Part 14
Sie durchstreiften vom Morgen an Florenz und Monsignore erzählte mit singender lauter Stimme Ereignisse, Anekdoten und Tatsachen des XIV., wie des XX. Jahrhunderts, gab mit gleicher Begeisterung die Skandalchronik der Gegenwart, wie die Histörchen aus Vasari wieder; inmitten belebter Quergassen blieb er stehen, um seine schönrednerischen, meist anklagenden Perioden zu entwickeln, sprach Vorübergehende an, unterhielt sich mit Pferden und Hunden, lachte laut, sang vor sich hin, und die ganze Atmosphäre um ihn mit seiner etwas plebejischen Höflichkeit, seiner ein wenig groben Delikatesse, in seiner Belehrung ebensowenig spitzfindig, wie in seiner Heiterkeit, erinnerte an die Atmosphäre Sacchettischer Novellen. Mitunter, wenn der Vorrat an Geschichten seinem Bedürfnis, in Bildern, mit Intonation und Gesten zu reden, aus der Unterhaltung ein primitives Kunstwerk zu machen, nicht mehr entsprach, kehrte er zu den allerältesten Novellisten zurück und gab sie mit naiver Rhetorik und Überzeugung zum besten. Er kannte alle und alles und jede Ecke, jeder Stein seines Toskana und geliebten Florenz hatte seine Legenden, seine historischen Anekdoten. Er führte, den Umstand, dass Wanja sich auf der Durchreise befand, ausnutzend, seinen Schützling überall umher. Da gab es vor dem Bankrott stehende Marchesen, und Grafen, die in vernachlässigten Palästen wohnten, Karten spielten und sich mit ihren Lakaien um das Spiel zankten; da gab es Ingenieure und Ärzte, Kaufleute, die einfach, nach alter Art: haushälterisch und zurückgezogen lebten; anfangende Musiker, die nach Puccinis Ruhm strebten und ihn mit bartlosen, dicken Gesichtern und Krawatten zu kopieren versuchten; ferner war da ein feister, wichtiger und wohlwollender persischer Konsul, der mit sechs Nichten unterhalb von San Miniato lebte; Apotheker; Jünglinge, die als Laufburschen fungierten; zum Katholizismus bekehrte Engländerinnen und schliesslich auch noch M-me Monier, eine Ästhetin und Künstlerin, die mit einer ganzen Gesellschaft von Gästen in Fiesole eine mit zarten Frühlingsallegorien ausgemalte Villa bewohnte, von der man einen Ausblick auf Florenz und das Arnotal genoss. M-me Monier war immer heiter, klein von Wuchs, schwatzhaft, rothaarig und schrecklich hässlich.
Sie waren am Tisch auf der Terrasse sitzengeblieben. Die Teller auf dem rosa Tischtuche sahen in der sich bereits herabsenkenden Dämmerung wie schwarzrote Blutlachen aus, und der Duft von Zigarren, Erdbeeren und dem Wein in den nicht geleerten Gläsern mischte sich mit dem Blumenduft im Garten. Man hörte eine Frauenstimme im Hause alte Lieder singen, hin und wieder wurde sie durch ein kurzes Schweigen oder eine längere Unterhaltung und Lachen unterbrochen; als drinnen Licht gemacht wurde, sah die jetzt schon halbdunkle Terrasse wie eine Dekoration zu Maeterlincks >L'Intérieur< aus. Und der blasse und bartlose Ugo Orsini mit der roten Nelke im Knopfloch erzählte weiter:
»Sie können sich keine Vorstellung machen, an was für ein Frauenzimmer er sich fortwirft! Wenn der Mensch nicht Asket ist, so gibt es kein grösseres Verbrechen, als keusche Liebe. Er liebt die Blonskaja und sehen Sie bloss, mit wem er sich abgibt: gut an der Cybò sind nur die lasterhaften Nixenaugen in ihrem bleichen Gesicht. Ihr Mund, ach, ihr Mund! -- hören Sie nur, wie sie spricht; es gibt keine Gemeinheit, die sie nicht wiederholte, und jedes ihrer Worte ist vulgär! Wie bei jenem Mädchen im Märchen springt mit jedem Wort, das sie sagt, eine Kröte oder eine Maus aus ihrem Munde. Tatsächlich! . . . Und sie wird ihn nicht loslassen: er wird die Blonskaja und sein Talent und alles auf der Welt für dieses Weib vergessen. Der Mensch in ihm geht zugrunde und vor allem der Künstler.«
»Und Sie glauben, wenn die Blonskaja . . . wenn er die anders lieben würde, dass er dann mit der Cybò brechen könnte?«
»Ich glaube, ja.«
Nach einigem Schweigen begann Wanja wieder schüchtern:
»Und ihn selbst halten Sie wirklich einer keuschen Liebe nicht für fähig?«
»Sie sehen, was dabei herauskommt! Man braucht ihn nur anzuschauen, um das zu verstehen. Ich behaupte nichts, weil man für nichts einstehen kann, aber ich sehe, dass er zugrunde geht, und sehe auch woran, und das macht mich wütend, weil ich ihn sehr liebhabe und ihn schätze, und deshalb hasse ich gleichermassen die Cybò, wie die Blonskaja.«
Orsini rauchte seine Zigarette zu Ende und ging ins Haus, und Wanja, der allein zurückblieb, dachte an den jungen Künstler mit der gebeugten Haltung, mit den blonden Locken und dem Spitzbärtchen und den hellen, grauen, stark vortretenden Augen unter den wie altes Gold gefärbten Brauen, Augen, die gleichzeitig spöttisch und traurig blickten. Und ihm fiel, er wusste selbst nicht weshalb, Stroop ein.
Aus dem Saal schallte M-me Moniers affektierte Vogelstimme herüber:
»Erinnern Sie sich an Segantinis Genius mit den mächtigen Flügeln über dem Liebespaar, beim Quell auf den Höhen? Die Verliebten selbst müssten Flügel haben, wie alle, die kühn, frei sind, wie alle, die lieben.«
»Ein Brief von Iwan Strannik; welche liebe Frau! Sie sendet uns Grüsse und den Segen Anatol Frances. Ich küsse deinen Namen, grosser Meister.«
»Ihre eigene Komposition? Zu d'Annunzios Worten? Natürlich, selbstverständlich, warum singen Sie denn nicht?«
Und man hörte das Geräusch zurückgeschobener Stühle, den Klang des Klaviers, auf dem laute und stolze Akkorde angeschlagen wurden, und die Stimme Orsinis, der mit etwas grober Leidenschaft eine breite, ein wenig banale Melodie einsetzte.
»Ob, wie mich das freut! Onkel, sagen Sie? grossartig! . . .« zwitscherte M-me Monier, ganz in Rosa, rothaarig, hässlich und kokett, auf die Terrasse hinaustretend.
»Sie sind hier?« rief sie, Wanja erblickend. »Eine Neuigkeit! Ein Landsmann von Ihnen ist angekommen. Aber er ist kein Russe, obgleich er in Petersburg lebt. Ein guter Freund von mir; er ist Engländer. Wie? Was?« warf sie hin und lief, ohne die Antwort abzuwarten den Ankommenden auf der Fahrstrasse zum Garten entgegen, der jetzt schon im Mondschein dalag.
»Um Gottes willen, gehen wir, ich fürchte mich, ich will das nicht, gehen wir, ohne uns zu verabschieden, gleich, augenblicklich!« drängte Wanja den Kanonikus, der vor seinem Gefrorenen sass und ihn erstaunt ansah.
»Nun ja doch, mein Kind! Aber ich begreife nicht, weshalb Sie sich aufregen; gehen wir, ich suche bloss noch meinen Hut.«
»Schneller, schneller, cher père!« verging Wanja vor grundloser Angst. »Hierher, hierher, dort kommen sie!« zog er den Kanonikus von der Strasse, auf der Pferdegetrappel und Wagenrollen hörbar wurden, in einen Seitengang, und an der nächsten Wendung stieg, ganz nahe bei ihnen, um das Haus auf einem Fusspfade zu erreichen, M-me Monier mit einigen ihrer Gäste aus dem Wagen, und ohne dass ein Versehen möglich war, erkannte Wanja im hellen Mondschein Stroop.
»Bleiben wir,« flüsterte Wanja, den Arm des Kanonikus drückend, der deutlich sah, wie das lächelnde, erregte Gesicht seines Schützlings sich mit tiefem, sogar im Mondlicht bemerkbarem Rot überzog.
* * * * *
Sie fuhren in zweirädrigen mit Eseln bespannten Wagen durch die Pforte des Hauses, das schon im XIII. Jahrhundert erbaut war und einen Brunnen im Speisesaal des zweiten Stockes für den Belagerungsfall besass, einen Kamin hatte, in dem sich bequem eine Hütte hätte unterbringen lassen, und eine Bibliothek, Porträts und eine Kapelle beherbergte. Für den Fall, dass es beim Aufstieg kalt sein sollte, brachten Diener Mäntel und Plaids an die Wagen, andere Diener waren mit Mundvorräten vorausgeschickt worden. Aus Florenz waren sie mit der Bahn bis Borgo San Lorenzo und dann mit Pferden an Scarperia mit dem Schlosse und den Stahlwarenfabriken und an Santa Agatha vorbei weitergefahren, und eilten das Frühstück zu beenden, um noch vor Anbruch der Dunkelheit von den Bergen zurückzukehren. Man unterhielt sich nicht, nur das Klappern von Gabeln und Messern und gleichzeitig auch schon das der Kaffeelöffel war zu hören. Sie fuhren durch Weingärten, an Molkereien unter Kastanien vorbei, immer höher und höher auf dem sich schlängelnden Wege empor, es kam dabei vor, dass der erste Wagen sich gerade oberhalb des letzten befand, die südliche Vegetation wurde von Birken, Fichten, Moosen und Veilchen abgelöst und man sah die Wolken schon unter sich. Noch bevor sie den Gipfel des Giuogo erreicht hatten, von wo man, wie es hiess, das Adriatische und das Mittelmeer sehen könne, erblickten sie plötzlich an einer Biegung Fierenzuola unter sich, das wie ein Haufen rotgrauer Steine aussah, und die sich Faënza zu windende Heerstrasse, über die eine altmodische Diligence hinkroch. Der Omnibus machte halt, um eine Frau aussteigen zu lassen und der Kutscher auf dem hohen Bocke rauchte friedlich in Erwartung des Zeichens zum Weiterfahren.
»Wie das an Goldoni, seligen Angedenkens, erinnert! Welch eine bezaubernde Schlichtheit!« geriet M-me Monier in Entzücken, und liess ihre Peitsche mit dem roten Griffe knallen. Man setzte ihnen in der verräucherten Taverne, die wie eine Räuberhöhle aussah, Rührei, Käse, Chianti und Salami vor, und die Wirtin, ein einäugiges, sonnverbranntes Weib, hörte, die Wange auf die Lehne eines hölzernen Stuhles gedrückt, zu, wie ein Mann mit schwarzen Brauen und grossen Augen, in Hemdsärmeln, einen grün gewordenen Filzhut auf dem Kopfe, den Herrschaften ihre Geschichte erzählte:
»Es war schon längst bekannt, dass Beppo nachts hierher komme . . . Die Carabinieri sagten zu ihr: >Tante Pasqua, verschmähe unser Geld nicht, Beppo muss ja doch in unsere Hände fallen.< Sie überlegte sich's und konnte sich lange nicht entschliessen . . . sie ist eine ehrliche Frau, sehen Sie sie nur an . . . Aber Schicksal ist Schicksal; einmal kam er von der Hochzeit eines Landsmannes betrunken zurück und legte sich schlafen . . . Pasqua hatte die Carabinieri früher verständigt und pfiff, das Gewehr und die Messer hatte sie Beppo schon vorher abgenommen. Was konnte er machen? Er war ein Mensch, Signori.«
»Wie er fluchte! Als er schon gefesselt war, schleuderte er diese Bank hier mit den Füssen ins Zimmer, warf sich auf die Erde und fing an sich herumzuwälzen!« sagte Pasqua mit heiserer Stimme und ihre Zähne und das einzige Auge, das sie besass, blitzten dabei, während ihre Lippen lächelten, als erzähle sie die angenehmsten Geschichten.
»Ja, ja, sie ist ein ganzer Kerl, die Pasqua, wenn sie auch nur ein Auge hat! Noch ein Gläschen?« forderte der bärtige Mann auf und klopfte der Wirtin auf die Schulter.
»Smurow, Orsini! Gehen Sie bitte rasch nach oben zurück, ich habe meinen Sonnenschirm vergessen. Ihr seid die Letzten, wir warten auf euch! Wie? Was? Den Sonnenschirm, den Sonnenschirm,« rief M-me Monier aus dem ersten Wagen, ihr lächelndes hässliches rosa Gesicht zurückwendend und hielt ihr Eselgespann auf.
Die Taverne war leer, der noch nicht abgeräumte Tisch, die verschobenen Bänke und Stühle erinnerten an die Gäste, die eben hier gewesen waren, und hinter dem Vorhang, wo das Bett stand, hörte man Seufzen und leises Geflüster.
»Ist niemand da« rief Orsini auf der Schwelle. »Eine Signora hat ihren Schirm hier stehen lassen, habt ihr ihn nicht gesehen?«
Hinter dem Vorhang wurde wieder geflüstert; dann kam Pasqua mit verwühltem Haar, ohne Tuch und Mieder heraus, im Gehen ihren schmutzigen Rock zurechtrückend, hager und ungeachtet ihrer Jugend, so schrecklich alt, und zeigte schweigend auf den weissen, spitzenbesetzten Sonnenschirm mit einem unbestimmten gelblichen Muster und einem weissen Griff. Hinter dem Vorhang rief eine Männerstimme: »Pasqua, hörst du, Pasqua? Wird's bald? Sind sie schon fort?«
»Gleich,« antwortete das Weib mit heiserer Stimme und steckte sich, vor die Spiegelscherbe an der Wand tretend, die rote Nelke, die Orsini vergessen hatte, ins verwühlte Haar.
* * * * *
Sie waren fast die einzigen im Theater, die mit ganzer Aufmerksamkeit Isoldens Ergüssen vor Brangäne folgten und fast nicht bemerkten, wie der König mit beiden Königinnen die Loge der Szene gegenüber betrat und sich, nachdem er dem Publikum, das ihn mit Rufen begrüsste, eine ungeschickte Verbeugung gemacht hatte, auf einen Stuhl an der Balustrade niederliess. Das sentimentale und harte Gesicht des kleinen Mannes mit dem grossen Kopfe und dem Schnurrbart hatte den gelangweilten Ausdruck eines von Geschäften in Anspruch genommenen Menschen. Obgleich es keine Pause war, war der Saal voll erleuchtet: die Damen in den Logen, in Décolleté und Halsschmuck, sassen fast mit dem Rücken zur Bühne und plauderten lächelnd; die Herren mit Blumen im Knopfloch, gelangweilt und korrekt, machten von Loge zu Loge Besuche. Es wurde Gefrorenes herumgereicht, und die älteren Herren sassen im Hintergrunde der Logen, in vor sich ausgebreitete Zeitungen vertieft.
Wanja, der zwischen Stroop und Orsini sass, hörte nicht das Flüstern und Geräusch ringsumher und war ganz vom Gedanken an Isolde in Anspruch genommen, der aus dem Rauschen der Blätter Hifthörner zu erklingen schienen.
»Das ist die Apotheose der Liebe! Ohne Nacht und Tod wäre es das höchste Lied der Leidenschaft und die Konturen der Melodie und der Szene selbst, wie rituell sind sie, wie ähneln sie ergreifenden Hymnen!« sagte Orsini zu Wanja, der bleich geworden war.
Stroop sah, ohne sich umzukehren, durch das Opernglas zur gegenüberliegenden Loge hinüber, wo nahe nebeneinander der blonde Künstler und eine kleine Frau sassen. Sie hatte rabenschwarzes gewelltes Haar. Ein Paar riesige farblose Augen starrten aus ihrem ungeschminkten Gesicht mit dem grossen tiefroten Munde und dem vulgären Kinn, das von grenzenloser Entschlossenheit sprach. Sie trug ein grellgelbes goldbesticktes Kleid und war prätentiös auffallend. Und Wanja hörte mechanisch den Berichten von den Abenteuern dieser Veronica Cybò zu, in denen viele Namen von Männern und Weibern genannt wurden, die sie alle zugrunde gerichtet hatte.
»Eine Nichtswürdige ist sie, diese Canaille,« hörte er Ugos Stimme, »ein Typus aus dem XVI. Jahrhundert.«
»Bah, das ist viel zu vornehm für sie! Einfach eine schmutzige Dirne,« und aus dem Munde der korrekten Herren, die gierig zum gelben Kleide und den lasterhaften Nixenaugen hinüberäugten, kamen die gröbsten Bezeichnungen.
Wenn Wanja sich, selbst mit einer ganz harmlosen Frage, an Stroop wandte, wurde er rot und lächelte und es machte den Eindruck, als spräche er mit einem Freunde nach einem stürmischen Zwist oder mit einem Rekonvaleszenten, der eine schwere Krankheit überstanden.
»Ich denke immer an Tristan und Isolde,« sagte Wanja zu Orsini, im Korridor auf und ab gehend. »Es ist eine ideale Darstellung der Liebe, eine Apotheose der Leidenschaft, aber wenn man die äussere Seite und das Ende der Geschichte in Betracht zieht, ist es dann eigentlich nicht ganz dasselbe, was wir in der Taverne auf dem Giuogo gesehen haben?«
»Ich verstehe nicht ganz, was Sie sagen wollen. Beunruhigt Sie das Vorhandensein der fleischlichen Vereinigung?«
»Nein, aber jede reale Handlung hat etwas Komisches und Beschämendes: Isolde und Tristan mussten doch ihre Kleider aufknöpfen und ausziehen, Mäntel und Beinkleider waren auch damals schon ebensowenig poetisch, wie unsere Röcke.«
»Welche Gedanken! Das ist komisch!« lachte Orsini auf, und sah Wanja verwundert an. »Das ist doch immer so; ich verstehe nicht was Sie eigentlich wollen.«
»Wenn die nackte Tatsache ein und dieselbe ist, ist es da nicht gleichgültig, wie man zu ihr gelangt, ob nun in weltenerfüllender Liebe oder in tierischer Brunst?«
»Was haben Sie? Ich erkenne den Freund des Kanonikus Mori nicht wieder! Es ist selbstverständlich, dass die nackte Tatsache nicht wichtig ist, sondern, dass es auf die Stellungnahme zu ihr ankommt, und die empörendste Tatsache, die unglaublichste Situation kann durch die Stellungnahme zu ihr gerechtfertigt und geläutert werden,« sagte Orsini ernst und fast lehrhaft.
»Vielleicht ist das auch, trotz seiner Erbaulichkeit, wahr,« bemerkte Wanja lächelnd und setzte sich neben Stroop, den er aufmerksam betrachtete.
* * * * *
Sie kamen etwas zu früh auf den Bahnhof, um M-me Monier zu begleiten, die vor der Saison in Paris zwei Wochen in der Bretagne zubringen wollte. Auf dem blassgelben Himmel leuchteten die Kugeln der elektrischen Lampen, man hörte rufen: »Pronti, partenza«, die Reisenden eilten zu den früher abgehenden Zügen, und aus dem Büfett klangen ununterbrochen Bestellungen und das Klappern der Löffel herüber. In Erwartung des Zuges tranken sie Kaffee; auf einem ausgebreiteten »Figaro« lag ein Bukett Gloire-de-Dijon-Rosen neben den Handschuhen von M-me Monier, die in einem maisfarbenen Kleide mit blassgelben Bändern abseits sass, die Herren witzelten über die eben gelesenen politischen Tagesneuigkeiten, da erschien am nächststehenden Tische Veronica Cybò im Reisekleide mit heruntergezogenem grünem Schleier, der Künstler folgte ihr mit einem Porteplaid und dem Träger mit dem Gepäck.
»Sehen Sie doch, sie reisen fort! Er geht endgültig zugrunde!« sagte Ugo, der sich mit dem Künstler begrüsst hatte, als er zu seiner Gesellschaft zurückkehrte.
»Wohin reisen sie denn? Sieht er denn gar nichts? Ah, diese Canaille, diese Canaille!«
Die Cybò hob den Schleier, sie sah blass und herausfordernd aus, und wies stumm dem Träger den Platz, wohin er die Sachen stellen sollte, dann legte sie ihre Hand auf den Arm ihres Begleiters, als ergriffe sie Besitz von ihm.
»Sehen Sie da -- die Blonskaja! Wie sie es bloss erfahren hat. Ich beneide weder sie noch die Cybò,« flüsterte M-me Monier, während die andere Frau, die ganz in Grau gekleidet war, schnell auf den Künstler und seine Begleiterin zuging. Der Künstler sass mit dem Rücken zu ihr und konnte sie nicht sehen, die Cybò starrte bewegungslos mit ihrem Nixenblick vor sich hin. Als die Blonskaja dicht vor beiden stand, sagte sie leise auf russisch:
»Sergej, wohin und weshalb reisen Sie? Und weshalb ist das ein Geheimnis für mich, für uns alle? Sind Sie denn nicht unser aller Freund? Es ist einerlei, ich weiss . . . ich weiss, dass das Ihr Untergang ist! Vielleicht trage ich selbst Schuld daran und kann etwas wieder gutmachen?«
Die Cybò starrte die Blonskaja bewegungslos an, als sei sie blind und sähe sie nicht.
»Vielleicht hält es Sie zurück, wenn ich Sie heirate? Dass ich Sie liebe, wissen Sie.«
»Nein, nein, ich will nicht!« stiess er grob hervor, als befürchte er nachgeben zu können.
»Kann denn hier wirklich nichts helfen? Ist das denn wirklich unabwendbar?«
»Vielleicht. Vieles geschieht zu spät.«
»Sergej, kommen Sie zu sich! Kehren Sie zurück, es wird ja nicht nur der Künstler in Ihnen zugrunde gehen, sondern Sie selbst richten sich zugrunde.«
»Was soll das Gerede? Es ist zu spät gut zu machen, und dann will ich es auch so!« Die Cybò heftete jetzt ihre Augen auf ihn.
»Nein, Sie wollen es nicht so,« sagte die Blonskaja.
»Weiss ich am Ende selbst nicht, was ich will?«
»Sie wissen es nicht. Und welch ein Knabe Sie sind, Sergej.«
Die Cybò hatte sich erhoben, um dem Träger, der den Handkoffer voraustrug, zu folgen und wandte sich geräuschlos ihrem Begleiter zu; dieser erhob sich, seinen Mantel anziehend, ohne der Blonskaja zu antworten.
»Sergej, Sie reisen also doch, Sergej?«
M-me Monier verabschiedete sich, laut zwitschernd, von ihren Freunden und nickte schon hinter dem Bukett Gloire-de-Dijon-Rosen hervor aus dem Waggon die letzten Grüsse. Als sie zurückgingen, sahen sie die Blonskaja, die ganz in Grau, auf ihren Sonnenschirm gestützt, zu Fuss ging.
»Es ist, als wären wir auf einem Begräbnis gewesen,« bemerkte Wanja.
»Es gibt Leute, die jeden Augenblick auf ihrem eigenen Begräbnis zu sein scheinen,« meinte Stroop, ohne Wanja anzusehen.
»Wenn ein Künstler zugrunde geht, so ist das sehr schwer.«
»Es gibt Menschen, die Künstler des Lebens sind; ihr Untergang ist nicht weniger schwer zu ertragen.«
»Und es gibt Dinge,« fügte Wanja hinzu, »die zu tun es mitunter zu spät ist.«
»Ja, es gibt Dinge, die zu tun es mitunter zu spät ist,« wiederholte Stroop.
* * * * *
Sie traten in eine niedrige Kammer, die nur durch die offenstehende Tür erleuchtet wurde, und in der ein alter Schuster mit einer runden Brille, wie auf einem Bilde von Dou, über einen Stiefel gebückt sass. Nach der Sonne auf der Strasse war es kühl. Es roch nach Leder und Jasmin, von dem einige Blüten in einer Flasche ganz oben unter der Oberlage auf dem letzten Brett eines Regals mit Stiefeln standen; der Geselle betrachtete den Kanonikus, der mit gespreizten Beinen, sich das Gesicht mit einem roten Seidentuche wischend, dasass. Und der alte Giuseppe sagte mit singendem gutmütigem Ton:
»Was bin ich? Ich bin bloss ein armer Handwerker, aber es gibt Künstler, Künstler! Oh, das ist nicht so einfach, einen Stiefel nach den Regeln der Kunst zu nähen; man muss den Fuss studieren, muss ihn kennen, für den man einen Stiefel nähen soll, man muss wissen, wo der Knochen breiter, wo er schmäler ist, wo ein Hühnerauge sitzt, wo das Blatt höher ist, als es sollte. Kein Mensch hat einen Fuss, wie der andere, und man muss ein Pfuscher sein, um zu glauben, dass jeder Stiefel auf jeden Fuss passt. Und ach, was für Füsse gibt es, Signori! Und alle müssen gehen. Gott der Herr hat den Fuss mit fünf Zehen und einer Ferse ausgestattet, und doch hat alles andere, verstehen Sie, ebenso seine Berechtigung. Und wenn einer sechs oder vier Zehen hat, so hat doch auch Gott der Herr selbst ihm solche Füsse gegeben und er muss gehen, wie andere Leute, das muss der Schuhmachermeister dann wissen und es möglich machen.«
Der Kanonikus trank, laut schluckend, Chianti aus einem grossen Glase und fächelte mit seinem breitrandigen Hut die Fliegen weg, die sich ihm auf die mit Schweisstropfen bedeckte Stirn setzten; der Geselle fuhr fort, ihn zu betrachten und Giuseppes Rede klang monoton, singend und einschläfernd.
Als sie über den Platz vor der Kathedrale ins Restaurant Giotto gingen, wo die Geistlichkeit zu verkehren pflegte, begegneten sie dem alten Grafen Ghidetti, der geschminkt, eine Perücke auf dem Kopfe, daherkam und sich fast auf die beiden blutjungen Mädchen stützte, die bescheiden und ehrbar ihm zur Seite gingen. Wanja fielen die Geschichten ein, die über den entnervten Greis, über seine sogenannten >Nichten<, über die Erregungen erzählt wurden, die die abgestumpften Sinne des alten Wüstlings mit dem leichenhaften, geschminkten Gesicht und den von Geist und Witz sprühenden, lebhaften Augen, erheischten; ihm fielen seine Gespräche ein, bei denen aus dem stammelnden Munde Paradoxa, Witze und Geschichten hervorsprudelten, wie sie in unserer Zeit immer seltener werden, und er hörte Giuseppes Stimme sagen: »Wenn einer auch sechs oder nur vier Zehen hat, so hat doch Gott der Herr selbst ihm solche Füsse gegeben, und er muss gehen, wie andere Leute.«
»Die Steine, die Mauern wurden rot, als der Prozess des Grafen verhandelt wurde,« sagte Mori, in das Zimmer links tretend, das von schwarzen Gestalten Geistlicher und einiger weniger weltlicher Personen gefüllt war, die am Freitage Fastenspeisen zu essen wünschten. Eine ältliche Engländerin unterhielt sich mit einem glattrasierten Jüngling in stark gebrochenem Französisch.
»Wir Konvertiten lieben den Katholizismus um so mehr, sind uns tiefer der ganzen Schönheit und Anmut seines Ritus, seiner Dogmen und Disziplin bewusst.«
»Arme Frau,« erläuterte der Kanonikus, seinen Hut neben sich auf die Holzbank legend, »sie stammt aus einer reichen, guten Familie, und jetzt läuft sie umher und gibt Stunden, leidet Not, denn sie ist des wahren Glaubens teilhaftig geworden und alle haben sich von ihr losgesagt.«
»Risotto! Dreimal.«
»Wir waren unser dreihundert, als wir aus Pontasieve aufbrachen, Pilger zur Annunziata gibt es immer genug. Der heilige Georg, der Erzengel Michael, die heilige Jungfrau, mit solchen Beschützern braucht man sich im Leben vor nichts zu fürchten!« verschwamm die Stimme der Engländerin im allgemeinen Lärm.