geld verloren hat. Der Teufel mit zwei Gesichtern setzte sich auf eine Pferdekrippe in die Stallecke, wo der rote Laternenschein den Stall schwach aufhellte, und von der Decke über dem Heu, wo die Spinnweben dick festhingen, löste sich die Königin der Nacht los und krallte eine Hand in Häcksels Kopfwunde, die ihm der Pferdehuf geschlagen hatte.

»Laß mich, laß mich,« krächzte der Verwundete und wälzte sich zum Vergnügen der jungen Flöhe hin und her. Und er sah dann, wie der schwarzbärtige Andreas Hofer mit der Königin der Nacht zu ringen begann. Es wurde im Stall heller, weil die Nacht von Andreas Hofer besiegt wurde.

Dann nahte der vergißmeinnichtbekränzte Schutzengel und fragte Häcksel streng, ob er noch etwas zu gestehen hätte, er solle sich das Herz durch ein Geständnis erleichtern.

Die Flöhe verfolgten von den Pferderücken herunter dieses Theater im fiebernden Hirn des Sterbenden mit Spannung. Denn da sie ihr Lebenlang mit dem Menschenblut des Häcksels aufgefüttert waren, verstanden sie dieses Blutes Sprache gut und sahen alles, was der Sterbende zu sehen vermeinte.

»Ich wette, er wird nichts gestehen,« lachte der Jüngste der Flohbrut. »Gesteh nichts, sag nichts, es ist dein gutes Recht zu schweigen,« rief er mit Eifer zu Häcksel herunter.

»Nein, sage es nur! Er weiß es ja schon selber, daß du die Silbergulden aus dem blinden Stollen gestohlen hast,« kreischte der Chor der andern frech und lustig.

Häcksel schwieg und ächzte. Er schwieg auch, als alle Toten aus dem blinden Schacht mit vorwurfsvollen Gesichtern an ihm vorüberzogen.

Da winkte der Teufel in der Ecke des Stalles, und herein sprang der Höllenhund und stand wie ein großer Löwe mitten im Stall und schüttelte sich knurrend.

Aber zugleich kam auch ein Greis herein -- das war Petrus -- und faßte den Höllenhund an der Mähne, so daß er sich nicht auf Häcksel stürzen konnte.

»Gesteh, daß du das Silbergeld nicht geerbt hast,« drohte der glatzköpfige Petrus und griff nach der Stallaterne und drohte, daß er das Lebenslicht in der Laterne, das dem Häcksel gehörte, ausblasen würde, so daß der Halsstarrige dann vom finstern Höllenhund verschlungen werden müßte.

»Bravo,« lachten die Flöhe und höhnten, »siehst du, jetzt hast du dein erstklassiges Begräbnis im Bauch des Höllenhundes.«

»Ich habe das Geld -- das gar kein Geld war, von dem ich gar nichts ausgegeben habe, von dem ich mir nicht einmal ein Glas Bier bezahlt habe, -- im Stollen ausgegraben und nicht geerbt,« schrie Häcksel.

»Hier hast du ein Stück Holzkohle aus dem Feuerbecken des Teufels. Mit diesem schreibe dein Geständnis an die Kalkwand des Stalles, damit die Leute dein Geständnis schwarz auf weiß haben.«

Dann, als Häcksel geschrieben hatte, sagte Petrus und hob den Zeigefinger drohend:

»Siehst du, mein lieber Häcksel, du hast es erleben sollen, daß unehrlich angeeignetes Gut nicht den kleinsten Genuß bereitet. Und daß Diebstahl einem mehr Mühe, Schweiß und Ärger bereitet als die härteste ehrliche Arbeit, das weißt du jetzt.

Da du aber im Leben bereits deine Tat gebüßt hast, will ich dir nun doch ein Begräbnis erster Klasse auf himmlische Staatskosten bereiten. Komm und steige in die Himmelskutsche, die vor der Stalltüre steht. Mit dir wird aber auch Zinnoberchen den Himmel und das Begräbnis erster Klasse teilen, denn der Pferdehuf hat sie auf deiner Stirn zertreten, als er dich traf.«

Da erst erfuhr die Flohbrut den Tot ihrer Mutter. Und nun duckten sie sich alle vor Schrecken. Und das Pferdeblut und das Menschenblut in ihren Leibern wurde ganz blaß, und sie sprangen für diese Nacht weit fort in das Bergwerk und kehrten erst nach Tagen in den Stall zurück, als man Häcksels Leichnam an die Erdoberfläche gebracht und dort wieder in die Erde gebettet hatte.

Dieses ist die Geschichte von Häcksel und den Bergwerkflöhen. Und wenn die Flöhe inzwischen im Bergwerk nicht doch ausgestorben sind, so leben sie heute noch dort, so frech wie damals.

Zwei Reiter am Meer

Einige Gäste erhoben sich und verabschiedeten sich von der in Trauer gekleideten Hausfrau und vom Hausherrn, der die Abschiednehmenden durch die Diele zum Vorzimmer begleitete.

Ein Herr und ich waren allein die Letzten in dem großen Bibliothekzimmer, wo wir nach dem Abendessen, zu dem wir geladen gewesen, alle um einen runden Mahagonitisch beim Licht einer grünverschleierten elektrischen Hängelampe plaudernd gesessen hatten.

Ich hatte mich an diesem Abend nicht viel am Gespräch beteiligen können. Die weitgeöffneten Türen in die erleuchteten Nebenräume, in das Musikzimmer, in den Speisesaal und in das Teezimmer, in denen überall sanftes Licht und eine unendliche Ruhe sich ausbreiteten, hatten meine Gedanken immer weiter von mir fortgezogen, und es war mir, als stünde mein Stuhl nicht im Bibliothekzimmer eines vornehmen Landhauses draußen im Waldhäuserviertel am Rande einer Weltstadt, sondern am Rande eines Weltteils stand ich und sah auf ein Weltmeer, auf einen grauen Ozean, dessen Wasserlinie in der Ferne zu Himmelswolken wurde, zu Nebelbrodem; und nur in weiten Abständen warf manches Mal eine langgezogene Strandwelle eine weiße Sprühschaumwolke in die Luft. Nur diese eine große Wellenzuckung zeigte Leben auf jenem Wasserweltteil. Sonst waren Himmel und Wasserfläche atemlos ausgebreitet und verschwanden weit draußen im Nichts der Unendlichkeit.

Vor mir aber, ganz nahe am Wasserrand im Dünensande, lebte das rassige Gliederspiel zweier vorüberschreitender Reitpferde, die von zwei Menschen geritten wurden, die ich aber nicht näher beachtete, weil vorerst nur die beiden Pferde und das einheitliche ungeheuerliche Weltalleben von Meer und Himmel meine Aufmerksamkeit anzogen.

Der Glanz von den Flanken der spiegelglatten Tiere und hie und da der Glanz im Meer, der von den weithin streichenden Linienwellen angeregt auf- und abzuckte, machten Pferde und Reiter wie zu Spiegelgebilden, zu Schattentänzern vor dem weiten Luft- und Wasserraum.

Es war ein hoheitsvolles Schreiten in den Beinen und Fesseln der spielend und tänzelnd auftretenden Pferdegestalten. Es war wie ein Musizieren in der Luft, ein gaukelndes Tönespiel in der adligen Beweglichkeit der Tiere, als müßten das Meer und der Himmel zu einem riesigen Instrument werden, auf dem Melodien geboren wurden beim rhythmischen Vorwärtsschreiten beider Reitpferde.

Es kam mir nicht zum Bewußtsein, daß der lautlose Dünensand alle Geräusche verschlucken könnte. Auch der Sand, schien mir, wurde zu rieselnden Tönen unter der Berührung der zierlichen und rassigen Glieder der Pferde.

Das Weltall um die Reitenden tönte bald gedämpft jauchzend auf, bald klang es schneidend weh zu mir her wie die Geräusche der langen schneidenden Linien der flachen Strandwellen.

Dieses Bild, das ich so lebendig sah, das Bild der zwei Reiter am Meer, hing im nächsten Zimmer, im Musiksaal, in goldenem Rahmen über dem Flügel. Ich konnte es vom Bibliothekzimmer aus nicht mehr sehen, aber das Bild kam immer wieder zu mir.

Der Hausherr hatte mich, als wir nach dem Abendessen aus dem Speisesaal kamen, auf das Bild, das ihm das Lieblingsgemälde seines Hauses war, aufmerksam gemacht. Und ich hatte mich einen Augenblick auf eine Sessellehne gestützt und hatte meinen Körper am Sessel verlassen und war mit meinem Geist durch den Rahmen des Bildes aus dem Haus, aus dem Land weit fort gegangen und an den Meerrand getreten. Als wir dann später im Bibliothekzimmer um den runden Tisch saßen, war es, wie ich es eben beschrieb. Das Bild kam immer wieder zu mir. Es hob die Wände der Zimmer fort. Die Ruhe der beleuchteten Nebensäle wurde zur Ruhe des Weltmeeres, das gedämpfte Licht in den Räumen zur Ruhe des Himmelslichtes über den Urwassern.

So wußte ich, als ich mechanisch aufgestanden war und der Hausherr mit einigen Gästen das Zimmer verließ, bald nicht mehr, was Wirklichkeit und was Unwirklichkeit war.

Es stand eine weite gedämpfte Festlichkeit um mich, von der ich mich halb nicht trennen konnte, und halb wieder getrennt fühlte, da diese Festlichkeit nicht mir gehörte. Denn es war die Festlichkeit der Schmerz und Freude ausgleichenden Todesstunde, die aus den Zimmern dieses Hauses noch nicht gewichen war, die den Alltagsräumen eine höhere Verklärung hatte geben können, als es sonst hier laute Feste vermocht hatten.

Ich war in demselben Hause vor Jahren zu einem großen Abendfest gewesen, aber die erlesen geschmückten Frauen und geistesgewandten Männer hatten bei Tanzschritten, Witz und Fröhlichkeit, bei Wein und Musik keine ähnliche Größe der Festlichkeit schaffen können, keine ähnliche Erhöhung des Hauses, wie es jetzt ein einziger Mensch getan, ein junger Mensch, der einzige Sohn, der durch seinen Todesschritt das Haus an den Rand der Unendlichkeit gestellt hatte. Wie diesem war es nur dem Künstler gelungen, das Haus fortzuheben, ihm, der jenes Gemälde geschaffen, das nicht bloß über dem Flügel im Nebenzimmer hing, sondern das die Kraft hatte, Haus und Beschauer an das Erdende zu entrücken, dorthin, wo das Reich der fliehenden Wasser, das menschenleere Reich der Ozeane beginnt, darauf der Mensch nur zeitweiliger Gast sein, aber nicht Fuß fassen kann, wo ihn Tiefe und Weite verschlängen, wenn er die Grenze von der Wirklichkeit zum Nichts überschreiten würde.

Ich stand noch unschlüssig, überlegend, ob ich den Gästen, die gegangen waren, folgen sollte, oder ob ich noch bei der Todesfestlichkeit, die in diesen Räumen lag und mich anzog, verweilen durfte.

Der Gestorbene war ein junger Musiker gewesen. Drüben am Flügel hatten Mutter und Sohn oft Stunden verbracht, wenn sie sang, was der junge Mann erdacht; wenn er ihr vorspielte, was die Stimme seiner Jünglingsgefühle, seines Jünglingsernstes und seiner Jünglingseinsamkeit auftönen lassen mußte.

Damals waren beider Herzen, das der Mutter und das des Sohnes, wie die zwei Reiter am Meer gewesen, deren Pferde im gleichen Takt schritten, und die melodisch vor der Unendlichkeit des Himmels und des Meeres, vor der Zukunft und vor der Vergangenheit hinzogen.

Nun war die Einheit zerrissen. Die zarte und zierliche, tief getroffene Mutter stand noch fassungslos vor dem unfaßbaren Schmerz. Die Melodie der Einheit war abgebrochen. Das Leben gab keinen Klang mehr als den des Schluchzens. Schluchzen noch nachts in den Träumen, Schluchzen morgens beim Erwachen, Schluchzen am Tage beim Schreiten durch die lautlosen Räume des Hauses und durch den noch lautloseren Raum des eigenen Herzens.

In den letzten Sommertagen war der junge Mann noch Leben und Lebenslust gewesen. Dann war er erkrankt. Seine Lunge fieberte. Die Sprache, seine Stimme, starb zuerst. Dann entglitt der Blick, die Augen erlöschten, und der warme Körper, den die Mutter umschlang, entfremdete sich selbst dem Mutterherzen und verschwand in der Kälte des Todes.

Nun waren Monate vergangen. Niemals mehr hatte die Mutter den Flügel im Musikzimmer öffnen können. Sie hatte den Sohn immer noch begraben müssen, den Gestorbenen immer wieder begraben. Sie hatte noch nicht die Kraft gehabt, den Sohn verklärt vor sich auferstehen zu lassen. Aber alles Abschiednehmen muß von einem Wiederkommen abgelöst werden. Auf die Trennung, die das Sterben bringt, folgt die Wiederkehr, die Stunde der Auferstehung. Das Leben läßt sich nicht bis ins Unendliche begraben, auch das tote Leben nicht. Auch im Tod ist ein Wellenschlag. Das Land hat seine Berge und Hügel, das Meer seine Wellen und Wogen, der Himmel seine Wolken und seine Glätte. Und auch das vergangene Leben hat sein Gehen und Wiederkehren.

An diesem Abend war mir unbewußt klar geworden: der Tote war zu seiner Mutter und zu seinem Vater verklärt wiedergekehrt. Er war wieder auferstanden in den Räumen des Hauses. Der junge Mann stand neben uns und wollte uns von seiner Übersinnlichkeit einen Ausdruck geben. Seine Todeswelle, raumloser als die räumlichen Wellen, die wir Lebenden fühlen, wollte sich vor uns verkörpern.

Dieser feierliche Schauder berührte mich noch, als die trauernde Frau des Hauses zu mir sagte und auf den Gast deutete, der außer mir noch im Zimmer geblieben war:

»Sie gehen doch noch nicht? Ich dachte, wir wollten heute abend noch ein wenig Musik hören. Sie wissen, es ist seit Monaten kein Ton in diesem Hause gespielt worden.«

Der junge Mann, den sie zum Spielen aufforderte, war ein sehr feiner, künstlerisch ernster und gewandter Klavierspieler. Er spielte uns dann gute Werke großer Komponisten vor, verabschiedete sich aber bald.

Mich jedoch hielt eine Spannung fest, eine Erwartung, eine Sehnsucht nach der Verkörperung der überirdischen Festlichkeit des Todes, die mich in diesen Räumen nicht verließ.

Die beiden Klavierlampen brannten noch am offenstehenden Flügel. Unweit von mir auf einem kleinen Damenschreibtisch stand die Photographie des jungen Verstorbenen.

Draußen vor den weißverschleierten Fenstern des Hauses lehnte das Schweigen des dunkeln Gartens, des dunkeln Waldes. Ich wußte, die Nachtlandschaft draußen war schneelos und winterlich düster. Es war Februar, und das Grab des Toten lag fern irgendwo in einem der mächtigen Großstadtfriedhöfe. Und jenes Grab unterschied sich in nichts von der Wintererde und in nichts von den andern Millionen Grabhügeln, die überall auf der Welt jahraus, jahrein hervorwachsen, die im Sommer begrünt sind wie die Wälder und Wiesen und im Winter verlassen scheinen wie die Wälder und Wiesen.

Der Geist der Toten aber lebt Sommer und Winter in einer verklärten Jahreszeit, die wir auf Erden nicht kennen, die sich aber auf uns herabsenkt, wenn sich ein Toter uns mitteilen will. Beim Gemisch der eisigen Wellen des Toten und der Wärmewellen unseres Herzens entsteht jene schauersüße Stimmung, in der wir fröstelnd fühlen, der Tote ist auferstanden und kehrt verklärt bei uns ein.

Ich wagte unter dem Bann dieser Stimmung die Frage an die trauernde Mutter, ob sie nicht ein Lied ihres verstorbenen Sohnes singen oder ein Musikstück von ihm spielen möchte.

Sie lächelte schmerzlich und ging zum Flügel. Aber als wenn sie sich selbst vom gleichen Wunsch zum Klavier hingezogen gefühlt hätte, schien sie mir dabei freudiger im Gang, von einer verhaltenen Freude umgeben. Allein im Hause, hätte sie es vielleicht nicht gewagt, jetzt schon vor dem Vater des Verstorbenen Lieder und Töne aufleben zu lassen.

Als die Trauernde sich zwischen die zwei hellen verschleierten Lampen an den schwarzglänzenden Flügel setzte und ihre schwarz eingehüllten schmalen Schultern sich von den schneeweißen Tüllvorhängen abhoben, die senkrecht vor den Fenstern hinter ihr herabhingen, da war es mir noch nicht gewiß, ob Leben aus dem Flügel erwachen würde. Ich mußte immer noch denken, daß diese in tiefe Trauer gehüllte Mutter den Sohn immer noch begrub. Der Flügel vor ihr wurde mir wie zum glänzend schwarzen Sarg, an dem sie sich, wie mir schien, niederlassen mußte, um zu schluchzen, um zu weinen und zu begraben.

Ich wußte nicht, ob die Trauernde schon reif war, den Toten auferstehen zu lassen, in jener Verklärung, in der ich als Fremder ihn bereits in den Räumen eingetreten fühlte.

Es würde mich nicht verwundert haben, wenn die noch schwer Erschütterte nach den ersten Tönen das Spiel abgebrochen und ihr Gesicht in die Hände vergraben hätte.

Aber sie war reif zum Empfang des Zurückkehrenden. Mit einem wunderbaren Mut, als überschritte sie selbst freudig die Schwelle vom Leben zum Tod, entlockte sie dem Flügel die alten Wohllaute, die nur ihr vertrauten einsamen Jünglingsgefühle des Sohnes, die männlich junge Lust und die männlich jungen Zweifel, die einst in ihm gerungen hatten.

Und als sie eines der letzten seiner Lieder sang, geschah vor meinen Augen das Wunderbare: die reife schöne Frau sang sich an den jugendlichen Weisen ihres Sohnes zur eigenen frühesten Jugend zurück. Und ihr Frauengesicht wurde mädchenhaft, aller Enttäuschungen bar. Mädchenhaft gläubig und vertrauend wurden die Augen beim Aus- und Einatmen der Musik. Die Vergrämte verklärte sich unter der Verklärung des Toten. Und ich sah Mutter und Sohn auf zwei großen, überweltlich großen, jugendlichen Rossen, von denen jedes die Verkörperung eines Schicksals zu sein schien, am Meer der Unendlichkeit hinreiten.

So sehe ich beide dort heute noch und in Ewigkeit als zwei Reiter am ungeheuren Meer am Rand der Welt.

Und wenn ich in neuen Stunden und in anderen Räumen dieser Frau wiederbegegnen werde, sie wird für mich immer die vom Todesschmerz mädchenhaft verklärte Mutter sein, die, auf der Linie zwischen Leben und Tod, lebender in der Entrückung auflebt als im Irdischen.

Auf dem Weg zu den Eulenkäfigen

Ich habe manchmal darüber nachgedacht, wenn ich Frau Claudia nach Jahren in dieser oder jener Weltstadt wiedersah, womit sich ihre Augen vergleichen ließen. Es machte mich oft in ihrer Nähe unruhig, daß ich keinen Maßstab für ihre Augen fand, und wenn ich aus der Ferne, bei Gesprächen oder in Gedanken, das Bild Claudias vor mich hinstellte, stotterte meine Vorstellung, möchte ich sagen, und brachte niemals einen Vergleich zustande, eine Beschreibung jener Frauenaugen.

Sie sind schwarz, aber man kann sie nicht einfach schwarz nennen, denn sie sind nicht schwarz, wenn sie einen treffen. Sie sind von einer Dunkelheit, die ist über Schwarz hinaus, eine abgründigere Farbe, vielleicht müßte man diese Augen Saturnschwarz nennen.

Einmal habe ich von Claudia, welche die Frau eines meiner Freunde ist, und mit der mich nur rein freundschaftliche Beziehungen verbinden, ein wenig ehebrecherisch geträumt.

Es war ein ziemlich harmloser Ehebruchstraum. Da ich gar nicht für Vielweiberei veranlagt bin, erstaunte mich der Traum, und ich mußte am Morgen ein kleines Gedicht darüber schreiben. Das Gedicht schilderte ein paar Tanzschritte, die ich im Traum mit Claudia tanzte. Sie war vom Hals bis zum Fuß in einen weißen Seidenschal schlank eingewickelt, und wir hielten uns zum Tanz nah, und dabei sahen Claudias Augen, jene unbeschreibbaren Augen, unerbittlich in mich hinein. Ich fand auch in jenem Gedicht wieder keinen zutreffenden Vergleich für diesen Blick, sondern nur den ganz blöden romanhaften, daß Claudias Auge ähnlich einer Messerklinge war, die auf schwarzem Samt liegt.

Dieser Vergleich mag mir deshalb gekommen sein, weil Claudia einmal in einer zornigen Aufwallung ein spitzes Messer nach ihrem leichtlebigen Gatten geschleudert hatte. Dieses Messer sauste damals, ich weiß nicht, ob ich sagen soll zum Glück oder zum Unglück, an dem sich behend Duckenden vorbei, blieb aber senkrecht wie ein Stahlpfeil im Türbrett stecken, wo es noch eine lange Weile zitterte.

Nur deshalb verzieh ich mir in dem Gedicht jenen romantischen Vergleich. Aber jetzt brauche ich mich überhaupt nicht mehr abzumühen, mir die Augen Claudias zu erklären. Sie selbst hat es neulich getan.

Es war im Winter, ich hatte mich mit einigen Freunden und Freundinnen, unter denen auch Claudia war, verabredet, mich mit ihnen am Eingang des Zoologischen Gartens zu treffen. Ich kam etwas verspätet aus einer Kunstausstellung und dachte, daß alle Freunde schon gekommen wären. Durch die großen Scheiben des Autos blickte ich unruhig der Fahrt voraus, um schnell zu wissen, ob ich wirklich der letzte sei, denn die Verspätung ärgerte mich. Meine Uhr aber schien falsch zu gehen. Ich war noch zu zeitig da, sogar einer der ersten, denn nur Claudia wartete schon vor dem Eingang. Ich sah sie dort im schwarzen Samtmantel mit schwarzem Skunksschal, schwarzer Samtkappe mit schwarzem Reiher, schwarz auf dem hellen kahlen Asphaltpflaster im kahlen Januarnachmittag stehen und sich nach meinem vorfahrenden Auto umsehen.

Aber es ist nicht richtig, wenn ich sage, daß ich all dieses Schwarz, in dem Frau Claudia jetzt immer mit Vorliebe auf der Straße erschien, zuerst gesehen hätte. Ich sah zuerst nur jene schwarzen Augen, nachdem mich ihr Blick aus dem immer todbleichen Gesicht traf. Auch Claudias Haar ist schwarz, wie ihre Kleidung. Dieses schwarze Haar trennt sich aber vom Gesicht nicht mehr als das Kleid. Es lebt nicht mehr als dieses. Leben haben nur Claudias Augen, ein Leben, das ungeheuerlich weit aus dem Gesicht fortgerückt scheint. Nicht Leben, das einem entgegenkommt. Man könnte sagen, daß man eine aufgezeichnete Landkarte vom Leben, Weltteile von einem Leben, in den schwarzen Augen schaute, wenn der Blick jener Frau einen traf.

Nach einer Weile kamen die andern Freunde, und wir traten in den leeren Zoologischen Garten ein, wo die blätterlosen Bäume öde gegen den mattgrauen Winterhimmel standen und, ebenso wie die Augen Claudias, nur Lebenslinien, hoch von der Erde weggerückt, Haltung und Bestimmung zeigten, aber keine blätterrauschende Sommerfreude.

»Wo wollen wir zuerst hin?« fragte einer den andern.

Jemand schlug vor, zu den Raubtieren zu gehen. Ein anderer wollte zu den Affen. Ein dritter zu den Papageien. Nur Claudia sagte immer dazwischen: