Geschichten aus den vier Winden
Part 5
Das brachte die Flöhin ganz aus ihrer Ruhe, und sie stieß einen jener Pfiffe aus, den nur die feinen Flohohren hören können, der aber weiter zu hören ist als jeder Menschenruf. Dem groben Menschenohr aber ist ein Flohpfiff zu fein, das menschliche Trommelfell steht wie eine Mauer tot dort, wo ein Flohohr noch Laute hört. Sofort antwortete der Flöhin ein Antwortpfiff. Es war aber kein Floh, sondern auch eine Flöhin, die sich aus einem Neubau bemerkbar machte. Im dunkeln Bau brannte ein rotglühender Trockenofen und dort bei dem Arbeiter, der den Ofen bewachte, saß ein Mädchen auf ein paar aufgeschichteten Backsteinen. Das hatte die Flöhin, die Häcksels Flöhin zupfiff, im Nacken sitzen. Der Arbeiter vor dem Ofen hatte eine Teufelsmaske auf seine Stirn hinaufgerückt, so zeigte er zwei Gesichter übereinander. Der Mann war gerade von einem Maskenball in der Nacht auf den Bau gekommen, und seine Tänzerin, die eine »Königin der Nacht« vorstellte, hatte ihn begleitet. Beide stritten eben, wer von ihnen das meiste seiner Habe zum Pfandhaus getragen habe. Das Mädchen behauptete, sie habe nur noch einen Sonnenschirm bei einer Tante vergessen, den könne sie morgen noch versetzen. Der Arbeiter aber behauptete, das Mädchen habe ihn betrogen, weil sie bei einer Freundin noch ein Bügeleisen verborgen halte, das sie nicht versetzen wolle. Er sagte, er wolle morgen nicht mehr mit ihr zum Tanzen gehen, sie solle sich einen andern Tänzer suchen.
»Ich habe auch noch einen Floh, den ich nicht versetzt habe,« lachte das Mädchen übermütig und sagte frech, sie werde sich nicht erst morgen, sondern gleich für diese Karnevalsnacht noch einen neuen Tänzer suchen.
Der Arbeiter gab ihr einen Tritt, daß sie von den Backsteinen aufflog und es an der Zeit fand zu verschwinden. Aber ehe sie ging, warf sie noch einen Backstein hinter sich in den Trockenofen, so daß Funken und Feuer dem fluchenden Mann um seine zwei Gesichter flogen.
Die Königin der Nacht öffnete rasch die Plankenzauntüre und wollte nochmals dem Arbeiter eine rohe Antwort zurückrufen, als sie nahe bei sich unter der nächsten Laterne den ohnmächtigen Häcksel liegen sah.
Inzwischen hatten sich aber die beiden Flohweiber schon laut verständigt und verstanden.
»Ich habe da einen Esel von einem Kerl,« rief Zinnoberchen der andern Flöhin, die sich »Vielliebchen« nannte, zu. »Ich will nicht in der Nacht mit dem Dickschädel zusammen erfrieren. Wissen Sie nicht, wie man einen solchen Tölpel zur Besinnung zurückruft? Ich habe nämlich Eile und will auf ihm weiterreiten. Nein, was einen doch manchmal die Menschentiere ärgern können! Ich habe ihn schon in den Augendeckel gebissen, aber er schlägt die Augen nicht auf.«
»Guten Abend,« rief Vielliebchen vom Nacken des Mädchens. »Ist Ihnen Ihr Mensch gestürzt? Ach Gott, springen Sie doch lieber ab und kommen Sie herüber zu mir. Ich nehme Sie auf meinem Vieh mit zur Stadt.«
»Ach, nein, das geht nicht,« pfiff Zinnoberchen, »ich würde den Schwächling schon gern verlassen, da er doch bald krepiert, der Kerl. Aber erst muß er mich doch noch nach unserem Bergwerk zurücktragen.«
»Ah, ah, Sie sind aus einem Bergwerk,« wunderte sich die Stadtflöhin laut. »Sie sind wohl zum Tanzvergnügen in die Stadt gekommen?«
»Ja, hm, hm,« meinte die Flöhin Häcksels, welche sich ärgerte, daß die Rednerin kein Floh war, den sie hätte ins Bergwerk einladen können. Doch ihren Auftrag, Männer zu suchen, wollte sie nicht gleich verraten.
Der Kopf der »Königin der Nacht« bog sich eben ganz nah über Häcksels Kopf, und die beiden Flohfrauen konnten sich schweigend betrachten, indessen die maskierte Menschenfrau die Westentaschen des besinnungslosen Bergmannes nach Geld durchsuchte. Als sie nichts fand, nahm sie die Stiefel, die neben Häcksel lagen, und warf den einen über den Bretterzaun dem Arbeiter am Ofen an den Kopf.
»Das geht nicht. Den Stiefel her, sie muß sofort den Stiefel wieder holen,« begehrte heftig ärgerlich Zinnoberchen. »Wir brauchen den Stiefel zum Heimweg.«
»Den Stiefel her,« rief jetzt auch Vielliebchen.
»Er kommt schon,« antwortete ein dritter weiblicher Floh fernher vom Bauch des Arbeiters am Trockenofen. Und zugleich warf der erboste Arbeiter, der das Wurfgeschoß im Eifer für einen zweiten Backstein gehalten hatte, den Stiefel über den Zaun zurück, und er fiel Häcksel auf die Stirn, so daß der Besinnungslose erwachte, als eben die Maskierte seine Hosentasche nach Geld durchsuchen wollte.
»O, o,« seufzte Häcksel und starrte auf die in schwarze Schleier gehüllte Gestalt, an der unzählige stählerne aufgenähte Paillettensterne im Laternenlicht bläulich glitzerten. »Wer bist du?« fragte der Erwachte.
»Wer ich bin? Ich bin halt eine von der Gasse. Ach, du betrachtest meine Sterne am Gewand! Ja, ich stelle nämlich die Königin der Nacht vor. So heißt man meine Maskentracht.«
Verdutzt und verblödet vor Schwäche und Staunen schüttelte Häcksel den Kopf.
»Wenn ich nur was zu essen hätte,« murmelte er, »dann wär alles gut.«
»Wenn du ein Geld hast, gehst halt mit mir; ich bring dich schon wohin, wo du bald satt wirst.«
Erschrocken fuhr Häcksel mit den Händen um seinen Leib und tastete nach seinem Leibgurt, und er wurde kräftig, als er merkte, daß ihm die Silbergulden nicht fehlten.
Nachdem er verwundert zugesehen, wie ihm die Königin der Nacht geholfen, die Stiefel anzuziehen, wanderten beide nebeneinander weiter.
Aber vorher sah Häcksel noch etwas Schreckliches. Er erblickte durch die offenstehende Plankentür im Erdgeschoß eines Hauses einen großen fensterlosen Raum, dort stand ein glühender Ofen, und vor der offenen roten Ofentüre stocherte ein Mann mit zwei Gesichtern im Feuer herum.
»Was tut der dort?« stotterte Häcksel erschrocken.
»Komm weiter!« sagte die geheimnisvolle Schwarzverschleierte, »das ist mein Schatz gewesen, der war mit mir beim Tanzen heute. Aber ich laß ihn laufen, weil der arme Teufel kein Geld nie hat. Du bist jetzt mein Schatz, wenn du ein Geld hast. Aber erst zeigen!«
»Was zeigen?« fragte Häcksel.
»Geld zeigen,« schnauzte ihn die Königin der Nacht barsch an.
»Niemals,« gab der Verwirrte zurück. »Das ist mein Begräbnisgeld, das verausgabe ich nicht fürs Tanzen. Das gäb ich auch nicht dem Teufel!«
»Was, du Aff, du blöder,« kreischte ihn das Frauenzimmer an. »Von mir aus kannst du dich auf dem Mist begraben lassen!« Und da sie von fern den Schritt eines Schutzmannes hörte, gab das Frauenzimmer dem Häcksel eine sausende Ohrfeige und sprang in die Nacht davon.
Dieser Backenstreich hatte das Gute, daß er den Burschen wärmer machte, als wenn er einen Kognak bekommen hätte. Und ganz wach geworden, begann auch er zu laufen, so rasch er konnte, dorthin, wo am Ende der dunklen Neubautenstraße der Nachthimmel heller leuchtete, und wo ihm Leben zu sein schien, das ihn lockte.
»Danke Ihnen!« hatte Zinnoberchen dem Vielliebchen noch nachgerufen, als sie spürte, wie ihr Menschenvieh wieder flott weitertrabte. Sie hatte, während Häcksel sich mit Hilfe des Mädchens aufgerafft hatte, allerhand Ratschläge von der Flöhin erhalten, besonders nachdem sie berichtet hatte, welches ihr Reisezweck war. »Sie müssen Ihren Kerl in ein Haftlokal lenken,« hatte ihr die kluge Stadtflöhin noch zuletzt geraten. »Dort wimmelt es von allerhand Möglichkeiten, Flohmännerbekanntschaften zu schließen.« Dann hatte sie ihrem Menschenvieh ins Ohr geschrien: »Haue ihm eine Ohrfeige hin.« Was auch geschah. Also ermuntert von dem guten Einfall Vielliebchens, war Häcksel stark und unternehmend ins Leben zurückgekehrt und fühlte sein Blut besonders auf der linken Gesichtshälfte, wo der Schlag hingefallen, angenehm warm kreisen.
Man ist doch in der Hauptstadt gleich mitten im Leben, dachte heiß der Geohrfeigte. Die Königin der Nacht und der Teufel sind mir schon begegnet. In unserem Bergwerk daheim werden die Flöhe staunen, wenn sie davon hören.
Und er überzeugte sich, mit dem Zeigefinger hinter sein Ohr tastend, daß er die Flöhin Zinnoberchen noch nicht verloren hatte, und war zufrieden darüber.
Dann fand Häcksel endlich eine lebhaftere Straße, und da funkelte Licht, und erleuchtete Wagen ohne Pferde surrten heran und jagten vorüber. Und in der nächsten Straße war so viel Licht, als wenn Häcksel einen Schlag mit der Faust ins Auge bekommen hätte und Feuerfunken tanzen sehen könnte. Menschen, Männer und Frauen, Arm in Arm, sich wiegend und lachend und kreischend, kamen herangezogen. Manche hatten weiße, andere rote, andere schwarze Gesichter, und einige hatten besonders große Nasen vom Gesicht abstehen, aber alle grinsten vergnügt. Häcksel hatte niemals ähnliche Menschen gesehen und wurde scheu und ängstlich. Und wie er an ein besonders hellerleuchtetes Haus kam, dachte er, das müsse ein Gasthaus sein. Denn es war ein leuchtendes Schild davor, das glänzte auf und verschwand, und der Wirt, der das Gasthaus besaß, hieß »Kino«.
Der Mann stand in einem langen grünen Rock vor der hellerleuchteten Türe, und viele goldene Knöpfe glänzten an ihm und goldene Tressen.
»Ach, Herr Wirt,« grüßte Häcksel den Türwächter des Kinotheaters, das er für ein Wirtshaus hielt, »kann ich hier ein Glas Bier trinken.«
»Natürlich,« nickte der, »Bier gibt es auch in den Zwischenpausen.«
Dann mußte Häcksel an einer Kasse einen Platz für das Biertrinken bezahlen und kam in einen dunkeln Saal, wo man mit dem Licht sparte. Das kam ihm seltsam vor. Im dunkeln Saal war nur eine helle Wand, durch die sah man hinaus auf eine lebendige Welt.
Häcksel dachte: Die Leute sitzen hier wie in der Kirche, und die Dunkelheit ist gruselig, vielleicht ist das das Jüngste Gericht. Denn alle Anwesenden waren totenstill und alle sahen auf Schattenmenschen, die auf einer Wand erschienen und zitternd in einem Lichtstrahl vorüberliefen, lautlos und ohne Stimme, und dazu ertönte von unsichtbaren Musikanten eine Musik. Aber Häcksel nahm sich vor, lieber auch auf das Glas Bier zu verzichten, als sich dem totstillen Jüngsten Gericht auszuliefern und einzugestehen, daß er einen Gurt voll unrechtmäßig erworbener Silbergulden bei sich habe.
Er drehte sich rasch entschlossen auf dem Absatz um und lief wieder auf die Straße hinaus.
Da kam ein erleuchteter langer Straßenbahnwagen gefahren, und Häcksel sah, daß viele Leute dort in den Wagen einstiegen. Und allen Leuten glitzerten bunte Kleider unter den Mänteln, und alle trugen bunte Mützen, und die Frauen hatten Kapuzen überm Kopf, und alle kicherten und lachten und kreischten, und sie waren so vergnügt, als ob sie in den Himmel führen.
Und Häcksel drängte auch mit in den Wagen, und als das Gefährt sich bewegte, begann er zu schwanken und fiel auf den Schoß eines Mannes, der hatte einen pechschwarzen Backenbart um ein rosiges Gesicht hängen. Und er hatte einen breiten Leibgurt und war in tiroler Tracht gekleidet, und auf dem Gurt stand mit silbernen Fäden gestickt: »Andreas Hofer«.
Daß das der Andreas Hofer selbst war, glaubte Häcksel nicht. Er müßte höchstens dann von den Toten auferstanden sein. Aber es war vielleicht ein Verwandter von Andreas Hofer, der den Gurt geerbt hatte, meinte der Bergmann. Und wie er noch ganz verblüfft dem Andreas Hofer im Schoß saß, schien ihm der Mann so anziehend, als wenn er gar kein Mann, sondern eine Frau wäre. Und er blieb ruhig sitzen, wo er warm und weich saß, weil gar kein Platz im Wagen war als auf dem Schoß von Andreas Hofer.
Inzwischen flüsterte ihm dieser heimlich ins Ohr: »Ich heiße Ida Fliegenhitzer. Willst mit? Dann bist gern eingeladen!«
Der Häcksel war zwar ein schwachbrüstiger, sonst aber ein ganz schmucker Bursch. Wenn er nicht die Schwindsucht gehabt hätte, wäre er eine Männerschönheit gewesen. Es fehlte ihm nichts als rote Backen und ein Brustkasten.
Eine wunderschöne Stadt, diese Stadt München! Die Männer verwandeln sich in Weiber, sogar wenn sie vorher Andreas Hofer geheißen haben und einen schwarzen Backenbart besitzen.
Also ging Häcksel mit der Ida Fliegenhitzer in ein Bräu, nachdem sie ihm vorher gezeigt hatte, daß ihr Bart nicht angewachsen war. In dem Brauhaus war es noch erstaunlicher als auf der Straße.
Im Gedräng erschien dort plötzlich ein Mann mit goldener Krone auf dem Kopf, das war der König, und er hatte auch einen roten Mantel und ein goldenes Zepter. Der nahm augenblicklich dem Häcksel die Andreas Hofer vor der Nase weg und hob sie auf seine Schulter und trug sie davon.
Der Häcksel staunte schon bald über gar nichts mehr, auch nicht, als er sich ein Glas Bier bestellte und es ihm von einem vorübertanzenden Neger mitgenommen und ausgetrunken wurde.
In der Straßenbahn war der Bergmann im Gedräng mitgefahren, ohne zu bezahlen; im Kino hatte er das einzige Zehnmarkstück, das er bei sich hatte, aus der Hand verloren oder hatte es dem Andreas Hofer in den Schoß fallen lassen; er wußte es nicht mehr genau. Er wußte nur, daß er plötzlich kein Geld hatte als die ungewechselten altmodischen Silbergulden. Als ihm das Bier ausgetrunken wurde, bezahlte er es nicht, sondern drückte sich heimlich auf die Straße zurück.
Dabei fühlte Häcksel plötzlich, daß ihm viel Leben in die Kleider gekommen war. Denn die Bergwerkflöhin hatte überall im Gedräng Flohgenossen gewittert und diese laut zu sich eingeladen, und die Neuangekommenen untersuchten nun das Vieh, das die Flöhin ritt, um sich zu entscheiden, ob diese Menschenart ihnen zusagte, ehe sie einwilligen wollten, die Reise nach dem Bergwerk mitanzutreten.
Das Zinnoberchen lobte Häcksels Blut über alle Maßen. Es wäre besonders süß, sagte sie, da der Bursch immer Fieber habe, und deshalb sei sein Blut immer um einiges wärmer, als Menschenblut sonst ist.
Die Flöhe aber waren alle zimperliche verwöhnte Stadtherren und fanden gar keinen Gefallen an Häcksel. Sie nahmen sich vor, einer nach dem andern wieder im Gedränge abzuspringen und die Bergwerkflöhin mit ihrem Menschenvieh allein zu lassen, denn sie fanden sein Blut matt und abgestanden. Trotz der Ohrfeige, die, wie die Flöhin ihnen versicherte, das Vieh eben bekommen habe, fanden sie das Bergmannblut nicht süß, sondern säuerlich. Ein älterer Flohherr gab der Bergwerkflöhin noch rasch einen guten Rat, ehe er zum Absprung ansetzte. Sie müsse den Menschenkerl in ein Haftlokal bringen, dort wäre manchmal eine Zufuhr von frischen Arbeiter- und Kroatenflöhen vorrätig. Diese könnten dem Bergwerk gut zur Auffrischung der Lebenslust dienen.
Häcksel, dessen Magen leer und überhungert war, schwankte wieder in das Brauhaus zurück, denn es war ihm zu seinem Hunger auch noch ein großer Schrecken in die Glieder gefahren. Er hatte draußen unter einer Laterne den leibhaftigen Tod aus einer Droschke aussteigen sehen. Eine lange weiße Gestalt mit einer Sense in der Knochenhand hatte er gesehen, und unter einem weißen Laken grinste ihn ein Totenkopf so schaurig an, wie nur die Totenköpfe der Verschütteten ausgesehen hatten, die Häcksel im blinden Stollen ausgegraben, ehe er auf den Geldgurt gestoßen war.
Rasch wendete sich Häcksel, am ganzen Leibe schlotternd, wieder in das Brauhaus zurück und ließ sich vom Gedränge vorwärtsschieben, halb erwürgt von Hunger, Durst, Schwäche und Angst.
Da stand ein hübsches Mädchengesicht vor ihm; das war von einem Vergißmeinnichtkranz umrahmt, und kleine flachsblonde Locken kräuselten sich ihr zierlich um Stirn und Nacken und verdeckten die Ohren. Vom Kopf fiel ein bräutlicher Schleier, der war dem blonden Geschöpf unterm Kinn zusammengebunden und hüllte auch den Körper zart und dicht ein. Auch Silberspangen und Silbergürtel glänzten an ihr.
»Bist du mein Schutzengel?« stieß der geängstigte Häcksel hervor. Die weiße Gestalt nickte geheimnisvoll und hing sich an seinen Arm und legte ihren weißbehandschuhten Zeigefinger auf ihren Mund, zum Zeichen, daß sie schweigen müsse.
Der Bursche war froh, daß er nach dem Anblick des Totenkopfes jetzt von dem vergißmeinnichtbekränzten Mädchen begleitet wurde. Er bestellte bei der Kellnerin zwei Glas Bier und vieles Essen und entschloß sich, die Zeche von seinem Begräbnisgeld zu bezahlen.
»Du bist ja so blaß,« wisperte der Schutzengel und schmiegte sich am Biertisch, der dichtbesetzt war, auf Häcksels Schoß. Die Bekränzte reichte ihm dann aus ihrem Handtäschchen einen Spiegel und einen roten Stift. Während Häcksel in den Spiegel guckte, malte das Mädchen ihm gesunde rote Backen und eine kräftige rote Nase in sein Gesicht.
Häcksel mußte lachen und sich wundern über das, was die Schutzengel alles verstehen. Er, der kranke blasse Häcksel, sah nun wie das glühende Leben aus. Mindestens so rot, als ob er zwei neue Ohrfeigen links und rechts und einen Faustschlag auf die Nase bekommen hätte.
Während er eben erleichtert aufatmen wollte, fand er sich ums Zwerchfell besonders leicht geworden, und er bemerkte, wie ihm sein Schutzengel den schweren Geldgurt abgeknöpft hatte, indessen er in sein gesundes rotbackiges Spiegelbild vertieft gewesen. Der Schutzengel wollte eben den Gurt in der Tiefe seiner Schleier verschwinden lassen, als Häcksel zugriff und den Gurt heftig an sich riß.
Dieses geschah im gleichen Augenblick, als die Kellnerin mit vielen Tellern und Schüsseln, voll mit leckerem Braten, Kraut, Kartoffeln und Brot und mit Biergläsern beladen, sich über den Tisch beugte und Essen und Trunk vor Häcksel niedersetzte. Die Bratendämpfe stiegen dem schwachen Burschen wunderbar anregend in die Nase, und er vergaß den Schutzengel einen Dieb zu nennen, da Bier und Speisen, die vor ihm hingerückt waren, ihn ganz mit Essensgier erfüllten.
Aber ein lautes Klingeln und Rollen von vielen Silberstücken unter Tisch und Stühlen und der offene leichte Geldgurt, aus dem ihm alle Silbergulden fortgerollt waren, erschreckten ihn, und er fuhr auf. Der helle Schutzengel, der sich noch nach einigen Silbergulden gebückt hatte, verschwand rasch im Gedränge zwischen den nächsten Tischen.
Die Leute in nächster Nähe, die das viele Geldherumrollen hörten, bückten sich alle zugleich und suchten nach dem Geld. Viele halfen die Gulden aufheben. Man lachte und brachte die Gulden zurück, aber viele Gulden blieben auch in den Händen der Suchenden und unter ihren Füßen, die sich fest daraufstellten und nicht weiterrückten.
Häcksel bekam nicht die Hälfte der Gulden zurück, und der Gurt war viel leichter als vorher, und es schmerzte den Burschen sehr, als er dachte, um wievieles weniger schön sein Begräbnis nun werden würde. Und Schuld daran war sein diebischer Schutzengel.
Inzwischen hatten sich auch einige Bratenteller geleert und das Bier war verschwunden, und nur ein Teller mit Brot war vor Häcksel stehen geblieben. Er war eben dabei, ein Brot zu nehmen und den ersten Bissen, den er an diesem Tag bekam, in den Mund zu stecken, als ihm das Brot aus der Hand genommen wurde und der Schutzengel wieder mit einem rothaarigen Menschen vor Häcksel stand und diesen für einen Falschmünzer erklärte.
Die alten Gulden wären nachgemachte Gulden aus Zinn, erklärte der Rothaarige und forderte von Häcksel, daß er ihm augenblicklich den Ledergurt mit den Münzen ausliefere.
Häcksel sagte das, was er sich für alle Fälle vorher zurechtgelegt hatte, er habe die Silbergulden geerbt.
»Es sind Zinnmünzen,« erklärte der Rothaarige und winkte einem Schutzmann, der den Schutzengel und Häcksel beide zum Saal hinausdrängte. Viel Volk begleitete sie, und draußen wurden beide in die Droschke gepackt, aus der vorher der Tod ausgestiegen war.
Dem Häcksel schwirrte der Kopf. Der Schutzengel aber und der Schutzmann, die mit ihm in der Droschke saßen, flüsterten miteinander. Dann hielt der Wagen, und beide stiegen aus und hießen ihn warten. Der Rothaarige, der beim Kutscher auf dem Bock gesessen hatte, sagte, nachdem er sich mit dem Schutzengel am Wagenschlag leise besprochen hatte, Häcksel müsse aussteigen und an einem Tor warten, bis sie wiederkämen. Wenn er sich aber rühren würde, dann kämen die Bluthunde hinter dem Zaun hervor und würden ihn zerreißen.
Häcksel, der kaum noch vor Hunger und Aufregung sehen und hören konnte, setzte sich auf einen Prellstein am Tor nieder.
Dort fand ihn nach mehreren Stunden ein seltsames Paar. Ein in ein Fell eingenähter Mensch, der einen künstlichen Löwenkopf aufgestülpt hatte, und ein kahlköpfiger Alter in grauem Kaftan, der eine Laterne in der Hand trug, die fanden Häcksel tief eingeschlafen.
Der Löwe beschnupperte den Schlafenden, und der Laternenmann beleuchtete ihn, und dann setzten sich Löwe und Greis zu beiden Seiten neben Häcksel nieder und schliefen neben Häcksel ein. Die Laterne, die auf dem Pflaster stand, beleuchtete alle drei Gesichter, und auf Häcksels Stirn kamen seine Schicksalslenker zusammen. Das waren stattliche Flohkerle, die aus den Polstern der alten Droschkenkissen zu Häcksels Flöhin Zinnoberchen gehüpft waren. Die Flöhe berieten, was aus ihnen werden sollte, denn sie hatten gesehen, wie der Rothaarige, der Schutzmann und der Schutzengel Häcksels ganzes Geld behalten hatten, und sie wußten, daß diese Leute Spitzbuben gewesen waren.
»Seid nur ruhig!« sagte ein Floh des Laternenmannes. »Wir treffen alle zusammen im Haftlokal wieder. Sie sind schon verhaftet worden, weil die vielen Silbergulden, die sie ausgaben, Verdacht erweckten.«
Und ein Floh aus dem Löwenfell machte Zinnoberchen stark den Hof und tat sehr verliebt und versicherte, ihr bis ans Weltende folgen zu wollen. Als er aber von ihr seinen verliebten Willen erreicht hatte, sprang er vergnügt hoch in die Luft, kam aber aus der Luft nicht mehr zurück. Denn er war heimlich hinter den Plankenzaun gesprungen, wo ein Hühnerhaus stand, und dort ließ er es sich wohl sein bei den Flöhen der Hühner.
Die Laterne brannte noch, als es schon Tag wurde, und der Löwe, der Greis und Häcksel, alle drei schliefen fest und schnarchten wie besessen, trotzdem die Bäckerjungen auf Fahrrädern mit Körben und Säcken voll Brot an ihnen vorbeiradelten und ihr Morgenlied pfiffen.
Einmal aber versah sich einer der Bäcker aus Erstaunen über die drei Schläfer, so daß sein Rad an den Straßenrand stieß und sein Korb mit Brot im Bogen fortflog und gerade dem schlafenden Häcksel an die Stirn fiel.
Häcksel erwachte, sah vor sich einen offenen Korb, der voll duftender frischer Brötchen war. Er griff mit beiden Händen zu, und er hatte bereits zwei Wecken verschlungen, als der gestürzte Bäckerbursche herbeigelaufen kam und ein großes Geschrei aufschlug, weil er Häcksel sah, der ein Brot nach dem andern verzehren wollte. Auch der Löwe und der Greis waren erwacht und griffen, da es sie hungerte, nach dem Brot. Als der Bäcker so sehr schrie, warf ihm der eine die brennende Laterne an den Kopf. Zuletzt aber, wie der Bäcker die drei einträchtlich seine Brötchen verschlingen sah und sie genauer betrachtete, lachte er hellauf und fuhr rasch radelnd davon, denn er war in der Nacht als weiblicher Schutzengel verkleidet gewesen und erkannte plötzlich Häcksel wieder, dem er das Silbergeld gestohlen hatte. Er war entschlüpft, als man seine Kameraden, den Rothaarigen und den Schutzmann, verhaftet hatte und hatte zu Hause seinen Vergißmeinnichtkranz, seine blonde Perrücke und sein Schleiergewand abgelegt und war in seine Bäckerei, wo er Lehrling war, geeilt, weil er die Wecken austragen mußte. Jetzt aber fürchtete er, von Häcksel erkannt zu werden, und eilte schleunigst fort.
In dem Korb waren aber auch Bierbrezeln, und als der Löwe und der Greis sich satt gegessen hatten, ließen sie Häcksel den Korb und sagten, als er ihnen klagte, daß ihm sein Geld gestohlen sei, er solle die Bierbrezeln in den Wirtshäusern verkaufen, damit er Heimreisegeld bekäme. Dann raffte der Greis seine Laterne auf, und der Löwe verbeugte sich, und beide verschwanden am Ende der Straße im Morgennebel.