Part 5
Wie man beim Schein der Laternen hinter dem Wasser sehen konnte, war das Gesicht Philipp Ludwigs traurig. Ich wollte ihn trösten, denn der arme Jüngling tat mir wirklich leid, obgleich ich den Grund seiner Trauer bloss vermutete, ohne ihn genau zu kennen, deshalb begann ich von seinen bevorstehenden wissenschaftlichen Beschäftigungen zu sprechen, aber das Gesicht des herzoglichen Bruders klärte sich kaum auf und nur ein fast nicht bemerkbares Lächeln spielte um seine Lippen. Nachdem er meine Worte angehört hatte, sagte er unerwartet:
»Meister, Ihr seid ein reiner Mensch, Ihr kennet die Liebe nicht, das Weib ist Euch fremd, deshalb liegt die Zukunft offen vor Eurem Blick und Ihr fürchtet Euch nicht Geheimnissen auf den Grund zu sehen. Und darum liebe ich Euch!
Und bevor ich noch Zeit gefunden mich zu besinnen, hatte er sich gebeugt und schnell meine Hand geküsst. Verlegen rief ich aus: »Was ist Euch, Prinz?!« Und ich küsste seine Stirn.
»Nichts, ich bitte Euch, achtet nicht darauf,« erwiderte tonlos Philipp Ludwig.
»Und dann könnet Ihr Euch in bezug auf meine Person irren; und wenn Ihr mich dann so erblicken werdet, wie ich wirklich bin, so wird Eure Unzufriedenheit mit mir wegen der Euch bereiteten Enttäuschung eine nur um so grössere sein.«
»Nein, Meister, nein, mein Teurer, redet nicht schlecht von Euch, ich kenne Euch besser, als Ihr selbst,« sagte der Prinz zärtlich und lehnte, wie in Sehnsucht, seinen Kopf an meine Schulter.
Sechstes Kapitel
Es war zum erstenmal, dass die Prinzessin es wagte zu einem Stelldichein zu mir auf mein Zimmer zu kommen. Wenn es auch gefährlicher war mich aufzusuchen, als mich in ihren Gemächern zu erwarten, so wurde das Wagnis doch durch die vollkommene Ungestörtheit während des Beisammenseins selbst reichlich belohnt. Ich hatte einen Geschäftsbrief beendigt und sass vor meinem Pult, auf dem eine Kerze brannte, in einen Stuhl zurückgelehnt. Ich bemühte mich nicht an die nahe Stunde des Stelldicheins zu denken. Ich war weit davon entfemt die Prinzessin zu lieben oder sie zu begehren, durch meine Stellung und eine gewisse am herzoglichen Hofe herrschende Strenge war ich genötigt mich mehr zu zügeln, als ich es gewohnt war, und ich hatte eine gewisse Sehnsucht nach dem freien Leben in Italien und unwillkürlich kehrte ich in Gedanken immer wieder zum Bruder des Herzogs zurück, dessen zärtliche, fast verliebte Ergebenheit mich aufrichtig rührte. Nachdem ich meinen Brief versiegelt hatte, versank ich, den Kopf auf die Hand gestützt, in die bewegungslose Flamme der Kerze starrend, in Nachdenken. Von einem leisen Klopfen an die Tür geweckt, liess ich eine kleine Gestalt in einem dunkellila Mantel, der vom Regen fast schwarz geworden war, ins Zimmer. Es war Prinzessin Amalia. Ich beeilte mich sie an das brennende Kaminfeuer zu setzen und goss ihr ein Glas Wein ein. Glücklich lächelnd, reichte die Prinzessin mir, ohne ein Wort zu sprechen, die Hand, welche ich ehrerbietig an meine Lippen zog. Dann legte ich meinen Arm auf die Lehne des Stuhles, in dem Amalia sass. Sie schmiegte sich an mich und blickte zärtlich und glücklich zu mir auf. Der Wind rüttelte an den Fensterrahmen, über den Mond jagten Wolken, der Regen schien aufgehört zu haben. Es klopfte wieder an die Tür, dieses Mal schnell und fest; Amalia sprang erbleichend auf.
»Was ist das?« flüsterte sie.
»Seid ruhig, fürchtet Euch nicht,« flüsterte ich, sie wieder in den Stuhl drückend, den ich mit seiner hohen Lehne zur Tür kehrte, nachdem ich über die Prinzessin einen grossen orientalischen Schal geworfen hatte. Man fuhr fort, immer stärker an die Tür zu klopfen und die Stimme Philipp Ludwigs wurde laut:
»Meister, Meister, ich bin's, Prinz Philipp, machet auf!«
Die leuchtenden Augen des Jünglings, sein erregtes, ungleich gerötetes Gesicht, seine bebenden Hände, zeugten davon, dass sein Zustand ein aussergewöhnlicher sei.
»Was ist mit Euch, mein Freund?« sagte ich, ein wenig zurücktretend.
»Ich habe mich entschlossen . . . ich bin entschlossen . . . und hier bin ich, um es Euch zu sagen . . .« stiess der Prinz, der in seiner Erregung fast schön war, mit Unterbrechungen hervor.
»Beruhiget Euch, vielleicht wird es Euch gelegener sein, mir später das mitzuteilen, was Ihr auf dem Herzen habet?«
»Nein, nein! Jetzt! Gleich, o Meister! Höret, ich habe mich entschlossen. Ich schütte mein Herz vor Euch aus . . .« rief der Prinz, und noch ehe ich die Möglichkeit hatte, irgend etwas zu tun, warf er sich in den Lehnstuhl, auf dem die versteckte Amalia sass.
Ein zwiefacher Schrei gellte durch das Zimmer: der Prinz hatte den Schal von Amalia, die, in eine Ecke des Stuhles gedrückt, ihre Augen zusammenkniff, heruntergerissen und starrte sie an wie einen Basilisk.
»Meister, ich hasse Euch . . .!« zischte er, als er mir sein in Tränen gebadetes Gesicht zukehrte, und lief, die Tür hinter sich zuschlagend, aus dem Zimmer.
Siebentes Kapitel
Zum kleinen Souper waren, ausser mir, noch der Rat von Hohenschwitz und die lustige Kammerfrau, Bertha von Liebkosenfeld, geladen; Prinz Philipp war nicht erschienen, er hatte sich krank gemeldet, Prinzessin Amalia und die Herzogin Elisabeth Beatrix, beide in Kleidern mit chinesischem Muster, sassen zu beiden Seiten des Herzogs, den Rat und mich zu Tischnachbarn, während die Liebkosenfeld Ernst Johann gegenübersass und mit ihrer vollen rosigen Gestalt unseren Kreis abschloss. Das Orchester spielte aus »Dardanus«, die Diener (der grösseren Intimität wegen waren ihrer nur zwei befohlen) schenkten Wein ein, und der Herzog unterhielt sich, um die Etikette aufzuheben, über den Tisch laut mit der lustigen Bertha, die ihm mit einem Lachen antwortete, das zwei Reihen blendendweisser Zähne sehen liess.
»Ew. Liebden haben recht mit der Annahme, dass das Herz, so unter meinem linken Auge angeklebet, kein Zufall sei. Ich bin bis zum Wahnsinn verliebt, allein der Gegenstand meiner Verehrung ist allzu hoch und unerreichbar,« sagte Bertha, ihre grossen blauen Kuhaugen senkend. Hohenschwitz hustete laut, nahm eine Prise, nieste und putzte seine Nase mit einem grünseidenen Tuche.
»Ohne jemand kränken zu wollen, frei von Parteilichkeit, einzig um das Wohl des Landes besorgt, ernennen wir Euch, lieber Scalzarocca, zu unserem Rat und ersten Minister. Der Bitte Gehör schenkend, welche der unserem gerechten Herzen nicht weniger nahestehende von Hohenschwitz kürzlich äusserte, gewähren wir ihm die Möglichkeit, in Ruhe und Frieden die ihm in so reichem Masse verliehenen philosophischen Fähigkeiten zu entwickeln.«
Die Herzogin war etwas blass geworden, gab dem Diener das Zeichen, die bereits vorher gefüllten Schaumweinkelche zu reichen. Sie wählte selbst den Kelch, den sie dem Herzog gab, dann reichte sie zum Zeichen besonderer Huld jedem von uns den seinen mit eigener Hand. Von Hohenschwitz hustete angestrengt.
Bertha von Liebkosenfeld lachte laut auf, als der Herzog über eine kleine Unpässlichkeit klagte und sich in seine Gemächer zurückzog.
Achtes Kapitel
Vor mir stand ein junger Mann, fast noch ein Knabe, ohne Perücke, in bescheidenem schwarzem Kamisol, blass, mit glänzenden Augen und spitzem Kinn und entwickelte mir utopistische Ideen von Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, sprach von grossen Ereignissen, welche angeblich herannahten, von Welterschütterung und neuer Sintflut. Ich fragte ihn:
»Ihr seid Engländer?«
»Nein, ich bin Franzose und habe mich an Euch, als an meinen Landsmann, um Förderung gewandt.«
»Ja, ich kenne Eure Angelegenheit, sie wird geordnet werden, aber Eure Worte interessieren mich auf das lebhafteste; Ihr saget, dass diese Schwärmereien eine ganze Masse von Leuten beseelen, welche nicht nur um der eigenen Befreiung willen zu handeln bereit sind?«
»Wir werden die Welt befreien!«
»Befreien? Wovon befreien? Von mir zum Beispiel?«
»Von den Tyrannen!« rief der Knabe, dessen Gesicht rot geworden war.
»Aber Vorurteile, Sitten, unsere Gefühle schliesslich, sind grausamere Tyrannen, als die gekrönten Häupter. Es heisst doch ganz mit Recht:
»Tyrannin ist die Liebe, herrscht über königliche Macht, Den stolzen Simson selbst hat sie zu Fall gebracht . . .«
Ein Diener überreichte mir einen Zettel, auf dem mit Bleistift geschrieben stand:
»Freund, rettet Euch, der Herzog ist nach dem gestrigen Souper an den Blattern gestorben. Eure wütendsten Feinde haben die Macht in Händen. Im besten Falle droht Euch die Verbannung. Nützet die Zeit. Euer Freund.«
Ich sah den Jüngling an, der bereit war seine Rede fortzusetzen, und sagte:
»Euer Anliegen wird, meinen Worten entsprechend, erledigt werden,« und beantwortete mit einem wohlwollenden Lächeln seine ehrerbietige, wenn auch würdige Verbeugung. Als ich allein geblieben war, sah ich durch das Fenster lange in den feinen Regen hinaus, der in eine Pfütze tröpfelte, dann klingelte ich nach meinen Kleidern.
Neuntes Kapitel
Im Saal, in dem schon die Kandelaber angesteckt waren, befand sich nur Bertha von Liebkosenfeld. Sie stand mitten im Zimmer und las einen Zettel. Ihr rosiger feuchter Mund lächelte. Als sie mich bemerkte, winkte sie mich zu sich heran, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte:
»Meister, nur im Unglück erkennet man seine wahren Freunde. Glaubet mir, dass ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Aus Briefen der Jungfer Claire Valmont an Rosalie Tütel Mayer
27. Juli 172*.
Entschuldigt, teure Tante, dass ich Euch so lange nicht geschrieben habe, aber über diesem Umzuge haben wir alle den Kopf verloren; jetzt kommt alles nach und nach in Ordnung, und gestern wurde schon das Schild aufgehängt; Papa macht alles selbst, ärgert sich und schilt uns und gestern kam es mit ihm so weit, dass er sein Gilet mit dem Hinterteil nach vorne angezogen hatte. Mama lässt Euch vielmals grüssen; ich habe ein eigenes Zimmer, aber neben dem ihrigen und die Tür lasse ich zur Nacht offen stehen, weil ich immer noch derselbe Hasenfuss geblieben bin. Papa hat, ausser Jean und Pierre, nur noch einen Lehrling und dann noch Jacques Mobert, der unlängst zu uns in Dienst getreten und, wie ich glaube, von hier gebürtig ist. So ein sonderbarer Kauz! Er kam, sich zu verdingen, in später Nacht, als wir uns schon schlafen legen wollten; Papa hätte ihn beinahe, ohne weiter zu reden, davongejagt, aber schliesslich ging alles gut aus. Arbeit gibt es, gottlob! viel, so dass Papa sich ordentlich müde arbeitet; aber was ist dabei zu machen, man muss doch auf irgendeine Art leben. Was soll ich Euch über Lachaise-Dieu sagen? Es ist das ein ganz kleines Städtchen mit einem alten Kloster, das wie eine Festung aussieht, in der Ferne kann man Berge sehen. Ich weiss nicht, ob wir es hier nicht sehr langweilig haben werden, obgleich wir schon einige Bekanntschaften gemacht haben. Einstweilen kommt man noch, wegen der Einrichtung, zu nichts. Lebet wohl, liebe Tante, entschuldigt, dass ich wenig schreibe -- ich habe furchtbar wenig Zeit und dann ist es auch so heiss, dass mein Hals ganz nass ist. Ich küsse Euch usw.
Eure Euch liebende Nichte Claire Valmont.
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15. September 172*.
Ich danke Euch, liebes Tantchen, für das Wintermäntelchen, das Ihr mir gesandt habt. Wirklich, Ihr seid zu vorsorglich, da Ihr mir Euer liebes Geschenk jetzt geschickt habet, wo wir noch in Kleidern auf die Strasse gehen. Ich erkenne das liebe Tantchen Rosalie sowohl in dieser Aufmerksamkeit, als auch in der Wahl des Zeuges! Wo habt Ihr bloss einen solch prächtigen Stoff gefunden? Hauptsächlich einen mit solchem Dessin? Diese so grellen Rosen mit den grünen Blättern auf goldig-gelbem Grunde sind der Gegenstand der Bewunderung aller unserer Bekannten, die uns besonders besuchen, um Euer Geschenk zu sehen, und ich warte mit Ungeduld auf die Kälte, um diese Pracht einzuweihen. Wir sind alle gesund, wenn wir auch bescheiden leben und uns nirgendwo zeigen. Zu Hause macht uns Jacques viel Spass; das ist ein sehr lustiger, lieber junger Mann, talentvoll und arbeitsam, so dass Papa nicht genug Lob finden kann. Mütterchen gefällt es nicht, dass er nicht zur Kirche geht und nicht fromme Gespräche liebt. Natürlich ist das nicht gut, aber man kann diesen Fehler mit seiner Jugend entschuldigen, um so mehr, als Jacques ein sehr bescheidener Jüngling ist: er treibt sich nicht herum, spielt nicht und trinkt nicht. Noch einmal danke ich Euch, liebe Tante, für den Wintermantel und bleibe
Eure Euch liebende Nichte Claire Valmont.
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2. Oktober 172*
Teures Tantchen, ich wünsche Euch von ganzem Herzen Glück zu Eurem Geburtstage (es ist doch schon das neunundsechzigste Lebensjahr, in das Ihr tretet!) und wünsche Euch ihn mit weniger dunkeln, weniger gemischten Gefühlen zu begehen, als ich sie eben habe. Ach, Tante, Tante. Ich bin so gewöhnt Euch alles zu schreiben, dass es mir viel leichter fällt Euch ein Geständnis abzulegen, als Père Vital, unserem Beichtvater, den ich doch bloss einige Monate kenne. Wie soll ich beginnen? Und womit? Ich zittere, wie ein kleines Mädchen, und nur die Erinnerung an Euer liebes, gutes Gesicht, das Bewusstsein, dass ich für Tante Rosalie immer noch dieselbe kleine Claire bin, verleiht mir Mut. Entsinnet Ihr Euch, dass ich Euch von Jacques Mobert schrieb, nun also, Tante, ich liebe ihn. Erinnert Euch an Eure Jugendzeit, an Regensburg, an den jungen Heinrich von Monschein und geht nicht zu streng ins Gericht mit Eurer armen Claire, die dem Zauber der Liebe nicht widerstanden hat . . . . Er hat versprochen Vater alles zu sagen und mich nach Weihnachten zu heiraten, aber zu Hause argwöhnt niemand etwas und bitte verratet mich nicht. Wie mir leichter geworden ist, seit ich Euch gestanden habe. Ich liebe besonders seine Augen, die so gross sind, wenn er küsst, und dann pflegt er sich mit den Augenbrauen an meine Wangen zu reiben, was bezaubernd angenehm ist.
Verzeihet mir, liebe Tante, und seid nicht bös auf Eure arme
Claire Valmont.
Ich wollte bloss noch sagen, dass Jacques gar kein Hiesiger ist und in Lachaise-Dieu kennt niemand ihn, wir haben es uns ganz ohne Grund eingebildet. Aber ist das eigentlich nicht ganz gleichgültig? Nicht wahr? . . .
* * * * *
6. Dezember 172*.
Es ist wahr, dass ein Unglück niemals allein kommt! Mama bemerkte gestern meine Taille und fing an mich auszufragen und ich gestand alles. Ihr könnt Euch Mamas Kummer, Papas Zorn vorstellen. Er schlug mich ins Gesicht und sagte: »Ich habe nie geglaubt, eine Dirne zur Tochter zu bekommen«, dann ging er fort und warf die Tür zu. Mama tröstete sich unter Tränen selbst, so gut sie konnte. Wie Ihr mir fehlet, liebe Tante, Eure Liebkosungen, Euer Rat. Jetzt gehe ich nirgendwohin aus und ich werde keine Gelegenheit haben Euern Mantel einzuweihen. Aber schrecklicher, als alles, ist, dass Jacques unsverlassen hat. Ich bin überzeugt, dass er sich in seine Stadt aufgemacht hat, um den Segen seiner Eltern zu erbitten; wie dem aber auch sein möge, er ist nicht da, und meine Langeweile und Niedergeschlagenheit wird durch seine Abwesenheit nur noch grösser. Mir scheint, dass alle von meiner Schande wissen, und ich fürchte mich ans Fenster zu treten; ich nähe ohne zu rasten, obgleich es mir jetzt schon schwerfällt lange gebückt zu sitzen. Ja, eine schwere Zeit ist für mich gekommen. Wie das Lied singt:
»Plaisir d'amour dure qu'un moment, Chagrin d'amour dure toute la vie.«
Lebet wohl usw.
Eure Euch liebende Claire.
2. Juni 172*.
Ihr habet wohl geglaubt, liebe Tante, dass ich schon tot sei, als Ihr so viele Monde keinen Brief von mir erhieltet. Zum Unglück bin ich noch am Leben. Ich will ruhig alles erzählen, was vorgefallen ist. Jacques ist nicht da, möge Gott ihm seine Bosheit vergeben, wie er uns von den Ränken Satans erlöst hat. Am 22. Mai kam ich mit einem Kinde, einem Knaben, nieder. Aber, allgütiger Gott, was war das für ein Kind: ganz behaart war es, ohne Augen, mit deutlich sichtbaren Hörnern auf dem Kopfe. Man fürchtete für mein Leben, als ich mein Kind zu sehen bekam. Mein Kind, wie schrecklich! Desungeachtet wurde beschlossen, es nach dem Ritus der heiligen katholischen Kirche zu taufen. Während des heiligen Sakramentes fing das für die Taufe vorbereitete Wasser zu dampfen an, es erhob sich ein fürchterlicher Gestank, und als die Anwesenden, nachdem der ätzende Dampf sich verzogen hatte, die Augen wieder öffnen konnten, erblickten sie im Taufbecken, statt des Kindes, einen grossen schwarzen Rettich. Mögen wir vor den Ränken Satans verschont bleiben. Könnet Ihr Euch den ganzen Kummer, das ganze Entsetzen und die Freude darüber vorstellen, dass wir nicht völlig ins Verderben gestürzt worden sind. Als man mir alles erzählte, was in der Kirche vorgefallen, war ich wie wahnsinnig. Bei uns wurde eine Messe gelesen und jeden Tag wird mit geweihtem Wasser gesprengt. Für mich werden Gebete um Austreibung böser Geister gelesen. Père Vital riet meinen Organismus vom bösen Samen zu reinigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ihr würdet mich nicht wiedererkennen, liebe Tante, so habe ich mich in dieser Zeit verändert. Nicht jeden trifft ein solches Unglück. Aber Gott erhalte alle, die ihre Zuversicht auf ihn setzen. Lebet wohl usw.
Eure Euch liebende Claire Valmont.
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15. Juni 172*.
Ich schreibe Euch wieder, liebe Tante, weil ich glaube, dass Ihr Euch unserer Angelegenheiten wegen beunruhiget. Nach meiner Reinigung begannen die Einwohner auch bei sich die Überbleibsel der Spuren des bösen Geistes auszurotten. Man erinnerte sich an alle Arbeiten, die Jacques Mobert (obgleich es besser wäre ihn Teufel Beelzebub zu nennen) gemacht hatte: Stiefel, Halbstiefel, Schuhe und Kanonenstiefel, und nachdem sie alles auf dem Platze vor der Abtei zu einem Haufen geschichtet hatten, wurde es verbrannt. Nur der alte Uhrmacher Limosius weigerte sich seine Stiefel herzugeben, weil ihm, wie er sagte, dauerhafte Stiefel wichtiger seien, als ein alberner Aberglaube. Aber er ist natürlich ein Jude und Gottloser, der nicht um die Errettung der unsterblichen Seele besorgt ist. Lebet wohl, liebe Tante, usw.
Ich verbleibe Eure Euch liebende Claire Valmont.
Florus und der Räuber
I.
Jedesmal, wenn Ämilius Florus die gegenüberliegende, aus demselben rotglänzenden Stein gebaute Mauer erreichte, kehrte er ungestüm sein bleich gewordenes Gesicht um, und seine schallenden Schritte, die der gewöhnlichen Leichtigkeit seines Ganges so unähnlich waren, machten den greisen Sklaven und den stummen Knaben, die auf der Erde sassen, zusammenfahren, und sie blickten erschreckt auf, wenn die Ränder des blauen Gewandes ihres Herrn sie bei seinen hastigen Wendungen streiften.
Als wäre er vom Hin- und Herlaufen ermüdet, schickte er den Alten hinaus, mit geschlossenen Augen den Kopf schüttelnd, um zu zeigen, dass er die Wirtschaftsberichte nicht zu hören wünsche. Der Knabe, der zu dem jetzt sitzenden Florus herangekrochen war, küsste ihm die Knie und versuchte, einen Blick von ihm aufzufangen. Florus pfiff dem grossen zottigen Hunde und sie traten alle drei in den Garten hinaus, wo sie wieder hintereinander auf und ab zu gehen begannen. Zuerst ging schweigend und mit grossen Schritten der Herr, dicht hinter ihm trippelte der stumme Knabe, den grossen Kopf schüttelnd, schritt der Hund als Letzter in der Reihe. Durch den zweiten Spaziergang beruhigt, betrat Florus das Haus und schrieb den bereits angefangenen Brief weiter:
». . . Dir wird es eine Kinderei scheinen, was ich mich anschicke Dir zu sagen, aber diese Kleinigkeit raubt mir die Ruhe und das Gleichgewicht meiner Seele, deren jeder bedarf, dem die Würde des Menschen etwas gilt. Dieser Tage traf ich einen Mann aus dem Volke, den ich vorher niemals gesehen hatte, aber von so bekanntem Aussehen, das ich -- teilte ich die Lehre der Brahmanen von der Seelenwanderung -- geglaubt haben würde, wir seien einander schon in einem früheren Leben begegnet. Und noch sonderbarer ist es, dass der Gedanke an diese Begegnung, der in meinem Kopfe stark geworden ist, wie Bohnen aufquellen, wenn man sie zur Nacht in Wasser legt, mir keine Ruhe lässt, und ich bin bereit hinzugehen und selbst diesen Menschen zu suchen, weil ich mich nicht entschliessen kann, mich jemand anzuvertrauen und mich selbst meiner Schwäche schäme. Vielleicht hängt das alles vom ungenügenden Zustande meiner Gesundheit ab: häufige Schwindelanfälle, Schlaflosigkeit, Niedergeschlagenheit und grundlose Angstgefühle gestatten nicht, sie befriedigend zu nennen. Der Mann, den ich traf, hatte ungewöhnlich helle graue Augen, gebräunte Hautfarbe und dunkles Haar; an Wuchs und Körperbau gleicht er mir. Calpurnia meinen Gruss, küsse die Kinder; die Amphoren habe ich schon längst in Dein Stadthaus geschickt. Nochmals vale.«
II.
Der Arzt schwieg eine Weile und fragte:
»Mit welch einem Zustande hat der deinige am meisten Ähnlichkeit, Herr?«
»Ich kenne den Zustand eines Menschen nicht, der ins Gefängnis geworfen worden ist, aber ich glaube, dass der meinige diesem am nächsten kommt. Seit einiger Zeit fühle ich mich in meinen Bewegungen behindert, die Willensfreiheit selbst scheint beschränkt; ich will gehen und kann nicht, will atmen und ersticke, mich beherrscht eine dunkle Unruhe und unbestimmte Angst.«
Florus schwieg, als sei er ermüdet, und erbleichend, begann er wieder:
»Vielleicht wirkt auf meine Vorstellung vom Gefängnis ein Traum, den ich vor Ausbruch meiner Krankheit hatte.«
»Du hattest einen Traum?«
»Ja, einen so deutlichen, handgreiflichen! Und sonderbar: es ist, als hätte er bis jetzt nicht aufgehört, und wenn ich wünschte (davon bin ich überzeugt), könnte ich ihn ununterbrochen weiter träumen und dich, mein Freund, für ein Gespenst halten.«
»Wird es dich aufregen, wenn du ihn mir erzählst?«
»Nein, nein!« wiederholte Ämilius hastig, die Schweisstropfen fortwischend, die an seiner Stirn hervorgetreten waren. Und er begann, als mache es ihm Mühe, sich zu erinnern, abgerissen zu sprechen, und bald hob sich seine Stimme zu lautem Schreien, bald sank sie zu raunendem Flüstern herab:
»Sage es niemand, was du hören wirst . . . schwöre es . . . . vielleicht ist es gerade die Wahrheit. Ich weiss nicht . . . . ich habe gemordet -- denke nichts . . . es war -- dort, im Traume. Ich floh, lange irrte ich umher, ich nährte mich von Früchten (ich entsinne mich, es waren wilde Kirschen), stahl Brot, Milch geradewegs aus den Eutern der Kühe auf dem Felde. Ach, die Sonne brannte und betäubend war der Dunst der Sümpfe! Als ich durch das Hafentor ging, wurde ich, unter dem Verdacht ein Messer gestohlen zu haben, ergriffen. Ein hochgewachsener rothaariger Händler, (ja, »Titus« nannten sie ihn), hielt mich fest: ich fühlte mich schwach und war fassungslos; ein rothaariges Frauenzimmer lachte laut, ein rotgelber Hund winselte zu meinen Füssen, auf dem Pflaster lag eine Nelke, gepanzerte Soldaten gingen vorüber . . . man schlug mich . . . die Sonne sengte. Dann Finsternis und stickige Kühle. O Kühle der Gärten, der klaren Quellen, des Bergwindes, wo bist du?« . . .
Und Florus schwieg entkräftet und liess sein Haupt sinken. Der Arzt sagte: »Schlafe ein«, und ging hinaus zum Schaffner über den Kranken zu sprechen. Der stumme Knabe lauschte mit gierig geöffneten Augen und offenstehendem Munde. Gegen Abend rief Florus die alte Amme. Vor ihm kauernd sprach die Alte, die ihre Märchen und Kindheitserinnerungen erschöpft hatte, ohne Zusammenhang von dem, was ihre alten Augen gesehen und ihre taub werdenden Ohren gehört hatten. Sich in ihren Mantel wickelnd, zischelte sie mit zahnlosem Munde:
»Söhnchen, vor ein paar Tagen sah ich am Hafentor einen Mörder: er hielt das Messer in der Hand, aber sein Anblick war nicht fürchterlich; hell, ach, so hell waren seine Augen, dunkles Haar, wie ein Knabe sah er aus. Mein Schwager, der Händler Titus, hat ihn festgehalten . . .«
Florus schrie auf und packte sie am Arm:
»Hör auf! Hör auf! Geh! Titus? sagst du Titus, Hexe?«