Part 8
»Lassen Sie, ich werde ihm selbst den Kragen aufknöpfen,« und liess sich vor mir auf die Knie nieder.
* * * * *
Sogar in mein Zimmer drang der Geruch von Weihrauch und der Kirchengesang von der Seelenmesse des alten Generals herüber. Mitunter schien es mir, als werde mir selbst das Sterbelied gesungen. O wie nah war ich der Wahrheit!
Als die jungen Leute ins Zimmer traten, sagte Pawilikin, die unterbrochene Unterhaltung fortsetzend:
»Und heute, da erhalte ich von Paula Petrowna folgende Zuschrift,« und er begann den aus der Tasche gezogenen Brief vorzulesen:
»Sehr geehrter Herr, Sergej Pawlowitsch! Aus Gründen, die -- scheint mir -- Ihnen zu erklären weiter nicht nötig ist, halte ich Ihre Besuche in diesen, für unsere Familie so schweren Tagen für unangebracht, und ich hoffe, Sie werden nicht verfehlen Ihre Führung mit unserem gemeinschaftlichen Wunsche in Einklang zubringen. Die Zukunft selbst wird zeigen, wie weit die früheren Beziehungen möglich sein werden, aber ich kann Sie versichern, dass meine Nichte, Anastasia Maximowna, im gegebenen Falle mit mir ganz solidarisch ist. Genehmigen Sie usw.«
Er sah Kostja fragend an und der bemerkte:
»Weisst du, von ihrem Standpunkte hat Tante recht, und ich weiss überhaupt nicht, wie meine Schwester dir antworten wird.«
»Aber du gibst doch zu, solche nichtige Gründe! . . .«
»Das heisst, der Tod meines Vaters?«
»Ja, aber ich trage doch keine Schuld daran!«
»Selbstredend . . . Ich las da neulich das Märchen aus >Tausendundeiner Nacht<, wo ein Mensch mit Dattelkernen warf, -- eine durchaus harmlose Beschäftigung -- er traf aber den Sohn eines Geistes ins Auge und lud eine Reihe von Missgeschicken auf sich. Wer kann die Folgen von Kleinigkeiten vorausbestimmen?«
»Wir aber werden doch miteinander verkehren?«
»Oh, zweifelsohne! Ich werde jetzt nicht mehr mit meiner Familie zusammenleben und du wirst mir immer willkommen sein. Das ist dauerhafter, als die Verliebtheit eines Mädchens aus dem Fräuleinstift.«
»Und wird auch durch Dattelkerne nicht gefährdet?«
»Das ist's.«
Sergej umarmte den jungen Gambakow und sie verliessen zusammen das Zimmer. Ich habe Pawilikin nicht wiedergesehen, wie ich überhaupt nur wenige Leute sah, die uns in meinen letzten Ehrentagen aufsuchten.
* * * * *
Frühmorgens kamen Männer in hohen Stiefeln und hoben mich auf, nachdem sie Paula Petrowna gefragt hatten: »Diese hier?« Der Älteste von ihnen fragte immer wieder ob es nicht noch etwas zu verkaufen gäbe, als seine Frage verneint wurde, folgte er den anderen Männern.
Wie sie mich auf die Seite kehrten, um mich durch die Tür zu tragen, rollte etwas auf den Fussboden, von dem -- der Sommer war schon nahe -- die Teppiche bereits entfernt worden waren. Einer von den Männern, die mich trugen, hob den heruntergefallenen Gegenstand auf und reichte ihn der alten Dame mit den Worten:
»Ein Ringchen! Haben es mal aufs Couchettchen fallen lassen und da ist es denn hinter den Bezug geglitten.«
»Es ist gut. Danke!« sagte Tante Paula, erbleichend, und ging aus dem Zimmer, nachdem sie hastig den Ring mit dem stachelbeergrossen Smaragd in ihr Ricule gesteckt hatte.
Flügel
Erster Teil
Im Waggon, der gegen Morgen etwas leerer geworden war, wurde es immer heller; durch die beschlagenen Fenster sah man auf Wiesen hinaus, deren Gras fast giftgrün war, trotzdem der August sich schon zu Ende neigte, aufgeweichte Wege schlängelten sich ins Land, Milchfrauen mit ihren Wagen warteten vor einem herabgelassenen Schlagbaum, Bahnwärterhäuschen und die bunten Sonnenschirme spazierengehender Sommerfrischlerinnen huschten vorüber. Auf den häufigen und einförmigen Haltestellen begannen neue Vorortspassagiere mit Ledermappen unter dem Arm den Wagen zu füllen, und man sah, dass der Waggon, die Fahrt, für sie keine Epoche, nicht einmal eine Episode des Lebens bedeuteten, sondern der gewohnte Teil eines täglichen Programmes waren, und die Bank, auf der Nikolai Iwanowitsch Smurow mit Wanja sass, schien die wichtigste und bedeutungsvollste des ganzen Wagens. Die festverschnürten Handkoffer, die Porteplaids mit den Kissen, der gegenübersitzende alte Herr mit dem langen Haar und der unmodernen Reisetasche über der Schulter, das alles sprach von einer weiteren Fahrt, von einer weniger gewöhnlichen, mehr epochemachenden Reise.
Wanja sah auf den rötlichen Sonnenstrahl, der sich unruhig durch die Rauchwolken der Lokomotive brach und hin und wieder über das dummerhaft scheinende Gesicht des schlafenden Nikolai Iwanowitsch glitt, ihm fiel dabei die knarrende Stimme dieses selben Vetters ein, der ihm dort, weit, »zu Hause«, gesagt hatte: »Geld hat Mama dir keins hinterlassen; du weisst, wir sind selbst nicht reich, aber, als dein Vetter bin ich bereit, dir zu helfen; du hast noch lange zu lernen, zu mir kann ich dich nicht nehmen, ich werde dich zu Alexej Wassiljewitsch in Pension geben und dich besuchen; dort geht es lustig her und man kann dort viele nützliche Leute treffen. Gib dir Mühe; wir wären mit Natascha gern bereit dich zu uns zu nehmen, aber es geht unmöglich; und du selbst wirst es bei Kasanskis heiterer haben: dort gibt es immer junges Volk. Ich werde für dich zahlen; wenn wir die Erbschaft teilen werden, ziehe ich meine Auslagen ab.« Wanja sass im Vorzimmer auf dem Fensterbrett und hörte zu, dabei betrachtete er die Sonne, die eine Ecke des Koffers, die grau und lila gestreiften Hosen Nikolai Iwanowitschs und die gestrichene Diele beleuchtete. Er gab sich keine Mühe den Sinn der Worte zu verstehen und dachte wie seine Mutter gestorben war, wie plötzlich das ganze Haus sich mit Weibern gefüllt hatte, die früher ganz fremd gewesen und jetzt ungewöhnlich nahe zu stehen schienen, er erinnerte sich an alle die Besorgungen, die zu machen waren, die Seelenmessen, die Beerdigung, und ihm fiel ein, wie es plötzlich, nachdem alles vorüber gewesen, leer und öde geworden und ohne Nikolai Iwanowitsch anzusehen, wiederholte er nur mechanisch: »Ja, Onkel Kolja,« obgleich Nikolai Iwanowitsch gar nicht sein Onkel, sondern nur ein Vetter von ihm war.
Und jetzt schien es ihm sonderbar mit diesem trotz alledem ganz fremden Menschen zusammen zu reisen, sich so lange in seiner Nähe aufzuhalten, sich mit ihm über seine Angelegenheiten zu unterhalten, Pläne zu machen. Und er war etwas enttäuscht, obgleich er es schon früher gewusst hatte, dass man bei der Ankunft in Petersburg nicht gleich ins Zentrum der Paläste und grossen Bauten, unter Volksandrang, bei Militärmusik, durch ein hohes Tor einzieht, sondern dass der Weg an langen durch graue Lattenzäune sichtbaren Gemüsegärten, an Kirchhöfen, die aus der Ferne wie romantische Haine aussahen, an sechsstöckigen unter verfallenen Holzhäuschen aufragenden muffeligen Arbeiterkasernen vorbeiführt, dass man durch Russ und Rauch hindurch muss. Also das ist Petersburg! dachte Wanja enttäuscht und interessiert, wie er in die unfreundlichen Gesichter der Gepäckträger blickte.
* * * * *
»Hast du sie durchgelesen, Kostja? Kann ich?« fragte Anna Nikolajewna, vom Tische aufstehend und griff mit ihren langen schon um diese frühe Morgenstunde mit billigen Ringen bedeckten Fingern nach einem Stoss Zeitungen, in denen Konstantin Wassiljewitsch gelesen hatte.
»Ja, es steht nichts Interessantes drin.«
»Was kann es in unseren Zeitungen Interessantes geben? Ich begreife -- im Auslande. Da kann man alles schreiben und verantwortet nötigenfalls, was man geschrieben hat, vor Gericht. Aber bei uns ist es abscheulich, man weiss nicht woran man glauben soll. Die Berichte und Mitteilungen der Regierung sind unrichtig oder belanglos, ein Leben im Innern gibt es bis auf Unterschlagungen und Gerüchte von Spezialkorrespondenten überhaupt nicht.«
»Aber im Auslande gibt es ja auch bloss sensationelle Gerüchte, wobei man für Verbreitung erlogener Nachrichten nicht zu gerichtlicher Verantwortung gezogen wird.«
Koka und Boba löffelten träge in ihren Teegläsern und assen Brot mit schlechter Butter.
»Wohin musst du heute, Nata? Hast du viel zu tun?« fragte Anna Nikolajewna affektiert.
Nata, ein rothaariges Mädchen mit sommersprossenbesätem Gesicht und vulgär gedrungenem Munde, antwortete etwas, mit beiden Backen an einer Semmel kauend. Onkel Kostja, früher Kassierer eines dunklen Spielklubs, hatte lange Finger gemacht und lebte jetzt, nach verbüsster Haft, ohne Stellung und Beschäftigung, bei seinem Bruder. Eben entrüstete er sich über einen Unterschlagungsprozess.
»Jetzt, wo alles erwacht, erstehen neue Kräfte, alles wird lebendig,« erhitzte sich Alexej Wassiljewitsch.
»Ich bindurchaus nicht für jedes Erwachen; Tante Sonin, z. B., ziehe ich vor, wenn sie schläft.«
Es kamen und gingen allerhand Studenten und einfache junge Leute in Jacketts, tauschten ihre aus den Zeitungen geschöpften Eindrücke über das gestrige Rennen aus; Onkel Kostja verlangte Schnaps; Anna Nikolajewna sprach, den Hut auf dem Kopfe, von einer Ausstellung und sah, sich die Handschuhe anziehend, unzufrieden zu Onkel Kostja hinüber, der mit etwas zittriger Hand die Gläser füllte. Mit seinen gutmütigen geröteten Augen umherblickend, sagte er: »Ein Ausstand, meine Freunde, wisst ihr, das, wisst ihr, ist . . .«
»Larion Dmitrijewitsch!« meldete die Köchin, die in die Küche zurückeilte und unterwegs das Teebrett mit den Gläsern und das schmutzige, zusammengeballte Tischtuch mitnahm.
Wanja wandte sich vom Fenster ab, an dem er gestanden hatte, und erblickte im Türrahmen die wohlbekannte Gestalt Larion Dmitrijewitsch Stroops in seinem sackartig breiten Anzuge.
* * * * *
Wanja hatte angefangen sich sorgfältiger zu kämmen und schenkte auch seinem Anzug seit einiger Zeit mehr Aufmerksamkeit. Sein Ebenbild in einem kleinen Wandspiegel betrachtend, sah er gleichgültig ein etwas unbedeutendes rundes Gesicht mit roten Wangen, grossen grauen Augen, einem hübschen Mund mit kindlich dicken Lippen und blondem Haar vor sich, das nicht ganz kurz geschnitten, sich ein wenig lockte. Weder gefiel ihm, noch missfiel ihm dieser hohe und schlanke Knabe mit den feinen Augenbrauen, der in einer schwarzen Bluse vor dem Spiegel stand. Durch das Fenster sah man einen Hof mit nassen Fliesen, die Fenster des gegenüber liegenden Hausflügels, Streichholzhändler. Es war Feiertag und alle schliefen noch. Wanja war, wie gewöhnlich, früh aufgestanden, hatte sich ans Fenster gesetzt und wartete auf den Tee, während er dem Glockengeläut einer nahen Kirche und dem Geräusch zuhörte, das die im Nebenzimmer aufräumende Bedienung machte. Er erinnerte sich an die Feiertagsmorgen dort, »zu Hause«, in der alten Kreisstadt, an die sauberen Stuben mit den Tüllgardinen und Lämpchen vor den Heiligenbildern, an die Messe in der Kirche, die Piroggen zum Mittag, alles einfach, hell und lieb, und das Regenwetter draussen, die Drehorgeln auf dem Hofe, die Zeitungen beim Morgentee, das sinnlose und ungemütliche Leben, die dunkeln Zimmer, das alles wurde ihm langweilig.
Konstantin Wassiljewitsch, der Wanja mitunter aufsuchte, blickte zur Tür herein.
»Bist du allein, Wanja?«
»Ja, Onkel Kostja. Guten Tag! Was gibt's?«
»Nichts. Wartest du auf den Tee?«
»Ja. Ist Tante noch nicht aufgestanden?«
»Auf ist sie schon, sie kommt bloss nicht heraus. Sie ärgert sich. Wahrscheinlich ist kein Geld da. Das ist das erste Anzeichen: wenn sie zwei Stunden im Schlafzimmer sitzt, so bedeutet das, dass kein Geld da ist. Und wozu nur? Sie wird doch sowieso herauskriechen müssen.«
»Wissen Sie nicht, verdient Onkel Alexej Wassiljewitsch viel?«
»Wie's so kommt. Und was heisst viel? Für den Menschen gibt es niemals viel Geld.«
Konstantin Wassiljewitsch seufzte auf und schwieg. Wanja schwieg auch und sah zum Fenster hinaus.
»Was ich dich fragen wollte, lieber Wanja,« begann Konstantin Wassiljewitsch wieder, »hast du nicht vielleicht bis Mittwoch etwas Geld überflüssig? Ich gebe es dir Mittwoch gleich wieder ab.«
»Woher sollte ich denn Geld haben? Natürlich habe ich keins.«
»Woher du Geld haben sollst? . . . Na, es kann dir doch jemand welches geben . . .«
»Was sagen Sie da, Onkel! Wer sollte mir denn Geld geben?«
»Also du hast keins?«
»Nein.«
»Das ist schlimm.«
»Wieviel möchten Sie denn haben?«
»So fünf Rubel, nicht viel, gar nicht viel.« Und Konstantin Wassiljewitsch wurde wieder lebhaft. »Vielleicht hast du sie doch, wie? Nur bis Mittwoch?!«
»Ich habe keine fünf Rubel.«
Konstantin Wassiljewitsch sah Wanja enttäuscht und schlau an und schwieg. Wanja wurde es noch trübseliger zumute.
»Was soll man dann machen? Es regnet noch immer . . . . Weisst du was, lieber Wanja, bitte du Larion Dmitrijewitsch um Geld für mich.«
»Stroop?«
»Ja, bitte ihn, mein Lieber!«
»Weshalb bitten Sie ihn denn nicht selbst?«
»Mir wird er keins geben.«
»Weshalb wird er Ihnen keins geben und mir wohl?«
»Er wird schon geben, glaube mir; aber bitte, mein Lieber, sag ihm nur nicht, dass es für mich ist; als brauchtest du für dich selbst zwanzig Rubel.«
»Sie brauchten doch nur fünf?«
»Ist es nicht einerlei wieviel du bittest? Sei so gut, Wanja!«
»Nun schön. Aber wenn er fragt, wozu ich das Geld brauche?«
»Er wird nicht fragen -- der ist nicht auf den Kopf gefallen.«
»Aber sehen Sie zu, dass Sie das Geld selbst abgeben.«
»Aber gewiss, gewiss.«
»Weshalb aber glauben Sie, Onkel, dass Stroop mir das Geld geben wird?«
»Na, ich denk' mir halt so!« Und lächelnd schlich sich Konstantin Wassiljewitsch, verlegen und zufrieden, auf den Fussspitzen aus dem Zimmer. Wanja stand lange am Fenster, ohne sich umzusehen und ohne den nassen Hof zu beachten. Als er zum Tee gerufen wurde, blickte er, bevor er ins Speisezimmer ging, noch einmal in den Spiegel auf sein rot gewordenes Gesicht mit den grauen Augen und den feinen Brauen.
* * * * *
In der griechischen Stunde störten Nikolajew und Spilewski auf der Vorderbank Wanja die ganze Zeit mit ihrer Balgerei und ihrem Kichern. Vor Beginn der Ferien wurde es mit dem Unterricht nicht so genau genommen, der kleine ältliche Lehrer erzählte, auf einem Beine sitzend, aus dem Leben der Griechen, ohne die Aufgaben abzufragen; die Fenster standen offen und man sah grünende Baumwipfel und ein grosses rotes Gebäude. Wanja zog es immer mehr fort aus Petersburg in die Luft, irgendwohin weit in die Ferne. Die blankgeputzten Griffe an Türen und Fenstern, die Speibecken, die Landkarten an den Wänden, die Schultafel, der gelbe Papierkasten, die geschorenen oder lockigen Köpfe der Kameraden schienen ihm unerträglich.
»Die Sykophanten -- Denunzianten, Spione, wörtlich Feigenangeber; als der Export dieser Früchte aus Attika noch bei Strafe verboten war, zeigten diese Leute, oder wie wir sagen würden, diese Chantagisten, dem Verdächtigen unter ihrem Mantel eine Feige als Drohung, dass im Falle er sich von ihnen nicht loskaufen sollte . . .« Und Daniil Iwanowitsch machte, ohne das Katheder zu verlassen, mit Gesten und Mimik die Angeber und Verleumdeten, den Mantel und die Feige nach; dann sprang er von seinem Platze auf und ging im Klassenzimmer hin und her, wobei er mit sorgenvollem Gesicht irgend etwas wiederholte, wie etwa: »Die Sykophanten, . . . . ja, die Sykophanten . . . . ja, meine Lieben, die Sykophanten,« dabei gab er dem Worte verschiedene, aber in jedem Falle ganz unerwartete Nuancen.
»Heute werde ich versuchen, Stroop um Geld zu fragen,« dachte Wanja, durchs Fenster blickend.
Spilewski erhob sich, jetzt schon ganz rot geworden, von der Bank.
»Was will dieser Nikolajew eigentlich von mir haben? Er gibt mir keine Ruh mit seinen Zudringlichkeiten.«
»Nikolajew, weshalb werden Sie gegen Spilewski zudringlich?«
»Ich werd' gar nicht zudringlich.«
»Was machen Sie ihm denn?«
»Ich kitzle ihn.«
»Setzen Sie sich. Ihnen aber, Spilewski empfehle ich grössere Genauigkeit beim Gebrauche eines Ausdruckes. Im Hinblick darauf, dass Sie kein Frauenzimmer sind, kann Nikolajew, ein ziemlich bejahrter Jüngling, und dazu noch einer mit recht beschränkten Begriffen, Ihnen gegenüber nicht zudringlich werden.«
* * * * *
»Ich stelle die Frage so: willst du arbeiten -- so arbeite, willst du nicht arbeiten, so arbeite nicht!« sagte Anna Nikolajewna mit einer Miene, als sei das Interesse der ganzen Welt darauf gerichtet, wie sie die Frage stelle. Im Gastzimmer, das ganz mit stilvollen Möbeln in Gestalt von Sitzbädern, Badestühlen und Papierkästen vollgestellt war, lärmten die Stimmen von Anna Nikolajewna, Nata und den beiden Schwestern, den Künstlerinnen Speier.
»Diesen Schrank liebe ich sehr, aber die Bank reizt mich nicht. Ich würde einen Schrank immer vorziehen.«
»Auch dann, wenn Sie ein Sitzmöbel brauchen würden?«
»Die Dienstboten klagen über Arbeitsüberlastung: sie gehen mehr aus, als wir! Ich komme mitunter tagelang nicht aus dem Hause und unsere Annuschka hat täglich so oft Gelegenheit in die Bude zu laufen, bald hat sie Brot zu besorgen, ein anderes Mal Stiefel zu holen. Und dabei hat sie soviel Möglichkeiten mit Menschen zusammenzukommen. Ich finde die Klagen aller dieser Unzufriedenen stark übertrieben.«
»Können Sie sich vorstellen, er posiert mit einer solchen Stimmung, dass die Malschülerinnen sich fürchten, in seiner Nähe zu sitzen. Dabei ist er eine äusserst interessante Persönlichkeit: ein russischer Zigeuner aus München; er hat ein Gymnasium besucht, war im Corps de ballet, ist Modell gewesen; von Stuck erzählt er riesig interessante Einzelheiten.«
»Auf rosa Foulard wird es zu grell sein, ich würde blassgrünen vorziehen.«
»Danach muss man Stroop fragen.«
»Aber er ist ja eben erst verreist, der Stroop, ihr Unglücklichen!« rief die ältere Speier.
»Wie, Stroop ist fort? Wohin? Wozu?«
»Ja, das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Wie immer ein Geheimnis.«
»Von wem haben Sie es gehört?«
»Von ihm selbst hab' ich's gehört: er meinte so auf drei Wochen.«
»Nun, das ist nicht so schlimm!«
»Und Wanja Smurow fragte erst heute, wann Stroop bei uns sein werde.«
»Wozu braucht er ihn?«
»Ich weiss nicht. Er hat irgend etwas mit ihm zu tun . . .«
»Wanja mit Stroop? Das ist aber originell!«
»Nun, Nata, wir müssen gehen,« zwitscherte Anna Nikolajewna und beide Damen verliessen, mit den Röcken rauschend, das Zimmer, überzeugt, dass sie den Mondainen aus den Romanen von Prevost und Ohnet, die sie in Übersetzungen lasen, sehr ähnlich sähen.
* * * * *
Im April wurde die Frage von der Sommerfrische angeschnitten. Alexej Wassiljewitsch musste häufig, fast jeden Tag, in der Stadt sein; Koka und Boba auch, so dass der von Anna Nikolajewna und Nata geplante Aufenthalt an der Wolga wenig Aussicht auf Verwirklichung hatte. Man schwankte zwischen den Bädern Terijoki und Sestrorezk in der Nähe von Petersburg, aber unabhängig von der Frage der Sommerfrische dachten alle an Sommertoiletten. Durch die offenen Fenster drangen Staubwolken, der Wagenlärm und das Geklingel der Trams.
Wenn Wanja lesen oder seine Aufgaben machen wollte, ging er hin und wieder in den Sommergarten. Er sass im Gang vor dem Marsfelde, ein Teubnerbändchen lag, mit dem gelbrosa Umschlage nach oben, neben ihm, seither war er noch ein wenig gewachsen; von der Frühlingssonne eingebrannt, schien er bleicher; er sah sich die Spaziergänger im Garten und jenseits des Lebjashi-Kanals an. Vom Krylow-Platz klang das Lachen spielender Kinder herüber, und Wanja hörte nicht, wie der Sand unter Stroops Füssen knirschte, als dieser auf ihn zutrat.
»Sie arbeiten?« fragte Stroop, sich neben Wanja setzend, der sich auf einen Gruss hatte beschränken wollen.
»Ich arbeite; aber wenn Sie wüssten, wie langweilig mir das alles geworden ist! . . .«
»Was haben Sie da? Homer?«
»Ja, Homer. Besonders dies Griechisch.«
»Sie lieben nicht Griechisch?«
»Wer liebt es denn?« lächelte Wanja.
»Das ist sehr schade!«
»Was ist schade?«
»Dass Sie nicht Sprachen lieben.«
»Die neuen gehen ja an, ich liebe sie, man kann später 'mal etwas lesen, aber Griechisch, wer wird Griechisch lesen, so einen alten Kram.«
»Was für ein Kind Sie sind, Wanja. Eine ganze Welt, ganze Welten sind Ihnen verschlossen; und das -- Welten der Schönheit, die nicht nur zu kennen, sondern zu lieben die Grundlage jeder Bildung ist.«
»Man kann Übersetzungen lesen; und wieviel Zeit verliert man mit der Grammatik?!«
Stroop blickte mit unendlichem Bedauern auf Wanja.
»Statt eines Menschen aus Fleisch und Blut, der lacht und traurig ist, den man lieben, küssen, hassen kann, an dem man sieht, wie das Blut durch die Adern fliesst, dessen natürliche Grazie des nackten Körpers uns bezaubert, eine seelenlose Puppe besitzen, die dazu noch häufig aus der Werkstatt eines Handwerkers hervorgegangen ist, das heisst Übersetzungen lesen. Und für die grammatikalischen Vorbereitungsarbeiten braucht man so wenig Zeit. Man muss nur lesen, lesen und lesen. Lesen und jedes Wort im Wörterbuch nachschlagen, wie durch ein Dickicht im Walde sich Weg bahnen, oh, Sie würden einen ungeahnten Genuss kennen lernen. Und mir scheint, Wanja, dass Sie Anlagen haben, ein wahrer neuer Mensch zu werden.«
Wanja schwieg unzufrieden.
»Sie haben eine schlechte Umgebung, aber das kann zu Ihrem Besten dienen, indem es Sie vor Vorurteilen bewahrt, die jedem traditionellen Leben anhaften. Und Sie könnten, wenn Sie wollten, ein durchaus moderner Mensch werden,« fügte Stroop nach einigem Schweigen hinzu.
»Ich weiss nicht, ich möchte irgendwohin fortfahren, fort von allem: vom Gymnasium, vom Homer, von Anna Nikolajewna, -- das ist es.«
»In die Natur?«
»Ja, in die Natur.«
»Aber, mein lieber Freund, wenn in der Natur leben, mehr essen, Milch trinken, sich baden und nichts tun heisst, ja, dann freilich ist es sehr einfach, aber die Natur geniessen ist vielleicht schwerer als die griechische Grammatik und ermüdet, wie jeder Genuss. Und ich glaube auch einem Menschen nicht, der in der Stadt gleichgültig den besten Teil der Natur -- Himmel und Wasser -- sieht, und die Natur auf den Montblanc suchen geht, ich glaube einem solchen Menschen nicht, dass er die Natur liebt.«
* * * * *
Onkel Kostja machte Wanja den Vorschlag, ihn in seiner Droschke bis zum Gymnasium mitzunehmen.
Der heisse Morgen liess schon die Nähe des Sommers spüren, und ganze Seiten des Fahrdammes wurden umgepflastert und waren gesperrt. Onkel Kostja, der dreiviertel der Droschke einnahm, hatte sich bequem mit ausgespreizten Beinen zurechtgesetzt.
»Onkel Kostja, warten Sie ein wenig, ich frage nur, ob der Priester gekommen ist, und wenn er fehlt, fahre ich lieber mit Ihnen mit und komme zu Fuss zurück, als im Gymnasium zu hocken. Einverstanden?«
»Weshalb sollte der Priester nicht zur Stunde gekommen sein?«
»Er ist schon die ganze Woche krank.«
»Einverstanden. Frage nur.«
Einen Augenblick später kam Wanja wieder heraus, ging um die Droschke herum und stieg von der anderen Seite neben Konstantin Wassiljewitsch ein.
»Und Larion Dmitrijewitsch, mein Lieber, ist, als hätte er geahnt, was wir gegen ihn im Schilde führen, auf und davon und kommt nicht mehr zurück.«
»Vielleicht ist er schon zurück.«
»Dann wäre er bei Anna Nikolajewna gewesen.«
»Was ist er eigentlich, Onkel Kostja?«
»Wer? Nach wem fragst du?«
»Nach Larion Dmitrijewitsch.«
»Stroop -- nichts weiter. Ein halber Engländer und reicher Mann, ist nirgendwo angestellt, lebt gut, ja, sogar vorzüglich, ist in höchstem Grade gebildet und belesen, so dass ich gar nicht begreife, weshalb er mit Kasanskis verkehrt.«
»Er ist doch nicht verheiratet, Onkel?«
»Ja, sogar ganz im Gegenteil, und wenn Nata glaubt, dass sie es ihm angetan habe, so täuscht sie sich grausam; überhaupt, ich begreife absolut nicht, was er bei Kasanskis zu suchen hat. Gestern, einfach zum Totlachen, lieferte Anna Nikolajewna Alexej eine Generalschlacht.«