Part 6
Der Knabe stürzte, vom Geschrei erschreckt, ins Gemach.
III.
Viele Tage dauerte noch dieser Kampf, und der Kranke wiederholte, mehr als einmal: »Ich kann nicht mehr: es geht über meine Kraft!« und das heimlich an ihm nagende Leiden hatte sein früher blasses Gesicht erdfahl gemacht. Dunkle Schatten umrandeten seine Augen und die Stimme kam wie aus ausgedörrter Kehle. Er schlief keine Nacht und quälte den stummen Knaben mit seiner Angst.
Eines Morgens erhob er sich vor Sonnenaufgang und verlangte Hut und Mantel, als mache er sich auf den Weg. Der Alte unterdrückte jede Frage, und bloss seinen Blick beantwortend, befahl Florus:
»Du wirst mir folgen!«
Der Gang des Herrn war wieder frei und leicht; auf den eingefallenen Wangen röteten sich wieder Rosen. Sie entfernten sich durch Strassen und über Plätze weit von Hause, ohne dass der Sklave den Zweck des Ganges zu erraten vermochte. Schliesslich, wie sie haltmachten, als hätten sie das Ziel erreicht, entschloss er sich zu fragen:
»Du wirst hier eintreten, Herr?«
»Ja.«
Die Stimme des Florus klang sorglos. Sie betraten das Gefängnis. Da man Florus als reichen und vornehmen Mann kannte, so gestattete man ihm, ohne Schwierigkeiten, wenn auch gegen Entgelt, sich zu überzeugen, ob unter den Eingekerkerten sich nicht sein, angeblich vor kurzem entlaufener Sklave befände. Schnell und aufmerksam durcheilte er das Gefängnis bis hinab zum letzten Kellerverlies. Er suchte mit einem Blicke, als hätten seine Augen das alles schon früher gesehen. Atemlos fragte er:
»Sind alle Sträflinge hier? Es gibt keine mehr?«
»Mehr sind keine da, Herr. Gestern ist einer entflohen . . .«
»Entflohen? Sein Name?«
»Malchus.«
»Malchus?« wiederholte er, aufhorchend. »Helle Augen, gebräunte Haut, schwarzhaarig?« fragte Florus erfreut.
»Ja, du hast recht, Herr,« nickte der Gefängniswärter mit dem Kopfe.
Als Ämilius Florus aus dem Gefängnis trat, war er heiter, wie nie zuvor, er plapperte wie ein Kind, seine Augen, die die dunklen Schatten nicht verloren hatten, glänzten.
»Mein alter Mummus, sieh nur: war jemals der Himmel so sanft, so lieblich die Bäume und Blumen?! Wir wollen zu Fuss auf mein Landgut gehen: wilde Kirschen werd ich essen und Milch trinken geradewegs aus den Eutern der Kühe. Sanft werden die Tage verrinnen! Du wirst mir ein Mädchen verschaffen, das nach Gras, Ziegen und etwas auch nach Lauch riecht, den stummen Lukas nehmen wir nicht mit aufs Land. Ach, alter Mummus, bin ich nicht gesund, wie jemals? Die Wolken -- als sei es Frühling, als sei es Frühling!«
IV.
Morgens machte Florus sich freudig auf den Weg, das heimliche Haus seines Landgutes verlassend, um auf schmalen und breiten Wegen ausgedehnte Spaziergänge zu machen. Gorgo, die der Alte seinem Herrn zugeführt hatte, war still, schweigsam, gehorsam und schlicht, wie ein Kälbchen; ihren gebräunten Körper gab sie leicht und in Reinheit hin; wenn sie zu Hause wartete, sang sie alte Lieder.
Lukas, der Stumme, der selbst aufs Gut hergelaufen war, begleitete seinen Herrn überallhin, Freude in den traurigen Augen und im müden Knabengesicht. Schweigend folgte er, Florus keinen Augenblick in seiner plötzlich wiedergekehrten Heiterkeit verlassend. Immer nur über Bergpfade schweifen, im blumenbunten Grase ruhen, auf dem Rücken liegend, ohne Aufhören zur blauen Feste hinaufstarren, einfache ländliche Lieder singen und den Stummen die Doppelflöte dazu blasen lassen! Die weissen, grellweissen, blendend weissen Wolken standen still über Hain und Fluss; sie warteten. Milchspuren auf den Lippen, unrasiert, mit rotem Munde küsste Florus Gorgo, das städtische Schmachten vergessend, auf den Lauchgeruch nicht achtend. Der stumme Lukas weinte im Winkel. Tag reihte sich an Tag, wie im Kranze sich eine Blume an die andere flicht.
Eines Abends war es, als werde Florus mitten im sorglosen Spiel von tiefer Niedergeschlagenheit befallen oder von einem unsichtbaren Feinde ergriffen. Mit plötzlich heiser gewordener Stimme sagte er: »Was ist das? Woher kommt diese Finsternis? Dieser Kerker?« Und er legte sich auf das niedrige Lager, kehrte sich zur Wand und seufzte schweigend. Leise kam Gorgo herein und umarmte ihn, der sie nicht ansah. Florus wehrte ihr und sagte:
»Wer bist du? Ich kenne dich nicht! Nicht jetzt. Gib acht, das knarrende Schloss wird den schlafenden Wächter wecken.«
Schweigend trat Gorgo zurück und der Stumme schlich sich, wie ein Hund, wieder herein und küsste die herabhängende Hand des Florus.
V.
Es war eine schwüle Nacht für die Diener, die vor dem Schlafzimmer des Florus schlummerten. Nur Lukas war, stumm und ergeben, bei seinem Herrn geblieben. Lange konnte man nur die Schritte des auf und ab gehenden Ämilius hören. Gegen Morgen umfing die Diener der leise Schlaf vor Sonnenaufgang. Plötzlich wurde die Luft von einem Schrei zerschnitten, der Menschenstimme nicht ähnlich war. Es war, als hätte ein Unirdisches, das Echo weckend, gerufen: »Der Tod!«
Die zögernden Diener, die an die Tür gepocht hatten, wurden vom stummen Knaben ins Gemach hineingelassen, dessen Gesicht vom Schreck bis zur Unkenntlichkeit entstellt war. »Der Tod! Der Tod!« wiederholte er mit wilder, Worte auszusprechen nicht gewohnter Stimme. Die Diener stürzten sich, ohne über die Laute des Stummen zu staunen, zum Lager, auf dem der Herr mit zurückgefallenem Kopfe und schwarz gewordenem Gesicht bewegungslos dalag. Lukas kehrte zum Lager zurück, als habe er eben erst diesen Platz verlassen, und brach lautlos zusammen.
Mit der Schreckensbotschaft eilte man schnell zum Arzt und zum Schaffner.
Der Stumme hörte nicht auf zu wiederholen: »Der Tod! Der Tod!« als habe er die Sprache nur für diese Worte allein wiedererhalten.
Florus lag mit zurückgefallenem, schwarz gewordenem Gesicht da, eine Hand hing leblos herunter. Der Arzt hatte den Körper untersucht, den unzweifelhaften Tod festgestellt und wies staunend den Schaffner auf einen schmalen, schwarzen, blutunterlaufenen Striemen, der am Halse des Verstorbenen aufgequollen war und sich durch nichts erklären liess. Der einzige Zeuge von Ämilius Florus' Tode, der stumme Lukas, sprach, das göttliche Stammeln des wunderbaren Schreckes überwindend, der ihm die Gabe der Rede zurückgegeben:
»Der Tod! Der Tod! Wieder in Banden . . . er geht, geht: wirft sich, wie ermüdet, aufs Lager . . . kein Wort sprach er zu mir; gegen Morgen begann er unruhig zu röcheln; ich stürzte zu ihm, er schlug, röchelnd, die Augen zu mir auf. O Götter! Der Morgen leuchtete rot durchs Fenster. Florus lag, schwarz geworden, regungslos da . . .«
Man hatte Lukas über Trauer und Besorgungen für die Leichenfeier vergessen.
Kaum begann es am nächsten Morgen hell zu werden, so erschien ein barfüssiger, zerlumpter, von niemand gekannter Greis, und bat, Florus zu sehen. Der Schaffner, der glaubte, irgendeine Aufklärung über den Tod seines Herrn zu erhalten, trat zu ihm hinaus. Der Ankömmling schien hartnäckig und schlicht. Ringsum heulten sich scharende Hunde.
»Du wusstest nicht, dass mein Herr, Ämilius Florus, gestorben ist?«
»Nein. Es ist gleichgültig. Ich erfüllte, was man mir befohlen.«
»Wer befahl dir?«
»Malchus.«
»Wer ist es?«
»Jetzt ein Hingegangener.«
»Er ist gestorben?«
»Gestern morgen wurde er gehängt.«
»Kannte er meinen Herrn?«
»Nein. Er entbietet ihm, dem Unbekannten, Gruss und sendet ihm die Todesbotschaft. Bei euch werden Stumme reden.«
»Sie reden schon,« sagte Lukas, der herangekommen war und die schmutzige Hand des Greises küsste.
»Willst du nicht den Verstorbenen sehen?«
»Wozu? Er hat sich im Gesicht sehr verändert?«
»Sehr.«
»Jenen hat die Schlinge auch verändert. Er hat ein grosses Zeichen am Halse . . .«
»Hast du viel zu sagen?«
»Nein, ich gehe fort.«
»Ich gehe mit dir!« sagte Lukas freundlich zum Unbekannten.
Die Sonne hatte den Hof schon rosig gefärbt und die gemieteten Klageweiber liessen, ihre abgemagerten Brüste entblössend, durchdringendes Wehgeschrei zum Himmel aufsteigen.
Der Schatten der Phyllis
I.
Als der alte Nektanebes, von einem scharfen und einsam durch die Abendkühle gellenden Schrei getroffen, die Augen von den ausgeworfenen Netzen erhob, sah er einen kleinen Nachen in der Lichtsäule der beim Untergehen sich im Wasser widerspiegelnden Sonne und einen Menschen, der vergebliche Anstrengungen machte ans Land zu schwimmen. Die Netze fahren lassen, zu jener Stelle hinüberrudern, wo der Ertrinkende zu sehen war, sich ins Wasser werfen und mit dem Geretteten auf den Armen wieder in sein Boot steigen -- war das Werk weniger Minuten. Das Mädchen hatte das Bewusstsein verloren. Die natürliche Röte war von ihren Wangen gewichen und um so deutlicher sah man die Schminke in ihrem mageren länglichen Gesicht. Erst als der Alte sie behutsam auf die Bastmatten in seiner Hütte niedergelegt hatte -- denn er war nichts mehr, als ein armer Fischer -- schlug die Gerettete die Augen auf und seufzte, als erwachte sie aus tiefem Schlafe, wobei mit den ersten Lebenszeichen auch ihr Kummer wiederkehrte, denn reichliche Tränen entströmten unaufhaltsam ihren hellbraunen Augen und sie begann, wie in hitzigem Fieber, sich hin und her zu werfen und beklagte laut und bitter ihr Los. Aus ihren unzusammenhängenden Worten und Ausrufen erfuhr Nektanebes, dass sie eine reiche Erbin und Waise sei, die ein herzloser Jüngling verschmäht habe, und dass sie dann in einem Anfall von Verzweiflung den Versuch gemacht, ihr Leid in den Wassern des Flusses zu versenken. So erfuhr er auch, dass sie Phyllis hiess. Übrigens hätte er das auch ohne ihre Worte erraten können, denn das Haus ihrer Eltern, die jetzt schon tot waren, lag nicht weit vom Ufer des Flusses, wo Kähne zu Lustfahrten und anderem Gebrauch ihrer Besitzer angepflockt waren. Beim Sprechen weinte sie und umschlang mit ihren Armen den Hals des alten Fischers, sich an ihn schmiegend, wie ein Säugling sich an seine Amme schmiegt, er aber streichelte ihr Haar und tröstete sie, so gut er konnte.
II.
Der Morgen und ein tiefer Schlaf brachten die Beruhigung, welche die Trostworte nicht gebracht hatten. Im Köpfchen der zärtlichen Phyllis tauchten heiterere Gedanken und Pläne auf. Sie erklärte Nektanebes genau, wie er zum Hause des grausamen Pankratius gehen und die täuschende Nachricht erfinden solle, dass ihr Tod bereits eingetreten sei; dabei sollte er beobachten, um es ihr mitzuteilen, wie dessen schönes Gesicht mit dem unwandelbaren Hauche von Langeweile sich verändern werde, wenn er ihm zur Bestätigung seines Berichtes den angeblich in den Falten der Gewänder der Ertrunkenen gefundenen Zettel und den gestreiften Schleier übergeben werde. Sie klatschte in die Hände, als sie den Abschiedsbrief beendet hatte, und drängte voll Erregung und Freude den Alten zu Eile. Der Bote musste nicht wenig Strassen durchwandern, ehe er das kleine, aber wohleingerichtete Landhaus des Pankratius erreichte. Als man den alten Fischer zu ihm hineinführte, war der junge Herr des Hauses damit beschäftigt mit einem hochgewachsenen Knaben in himmelblauem leichtem Gewande Ball zu spielen. Als er hörte, dass der Brief von Phyllis komme, deren Garten sich zum Flusse hinabzieht, fragte er, ohne das Siegel zu erbrechen und seine dunklen eingelegten Locken ordnend: »Hat dich die Herrin selbst gesandt?«
»Nein, aber es war ihr Wunsch diesen Brief in deinen Händen zu sehen.«
»Es ist ohne Zweifel ihre Handschrift, lasset sehen, was dieses liebe Schreiben uns bringt.«
Ein Lächeln umspielte noch die Lippen des Jünglings, als er den letzten Brief des Mädchens zu lesen begann, aber allmählich verfinsterte sich seine Stirn, die Brauen hoben sich, die Lippen pressten sich zusammen und seine Stimme klang erregt und rauh, als er, den Brief in sein Gewand bergend, fragte: »Ist es Wahrheit was in diesem Briefe steht?«
»Ich weiss nicht, was die arme Herrin geschrieben hat, aber dieses, das habe ich mit eigenen Augen gesehen« -- und er liess jetzt den geschickt erfundenen, übrigens zur Hälfte der Wahrheit entsprechenden Bericht vom angeblichen Tode der Phyllis folgen. Der Schleier, von dem Pankratius bestimmt wusste, dass er dem Mädchen gehöre, überzeugte ihn vollends von der Wahrheit der traurigen Erfindung, und nachdem er den Fischer, reich belohnt, entlassen hatte, kehrte er zerstreut zum Ballspiel mit dem hochgewachsenen Knaben zurück, das ihn täglich zwischen Bad und Mahl zu beschäftigen pflegte.
Phyllis hatte sich hinter der niederen Tür versteckt und wartete lange auf die Rückkehr ihres Wirtes, während sie den Arbeiten in den Gemüsegärten zusah, bis die Sonne schon begann unterzugehen und die Schwalben schreiend ganz niedrig dahinschossen, dass sie mit den Flügeln fast das stille Wasser streiften. Endlich hörte sie das Geräusch der Kiesel, die unter den Füssen des bergansteigenden Alten hinunterrollten.
III.
Sieben- oder achtmal liess die verschmähte Phyllis sich die Einzelheiten der Begegnung mit Pankratius wiedererzählen. Sie wollte wissen, was er zuerst gesagt und was er darauf gesagt habe, und wie er gekleidet gewesen und wie er ausgesehen habe: ob er traurig oder gleichgültig, blass oder blühend gewesen, -- und Nektanebes strengte vergeblich sein altes Gedächtnis an, um die hastigen und abgebrochenen Fragen des Mädchens zu beantworten.
Am nächsten Morgen sagte er: »Wie denkst du, Herrin? Du musst in dein Haus zurückkehren, da du doch unter den Lebenden weilst.«
»Nach Hause? Um nichts in der Welt! Dann erfahren ja alle, dass ich noch lebe; du vergissest, dass ich eine Tote bin!«
Und Phyllis lachte laut auf. Ihre lebensprühenden Augen und Wangen machten den Scherz ihrer Erfindung noch lustiger.
»Ich bleibe bei dir: am Tage, wenn du in die Stadt gehst, lege ich mich zwischen die Beete, und unter den reifen Melonen wird mich niemand gewahren, und am Abend wirst du mir erzählen, was du am Tage gesehen hast.«
Schliesslich bewog der Fischer die junge Herrin, ihrer alten Amme, die auf einem Landgute in der Nähe von Alexandria lebte, im geheimen ein Zeichen zu geben, ihr aufrichtig alles zu erzählen und dort abzuwarten, was Zeit und Schicksal bringen würden. Er selbst versprach, jeden Tag alles über Pankratius zu berichten, was mit Phyllis irgendwie in Zusammenhang stehen sollte.
»Wann soll ich denn dorthin fahren?«
»Ich setze dich selbst im Boote über.«
»Durch die ganze Stadt? Als lebendige Leiche?«
»Nein, du wirst am Boden liegen unter einem Gewebe.«
»Die Wächter werden dich für einen Dieb halten und dich verhaften.«
»Ich werde dich mit Bastmatten bedecken.«
Phyllis war Waise und konnte daher ihr Verschwinden leicht verhehlen und friedlich bei der alten Manto auf dem Landgute leben. Vom Morgen bis zum Abend konnte sie die Blumen befragen, ob der ferne Jüngling sie lieben werde. Bald zupfte sie die Blumenblätter einzeln aus den Kelchen, bald schlug sie mit den Blättern um sich, über eine ungünstige Antwort geärgert und freute sich kindlich über eine günstige. Da die Aufregungen der Liebe ihr die Esslust nicht geraubt hatten und das bescheidene Mahl des Landgutes ihrem vom Nichtstun launischen Geschmack nicht genügte, so wurde bald das Geheimnis ihres Lebens auch der Schaffnerin ihres Stadthauses bekannt, die ihr täglich mit dem alten Fischer bald süsses Ingwergebäck, bald lecker gebratenes Wild, bald Pasteten mit Hahnenkämmen, bald eine in zartem Honig abgekochte Melone sandte.
IV.
Die alten Füsse des Nektanebes konnten kaum den schnellen und jungen Schritten des Pankratius und seines Begleiters folgen. Es war schon Abend, vom Meere drang der Geruch von Salz und Tang herüber, in den Herbergen wurden grosse Laternen angezündet und man hörte Musik, Matrosen gingen, zu vieren und mehr einander unter die Arme gefasst, über die Strasse und unsere Wanderer kamen immer weiter in dunkle leer gewordene Stadtteile. Endlich betraten sie, den Vorhang aus geflochtenem Rohr zurückschlagend, ein Haus, das wie ein Lupanar oder eine Schenke für den Hafenpöbel aussah. Nektanebes folgte ihnen nicht gleich, um nicht ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und wartete auf andere Gäste, um unbemerkt hineinzukommen. Schliesslich gewahrte er fünf Matrosen, von denen der jüngste sagte: ». . . und sie legte ihm einen Schwamm an Stelle des Herzens in den Leib; am Morgen fing er an zu trinken, der Schwamm fiel heraus und da starb er.«
Der Fischer, der mit ihnen zugleich hineingegangen war, konnte sich zuerst, durch seine Armut und sein Alter vom Besuche solcher Orte entwöhnt, nicht zurechtfinden. Lärm, Rufe, das Klirren der Lehmkannen, Gesang und das Klappern einer Handtrommel erschütterten die stickige, dicke Luft. Sängerinnen sassen, sich mit den Händen den Schweiss und die herunterfliessende Schminke aus dem Gesichte wischend, vor dem Vorhang. Auf dem Tische tanzte zwischen Weinkrügen ein nacktes, zehnjähriges Nubiermädchen, in geschickten Schlangenwindungen ihren Kopf zur Ferse herabbeugend. Ein dressierter Hund, der mit Hilfe von grob aus Holz geschnittenen Zahlen die Summe des Geldes in den Beuteln der Gäste erriet, erregte lauten Beifall. Pankratius sass, seine Caracalla noch tiefer ins Gesicht gezogen, was seine Augen fremd und glänzend machte, mit seinem Begleiter am Ausgang. Er hielt den Alten an und sagte: »Hör mal, bist du es, der mir die Nachricht vom Tode der unglücklichen Phyllis gebracht hat? Ich habe dich gesucht, ich, der Redner Pankratius, aber still . . . . Komme morgen nach dem Mittag zu mir; ich habe dir etwas zu sagen: die Verstorbene raubt mir meine Ruhe.« Er sprach flüsternd, war blass und seine Augen sahen unter der Kapuze fremd aus und sie glänzten.
V.
Phyllis sass auf der Schwelle des Hauses und las die Papyrusrollen, die Nektanebes eben gebracht hatte, und auf denen von der Hand des Schreibers aufgezeichnet stand: »Elegie der Phyllis, der unglücklichen Tochter des Palemon«. Sie sass gebeugt da und hörte nicht, wie die Sklaven mit Zubern voll frischgemolkener Milch vorübergingen, wie der Gärtner die Blumen beschnitt, wie das Hündchen, einen hüpfenden Frosch verfolgend, bellte, und wie in der Ferne die Schnitterinnen ein wehmütiges Lied sangen. Die Zeilen zogen an ihrem Auge vorüber und die Erinnerung an ihre vergangenen Qualen legte sich wiederum, wie Nebel, auf ihre sorglosen Augen.
Eltern, liebe Eltern, Vater und Mutter mein, viel habt ihr mir hinterlassen: bunte Gewänder, weisse Pferde, gewundene Spangen, -- aber lieber, als alles, hab ich den grellroten Schleier mit den singenden Phönixen.
Eltern, liebe Eltern, Vater und Mutter mein, viel habt ihr mir hinterlassen: Land und Vieh: starkfüssige Ziegen, starkstirnige Schafe, steilhörnige Kühe, Mäuler und Stiere, aber lieber, als alle, ist mir mein weisser Tauber mit dem schwarzbraunen Fleck: ich nannt' ihn »Katamitos«.
Eltern, liebe Eltern, Vater und Mutter mein, viel habt ihr mir hinterlassen: treue Diener: Gemüse- und Blumengärtner, Weber und Spinner, Metbrauer und Bäcker, Narren und Flötenspieler, aber lieber, als alle, hab ich die Alte, meine liebe Amme.
Lieb hab ich die Amme, lieb ist der Tauber mir, lieb auch mein Schleier, aber mehr noch lieb ich den Garten.
Er zieht sich, er zieht sich zum Fluss hinab, unser Garten, flussaufwärts, flussaufwärts, da wohnt hoch am Ufer mein Freund. Ich kann ihm nicht senden, kann ihm nicht senden ein Blümlein von mir, es bringen meinen Gruss ihm, meinen Gruss ihm die Fergen hinauf.
Und weiter stand geschrieben:
Am Morgen sprach die Amme zu mir: -- was willst du's der Alten verhehlen -- den ganzen Tag zerpflückst du fragend die Blumen, Quitten unterscheidest du von Äpfeln nicht mehr, Du nähst nicht, du stickst nicht, küssest zärtlich den bunten Tauber und nachts hör ich dich flüstern: »Pankratius«.
Und weiter stand geschrieben:
Was soll ich erwählen, liebe Gespielinnen: soll ich dem grausamen Freunde noch einmal mein Lieben gestehen, oder soll ich in den schnellfliessenden Bach mich stürzen? Gleich schwer ist jeder der Wege, aber schwerer ist der erste -- wie werd' ich erröten müssen und stammeln.
Und weiter stand geschrieben:
Am Morgen steht die Purpursonne auf und du gehst an dein Tagwerk, wer dich daherkommen sieht, der denkt sich: »stolzer Pankratius« -- und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!
In den Baumgängen wirst du lustwandeln, mit den Freunden wirst du im Philo lesen, Diskus werfen wirst du und Wettlaufen -- alle sagen: »schöner Pankratius« -- und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!
Du kehrst zurück in dein kühles Haus, badest dich in duftigen Wassern, mit dem Knaben spielst du dann Ball, und schläfst ruhig ein bis zum Morgen und denkst: »glücklicher Pankratius« -- und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!
Und es stand noch viel geschrieben, so dass das Mädchen, seufzend und über seine eigenen Worte Tränen vergiessend, bis zum späten Abend las.
VI.
Jetzt spielte Pankratius nicht mehr mit dem Knaben Ball, er las nicht mehr und hatte keine Lust zu essen, sondern ging im inneren kleinen Garten an den Levkoien auf und ab und sah aus, wie ein von Unruhe gequälter Mensch. Gleich nach der Begrüssung begann er: »Das gestorbene Mädchen raubt mir meine Ruhe: ich sehe sie im Traume und sie mich; sie lockt mich irgendwohin, ein Lächeln im bleichen Antlitz.«
Der Alte, der Phyllis unter den Lebenden wusste, meinte:
»Es gibt trügerische Träume, o Herr, mögen sie dich nicht beunruhigen.«
»Sie können nicht anders, als mich beunruhigen, vielleicht bin ich dennoch die unschuldige Ursache ihres Unterganges.«
»Halte sie für lebend, wenn dir das deine Ruhe wiedergibt.«
»Aber sie ist doch gestorben?«
»Tot ist das, was wir für tot halten, und das, was wir für lebend halten -- lebt.«
»Du willst, scheint es, darauf hinaus, wovon ich mit dir reden wollte. Gelobe mir, das Geheimnis zu bewahren.«
»Du hast mein Versprechen.«
»Kennst du nicht einen Magier, der mir den Schatten der Phyllis beschwören könnte?«
»Wie das, den Schatten der Phyllis?«
»Nun ja, den Schatten der verstorbenen Phyllis. Scheint dir das so sonderbar?«
Nektanebes antwortete, nachdem er die Beherrschung wiedergewonnen hatte:
»Nein, das scheint mir nicht sonderbar und ich kenne sogar einen Magier, wie du ihn brauchst, aber glaubst du auch selbst an die Kraft der Magie?«
»Weshalb hätte ich dich wohl sonst gefragt? Und was hat das mit meinem Glauben zu tun?«
»Er wohnt nicht weit von mir und ich kann mit ihm verabreden, wann das Wiedersehen stattfinden soll.«
»Ich bitte dich darum. Du hast mir viel geholfen mit deinen Worten: tot ist das, was wir für tot halten, und umgekehrt.«
»Lass es gut sein, o Herr, das sind leere Worte, die ein ungebildeter alter Fischer, wie ich, ohne zu denken hat fallen lassen.«
»Du selbst begreifst nicht die ganze Bedeutung dieser Worte. Es ist mir, als sei Phyllis am Leben. Richte schneller aus, was du weisst!«
Der Jüngling gab dem Fischer Geld und der Alte war auf dem weiten Wege zum Landgute mit vielen und verschiedenartigen Gedanken beschäftigt, die zu einem klareren, freudigen Gedanken führten, so dass Phyllis, die nicht schlief und ihm selbst die Gartenpforte öffnete, ihn lächeln sah, als bringe er glückliche Nachrichten.
VII.
Das Mädchen hörte Nektanebes' Plan mit erstaunten Ausrufen.
»Du glaubst? Ist das denn möglich? Wird das nicht Gotteslästerung sein? Bedenke doch: die magischen Beschwörungen haben die Kraft, die Seelen Verstorbener heraufzurufen, -- wie werde ich, die Lebende, den täuschen, den ich liebe? Und wird die hundsköpfige Göttin mich nicht strafen?«
»Wir entweihen den Ritus nicht, du bist keine Tote und bist niemals eine solche gewesen, wir werden uns nur die äussere Form der Beschwörungen zunutze machen, um den gequälten Geist des Pankratius zu beruhigen.«
»Er liebt mich jetzt und will mich sehen?«
»Ja.«
»Die Tote, die Tote!«
»Aber du wirst lebendig sein.«