Part 13
»Mein Freund, hüten Sie sich vor Eigendünkel! Es sollte mir, dem alten Manne, einfallen, auf dem Wege von Petersburg nach Rom nach Wassilsursk zu kommen, um Wanja Smurow Stroops Adresse mitzuteilen?! Ich wusste überhaupt nicht, dass Sie hier seien. Sie sind erregt, Wanja, Sie sind krank, und ich zeige Ihnen als guter Arzt und Lehrer, dass Ihnen jenes Leben fehlt, welches sich für Sie in Stroop verkörpert, und nichts weiter.«
* * * * *
»Wie Sie schön gewachsen sind, lieber Wanja,« sagte Sascha beim Auskleiden, die nackte Gestalt Wanjas betrachtend, der auf dem trockenen Sande stand und sich zum Flusse neigte, um Wasser zu schöpfen und sich den Kopf und die Achselhöhlen zu benetzen, bevor er ins Wasser ging. Wanja blickte auf das durch die auseinandergleitenden Kreise im Wasser bewegte Ebenbild seines hohen, geschmeidigen, von Bädern und Sonne gebräunten Körpers mit den schmalen Hüften und schlanken langen Beinen, die langgewordenen Locken über dem dünnen Halse, den grossen Augen im abgemagerten Gesicht und stieg mit stummem Lächeln ins kalte Wasser. Der trotz seines hohen Wuchses kurzbeinige, weisse und volle Sascha liess sich an einer tieferen Stelle ins Wasser fallen, dass es nach allen Seiten aufspritzte.
Dem ganzen Ufer entlang bis zur weidenden Herde badeten Kinder, die kreischend durch das Wasser oder am Ufer hinliefen, hie und da lagen Haufen von roten Hemden und Wäsche, und in der Ferne, höher den Fluss aufwärts, unter den Weiden auf dem saftig grünen gemähten Grase huschten zart rosa Körper von Kindern und Halbwüchslingen vorüber, an ein Bild des Paradieses in der Art Thomas erinnernd. Wanja fühlte mit fast leidenschaftlicher Freude, wie sein Körper das kalte tiefe Wasser zerteilte und in schnellen Wendungen, wie ein Fisch, die wärmere Oberfläche aufschäumen machte. Er war müde geworden und schwamm auf dem Rücken, ohne die Arme zu bewegen, und sah nur den in der Sonne leuchtenden Himmel, ohne zu wissen, wohin er getragen wurde. Er kam wieder zu sich, als die Rufe am Ufer lauter wurden, die sich immer weiter in der Richtung entfernt hatten, wo die Herde weidete und die Baggermaschine arbeitete.
Die Kinder eilten, im Laufen ihre Hemden anziehend, am Ufer entlang, und ihnen schollen Rufe entgegen: »Sie haben ihn, sie haben ihn, man hat ihn aus dem Wasser gezogen.«
»Wen das?«
»Den Ertrunkenen, der schon im Frühling ins Wasser ging; erst jetzt hat man ihn gefunden, er hat sich an einem Balken verhakt und konnte nicht zur Oberfläche aufsteigen,« erzählten die laufenden und einander überholenden Kinder.
Vom Berge her kam, laut weinend, eine Frau in rotem Kleide und weissem Kopftuche gelaufen; als sie an die Stelle kam, wo auf einer Bastmatte die Leiche lag, warf sie sich mit dem Gesicht in den Sand und schluchzte, noch lauter wehklagend.
»Arina, die Mutter! . . .« flüsterte es ringsum.
»Erinnern Sie sich, ich habe Ihnen seine Lebensgeschichte erzählt,« wiederholte Sergej, der von irgendwoher aufgetaucht war, Wanja, der mit Entsetzen auf die aufgedunsene schleimige Leiche mit dem bereits formlosen Gesicht starrte, die nackt, bloss mit den Stiefeln an den Füssen im grellen Sonnenschein ekelhaft und fürchterlich inmitten der lärmenden neugierigen Kinder mit ihren zart rosa Körpern, die unter den offenen Hemden sichtbar waren, dalag. -- »Es war der einzige Sohn seiner Mutter, wollte immer Mönch werden, dreimal ist er von Hause fortgelaufen, aber sie haben ihn immer wieder zurückgebracht: geprügelt haben sie ihn sogar, aber es half nichts; andere Kinder kaufen sich Pfefferkuchen, er gab alles für Kirchenkerzen fort; lief da so ein Weibsbild, so'n Ekel, ihm über den Weg, er verstand nichts, als ihm aber die Augen aufgingen, da ging er mit den Kindern baden und ertrank; er war nur sechzehn Jahre alt . . .« klang Sergejs Erzählung, als spräche er unter dem Wasser.
»Wanja! Wanja!« schrie durchdringend die Frau, die sich bald erhob, bald wieder sich in den Sand fallen liess, beim Anblick der aufgedunsenen schleimigen Leiche.
Wanja stürzte entsetzt den Berg hinan, er stolperte, zerkratzte sich an den Büschen und Nesseln, sah sich aber nicht um, als jage man hinter ihm her, und machte erst im Sorokinschen Garten halt. Hier war es still, die Äpfel schimmerten aus dem Grün der weit auseinander gepflanzten Bäume hervor, hinter der stillen Wolga dehnten sich die dunklen Wälder, im Grase zirpten Grillen, es duftete nach Honig und Frauenminze.
* * * * *
»Es gibt am menschlichen Körper Muskeln und Sehnen, die man nicht ohne Herzklopfen betrachten kann,« fielen Wanja Stroops Worte ein, als er entsetzt beim Schein einer Kerze sein feines, jetzt schrecklich bleiches Gesicht mit den feinen Brauen und den grauen Augen, dem purpurroten Munde und dem lockigen Haar über dem dünnen Halse im Spiegel betrachtete. Er wunderte sich nicht einmal, dass plötzlich Marja Dmitrijewna zu einer so späten Stunde geräuschlos in sein Zimmer trat und leise, aber fest, die Tür hinter sich schloss.
»Was wird denn daraus werden? Was wird daraus werden?« fragte er sie erregt. »Die Wangen werden einfallen und erblassen, der Körper wird aufdunsen und schwammig werden, die Würmer werden die Augen ausfressen, alle Gelenke des lieben Körpers werden auseinanderfallen! Und es gibt Muskeln, Sehnen am menschlichen Körper, die man nicht ohne Herzklopfen betrachten kann! Alles wird vergehen, verderben! Und ich weiss nichts, ich habe nichts gesehen, und ich will, ich will . . . Ich bin doch nicht gefühllos, bin kein Stein; und ich kenne jetzt meine Schönheit! Es ist schrecklich, schrecklich! Wer wird mich retten?«
Marja Dmitrijewna blickte, ohne zu staunen, freudig auf Wanja.
»Wanja, Teurer, Sie tun mir leid! Ich habe mich vor diesem Augenblick gefürchtet, aber die Stunde ist wohl gekommen, wo der Wille des Herrn geschehe,« und langsam die Kerze verlöschend, umarmte sie Wanja und bedeckte seinen Mund, seine Augen und Wangen mit Küssen und drückte ihn immer fester an ihre Brust. Wanja war sofort ernüchtert, ihm wurde heiss, schwül und peinlich, und sich aus der Umarmung befreiend, sagte er mit einer Stimme, die schon ganz anders klang: »Marja Dmitrijewna! Marja Dmitrijewna! Was haben Sie? Lassen Sie mich! Nicht doch!« Aber jene drückte ihn nur um so fester an ihre Brust, küsste ihn schnell und lautlos auf Wangen, Mund und Augen und flüsterte: »Wanja, mein Lieb, du meine Freude!«
»So lass mich doch, widerliches Weib!« schrie Wanja schliesslich, stiess Marja Dmitrijewna zur Seite und lief hinaus, die Tür hinter sich zuschlagend.
* * * * *
»Was soll ich denn jetzt tun?« fragte Wanja Daniil Iwanowitsch, zu dem er geraden Wegs aus dem Hause durch die Nacht gelaufen war.
»Meiner Ansicht nach,« sagte der Grieche, im Schlafrock über der Unterwäsche und mit Morgenschuhen an den Füssen, »meiner Ansicht nach, müssen Sie fortfahren.«
»Wohin soll ich denn fahren? Bleibt mir wirklich nichts anderes übrig, als Petersburg? Und man wird mich fragen, weshalb ich zurückgekommen bin und langweilig ist es da auch noch.«
»Ja, das ist unangenehm, aber hier bleiben ist auch unmöglich, Sie sind -- ganz krank.«
»Was soll ich denn tun?« wiederholte Wanja, hilflos auf die Hand des Griechen herabblickend, die auf der Tischplatte trommelte.
»Ich kenne ja Ihre Umstände und Vermögensverhältnisse nicht und weiss nicht, wie weit Sie reisen können; und allein können Sie auch gar nicht reisen.«
»Was soll ich denn tun?«
»Wenn Sie meiner Zuneigung zu Ihnen glauben und nicht weiss Gott was für Geschichten machen wollten, würde ich Ihnen vorschlagen mit mir zu reisen.«
»Wohin?«
»Ins Ausland.«
»Ich habe kein Geld.«
»Es würde für uns beide reichen; später, mit der Zeit, würden wir uns verrechnen; wir würden zusammen nach Rom gehen und da würde man dann eben sehen, mit wem Sie zurückreisen und wohin ich weiterreisen werde. Das wäre das allerbeste.«
»Sprechen Sie wirklich im Ernst, Daniil Iwanowitsch?«
»Man kann nicht ernster.«
»Ist denn das möglich: ich -- in Rom?«
»Und sogar sehr!« lächelte der Grieche.
»Ich kann es nicht glauben!« . . . rief Wanja erregt aus.
Der Grieche rauchte schweigend seine Zigarette und blickte lächelnd auf Wanja.
»Was für ein Prachtmensch, wie gut Sie sind!« strömte der über.
»Es ist mir sehr angenehm, nicht allein zu reisen; wir werden natürlich unterwegs ökonomisch sein, nicht in allzu feinen Hotels, sondern in einheimischen Gasthäusern absteigen.«
»Oh, das wird nur noch lustiger sein!« freute sich Wanja.
Und bis zum frühen Morgen sprachen sie von der Reise, bestimmten, wo sie Station machen wollten, die Städte, Orte, entwarfen Pläne für Ausflüge -- und als Wanja im hellen Sonnenschein auf die grasbewachsene Strasse hinaustrat, wunderte er sich, dass er noch in Wassil sei und noch die Wolga und die dunklen Wälder vor sich sähe.
Dritter Teil
Sie sassen nach dem >Tannhäuser< zu dreien im Café auf dem Corso und inmitten des geräuschvollen unverständlichen italienischen Stimmengewirrs, beim Klappern der Teller und Gläser mit Gefrorenem, unter den fernen Klängen des Streichorchesters, die durch den Tabaksqualm herüberdrangen, fühlten sie sich vor der bald bevorstehenden Trennung fast intim, besonders freundschaftlich gestimmt. Der Offizier mit einem ganzen Hahnenflügel auf dem Hute und die beiden Damen, die schwarz, aber auffallend gekleidet, am Nebentische sassen, schenkten ihnen keine Aufmerksamkeit und durch die Tüllgardinen des offen stehenden Fensters konnte man die Strassenlaternen, die vorüberfahrenden Equipagen, und die über Trottoir und Fahrdamm vorbeigehenden Fussgänger sehen und man hörte das Rauschen des Springbrunnens auf dem nahen Platze.
Wanja hatte seine Gymnasiastenuniform gegen Zivilkleider vertauscht, die ihm, trotzdem sie ganz gewöhnlich waren, eine gewisse Eleganz verliehen, ohne das Knabenhafte seines Äusseren zu beeinträchtigen. Er sah blass, hoch und schlank aus. Daniil Iwanowitsch, der >in der Eigenschaft des Mentors eines reisenden Prinzen<, wie er scherzend zu sagen pflegte, seinen jungen Freund überallhin begleitete, plauderte jetzt wohlwollend und gönnerhaft mit ihm und Ugo Orsini.
»Immer, wenn ich diese erste Szene in der zweiten, der Fassung jenes Wagner höre, der schon den Tristan geschaffen, fühle ich ein wundersames Entzücken, einen prophetischen Schauer, wie bei den Bildern Klingers und der Poesie d'Annunzios. Diese Tänze der Faune und Nymphen, diese leuchtenden, strahlenden, niedagewesenen, aber bis zum Schmerze tief vertrauten antiken Landschaften, die sich plötzlich auftun, die Erscheinungen der Leda und Europa, diese Amouretten, die wie auf Botticellis >Primavera<, auf die Bäume und die tanzenden und unter ihren Pfeilen in schmachtenden Stellungen ersterbenden Faune schiessen -- und das alles vor Venus, die mit überirdischer Liebe und Zärtlichkeit Tannhäusers Schlaf hütet, das ist alles, wie der Hauch eines neuen Frühlings, einer neuen, heiss aus dunklen Tiefen aufsteigenden Leidenschaft für das Leben und die Sonne!« Und Orsini wischte sich das blasse, glattrasierte, bereits voll werdende Gesicht mit den schwarzen glanzlosen Augen und dem fein gewundenen Munde.
»Es ist dies das einzige Mal, dass Wagner die Antike berührt,« bemerkte Daniil Iwanowitsch, »ich habe mehr als einmal diese Szene mit Venus, jedoch vor der Bearbeitung, gesehen und mir gedacht, dass sie dem Gedanken nach mit >Parsifal< verwandt ist und mit diesem die grösste der Wagnerschen Konzeptionen darstellt; aber ich begreife ihren Schluss nicht und mag ihn auch nicht gelten lassen: wozu diese Entsagung? Wozu dieser Asketismus? Weder der Charakter von Wagners Genius, noch sonst etwas lockte zu solchen Ausklängen!«
»Musikalisch harmoniert diese Szene nicht sonderlich mit dem früher Geschriebenen, und Venus ist ein wenig Nachahmung von Isolde.«
»Sie, als Musiker, müssen das besser wissen, aber der Gedanke, die Idee, das ist schon des Dichters, des Philosophen Gebiet.«
»Der Asketismus ist eigentlich die naturwidrigste aller Erscheinungen, und die Keuschheit gewisser Tiere ist nichts anderes als Fabel.«
Ihnen wurde hartes Gefrorenes und Wasser in grossen Gläsern auf hohen Füssen serviert. Das Cafe begann schon leer zu werden und die Musikanten wiederholten bereits ihre Stücke.
»Reisen Sie schon morgen?« fragte Ugo, an der roten Nelke in seinem Knopfloch nestelnd.
»Nein, ich möchte noch von Rom Abschied nehmen und etwas länger mit Daniil Iwanowitsch zusammenbleiben,« sagte Wanja.
»Sie gehen nach Neapel und Sizilien? Und Sie?«
»Ich gehe mit dem Kanonikus nach Florenz.«
»Mit Mori?«
»Ja, mit ihm.«
»Woher kennen Sie ihn?«
»Wir haben uns bei Bossi Gaëtano kennen gelernt, Sie wissen, der Archäolog?«
»Der in der Via Nazionale lebt?«
»Ja; er ist doch sehr lieb, der Kanonikus.«
»Ja, ich kann jetzt mit Recht sagen: heute lässest du deinen Diener in Frieden fahren, ich übergebe Sie Monsignore zu eigenen Händen.«
Wanja lächelte freundlich.
»Bin ich Ihnen denn wirklich so langweilig geworden?«
»Furchtbar!« scherzte Daniil Iwanowitsch.
»In Florenz werden wir uns wohl noch treffen; ich gehe in acht Tagen dahin: man spielt dort mein Quartett.«
»Ich werde mich freuen. Sie wissen, Monsignore finden Sie immer in der Kathedrale, und er wird meine Adresse kennen.«
»Ich steige bei der Marchesa Moratti ab, Borgo Santi Apostoli. Bitte, kommen Sie ohne Umstände, die Marchesa lebt allein und wird sich freuen. Sie ist meine Tante und ich bin ihr Erbe.«
Orsini lächelte süsslich mit den dünnen Lippen im weissen, voll werdenden Gesicht mit den schwarzen glanzlosen Augen und die Ringe an seinen Fingern mit den kurzgeschnittenen Nägeln und der entwickelten Muskulatur des Pianisten funkelten im elektrischen Lichte.
»Dieser Ugo sieht aus, wie ein Giftmischer, finden Sie nicht?« fragte Wanja seinen Begleiter, als sie den Corso hinauf nach Hause gingen.
»Welch ein Einfall! Er ist ein lieber Mensch, nichts weiter.«
* * * * *
Trotzdem ein feiner Regen herabsickerte, der in Bächlein neben dem Fusssteige den Berg hinunterfloss, war die Kühle des Museums erwünscht und angenehm. Nachdem sie im Kolosseum, auf dem Forum und dem Palatin gewesen waren, standen sie, ganz zum Schluss, kurz vor der Abreise, fast allein im kleinen Saale vor dem »Laufenden Jüngling«.
»Nur der Torso des sogenannten >Ilioneus< kann sich an Schönheit und Leben mit diesem Jünglingskörper messen, an dem man unter der weissen Haut das rote Blut sehen kann, an dem alle Muskeln berauschend schön und bestrickend sind. Das Fehlen der Arme und des Kopfes stört uns heute nicht weiter. Der Körper selbst, die Materie wird untergehen, angenommen sogar, dass die Werke der Kunst, Phidias, Mozart, Shakespeare, zugrunde gehen werden, aber die Idee, der Schönheitstypus, die in ihnen leben, können nicht untergehen, und das ist vielleicht das einzig Wertvolle in der wechselnden und vergänglichen Buntheit des Lebens. Und wie grob auch die Verwirklichung dieser Ideen sein möge, sie sind göttlich und rein; wurden nicht in den religiösen Praktiken die höchsten Ideen des Asketismus in einen wilden, fanatischen, aber vom Symbol, das er in sich trug, erleuchteten Kultus eingekleidet, und blieben sie nicht göttlich?«
Bei den letzten Ermahnungen vor dem Abschiede sagte Daniil Iwanowitsch:
»Folgen Sie mir, Smurow; wenn Sie geistlichen Zuspruch brauchen, wenn Sie sich billig einrichten wollen, dann wenden Sie sich an Monsignore, aber wenn Ihnen Ihr Geld ganz ausgehen sollte, oder wenn Sie einen klugen und vortrefflichen Rat brauchen -- wenden Sie sich an Larion Dmitrijewitsch. Ich werde Ihnen seine Adresse geben. Einverstanden? Versprechen Sie mir das?«
»Kann ich mich denn wirklich an niemand anders wenden? Ich täte es so ungern.«
»Ich habe niemand, der zuverlässiger wäre; suchen Sie dann schon selbst.«
»Und Ugo? Wird er mir nicht helfen?«
»Kaum, er sitzt selbst immer ohne Geld. Ich begreife wirklich nicht, was Sie gegen Larion Dmitrijewitsch haben, dass Sie sich nicht einmal brieflich an ihn wenden können! Was ist geschehen, das diese Veränderung triftig erklären könnte?«
Wanja sah lange die Büste des jugendlichen Marc Aurel an, ohne zu antworten, dann begann er schliesslich monoton und langsam:
»Ich lege ihm keine Schuld zur Last, ich habe nicht die Spur von Recht, mich über ihn zu ärgern, aber es tut mir unsäglich leid, dass ich, seitdem mir gewisse Dinge bekannt geworden sind, mich, unabhängig von meinem Willen, zu Stroop nicht mehr stellen kann, wie früher; das hindert mich, in ihm den erwünschten Führer und Freund zu erblicken.«
»Welch eine Romantik, wenn es bloss nicht auswendig gelernt klingen würde! Sie sind wie die >ätherischen< Fräuleins seligen Angedenkens, die sich einbildeten, ihre Verehrer müssten glauben, dass Jungfrauen weder essen, noch trinken, noch schlafen, noch schnarchen, noch sich die Näschen putzen. Jeder Mensch hat seine natürlichen Verrichtungen, die ihn keineswegs erniedrigen, wie unangenehm sie einem anderen auch sein mögen. Auf Fjodor eifersüchtig sein, heisst sich selbst mit ihm auf eine Stufe stellen, als hätte man dieselbe Bestimmung, denselben Zweck, wie er. Wie wenig geistreich das auch sein möge, es ist immerhin noch besser als romantische Prüderie.«
»Lassen wir das alles; wenn es anders nicht möglich sein wird, werde ich an Stroop schreiben.«
»Und werden gut daran tun, mein kleiner Kato.«
»Sie selbst haben mich ja Kato verachten gelehrt.«
»Augenscheinlich ohne sonderlichen Erfolg.«
* * * * *
Sie gingen über den geraden Gartenweg, über einen Rasenplatz und an Beeten mit in der Dämmerung verschwimmenden Blumen vorbei zur Terrasse; der weissliche Nebel zog sich hin, als liefe er ihnen nach, um sie einzuholen: irgendwo schrien junge Eulen; im Osten leuchtete flimmernd ein strahlender Stern durch den sich rosa färbenden Nebel, und die erleuchteten Fenster des alten Hauses vor ihnen flammten ungewöhnlich und sonderbar, bereits den Widerschein des Morgenhimmels in ihren Scheiben spiegelnd. Ugo hatte aufgehört, sein Quartett vor sich hinzupfeifen und rauchte schweigend eine Zigarette. Als sie an der Terrasse vorübergingen, hörte Wanja deutlich Russisch sprechen und blieb stehen.
»Sie werden also noch lange in Italien bleiben?«
»Ich weiss nicht, Sie sehen ja, wie schwach Mama ist; aus Neapel werden wir nach Lugano gehen, aber wie lange wir dort bleiben werden, weiss ich nicht.«
»So lange werde ich Sie nicht sehen, Ihre Stimme nicht hören dürfen . . .« begann eine männliche Stimme. -- »Vielleicht vier Monate,« unterbrach sie hastig eine weibliche. -- »Vier Monate!« wiederholte, wie ein Echo, die erste. -- »Ich glaube nicht, dass Sie sich langweilen werden . . .«
Sie schwiegen als sie die Schritte von Wanja und Orsini sich nähern hörten, und in der Morgendämmerung konnte man nur undeutlich die Gestalt einer sitzenden Frau und die eines neben ihr stehenden, nicht sehr hohen Mannes unterscheiden.
Als sie den Saal betraten, aus dem ihnen die etwas drückende Wärme des mit Menschen gefüllten Raumes entgegenschlug, fragte Wanja Ugo:
»Wer waren diese Russen?«
»Anna Blonskaja und einer von euren Künstlern, ich komme eben nicht auf seinen Namen.«
»Er scheint in sie verliebt zu sein?«
»Oh, das wissen alle, ebenso, wie man sein zügelloses Leben kennt.«
»Ist sie schön?« fragte Wanja noch etwas naiv.
»Sehen Sie sie an, da kommt sie.«
Wanja kehrte sich um und sah ein schlankes, bleiches Mädchen mit glatt über die Ohren gekämmtem Haar, feinen Gesichtszügen, einem etwas grossen Munde und blauen Augen. Ihr folgte nach einigen Minuten vornübergebeugt ein etwa sechsundzwanzigjähriger Mann mit blondem Spitzbärtchen und sich kräuselndem Haar, stark hervortretenden hellen Augen unter dichten, wie altes Gold gefärbten Brauen und spitzen Faunsohren.
»Er liebt sie und führt ein ausschweifendes Leben, und das eine ist, wie das andere, allgemein bekannt?« fragte Wanja.
»Ja, er liebt sie zu sehr, um in ihr das Weib zu erblicken. Russische Phantasien!« fügte der Italiener hinzu.
Man begann aufzubrechen und ein dicker Geistlicher wiederholte, die Augen verdrehend:
»Seine Heiligkeit ermüdet so sehr, ermüdet so sehr . . .«
Ein heller Sonnenstrahl blitzte in die Fenster, und man hörte das dumpfe Geräusch der vorfahrenden Wagen.
»Also auf Wiedersehen in Florenz,« sagte Orsini, Wanja die Hand drückend.
»Ja, morgen reise ich.«
* * * * *
Sie lagen alle auf den bunten gesteppten Polstern, mit denen die Fensterbretter belegt waren: Signora Poldina und Filumena in einem, Scholastica mit der Köchin Santina im anderen Fenster, als Monsignore mit Wanja durch die schmale, dunkle und kühle Gasse vor dem alten Hause mit dem eisernen Klopfring statt einer Klingel, vorfuhr. Als die erste Woge des Lärmes, der Freudenrufe und Schreie bei der Begrüssung verebbt war, liess Signora Poldina allein den Strom ihrer Beredsamkeit sich ergiessen.
»Ullyss sagt, >ich bringe einen russischen Signor mit, er wird bei uns leben<. Ullyss, du scherzest, niemals hat jemand bei uns gelebt; er ist ein Prinz, ein russischer Edelmann, wie werden wir ihn verpflegen? -- Ja, was dem Bruder einfällt, das macht er auch. Wir dachten, dass der russische Signor gross und dick sein werde, wie Herr Buturlin, den wir hier gesehen haben, und jetzt kommt dieser Knabe an, so ein schlanker, so ein Täubchen, so ein Cherubino,« und die greisenhafte Stimme Signora Poldinas klang in süssen Kadenzen aus.
Monsignore führte Wanja in die Bibliothek, um ihm seine Bücher zu zeigen und die Schwestern entfernten sich in die Küche und in ihr Zimmer. Monsignore stieg, die Soutane hochgerafft, auf der Leiter empor, so dass man seine dicken mit zu Hause gestrickten schwarzen Strümpfen bespannten Waden und die übermässig derben Schuhe sehen konnte; er las laut mit der Intonation des Geistlichen die Titel der Bücher, die seiner Meinung nach Wanja interessieren konnten und überging die übrigen schweigend. Er war trotz seiner fünfundsechzig Jahre stämmig und rotbäckig, eigensinnig, beschränkt und lehrhaft. Auf den Bücherbrettern standen und lagen italienische, lateinische, französische, spanische, englische und griechische Bücher. Thomas von Aquino neben Don Quixote, Shakespeare mit Heiligenlegenden, Seneka mit Anakreon zusammen.
»Ein konfisziertes Buch,« erklärte der Kanonikus, der den erstaunten Blick Wanjas aufgefangen hatte und einen kleinen illustrierten Band Anakreon beiseite schob: »Hier gibt es viele, bei meinen Beichtkindern konfiszierte Bücher. Mir können sie keinen Schaden antun.«
»Das ist Ihr Zimmer!« sagte Mori, Wanja in einen grossen quadratischen Raum führend, der mit bläulichen Tapeten ausgeklebt war. Vor den Fenstern hingen weisse Vorhänge, in der Mitte des Zimmers stand ein Himmelbett; den Schmuck der ziemlich kahlen Wände bildeten ein paar Stiche von Heiligen und der Madonna >vom guten Rat<, ein einfacher Tisch, das Bücherbrett mit Erbauungsschriften, die bemalte Wachsfigur des heiligen Luigi Gonzaga, in ein aus Stoff genähtes Kleid enfant de choeur gehüllt, unter dem Glassturz auf der Kommode, das Weihwasserbecken an der Tür vervollständigten die Einrichtung des Zimmers und gaben ihm das Aussehen einer Klosterzelle, das nur durch das Pianino an der Balkontür und den Toilettentisch am Fenster beeinträchtigt wurde.
»Die Katze, ach, die Katze, wirst du wohl gehen!« und Poldina stürzte sich auf den fetten weissen Kater, der zur Vervollständigung der Feier im Saal erschienen war.
»Weshalb verjagen Sie ihn denn? Ich liebe Katzen sehr,« bemerkte Wanja.
»Der Signor liebt Katzen! Ach, mein Söhnchen! Ach, mein Täubchen! Filumena, bring einmal Miscina mit den Jungen her, ich will sie dem Signor zeigen . . . Ach, mein Täubchen!«