Geschichten aus den vier Winden

Part 12

Chapter 123,674 wordsPublic domain

Ich ließ meine Fahrradklingel trillern, vielleicht etwas heftiger als sonst, da ich die Dame zum Aufschauen zwingen wollte, um sie grüßen zu können. Aber mein Schrecken war groß. Kaum, daß meine Glocke schrillte, lag die junge Dame flach auf der Erde wie umgeklappt, als wenn ein unsichtbares Fahrrad über sie fortgeradelt wäre.

Ich sprang ab und half ihr auf und entschuldigte mich, sie erschreckt zu haben.

Sie war tief in Gedanken gewesen, sagte sie, und das laute Klingeln schien ihr so nah, daß sie sich geduckt hatte, ausgeglitten und gefallen war mit dem Gefühl, sie sei überfahren worden.

Nachdem sie sich aufgerichtet und ein wenig erholt hatte, erklärte sie mir, sie wäre so schreckhaft, weil oben bei ihr ein betrunkener Mensch auf der Treppe läge. Sie wolle morgen aufs Land reisen und habe ihren Koffer gepackt, und sie würde erst im Herbst in die Stadt zurückkehren. Sie fürchtete, der Betrunkene sei vielleicht ein Einbrecher gewesen, der sie bestohlen habe. Sie habe die Hausmeisterin rufen wollen, diese sei aber nicht zu Hause gewesen, und nun wäre sie fortgerannt, um an der nächsten Straßenecke einen Polizisten zu holen, denn jener liege quer über den Treppenabsatz, und sie getraue sich nicht, über ihn hinwegzusteigen.

Ich erbot mich mit ihr hinaufzugehen, um den Betrunkenen aufzuwecken und fortzuweisen.

Sie dankte mir, und wir gingen in ihr Haus, und atemlos horchend stiegen wir zusammen hinauf.

In dem Stockwerk, das unter ihrer Wohnung lag, sagte ich, sie solle warten. Mit meinem Stock tüchtig aufstampfend, um den unverschämten Eindringling zu stören, ging ich allein höher.

Nichts regte sich in der Dämmerung des Treppenhauses. Auf dem Treppenabsatz stand in der Ecke ein gepackter Korbkoffer und quer bei der Treppe, in einen Plaidriemen eingeschnallt, lag ein langer zusammengerollter Reiseschal. Diesen muß die Kurzsichtige für einen Menschen gehalten haben.

Ich rief ins Treppenhaus hinunter, und die Dame kam scheu und vorsichtig heraufgestiegen und wollte es mir nicht glauben, daß kein Mensch da wäre und daß nur ihr zusammengerollter Reiseschal sie erschreckt hätte. Sie behauptete, der Mensch wäre fortgelaufen.

Ich sah es ihr an, wie sie sich schämte, es sich selbst einzugestehen, daß sie wieder getäuscht worden sei. Ich fragte, ob sie den Menschen durch ihr Lorgnon gesehen hätte. Nein, sie hatte ihr Lorgnon vergessen, wollte aber trotzdem nicht zugeben, daß sie den Reiseschal für einen Menschen angesehen hatte. Dann bat sie mich, da ich mal oben war, einen Augenblick bei ihr einzutreten.

Drinnen in den Zimmern war alles in größter Unordnung. Wie buntes Gemüse lagen die Dinge durcheinander, und sie entschuldigte sich, daß sie mit dem Packen noch nicht fertig sei. Ich mußte zwischen verschiedenen Gegenständen in einer Ecke des Sofas Platz nehmen.

Dann ging sie in die Küche, wo die Terrier eingeschlossen waren, die ihr sehr zugetan schienen. Sie konnte aber den Knoten der Schnur, die an die Türklinke angebunden war, nicht aufmachen, und so ging ich hinzu und half ihr.

Mein Blick fiel zufällig, während ich den Knoten löste, auf einen Kohlenkasten, der da stand, und ich wurde von ein paar seltsam blauen Papieren, die dort lagen, angezogen. Es schienen zerknitterte Geldscheine zu sein. Ich hob dann auch wirklich ein paar Hundertmarkscheine auf, die, wie sich herausstellte, das ganze Reisegeld der Dame waren. Das Geld hatte sie vorher erst von der Bank geholt. In der Meinung, es seien alte blaue Briefumschläge, hatte sie die Geldscheine in der Hast des Packens fortgeworfen, während sie den leeren Briefumschlag sorgfältig in ihre Handtasche gesteckt hatte.

Nun begann sie vor Schrecken zu weinen, und wie zu ihrer Entschuldigung sagte sie:

»Jemand hat mir nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Kopf gestohlen.«

Später, als sie mir sehr schön auf ihrer Violine vorgespielt hatte, sagte ich ihr, sie müsse mir das Bild dessen zeigen, der sie dem Gott der Idioten ausgeliefert habe.

Sie zeigte mir das Bild eines jungen Kapellmeisters, der außer einem großen Haarbüschel, der ihm in die Stirn hing, nichts besonderes zu bieten schien. Und ich war sicher, daß auch hier, in der Liebe zu dem Musikanten, ihre Kurzsichtigkeit ihr einen Streich spielte. Sicher liebte sie mehr die unklare Vorstellung, die sie sich von dem Menschen machte, als das klare Bild des Mannes selbst, das sie niemals sehen konnte.

Ich war eifersüchtig auf diesen Haarmenschen, das fühlte ich, und ich fühlte auch, wie leicht es sein würde, diesen Nebenbuhler zu verdrängen, der, wie mir schien, seine Rolle im Herzen der jungen Dame bereits ausgespielt hatte. Ich tat, wozu mich mein Herz drängte, und warb von dieser Stunde an um jenes Mädchen. Ich folgte ihr nach aufs Land, wo sie den Sommer verbrachte, und im nächsten Winter besuchte ich in Berlin mit ihr Konzerte und Vergnügungen.

Nachdem wir glückliche Monate verlebt hatten, in denen ich ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit zuerst als eine belustigende Lebenswürze genossen hatte, wurde ich allmählich von dem Doppelleben, das sie führte, nervös, denn es war auf die Dauer unheimlich, wieviel Zeit und Lebenskraft sie aufwenden mußte, um die Abenteuer zu überstehen, die ihr ihre Zerstreutheit und Kurzsichtigkeit bereiteten. Und Tage reichten oft nicht aus, gut zu machen, was sie in Sekunden der Zerstreutheit harmlos sich und anderen angetan hatte.

Sie ging später auf Konzertreisen, und wir schrieben uns immer seltener. Ohne daß wir uns Vorwürfe machten, fühlten wir beide, daß die Zeit unserer Innigkeit vorüber war. Die junge Dame fand viele Verehrer, denn sie war liebreizend und von heiterer Gemütsart und wurde nicht einmal verstimmt, wenn sie an ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit erinnert wurde. --

Nun stand sie dort, nicht weit von mir, im Schnee und suchte den Kometen, der im Westen stand, mit ihrem Opernglas im Osten. Und ich hielt ihre beiden Terrier, die zitternd zu meinen Füßen saßen, an meinem Spazierstock, den sie für einen Baumast gehalten hatte, fest.

Bald aber bemerkte ich, daß meine Freundin ihr Opernglas gar nicht mehr zum Himmel richtete, sondern daß sie den Hügelabhang hinuntersah, wo immer noch einzelne Menschen bergauf stiegen.

Während ihre Augen noch suchten, trat die dunkle Gestalt eines jungen Mannes an ihre Seite. Er hielt einen Schneeballen in der Hand. Er schien sie zu begrüßen und schien der zu sein, den sie mit ihrem Opernglas im Himmel und auf Erden gesucht hatte. Er streckte ihr den Schneeballen hin, den sie in ihrer Kurzsichtigkeit für seine Hand hielt, worüber er laut auflachte. Worauf sie den Schneeballen nahm und ihm denselben vertraulich an die Brust warf.

Da zog ich meinen Stock vom Baum zurück und streifte den Riemen, an denen die Hunde gebunden waren, vom Spazierstock ab und sagte zu den beiden Tieren: »Lauft!«

Die munteren Tiere verstanden mich sofort und sprangen kläffend zu ihrer Herrin. Ich ging indessen langsam zu einer Bank, wo ich mich niedersetzte.

Von der Kurzsichtigen hörte ich einen Ausruf des Erstaunens. Sie glaubte, die Hunde hätten den Baumast abgebrochen.

Der junge Mann lachte und rief laut: »Das glaube ich niemals. Du wirst die Hunde an die Luft angebunden haben.«

Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben mögen, da er so respektlos zu ihr sprach. Aber ich sagte mir, er wird wahrscheinlich mit ihr schon hundert ähnliche Fälle erlebt haben und hatte das Recht zum Lachen.

Nun hörte ich, wie die junge Dame sagte, sie wolle den Baumast ansehen. Er könne sich überzeugen. Der Ast müsse abgebrochen sein.

Ich sah, wie sie zum Baum ging und dort in die Luft fühlte, wo mein Stock gewesen. Aber da war in ihrer Handhöhe weder oben noch unten irgendein Zweig am Stamm. In doppelter Menschenhöhe erst setzten die Zweige der Tanne an.

Sie sah sprachlos am Baum empor und begriff jetzt erst, daß sie sich getäuscht haben müsse.

»Aber es war doch ein daumendicker Ast da,« hörte ich sie versichern.

»Was du gesehen und gefühlt hast, braucht noch lange nicht ein Ast gewesen zu sein,« höhnte der junge Mann.

»Es war ein Ast. Ich habe das Holz gefühlt. Wo ich bin, ist die Welt immer verhext,« erklärte sie zuletzt. »Denke dir, was mir gestern wieder passiert ist!«

Sie kamen beide im Sprechen näher zur Bank, auf der ich mit hochgeschlagenem Mantelkragen und mit in die Stirn gezogener Pelzmütze saß und in den Himmel starrte. Ich brauchte bei ihrer Kurzsichtigkeit nicht zu fürchten, daß sie mich erkennen würde. Sie ließ sich in der Mitte der Bank nieder, kaum eine Handbreite von mir weg, während ihr Begleiter sich neben sie setzte.

»Gestern abend, als du nicht kamst, wollte ich mir die Zeit vertreiben, und da ich Appetit auf einen Pfannkuchen hatte und ich seit Ewigkeit keinen selbstgebackenen Pfannkuchen gegessen habe, ging ich aus, um alles zum Backen Nötige einzukaufen. Ich kaufte die Sachen gleich in allernächster Nachbarschaft, Milch, Mehl und Eier. Unterwegs kam ich an einem Postkartenstand vorbei, wo in kleinen offenen Kasten Ansichtspostkarten geschlichtet lagen. Ich bücke mich mit Milchflasche, Mehltüte und Eiertüte und gehe langsam an dem Kasten entlang und betrachte mir die Postkarten. Plötzlich höre ich einen glucksenden Laut und sehe, daß die letzten Tropfen meiner Milchflasche auslaufen. Ich hatte beim Entlanggehen an dem Kasten meinen ganzen Milchvorrat über die verschiedenen Serienfächer des Ansichtskartenverkaufes gegossen, denn der Kork hatte sich von der Flasche gelöst. Ich war außer mir vor Schrecken und rannte davon.

In meiner Aufregung presse ich aber unterwegs die Mehltüte und das Eierpaket fest an mich, um sie ja nicht zu verlieren. Bei meiner Haustür angekommen, scheint mir die Mehltüte unverhältnismäßig dünn geworden zu sein. Ich ahne nichts Gutes und bemerke auch zugleich hinter mir eine weiße Mehlfährte, die von der Postkartenhandlung bis zu meiner Haustüre führte. Die Tüte war geplatzt, und das Mehl war ausgelaufen. Ich warf die leere Tüte in den Rinnstein. Als ich oben in meinem Zimmer die Eiertüte öffnete, war nur noch eine gelbe Brühe und zerbrochene Eierschalen im Papier. Verzweifelt habe ich mich aufs Sofa gesetzt, habe gehungert und geweint und endlich musiziert.«

Diese letzten Worte sprach die Kurzsichtige zu mir, denn sie hatte wahrscheinlich vergessen, auf welcher Seite der Bank ihr Begleiter saß. Dann nahm sie ihr Lorgnon, und ich dachte schon, sie wolle sich klar machen, daß sie nach der falschen Seite hinsprach. Aber nein. Sie betrachtete meinen Stock, griff mit der Hand danach, immer noch meinend, daß ich ihr Begleiter sei und rief jubelnd:

»Da hast du ja den Baumast in der Hand! O, du Falscher, du hast ihn heimlich abgebrochen, damit ich glauben sollte, ich hätte mich geirrt.«

»Entschuldigen Sie, das ist mein Stock,« erwiderte ich ruhig und stand auf.

Ich wußte, sie hatte meine Stimme erkannt, denn es wurde grabstill neben mir. Da rief der junge Mann, der während der ganzen Zeit mit dem Opernglas den Himmel abgesucht hatte, laut:

»Ich habe den Kometen gefunden!«

Ich hörte noch wie sie tief aufatmete und doppelsinnig sagte: »Ich habe auch einen entdeckt, trotz meiner Kurzsichtigkeit, aber er ging so schnell, wie er einmal kam.«

Das Iguanodon

In einem überheißen August kam ich über die Alpen durch Tirol an den Gardasee.

Ehe man in Torbole oder Riva aussteigt hat der Zug hinter Mori ein ungeheueres, von einem vorzeitlichen Bergsturz verwüstetes Gesteintal durchklettert, darin ein grüner sterbender Seetümpel liegt. Dort an den zackigen Steinblöcken, die um den Tümpel liegen und zu Tausenden das Tal füllen, lebt auch noch im Sonnenschweigen vor deinem inneren Ohr das Gekrach und Gedröhn jener furchtbaren Minuten auf, als hier einst in grauester Vergangenheit ein Berg den anderen erschlagen wollte. Man glaubt, ein wahnwitziger Fluch sei damals ausgestoßen worden und habe rundum die Steine und die Bergwände in Bewegung gesetzt.

Die Legende erzählt, daß sich Dante hier den Eingang zur Hölle vorgestellt hätte, den er in der Göttlichen Komödie schildert. Wie ungeheuerliche, versteinerte Qualen, wie ein himmelragender steinerner Dornenkranz starrt das spitzige, verwitterte Gebirge, von Wolken umraucht, im Norden des Gardasees in den Himmel. Es sieht aus, als wären höllische Blitze und höllische Erdbeben die Baumeister dieser Bergungetüme gewesen.

Während im Süden der Gardasee sich in breiter sonniger Fläche dem heiteren Himmel Italiens und unendlicher Fruchtbarkeit entgegenstreckt, ragen im Norden die kahlen Alpenketten wie Ambosse der Götter in den Himmel, und es ist, als würden dort furchtbare Schicksale geschmiedet.

Freunde hatten mir geraten, in Torbole zu wohnen, wo viele Österreicher im Sommer baden, und wo am See ein lustiges Leben herrscht. Andere hatten mir das stillere Malcesine empfohlen, das am Fuß einer Burg bei schönen Gärten liegt.

Ich kannte den Gardasee noch nicht, und nachdem ich mir die beiden Orte angesehen, war mir der eine zu lebhaft, der andere zu langweilig schön. Und eines Morgens ließ ich mich von einem Schiffer auf die Seefläche segeln, um hier zwischen Himmel und Wasser zu überlegen und Entschlüsse zu fassen, wo ich bleiben wollte.

Ich hatte an diesem Morgen zuerst den Ponalewasserfall besucht, der unweit Riva, zwischen zwei Felsen eingeklemmt, aus Himmelhöhe gegen den See niederstürzt. Da kam mir der Gedanke, daß ich auf dem Weg nach Malcesine, auf der anderen Seeseite am Tag vorher, einen Ort hatte liegen gesehen, am Fuß senkrechter Felsenwände, und daß mir dort die schönen Reihen der weißen Pfeiler von Zitronengärten von weitem aufgefallen waren. Diese sahen in der Ferne aus wie die marmornen Tasten einer riesigen Orgel, und eine weihevolle Festlichkeit lag über diesen Hunderten von Säulen, die da, regelmäßig gereiht, die Felsenabhänge schmückten. Eine hübsche Kirche mit freistehendem Glockenstuhl und eine Schar dichtgedrängter hellgelber und rosenroter Häuser um einen kleinen Hafen, in welchem winzige italienische Motorboote lagen, waren mir noch gut in Erinnerung. Den Ort selbst hatte ich von meinen Bekannten nie nennen hören, und ich hatte ihn auch im Reisehandbuch übersehen. Ich bedeutete nun den Fischer, mich dorthin zu fahren.

Jeder, der in Riva einmal übernachtet hat oder in Torbole am Gardasee, weiß, daß ihn dort nachts, wenn die ersten Sterne heraufziehen, ein seltsames Blitzlicht in Erstaunen setzte, das wie ein Wetterleuchten weit draußen mitten in der Seefläche auftaucht und bis in die Fenster des Hotels hereinleuchtet und auch kalkweiß über die Gesichter derer hinstreicht, die am Seeufer im Dunkeln einen Abendweg machen.

Der Lichtstrahl sticht Nacht um Nacht an den beiden Seiten der Felsenwände hoch, die den See einschließen, und zeichnet für Sekunden scharf jeden Olivenbaum, jeden Ziegel der einsamsten Hütte am Felsengehäng und haut, wie ein weißes Schwert zertrennend, einen weißen Keil in die Finsternis. Ich mußte immer an das Flammenschwert denken, das den Eingang zum Paradies bewacht, wenn dieser Lichtstrahl unermüdlich Wasser und Gebirge bestrich in allen Stunden der Nacht.

Ich erfuhr dann, daß jenes spukhafte Licht von den Scheinwerfern der kleinen italienischen Wachtschiffe kam, die dort, wo die Grenze von Italien quer über den See geht, in jeder Nacht hin und her fuhren, die Bergscheide und das Wasser nach Schmugglern abzuleuchten. Denn Tabak und Zucker wurden gern zur Nachtzeit von Österreich nach Italien über die Grenze geschleppt.

Die Station dieser Nachtboote befand sich in jenem kleinen Ort, zu dem ich wollte, den die Dampfschiffe nur kurz bei der Rundfahrt um den See berühren, den nur manchmal einige Segelboote von Riva aus besuchen, und in dem sich noch kein Fremdengetriebe breit machte. Hart bei jenem Ort, ehe man um einen Felsenabhang segelte, zog sich, an Zitronengärten vorbei, die italienische Grenze hin.

Dieses berichtete mir der Schiffer während der Segelfahrt und nannte mir den Namen des Ortes, der Limone heißt, dahin er mich jetzt bringen sollte.

In der Seemitte packte plötzlich einer jener Sturmwinde unser Boot, die dort jählings ohne Vorboten einsetzen und den Segelnden gefährlich werden können.

Wir flogen in dem kleinen Kahn vor dem Stoßwind her, und der See begann zu knirschen; schäumende Wasserwalzen rollten schneller, als das Boot fliehen konnte, an uns vorbei; Seile und Segel ächzten und schienen zerreißen zu wollen. Der See lebte ungeheuerlich. Seine Wellen schienen eine wandernde Tierherde zu sein, die sich durcheinanderschob, und alle Wellentiere schienen nach einer Richtung fortzustürzen.

Knapp, ehe der Sturm seine Höhe erreichte, jagten wir mit dem Boot in das kleine Hafenviereck von Limone ein.

Der Wind klirrte und fegte draußen über das Wasser. Aber hier in der Bucht war es windstill, schwül und dunstig. Die Riesenmauern des Berghintergrundes hielten jeden Windatem ab, und die Zitronen konnten hier gut reifen, wie Eier in einem Brutkasten. Das dachte ich, als ich den Fuß ans Land setzte.

Land kann man zu dem Erdstreifchen dort nicht gut sagen, denn es ist nur spärlich Raum zwischen dem Felsengetürm eines ungeschlachten Berges und der Seefläche. Die einzige größere Gasse, die der Ort hat, ist so eng, daß sich die Leute von Haus zu Haus die Hände reichen können.

Es war Mittag, und ich begegnete nur einigen Marinesoldaten der Zollflottille. Die Handwerker arbeiteten, ohne aufzuschauen, unter ihren Türen. Ein Esel schrie an einer Straßenecke, und die hohe Bergwand drückte beengend die Luft in den Gassen zusammen, in denen es nach Fischen und Olivenöl roch.

Der Schiffer führte mich zum einzigen Gasthaus, das ein schmuckes altes Herrenhaus war und in einem Blumengarten gegen den See hin lag.

In der Weltverlorenheit dieses italienischen Nestes fühlte ich mich wohl. Es war nichts banal Schönes hier. Aber etwas Geheimnisvolles, das mich schon aus der Ferne an diesen Ort gelockt hatte, tat mir auch jetzt wohl. Es schien mich hier etwas zu erwarten, vielleicht ein ungeheurer Schrecken, mit darauffolgendem süßem Aufatmen. Jedenfalls spürte ich ein neugieriges und angenehmes Gruseln an diesem totenstillen Flecken, wo keine Fremdenschwärme, keine Gasthäuser das Dasein kindisch machten.

Es war mir zumute, wie wenn man nach langen eintönigen heißen Tagen ein Gewitter nahen fühlt, das mit seiner großen elektrischen Spannung die Welt auf den Kopf stellen, Totes lebendig machen und Leben in Tod verwandeln kann.

Ich lese gern in der feurigen Schrift der Blitze. Wenn sie ihre großen Aussprüche auf das sonst so leere Blatt des Himmels schreiben, so ist mir, als läse ich in den Augen alter Propheten, und Schrecken und Erschütterungen, die sie über der Alltagswelt verbreiten, machen mich fruchtbar. Gewitter stärken mein Herz.

Und unsichtbare Seelengewitter schienen hier in dem stillbrütenden, der Welt unbekannten kleinen Ort auf den Fremden zu lauern. Vom Augenblick an, da ich mich entschloß, durch den Schiffer, der mich hergesegelt, meinen Koffer aus Torbole holen zu lassen und hier in Limone zu bleiben, kam ich mir wie ein gewaltiger Unglücksucher vor. Wie einer, der in eine unterirdische Tropfsteinhöhle eingedrungen ist, die nur wenige vor ihm betreten haben, und die ihn in ein unheimliches Labyrinth lockt.

Zwei Dinge, die ich liebe, waren es, die mich bestimmten, in Limone zu bleiben. Das erste war meine Vorliebe für den Duft von Zitronen und Zitronenblüten, das zweite meine Sehnsucht nach brütender Wärme.

Von diesen beiden Genüssen wurde ich reichlich hier gesättigt. Aber ich erwartete mehr als nur Gefühlsbefriedigungen. Ich weiß, daß aus Hitze und Duft Gebilde im Menschenhirn entstehen, wie aus den verschiedenen Elektrizitäten zweier Wolken die Blitze.

Auch war es mir wunderbar, jetzt an dem Ort zu sein, von dem nachts das große flammende Schwert des Scheinwerfers auf den See hinausgesendet wurde. Hier im Hafen lagen die kleinen Eisenboote, die die Seewache hatten von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Und ich fühlte mich wohl dabei, daß ich mich nicht mehr zu dem Lichtschein, der mich in Torbole nachts immer aufschauen gemacht und in die Ferne gelockt hatte, hinsehnen mußte. Ich war jetzt dort, wo das nächtliche Feuer geboren wurde.

Der Wirt des Gasthauses, der zugleich Bürgermeister war, hatte ein langes Tiergesicht, und sein Körper war so sonderbar gebaut, daß er, wenn er vor mir stand, aussah, als stünde er bis zu den Knien im Erdboden.

Er war noch jung, einige dreißig Jahre alt, sah aber müde aus wie jene grauen nickenden Esel, die lange schweigen und plötzlich ohrenbetäubende Schreie ausstoßen können. Dieser Mann war aber sonst ein angenehmer, höflicher und sorgsamer Wirt und arbeitete tagsüber in seinem gutgepflegten Garten, in welchem Oleanderbäume, Bambus, Geranienbüsche, Rosen und Myrten zu Seiten eines langen beschatteten Weinlaubenweges standen. In diesem grün überwölbten Weg hingen dicke dunkle Trauben, und am Ende lag dicht vor der weißen Steinschwelle und den weißen Steinpfosten der Gartentür das blaue Wasser des Sees wie ein abgrundtiefer Himmel.

An der einen Seite des Gartens war eine überlaubte Spielbahn, wo nachmittags die italienischen Soldaten, Sizilianer, Neapolitaner, Genuesen, schwarzhaarige und braunhäutige Kerle, zwischen Vesper und Abendläuten mit viel Lachen und Witz ihr Boccia spielten.

Die Küche des Gasthauses war bescheiden, der Wein gut und feurig. Mein steingepflastertes Zimmer, sauber und geräumig, sah nach dem See und dem Berg Monte Alto. Die Tageszeiten in Limone wurden nicht bloß durch das viele Läuten der Kirche eingeteilt, sondern auch von dem dreimaligen Vorüberfahren der großen Passagierdampfer, die täglich die Rundreise um den See machten.

Unter einem großen japanischen Mispelbaum im Garten bei der Haustreppe nahm ich meine Mahlzeiten ein. Und hier spielten sich auch die Szenen jenes inneren Gewitters ab, das ich beim Betreten jenes schwülen, scheu versteckten Ortes vorausgeahnt hatte.

Nach dem Mittagessen am Tage meiner Ankunft, nachdem ich auf meinem neuen Zimmer ausgeruht hatte, schlenderte ich in der Abenddämmerung durch den Ort. Als ich aus dem Garten auf die Straße trete, höre ich ein Gekicher, und an meiner Seite vorüber läuft ein zwergartiger Mann mit gewaltigen langen Armen, großem, höckerigem Kopf, wie ein Orangutang anzusehen, in eine Seitengasse hinein.

Ein paar Frauenzimmer, die vor einer Haustüre auf niedrigen Hockern kauerten, rieben sich mit der Handfläche Mund und Wangen ab und deuteten mir mit ihren Augen an, daß der Zwergmensch sie beide unversehens eben umarmt und geküßt hatte. Die eine, die Ältere, drohte hinter ihm her mit ihrem Holzpantoffel, die andere hatte noch seine Mütze in der Hand, die sie ihm wahrscheinlich vom Kopf gerissen hatte, und sie schleuderte die Kappe dem Fortstürmenden mit einem kreischenden Zuruf nach.

Ich war verblüfft über die Häßlichkeit des Zwerggeschöpfes, das sich so männlich und so kindlich zu gleicher Zeit gebärden konnte, und das sich jetzt aus der Ferne umschaute, seine Mütze an sich riß und den Frauen die Zunge herausstreckte.

Ein wenig weiter fort begegnete ich einem kleinen verwachsenen Weib, das einen melonengroßen Kopf hatte. Die Frau reichte mir nicht bis zur Hüfte. Einen Krug trug sie in der Hand, den sie kaum schleppen konnte.

Überall sah ich ähnliche Wesen. Neben den gut gewachsenen Gestalten unter den Ladentüren und in den Werkstätten stand oder saß oder schabernakte ein koboldartiges Zwergwesen. Es schien mir, als sei jede Familie mit solch einem Geschenk der Hölle belastet.