Geschichten

Part 3

Chapter 33,626 wordsPublic domain

Die Sonne schien grell in das Zimmer, das fast genau so aussah, wie das unsrige. Die Buckelige wickelte, während der Auseinandersetzung mit uns, Garn ab, Signorina Pasqua sass mit gefalteten Händen am Fenster und schien nicht das geringste Interesse an unserem Gespräch zu haben. François bemühte sich vergeblich die alte Dame zu einem Geständnis und zur Wiedergabe des gestohlenen Geldes zu bewegen, sie stellte sich taub und einfältig und machte, als begreife sie nichts, von Zeit zu Zeit brachte sie den gestrigen Vorfall wieder in Erinnerung und sprach davon, dass es ein Gesetz gäbe. Um nicht der Versuchung zu erliegen die schlaue Buckelige zu verprügeln, trat ich, als ich vom Streit gerade genug hatte, ans Fenster, wo Signorina Pasqua im Hauskleide mit gefalteten Händen dasass. Sie lächelte ein wenig und sah mich von unten nach oben mit etwas schielenden Augen an.

»Ihnen ist diese Geschichte vom verschwundenen Gelde auch langweilig geworden?«

»Ja, um so mehr, als bei der Sache nichts Vernünftiges herauskommen will.«

»Da kann auch nichts Vernünftiges herauskommen: wer hat denn jemals gehört, dass man verlorenes Geld zurückerhalten hätte? Ihr Freund bemüht sich vergebens.«

»Es bleibt ihm halt nichts anderes übrig, als sich so eifrig zu bemühen, denn wir sitzen ohne einen Groschen und können nicht einmal bis nach Florenz.«

»So? . . .« fragte sie, als interessiere sie sich jetzt mehr für unsere Angelegenheit, dabei glitt ihr, dünner Finger dem Fensterrahmen entlang, wo eine verspätete Fliege summte. Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte, wandte sie sich plötzlich den Streitenden zu und sagte mit etwas scharfer, aber klangvoller, reiner Stimme:

»Höret, meine Lieben! Wir sind euch mit Signor Aimé gar nicht für euren Disput dankbar, um so weniger, als er ganz aussichtslos ist. Sie müssen sich damit zufrieden geben, dass das Geld spurlos verschwunden ist, aber wir können darüber beraten, wie Sie unter so traurigen Umständen zu handeln haben. Und mir scheint,« fuhr sie, die Augen zusammenkneifend, fort: »mir scheint, dass wir vorzüglich zu einem Übereinkommen gelangen können und es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass wir dasselbe Ziel im Auge haben, meine Freunde . . .«

Und sie begann ihren Plan zu entwickeln.

Drittes Kapitel

In der Nähe des Ponte Vecchio hatten wir uns eine anständige Wohnung gemietet, gaben uns für zugereiste Venezianer aus und legten uns den Namen der Grafen Gozzi bei. Die alte Buckelige trug den angeblichen Grafentitel mit Würde und wir bemühten uns die liebenswürdigen Cousins der falschen Cousine zu spielen. Signorina Pasqua zeigte sich täglich auf der Promenade, kleidete sich schlicht und befand sich immer in meiner oder François' Begleitung. Sie machte mit wohlhabend scheinenden Leuten Bekanntschaften, erzählte von ihren Unglücksfällen, von der zeitweilig bedrängten Lage der uralten Familie Gozzi, lud ihre Bekannten zu sich ein, wo sie höflich und bescheiden empfangen wurden. Signorina Pasqua spielte Clavecin und sang Arien und französische Lieder, wir schlugen zur Zerstreuung ein Spielchen vor. François gewann, aber nicht viel, denn er fürchtete, man könnte darüber sprechen und wartete auf eine günstigere Gelegenheit für einen entscheidenden Coup. Wenn einmal neue Bekannte, nicht so sehr durch die Reize, als durch das Mienenspiel und das Getue der gebeugten Jungfrau hingerissen, etwas wagten, so erhob die Buckelige ein Geschrei und wir traten als Beschützer der Unschuld auf, indem wir den Streit durch Waffen zu entscheiden oder den Skandal für Geld niederzuschlagen in Vorschlag brachten, wobei wir mit unseren Verbindungen in Venedig drohten. So lebten wir etwa einen Monat lang. Der Verdienst wurde brüderlich geteilt, Ersparnisse machten wir nicht, aber wir konnten sorglos, ohne uns Vergnügungen zu versagen, leben. Schliesslich verliebte sich in Signorina Pasqua der junge Spaladetti, der Sohn eines jüdischen Goldschmiedes und Wucherers. Seine Schönheit war etwas süsslich, ungeachtet seiner Herkunft, war er freigebig, treu und leidenschaftlich, ausserdem war er, glaub ich, noch unschuldig und hoch von Wuchs. Er begann, der Signorina nach allen Regeln der Kunst mit Blumensträussen, Serenaden, Soupers, Spazierfahrten, Sonetten, Geschenken und Fensterpromenaden den Hof zu machen. Das wusste denn bald auch die ganze Stadt zum grössten Leidwesen des alten Spaladetti und zur Freude unserer lieben Cousine.

Viertes Kapitel

Einmal, als ich mit Pasqua vor den Stadtmauern spazierenging, trafen wir den jungen Giuseppe Spaladetti hoch zu Ross in einem lila Sammetgewande. Als er uns bemerkte, stieg er vom Pferde, übergab dieses seinem berittenen Diener, der ihm folgte, denn der Sohn des Wucherers war bestrebt, ein vornehmes Leben zu führen und für einen Stutzer aus hohem Hause gehalten zu werden, und bat um die Erlaubnis, uns begleiten zu dürfen. Mit übertriebener Ehrerbietung und etwas orientalisch schnörkelhaft, so dass die Schönheit der Bilder den Mangel an Geschmack ausgleichen musste, sagte er leidenschaftlich und schüchtern der Signorina Artigkeiten, während ich nebenher ging und die Miene eines Menschen aufsetzte, der die Natur geniesst. Als wir auf dem Rückwege am Hause Tornabuoni vorüberkamen, sahen wir den alten Ieronymo Spaladetti im Gespräche mit dem Herrn des Hauses unter einem eisernen Fackelhalter sitzen. Als wir an ihn herangekommen waren, rief er seinem Sohne zu:

»Giuseppe, hierher!«

Wir blieben stehen, die Signorina gab den Arm des jungen Spaladetti frei, der seinem Vater antwortete:

»Wenn ich die Gräfin Pasqua nach Hause begleitet haben werde, kehre ich sofort zu Euch zurück, Signor.«

»Was gibt es da allerhand Abenteuerinnen zu begleiten!« schrie der Alte, seinen pelzverbrämten Rock zusammenraffend, während ich, zu einer Rauferei bereit, die Hand an den Griff meines Degens legte.

»Ich bitte Euch, mein Vater, daran zu denken, was Ihr saget.«

»Still geschwiegen! Ich, dein Vater, der dich erzeuget hat, befehle dir: lass ab von ihr!«

Pasqua schmiegte sich an mich, Giuseppe entgegnete erbleichend:

»Ich flehe Euch an, Vater, keine Befehle zu erteilen, die ich, wie Ihr im voraus wisset, nicht erfüllen werde.«

»Wie?« rief der Alte aus, und eine Flut von Schimpfworten ging auf seinen Sohn nieder. Die jüdischen Flüche, der genuesische Akzent, die Schnelligkeit und Leidenschaftlichkeit der Rede, das halborientalische Gewand und der hohe Wuchs des alten Goldschmiedes und wir, verlegen dem Alten gegenüberstehend, das alles zog die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden an. Pasqua, die in Ohnmacht zu fallen drohte, flüsterte Giuseppe zu:

»Gebt nach, verlasset uns. Später . . . morgen . . . ich bin die Eure . . . für immer.« Spaladetti flammte auf und sagte laut:

»Ich werde das nicht vergessen, Gräfin!« Hierauf trat er an den Alten heran, fasste ihn am Ärmel und murmelte:

»Gehen wir, Vater, ich bin bereit.«

»Gräfin, Gräfin . . . dass dich der Teufel hole! Aber ich kriege dich noch!« knurrte der Jude, während ich meine angebliche Cousine zum Arno hinunterzog. Als wir nach Hause gekommen waren, sang Pasqua Kanzonen von Scarlatti und setzte sich dann schweigend, ohne auf unsere Scherze einzugehen, ans Fenster und blieb dort lange bei verlöschten Kerzen sitzen, bis der Mond schon längst verschwunden war. Sie hatte die Hände auf den Schoss herabsinken lassen und schien über etwas ernst nachzudenken.

Fünftes Kapitel

Giuseppe hatte sich aufs Clavecin gestützt, an dem unsere Cousine gesungen hatte, und flüsterte leidenschaftlich, auf ihre mageren, rosig glänzenden Finger herabschauend:

»Ich bete Eure Hände an, Pasqua, niemand hat so wunderbare Hände, ich werde Euch ein Schmuckkästchen mit Ringen aus dem Laden meines Vaters schenken, es sind prächtige Amethysten darunter und Topase, rosenrot, wie Eure Haut.« Pasqua sang, die Augen halbgeschlossen, mit dünner feiner Stimme:

»Wie der Schwan, noch sterbend will ich singen, Sterbend noch sing ich voll Liebeslust, Liebend dich nur pocht in meiner Brust Heiss mein Herz und will vor Liebe springen . . .«

Die Buckelige spielte aus Langerweile mit François Karten um Schokolade, ich sah zum Fenster hinaus, im Hause drüben konnte man eine Küche sehen, in der Köche das Abendessen bereiteten. Plötzlich klopfte es an die Tür. Wir fuhren alle auf. François liess den alten Spaladetti herein, dem Sbirren und noch andere Leute folgten.

»Vater, Ihr hier? Wozu?« schrie Giuseppe, der aufgesprungen war und Signorina Pasqua mit seinem Körper deckte.

»Sind das die Leute, die wir suchen?« fragte der Sergeant, sich an Ieronymo wendend. Dieser nickte mit dem Kopfe. »Die ihr euch für die Grafen Francesco und Aimé Gozzi, die Gräfinnen Giulia und Pasqua ausgebet, im Namen des Gesetzes werdet ihr befragt, mit welchem Recht ihr euch diesen Titel und diesen alten Namen angeeignet habet? Erkennet Ihr, geehrter Graf, diese Leute, die Ihr in Venedig gesehen haben müsstet?« wandte er sich an einen Greis mit einer runden Brille und in grauem Kamisol, der mitgekommen war. Dieser sah uns der Reihe nach lange an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein, nein, ich habe sie niemals gesehen.«

»Ist er auch selbst ein Graf? Verrückt ist er oder betrunken! Hinaus aus unserem Hause!« schrie François. Giuseppe zankte mit seinem Vater, das Zimmer mit Gurgellauten erfüllend. Signorina Pasqua weinte in den Armen von Signora Giulia, die mit Würde irgendeine Erklärung abgab. Der Lärm wurde immer grösser. Klirrend kreuzten sich die Degen. Die Sergeanten riefen durch das Fenster nach Hilfe. Die Frauen fielen in Ohnmacht. François sank, vom alten Juden verwundet, zu Boden und riss, im Fallen auf die Tasten des Clavecins schlagend, die Kerzen vom Instrument mit. Im Halbdunkel stürzte ich mich in diese Richtung und bohrte mein Messer in den mageren Rücken von Ieronymo, der, sich krümmend, aufheulte. Ich lief durch das Zimmer, plötzlich wurde ich am Bein gepackt und fiel auf die Buckelige.

»Nimm im Vorzimmer eine von unseren Roben, rette dich,« flüsterte sie mir zu. Eine kleine Abteilung der Wache nahte dem Hause: ich wartete hinter der Haustür bis sie an mir vorbei war, zog mir das unterwegs mitgenommene Frauenkleid an, warf mir ein Tuch über den Kopf und lief durch die leere schallende Strasse immer weiter vom Lärm fort.

Sechstes Kapitel

Als ich mich genügend weit vom Hause entfernt hatte, um vor einer Verfolgung sicher zu sein, blieb ich stehen. Vor Erregung, vom Laufen und den doppelten Kleidern floss mir der Schweiss in Strömen den Körper herab. Ich trat in eine dunkle Mauernische, warf mein Kamisol und die Hosen ab und behielt der Sicherheit wegen nur das Frauenkleid an. Darauf band ich mir das Tuch sorgfältiger um den Kopf. Nachdem ich die mir unbekannte Strasse ein Stück entlanggegangen war, bemerkte ich, dass mir ein Mensch folge, der seinem Gang und Äusseren nach, dem geistlichen Stande anzugehören schien. Als er an der Strassenecke stand, pfiff er. Kaum war ich in die Nebenstrasse eingebogen, als ich mich von etwa sechs Männern, mit Larven vor den Gesichtern und ohne Laterne, umringt sah. Sie warfen mir etwas über den Kopf, was mich am Schreien hinderte, hoben mich auf und trugen mich auf ihren Armen davon, trotzdem ich mit meinen Füssen ihre Bäuche bearbeitete. Bald sah ich ein, dass ich mich vergeblich widersetze und hörte, in mein Schicksal ergeben, auf, mich zu wehren. Wir gingen ziemlich lange durch die Strassen, dann, nach dem dumpfen Schall der Schritte zu urteilen, durch lange Korridore, schliesslich stellte man mich auf die Beine und nahm mir die Binde ab. Ich war, wie mir schien, allein in einem stockfinsteren Raum. Ich tastete mich bis zu einem Stuhl, der an der Mauer stand. An der Wand tastete ich mich zu einem Bette, auf dessen Rand ich mich niederliess, ohne zu wissen, was weiter folgen werde. Bald jedoch stellte es sich heraus, dass ich im Zimmer nicht allein sei. Feiste, weiche Hände betasteten mich behutsam, als wollten sie mein Kleid aufnesteln und ich hörte flüstern:

»Fürchtet Euch nicht, holde Jungfrau, fürchtet Euch nicht, Ihr befindet Euch in Sicherheit, Ihr werdet nur Liebe und Ehrerbietung finden.«

Ich wurde fast nackt ausgekleidet; ich war müde und wollte schlafen, deshalb streckte ich mich ohne Umstände auf das Bett an der Wandseite aus. Das Flüstern, unterbrochen von Küssen, hörte nicht auf:

»Wie glücklich bin ich, dass Ihr mein Flehen erhört habet und mit diesem bescheidenen Lager fürliebnehmen wollet.« Die Hände glitten über meine Schultern, den Rücken, die Lenden . . . Plötzlich schnellte mein Nachbar, wie von der Tarantel gestochen, vom krachenden Bette empor:

»Heilige Jungfrau! Sohn Gottes! Bewahre mich vor Versuchung!« Da ich mich nicht regte und schwieg, so begab sich mein gottesfürchtiger Partner noch einmal auf Rekognoszierung, die nicht weniger trostlos verlief. Schliesslich unterbrach ich das Schweigen:

»Signor, Ihr täuschet Euch nicht und seid auch nicht in Versuchung geführt worden, ich bin tatsächlich weit davon entfernt eine Jungfrau zu sein. Bin ich nun aber schon einmal hier, so werde ich auch bis zum Morgen dableiben, um nicht Euch und mich selbst einer Gefahr auszusetzen; wenn alle zur Frühmesse gehen werden,« meinte ich (denn ich hatte bereits begriffen, wo ich mich befand), »werde ich mich unbemerkt entfernen.« Fassungslos sagte der Bruder, nachdem er einige Zeit geschwiegen hatte:

»Ihr habet recht, mein Sohn, und der Herr, der Wasser in Wein verwandelt hat, er möge Euch morgen helfen hinauszukommen. Jetzt bleibet auf diesem, wenn auch schmalen Lager liegen. Die an Euch geübte Gastfreundschaft wird mir helfen mein Missgeschick zu vergessen.«

»Amen,« antwortete ich, und kehrte mich zur Wand.

Siebentes Kapitel

Der Herr, der Wasser in Wein verwandelt hat, half mir nicht unbemerkt hinauszukommen, denn noch vor Sonnenaufgang weckte uns ein Klosterdiener und befahl uns im Namen des Abtes ins Refektorium zu kommen, wo die gesamte Bruderschaft bereits versammelt war. Der Abt antwortete kaum auf unseren Gruss, als man uns ins Refektorium hineinführte. Wir wurden abseits von der Brüderschaft aufgestellt. Mir war das Gesicht mit einem Tuche verhüllt worden. Nachdem der Abt auf die Bedeutung und die Wichtigkeit der Mönchsgelübde hingewiesen hatte, fuhr er mit einer Handbewegung in die Richtung, wo wir standen, fort:

»Aber siehe, in unserer so musterhaften Herde, in unserem vom Geruche der Frömmigkeit erfüllten Kloster, hat sich ein Schaf finden lassen, das die Herde verdirbt, hat sich ein Bruder finden lassen, der das Gelübde der Keuschheit, das Gebot des Gehorsams vergessend, im geheimen vor uns ein Weib in seine Zelle führt, die Nacht mit diesem Weihe zubringt, in unsere Umfriedung Sünde, Tod und Fluch trägt.« Mein Mönch weinte, sich die feiste Brust schlagend, wobei er immerfort murmelte: »Mea culpa, mea culpa.« Die übrigen Mönche schwiegen vorwurfsvoll. Als ich die Wendung der Dinge sah, die mir nichts Gutes verhiess, trat ich vor und sagte bescheiden, aber deutlich:

»Heiliger Vater, ehrwürdige Brüder, ihr beschuldiget ohne Grund diesen guten Bruder. Die Augenscheinlichkeit seines Vergehens wird sofort in ein Nichts zusammensinken, wenn ihr erfahret, dass ich kein Weib, sondern ein Mann bin, der vor Mördern Rettung suchend, glücklich war unter dem Dache dieses Klosters Zuflucht zu finden. Gott ist mein Zeuge, ausserdem beweist die Natur selbst die Wahrhaftigkeit meiner Worte.« Hier hob ich meine Robe auf, und solange die Brüderschaft, überrascht durch das, was man an einem Manne sehen kann, der keine Hosen anhat und seinen Rock bis zum Gürtel schürzt, wie versteinert dastand, ging ich schnell durch eine Seitentür hinaus in den Garten, von wo aus ich ohne Mühe auf die Strasse gelangte.

Achtes Kapitel

Ich hatte mich davon überzeugt, wie wenig ein Frauenkleid vor Zufällen schützt, deshalb war ich zuallererst darauf bedacht das meinige loszuwerden. Nachdem ich es sorgsam im Gebüsch an der Heerstrasse versteckt hatte, begann ich, als wäre ich bis aufs Hemd ausgeraubt worden, laut um Hilfe zu rufen, bis ein vorüberfahrender Bauer mich zu sich nach Hause mitnahm und mir ein Paar alte Hosen und ein ahgetragenes Kamisol schenkte. Beim Bauern traf ich einen Kaufmann aus Venedig, der gerührt von meiner Lage und, glaub ich, auch von meinem Äusseren, mir vorschlug ihn nach Venedig zu begleiten, um Verkäufer in seinem Laden zu werden. Obgleich ich nicht die Absicht hatte mich lange mit diesem Gewerbe zu befassen, ging ich doch auf seinen Vorschlag ein, in welchem ich eine Möglichkeit erblickte nach Venedig zu kommen, wohin es mich zog, wie einen echten Grafen Gozzi. Die Reise bot ausser den unbekannten Städten nichts Interessantes, denn Vivarini reiste bescheiden, ja geizig, und liess mich zudem keinen Schritt weit von sich. Das alles machte den Entschluss in mir reifen ihn bei der ersten Gelegenheit zu verlassen. In Venedig kam noch das Gezänk einer alten Haushälterin, schlechtes Abendessen und das tagelange Herumstehen vor den Ladentischen des halbdunkelen Warenlagers dazu. Schliesslich erklärte ich dem Signor, dass ich ihn verlasse, er murmelte etwas von Undankbarkeit der heutigen Jugend, aber eigentlich war mein Abgang ihm ziemlich gleichgültig. Ich hatte schon vorher mit dem Gondoliere Rudolfino verabredet, dass ich, als sein Gehilfe, zu ihm in Dienst treten werde. Ich vertauschte das ruhige, aber langweilige Leben bei Vivarini gegen das armselige eines Ruderknechtes, das jedoch mehr Möglichkeiten zu unerwarteten Begegnungen bot. Und in der Tat verhüllte so manches Mal die dunkele Nacht oder der Vorhang des »Felze« das Glück des jungen Gondoliere und der Dame, die sich von ihm rudern liess, aber es gab nicht einen einzigen Fall, der irgendwelche ernstere Folgen nach sich gezogen hätte.

Neuntes Kapitel

Es war ein Fest, man riss sich förmlich um Gondeln. Meine, die ich sorgfältig gesäubert und mit gewaschenen Teppichen geschmückt hatte, nahm ein Abbate mit seiner Dame. Ich interessierte mich nicht besonders für die Zärtlichkeiten meiner Fahrgäste und beobachtete mehr die vorübergleitenden Gondeln, besonders eine, die sich die ganze Zeit neben uns hielt. In ihr sassen zwei ganz gleich gekleidete Damen, beide mit Perlen geschmückt, jede mit einer gelben Rose im Haar. Sie waren ohne Begleiter, blickten einander in die Augen und lächelten. Die Sonne versank in eine Wolke. Über den ganzen Hafen glitten Gondeln mit Musik. Einige hatten schon ihre Laternen angezündet. Die schwüle Windstille schien ein Gewitter anzukünden. Die Vergnügungen hatten ihren Höhepunkt erreicht, als das Gewitter losbrach. Der Himmel hatte sich ganz plötzlich verdunkelt, es donnerte, ein Platzregen goss herunter, die Musik verstummte, ohne Ordnung eilten die Gondeln dem Kanal zu. Das alles sah der Lust, die eben hier geherrscht hatte, so unähnlich, dass ein Philosoph sich darüber durchaus lehrreiche Gedanken hätte machen können. Aber ich musste vor allem daran denken meine Gondel in Sicherheit zu bringen. In der fürchterlichen Enge hörte ich mit Entsetzen, wie unser Boot krachend an etwas anrannte; ich warf auf alle Fälle meinen einfachen Anzug ab. Und Scham und Nächstenliebe vergessend, war ich bereit mich ins Wasser zu stürzen und meine Passagiere im Boote, das sich bereits mit Wasser zu füllen begann, der Willkür des Sturmes zu überlassen. Da trieb der Sturm wieder die umherirrenden Gondeln zusammen, ich hörte ein neues, noch drohenderes Krachen und sprang -- nicht ins Wasser, sondern in die nächste vorbeieilende Gondel, wozu ich natürlich nicht so nackt zu sein gebraucht hätte. Die Damen im Perlenschmuck und mit den gelben Rosen hatten sich aneinandergeschmiegt und waren bleich.

»Entschuldiget, Signorine!« rief ich aus, als die Gondel sich unter meinem Sprunge auf die Seite neigte. Sie schrien gleichzeitig leise auf, es war, als hätte sie mein unerwartetes Erscheinen und der Anblick, den ich bot, erschreckt. Dann drängten sie ihren Gondoliere zur Eile.

Zehntes Kapitel

Nackt, wie ich war, wurde ich durch eine Reihe von, dem Anschein nach, nicht geheizten Gemächern mit vernagelten Fenstern in ein kleines Zimmer geführt, in dem ein Kamin knisterte, dessen flackerndes rötliches Feuer die dunkeln Mauern beleuchtete. Die Damen im Perlenschmuck und mit den gelben Rosen sassen stumm auf einem Sofa an der Wand und sahen einander lächelnd an. Ich schämte mich meiner Nacktheit und fror, deshalb wandte ich mich an die Damen:

»Vielleicht hat einer eurer Diener, meine guten Signorine, ein überflüssiges Gewand, denn ich habe es kalt und bin nicht gewohnt nackt vor Damen zu erscheinen, ohne dass es mir peinlich wäre.«

Sie fuhren fort zu schweigen und, als ich meine Bitte wiederholte, kehrten sie mir gleichzeitig ihre Gesichter zu und blickten mich unverwandt und starr an, so dass es schien, als belebe nur das flackernde Kaminfeuer ihre Züge. Ihr Schweigen machte meine Lage noch sonderbarer und peinlicher. Ich beschloss nicht zu staunen und mir weiter keinen Zwang anzutun, nahm den Mantel, den jemand auf einen Stuhl geworfen hatte, und setzte mich ans Feuer. Eine der Damen sagte leise:

»Den Mantel, lasset den Mantel!«

Aus einem Schrank, der sich als Geheimtür erwies, trat eine alte Frau mit einer Kerze und einer Kanne Wein, sie stellte schweigend beides auf den Tisch, auf dem ein Abendessen gedeckt war, zündete an verschiedenen Stellen des Zimmers Kerzen an und schlug die schweren gelben Vorhänge auseinander, welche ein Bett verhüllt hatten. Ich begann unruhig zu werden.

»Ist Ambrosio zu Hause?« fragte die eine der Damen.

»Wo sollte er denn sonst sein?« entgegnete die Alte.

»Schläft Ambrosio?« fragte die andere der Damen.

»Was sollte er sonst tun?« entgegnete wieder die alte Dienerin.

»Heute musst du mehr essen, Bianca, morgen bist du an der Reihe,« sagte die eine Dame.

»Ja, morgen bin ich an der Reihe,« bestätigte die andere Dame.

»Wozu diesen Mantel?« fragten dann beide laut zu gleicher Zeit.

Ich hielt es nicht mehr aus, stand auf, warf den Mantel ab, denn ich hatte mich schon erwärmt, und sagte laut:

»Machet das Mass eurer Güte voll, rettet mich, gebet mir ein Glas Wein, ein Stück Brot, um meine geschwächten Kräfte zu stärken.«

Die Uhr schlug zehn, beide Damen gähnten gleichzeitig, begannen, wie nach dem Schlaf, ihre Augen zu reiben und sahen mich erstaunt an, als versuchten sie, sich an etwas zu erinnern, schliesslich sagte die Ältere, die Bianca angeredet wurde, mit tönender Stimme, die ganz anders klang, als ihre frühere:

»Jetzt entsinne ich mich . . . Der schöne gerettete Jüngling vom Meere? Gewiss, Abendessen, Wein, aber nicht den Mantel, nicht den Mantel! Die Frist ist vorüber, wir sind frei! Schwester, welch ein Körper, o welche Vollkommenheit!«

Der Wein funkelte rot in den breiten Gläsern, die kalten, aber würzigen Speisen, die reichlich aufgetragen waren, reizten den Hunger, im Hintergrunde schimmerte weiss das Bett. Die Damen waren lebhaft geworden, mit glänzenden Augen und geröteten Wangen betrachteten sie mich, wie Kinder, und machten naive entzückte Bemerkungen, die mich staunen liessen. Schliesslich gab die Jüngere, Catharina, ihr Haar auflösend, das Zeichen zum Schlaf. Ohne die Kerzen zu verlöschen, brachten wir vor dem riesigen Spiegel im Hintergrunde des Himmelbettes, fast schlaflos, diese lange, für Verliebte allzu kurze Nacht zu.

Elftes Kapitel

Laute Stimmen weckten mich; vor mir auf dem Bette, hinter den herabgelassenen Vorhängen, lag ein bescheidener, aber derber und sauberer Männeranzug. Ein Mann sagte mit rauher Stimme geärgert: