Geschichten

Part 7

Chapter 73,686 wordsPublic domain

»Man wird mir Totengewänder anlegen, den Totenkranz der verstorbenen Frauen! Ich werde durch Schwefeldämpfe reden, die mein Gesicht totenähnlich machen werden!«

»Ich weiss nicht in welcher Gestalt du den Geist darzustellen haben wirst. Wenn du es nicht wünschest, so lässt es sich vermeiden.«

»Wodurch?«

»Durch Verzicht auf die Beschwörung.«

»Ihn nicht sehen? Nein, nein!«

»Man könnte sagen, dass der Magier das Mondviertel für ungünstig halte.«

»Und dann?«

»Dann wird Pankratius sich selbst beruhigen und er wird vergessen.«

»Er wird sich beruhigen, sagst du? Wann kommt Parrhasius, um die Verabredung zu treffen und mich zu lehren was ich zu tun habe?«

»Wann du willst: morgen, übermorgen.«

»Heute noch. Einverstanden?«

Als Phyllis allein geblieben war, sass sie lange regungslos da, dann zerpflückte sie eine Blume und wollte lächeln, als sie auf ihre ständige Frage ein »Ja« zur Antwort erhielt, aber sie erbleichte gleich wieder und flüsterte: »Nicht als Lebende hast du das Glück der Liebe gewonnen, arme Phyllis!« Aber die Morgensonne und das Zirpen der Grillen im Tau, und der stille Fluss, und die Erinnerung an die wenigen verlebten Jahre, und die Träume von Pankratius, der sie jetzt liebte, riefen bald wieder das Lächeln auf die roten Lippen der lustigen und treuen Phyllis zurück.

VIII.

Als die Harfe, die magischen Formeln beantwortend, erklang und ein undeutlicher Schatten auf dem Vorhang erschien, erkannte Pankratius Phyllis nicht; ihre Augen waren geschlossen, die Wangen blass, die Lippen zusammengepresst, die über der Brust gekreuzten mit Bändern umwundenen Arme steigerten die Ähnlichkeit mit einer Toten. Als sie die Augen aufschlagend, die lose zusammengebundenen Arme erhoben, stehenblieb, wandte sich Pankratius, nachdem er den Magier um Erlaubnis gefragt hatte, auf die Knie sinkend, mit folgenden Worten an sie:

»Bist du der Schatten der Phyllis?«

»Ich bin Phyllis selbst,« war die Antwort.

»Vergibst du mir?«

»Wir werden alle vom Schicksal geleitet; du konntest nicht anders handeln, als du gehandelt hast.«

»Bist du gern auf die Erde zurückgekehrt?«

»Ich konnte nicht anders, als den Beschwörungen gehorchen.«

»Liebst du mich?«

»Ich liebte dich.«

»Du siehst jetzt meine Liebe, ich habe mich zu fürchterlicher, vielleicht verbrecherischer Tat entschlossen, als ich dich heraufbeschwor. Glaubst du mir, dass ich dich liebe?«

»Die Tote?«

»Ja. Kannst du dich mir nähern? Mir deine Hand reichen? Meine Küsse erwidern? Ich will dich erwärmen und dein Herz wieder schlagen machen!«

»Ich kann mich dir nähern, dir die Hand reichen, deine Küsse erwidern. Ich bin dazu zu dir gekommen.«

Sie trat ihm, der auf sie zugestürzt war, einen Schritt entgegen; er merkte nicht, dass ihre Hände wärmer waren, als seine eigenen, wie ihr Herz an seinem fast erstarrten Herzen schlug, wie ihre Augen glänzten, als sein trübe gewordener Blick sie traf. Phyllis wehrte ihm und sagte:

»Ich bin eifersüchtig.«

»Auf wen?« flüsterte er, vergehend:

»Auf die lebende Phyllis. Sie liebtest, mich duldest du.«

»Ach, ich weiss nicht, frage nicht, nur du, du allein, dich liebe ich!«

Phyllis sagte nichts mehr, sie erwiderte seine Küsse nicht und zog sich zurück; schliesslich, als er in Verzweiflung sich zu Boden warf und wie ein Knabe weinend, rief: »Du liebst mich nicht!« kam es langsam von ihren Lippen:

»Du weisst selbst noch nicht was ich getan habe,« und an ihn herantretend, umarmte sie ihn fest und begann jetzt selbst leidenschaftlich und süss seine Lippen zu küssen. Pankratius war immer zärtlicher geworden und hatte nicht bemerkt, wie das Mädchen immer schwächer wurde, und plötzlich liess er sie mit dem Schreckensruf: »Phyllis, was ist dir?« aus seinen Armen gleiten und lautlos sank sie ihm zu Füssen. Er staunte nicht, dass ihre Hände kalt waren, dass ihr Herz nicht schlug, aber das Schweigen, das plötzlich den Raum beherrschte, erfüllte ihn mit unerklärlichem Grauen. Er schrie auf, und die eintretenden Sklaven und der Magier erblickten beim Schein der Fackeln das Mädchen in den verwirrten Leichengewändern tot daliegen, die Bänder und der Totenkranz aus dünnen Goldblättchen lagen fortgeworfen auf dem Boden. Pankratius schrie noch einmal laut auf, als er die leblos vor sich sah, die eben noch seine Liebkosungen erwidert hatte, und zur Tür zurückweichend, flüsterte er entsetzt:

»Sehet: die Spuren von drei Wochen Verwesung in ihrem Antlitz! Oh! Oh!«

Der hinzugetretene Magier sagte:

»Die der Magie gewährte Frist ist verflossen und der Tod hat wieder von der zeitweilig dem Leben Zurückgegebenen Besitz ergriffen,« und er gab den Sklaven das Zeichen den Leichnam der bleichen Phyllis, der Tochter des Palemon, hinauszutragen.

Tante Sonja's Chaiselongue

Ich habe so lange im Ablegeraum unter altem Gerümpel gestanden, dass ich fast die Erinnerung an meine Jugend verloren habe, als der auf meine Rückenlehne gestickte Türke mit seiner Pfeife und der Hirtenknabe mit seinem Hunde, der mit erhobenem Hinterbeine sich flöht, -- noch in grellem Gelb, Rosa und Himmelblau leuchteten und noch nicht verstaubt und verblichen waren; aber eben beschäftigen mich die Ereignisse mehr, deren Zeugin ich gewesen, bevor ich wieder dem jetzt wohl hoffnungslosen Vergessen anheimfalle. Man hat mich mit neuem hanffarbenem Seidenstoff bezogen und ins kleine Empfangszimmer gestellt und über meine Armlehne einen Schal mit grellen Rosen geworfen, als hätte ihn eine Schöne aus meiner Jugendzeit, plötzlich bei einem zärtlichen Stelldichein aufgeschreckt, liegen lassen. Übrigens änderte der Schal seine Lage niemals, denn wenn der General oder seine Schwester, Tante Paula, ihn zufällig verschoben, gab Kostja, der das kleine Gastzimmer nach seinem Geschmack eingerichtet hatte, diesem zarten bunten Gewebe wieder sein früheres, raffiniert nachlässiges, starres Aussehen. Tante Paula protestierte dagegen, dass ich aus der Rumpelkammer hervorgeholt wurde: auf mir sei die arme Sonja gestorben, ich sei die Ursache gewesen, dass eine Heirat nicht zustande gekommen, ich brächte der Familie Unglück sagte sie, aber für mich trat nicht nur Kostja, seine Kommilitonen und andere junge Leute ein, sondern auch der alte General selbst sagte:

»Das alles sind Vorurteile, Paula Petrowna! Wenn in diesem Ungetüm auch irgendein Zauber gesteckt hat, so hat er sich im Laufe der sechzig Jahre in der Rumpelkammer verflüchtigt; und dann steht es an einer Stelle, wo man immer vorbeigeht, so dass niemand es aufsuchen wird, um auf ihm zu sterben oder einen Antrag zu machen!«

Obgleich mir die Bezeichnung »Ungetüm« nicht sonderlich schmeichelte und der General sich als kurzsichtig erwiesen hat, blieb ich im kleinen Empfangszimmer mit den grünlichen Tapeten. Ein Porzellanschränkchen stand mir gegenüber, über ihm hing ein alter runder Spiegel, der undeutlich meine seltenen Besucher zurückwarf. Bei General Gambakow lebte, ausser seiner Schwester Paula und seinem Sohne Kostja, noch seine Tochter Nastja, die ihre Schulbildung in einem Fräuleinstift erhielt.

* * * * *

Aus dem nach Westen gelegenen Nebenzimmer fielen die langen Strahlen der Abendsonne in meinen Salon und trafen gerade den Schal mit den Rosen, der noch prächtiger leuchtete und seine Farben spielen liess. Jetzt legten sich diese Strahlen auf das Gesicht und das Kleid von Nastja, die auf mir sass und so durchsichtig aussah, dass es sonderbar schien, die Strahlen nicht durch ihren Körper auf den Herrn, der vor ihr stand, fallen zu sehen, als genügte ihre Gestalt, das rötliche Licht aufzuhalten. Sie unterhielt sich mit ihrem Bruder über eine für die Weihnachtsfeiertage geplante Vorstellung, bei der ein Akt aus »Esther« aufgeführt werden sollte, aber die Gedanken des jungen Mädchens schienen vom Gegenstande der Unterhaltung weit entfernt. Kostja bemerkte:

»Ich meine, Sergej könnte uns auch eine Rolle abnehmen: er deklamiert doch ganz gut.«

»Soll Sergej Pawlowitsch eine meiner Dienerinnen, eine junge Israelitin spielen?«

»Weshalb, ich kann das Travesti nicht ausstehen, obgleich ihn weibliche Gewänder kleiden würden.«

»Wen soll er denn sonst spielen?«

Ich verstand, dass von Sergej Pawlowitsch Pawilikin, dem Kommilitonen des jungen Gambakow, die Rede war. Ich hatte ihn immer für einen unbedeutenden, wenn auch sehr hübschen jungen Mann gehalten. Das kurzgeschorene dunkle Haar liess sein rundes blasses Gesicht voller scheinen; er hatte einen hübschen Mund und grosse hellgraue Augen. Der hohe Wuchs milderte seine Neigung zu Körperfülle, aber er war sehr schwer, rekelte sich immer auf mir herum und verstreute die Asche seiner Zigaretten mit den sehr langen Mundstücken, die er immerfort rauchte, auf mir, und seine Unterhaltung war leeres Geschwätz. Zur Unzufriedenheit von Tante Paula, die ihn nicht mochte, war er täglich bei uns zu Gaste.

Das Fräulein unterbrach etwas unsicher das Schweigen:

»Kennst du eigentlich Pawilikin gut, Kostja?«

»Auch eine Frage! Er ist doch mein bester Freund!«

»So . . .? Ist es denn schon so lange her, dass ihr Freunde seid?«

»Seit diesem Jahre, als ich die Universität bezog. Aber hat das denn etwas zu bedeuten?«

»Nein, ich fragte bloss so, ich wollte nur wissen . . . .«

»Weshalb interessiert dich denn unsere Freundschaft?«

»Ich mochte wissen ob man ihm vertrauen kann . . . ich möchte . . .«

Kostja unterbrach sie lachend:

»Das hängt davon ab! In Geldangelegenheiten würde ich nicht raten! Übrigens ist er ein guter Kamerad und nicht geizig, wenn er Geld in der Tasche hat, aber er ist arm . . .«

Nastja schwieg eine Weile und sagte dann:

»Nein, ich fragte nicht danach, sondern was Gefühle, Anhänglichkeit anbetrifft . . .«

»Was für ein Unsinn! Lernt ihr das in euren Stiften? Was weiss ich! . . . Hast du dich vielleicht in Sergej verliebt?«

Das Fräulein antwortete nicht und fuhr fort:

»Ich habe eine Bitte an dich, wirst du sie erfüllen?«

»Betrifft sie Sergej Pawlowitsch?«

»Vielleicht.«

»Gut, aber vergiss nicht, dass er nicht besonders liebt, sich mit euch Weibern abzugeben.«

»Nein, Kostja, versprich mir!«

»Na, schön, ich hab's doch schon versprochen! Also!«

»Ich sage dir's heute abend,« erwiderte Nastja, ihrem Bruder in die unruhigen Augen blickend, die wie ihre eigenen, braun und gesprenkelt waren.

»Na, schön, also heute abend,« meinte der Student sorglos, erhob sich und ordnete wieder den Schal, den das ebenfalls aufgestandene junge Mädchen freigelassen hatte.

Aber die Strahlen der Abendsonne trafen die zarten Rosen nicht mehr, denn Nastja, die ins Nebenzimmer gegangen war, trat ans Fenster und sah für das rötliche Licht undurchdringlich, wie vorher, auf die schneebedeckte Strasse hinaus, bis das elektrische Licht aufgedreht wurde.

* * * * *

Heute kann man den ganzen Tag keine Ruhe finden, so wird durch mein Zimmer hin- und hergelaufen! Und ich begreife nicht wozu man bloss solche Vorstellungen veranstaltet! Ein ganzer Schwarm von jungen Mädchen und Männern; das war eine Unruhe, ein Schreien, Laufen, man rief nach Arbeitern, die irgendetwas absägen sollten; Möbel, Kissen, Stoffe wurden herangetragen; es ist nur gut, dass sie aus meinem Zimmer nichts genommen und meinen Schal nicht fortgeschleppt haben! Endlich wurde alles still und in der Ferne begann man Klavier zu spielen. Der General und Paula Petrowna kamen leise herein und setzten sich nebeneinander auf mich; die alte Jungfer fuhr fort:

»Es würde ein Familienunglück sein, wenn sie ihn lieben sollte. Denk bloss: ein Knabe ist er noch, und was für einer ausserdem: ohne Namen, ohne Vermögen, ohne Talent . . .«

»Ich glaube, du übertreibst stark, ich habe nichts bemerkt . . .«

»Bemerken denn Männer solche Dinge? Ich aber werde jedenfalls immer dagegen sein!«

»Ich glaube, es wird auch gar nicht so weit kommen, dass man dafür oder dagegen zu sein brauchen wird.«

»Er ist ein ganz sittenloser Mensch: Du weisst was man von ihm spricht? Ich bin überzeugt, dass er es auch ist, der Kostja verdirbt. Nastja ist ein Kind, sie versteht noch nichts . . .« regte sich die alte Dame auf.

»Nun, meine Beste, über wen wird nicht gesprochen? Höre doch bloss was über Kostja geklatscht wird! Und ich weiss nicht, vielleicht ist auch etwas wahr an diesen Geschichten. Das geht mich nichts an. Vor Klatsch bewahrt einen höchstens das Alter, wie deins und meins! . . .«

Paula Petrowna wurde dunkelrot im Gesicht und bemerkte kurz:

»Mach was du willst. Ich habe dich gewarnt und ich selbst werde schon aufpassen! Nastja ist auch mir keine Fremde!«

Da trat Nastja selbst ins Zimmer; sie war schon in ihrem himmelblauen, gelbgestreiften Kostüm und trug einen gelben Turban auf dem Kopfe.

»Papa,« wandte sie sich hastig an den General, »warum sehet Ihr Euch nicht die Probe an?« und fuhr, ohne die Antwort abzuwarten, fort: »Gib doch unserm König deinen Ring, er hat so einen riesigen Smaragd!«

»Diesen?« fragte der General und wies auf einen alten Fingerring von selten schöner Arbeit und mit einem dunklen Smaragd, der die Grösse einer Stachelbeere hatte.

»Nun ja!« antwortete sorglos das junge Mädchen.

»Nastja, du weisst nicht worum du bittest!« mischte sich die Tante hinein, »den Familienring, von dem Maxim sich niemals trennt, für das Drunter und Drüber eurer Spielerei hergeben, damit ihr ihn im Handumdrehen verliert! Du weisst doch, dass dein Vater den Ring niemals vom Finger nimmt!«

»Für ein, zwei Mal; wie sollte er denn aus dem Zimmer verschwinden, selbst wenn er vom Finger fiele?«

»Nein, Maxim, ich erlaube dir auf keinen Fall den Ring vom Finger zu ziehen!«

»Du siehst, Tante Paula erlaubt mir's nicht!« sagte der General mit verlegenem Lachen.

Nastja ging unzufrieden ohne den Ring aus dem Zimmer und Paula Petrowna begann ihren Bruder zu trösten, dem seine betrübte Tochter leid tat.

Der Lärm und das Gelaufe gingen wieder an; man legte die Kostüme ab, dann begann das Abschiednehmen.

Herr Pawilikin blieb lange bei uns. Als er mit Kostja in mein Zimmer kam, war es schon gegen vier Uhr morgens. Sie blieben stehen und küssten sich zum Abschiede. Sergej Pawlowitsch sagte verlegen:

»Du kannst dir keine Vorstellung machen, Kostja, wie froh ich bin! Aber es ist mir so unangenehm, das es gerade heute dazu kam, nachdem du mir dieses Geld gegeben hast! Du kannst dir, weiss der Teufel, was für eine Gemeinheit denken . . .«

Der blasse und glückliche Kostja mit verwühltem Haar küsste ihn wieder und sagte:

»Nichts werde ich mir denken, sonderbarer Kauz! Das ist einfach ein Zusammentreffen, ein Zufall, der jedem zustossen kann.«

»Ja, aber es ist so peinlich, so peinlich . . .«

»Lass das, bitte, im Frühling gibst du mir's wieder . . .«

»Ich brauchte diese sechshundert Rubel auf jeden Fall . . .«

Kostja schwieg, dann sagte er:

»Nun, auf Wiedersehen. Morgen treffen wir uns also zu >Manon<?«

»Ja, ja . . .«

»Und nicht mit Petja Klimow?«

»Oh, tempi passati! Auf Wiedersehen.«

»Mache die Tür leise zu und lärm nicht, wenn du an Tante Paulas Schlafzimmer vorübergehst: sie hat dich nicht zurückkommen sehen und sie liebt dich nicht sonderlich. Auf Wiedersehen!«

Die jungen Leute nahmen noch einmal Abschied; es war, wie ich schon gesagt habe, gegen vier Uhr morgens.

* * * * *

Nastja kam von der Spazierfahrt, und ohne ihren Pelzhut mit der Rose vom Kopfe zu nehmen, setzte sie sich auf den Rand eines Stuhles, während ihr Begleiter mit von der Kälte geröteten Wangen fortfuhr im Zimmer auf und ab zu gehen. Das junge Mädchen sprach ungezwungen und heiter, aber hinter diesem Geplapper hörte man eine gewisse Unruhe hervor.

»Wir haben eine schöne Spazierfahrt gemacht! So angenehm: Frost und Sonne! Ich schwärme für den Palaiskai! . . .«

»Ja.«

»Ich liebe schrecklich zu fahren und besonders zu reiten; im Sommer verschwinde ich tagelang auf solchen Ausflügen. Sie sind noch nicht bei uns in >Swjataja Krutscha< gewesen?«

»Nein. Ich ziehe ein Automobil vor.«

»Sie haben einen schlechten Geschmack Sie wissen doch, >Swjataja Krutscha<, und >Alexejewskoje<, und >Ljgowka<, das ist alles mein persönliches Eigentum; ich bin eine sehr reiche Braut. Dann macht noch Tantchen Paula mich zu ihrer Universalerbin. Sehen Sie -- ich rate Ihnen, überlegen Sie sich's.«

»Für uns Schuster heisst es: bleib bei deinem Leisten! . . .«

»Was für vulgäre Vergleiche Sie lieben!«

Sergej zuckte mit den Achseln und fuhr fort, ohne stehenzubleiben, auf und ab zu gehen. Das junge Mädchen machte noch ein paarmal den Versuch zu plaudern, aber immer kürzer wurden diese Versuche und schliesslich schwieg sie ganz, wie ein verdorbenes Spielzeug, und als ihre Stimme wieder erklang, war sie leise und traurig. Ohne den Hut abzunehmen, setzte sie sich tiefer ins dunkel gewordene Zimmer hinein und sagte, als klage sie sich selbst ihr Leid:

»Wie lange ist es schon seit unserer Aufführung her! Entsinnen Sie sich? Ihr Auftreten . . . Wie vieles hat sich seither geändert! Sie sind nicht mehr derselbe, ich auch nicht, alle nicht . . . Ich kannte Sie damals noch so wenig. Sie können sich nicht vorstellen wie gut ich Sie verstehe, viel besser, als Kostja! Sie glauben nicht? Weshalb stellen Sie sich an, als merkten Sie nichts? Würde es Ihnen Vergnügen machen, wenn ich Ihnen das sagen würde, was zuerst zu sagen für eine Frau als erniedrigend gilt? Sie quälen mich, Sergej Pawlowitsch!«

»Sie übertreiben alles furchtbar, Nastasja Maximowna: mein Nicht-verstehen-wollen, wie meine Eigenliebe und vielleicht auch Ihre Gefühle für mich . . .«

Sie stand auf und sagte klanglos:

»So? Es kann sein . . .«

»Sie gehen?« wurde er unruhig.

»Ja, ich muss mich zum Mittagessen umkleiden. Sie speisen nicht mit uns?«

»Ja, ich habe eine Einladung zu Bekannten.«

»Mit Kostja zusammen?«

»Nein. Weshalb?«

Sie ging nicht und blieb am Tisch mit den Zeitschriften stehen.

»Sie werden noch zu ihm auf sein Zimmer gehen?«

»Nein, ich fahre gleich.«

»So? Nun, auf Wiedersehen! Und ich liebe Sie -- das ist's!« setzte sie plötzlich hinzu, und wandte sich ab. Als er in der Dunkelheit, in der man seine Züge nicht unterscheiden konnte, schwieg, sagte sie schnell, wie mit lachender Stimme: »Nun, sind Sie zufrieden?«

»Finden Sie, dass das der passende Ausdruck ist?« sagte er und beugte sich über ihre Hand.

»Auf Wiedersehen . . . Gehen Sie jetzt,« murmelte sie, das Zimmer verlassend.

Sergej machte Licht und ging, lustig etwas vor sich hinpfeifend, in Kostjas Zimmer.

* * * * *

Der General kam in grosser Aufregung herein, er hielt eine Zeitung in der Hand; Tante Paula folgte ihm auf dem Fusse, mit ihrem schwarzen Seidenkleide rauschend.

»Beruhige dich, Maxim, jetzt kommt das so häufig vor, man gewöhnt sich fast daran. Natürlich ist es fürchterlich, aber was ist dabei zu machen? Niemand vermag seinem Schicksal zu entrinnen.«

»Nein, Paula, ich kann mich nicht beruhigen: nur die Mütze ist übriggeblieben und ein blutiger Brei von Gehirn an der Mauer. Armer Lew Iwanowitsch!«

»Denk nicht daran, Bruder! Morgen lassen wir in der Kirche des Apanagendepartements eine Seelenmesse lesen. Denk nicht daran, schone dich: Du hast selbst einen Sohn und eine Tochter.«

Der General war ganz rot im Gesicht, er liess sich auf mir nieder. Die Zeitung entglitt seinen Händen, die alte Dame hob sie schnell auf, legte sie recht weit von ihrem Bruder fort, und begann hastig von etwas anderem zu sprechen:

»Nun, hast du den Ring gefunden?«

Der General wurde wieder unruhig:

»Nein, nein! Das beunruhigt mich auch noch fürchterlich.«

»Entsinnst du dich, wann du ihn zum letztenmal gesehen hast?«

»Ich zeigte ihn heute morgen, hier, auf dieser selben Chaiselongue, Sergej Pawlowitsch: er interessierte sich so für den Ring . . . Dann schlummerte ich ein; und ich erinnere mich, dass der Ring schon nicht mehr da war, als ich aufwachte . . .«

»Hast du ihn vom Finger gezogen?«

»Ja . . .«

»Das war nicht vernünftig von dir! Ausser seinem realen besitzt der Ring doch einen unschätzbaren Wert als Familienstück.«

»Das ist geradezu das Vorzeichen eines Unglückes.«

»Wollen wir hoffen, dass der Tod von Lew Iwanowitsch eine genügend unglückliche Botschaft ist, um das ganze Unheil zu erschöpfen.«

Der General begann wieder zu seufzen. Paula Petrowna konnte sich nicht enthalten zu sagen:

»Wenn dieser Pawilikin nur nicht den Ring mitgenommen hat? Er ist fähig so etwas zu tun!«

»Wozu? Um ihn sich anzusehen? Ja, aber er hat ihn auch so schon betrachtet und fragte mich wieviel die Antiquitätenhändler dafür geboten haben usw.«

»Er kann ihn ja auch einfach so genommen haben.«

»Das heisst, du meinst er hat ihn gestohlen?«

Paula Petrowna hatte keine Zeit zu antworten, da Nastja, die hastig und erregt ins Zimmer getreten war, ins Gespräch fiel.

»Papa!« sagte sie laut: »Sergej Pawlowitsch hält um meine Hand an. Ich hoffe, du bist nicht dagegen?«

»Nicht jetzt, nicht jetzt!« wehrte er ihr mit den Händen ab.

»Weshalb? Was sind das für Ausflüchte? Du kennst ihn gut genug,« sagte Nastja und wurde rot.

Paula Petrowna warf, aufstehend, dazwischen:

»Ich habe auch eine Stimme und protestiere überhaupt gegen eine solche Verbindung, und fordere in jedem Falle, dass die Frage aufgeschoben wird bis sich Maxims Ring wiedergefunden hat.«

»Was für eine Beziehung hat Papas Ring zu meinem Bräutigam?« fragte das junge Mädchen hochmütig.

»Wir glauben, dass Sergej Pawlowitsch den Ring hat.«

»Sie glauben, dass er einen Diebstahl verübt hat?«

»Ja, so etwas in der Art.«

Nastja wandte sich an den General, ohne der Tante zu antworten, und fragte:

»Du glaubst also auch an dieses Märchen?«

Der Vater schwieg. Sein Gesicht rötete sich noch mehr.

Das junge Mädchen wandte sich wieder an Paula:

»Weshalb treten Sie zwischen uns? Sie hassen Sergej . . . . Sergej Pawlowitsch und denken sich allerhand Unsinn aus! Sie säen Zwietracht zwischen Kostja und Papa. Was wollen Sie von uns?«

»Nastja, werde nicht frech, unterstehe dich nicht!« rief der Vater, nach Luft ringend.

Nastja hörte nicht auf ihn.

»Weshalb regst du dich so auf? Weshalb kannst du dich nicht gedulden, bis diese Geschichte sich aufgeklärt hat? Es ist das ganz prinzipiell, begreifst du?«

»Ich begreife, dass mein Bräutigam einer ähnlichen Handlung überhaupt nicht verdächtigt werden darf!« schrie Nastja, der General sass stumm da, die Röte in seinem Gesichte wurde immer tiefer.

»Du fürchtest dich vor der Wahrheit?«

»Es kann nur eine Wahrheit geben und ich kenne sie. Und ich rate Ihnen sich unserer Ehe nicht zu widersetzen: das wird für Sie selbst nur schlimmer sein!«

»Du meinst?«

»Ich weiss es!«

Paula sah sie durchdringend an.

»Ist denn Eile geboten?«

»Welch eine Gemeinheit! Kostja!« stürzte das junge Mädchen zum eintretenden Studenten. »Lieber Kostja, sei du Richter! Sergej Pawlowitsch hält um meine Hand an, und Vater, der ganz unter dem Einflusse von Tante Paula steht, gibt nicht seine Einwilligung, bevor sich die Frage aufgeklärt hat, wo sein Ring hingekommen ist.«

»Zum Teufel auch! Ihr beschuldigt doch nicht gar Pawilikin des Diebstahls?«

»Ja,« versetzte die alte Dame boshaft. »Du trittst natürlich für ihn ein, du wirst den Ring auslösen. Ich weiss auch einiges von dir! Ich kann in meinem Zimmer hören, wie die Tür knarrt, wenn du deinen Freund hinauslässt und was dabei gesprochen wird. Sei dankbar, dass ich schweige!«

In meinem ganzen Leben habe ich keinen solchen Skandal, keine solche Schimpferei gehört. Kostja schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte, Paula verlangte Achtung vor dem Alter; Nastja sprach hysterisch . . . Aber plötzlich verstummten alle, weil Stimmen, Schrei und Lärm von einem unartikulierten Laut übertönt wurden, welchen der General ausgestossen hatte, der, nachdem er die ganze Zeit geschwiegen, eben aufgestanden war. Dann sank er schwer zurück, wurde blaurot im Gesicht und begann zu röcheln. Paula stürzte zu ihm.

»Was ist mit dir, Maxim, Maxim?«

Der General röchelte nur, die weissen Augäpfel verdrehend, und war schon ganz blau.

»Wasser! Wasser! Er stirbt! Ein Schlag!« flüsterte die Tante, aber Nastja schob sie beiseite und sagte: