Part 4
»'s ist noch gut, dass es euch gelungen ist, statt des Giovanni, diesen Narren herzubringen. Aber welche Unvorsichtigkeit! Welche Unvorsichtigkeit! Haben meine Damen das bedacht? An einem Festtag, vor allen Leuten sich in der Gondel hinauszuwagen und dazu noch zu einer solchen Stunde, zu einer solchen Stunde! Rechtfertigt euch nicht! Genügen euch die leeren Zimmer vielleicht nicht zu Spaziergängen? Die alte Ursula ist nicht schuld daran, die dreht, seit dieser Taugenichts davongelaufen ist, die Maschine allein. Ich wiederhole, es ist gut, dass ihr diesen Kerl hergelockt habet, aber dass das in Zukunft nicht wieder vorkommt!«
Ich blickte durch den Spalt zwischen den Vorhängen: im Zimmer ging ein riesiger pockennarbiger Mann von etwa fünfundvierzig Jahren auf und ab. Er trug keine Perücke, sondern hatte um seinen Kopf ein seidenes Tuch gewunden. Die bleichen Damen sassen mit müden, angegriffenen Gesichtern und matten Augen auf dem Sofa nebeneinander und versuchten von Zeit zu Zeit schüchtern sich zu rechtfertigen. Die Sonne liess ihr Licht auf ihre Gesichter fallen und machte diese den gestrigen ebenso unähnlich, wie es das Zimmer war, das ein Werktagsaussehen hatte, nicht aufgeräumt war. Die gelben Rosen lagen, nicht ausgekehrt, auf dem Boden, die Perlen, neben dampfenden Tassen mit Schokolade auf dem Tische. Nachdem er hinter meinen Vorhängen Geräusch gehört hatte, trat der Mann, den Damen mit dem Finger drohend, in den Schrank, durch den gestern die Alte erschienen war, und verschwand. Ich bekam meine Schokolade, später ein Mittag-, dann ein Abendessen. Zwischen den Mahlzeiten spielten die Damen Gitarre und sangen leise zweistimmig Lieder. Gegen acht Uhr, als das Abendessen schon fertig war, und wir mit Signorina Bianca an der geöffneten Schranktür plauderten, erblasste die Dame plötzlich, schloss halb die Augen und wurde eigentümlich sich selbst wieder ähnlich, wie ich sie gestern gesehen hatte. Sie sprach leise und mit Unterbrechungen, während auch hinter der Tür verschwommene Stimmen hörbar wurden.
»Alcide da Buonovente . . . ja . . . Ihr werdet es nach neun Nächten finden . . . es wird nichts geschehen . . . der Tod, der Tod . . . zehntausend Louisdors . . . . der Rest im linken Schiebfach des Sekretärs . . . .«
Ich stürzte erschreckt zu Signorina Catharina, die den Finger an den Mund hielt, um mir Schweigen zu gebieten, und mich ans Fenster zog, während die bleiche Bianca fortfuhr, unverständliche, abgebrochene Sätze zu murmeln, als beantworte sie ihr allein vernehmliche Fragen.
Zwölftes Kapitel
Eines Morgens befahl mir Signor Ambrosio mich anzukleiden und ihm in die nächste Kirche zu folgen. Er sagte mir:
»Aimé, ich werde Euch ein grosses Geheimnis enthüllen, welches das Glück Eures Lebens werden kann; vorher jedoch muss ich Gewissheit haben, dass Ihr dieses Geheimnis niemand verraten werdet, deshalb werdet Ihr mir vor dem Altar ein Schriftstück vorlesen, das ich bei mir in der Tasche trage.«
Die gewisse Feierlichkeit, mit der diese einleitenden Worte vorgetragen wurden, die halbdunkele Kirche mit ihren wenigen Betern, der erste Ausgang nach ziemlich langer Zimmerhaft, das alles hatte mich selbst in gehobene Stimmung versetzt. In der Kirche, beim Altar, wo die ewige Lampe vor den geweihten Gaben des heiligen Abendmahles brannte, las ich das Folgende:
»Ich, Jean, Aimé, Ulysse, Bartholomé schwöre vor unserem Herrn Jesus Christus, seiner heiligen Mutter, der heiligen Jungfrau Maria und allen Heiligen, ewiges Schweigen darüber zu bewahren, was ich vom ehrenwerten Signor Ambrosio, Pietro, Ieronymo Scalzarocca erfahren werde, und niemand, weder Bruder, noch Vater, noch Sohn, noch Mutter, noch Schwester, noch Tochter, noch Onkel, noch Neffen, noch sonst einem Verwandten oder einer Verwandten, keinem Freunde, keinem Manne und keiner Frau dasselbe eröffnen, noch mit mir selber, weder mündlich noch schriftlich darüber sprechen, auch nicht sagen werde: »ich könnte etwas erzählen, wenn ich nicht durch ein Versprechen gebunden wäre«, oder: »ich weiss etwas«, oder andere Andeutungen machen werde. Möge Gottes Strafe mich, als einen Eidbrüchigen, treffen, möge ich der Seligkeit des Paradieses verlustig gehen, wenn ich diesen Schwur nicht halte, den ich vor den geweihten Gaben des heiligen Abendmahles, dem unbefleckten Leibe des Herrn, leiste, am Tage der Märtyrer, der Päpste Clytus und Marcellinus, im Monat Aprilis, am sechsundzwanzigsten Tage, zu Venedig. Amen. Das zu halten gelobe ich, Jean, Aimé, Ulysse, Bartholomé. Und alles das ist wahr, wie die ewige Seligkeit der gerechten Seelen und die ewigen Martern der reuelosen Sünder wahr sind. Amen, amen, amen.«
Wir gingen schweigend nach Hause. Nachdem Signor Ambrosio mich in ein kleines dunkeles Zimmer, eine Art Ablegeraum, geführt hatte, zündete er eine Laterne an. Ich erblickte eine ganze Kette von Rädern, Hebeln, Achsen, die allem Anschein nach auf irgendeine geheime Art mit dem Nebenzimmer in Zusammenhang gebracht waren. Die alte Ursula setzte diese Räder mit grosser Anstrengung mittels eines Griffes in Bewegung, wobei ihr der Schweiss in Strömen von der Stirn floss. Ambrosio begann wieder mit einer gewissen Wichtigkeit auf dem pockennarbigen Gesichte:
»Höre, Aimé, ich teile mein grösstes Geheimnis mit dir. Siehst du, diese ganze Anlage ist ein Schritt zum grossen Perpetuum mobile; jedoch der letzte Schritt ist noch nicht getan. Noch fehlt dem grössten Werke des menschlichen Genius die Krone. Den Leuten aber, deren Spott kleinmütig macht, will ich das Werk bereits in der äusseren Gestalt seiner künftigen Vollkommenheit zeigen. Einstweilen ersetzen deshalb meine eigenen Hände, die schwachen Arme dieser alten, mir ergebenen Frau, und von jetzt ab auch die deinen, mein Sohn, den ewigen Stoss der Bewegung.« Er umarmte mich begeistert, während die schweisstriefende Ursula leise stöhnte.
Bald hatte ich alles erfahren: die Signorine, Bianca und Catharina, waren Hellseherinnen, die täglich von Signor Scalzarocca in magischen Schlaf versenkt wurden, der bekanntlich die menschlichen Fähigkeiten so wundersamer Weise schärft. Diese ihre Fähigkeit benutzte Scalzarocca zu Wahrsagungen und zur Beantwortung von allen möglichen Fragen. Ausser dieser Beschäftigung und der mit dem Perpetuum mobile, trieb er noch Alchemie, zu welchem Zwecke er sich täglich für zwei, drei Stunden ganz allein, selbst ohne mich, den er doch in die Elemente der Magie und der Stellung des Horoskopes einzuführen begonnen hatte, in ein entlegenes Zimmer zurückzog. Ich kam selten aus dem Hause. Bald musste ich das Perpetuum mobile drehen, bald sass ich bei den Damen oder las im Albertus Magnus.
Dreizehntes Kapitel
Eines Morgens, während unserer Beschäftigungen, sagte mir Ambrosio ernst und aufrichtig, dass er uns bald verlassen werde und mich mitnehmen könne, dass die beiden Damen jedoch mit der alten Ursula nach Ferrara ziehen sollten. Er, Scalzarocca, selbst werde von einem deutschen Herzog, als astrologischer Rat und Maitre de plaisir an dessen Hof geladen und in den nächsten Tagen träfen die Abgesandten des Herzogs ein, um ihn abzuholen. Hierauf entfernte er sich ins Laboratorium. Da Ursula die Maschine drehte, so benutzte ich die freie Zeit, um einem Duett der Damen, die auf dem Sofa sassen, zuzuhören. Meine Träume von der bevorstehenden Reise, von Elixieren, Horoskopen, von Geld, von in der Ferne winkender Grösse wurden durch einen fürchterlichen Knall unterbrochen, der das ganze Haus erschütterte.
»Was ist das?!« riefen beide Damen, vom Sofa aufspringend, aus.
»Das war oben!« entgegnete ich, erbleichend.
»Zu Hilfe! Der Herr, der Herr!« schrie Ursula, die in der Tür zum Ablegeraum erschien. Ich befahl ihr zu schweigen und eilte die Treppe hinauf an die verschlossene Tür:
»Signor, Signor! Was ist mit Euch geschehen?« rief ich und trommelte mit den Fäusten an die Tür, hinter der nur ein atemraubender Geruch hervorquoll. Ausserstande, die eisenbeschlagene Tür aufzubrechen, stieg ich auf einen Stuhl und sah durch das Fenster im Rauche, der das ganze Zimmer erfüllte, Signor Ambrosio am Boden ausgestreckt daliegen. Das Fenster einschlagen, durch das ätzender Qualm herausdrang, und ins Zimmer springen, war das Werk eines Augenblicks. Scalzarocca lag mit verbranntem Gesicht, ganz in Rauch gehüllt, neben einer gesprungenen Retorte, er war ohne Zweifel tot. Es wurde an die Tür geklopft und als ich von innen mit dem Schlüssel öffnete und hinaustrat, flüsterte Ursula entsetzt:
»Die Abgesandten des Herzogs!«
Ich war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen, aber plötzlich erfüllte Entschlossenheit meinen Verstand mit kalter Ruhe. Ich verschloss die Tür, befahl Ursula zu schweigen und stieg wichtig und langsam die Treppen zu den rosigen jungen Deutschen hinunter.
»Ihr seid vom Herzog Ernst Johann nach mir gesandt?« fragte ich ruhig. Die Deutschen verbeugten sich und begannen gleichzeitig:
»Wir haben die Ehre mit . . .?«
»Ja, Ihr sprechet mit dem berühmten Ambrosius, Petrus, Hieronymus Scalzarocca.«
»Aber, ehrenwerter Herr, man sagte uns . . . machte uns auf Eure Jahre aufmerksam . . . .«
»Am Tage der heiligen Jungfrau Praxedis, den einundzwanzigsten Juli, werde ich fünfundvierzig Jahre alt werden,« sagte ich würdevoll und lächelte träumerisch vor mich hin. Als ich den zweifelnden Blick der Deutschen gewahrte, fügte ich, auf die an der Tür herumstehende Ursula weisend, hinzu: »Diese Frau wird Euch meine Worte bestätigen. Dem Weisen erschliessen sich alle Geheimnisse der Natur, und selbst die Jahre haben, wie Gift und Verleumdung, keine Macht über ihn.«
Die Deutschen hörten mit halboffenem rosigem Munde ehrfurchtsvoll zu, während der ätzende Rauch aus Scalzaroccas Laboratorium in einem feinen Streifen sich an der Oberlage hinzog.
Vierter Teil
Erstes Kapitel
»Und Ihr glaubet, dass dieses Elixier den Flug der Zeit in unseren Zügen unsichtbar machen kann, dass mit vierzig Jahren unsre Augen glänzen, unsre Zähne schimmern, unsre Wangen blühen werden, unser Haar so üppig, unsere Stimme klangvoll sein wird, wie mit zwanzig Jahren?« So sprach die kleine Prinzessin Amalia, während sie sich mit mir im Schlossparke unter den beschorenen Bäumen erging. Ich sah in ihr rundes, rötlich glänzendes kleines Gesichtchen, mit den runden hervorquellenden Augen, die so erschreckt-naiv in die Welt blickten, während das winzige Persönchen in einem grünlichen Kleide, das mit grell-rosa Buketts übersät war, hüpfenden Ganges über den Weg trippelte und den kleinen chinesischen Fächer bald auf- und bald zuklappte. Dann sagte ich:
»Glaubet mir, Prinzessin, dieser Wundertrank kann nicht bloss den Lauf der Zeit aufhalten, er kann die Zeit wiederbringen, dass die Rosen, die schon zu verschwinden begonnen, wieder auf den Wangen erblühen und das Feuer der Augen, das als schwacher Funke glimmte, wieder in fröhlichen Flammen zu spielen beginnt. Ihr sehet in mir selbst das anschauliche Beispiel dafür.«
Da wir durch eine abgelegene Allee zum See, auf dem Schwäne hinglitten, hinuntergingen, lehnte sich die Prinzessin zärtlich auf meinen Arm und flüsterte noch zärtlicher:
»So dass auch mir, die sich schon bereit macht, auf alles zu verzichten, noch Hoffnung lächeln kann?«
»Prinzessin!« rief ich aus, »jeder wird bestätigen, dass das Elixier, zu dem Ihr ohne Ursache zu greifen Euch herabliesset, bereits begonnen hat, seine Wirkung auszuüben.«
»Ach, Ambrosius, teurer Meister, sprechet zu mir, als mein Freund und nicht, wie ein Hofmann meines Bruders . . .« Und die Prinzessin begann sich darüber zu beklagen, dass die Herzogin sie, die unglückliche Amalia, auf alle Art in den Hintergrund dränge, sie verfolge und sie mit ihrem Bruder, dem Herzog, zu veruneinigen trachte, weil sie selbst unter dem Einflusse des alten Rates von Hohenschwitz stehe, der ein schlauer und heimtückischer Höfling sei. Dieser Bericht war mir nicht neu, ebensowenig, wie die leidenschaftlichen Blicke, die Amalia mir schenkte. Ich küsste ehrerbietig ihre Hand, versprach alles aufzubieten, was in meinen Kräften stehen würde, um die Eintracht in der herzoglichen Familie wiederherzustellen, und ohne den Kopf nach dem zweiten Handkusse zu erheben, sagte ich kaum hörbar:
»Wann werden wir uns wiedersehen, göttliche Gönnerin?«
»Mittwoch abend, im kleinen Pavillon,« antwortete die Prinzessin erfreut und tänzelte, wie eine hinter die Kulissen abgehende Ballerina, in eine Seitenallee. In Gedanken versunken war ich fast bis ans Gitter des Parkes weiter gegangen, als ich weibliche Stimmen vernahm. Mir schien, dass über die herzogliche Familie gesprochen werde, deshalb blieb ich stehen, denn ich wollte mir die Unterhaltung zunutze machen.
». . . . nein, nein, das weiss man schon, die Mutter der seligen Herzogin, Therese Pauline und deren Mutter, Pauline Therese, und auch ihre Mutter, Ernestine Viktoria, bei allen, allen ist es, wie man sagt, so gewesen: das erste Kind ein Sohn, dann sechs Töchter. Und -- denk an mein Wort! auch unsere Herzogin -- Gott geb' ihr eine leichte Geburt -- wird als erstes Kind den Thronerben gebären.«
»Gäb's Gott!«
»Und alle rothaarig, wie die Füchse . . .«
»Nun, dieser kann auch schwarze Haare bekommen.«
»Was willst du damit sagen, Barbara?«
»Hast du das Jugendbildnis des Rates gesehen, das in seinem Speisesaal hängt?«
»Dummheiten! Das geht uns nichts an! Ich glaub's nimmer!«
»Gewiss, ich sag's ja auch: meine Sache ist, dass die Kühe gefüttert werden, dass sie rein sind und gemelkt werden, ja, das ist meine Sache, aber was die herrschaftlichen Angelegenheiten anbetrifft, so bewahre mich der Herr davor, nicht wahr?«
Hier trat ich aus der Allee heraus, beantwortete den ehrerbietigen Gruss der beiden Viehmägde und ging langsam meinem Schlossflügel zu, an den Pfützen vom gestrigen Regen herum, in denen der grellrote Widerschein der vom Sonnenuntergang geröteten Wolken glühte.
Zweites Kapitel
Ich trat dem Diener nach eilig in das grosse rote Zimmer, in dem ich den Herzog Ernst Johann am offenen Fenster im Gespräch mit seinem jungen Bruder, Philipp Ludwig, antraf. Durch das Fenster sah man auf eine gerade, bereits gelb gewordene Weissbuchenallee. Mit weiten Schritten, irgendeinen König, den er sich zum Muster gemacht, nachahmend, kam der Herzog mir entgegen und drückte fest meine Hand. Dann fragte er mich nach dem Ergebnis meiner Beobachtungen und Berechnungen. Herzog Ernst Johann war hager, mittelgross von Wuchs, hatte eine lange Nase, ein skrophulöses Gesicht und schmale Schultern. Er ähnelte seinem Bruder Philipp Ludwig, der ein wenig frischer aussah mit dem etwas fieberhaften Rot auf den Backenknochen und den glänzenden hervortretenden Augen. Indem ich hier und da aufgegriffene Gerüchte in Einklang brachte, mich der Unterweisungen meines Lehrers, der aus magischen Büchern geschöpften Formeln und Verordnungen entsann, konnte ich, mehr oder weniger erfolgreich, die Zweifel meines Herrn lösen, Ratschläge in laufenden Angelegenheiten erteilen und Voraussetzungen über künftige Ereignisse machen. Der junge Herzog stand an den Fensterrahmen gelehnt und schien erleichtert die durch den Regen erfrischte Luft einzuatmen.
»Ew. Liebden werden einen Thronerben haben,« sagte ich langsam, um dem Inhalt meiner Rede mehr Bedeutung zu geben: »Ew. Liebden werden einen Sohn haben, aber Eure Freude wird durch das Blut verstorbener Vorfahren und einen Knoten getrübt werden, der aus verschiedenen Fäden geknüpft, demjenigen Unheil droht, der ihn löst.« Der Herzog hörte mir gespannt und errötend zu, drückte mir wieder die Hand und murmelte im Fortgehen:
»Ein Sohn, das ist das Erste, das andere wollen wir später in Erwägung ziehen.«
Ich hatte mich ehrerbietig verneigt und begleitete ihn zur Tür. Dann kehrte ich zu Philipp Ludwig zurück, dessen dunkle Gestalt sich noch immer scharf vom bereits erblassten Abendhimmel abhob.
»Also, mein junger Freund!«
Er wandte sich hastig zu mir und rief mit gerührter und begeisterter Stimme:
»Meister, Meister, ich neige mich vor Eurem Wissen, Eurer Wissenschaft, Eurer Person, ich verehre Euch, nehmet mich, lehret mich, leitet mich, sehet -- ich bin ganz der Eure!« Er warf sich an meine Brust und barg seinen Kopf an meiner Schulter.
Drittes Kapitel
Die Herzogin Elisabeth Beatrix sass, im Hinblick auf ihre sich dem Ende nähernde Schwangerschaft, in weitem Gewande, in einen tiefen Sessel zurückgelehnt, da und blickte mit verschämtem Stolz auf ihren hinter den Armen des Sessels hervorragenden dicken Leib. Herzog Philipp Ludwig, der Rat und ich standen vor ihr und lauschten auf ihre leise, absichtlich noch leidender verstellte Stimme:
»Teurer Meister Ambrosius, Ihr handelt vielleicht nicht ganz überlegt, wenn Ihr Euch in unserem betrüblichen, freilich bloss leichten Familienzwist so offen gegen mich, gegen unseren ehrenwerten Freund, den verdienstvollen Rat, auf die Seite der Prinzessin Amalia stellet. Die krankhafte Einbildungskraft der armen Prinzessin und Eure Vertrauensseligkeit tragen allein die Schuld an alledem, teuerer Meister.«
»Ich bin überzeugt, dass der Meister sich, wie immer, nur von den edelsten Gefühlen hat leiten lassen,« mischte sich Philipp Ludwig mit Leidenschaftlichkeit ein, indem er einen Schritt vortrat. Elisabeth Beatrix schlug ihre Augen zu dem Sprecher auf und senkte sie dann wieder auf ihre mageren Hände, die sie über dem Magen gefaltet hatte, worauf sie bemerkte:
»Ich habe auch gar nichts anderes gedacht, lieber Schwager!«
»Ew. Liebden, ich bin weit davon entfernt den Kreis meiner Befugnisse zu überschreiten und ich kann überhaupt nur ganz bescheiden zu handeln beginnen, wenn der gnädige Herzog sich selbst an mich um meinen ohnmächtigen Rat wenden sollte . . .«
Der Rat lächelte und bemerkte:
»Und deshalb, ehrenwerter Scalzarocca, wäre es uns erwünscht Euch mehr vom Wohle der Untertanen und der Förderung des Ansehens unseres guten Herzogs, als von den krankhaften Illusionen der unglücklichen Prinzessin geleitet zu sehen.«
»Ich bin überzeugt, dass der Meister immer von Gefühlen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit geleitet wird,« erhob der junge Herzog wieder seine Stimme.
»Ich habe die gleiche Überzeugung, aber häufig überwiegt die Empfindsamkeit des Augenblickes die Erwägungen des klaren Verstandes zum Schaden der Gerechtigkeit,« bemerkte Hohenschwitz.
»Aber der Meister wird jetzt auch unserer unbedeutenden Persönlichkeiten bei den Beratungen gedenken, nicht wahr?« fragte die Herzogin, die den Versuch machte ihr eingefallenes Gesicht zu einem freundlichen Lächeln zu verziehen.
Ich hielt die Audienz für beendet, verneigte mich schweigend und ging in die Antichambre hinaus, wo ein Livreediener vor einer träufelnden Kerze schlummerte. Es schlug dumpf elf Uhr, als ich eine Tür zufallen und die hohen Stiefelabsätze des herzoglichen Bruders klopfen hörte, der mir mit jugendlichem Schritte nachlief. Ich blieb, den Griff der Ausgangstür in der Hand, stehen.
Viertes Kapitel
Als Lieschen vor dem kleinen Pavillon stand, legte sie den Finger an den Mund und öffnete die Tür, aus der das Licht in langen Streifen auf den Gartenweg, das Beet und den Rasen fiel, um in den Berberizensträuchern zu verschwinden. Die Prinzessin sass in schmachtender Stellung auf dem Sofa und liess träge die Finger über die Saiten einer Laute an grünem Bande gleiten. Wenn das kurze Ritornell schloss, fing sie es von vorne an, ohne mit dem Gesang einzusetzen. Ich war eingetreten und blieb an der Tür stehen; Die Prinzessin tat, als errate sie an den im Zugwinde flackernden Kerzen, dass jemand hereingekommen sei und flüsterte:
»Bist du es, Lieschen?«
»Prinzessin,« sagte ich leise.
»Ambrosius!« rief Amalia aus, mir schnell ihr, im Kerzenschimmer noch mehr, als sonst, glänzendes rundes Gesicht zukehrend, wobei sie die Laute aus den Händen gleiten liess, dass sie dumpf auf den dicken Teppich unter dem Tische aufschlug.
»Prinzessin . . .« sagte ich noch leiser.
»Ambrosius!« rief Amalia schmachtend und liess sich wieder aufs Sofa gleiten.
»Prinzessin,« flüsterte ich fast, liess mich vor ihr aufs Knie sinken und bedeckte ihre Hand mit Küssen.
»Ambrosius,« seufzte Amalia zwischen meinen Küssen. Beim Aufstehen stiess ich mit dem Fuss an die Laute, die einen schwachen Ton von sich gab. Durch das Fenster sah man grosse Sterne. Die Prinzessin sass verwirrt, mit gerötetem Gesicht in Erwartung meiner Rückkehr da. Plötzlich wurde laut an die Tür geklopft. Ich ordnete meine Perücke und öffnete dem erregten Lieschen die Tür.
»Der Herzog . . . verlangt . . . die Herzogin ist von einem Sohne entbunden worden,« murmelte das Mädchen.
»Von einem Sohne?« fragte ich zerstreut.
»Ambrosius!« rief mir die Prinzessin zu, die sich mit süssem Lächeln etwas vom Sofa erhoben hatte.
»Prinzessin,« antwortete ich und winkte der zurückbleibenden Dame einen Abschiedsgruss zu.
Die Sterne flimmerten grell über den Sträuchern beim Boskett. Ein im allgemeinen Trubel vergessener Springbrunnen plätscherte leise. Im Korridor traf ich den Bruder des Herzogs, der mich beim Mantel ergriff und mich abgebrochen und erregt ansprach:
»Meister, Meister, sehet, Eure Voraussagung ist eingetroffen, Euer Stern steigt, Euer Weg ist hell und strahlend: wie ich Euch liebe!«
Im Gehen ihn mit einem Arm umfassend, sagte ich:
»Ja, mein Freund, mit der Geburt dieses Kindes beginnt etwas Neues.«
Von der Treppe oben kam ein Diener mit einer Kerze geeilt:
»Meister, der Herzog bittet Euch unverzüglich ins Eckzimmer.«
Ich betrat einen dunklen Gang, aus dessen Tiefe, hinter verschlossenen Türen hervor, Kindergeschrei ertönte.
Fünftes Kapitel
Ein glückliches Lächeln hinter affektierter Wichtigkeit verbergend, unterhielt sich Herzog Ernst Johann mit mir über Regierungsgeschäfte, während der Rat dastand und über unsere Vertraulichkeit lächelte, die seinen Einfluss zu verringern drohte. Die Paare gingen im Schritte der Polonaise an der seit kurzem wiederhergestellten Herzogin vorüber, die in einem Lehnstuhl unter einem hohen an der Marmorsäule angebrachten Kandelaber sass; sie war magerer und etwas hübscher geworden, und zum Takte der lauten Musik, die von den Galerien erschallte, machten die Tanzenden ihre Verbeugungen vor ihr. Diener reichten Früchte umher und Philipp Ludwig stand in roter Uniform, hohen Kanonenstiefeln und weissen hirschledernen Hosen, einem Porträt Moritz' von Sachsen etwas ähnlich, an der gegenüberliegenden Tür und sah, die Arme über der Brust gekreuzt, mit leuchtenden Augen zu uns herüber. Trompetenstösse kündeten im Garten den Beginn des Feuerwerkes an. Die erste Rakete war schon aufgestiegen und zerstäubte in buntfarbigem Regen, als wir mit Philipp Ludwig, nachdem ich das Gespräch mit dem Herzog beendet hatte, den glänzend illuminierten Park betraten. Als wir die Grotte mit dem »Raube der Sabinerinnen« erreicht hatten, liessen wir uns auf einer Steinbank nieder. Das grüne Licht der Laternen, die man auf die Terrassen des künstlichen Wasserfalles gestellt hatte, beleuchtete uns phantastisch. Eine Zeitlang sassen wir schweigend da und sahen einander bedeutungsvoll an.
»Nun,« unterbrach Philipp Ludwig das Schweigen, »wir können zufrieden sein, mein teurer Lehrer: wir stehen am Tore zu Grösse, Reichtum, Einfluss!«
In der Stimme des jungen Mannes schienen mir feindselige Noten mitzuklingen, weshalb ich mich beeilte ihn so zu unterbrechen:
»Mein lieber und teurer Freund, Ihr täuschet Euch, wenn Ihr glaubet, dass Einfluss, Reichtum und Ansehen mich so unwiderstehlich anziehen. Nur die Möglichkeit mehr Gutes zu tun freut mich bei der Erhöhung meiner Stellung. Und glaubet mir, ich lege mehr Wert auf Eure Zuneigung zu mir als auf das Aufsteigen meiner Ehrenämter.«