Geschichten

Part 7

Chapter 73,635 wordsPublic domain

Wenzel erwidert: »Ich weiß wohl, wie unfertig und unbeholfen ich bin. Aber ich meine, es kommt in der Kunst allein auf das freche Maul auch nicht immer an. Was sind das für Künstler, deine jugendlichen und ältlichen Herren Liebhaber, von denen du mir da vorredest, diese von Beck und von Müller und von Almen. Soviel wie die kann ich bald auch noch. Aber freilich, ein glänzendes Auftreten, unverfroren wie nichts in der Welt sonst, das besitzen sie. Da kann ich ihnen lange nachspringen, bis ich sie nur eingeholt, geschweige denn überflügelt habe. Das ist allerdings traurig. Aber wenn du mir zumutest, statt an den schönen Schauspielen zu hängen, Gedichte zu machen, so muß ich dir meinerseits danken.«

Der Dramatische Verein führt ein Stück von Schönthan auf. Wenzel soll einen prinzlichen Lakaien spielen, der unter anderem eine Ohrfeige hinzunehmen hat. Nein, das kann er nicht spielen, das ist zu elend. Das verletzt zu sehr. Er flüchtet am Aufführungsnachmittag in die Berge. Der wilde, kalte Wind braust, die hohen Tannen biegen und beugen sich, wie gut und natürlich ist das, im Vergleiche zum ohrfeigengewärtigenden Lakaien. Er bleibt der Vorstellung fern, es ist zu dumm, zu vernichtend, zu nichtswürdig, er kann nicht. »Habe ich solchermaßen Liebe zur Bühne?« denkt Wenzel, »ist das Liebe?« Die Rolle ist ihm nicht gut genug, und da fragt er sich nun, ob das der Beweis seiner Unfähigkeit sei, auf der Bühne aufzutreten. Sein Gewissen sagt ihm: »Die Liebe und die Leidenschaften vertragen alles, auch eine Ohrfeige.«

Nach Verlauf zweier Monate befindet sich Wenzel in einer entfernten größeren Stadt, er verdient sich sein Leben in einem Speditionsgeschäft, er bezieht Gehalt, er spart, er nimmt Unterricht, regelrechten, bei einem anerkannt tüchtigen Heldenspieler. Jetzt wird die Sache doch wohl endlich vorwärtsgehen. Er macht Lungen-, Zungen-, Lippen- und Atemübungen und lernt Vokale und Konsonanten richtig und deutlich aussprechen. Es imponiert ihm, wie methodisch der Unterricht sich vorwärtsbewegt, und der Schauspieler sagt ihm: »Sie machen Fortschritte«. In diesem Moment erhält der Lehrer und Erzieher folgenden Brief vom Vater Wenzels:

An den Schauspieler Jank.

Sie geben meinem Sohn Unterricht. Diese Neuigkeit ist mir zu meinem großen Leidwesen durch dortige Verwandte, bei denen Wenzel, dieser, wie es scheint, höchst Ungeratene, in Kost und Logis lebt, zugegangen. Sie sollen das nicht tun, Sie sollen das schleunigst aufgeben. Der leidigen Affären habe ich mit meinem Sohne nun schon genug gehabt. Traurig ist, daß Sie, an den sich der Schlingel heranzumachen verstanden hat, denselben nicht augenblicklich fortgeschickt haben, sondern ihn, wie ich erfahre, unterstützen im Glauben und in der Vorliebe für Dinge, die in meinen und anderer gesetzt lebenden Menschen Augen von jeher als unanständig gegolten haben. Das fehlt noch, daß mein Sohn, als ein Sproß braver, bürgerlicher Eltern, zu den Lumpenkomödianten übertreten sollte und sich zu den Gesellen zählen müßte, die die Schande, in welcher sie herumlottern und leben, gar noch für etwas Gutes und Erlaubtes halten. Ich kann mir denken, daß es Ihnen willkommen ist, einen Nebenverdienst durch Unterrichtgeben zu gewinnen, aber der Unterricht, den Sie und die Leute Ihrer Verfassung und Umgebung erteilen, schadet, er ist etwas Sündhaftes, er wirkt verderblich auf Moral und Charakter. Wer Sie sind, weiß ich nicht, es genügt, daß ich das Gefühl habe, Sie gehören zu denjenigen Menschen, deren Stellung in der Welt keine, deren Tun unvertrauenswert und deren Lebensweise eine tief zerrüttete ist. Ich habe angedeutet, zu welcher Klasse von Leuten gehörig ich Sie vermute. Wenzel ist ein Taugenichts und verdiente, bei Ihnen gelassen zu werden. Vielleicht haben Sie soviel letzte Ehre, Herr Schauspieler und Bühnenkomödiant, auf diese Worte den Bengel die Treppe hinunterzuwerfen, anderenfalls steht mir die Hilfe der Polizei zur raschen Verfügung.

Achtungsvoll

der Vater von Wenzel.

Der gesegnete Unterricht hat damit ein Ende. Der Heldenspieler sagt zu Wenzel: »Sehen Sie, ein solcher Mensch ist Ihr Vater. Ich kann ihn verklagen, wenn ich will, aber ich tu's nicht. Seine Beleidigungen treffen mich nicht, und damit ist es gut. Er hat von uns Künstlern die Meinung eines borniert-bürgerlich denkenden Menschen, und es fragt sich, wer von uns beiden der bessere und gutwilligere Staatsbürger ist, ich oder Ihr Herr Vater.«

Wenzel geht nach Hause und macht seinen Tanten, bei denen er wohnt, Vorwürfe. Er sagt: »Was habt ihr euch in meine Kunstzwecke und -ziele einzumischen gehabt? So! Jetzt ziehe ich von euch weg, habt ihr verstanden? Die guten Konfitüreomeletten, die man hier ißt, sind kein genügender Grund, sich ruhig die Verbindungen mit so vortrefflichen Leuten, wie dem guten Heldenspieler, abknüpfen und abknipsen zu lassen. Meinetwegen eßt sie selber. Ich bin alt genug, daß ich im Restaurant essen und wohnen kann, wo es mir behagt. Zum Ersten ziehe ich aus. Und in dieser Stadt bleibe ich überhaupt nicht mehr sehr lange. Sie ist mir verleidet.«

In der Tat, Wenzel reist bald ab. Er packt seine Schauspielergedanken in seinen Handkoffer, auch die Klassiker vergißt er nicht. Er fährt nach dem Schwabenland. Dort hat man ihm aber eines Tages dann ganz gehörig die Meinung gesagt, es hat einfach geheißen: »Junger Mann, von wo Sie auch abstammen, gut oder minder gut bürgerlich, Ihnen fehlen die göttlichen Funken!«

Paganini

Variation

Der Konzertsaal war dichtgedrängt voll von Menschen, da trat Paganini, die Geige in der Hand, hervor und fing ohne die mindesten Umschweife und Komplimente an zu spielen, indem er frei von der Seele weg phantasierte. Paganini wußte nie zum voraus, was und wie er spielen würde; ebensowenig musizierte er, als wenn er für ein geehrtes Publikum Musik machen sollte und wollte. Nein, er spielte wie für sich selber oder wie für niemanden; er spielte so wie es ihn packte, und einmal das Spiel begonnen, vergaß er, daß er spielte.

Auch diesmal war das so, auch heute, wo doch Fürsten und Fürstinnen im Saale saßen, um ihm zu lauschen, wußte er gar nicht, wo er war, spielte er, als spiele er für niemanden.

Aber gerade darum spielte er so schön. Er spielte, wie wenn er der Sklave seines Zauberspieles sei, und das Spiel der dämonische Zauberer. Nicht er selber war so sehr der Dämon als vielmehr es, das Spiel, ganz allein, und er, der Spieler, der Unterjochte, darum spielte er, als sei er der blasse silberne Mond, der sich taucht in das mitternächtliche tiefe schwarze Wasser; als sei er der blitzende Stern am dunklen stillen Himmel; als sei er das Wort im Mund des Liebenden, redend zu der Geliebten; als sei er eine Nachtigall und wisse sich nicht zu lassen vor Lust am Klagen und süßen Seufzen, als sei er das stolze feurige Pferd und galoppiere in die Schlacht, als sei er der verwundete Krieger in der Schlacht und müsse sterben an seinen Wunden; als sei er wieder das sechzehnjährige Mädchen und träume von Liebe; als sei er der Kuß, gegeben und empfangen von zwei schönen zuckenden, fiebernden Lippenpaaren und ziehe sich in die Länge, als müßten zwei, die sich sterblich lieben, für immer grausam voneinander Abschied nehmen, am letzten feierlichen Kuß noch recht lange lechzend.

So spielte er, und die Zuhörer hatten Tränen in den Augen. Den bösesten Wüstling und Rohling überfielen Zartheiten, deren Gewalt er sich nicht erwehren konnte, die Männer vergaßen, daß sie Männer seien und überließen sich völlig dem Genuß des Horchens und Empfindens; und die Frauen fühlten sich geküßt und geherzt von einem eingebildeten Geliebten, der sinnlich überirdisch sich auf sie niederstürzte, ganz Liebkosung.

So spielte er. Gleich einem Engel spielte er, und viele Hörer deckten sich die Augen zu, um mit inneren Augen in das Reich der Seele, der Liebe und der strahlenden Schönheit zu schauen. Oftmals aber wieder wetterte und zürnte er wie das tobende, krachende, zischende und stürmende Ungewitter, der grollende, zürnende Donner rollte, und ein schwarzer, mit Zorn und Finsternis geladener Himmel sank in den Konzertsaal, und der Blitz zuckte jäh umher mit seinen schauerlich schönen, jähzornig-anmutigen Zickzacklinien. Unmittelbar darauf verlor er sich in süßen, sonnigen, goldenen Harmonien, daß die Leute meinten, sie seien in den Himmel gekommen und alles um sie her sei blau von Freude, Güte und Liebe. Dies war eine Art von allesumfassender Liebe, eine Art von Schwelgen und Schmelzen in Seligkeiten. Paganinis Musik glich oft einer hinreißend schönen Predigt, und die strenggläubigsten Leute besuchten gern sein Konzert, das einen Feuerstrom von Religion enthielt. Auch heute wieder spielte er wie ein Prediger des Wortes Gottes; nur waren es Töne, nicht Worte, und der Mund, mit dem er redete, war seine Geige, der er die ganze Tonwelt entlockte. Bald jammerte und bald jubelte er; bald loderte er wie das Feuer und bald zerfloß er wie weicher nasser Schnee unter dem Kuß der Sonne. Auf einmal war er das Meer; dann wieder glich er der keuschen schüchternen Blüte, aber immer war er wahr und groß und er spielte ohne alle Umstände. Die Musik war ihm wie das wogende Leben selber; wie hätte er da eitel sein können? Er litt ja unter der Kunst; sie war seine süße unerbittliche Herrin, der Felsen, den er zu erklettern, der Widerstand, den er zu besiegen, der Himmel, den er von neuem immer wieder zu erstürmen und zu erobern hatte.

Auch an diesem Abend war das wieder so: er lebte, indem er spielte und war ganz nur Mensch, wo er konzertierte. Alle, die ihm zuhörten, fühlten das. Wer gehässig und überdrüssig war, der fing an zu lieben und zu beten beim Anhören des wunderbaren Spieles, das in die Seelen strahlte wie Sonnenstrahlen. Die Abneigung mußte sich in Neigung, der Unmut sich in Mut, die Unlust sich in Lust und der Unsegen sich in Segen verwandeln. So bannte und bezauberte er das Publikum, sich selber bezaubernd. Erinnerungen machte er aufsteigen, und lange Zeit schon Totes und Verschüttetes erweckte er zum Leben; dafür war, wer ihm lauschte, ganz nur Aufmerksamkeit, ganz nur Ohr.

Da plötzlich, als sei er erwacht aus einem schönen Traum, endete er sein Spiel. Da war es den Leuten ums Herz, als sei die ganze Zeit über, während er gespielt hatte, der Himmel offen gewesen, und nun sei der Anblick ihnen wieder verloren gegangen. Still erhoben sie sich von den Plätzen und gingen nach Hause.

Die Schlacht bei Sempach

Eines Tages, mitten im heißen Sommer, zog sich auf der staubbedeckten Landstraße ein Heereszug in die Luzerner Gegend langsam dahin. Die helle, eigentlich mehr als helle Sonne blendete auf die tanzenden Rüstungen herab, auf Rüstungen, die Menschenkörper bedeckten, auf tanzende Rosse, auf Helme und Stücke Gesichter, auf Pferdeköpfe und Schweife, auf Zieraten und Büsche und Steigbügel, die groß waren wie Schneeschuhe. Rechts und links von dem glänzenden Heereszug breiteten sich Wiesen mit Tausenden von Obstbäumen aus, bis an Hügel heran, die aus der blau-duftenden, halb verschwommenen Ferne wie leise und behutsam gemalte Dekorationen winkten und wirkten. Es war eine vormittäglich drückende Hitze, eine Wiesenhitze, eine Gras-, Heu- und Staubhitze, denn Staub wurde aufgeworfen, wie dicke Wolken, die manchmal Stücke und Teile vom Heer einhüllen wollten. Schleppend, stampfend und nachlässig ging die schwere Kavalkade vorwärts; sie glich oft einer schillernden, langen Schlange, oft einer Eidechse ungeheuren Umfanges, oft einem großen Stück Tuch, reich von Figuren und farbigen Formen durchwoben und feierlich nachgezogen, wie Damen, meinetwegen ältliche und herrische, gewöhnt sind, Schleppen nachzuziehen. In der ganzen Art und Weise dieses Heergewoges, im Stampfen und Klirren, in diesem schnöden schönen Gerassel lag ein einziges »Meinetwegen« enthalten, etwas Freches, sehr Zuversichtliches, etwas Umwerfendes, träg beiseite Schiebendes. Alle diese Ritter unterhielten sich, so gut es durch die stählernen Mäuler gehen wollte, in fröhlichem Wortgefecht miteinander; Lachen ertönte und dieser Laut paßte vorzüglich zu dem hellen Ton, den die Waffen und Ketten und goldenen Gehänge verursachten. Die Morgensonne schien manches Blech und feinere Metall noch zu liebkosen, die Pfeifentöne flogen zu der Sonne herauf; ab und zu reichte einer der vielen zu Fuß daherstelzenden Diener seinem reitenden Herrn einen delikaten Bissen, an eine silberne Gabel gesteckt, zum schwankenden Sattel hinauf. Wein wurde flüchtig getrunken, Geflügel verzehrt und nicht Eßbares ausgespuckt, mit einer leichten, sorglosen Gemütlichkeit, denn es ging ja in keinen ernsthaften, ritterlichen Krieg, es ging zu Abstrafung, Notzucht, zu blutigen, höhnischen, schauspielerischen Dingen, so dachte jeder; und jeder erblickte schon die Masse von abgeschlagenen Köpfen, die die Wiese blutig färben sollten. Unter den Kriegsherren befand sich mancher wundervolle junge adelige Mensch in herrlicher Bekleidung, zu Pferd sitzend wie ein vom blauen, ungewissen Himmel niedergeflogener männlicher Engel. Mancher hatte den Helm, um es sich bequem gemacht zu haben, abgezogen und einem Troßbuben zum Tragen herabgereicht und zeigte so der freien Luft ein sonderbar von Unschuld und Übermut schön gezeichnetes Gesicht. Man erzählte die neuesten Witze und besprach die jüngsten Geschichten von galanten Frauen. Wer ernst blieb, wurde zum besten gehalten; eine nachdenkliche Miene schien man heute unanständig und unritterlich zu finden. Die Haare der Jünglinge, die ihren Helm abgenommen hatten, glänzten und dufteten von Salben und Öl und wohlriechendem Wasser, das sie sich aufgeschüttet hatten, als habe es gegolten, zu einer koketten Dame zu reiten, um ihr reizende Lieder vorzusingen. Die Hände, von denen die eisernen Handschuhe abgestreift worden, sahen nicht kriegerisch, vielmehr gepflegt und verhätschelt aus, schmal und weiß wie Hände von jungen Mädchen.

Einer allein in dem tollen Zug war ernst. Schon sein Äußeres, eine tiefschwarze, von zartem Gold durchbrochene Rüstung, zeigte an, wie der Mensch, den sie deckte, dachte. Es war der edle Herzog Leopold von Österreich. Dieser Mann sprach kein Wort; er schien ganz in sorgenvolle Gedanken versunken. Sein Gesicht sah aus wie das eines Menschen, der von einer frechen Fliege um das Auge herum belästigt wird. Diese Fliege wird wohl seine böse Ahnung gewesen sein, denn um seinen Mund spielte ein fortwährendes verächtlich-trauriges Lächeln; das Haupt hielt er gesenkt. Die ganze Erde, so heiter sie auch aussah, schien ihm zornig zu rollen und zu donnern. Oder war es nur der trampelnde Donner der Pferdehufe, da man jetzt eine hölzerne Reußbrücke passierte? Immerhin: etwas Unheilverkündendes wob schauerlich um des Herzogs Gestalt.

* * * * *

In der Nähe des Städtchens Sempach machte das Heer Halt; es war jetzt so um zwei Uhr nachmittags. Vielleicht war es auch drei Uhr; es war den Rittern so gleichgültig, wieviel Uhr es sein mochte; ihretwegen hätte es zwanzig Uhr sein dürfen: sie würden es auch in der Ordnung gefunden haben. Man langweilte sich schon schrecklich und fand jede leise Spur von kriegerischer Maßregel lächerlich. Es war ein stumpfsinniger Moment, es glich einem Scheinmanöver, wie man jetzt aus den Sätteln sprang, um Stellung zu nehmen. Das Lachen wollte nicht mehr tönen, man hatte schon so viel gelacht, eine Ermattung, ein Gähnen stellte sich ein. Selbst die Rosse schienen zu begreifen, daß man jetzt nur noch gähnen könne. Das dienende Fußvolk machte sich hinter die Reste der Speisen und Weine, soff und fraß, was es noch zu fressen und zu saufen gab. Wie lächerlich dieser ganze Feldzug allen erschien! Dieses Lumpenstädtchen, das noch trotzte: wie dumm das war!

Da ertönte plötzlich in die furchtbare Hitze und Langeweile hinein der Ruf eines Hornes. Eine eigentümliche Ankündigung, die ein paar aufmerksamere Ohren horchen ließ: Was kann da nun sein? Horch: schon wieder. Da tönte es schon wieder, wirklich, und man hätte allgemein glauben sollen, diesmal ertöne es in weniger weiter Entfernung. »Aller guten Dinge sind drei«, lispelte ein geckiger Witzbold; »töne doch noch einmal, Horn!« Eine Weile verging. Man war etwas nachdenklich geworden; und nun, mit einem Mal, fürchterlich, als hätte das Ding Flügel bekommen und reite auf feurigen Ungeheuern daher, flammend und schreiend, setzte es noch einmal an, ein langer Schrei: Wir kommen! Es war in der Tat, als bekomme da plötzlich eine Unterwelt Lust, durch die harte Erde durchzubrechen. Der Ton glich einem sich öffnenden dunklen Abgrund und es wollte scheinen, als ob jetzt die Sonne aus einem finsteren Himmel herableuchte, noch glühender, noch greller, aber wie aus einer Hölle, nicht wie aus einem Himmel herab. Man lachte auch jetzt noch; es gibt ja Momente, wo der Mensch glaubt, lächeln zu sollen, während er sich vom Entsetzen angepackt fühlt. Die Stimmung eines Heereszuges von vielen Menschen ist schließlich ja nicht viel anders als die Stimmung eines einzelnen, einsamen Menschen. Die ganze Landschaft in ihrer brütend weißlichen Hitze schien jetzt nur noch immer Tut zu machen, sie war zum Hörnerton geworden; und nun warf sich denn auch alsobald zu dem Tonraum, wie aus einer Öffnung, der Haufe von Menschen heraus, denen der Ruf vorangegangen war. Jetzt hatte die Landschaft keine Kontur mehr; Himmel und sommerliche Erde verschwammen in ein Festes; aus der Jahreszeit, die verschwand, war ein Fleck, ein Fechtboden, ein kriegerischer Spielraum, ein Schlachtfeld geworden. In einer Schlacht geht die Natur immer unter, der Würfel herrscht nur noch, das Gewebe der Waffen, der Haufe Volkes und der andere Haufe Volkes.

Der vorwärtseilende, allem Anschein nach hitzige Volkshaufe kam näher heran. Und der ritterliche Haufe war fest, er schien auf einmal ineinandergewachsen zu sein. Kerle von Eisen hielten ihre Lanzen vor, daß man auf der Lanzenbrücke hätte per Break spazierenfahren können, so dicht waren die Ritter eingeklemmt und so stumpfsinnig stach Lanze an Lanze nach vorn, unbeweglich, unverrückbar, gerade etwas, sollte man gemeint haben, für so eine drängende, stürmende Menschenbrust, die sich daran festspießen könnte. Hier eine stupide Wand von Spitzen, dort Menschen, mit Hemden zur Hälfte bedeckt. Hier Kriegskunst, von der borniertesten Sorte, dort Menschen von ohnmächtigem Zorn ergriffen. Da stürmte nun immer einer und dann der andere, verwegen, um nur dieser ekelhaften Unlust ein Ende zu machen, in eine der Lanzenspitzen toll, verrückt, vom Zorn und von der Wut hingeworfen. Natürlich auf die Erde, ohne nur den behelmten und befiederten Lümmel aus Eisen noch mit der Handwaffe getroffen zu haben, erbärmlich aus der Brust blutend, sich überschlagend, das Gesicht in den staubigen Rossedreck, den hier die adeligen Rosse hinterlassen hatten. So ging's all diesen beinahe unbekleideten Menschen, während die Lanzen, schon von dem Blut gerötet, höhnisch zu lächeln schienen.

* * * * *

Nein: Das war nichts; man sah sich auf der Seite der »Menschen« genötigt, einen Trick anzuwenden. Der Kunst gegenübergestellt, wurde Kunst nötig oder irgendein hoher Gedanke; und dieser höhere Gedanke, in Gestalt eines Mannes von hoher Figur, trat auch alsogleich vor, merkwürdig, wie von einer überirdischen Macht vorgeschoben, und sprach zu seinen Landsleuten: »Sorget ihr für mein Weib und für meine Kinder, ich will euch eine Gasse bohren«; und warf sich blitzschnell, um nur ja nicht an seiner Lust, sich zu opfern, zu erlahmen, in vier, fünf Lanzen, riß auch noch mehrere, so viele, wie er sterbend packen konnte, nach unten, zu seiner Brust, als könne er gar nicht genug eiserne Spitzen umarmen und an sich drücken, um nur ja so recht aus dem Vollen untergehen zu können, und lag am Boden und war Brücke geworden für Menschen, die auf seinen Leib traten, auf den hohen Gedanken, der eben getreten sein wollte. Nichts wird je wieder einem solchen Schmettern gleichen, wie nun die leichten, von der Wut gestoßenen und gehobenen Berges- und Talmenschen hineinschmetterten, in die tolpatschige verruchte Wand hinein, und sie zerrissen und zerklopften, Tigern ähnlich, die eine wehrlose Herde von Kühen zerreißen. Die Ritter waren jetzt fast ganz wehrlos geworden, da sie sich, in ihre Enge gekeilt, kaum nach einer Seite bewegen konnten. Was auf Pferden saß, wurde wie Papier hinuntergeworfen, daß es krachte, wie mit Luft gefüllte Tüten krachen, wenn man sie zwischen zwei Händen zusammenschlägt. Die Waffen der Hirten erwiesen sich jetzt als furchtbar und ihre leichte Bekleidung als gerade recht; um so lästiger waren die Rüstungen für die Ritter. Köpfe wurden von Hieben gestreift, scheinbar nur gestreift und erwiesen sich schon als eingeschlagen. Es wurde immer geschlagen, Pferde wurden umgeworfen, die Wut und die Kraft nahmen immer zu, der Herzog wurde getötet; es wäre ein Wunder gewesen, wenn er nicht getötet worden wäre. Diejenigen, die schlugen, schrien dazu, als gehöre es sich so, als wäre das Töten eine noch zu geringfügige Vernichtung, etwas nur Halbes.

Hitze, Dampf, Blutgeruch, Dreck und Staub und das Geschrei und Gebrüll vermischten sich zu einem wilden, höllischen Getümmel. Sterbende empfanden kaum noch ihr Sterben, so rapid starben sie. Sie erstickten vielfach in ihren prahlerischen Eisenrüstungen, diese adeligen Dreschflegel. Was galt nun noch eine Stellungnahme? Jeder würde gern darauf gepfiffen haben, wenn er überhaupt noch hätte pfeifen können. An die hundert schönen Edelleute ertranken, nein: ersoffen im nahegelegenen Sempachersee; sie ersoffen, denn sie wurden wie Katzen und Hunde ins Wasser gestürzt, sie überpurzelten und überschlugen sich in ihren eleganten Schnabelschuhen, daß es eine wahre Schande war. Der herrlichste Eisenpanzer konnte nur noch Vernichtung versprechen und die Verwirklichung dieser Ahnung war eine fürchterlich korrekte. Was war es nun, daß man daheim, irgendwo im Aargau oder in Schwaben, Schloß, Land und Leute besaß, eine schöne Frau, Knechte, Mägde, Obstland, Feld und Wald und Abgaben und die feinsten Privilegien? Das machte das Sterben in diesen Pfützen, zwischen dem straffgezogenen Knie eines tollen Hirten und einem Stück Boden, nur noch bitterer und elender. Natürlich zerstampften die Prachtrosse in wilder Flucht ihre eigenen Gebieter; viele Herren auch blieben, indem sie jählings absteigen wollten, in den Steigbügeln mit ihren dummen Modeschuhen hängen, so daß sie mit den blutenden Hinterköpfen die Wiesen küßten, während die erschreckten Augen, bevor sie erloschen, den Himmel über sich wie eine ergrimmte Flamme brennen sahen. Freilich brachen auch Hirten zusammen, aber auf einen Nacktbrüstigen und Nacktarmigen kamen immer zehn Stahlbedeckte und Eingemummelte. Die Schlacht bei Sempach lehrt eigentlich, wie furchtbar dumm es ist, sich einzumummeln. Hätten sie sich bewegen können, diese Hampelmänner: gut, sie würden sich eben bewegt haben; einige taten es, da sie endlich sich vom Allerunerträglichsten, was sie über dem Leib hatten, befreit hatten. »Ich kämpfe mit Sklaven, o Schande!« rief ein schöner Junge mit gelblich vom Haupt niederquellenden Locken und sank, von einem grausamen Hieb ins liebe Gesicht getroffen, zu Boden, wo er, zu Tode verwundet, ins Gras biß mit dem halb zerschmetterten Munde. Ein paar Hirten, die ihre Mordwaffen aus den Händen verloren hatten, fielen wie Ringer auf dem Ringplatz die Gegner von unten herauf mit Nacken und Kopf an oder warfen sich, den Streichen ausweichend, auf den Hals der Ritter und würgten, bis abgewürgt war.

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