Geschichten

Part 9

Chapter 93,610 wordsPublic domain

Sie fuhren über die Fontankabrücke. Fischhändler von den schwimmenden Fischhandlungen zogen Fische aus den Bassins, kleine Dampfer schossen rauchend vorbei, an der steinernen Balustrade lehnte eine müssige Menge. Ein Eishändler schob seinen rasselnden blauen Wagen über das Pflaster.

»Du hast vielleicht von jemand gehört, dass Stroop zurückgekommen ist oder hast ihn selbst gesehen?« fragte Onkel Kostja beim Abschied.

»Nein, wo sollte ich wohl, wenn er, wie Sie sagen, nicht zurück ist,« meinte Wanja errötend.

»Siehst du, du sagst, es sei nicht heiss und schau nur mal, wie rot du geworden bist,« und die untersetzte Gestalt Konstantin Wassiljewitschs verschwand in der Haustür.

»Weshalb habe ich meine Begegnung mit Stroop verheimlicht?« dachte Wanja und freute sich, dass er ein Geheimnis habe.

* * * * *

Im Lehrerzimmer war es vollgeraucht und die Gläser mit dem schwachen Tee schimmerten im Halbdunkel des Erdgeschosses bernsteingelb. Die Eintretenden bekamen den Eindruck, als bewegten sich die Gestalten in einem Aquarium. Dieser Eindruck wurde noch durch den Regen erhöht, der hinter den Milchglasscheiben herabfloss. Das Gewirr der Stimmen, das Klappern der Teelöffel mischte sich mit dem dumpfen Lärm der grossen Zwischenstunde, der aus der Aula und bisweilen ganz nahe aus den Korridoren herüberdrang.

»Die Sekundaner machen Orlow schon wieder die Hölle heiss; er versteht sich aber auch wirklich keine Stellung zu schaffen.«

»Nun gut, nehmen wir an, Sie stellen ihm eine ungenügende Jahresnote, er bleibt sitzen, -- glauben Sie denn, ihn dadurch zu bessern?«

»Ich verfolge keineswegs korrektionelle Zwecke, ich bemühe mich bloss den Stand der Kenntnisse gerecht abzuschätzen.«

»Unsere Gymnasiasten würden sich entsetzen, wenn sie die Programme der französischen Collèges zu sehen bekämen, von den Seminaren schon gar nicht zu reden.«

»Iwan Petrowitsch dürfte damit kaum zufrieden sein.«

»Unvergleichlich, sage ich Ihnen, unvergleichlich, gestern war er, wie selten, bei Stimme.«

»Sie sind auch gelungen, sagen ein kleines Spiel an und haben den König, den Buben und zwei Trümpfe in der Hand.«

»Spilewski ist ein liederlicher Bengel, und ich begreife nicht, weshalb Sie sich für ihn so ins Zeug legen.«

Alle Stimmen wurden vom scharfen Tenor des Inspektors, eines Tschechen, mit grauem Knebelbart und Kneifer, übertönt:

»Dann möchte ich Sie bitten, meine Herren, auf die Fenster zu achten: niemals über 14 Grad, Zug und Ventilation.«

Allmählich ging man auseinander und im leergewordenen Konferenzzimmer war nur der leise Bass des russischen Lehrers zu hören, der sich mit dem Griechen unterhielt.

»Sonderbare Typen findet man dort mitunter. Für den Sommer hatten sie Klassiker zu lesen aufbekommen, ziemlich viel, und da referiert einer zum Beispiel über den Lermontowschen >Dämon< ex abrupto: >Der Teufel flog über der Erde und erblickte ein Mädchen.< -- Wie hiess denn dieses Mädchen? -- >Lisa.< -- Na, es hiess zwar Tamara. -- >Zu Befehl, Tamara.< Nun, und weiter? -- >Er wollte das Mädchen heiraten, aber der Bräutigam kam dazwischen; dann schlugen die Tataren den Bräutigam tot.< -- Nun, heiratete der Dämon darauf Tamara? -- >Nein, gar nicht; der Engel kam dazwischen und vertrat ihm den Weg: so blieb der Dämon denn ein Junggeselle und begann alles zu hassen<.«

»Ich finde das grossartig . . .«

»Oder eine Kritik über Turgenjews Rudin: >Er war ein schlechter Mensch, er sprach immerfort und tat nichts; später geriet er in Gesellschaft von leeren Menschen, und da wurde er auch getötet.< -- Weshalb, frage ich, halten Sie Arbeiter und überhaupt alle Teilnehmer einer Volksbewegung, in der Rudin ums Leben kam, für leere Leute? -- >Zu Befehl, er ist für die gute Sache gefallen<.«

»Es war ganz unnütz, dass Sie die persönliche Meinung dieses jungen Mannes über seine Lektüre zu erfahren suchten. Das macht ja den Militärdienst, wie das Kloster, wie fast jede ausgearbeitete Glaubenslehre, so anziehend, dass sie ein fertiges und bestimmtes Verhältnis zu allen möglichen Erscheinungen und Begriffen geben. Für schwache Naturen ist das eine feste Stütze und das Leben wird unglaublich leicht, wenn die Notwendigkeit, ethisch schaffen zu müssen, in Fortfall kommt.«

Im Korridor wartete Wanja auf Daniil Iwanowitsch.

»Was wünschen Sie, Smurow?«

»Ich möchte mit Ihnen privatim sprechen, Daniil Iwanowitsch.«

»Worüber?«

»Über das Griechische.«

»Hapert's denn bei Ihnen?«

»Ich habe eine genügende Note.«

»Was brauchen Sie also?«

»Nein, ich möchte mit Ihnen überhaupt über Griechenland sprechen, bitte, Daniil Iwanowitsch, erlauben Sie mir zu Ihnen zu kommen.«

»Ja, bitte, bitte. Meine Adresse kennen Sie? Obgleich das mehr als sonderbar ist: ein Mensch, der eine genügende Note hat und mich privatim über Griechenland zu sprechen wünscht. Ich bitte, kommen Sie. Ich wohne allein, von sieben bis elf Uhr stehe ich zu Ihrer Verfügung.«

Daniil Iwanowitsch war schon im Begriff, die mit einem Läufer belegte Treppe hinaufzusteigen, blieb aber stehen und rief Wanja zu:

»Sie, Smurow, denken Sie sich nur nicht irgend etwas: nach elf bin ich auch zu Hause, aber ich gehe schlafen und bin dann höchstens der allerprivatesten Erklärungen fähig, deren Sie wahrscheinlich nicht benötigen.«

* * * * *

Wanja hatte mehr als einmal Stroop im Sommergarten getroffen. Und ohne es selbst zu merken, erwartete er ihn, setzte sich immer in dieselbe Allee, und wenn er fortging ohne Stroops leichten, wenn auch absichtlich zögernden Gang gehört zu haben, so betrachtete er aufmerksam alle männlichen Gestalten, die an Stroop erinnerten. Einmal, als er ohne Stroop erwartet zu haben, durch einen Teil des Gartens schlenderte, den er sonst nicht aufzusuchen pflegte, traf er Koka, der mit aufgeknöpftem Mantel daherkam.

»Hier trifft man dich also, Iwan! Was, gehst du spazieren?«

»Ja, ich bin ziemlich häufig hier, aber worum handelt es sich?«

»Weshalb sehe ich dich denn nie? Sitzest du vielleicht auf der anderen Seite?«

»Wie sich's macht.«

»Stroop, den treffe ich täglich hier und habe sogar den Verdacht, dass wir beide zu gleichem Zwecke her kommen.«

»Ist denn Stroop wieder zurück?«

»Schon seit einiger Zeit. Nata und alle wissen es, und was für eine Gans Nata auch sein möge, es bleibt dennoch eine Schweinerei, dass er nicht zu uns kommt, als seien wir eine Saubande.«

»Was hat Nata damit zu schaffen?«

»Sie versucht Stroop einzufangen und das ganz vergeblich: er wird überhaupt nicht heiraten, und gar noch Nata; ich glaube, dass er auch mit dieser Ida Holberg bloss ästhetische Gespräche führt und ich rege mich ganz unnütz auf.«

»Regst du dich denn auf?«

»Selbstverständlich, wenn ich nun schon 'nmal in sie verliebt bin!« und vergessend, dass er mit Wanja sprach, der von seinen Angelegenheiten keine Ahnung hatte, wurde Koka lebhaft: »Ein wunderbares Mädchen, gebildet, musikalisch, eine Schönheit und reich . . . reich! Sie hinkt nur. Und ich komme jeden Tag hierher, um sie zu sehen. Sie geht hier zwischen drei und vier spazieren und ich fürchte, Stroop kommt aus demselben Grunde hierher, wie ich.«

»Ist denn Stroop auch in sie verliebt?«

»Stroop! Nu nee, mein Lieber, der ist nicht von dieser Sorte. Er hält bloss Vorträge und sie betet ihn förmlich an. Die Verliebtheit Stroops das ist ein anderes, ganz anderes Gebiet.«

»Du bist bloss geärgert, Koka!« . . .

»Unsinn!«

Sie waren gerade an einem Beete mit roten Geranien vorbeigegangen, als Koka ausrief: »Da sind sie ja!« Wanja sah ein hochgewachsenes Mädchen mit blassem rundlichem Gesicht, ganz hellem Haar, aphrodisischem Schnitt der grauen Augen, die jetzt in der Erregung blau geworden waren und einem Munde, wie auf Botticellis Bildern. Sie trug ein dunkles Kleid und ging hinkend, auf den Arm einer ältlichen Dame gestützt, während Stroop an ihrer anderen Seite sagte:

». . . und die Menschen sahen, dass jede Schönheit, jede Liebe von den Göttern kommt, und wurden frei und kühn, und ihnen wuchsen Flügel.«

* * * * *

Schliesslich hatten Koka und Boba eine Loge zu »Samson und Dalila« aufgetrieben. Aber die erste Aufführung wurde durch »Carmen« ersetzt und Nata, auf deren Betreiben dieser ganze Theaterbesuch veranstaltet worden war, weil sie hoffte, Stroop auf neutralem Boden zu treffen, wurde fuchsteufelswild, wusste sie doch, dass Stroop diese allgemein bekannte Oper nicht ohne besondere Veranlassung besuchen werde. Sie trat ihren Platz in der Loge Wanja ab, jedoch nur unter der Bedingung, dass er nach Hause fahren sollte, wenn sie während der Vorstellung doch noch ins Theater käme. Anna Nikolajewna mit den Schwestern Speier und Alexej Wassiljewitsch fuhren in Droschken in die Oper, die jungen Leute hatten sich schon vorher zu Fuss dahin aufgemacht.

Carmen tanzte schon mit ihren Freundinnen bei Lilas Pastja, als Nata, gleichsam als habe sie die Eingebung gehabt, dass Stroop im Theater sei, in der Loge erschien. Sie war ganz in helles Blau gekleidet, gepudert und erregt.

»Nun, Iwan, du wirst dich drücken müssen.«

»Ich bleibe nur bis Aktschluss.«

»Ist Stroop hier?« fragte Nata flüsternd Anna Nikolajewna, neben der sie Platz genommen hatte. Diese wies schweigend mit den Augen auf eine Loge, in der Ida Holberg, eine ältliche Dame, ein blutjunger Offizier und Stroop sassen.

»Das ist geradezu eine Vorahnung, geradezu eine Vorahnung!« sagte Nata, ihren Fächer auf- und zuklappend.

»Armes Kind!« seufzte Anna Nikolajewna.

In der Pause, als Wanja sich anschickte fortzugehen, forderte Nata ihn auf sie ins Foyer zu begleiten.

»Nata, Nata,« kam Anna Nikolajewnas Stimme aus der Tiefe der Loge, »schickt sich das auch?«

Nata eilte stürmisch, Wanja mit sich ziehend, nach unten. Vor einem Spiegel blieb sie stehen, um ihr Haar zu ordnen und betrat dann langsam den Saal, der sich noch nicht mit Publikum gefüllt hatte. Sie trafen Stroop, er ging in ein Gespräch mit dem blutjungen Offizier vertieft, der in der Loge gesessen hatte und sah weder Smurow, noch Nata an und trat sogar gleich in eins der nächsten Durchgangszimmer hinaus, wo sich vor einem Tisch mit Photographien eine aufgedonnerte Verkäuferin langweilte.

»Gehen wir, es ist furchtbar heiss!« sagte Nata, Wanja in der Richtung mit sich ziehend, die Stroop genommen hatte.

»Durch jenen Ausgang haben wir es näher zu unseren Plätzen.«

»Als ob es nicht einerlei wäre!« fuhr ihn das Mädchen an, das in seiner Eile das Publikum fast gewaltsam auseinanderstiess.

Stroop bemerkte jetzt die beiden und beugte sich über die Photographien. Als sie neben ihm standen, sprach Wanja ihn laut an:

»Larion Dmitrijewitsch!«

»Ah, Wanja,« machte der, sich umkehrend: »Natalja Alexejewna, pardon, ich habe Sie nicht gleich bemerkt.«

»Ich hätte nicht erwartet, Sie hier zu treffen,« begann Nata.

»Weshalb? Ich liebe >Carmen< sehr und werde ihrer niemals überdrüssig, in ihr steckt ein tiefer und echter Pulsschlag des Lebens und über alles ist Sonne ausgegossen; ich verstehe, dass Nietzsche sich für diese Musik begeistern konnte.«

Nata hörte schweigend zu und sah schadenfroh mit ihren geröteten Augen zum Sprecher hinüber, dann sagte sie:

»Ich wundere mich nicht darüber, dass ich Sie zur >Carmen< treffe, sondern, dass ich Sie in Petersburg und nicht bei uns sehe.«

»Ja, ich bin vor zwei Wochen zurückgekommen.«

»Allerliebst!«

Sie begannen im leeren Korridor, an den schlummernden Lakaien vorüber, auf und ab zu gehen und Wanja betrachtete, an der Treppe stehenbleibend, interessiert das sich immer mehr mit roten Flecken bedeckende Gesicht Natas und das ihres geärgerten Begleiters. Die Pause war zu Ende, und Wanja stieg langsam die Treppe zum Balkon hinauf, um sich anzukleiden und nach Hause zu gehen, da holte Nata, das Taschentuch vor dem Munde, ihn fast laufend ein.

»Es ist schändlich, hörst du, Wanja, schändlich, wie dieser Mensch mit mir spricht,« flüsterte sie Wanja zu und lief nach oben. Wanja wollte sich von Stroop verabschieden und stieg nach einigem Zaudern wieder die Treppe zum unteren Korridor hinunter; dort stand Stroop und der Offizier am Eingang zur Loge.

»Adieu, Larion Dmitrijewitsch,« sagte Wanja, der tat, als gehe er in seine Loge nach oben.

»Gehen Sie denn schon?«

»Ich war ja nicht auf meinem Platze: Nata kam und ich wurde überflüssig.«

»Was für ein Unsinn, kommen Sie zu uns in die Loge, wir haben freie Plätze. Der letzte Akt ist einer der besten.«

»Macht das nichts, dass ich in die Loge komme: ich bin doch nicht bekannt?«

»Natürlich macht es nichts: Holbergs lieben keine Umstände, und Sie sind ja noch ein Knabe, Wanja.«

Als sie in die Loge traten, beugte sich Stroop zu Wanja, der ihm zuhörte, ohne den Kopf zu wenden:

»Und dann, Wanja, werde ich vielleicht bei Kasanskis nicht mehr vorkehren; wenn es Ihnen recht ist, werde ich immer froh sein, Sie bei mir zu sehen. Sie können sagen, dass Sie mit mir Englisch treiben; aber es wird Sie ja niemand fragen, wohin und wonach Sie gehen. Bitte, Wanja, kommen Sie.«

»Schön. Aber haben Sie sich denn mit Nata verzankt? Sie werden sie nicht heiraten?« fragte Wanja, ohne den Kopf zu wenden.

»Nein,« sagte Stroop ernst.

»Wissen Sie, es ist sehr gut, dass Sie sie nicht heiraten, denn sie ist schrecklich widerlich, der reine Frosch!« lachte Wanja plötzlich auf, Stroop sein Gesicht ganz zukehrend, und fasste, ohne zu wissen warum, dessen Hand.

* * * * *

»Es ist interessant, wie gut wir das sehen, was wir zu sehen wünschen und das verstehen, was wir suchen. So fanden die Römer und romanischen Völker des XVII. Jahrhunderts bei den griechischen Tragikern nichts, als die drei Einheiten, das XVIII. Jahrhundert rollende Tiraden und Befreiungsideen, die Romantiker die Heldentaten eines hohen Heroismus und unsere Zeit die scharfe Nuance des Primitiven und das Klingersche Leuchten der Fernen . . .«

Wanja hörte zu und betrachtete das noch in Abendsonne getauchte Zimmer: an den Wänden bis zur Decke reichende Bücherbretter voll ungebundener Bücher, Bücher auf Tischen und Stühlen, ein Käfig mit einer Drossel, ein gelähmter junger Kater auf dem Lederdiwan und einsam in einer Ecke ein kleiner Antinouskopf, gleichsam der Hausgott dieser Wohnung. Daniil Iwanowitsch, in Filzpantoffeln, sorgte für den Tee, zog aus dem eisernen Ofen Käse und Butter in Papierhüllen hervor und der Kater folgte, ohne den Kopf zu wenden, mit seinen grünen Augen den Bewegungen seines Herrn. »Und weshalb haben wir uns bloss eingebildet, dass er alt sei, wo er doch noch ganz jung ist,« dachte Wanja, der erstaunt den kahlen Kopf des kleinen Griechen betrachtete.

»Im XV. Jahrhundert hatte sich bei den Italienern bereits die Anschauung gefestigt, dass die Freundschaft des Achilleus und Patroklos, wie die des Orest und Pylades sodomitische Verhältnisse waren, während sich bei Homer keine direkten Hinweise hierauf finden.«

»Haben die Italiener sich denn das selbst ausgedacht?«

»Nein, sie hatten recht, aber es handelt sich darum, dass allein das zynische Verhalten zu jeder Art der Liebe sie zu einem Laster macht. Handle ich sittlich oder unsittlich, wenn ich niese, den Staub vom Tische wische, den Kater streichle? Allein diese selben Handlungen können dennoch verbrecherisch sein, wenn ich, sagen wir zum Beispiel, mit meinem Niesen einem Mörder die zum Morde günstige Zeit angebe usw. Jemand, der kaltblütig, ohne Wut einen Mord begeht, beraubt diese Handlung jeglicher ethischer Färbung, es bleibt nur noch die zwischen Mörder und Opfer, zwischen Liebenden, zwischen Mutter und Kind bestehende mystische Gemeinschaft.«

Es war ganz dunkel geworden und man konnte durch das Fenster die Dächer der Häuser und in der Ferne die Isaakskathedrale auf dem schmutzig-rosa Himmel, der ganz in Rauch gehüllt war, kaum noch unterscheiden.

Wanja schickte sich an, nach Hause zu gehen; der Kater humpelte, von Wanjas Mütze, wo er gelegen hatte, vertrieben, auf seinen verkrüppelten Vorderpfoten weiter.

»Sie sind gewiss ein guter Mensch, Daniil Iwanowitsch, allerhand Krüppel lesen Sie auf.«

»Der Kater gefällt mir und es ist mir angenehm, ihn bei mir zu haben. Wenn das tun, was einem Vergnügen macht, gut sein heisst, dann bin ich gut.«

»Sagen Sie bitte, Smurow,« sagte Daniil Iwanowitsch, Wanja zum Abschied die Hand drückend, »sind Sie selbst darauf verfallen mit griechischen Unterhaltungen zu mir zu kommen?«

»Ja, das heisst, diesen Gedanken hat mir vielleicht jemand anderes eingegeben.«

»Wer denn, wenn es kein Geheimnis ist?«

»Nein, weshalb wohl? Aber Sie kennen ihn nicht.«

»Vielleicht doch?«

»Ein gewisser Stroop.«

»Larion Dmitrijewitsch?«

»Kennen Sie ihn denn?«

»Sogar sehr nahe,« antwortete der Grieche, Wanja mit der Lampe die Treppe hinunterleuchtend.

* * * * *

Die geschlossene Kajüte des kleinen finnischen Newadampfers war ganz leer, aber Nata, die sich vor Zugwind und Zahngeschwüren fürchtete, führte die ganze Gesellschaft gerade hierher.

»Es gibt ganz und gar keine Landhäuser mehr!« sagte Anna Nikolajewna, die müde geworden war. »Alle gleich schlecht, mit Ritzen und Zugwind!«

»In einem Sommerhause zieht es immer -- was haben Sie denn erwartet? Leben Sie vielleicht das erstemal in der Sommerfrische?«

»Willst du?« bot Koka sein geöffnetes Zigarettenetui, mit einer nackten Dame auf dem Deckel, Boba an.

»Nicht deshalb ist es in der Sommerfrische so urscheusslich, weil es dort scheusslich ist, sondern weil man sich wie auf Biwak, bloss zu vorübergehendem Aufenthalte dorthin gekommen, fühlt. Und das Leben dort ist auch nicht in feste Rahmen eingeteilt, in der Stadt dagegen weiss man immer, was man zu jeder Zeit des Tages zu tun hat.«

»Wenn du nun aber immer, Sommer und Winter, in einem Villenort leben müsstest?«

»Dann wäre es auch nicht so schlimm: ich würde mir ein Programm machen.«

»Das ist richtig,« fiel Anna Nikolajewna ein, »für kurze Zeit hat man keine Lust sich einzurichten. Im vorvorigen Sommer zum Beispiel hatten wir frisch tapezieren lassen und mussten die reinen Tapeten dem Hauswirt schenken; man konnte sie doch nicht herunterreissen.«

»Bedauerst du vielleicht, dass wir sie nicht beschmutzt haben!«

Nata blickte mit einer Grimasse zum Ufer hinüber, wo die Fenster der Paläste im Schein der untergehenden Sonne flammten, während die rosig-goldenen Wellen der Newa hinter dem Dampfer breit und glatt auseinanderrauschten.

»Und dann diese Menge Menschen, jeder weiss alles vom anderen, was gekocht wird, wieviel die Dienstboten Lohn bekommen.«

»Überhaupt ein Ekel!«

»Weshalb ziehst du denn hinaus?«

»Was heisst weshalb? Wo soll man denn bleiben? Etwa in der Stadt?«

»Nun, was wäre denn dabei? Man kann wenigstens bei Sonnenglut auf der Schattenseite gehen.«

»Onkel Kostja denkt sich doch immer etwas aus!«

»Mama,« wandte sich Nata plötzlich um, »reisen wir an die Wolga, Liebe: es gibt dort kleine Städte, Pless, Wassilsursk, wo man sich ganz billig einrichten kann. Warwara Nikolajewna Speier erzählte . . . . Sie lebten in Pless mit einer ganzen Gesellschaft, wisst ihr, dort lebte noch der berühmte Landschaftsmaler Levithan; in Uglitsch haben sie auch gelebt.«

»Nun, in Uglitsch hat man sie, glaub' ich, herausgeschmissen,« warf Koka dazwischen.

»Nun, und hat sie herausgeschmissen, und was ist denn dabei? Uns wird man eben nicht herausschmeissen! Die Wirtsleute sagten ihnen: Sie sind da eine ganze Gesellschaft von Damen und Herren, unsere Stadt ist still, niemand reist hierher, nun so haben wir halt Angst: entschuldigen Sie schon, aber räumen Sie die Wohnung.«

Der Dampfer legte beim Alexandergarten an, im unteren Stockwerke der schwimmenden Anlegebrücke sah man die hellerleuchtete Restaurationsküche, einen Küchenjungen, der Fische abschuppte, und im Hintergrunde den glühenden Herd.

»Tante, ich gehe von hier zu Larion Dmitrijewitsch,« sagte Wanja.

»Nun, meinetwegen geh; hast dir da auch einen Kameraden gefunden!« knurrte Anna Nikolajewna.

»Ist er denn ein schlechter Mensch?«

»Ich sage nicht, dass er ein schlechter Mensch, sondern dass er kein Kamerad für dich ist.«

»Ich treibe mit ihm Englisch.«

»Alles unnützes Zeug, du solltest lieber deine Aufgaben machen . . .«

»Nein, Tante, wissen Sie, ich gehe doch.«

»So geh doch, wer hält dich denn?«

»Küsse dich nur mit deinem Stroop,« setzte Nata hinzu.

»Nun, ich werd' auch, und werd' auch, und niemand hat sich darum zu kümmern!«

»Nun, es käme darauf an,« wollte Boba anfangen, aber Wanja unterbrach ihn, über Nata herfallend.

»Du selbst würdest dich mit ihm küssen, aber er will nicht, weil du . . . ein rothaariger Frosch bist, weil du eine Gans bist! Ja!«

»Iwan, hör auf!« ertönte die Stimme Alexej Wassiljewitschs.

»Was wollen diese Weiber bloss von mir haben? Weshalb lassen sie mich nicht gehen? Bin ich vielleicht ein kleines Kind? Morgen schreibe ich an Onkel Kolja . . .«

»Iwan, hör auf!« rief Alexej Wassiljewitsch, seine Stimme erhebend.

»So ein Bengel, so ein Ferkel, und hat die Frechheit, sich so zu betragen!« regte Anna Nikolajewna sich auf.

»Und Stroop wird dich niemals heiraten, wird dich nicht heiraten, wird dich nicht heiraten! . . .« stiess Wanja, ausser sich, hervor.

Nata wurde sofort still und sagte, fast beruhigt, leise:

»Und Ida Holberg wird er heiraten?«

»Ich weiss nicht,« antwortete Wanja ebenso leise und einfach, »ich glaube kaum,« fügte er dann fast freundlich hinzu.

»Was sind das für Gespräche!« berief sie Anna Nikolajewna. »Du glaubst doch nicht am Ende diesem Bengel?«

»Vielleicht, glaube ich ihm,« brummte Nata und wandte sich zum Fenster.

»Glaube nur nicht, Iwan, dass sie so naiv sind, wie sie scheinen möchten,« beruhigte Boba Wanja, »sie sind überglücklich, dass sie durch dich noch zu Stroop in Beziehung stehen und Nachrichten über Ida Holberg erhalten können; aber wenn du wirklich mit Larion Dmitrijewitsch sympathisierst, sei vorsichtig, verrat dich nicht.«

»Womit verrat ich mich denn?« wunderte sich Wanja.

»Hat mein Rat so bald gefruchtet?« lachte Boba und trat auf den Anlegeplatz hinaus.

* * * * *

Als Wanja die Stroopsche Wohnung betrat, hörte er Gesang mit Klavierbegleitung. Er ging leise in das Arbeitszimmer, links von der Entree, ohne das Empfangszimmer zu betreten, und begann zu lauschen. Eine ihm unbekannte Männerstimme sang:

Am lauen Meer der verdämmernde Abend, Leuchtturmfeuer am dunkelnden Himmel, Verbenenduft beim Ausklang des Festes, Morgenfrische nach schlaflosen Nächten, Ein Gang durch Alleen des Frühlingsgartens, Schreie und Lachen badender Weiber, Am Tempel der Juno die heiligen Pfauen, Händler mit Veilchen, Granaten, Limonen, Tauben girren, es leuchtet die Sonne, -- Wann, Heimatstadt, seh' ich dich wieder!

Und das Klavier hüllte mit tiefen Akkorden die sehnsüchtigen Worte der singenden Stimme in dichte Nebel. Es begann ein Kreuzfeuer von Männerstimmen und Wanja betrat den Saal. Wie liebte er dieses grünliche geräumige Zimmer, in dem die Töne Rameaus und Debussys erklangen, wie liebte er Stroops Freunde, welche den Leuten so unähnlich waren, die er bei Kasanskis traf; diese Diskussionen; diese späten Abendessen der Männer bei Wein und leichtem Geplauder; dieses Arbeitszimmer bis zur Decke voll Bücher, wo Marlowe und Swinburne gelesen wurden, dieses Schlafzimmer mit dem grellgrünen, von einer dunkelroten Girlande tanzender Faune umrandeten Waschbestecke dieses ganz in rotem Kupfer gehaltene Speisezimmer; diese Erzählungen von Italien, Ägypten, Indien; dieses Entzücken, das jede wahre Schönheit aller Länder, aller Zeiten erregte; diese Spaziergänge durch die Parks auf den Newainseln; diese beunruhigenden und doch lockenden Erörterungen; dieses Lächeln im hässlichen Gesichte; dieser moderatmende Duft von Peau d'Espagne; diese mageren, starken, ringgeschmückten Finger, die Schuhe mit den ungewöhnlich dicken Sohlen, -- wie er das alles liebte, ohne zu begreifen, aber schon in einem dunkeln Bann befangen.

* * * * *