Geschichten aus den vier Winden
Part 13
Ich war bei meinem Weg durch die Gasse an alten eisernen kleinen Türen vorübergekommen. Die waren nur eine rostige Masse. Das verwitterte Eisen schälte sich wie die Rinde von Bäumen. Über die Türschlösser und Angeln und über das Gitter des Guckloches hingen verfilzte Spinnweben. Ganze Familien von großen Kreuzspinnen hausten da seit Jahrhunderten ungestört. Auch waren da ebenso zugesponnene und mit rostigen Gittern versehene, alte, erblindete Fenstervierecke. An die grauen Mauern dort waren mit Rötelstift und Kohle unflätige, brünstige Bilder mit ein paar Linien hingezeichnet, Bilder, wie sie nur in den Hirnen dieser ungebändigten und verwilderten Krüppelgestalten entstehen konnten.
Als ich in der Abenddämmerung vor den Ort hinaus unter alte Olivenbäume kam, die dort in verrenkten Stellungen, verkrümmt und verwachsen, in Scharen mit ihrem graunebeligen dünnen Laubwerk in den Bergfeldern stehen, war mir, als seien die Zwerggeschöpfe der Stadt aus jenen ungestalten gespenstigen Olivenstämmen geboren worden.
Als in der Dämmerung ein Esel, auf dem ein Weib und ein Knabe saßen, mit humpelndem Gang in dem unheimlichen Olivenhain, darin sich kein Blatt rührte, auftauchte, schauderte mich, weil ich in diesem zusammengepackten Tier- und Menschenhaufen wieder neue Verkrüppelungen zu sehen glaubte.
Unter dem schleierartigen dünnen Laubgewebe der Oliven, deren Zweige sich nicht wiegen, durch die der blasse Abendhimmel fein zerkritzelt zur Erde sieht, hatte ich das Gefühl, als ob ein Netz von unheimlichen Erregungen -- das mich hier in Limone bald umgeben sollte -- schon nah über mir hing.
Ich konnte nach kurzer Zeit in dem Hain nicht mehr weitergehen. Das stille Grauen in mir nahm so überhand, daß es mich forttrieb aus dem Kreise der grimassenreißenden Baumstämme, die umherstanden, gespalten und zerschlitzt, dreibeinig und zehnbeinig, mehr Tieren als Bäumen ähnlich.
Ich wollte lieber zu den krüppligen Menschen des Ortes zurückkehren, als hier länger bei den hölzernen Urvätern der Krüppel zu weilen, die trocken und herzlos wie halbtote Greise, in sich versunken und in sich gekrümmt, den Weg begleiteten, der Schar aller Mühseligkeiten ähnlich, die einem lang Lebenden begegnen können.
Zurückgekommen zum eisernen Gitter des Gasthausgartens sah ich gegenüber unter der trüben Petroleumlaterne, die als Straßenbeleuchtung an einer Hausecke hing, in einem kahlen Ladengelaß wieder einen Zwerg mit einem Stock stehen. Der Stock war ein Stück größer als der Zwerg, und es war doch nur ein gewöhnlicher Spazierstock. Mit diesem Stock deutete der Krüppel wichtig und sich höflich verneigend auf einen Tisch, an den er kaum mit der Nase hinaufreichen konnte. Dort lagen, sorgfältig nebeneinander gereiht, einzelne Birnen, große dicke Kochbirnen, die wir in Deutschland Katzenköpfe nennen. An der Tischkante stand eine brennende, flackernde Kerze, die in einem Zinnleuchter stak.
Der Laden war ganz kahl. Ich hatte beim Fortgehen vor einer Stunde diesen Fruchtverkäufer noch nicht bemerkt. Es schien mir, als habe er seinen Verkaufsstand eben erst eingerichtet, vielleicht weil er gehört hatte, daß ein Fremder ins Gasthaus eingezogen war, was ihn unternehmungslustig gemacht haben mochte.
Ein paar Schritte weiter bei einem Schuhmacher kauerte jener Zwerg, der vorhin die Weiber geküßt hatte; er glotzte in die beleuchtete Glaskugel des Schusters, bei deren grellem Blendlicht der Meister und seine Gesellen, auf dem Straßenpflaster hockend, arbeiteten.
Die Gassen hinter den beleuchteten Köpfen verschwanden in Gewinkel und Finsternis, manchmal geteilt von kleinen Lichtscheinen, die aus Türen oder Fensterluken auf das Pflaster fielen.
Auf der Mauer beim Gartentor meines Gasthauses hockten zwei andere Zwerge, die mich schweigend und argwöhnisch, wie zwei aneinanderhängende Affen, von der Mauerhöhe herunter beobachteten.
Ich war verblüfft über die Unzahl von Mißgeburten und auch ermüdet von den neuen Reiseeindrücken, so daß ich schweigend vorüberging und nur mit einem Kopfnicken die lauten feierlichen Grüße der Krüppel beantwortete.
Als ich dann in den Garten eingetreten war und mich zum Abendessen unter den Mispelbaum setzen wollte, unter eine wenig leuchtende Petroleumlampe, die in den Zweigen des Baumes hing, kam der Wirt zu mir und sagte mir, morgen würde das Zimmer neben dem meinigen besetzt. Er habe eben mit dem Abenddampfschiff einen Brief von einer Russin erhalten, die schon voriges Jahr den Herbst hier verbracht hatte. Die Dame habe zugleich geschrieben, daß ihr das Portemonnaie unterwegs gestohlen worden sei, und der Wirt hatte ihr noch mit dem selben Nachtschiff Geld nach Desenzano geschickt, wo sie übernachten wollte.
Ich dachte sofort an eine Nihilistin, denn einer wohlhabenden Russin konnte es wohl kaum einfallen, dieses weltentlegene Ufernest aufzusuchen und hier einen Herbst zuzubringen; aber später hörte ich, daß die Dame die Gattin eines Generals war.
Am nächsten Tag saß ich gegen Mittag auf dem Steinbalkon, der gegen den Garten hin vor dem Eßzimmer lag, unter dem sich die Küchenhalle befand. Ich schrieb Briefe und saß ohne Hut, und die Mittagssonne brannte auf meinem Kopf.
Als ich mich später in dem Speisesaal, dessen Decke mit bunten mittelalterlichen Malereien, Wappen und Blumen bemalt war, zu Tisch setzte, sah ich vor der Glastüre, die auf den Korridor führte, eine kleine ältere Dame stehen, die, während sie einen Schleier um ihren Kopf band, zwischen den Vorhängen an der Glasscheibe hindurchblinzelte. Dann trat sie ein, und der Wirt folgte ihr und stellte sie als die russische Dame vor.
Die Generalin hatte kleine, lebhafte, etwas belustigt zwinkernde Augen und machte viele kleine Bewegungen, die ihr etwas rührend Kindliches gaben. Als sie sich vor ihren Teller gesetzt hatte, begann sie sogleich mit mir eine lebhafte Unterhaltung und erzählte vom Comosee, von dem sie eben kam, und vom italienischen Dichter Fogazzaro, den sie dort in seiner Villa besucht hatte.
Sie forderte blindlings Interesse von mir, weil sie sich für Fogazzaro und den Comosee interessierte. Aber mein Kopf schmerzte mich. Er wurde schwer, als wollte er anschwellen wie ein Zwergenkopf, und ich fühlte bald, daß ich beim barhäuptigen Sitzen in der Mittagsonne einen Sonnenstich bekommen hatte.
Es wurde mir grau und weiß vor den Augen, und das ganze Zimmer mit der buntbemalten Decke und dem rotsteinernen Fußboden kreiselte um mich, als wäre es eine russische Schaukel.
Ich wollte vom Tisch aufstehen, aber ich fühlte, daß ich umfallen würde. Während die Russin immer weiter sprach und mir nichts anmerkte, wartete ich still ab, bis ich mich wieder so stark fühlen würde, daß ich mein Zimmer ohne Hilfe erreichen konnte. Ich sagte dann der Dame im Fortgehen, daß ich glaubte, ich sei von einem Sonnenstich unwohl geworden.
Ich legte mich auf mein Bett und ließ mir Eis bringen. Mir war bei jeder Bewegung sehr übel. Zugleich begann mich ein heftiges Fieber zu schütteln.
Nach einer Weile klopfte es an meiner Tür, und die Russin brachte mir ein großes Senfpflaster, das sollte ich auf meinen Rücken legen. Während sie noch im Zimmer war, klopfte es wieder, und ich hörte die Stimme einer jungen Dame, die draußen mit dem Dienstmädchen sprach. Sie sagte, sie hätte im Hotel in Torbole im Fremdenbuch meinen Namen gelesen, und es war ihr gesagt worden, daß ich nach Limone gezogen sei. Ich erkannte die Stimme einer jungen Bekannten, die ich seit einem Jahre nicht gesehen hatte. Die Neuangekommene wollte, daß ich ihr Limone zeigen sollte.
Ich ließ ihr sagen, daß ich halb im Sterben läge, und sie möchte entweder meinen Tod oder meine Genesung abwarten.
Sie ließ mir darauf zur Antwort geben, daß sie einige Tage im gleichen Gasthaus in Limone wohnen bliebe.
Den Sonnenstich im Kopf, ein Senfpflaster auf dem Rücken, einen Eisumschlag auf der Stirn und einen Herzchock in der Brust, hervorgebracht durch das bevorstehende Wiedersehen mit einem seltsamen, reizend schönen Mädchen, an das ich lange nicht mehr gedacht hatte, -- so lag ich auf meinem Bett und mußte mich gedulden, bis die Sonne untergegangen war und in der kühleren Abendluft, bei den weit geöffneten Fenstern, der Blutandrang zum Gehirn schwächer wurde, und ich mich allmählich wieder gesund werden fühlte.
Ulrike, die junge Dame, die mich so plötzlich besuchte, war Studentin der Chemie, und ich kannte sie aus Freiburg, wo sie studierte. Sie war eine jener schönen rothaarigen Frauen, die jetzt in Deutschland so selten werden. Sie hatte jene milchweiße Hautfarbe, mit leichtem rosa Hauch, die wie eine sanfte Kamelienblüte unter blauem Himmel leuchtet.
Aber es ging nicht die Kühle der Blüte von diesem schönen Geschöpf aus. Das leuchtende Milchfleisch ihrer Wangen und ihres Nackens neben dem dumpfroten Haar war von einer leuchtenden Lüsternheit verklärt. Man hätte das junge Mädchen nie unverschleiert gehen lassen dürfen, da ihre Reize so stark waren, daß ihr Gesicht, ihre Hände und ihr Nacken beinahe schamlos wirkten, wie enthüllte Blößen.
Im Mittelalter wurden solche verwirrend schöne Frauen den Folterknechten als Hexen hingegeben, und die Männerfäuste schlugen mit Wollust Wunden in dieses allzu aufreizende Frauenfleisch.
So war Ulrike, die hier plötzlich auftauchte in jener Luft, in der ich seit Stunden das Herannahen ereignisschwangerer Augenblicke vorausgefühlt hatte.
»Was suchen Sie hier?« fragte ich sie hundertmal in meinem Herzen, während meine Tür geschlossen war und ich den Besuch noch nicht gesehen hatte. Und Ulrikes Geist antwortete mir: »Ich suche Unruhe, Fieber. Ich suche, wenn es nicht Glück sein kann, Unglück, Vernichtung, wie du, wie ihr alle.«
Als ich dann, des Fragens müde, erschöpft eingeschlafen war, weckten mich Mandolinenmusik und italienischer Gesang aus dem Garten.
Ich stand auf. Es war Nacht geworden. Es mußte neun oder zehn Uhr sein. Ich fühlte mich ganz gesund. Draußen auf dem See suchte der Scheinwerfer des Wachbootes die Berge ab und schoß ab und zu in den Garten unten, wie ein Eindringling, zwischen die Bäume, und mir war, als müßte es jedesmal einen schrillen Laut in den Blättern geben, wenn der Lichtpfeil durch das schlafende Laub schoß, das dann wie Metallschlacken hell und dunkel aufglänzte.
Wahrscheinlich hatte Ulrike schon den ganzen Ort zu Freunden. Während der paar Stunden, in denen ich schlief, und in denen die Russin, die fließend italienisch sprach, sie spazieren führte, hatte sie, das wußte ich gewiß, blendender als jener Lichtstrahl, der da ruckweise vom See in den Garten fegte, schon alle Männer des Ortes geblendet.
Als ich im großen steinernen Treppenhause von meinem Zimmer in den unteren Stock hinabstieg, schallte mir einzig Ulrikes Stimme entgegen. Sie hielt einen Vortrag über Politik, über die Notwendigkeit, daß Italien zu Deutschland aufschaue, da es von Deutschland viel zu lernen hätte.
Sie sagte in ihrer unverfrorenen norddeutschen Art, daß die Italiener lügen, betrügen, daß sie falsch seien und faul, kurz, sie sagte alle diese ungerechten Aussprüche, die unwissende Deutsche immer schnell bereit haben, wenn über Italien geredet wird.
Ulrike erlaubte sich, da sie immer nur anbetenden Männeraugen begegnete, alles das in die Luft zu schreien, was man bei einigem Überlegen taktvoll zu verschweigen hat. Aber wahrscheinlich reizte es sie, daß alle Männer Honig aus ihrer Schönheit sogen, und sie wollte Widersprüche erwecken. Denn da ihr Gesicht Süße austeilte, wollte ihre Seele Bitternisse in die Seelen der anderen träufeln, damit nicht das Leben um sie vor lauter Anbetung verstummte.
Ich stand im halbdämmerigen Hausflur und beobachtete durch die offenstehende Haustüre die Gesellschaft im tiefer gelegenen Garten, die dort an einem länglichen Tisch unter dem Mispelbaum saß, mit der Hängelampe über den Köpfen und vom weißen Tischtuch beleuchtet.
An der Spitze des Tisches saß wie eine immer bewegte, surrende, graue Spindel die silberhaarige Generalin, in Mäntel, Schals und Reisedecken eingemummt; und nur ihr kleines, blasses Gesicht mit dem einen geschlossenen Auge und mit dem andern zwinkernden Auge sah belustigt und mit sich selbst vergnügt von einem zum andern.
Neben ihr an der Tischecke auf einem Stuhl, den sie hintüber hin und her bewegte, schaukelte mit übereinandergeschlagenen Beinen Ulrike und hielt sich dabei mit der einen Hand an der Lehne des Stuhles der Russin fest.
An derselben Längsseite des Tisches, nicht weit von ihr, saßen zwei junge Männer. Der eine war ein blasser italienischer Student, auf seine Art ebenso schön wie Ulrike. Er war aber eine jener altmodisch schmachtenden Jünglingsschönheiten, wie man sie bei jungen Heiligen auf glasgemalten italienischen Kirchenbildern des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts findet. Ein elastischer Jünglingskörper, von einem schwärmerischen Geist wie von einer blauen Flamme durchwallt. An ihm war nichts von der durch Sport und Gedankenzucht straffen Jungemännerschönheit, die jetzt im nördlichen Europa den altmodischen, altchristlichen Schönheitstypus verdrängt.
Es war rührend zu sehen, wie der junge, schwarzgekleidete, schmale Mensch jetzt eben ein Lied zu singen anhob, einen gewöhnlichen italienischen Gassenhauer, den er sicher noch nie in anständiger Gesellschaft gesungen hatte, und den er mit einer einfältigen Andacht vortrug, als handele es sich um eine Heldensage. Und dies alles nur deshalb, weil Ulrike den jungen Mann bereits entgeistert hatte. In seinem Herzen sang er sicher ein hohes Lied festlicher Liebesanbetung vor ihr. Davon trug sein Gesicht den andächtigen Ausdruck. Aber sein Mund mußte einen Gassenhauer hinsingen, weil die ungeduldige Ulrike nur Straßenkunst hören wollte.
Neben dem jetzt singenden Studenten spielte ein anderer junger Mann eine Mandoline, die er auf dem einen Knie hielt, bei der er tief gebückt saß, und deren Saiten er so innig zärtlich zupfte, als wären sie aus dem verführerischen roten Haar der jungen Deutschen gesponnen. Denn Ulrike machte sein alltägliches, reizloses Gesicht blutrot aufleuchten, wenn er zufällig beim Mandolinenspiel zu ihr hinübersah.
Der Spieler hatte grobe Hände, die tagsüber in einem Drogenladen im Ort, der ihm gehörte, Leinöl und Petroleum in Krüge füllte und Farbstoffe auf einer Wagschale wog, wovon seine Nägelränder noch bläulich, rötlich und gelblich schimmerten. Er schlug trotz aller Innigkeit grob und derb die Saiten. Er war nicht viel älter als der Student, aber er tat laut erzählend sich etwas darauf zugut, bereister zu sein als jener, und er versuchte, aus Notwehr gegen Ulrikes auffallendes verführerisches Frauenfleisch, sich mit einer Grobheit zu panzern, die ihn kaltblütig erscheinen lassen sollte.
Ich hatte gehört, wie er vorhin, kurz ehe das Lied anhob, Ulrike ins Gesicht gesagt hatte, er hasse alle Österreicher, und er gab an, daß jene die Eigenschaften hätten, die die Deutschen den Italienern zuschieben.
Ulrike war keine Österreicherin. Darum hörte sie auf seinen Haß gar nicht hin, sondern forderte ein neues Lied. Sie wußte wahrscheinlich auch, daß ihre weiße Hand, die sich an die Stuhllehne der Russin hielt, aufmerksam, ebenso wie ihr Nacken, von einem Zolloffizier beobachtet wurde, der hinter ihr an einem kleinen, runden gedeckten Tisch saß, wo er zu Abend gespeist hatte, und wo er jetzt seinen Kaffee trank, mit einer Zeitung rasselte und seine Zigarette rauchte.
Vor dem Offizier brannte ein Windlicht auf dem Tisch, sein Lichtkreis traf noch Ulrikes roten Haarknoten und ihren weißen Nacken, dessen Biegung sich dem Offizier hinhielt, als wollte dieser Nacken gestreichelt und geküßt werden.
Am Stamm des Mispelbaumes lehnte der junge Wirt mit seinem langen, schmalen Tiergesicht. Seine Augen schienen ganz verblödet zu sein vom langen Hinstieren auf Ulrike. Er stand dort ziemlich unbemerkt im Schatten und war nur von den Knien abwärts beleuchtet.
Über ihm im weiten Geäst des schlangenartig geformten Baumes kauerten die Hauskatzen. Es hockten dort drei, vier Katzen und Kater wie buckelige Auswüchse auf den glatten, ausgestreckten Ästen, und manchmal jagte ein Tier das andere, und sie flohen höher in die dunkle Laubkrone. Dann sah Ulrike hinauf und rief: »Miau«. Gleich standen die Katzen still und kauerten sich nieder, denn der Katzenlaut, den das junge Mädchen rief, war verblüffend naturgetreu.
Von meinem erhöhten Standpunkt im Hausflur sah ich auch ein Stück vom Gittertor neben der Gartenmauer, und dort kauerten, aufgereiht wie Kürbisse zum Trocknen, die mumienhaften, großgesichtigen Köpfe jener Zwerge, denen ich vorher auf der Straße begegnet war.
Die Zwerge entdeckte ich aber erst, als der Scheinwerfer vom See für Augenblicke seinen Lichtstrahl in die Gartentiefe hereinwarf.
Daß hier ein Unglück wucherte und in irgendeiner Gestalt aufstehen würde, fühlte ich an der seltsamen Gruppierung der Menschen, der Tiere und der Dinge, die alle von dem magnetischen Wesen Ulrikes angezogen waren. Die Spannung und die Unsicherheit, die diese junge Dame um sich verbreitete, machte, daß alles, was im Garten anwesend war, wie auf einer dünnen Eisfläche lebte, die jeden Augenblick irgendwo einbrechen und irgendeinem der Anwesenden tödlich verhängnisvoll werden konnte. Aber sie schienen alle das Unglück begierig zu suchen.
Ich trat jetzt vom Haus hinaus auf die Treppe, die zum Garten hinunterführte. Bei meinem Schritt sah ich niemand als Ulrike an. Aber sie schien sich nicht klarmachen zu können, von welcher Seite das Geräusch der Schritte kam, und so sah sie zuerst unwillkürlich nach dem Gartentor und der Gartenmauer. Im selben Augenblick erhellte ein neuer Lichtstrahl des Scheinwerfers die Köpfe der ungeheuerlichen Mißgestalten der Zwerge, die dort lauschten.
Ulrike schnellt empor, läuft von ihrem Stuhl fort und schlägt unter der Mauer ein fröhliches und fast kindliches Gelächter auf, aber wendet den Kopf nach mir, und nachdem sie den Zwergen ein spöttisches »Guten Abend« zugerufen, kommt sie zu mir gelaufen und begrüßt mich in ihrer sprudelnden Sprechweise.
»Welchen abenteuerlichen Ort haben Sie da aufgesucht!« rief sie mir zu. »Welch ein Talent Sie haben, schauerliche Szenerien zu entdecken!« Und mit einer Geste, mit einer stummen, aber höhnenden Geste, deutet sie über den andächtig singenden Studenten, über den Baum, in dem die Katzen sprangen, und nach dem Gartentor, wo jetzt die Zwerge im Dunkel beieinander hockten, und auf den Scheinwerfer, der jetzt hoch im Himmel den Monte Alto grell aufhellte.
Sie hatte recht. Wo sang man sonst Gassenhauer wie Kirchenlieder, während Katzen in den Bäumen buhlten, Zwergköpfe auf der Mauer wuchsen und dazu ein irrsinnig wandernder Lichtstrahl aus dem Dunkel Berge vom Himmel fallen ließ.
An diesem Abend geschah nichts weiter, er war nur der Auftakt für die nächsten Ereignisse. Der Student lud, als er und sein Freund, der Drogenhändler, aufbrachen, Ulrike und mich zum nächsten Morgen in den Weingarten seines Freundes ein, wo beide täglich mit Leimruten Singvögel einfingen, da die Zeit des Durchzuges der nordischen Singvögel war. Aber auch der Zolloffizier ließ uns durch den Wirt sagen, wenn wir das Scheinwerferboot nachts besuchen wollten, sollten wir es ihn wissen lassen.
Die Zwerge aber stießen kreischende Pfiffe aus und riefen zur Verabschiedung Ulrike ein geheultes »Guten Abend« zu.
Ulrike war müde und zog sich schon bald auf ihr Zimmer zurück, nachdem wir nur noch ein wenig geplaudert hatten. Ich blieb bei der Russin sitzen, die aus ihren Schals und Mänteln wie aus einer gepolsterten Loge hervorsah, von der aus sie den Anfang eines Dramas gespannt verfolgte.
»Sie ist für die Männer, was der Baldrian für die Katzen ist«, sagte die Russin, als Ulrike gegangen war. Sie wiegte sich in ihren Decken. »Welch eine Sippe hat sich hier zusammengefunden! Wo ich hinkomme, ist aber auch immer etwas Unheimliches los. So war es immer, so lange ich lebe. Zwar brechen durch mich nicht Ereignisse herein. Aber ich habe eine im Blut liegende Witterung für aufregende Zeiten, Menschen und Gegenden, und werde wahrscheinlich unsichtbar angezogen von Zuständen, bei denen eine gewisse Spannung in der Luft liegt.
Als Sie heute bei Tisch so blaß wurden und den Sonnenstich fühlten, dachte ich bei mir: Da bist du ja gerade recht gekommen, um gleich ein Unglück vorzufinden und helfen zu können. In den meisten Fällen aber kann ich nicht helfen. Da muß ich nur Zuschauer sein und muß froh sein, wenn ich nicht selbst dabei den Kopf verliere. Denn sehen Sie, einen leichten Schlaganfall habe ich schon einmal gehabt. Den erhielt ich infolge eines Schreckens, als ich Mann, Kind und Vermögen in einem Augenblick verlor.«
Und dann erzählte die russische Dame mir ihr Leben. Sie stammte von deutschen Eltern, war aber in Rußland geboren und hatte einen Russen geheiratet. Ihr Mann war Leutnant, als sie Hochzeit machten. Aber sie waren nur wenige Wochen vermählt gewesen, da brach der Krimkrieg aus, und die junge Frau wußte, daß ihr Mann fort von ihrer Seite in den Krieg und vielleicht in den Tod ziehen mußte.
Sie machte sich auf, besuchte seinen General und bat ihn, daß sie als Krankenschwester dem Regiment ihres Mannes folgen dürfte. Das wurde ihr gewährt.
Ihren Mann, der in den Schlachten war, sah sie natürlich nur selten, und wenn sie mit den anderen Rotekreuzschwestern nach den Kämpfen die Verwundeten in den Feldern aufsuchte, dann zitterte ihr Herz jedesmal, wenn sie einem am Boden Liegenden den Kopf umwendete und das Gesicht zu sehen suchte, denn sie vermeinte immer, ihren Mann zu finden.
Und eines Tages wurde sie auch zu ihm gerufen. Er lag verwundet in einem Schanzgraben. Nur sein Bursche war bei ihm. Die junge Frau brachte wochenlang in dem Schanzloch zu und hütete und pflegte ihren Mann.
Von dieser Kriegszeit her, die sie bei Blut, Grausen und Ängsten auf schmerzdurchkreischten Schlachtfeldern durchgemacht hatte, war ihr ein schwaches Herz geblieben.
Nach vielen Jahren, als sie schon einen großen Sohn, einen hübschen Knaben hatte, traf sie aber ein viel schlimmeres Weh, als jener Krieg ihr antun konnte. Ihr Knabe wurde am Meer von einer Dampferlandungsbrücke durch eine Sturmwelle ins Wasser gerissen, und ihr Mann sprang rasch entschlossen hinter seinem Kinde her, um es zu retten. Aber das Meer gab sie nicht mehr zurück. Beide ertranken. Außerdem hatte der General gerade an diesem Tage seine Wertpapiere, die er auf eine Bank bringen sollte, in der Brusttasche. So waren der Russin in einer Sekunde Mann, Sohn und Vermögen entrissen worden.
Seit jener Zeit beobachtete sie, daß sie einen Instinkt für Unglück hatte.
Als sie zum erstenmal zum italienischen Schriftsteller Fogazzaro kam, war diesem eben sein Kind ertrunken. Als sie vor Jahren zum erstenmal an den Gardasee kam, geschah dort das größte Unglück, das der See je erlebt hatte. Durch Platzen des Dampfkessels eines Vergnügungsdampfers verloren Hunderte von Menschen ihr Leben. Und so wußte sie noch viele Fälle zu berichten. Und sie war gar nicht verwundert, als ich heute den Sonnenstich erlitt. Sie hatte immer eine ganze Hausapotheke bei sich, da sie ja die Begleiterin hundertfacher Unglücke gewesen war.
»Es ist besser,« sagte ich ihr, »wenn Ulrike bald wieder abreist. Der junge Student ist schon ganz blaß verliebt in sie und sieht krank aus, als ob er in ihrer Nähe ein betäubendes Gas eingeatmet hätte. Und die andern, der Offizier und der Drogist, stolpern über ihre eigenen Beine vor Verwirrtheit, wenn sie sich vor der schönen Ulrike verbeugen sollen. Sie wird auch noch die Zwerge und die Katzen in sich vernarrt machen, die Berge werden umfallen wollen, um zu ihr zu kommen, und der See wird wandern wollen, um ihr nachzulaufen.«