Geschichten aus den vier Winden

Part 4

Chapter 43,597 wordsPublic domain

Ein solches Amulett wird niemals verkauft, und sollte es verloren gehen, so setzt eine jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um das kostbare Amulett der Treue wieder zu erhalten. --

Während dieses Nachmittags, als ich im Zug saß und in die finsteren Abgründe des Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf, der aus der Lokomotive kam, und der in den Dschungelwäldern und an den Urwaldästen hängen blieb, hunderte Male die Gestalt jener ewigen Witwe, wie sie bald gebückt und geduckt suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte über die Urwaldwipfel, wie sie die Arme an die Brust drückte und nach dem Amulett fühlte, das ihr die Treue und die Liebe ihres Geliebten im nächsten Leben versprach.

Dann, als es dunkel wurde und ich draußen keinen Wald und keinen Dampf mehr sah, betrachtete ich lange bei der trüben Wagenlampe den großen Handflächenschmetterling in dem Kampferkästchen, dessen Linien so verschlungen sind wie die Schicksalslinien in den Handflächen der Menschen und dessen Linien in dunkle Nachtränder auslaufen, in unergründliche Finsternisse, ähnlich den Himalajaabgründen, die voll Finsternis und Aberglauben draußen dicht bei den Schienengeleisen der Bergbahn drohten.

Häcksel und die Bergwerkflöhe

Häcksel war der Sohn des Finsterer, und der war Bergmann im Annaschacht gewesen. Und Finsterer war der Sohn des Labemann, und der war Bergmann im Annaschacht gewesen. Und Labemann war der Sohn des Flegels, und Flegel war Bergmann im Annaschacht gewesen. Keiner von denen war ehelich geboren. Dieses aber ist der Stammbaum der Geliebten der Mütter jener Bergmänner.

Häcksel war, was alle seine außerehelichen Vorfahren gewesen, Bergmann, und er war mehr unter der Erde als auf der Erde zu Hause.

Der junge Bursch von fünfundzwanzig Jahren war, solange er sich unter der Erde befand, höflich, friedlich und zufrieden. Aber oben auf der Erdoberfläche, beim Tageslicht besehen, schien Häcksel das Gegenteil zu sein, störrisch, unfreundlich und ungemütlich. Teils war es das Licht und die laute Welt, die ihn im Gegensatz zur molligen Grabesstille und traulichen Dunkelheit, an die er unter der Erde gewöhnt war, immer wieder von neuem reizten. Aber Licht und Lärm waren es nicht allein, die den stillen harmlosen Burschen in ein widerhaariges Ekel verwandelten. Wenn Häcksel sichs klar gemacht hätte, warum er sich oben auf der Erde, außerhalb des Schachtes, verwandelte, so würde er erzählt haben, daß ihm draußen im Leben, außerhalb der Kohlengrube, seine liebsten Unterhalter fehlten, die Bergwerkflöhe, denen er zugetan war, und die neben der Arbeit seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.

Die Bergwerkflöhe aber lieben nur die laue Wärme, die im Erdinnern herrscht, und sind nicht zu bewegen, jemals an die Oberfläche zu kommen. Sie begleiten den Bergmann, den sie sich als Nahrungsfeld ausersehen haben, nie ans Licht. Sie springen immer im letzten Augenblick ab, ehe der Förderkorb den Schacht verläßt.

Häcksel hatte sich durch nichts als durch sein süßes Blut bei den Flöhen des Annaschachtes beliebt gemacht. Vielleicht war er deshalb beliebter, weil sein Blut seit Geschlechtern außerehelich, also wildsüß, gezeugt worden war.

Wenn keiner einen Floh im Schacht hatte, Häcksel hatte immer einen zur Unterhaltung bereit, und dieses verschaffte ihm manchen wahren Freund im Bergwerk. Denn die Bergleute rechnen in ihrem unterirdischen Dasein die Anregung und Unterhaltung, die ihnen die Bergwerkflöhe bieten, als eine Erhöhung ihrer lahmgelegten Lebenslust.

Wenn irgendwo in einem entlegenen Stollen zur Erhöhung der Geselligkeit ein Floh fehlte, schickten die Leute hin zu Häcksel und erhielten auch schon für einen Schluck kalten Kaffee einen schönen ausgewachsenen Floh von Häcksel geliefert.

Man weiß aber, daß durch fortgesetzte Inzucht auch die lebhaftesten Flöhe allmählich verblöden können, und das geschah, -- nachdem aus den Zeiten Flegels, Labemanns und Finsterers, die, solange das Bergwerk bestand, drei Menschengeschlechter hindurch, immer nur untereinander gelebt und sich fortgezeugt hatten, -- zur Zeit, da Häcksel fünfundzwanzig Jahre alt wurde und von Schwächezuständen befallen war. Die Bergleute stellten fest, daß die heutigen Flöhe ihres Geschlechtes nicht mehr so hoch springen konnten, daß sie sich auch nicht mehr so lebhaft untereinander angezogen fühlten, nicht mehr dieselben Tänze vollführten, die vorher die halbnackten Bergleute auf Brust und Rücken ihrer Kameraden bewundert hatten. Man konnte ihrem Mutterwitz nicht mehr vertrauen. Sie ließen sich von jeder täppischen Hand fangen. Sie versimpelten so sehr, daß es eine Schande für das ganze Bergwerk war.

Eines Tages, es war im Februar, im Taumonat, der die Erde aufweckt und auch die Triebe der Bergwerkflöhe in der Erde beleben kann, fühlte sich Häcksel, der eben Feierabend machen wollte und seinen Pickel, womit er Kohlen gehackt hatte, an die Flötzmauer stellte, besonders lebhaft hinterm linken Ohr gebissen, so lebhaft, wie seit langem nicht mehr. Häcksel glaubte, es sei Stänker, sein Leibfloh, der frühlingslustig geworden wäre. Aber als der Bergmann mit dem Zeigefinger hinters Ohr fühlte, merkte er, daß ein kleiner, zierlicher, weiblicher Floh dasaß, und er erkannte auch bald, daß es Zinnoberchen war, eine Flöhin, die so genannt wurde, weil sie am rötesten von allen Flohdamen leuchtete, wenn sie sich an Menschenblut satt getrunken hatte und man sie auf der Hand vor das Grubenlicht hielt. Zinnoberchen war so zart, daß das Menschenblut aus ihrem Körper einen rötlichen Schatten neben sie legte, wo sie gerade saß.

Häcksel war über den unerwarteten Besuch ein wenig erstaunt. Denn um die Feierabendstunde, die die Flöhe gut kannten, war meistens jede Unterhaltung zwischen den Bergleuten und ihren lieben Leibtierchen zu Ende. Die kleinen Herrschaften zogen sich jeden Abend unaufgefordert in den Pferdestall des Bergwerks zurück. Dieser Stall lag neben den Kohlenschachten und befand sich ebenso wie diese viele Hundert Fuß unter der Erde. Die alten Gäule, die dort fern vom Tageslicht in der Grube zum Ziehen der Kohlenkarren gehalten wurden, bekamen niemals die Sonne zu sehen und wurden mit der Zeit blind. Im Mähnenhaar der Blinden, auf den Rückenwirbeln und in den Schwanzhaaren übernachteten die Bergwerkflöhe mit Vorliebe. Dorthin eilten sie, wenn die Feierabendstunde nahte.

»Ich dachte, du wärest schon schlafen gegangen,« sagte Häcksel, als er Zinnoberchen auf seinem Zeigefinger ans Grubenlicht hielt. »Du bist ja ganz abgehärmt, liebes Kind,« fuhr er in Gedanken lautlos zu reden fort. »Ich weiß, Euch fehlt neues Blut.« Er nickte und hüstelte.

Der junge Häcksel war nicht stark. Er war schwer lungenleidend. Seine Vorfahren, die da unter der Erde in der weichlichen Luft seit einem Jahrhundert Kohlenstaub schluckten, hatten ihm keine starke Lunge vererben können. Der Bergwerksarzt hatte zu dem schwindsüchtigen Häcksel gesagt, ein schwacher Mann wie er dürfe nicht heiraten, und er dürfe auch keine Frau küssen, da er mit Kuß und Umarmung nur Unheil anstiften könne. Ein Schwindsüchtiger müsse nicht daran denken, Kinder zu zeugen. Durch ihn würden nur armselige kranke Menschen entstehen, die ihm und der Welt zur Last fallen würden.

Häcksel hatte es am Feierabend darum nie so eilig wie seine Kameraden, um hinauf ans Licht der Welt zurückzukehren. Ihm war im Bauch der Erde wohl, wo es in Dunkel und Einsamkeit keine Wünsche gab. Nichts erwartete ihn außerhalb des Bergwerkes als ein Strohsack in seiner Kammer, und es lockte ihn nicht einmal dieser, da das Stroh ein Geheimnis verbarg. Häcksel hatte im Stroh seit Jahren eine alte Geldtasche verborgen. Die war voll alter Silbergulden. Die hatte er in einem blinden Stollen unter der Erde gefunden, in einem Gang des Bergwerks, der nur ihm allein bekannt war, und der im Bergwerksbuch als vor Jahren von einem schlagenden Wetter verschüttet aus dem Bergwerkplan ausgestrichen und nur als blinder Stollen bezeichnet stand.

Häcksel hatte von jenem Unglück von seinem Vater öfters erzählen hören. Der Alte hatte behauptet, bei den Verschütteten dort in dem blinden Stollen müsse sich auch Geld befinden, denn es war bei den Verunglückten damals ein zufälliger Besucher des Bergwerks mit umgekommen. Man hatte wohl versucht, nachzugraben, hatte aber die mühsamen Arbeiten bald eingestellt und den Stollen verlassen.

Häcksel strolchte dort gern im Bergwerk herum und klopfte mit seinem Pickel jahraus jahrein nach Feierabend in dem verschütteten Gang das Gestein zur Seite. Eines Tages stieß er auf ein Gerippe, bald auf ein zweites und drittes Gerippe, und dort fand er auch die alte Geldkatze voll alter Silbergulden bei den Gebeinen liegen.

Häcksel konnte gut schweigen. Wenn ihn manchmal der Gedanke lockte, seinen Kameraden von dem Fund zu erzählen, so hustete er sich schnell und heftig den Sprechreiz aus Brust und Kehle fort.

Das Bergwerk lag in der Nähe eines oberbayrischen Sees, in den Vorbergen der Alpen, und eine kleine Bummelbahn führte von dort an den Dörfern vorüber bis München. In mancher Nacht, wenn Häcksel daheim in seiner Hütte die alten Silbergulden mit gepulverter Kreide blankputzte, nahm er sich vor, am nächsten Tag hinein nach München zu fahren und das Geld bei einem Wechsler in Markstücke umzutauschen. Aber er hatte sich fest vorgenommen: zum Leben wollte er nichts von diesem Geld ausgeben. Das Geld sollte nur für sein Begräbnis ausgegeben werden. Denn der Todesgedanke war Häcksels Lieblingsgedanke. Er sagte sich immer, vom Tod könne er nur das Beste erwarten. Vor allem erwartete er vom Tod Gesundheit. Wenn er diesen kranken, elenden, ewig hüstelnden Körper abgelegt hätte, dann würde er gesund auferstehn, meinte Häcksel. Es stand fest und klar in ihm, daß er mit seinem Tod ein neues und gesundes Dasein beginnen würde. Darum war sein Sterben sein schönstes und stolzestes Ereignis, das er zu erwarten hatte, und er wünschte sich, um diese Verwandlung von Krankheit zur Gesundheit würdig zu begehen, ein würdiges Begräbnis, eine teuere Seelenmesse, mit Orgel, Musik und Glockengeläute, ebenso wie das, das unlängst der Hauptmann der Feuerwehr des Bauernortes, in welchem Häcksel wohnte, bekommen hatte, welches ein erstklassiges Begräbnis gewesen war. Ob nun das Silbergeld im Berg bei den Gerippen lag, untätig und unnütz, oder ob es für ein schönes Grab und einen schönen Sarg Verwendung finden würde, das konnte den Gebeinen des Kaufmanns, den der Kohlenschutt deckte, wohl gleich sein.

An diesem Feierabend, an welchem Häcksel auf seinem Zeigefinger die kleine Flöhin Zinnoberchen vor das Grubenlicht hielt, dachte er eben lebhaft daran, einen Tag festzusetzen, um endlich die Silbergulden in der Stadt in Markstücke umzuwandeln, als ihm die Flöhin lebhaft hinter das linke Ohr gebissen hatte. Dann ging er mit dem Tierchen nach dem Pferdestall, um Zinnoberchen sorgsam auf einen Pferderücken zu setzen. Aber auf halbem Weg war ihm seine alte Flohbekanntschaft vom Finger verschwunden. Er glaubte, sie habe allein den Weg zum Pferdestall gesucht. Der Floh aber war auf seine Bergwerkmütze gesprungen. Dort saß er zwischen Hutschirm und Band, und in der Nacht in Häcksels Kammer blieb er beharrlich auf Häcksels Mütze sitzen, und als es ganz still im Zimmer war, hörte der Bursch den Floh auf der flachen Mütze leise springen.

»Ah,« sagte Häcksel zu sich, »Zinnoberchen hat meinen Entschluß gehört! Vielleicht habe ich laut vor mich hingesprochen im Bergwerk unten? Zinnoberchen will mit nach München.«

»Ja, das will ich,« gab der fröhlich hüpfende Floh durch Tanzlaute auf der Mütze kund.

In der Nacht noch band sich Häcksel die alte Geldtasche voll Silbergulden um den Leib. Ehe das Tageslicht kam, setzte er seine Mütze auf, auf der der Floh Sprünge machte, die, wenn man sie in Töne umgesetzt hätte, Juchzer gewesen wären.

Der Bursch ging durch den Wald zur nächsten Bahnstation. Es war Sonntagmorgen, und er wollte nicht vom Bahnhof des Heimatortes abreisen, damit man seine Reise nicht bemerken sollte. Am nächsten Tag wollte Häcksel wieder zurückkehren und wollte eine Ausrede gebrauchen. Er wollte sich im Bergwerk entschuldigen und sagen, er habe sich zwei Tage im Walde verirrt und verlaufen.

Der Floh, den morgens im kalten Februarwald fror, setzte sich hinter Häcksels linke Ohrmuschel unter das warme Haar des Burschen und betrachtete von dort die Gegend. Bald merkte Häcksel, daß alle Gedanken, die er im linken Ohr hörte, ihm von Zinnoberchen eingegeben waren, und nur die Gedanken im rechten Ohr waren seine eigenen. So schritt er mit den zweierlei Gedanken wie im Frage- und Antwortspiel über den holprigen Waldweg, wo der Schnee getaut war und fast laues Vorfrühlingswetter herrschte.

»Ich bin der erste Bergwerkfloh der Welt, der an das Tageslicht kommt,« sagte Zinnoberchen zum linken Ohre Häcksels.

»Nun weiß ich, warum ich so zufrieden bin,« meinte das rechte Ohr zum linken Ohr, »weil ich Bergwerkgesellschaft habe am hellen Tag.«

Zinnoberchen hing sich an einem Schläfenhaar fest und schaukelte an diesem Haar im Winde hin und her, denn es war ihm kreuzwohl.

Plötzlich aber fuhr dem Häcksel ein schrecklicher Gedanke durch das rechte Ohr, und fuhr ihm vom Ohr in Hals und Brust, so daß er heftig und schmerzhaft husten mußte.

Die Flöhin sprang bei der Erschütterung aus dem Haar fort und rasch hinter Häcksels Ohr, kam aber gleich wieder zurück, unerschrocken, und hing sich wieder fest an das Schläfenhaar und schaukelte weiter.

Der wilde Gedanke schoß aber in Häcksel kreuz und quer und rief:

»Vielleicht ist dir deshalb heute ein Bergwerkfloh zum erstenmal ans Tageslicht gefolgt, weil es heute in der Grube ein Unglück gibt. Denn man sagt, die Bergwerkflöhe verlassen nur dann die tiefen Stollen, wenn sie schlagende Wetter vorauswittern.«

Dieses wußte Häcksel aus dem Munde seines seligen, außerehelichen Vaters.

»Nein, nein und nochmals nein,« antwortete aber darauf das linke Ohr, das von Zinnoberchen beraten war. »Es ist eine höhere Notwendigkeit, warum ich das Bergwerk heute verließ.«

»Eine höhere Notwendigkeit?« echote es in Häcksel erstaunt.

»Jawohl,« rief die Flöhin auf Häcksels Kopf von links. »Daß ich heute reise, geschieht aus allerhöchster Notwendigkeit. Ich bin eine Abgesandte. Ich muß Flohmänner ins Bergwerk herbeiholen, frische kräftige gesunde starke Flohkerle.«

»Warum ist Stänker, mein Leibfloh, zu diesem Auftrag nicht gut genug gewesen,« fragte Häcksel ein wenig verletzt die Flöhin.

»Hat man je gehört, daß ein Flohkerl so reizend ist, daß seinetwegen andere Flohkerle einen Sprung machen? Es muß schon eine Flöhin kommen, wenn Flohmänner sich holen lassen sollen.«

»Und da hat man dich also, die Zarteste, mit mir nach München geschickt?«

»Ach was! Man hat nicht mich mit dir geschickt. Sondern du bist von mir und uns allen ausersehen worden, mich nach München zu bringen,« behauptete die Abgesandte hinter Häcksels Ohr.

»Ich gehe meinethalben und nicht deinethalben, nicht in Flohangelegenheiten, sondern in meinen gesunden Todesangelegenheiten gehe ich nach München,« meinte Häcksel störrisch, als eben das Morgenlicht aus den Waldbäumen grell auf seine Nase schien. »Licht und Lärm kommen immer zusammen,« fügte er mürrisch und gereizt hinzu. »Wenn ich nun aber umkehre?« setzte er fort. »Was dann?«

»Dann lassen wir dir irgend etwas Schlechtes geschehen. Unsere Art zu erhalten, dazu ist uns kein Ausweg zu ungeheuer. Und ein Menschenleben ist noch lange kein Flohleben wert, noch dazu ein so wackeliges Menschenleben wie deines, das nur noch an einem Faden, sagen wir lieber, nur noch an einem Fädchen hängt.«

»Ich wußte es ja,« schmunzelte Häcksel plötzlich aufgeräumt. »Ich sterbe bald. Ich habe es auch nur deshalb so eilig, weil ich die alten Gulden umwechseln will, um Geld zu einem schönen Begräbnis bereit zu haben.«

»Den Glauben will ich dir gern lassen,« meinte die Flöhin zweideutig.

»Wie meinst du das?« fuhr Häcksel auf. »Werde ich am Ende doch nicht bald sterben? Oder werde ich das Geld am Ende gar nicht zum Begräbnis verwenden dürfen?«

»Das kommt darauf an. Versprechungen oder gar Belehrungen teilen wir Flöhe eigentlich selten aus. Wir denken zuerst an uns. Und da du als Mensch in unserer Flohgewalt bist, mußt du gehorchen.«

»Hoho!« hustete Häcksel und hustete sich blaurot vor Eifer. »Ich bin in niemandes Gewalt. Ich bin ein freier Bergwerkarbeiter. Nicht mal der Grubenherr hat mir außerhalb des Bergwerkes etwas zu sagen. Heutzutage herrscht Freiheit im Arbeitervolk. Wir sind keine altmodischen Knechte mehr.«

»Daß ich nicht lach,« kicherte Zinnoberchen und ließ das schaukelnde Schläfenhaar los, sprang zurück und biß herzhaft dem Häcksel in das linke Ohrwatschel, so daß ein Blutstropfen, groß wie der dickste Floh, dem Burschen aus der Haut quoll.

Häcksel hielt wie immer still, wenn ihn ein Floh biß, teils um seiner Gesellschaft nicht verlustig zu gehen, teils weil er es so seit Väterszeiten im Bergwerk gewöhnt war.

Zinnoberchen setzte sich an den Blutstropfen, sagte nichts mehr und frühstückte lebhaft beschäftigt, während der arme Bursche unter den kahlen Waldbäumen ging, manchmal von Husten geschüttelt und von Hunger gekrümmt.

Als die Flöhin von Menschenblut satt war, sagte sie nicht einmal »danke«, sondern kroch unter dem Mützenrand unten durch auf Häcksels Kopf, wo die Luft zwischen Haar und Mützenfutter gemütlich warm war. Dort machte sie sich's bequem. Zuerst putzte sie ihre furchtbaren Beißwerkzeuge, strich dann ihre gewaltigen Springbeine glatt, dehnte sich und streckte sich auf dem weichen fettigen Haarboden zu einem Verdauungsschläfchen aus. Sie hüstelte nicht, sie dachte nicht an den Tod. Sie dachte nur an Lebensfortsetzung und Lebensgenuß. Sie murmelte im Einschlafen, indem sie mit den Hinterbeinen zum Vergnügen ein wenig auf den Haarboden trommelte: »Dummkopf! Dummkopf! Du meinst, du bist der Stärkere! Du, der mir doch zum Frühstück dienen muß!« Dann schlief die altadlige Flöhin aus dem vornehmen Bergwerkgeschlecht sanft ein, indessen der hungrige Bergmann unter ihr wie ein Kamel weitertrabte und hungernd und hustend den Bahnhof des nächsten Dorfes erreichte.

Häcksel hatte auf der letzten Strecke zum Bahnhof stark nachgegrübelt, wie er unauffällig mit dem nächsten Zug nach München kommen könnte. Niemand sollte seine Abwesenheit oder seine Reise bemerken. Da war ihm eingefallen, daß immer ein langer Kohlengüterzug um diese Morgenstunde nach München fuhr. Er kannte aber den Bremser des Zuges, und dieses schien ihm gefährlich, denn er wollte sich niemandem anvertrauen, um seine Silbergulden ungestört umwechseln zu können. Er beschloß, sich unter einem Kohlenwagen anzuklammern und dort in dem Versteck sich nach München fahren zu lassen.

Der Kohlenzug kam immer langsam und gemächlich daher und hielt einen Augenblick draußen vor dem Bahnhof, bis die Weiche gestellt wurde und er dann ebenso gemächlich weitertrotten konnte. Dieses hatte Häcksel früher beobachtet, und diesen Augenblick wollte er benutzen und sich unter den Wagen an den Ketten dort anhängen. Der Platz war schrecklich unheimlich und grauenhaft qualvoll, und der Güterzug würde erst in der Nacht in München ankommen. Aber was machte das dem Burschen, der so dringend ein reiches Begräbnis erster Klasse haben wollte. Für die Ehren, die seinen Leichnam später dann einmal erwarten würden, hätte er gern noch Schlimmeres ertragen.

Indessen nun der junge Bergmann eingeklemmt und gemartert zwischen Rädern, Ketten und Eisenstangen hing und in ewiger Todesgefahr schwebte und der furchtbare Eisenlärm, das Schütteln und Rasseln und Stampfen des Wagens, unter dem er schweißtriefend angeklammert war, ihn zu betäuben drohte, schlief die Flöhin im Kopfhaar des Burschen köstlich, und wenn sie hungrig wurde, krabbelte sie an Häcksels Nacken entlang und suchte sich eine möglichst zarte Stelle seines Rückens oder seiner Brust aus, biß herzhaft zu und sog das süße heiße Menschenblut in sich ein.

So kamen beide, jedes auf seine Art, vorwärts. Der Mensch geplagt, geängstigt und verliebt in seinen Tod, der Floh zufrieden, gesättigt und verliebt in Blut und Leben.

Spät in der Nacht fuhr der Güterzug langsam in den Bahngeleisen von München ein. Unbemerkt machte der erschöpfte blinde Mitreisende sich unter dem Wagen los und schlich sich im Güterbahnhof auf Seitenwegen über Schienen, über einen Stachelzaun und eine Plankenwand kletternd davon.

Der Güterbahnhof lag abseits, und in dem Stadtviertel in nächster Nähe standen einfache schweigende Häuserreihen, und in weiten Abständen brannten einsame Laternen. Häcksel wollte einen Gasthof aufsuchen und am nächsten Morgen die alten Guldenstücke umwechseln und dann mit der Bahn gemächlich auf einem Sitzplatz zurückfahren und auf einer Haltestelle, etwas entfernt vom Heimatdorf, aussteigen. So würde dann die Reise unbemerkt geblieben sein, er wäre dann nur als Waldverirrter in die Kohlengrube zurückgekehrt und hätte ohne viel Worte seine Arbeit im Stollen aufgenommen, nachdem das gewechselte Geld im Strohsack versteckt und eingenäht worden wäre.

Aber es sind immer bei Entschlüssen mehrere Mächte mitbeteiligt, und niemand führt einen Entschluß allein aus. Das sollte jeder bedenken, ehe er Heimliches tun will. Unser Alleinsein ist immer nur ein scheinbares, in Wirklichkeit ist jedes Handeln unsichtbar mit tausend Mithandelnden verknüpft.

So hatte Häcksel nicht daran gedacht, daß nach der langen Fahrt unter dem Kohlenwagen sein Kopf betäubt, seine Kräfte erschöpft, sein Herz schreckhaft und gedankenlos sein würde, wie es nicht am Morgen, da er frisch ausgeschlafen die Reise angetreten, gewesen war.

Außerdem hatte er vergessen, daß es Fastnachtsonntag war. Der Fastnachttrubel in der Großstadt München war ihm ganz unbekannt. Häcksel lebte jahraus, jahrein menschenscheu und ins Bergwerkleben versunken, so daß er ganz abseits stand von allen Lebenserfahrungen. Nie war er in einer Stadt gewesen, nichts wußte er von Faschingstagen, nichts vom närrischen Treiben einer Maskenwelt, die er nie gesehen oder erlebt hatte.

So ging er, in München angekommen, mit schwankenden müden Knien unter den dunkeln Vorstadthäusern hin, die ihn mit ihren vielen Stockwerken und ihren vielen dunkeln Fenstern einschüchterten. Als seine Schritte in der Nacht so einsam auf dem leeren Vorstadtpflaster hallten, wurde ihm schwindlig vor Hunger, Schwäche und Aufregung. Und ängstlich gemacht, weil er glaubte, die stillen Häuserbewohner wecken zu können, zog er seine harten Stiefel aus und ging auf lautlosen Socken weiter.

Er hatte keine Ahnung, daß in den leeren Häusern, die meistens Neubauten waren, noch gar keine Menschen wohnten, und so schlich er an den unbewohnten frischweißen Häusern stumm und behutsam und lautlos wie ein Nachtvogel hin und wußte nicht, daß er wie ein ertappter Dieb aussah.

Zinnoberchen aber, seine Flohherrin, war längst wach und aufmerksam und witterte mit Begierde, von Häcksels linker Schläfe aus, die tausend Flöhe der Stadt München, die jetzt in der Nacht alle auf waren und springend bei Tanz und Leibesfreuden wacher als die Sterne am kalten Februarhimmel lebten. Trotzdem die Häuser hier unbewohnt waren, witterte die eifrige Flöhin den menschlichen Blutgeruch aus den nächsten bewohnten Stadtteilen, und Häcksels Beine gingen ihr viel zu langsam vorwärts; sie wäre am liebsten in großen Sprüngen über die nächsten Dächer dem vor Schwäche taumelnden Häcksel vorausgeeilt.

Und nun stieß Häcksel gar mit dem Kopf an einen Laternenpfahl, wankte und fiel, von Hunger und Überanstrengung geschwächt, besinnungslos neben der Laterne nieder.