Geschichten

Part 12

Chapter 123,707 wordsPublic domain

»In Moskau hatten wir einen wunderschönen Garten, wir wohnten in der Samoskworetschje: Apfelbäume, Flieder blühten, in einer Ecke war ein Quell und ein Strauch schwarzer Johannisbeeren; im Sommer fuhren wir nirgendwohin, so sass ich denn den ganzen Tag im Garten; dort kochte ich auch den Beerensaft für den Winter ein . . . . Ich liebe so barfuss über die heisse Erde zu gehen, Wanja, oder im Flusse zu baden, man sieht durch das Wasser seinen Körper, sieht wie die vom Wasser zurückgeworfenen Sonnenflecken über ihn hingleiten und wenn man untertaucht und die Augen öffnet, dann ist alles so grün, und man kann die Fischchen vorbeihuschen sehen, und hernach legt man sich in den heissen Sand zum Trocknen, ein Windhauch weht vorüber. Wunderbar! Und am besten ist es, wenn man allein liegt, keine Freundin dabei ist. Und es ist nicht wahr, was die alten Weiber sagen, dass der Körper Sünde ist, die Blumen, die Schönheit -- Sünde, sich baden -- Sünde. Hat nicht Gott dies alles geschaffen: das Wasser und die Bäume und den Körper? Sünde ist es, sich dem Willen des Herrn zu widersetzen: wenn jemand für etwas eine Bestimmung hat, zum Beispiel, wenn er nach etwas strebt, ihm dieses verbieten, das ist Sünde! Und wie muss man sich beeilen, Wanja, es lässt sich gar nicht sagen wie! Wie eine gute Hausfrau sich rechtzeitig mit Kohl und Gurken versorgt, weil sie weiss, dass sie später sie nicht bekommen wird, so müssen auch wir uns zu rechter Zeit sattsehen und sattlieben und sattatmen, Wanja! Wie lange währt unser Leben? Und die Jugendzeit ist noch kürzer, und der Augenblick, der vorübergeht, kehrt nie mehr wieder; und daran müsste man sich immer erinnern, dann wäre alles doppelt so süss, wie einem neugebornen Kinde, das eben erst die Augen aufgetan, oder wie einem Sterbenden.«

In der Ferne hörte man die Stimmen Arina Dmitrijewnas und Saschas; hinten holperte Parfjons Wagen über den Faschinenweg, die Fliegen summten, es roch nach Gras, Sumpf und Blumen; es war heiss und Marja Dmitrijewna sass in schwarzem Kleide, das weisse Kopftuch aufgeknüpft, von Müdigkeit und Hitze blass geworden, mit strahlenden dunklen Augen, etwas gebeugt neben Wanja im Wagen und ordnete die gepflückten Blumen.

»Es ist mir ganz dasselbe, ob ich für mich denke oder mit Ihnen denke, lieber Wanja, oder mit Ihnen spreche, weil Sie eine kindliche Seele haben.«

Bei einer Wendung des Weges öffnete sich ein Blick auf eine grosse Lichtung und auf ihr stand ein Haufen Häuser mit den Türen nach innen; viele dieser Häuser hatten überhaupt keine Fenster oder bloss Fenster im oberen Geschoss, das machte sie Scheunen ähnlich, sie standen, von der Zeit grau geworden, in einen Haufen zusammengedrängt da, ohne dass man eine Strasse gewahrte oder Leute sah, nur das Hundegebell im Kloster begrüsste den bestaubten Wagen, in dem Arina Dmitrijewna und Sascha sassen.

* * * * *

Nach der Messe machten sich Sorokins und Wanja zum Einsiedler Leontij auf, der eine halbe Werst vom Kloster in der Zeidlerei lebte. Als sie durch den schattigen Waldstreifen auf die Lichtung hinaustraten, wo man unter dem hohen Grase und den Blumen einen unsichtbaren Bach in seiner Holzrinne rauschen hören konnte, berichtete Arina Dmitrijewna Wanja über den Einsiedler Leontij:

»Aus der grossrussischen Kirche ist er zur wahren Kirche übergetreten, schon lange, es ist an die dreissig Jahre her und schon damals war er nicht mehr jung. Ein starker Greis, ein Eiferer ist er, vier Jahre stand er vor Gericht, zwei Jahre hat er in Susdalj verbüsst; er ist gross im Fasten und betet mit einem Eifer, wie ein aufgezogenes Uhrwerk! Und alles sieht er voraus . . . Wanja, sagen Sie ihm lieber nicht, dass Sie zur griechisch-orthodoxen Konfession gehören, vielleicht nimmt er Anstoss daran.«

»Aber vielleicht unterweist er mich dann noch besser?«

»Nein, sagen Sie es ihm schon lieber nicht.«

»Gut, gut,« sagte Wanja zerstreut und blickte interessiert zur niederen Hütte hinüber, die von rosenroten Malven umgeben war, und vor der ein grauhaariger Greis mit langem schmalem Barte und lebhaften, fröhlich dreinblickenden Augen sass, der ein weisses Gewand trug und ein Käppchen auf dem Kopfe hatte.

»Wie also der Pope zu mir nach oben kommt, geht er gleich an den Tisch und fängt an, im Evangelium herumzublättern: >Dein Glück, dass es eine erlaubte Ausgabe ist, sonst würde ich sie konfisziert haben, deine Porträts aber und die Handschriften, die nehme ich dir unbedingt weg.< Bei mir hingen nämlich die Bildnisse Semjon Denissows, Peter Filippows und noch einiger anderer an der Wand. Ich war noch nicht alt und stark und sagte: >Das sollte mir grad noch fehlen, dass ich dir erlaubte, die Bilder anzurühren.< Der Diakon war ganz betrunken und meinte bloss stöhnend: >Vater, haltet ein!< Da warf der Pope mich aufs Bett und wollte mich aus einer Unterschale mit Tee begiessen, das sollte dann meine Taufe sein; aber ich wehrte mich und er musste mich loslassen. >Auf Wiedersehen,< sagte er, >wir sprechen uns noch.< Und wie ich hinausging, Sie zu begleiten, da packte er mich am Arm und stiess mich den Abhang hinunter.«

Und der Alte fuhr fort, als sage er eine Lektion auf, zu erzählen, wie er bei den Nekrassowzy in der Türkei gewesen, wie man ihn hatte ermorden wollen, wie über ihn gerichtet wurde, wie er im Klostergefängnis in Susdalj eingesperrt gewesen und wie ihn überall das Kreuz mit den Reliquien gerettet hatte, und er brachte tief gebeugt ein hohles Kreuz aus der Hütte heraus, auf dessen kupferner Fassung eingegraben stand: »Reliquien des heiligen Wundertäters Peter, des Metropoliten von Moskau, der heiligen rechtgläubigen Fürstin Fewronija von Murom, des heiligen Propheten Jonas, des heiligen rechtgläubigen Zarewitsch Dmitrij, unserer heiligen Mutter Maria von Ägypten.«

In der Hütte sah man Heiligenbilder auf den Wandbrettern stehen, das Licht der Lämpchen und der Kerzen schimmerte rötlich, auf dem Fensterbrett und auf dem Tische lagen Bücher, an einer Wand stand eine kahle Holzbank mit einem Scheit am Kopfende. Und der Einsiedler Leontij sprach mit singender Stimme und sah dabei Wanja mit lustigen Augen an, die nicht mit seinen Worten im Einklang standen:

»Sei standhaft im rechten Glauben, mein Sohn, denn was steht höher, denn der rechte Glaube? Er sühnt alle Sünden und führet in die Hallen des ewigen Lichtes. Das ewige Licht aber unseres Herrn Jesus Christus müssen wir lieben über alles in der Welt. Was ist ewig, was ist unvergänglich, wenn es nicht das lichte Paradies, der Seelen Rettung, ist? Lockt dich ein Blümlein -- morgen wird es welken, liebst du einen Menschen -- morgen wird er sterben: die hellen Äuglein verlöschen und fallen ein, die roten Wangen werden gelb, Haare und Zähne wirst du verlieren und du bist ganz der Würmer Beute. Wandelnde Leichen, das sind wir Menschen in dieser Welt.«

»Jetzt wird es ja leichter werden, man wird erlauben, altgläubige Kirchen zu bauen, öffentlichen Gottesdienst zu halten,« versuchte Wanja den Alten abzulenken.

»Jage nicht dem nach, was leicht ist, sondern strebe nach dem, was schwer ist! An dem, was leicht ist, an Freiheit und Reichtum, gehen die Völker zugrunde, aber in schweren Leiden bewahren sie ihren Glauben. Hinterlistig ist des Menschen Feind, geheim sind seine Ränke, und jede Gnade muss man darauf prüfen, woher sie kommen möge.«

»Woher rührt seine Verbitterung?« fragte Wanja, als sie die Zeidlerei verliessen.

»Und sind denn die Menschen schuld daran, dass sie sterben müssen?« stimmte Marja Dmitrijewna ihm bei. »Ich würde das nur noch mehr lieben, was bestimmt wäre, morgen unterzugehen.«

»Lieben kann man alles, man muss nur nicht sein Herz an eins allein hängen, damit es uns nicht verschlinge,« bemerkte Sascha, der die ganze Zeit geschwiegen hatte.

»So ein Philosoph hat uns gerade noch gefehlt,« sagte geringschätzend die Tante.

»Hab ich vielleicht keinen Kopf?«

»Und wie er bloss nicht erkannt hat, dass Sie nicht rechtgläubig sind? Aber vielleicht hat er vorausgesehen, dass Sie noch zum rechten Glauben kommen werden!« sagte Arina Dmitrijewna, Wanja zärtlich ansehend.

Im Zimmer, das nur von einem Lämpchen vor dem Heiligenbilde beleuchtet wurde, war es fast ganz dunkel geworden; durchs Fenster konnte man den sattroten, nach oben zu gelblich abgetönten Abendhimmel sehen, von dem sich der schwarze Forst hinter der Lichtung abhob, und Sascha Sorokin, dessen schwarze Silhouette sich vom Fenster abzeichnete, das im Abendrot leuchtete, fuhr fort:

»Das ist schwer zu vereinigen! Wie einer von den Unsrigen einmal sagte: >Wie soll man nach dem Theater zu Jesus beten? Es ist leichter, jemand totzuschlagen.< Und tatsächlich, morden, stehlen, ehebrechen, das kann man unabhängig vom Glauben, den man hat, aber den >Faust< verstehen und dann mit Überzeugung den Rosenkranz herunterbeten, das ist undenkbar, das hiesse wahrhaftig den Teufel herausfordern. Und wenn der Mensch nicht sündigt und die Gebote hält, aber von ihrer Notwendigkeit und Heilsamkeit nicht überzeugt ist, so ist das schlimmer, als wenn er sie nicht hielte, aber glaubte. Und wie soll man glauben, wenn man keinen Glauben hat? Wie soll man nicht wissen, was man weiss, vergessen, woran man sich erinnert? Und da darf man nicht urteilen: dies ist weise und ich werde es erfüllen, und jenes sind Nichtigkeiten: wer heisst uns so zu urteilen? Solange die Kirche sie nicht aufgehoben hat, müssen wir alle ihre Vorschriften befolgen, und müssen die weltlichen Künste meiden, dürfen uns nicht von Ärzten behandeln lassen, die einen anderen Glauben haben, müssen alle Fasten halten. Den alten orthodoxen Glauben können nur die Einsiedler im Walde halten; weshalb aber soll ich mich als das bezeichnen, was ich nicht bin, und was zu sein ich nicht für nötig halte? Und wie kann ich glauben, dass nur unser Häuflein gerettet werden wird, und dass die ganze Welt in Sünden versunken ist? Und wenn ich das nicht glaube, wie kann man mich dann einen Altgläubigen nennen? So ist es auch hart, einen Glauben, eine Lebensauffassung, die keine anderen dulden, anzunehmen, und wenn man sie alle zugleich begreift, kann man in keinem rechtgläubig sein.«

Saschas Stimme verstummte, wurde aber wieder laut, als Wanja, der auf dem Bette lag, aus der Dunkelheit keine Antwort gab.

»Ihnen, dem Abseitsstehenden, wird unser Leben, unser Glaube, unser Ritus verständlicher, deutlicher sichtbar sein, als uns selbst, und auch unsere Leute werden Sie verstehen können, aber Sie werden von ihnen nicht verstanden werden, oder Papa und unsere Ältesten werden bloss einen Teil und zwar nicht den wichtigsten begreifen und Sie würden ihnen immer ein Fremder, ein Aussenstehender bleiben. Dabei lässt sich nichts machen! Wie ich selbst Sie auch lieben und achten möge, lieber Wanja, ich fühle dennoch, dass etwas in Ihnen ist, was mich bedrückt, mich befangen macht. Und unsere Väter haben, wie unsere Grossväter auch, ein anderes Leben geführt, anders gedacht und anderes gewusst, und wir selbst können noch nicht einmal ihnen gleich werden, -- in irgendeinem Punkte macht sich doch schliesslich der Unterschied bemerkbar, und der Wunsch allein ändert nichts an der Sache.«

Saschas Stimme war wieder verstummt und lange Zeit hörte man nur den Gesang, der weit, weit her durch die offenstehenden Türen des Bethauses herüberdrang.

»Wie macht es denn Marja Dmitrijewna?«

»Wieso Marja Dmitrijewna?«

»Wie denkt denn sie darüber, wie wird sie damit fertig?«

»Wer weiss, wie sie's macht; sie betet viel und grämt sich um ihren Mann.«

»Ist ihr Mann schon lange tot?«

»Schon lange, an die acht Jahre, ich war noch ein ganz kleiner Junge.«

»Sie ist eine prächtige Frau.«

»Na ja, aber allzu viel begreift auch sie nicht,« meinte Sascha, das Fenster schliessend.

* * * * *

Vor der Pforte machte noch ein Wagen mit Gästen halt; Arina Dmitrijewna, die sich fast gar nicht an den Tisch gesetzt hatte, lief hinaus, sie zu empfangen und man hörte im Stiegenhause Rufe und das Geräusch von Küssen. Im Saal, in dem zehn Männer beim Mittag sassen, war es heiss und geräuschvoll; die barfüssige Frosja, die Malanja zur Aushilfe genommen war, lief immer wieder mit einem grossen Glaskrug in den Keller und brachte ihn mit schäumendem Kwass gefüllt zurück. Im Zimmer, wo die Frauen Mittag assen, sass Marja Dmitrijewna auf dem Platze der Hausfrau, die von Tische zu Tische ging, um die Gäste zum Essen zu nötigen, in die Küche lief und die immer wieder vorfahrenden Gäste empfing, neben ihr sassen Anna Nikolajewna und Nata, weiter die fünf anderen Frauen, die sich mit bereits feuchten Taschentüchern den Schweiss vom Gesichte wischten, während immer noch eine Schüssel nach der anderen aufgetragen wurde, man trank Madeira und Naliwka, den zu Hause bereiteten Beerenlikör. Die Fliegen krochen in die geleerten Gläser, sassen in ganzen Haufen an den weissgetünchten Wänden und auf dem mit Brotkrumen besäten Tischtuche. Die Männer hatten die Röcke ausgezogen und sassen stumpf und laut lachend, plaudernd und rülpsend mit unter der Weste hervorgezogenen bunten Hemden um den Tisch.

Die brennenden Lämpchen vor den Heiligenbildern glänzten in der Sonne, die zur offenen Tür durch den gläsernen Prunkschrank in den Saal hineinschien und auch die gestrichenen Käfige im Nebenzimmer beleuchtete, in denen die Kanarienvögel, durch den allgemeinen Lärm erregt, schmetternd sangen. Immerfort mussten die Hunde hinausgetrieben werden, die sich vom Hofe hereinstahlen und die von Frosjas nacktem Fuss für einen Augenblick aufgesperrte, mit Gegengewichten versehene Tür schlug kreischend zu; es roch nach Himbeeren, Pirogen, Wein und Schweiss.

»Nun, sagen Sie selbst, ich schreibe ihm vor, mir telegraphisch nach Samara zu antworten und er lässt keine Silbe von sich hören.«

»Zuerst muss man es mit Spiritus übergossen in den Keller stellen, dann am folgenden Tage mit Eichenrinde abkochen -- es ist dann äusserst schmackhaft.«

»Am Himmelfahrtstage hielt der Priester Wassilij in Gromowo eine famose Predigt: >Selig sind die Friedfertigen, deshalb lasst euch das Armenhaus in Tschubykino gefallen, erlasst dem Kurator seine Schulden und verlangt keinen Rechenschaftsbericht!< einfach zum Lachen . . .!«

»Ich sage 35 Rubel und er bietet mir 15 . . .«

»Himmelblau, ganz himmelblau und rosa gemustert,« klang es aus dem Zimmer, wo die Frauen sassen, herüber.

»Auf Ihr Wohl! Arina Dmitrijewna, auf Ihr Wohl!« riefen die Männer der Hausfrau zu, die in die Küche eilte.

Mit einemmal wurden die Stühle gerückt und alle begannen sich schweigend in der Richtung des Heiligenbildes zu bekreuzigen, das in einer Ecke des Zimmers hing; Frosja schleppte schon den Samowar heran, und Arina Dmitrijewna schärfte den Gästen ein, vor dem Tee nicht zu weit in den Garten hinauszugehen.

»Gefällt dir denn dieses Leben wirklich?« fragte Nata Wanja, der gekommen war, sie über den Hof zu begleiten, wo die Sorokinschen Kettenhunde frei umherliefen.

»Nein, aber es könnte noch schlimmer sein.«

»Selten,« bemerkte Anna Nikolajewna, die das Gartenpförtchen wieder öffnete, um den eingeklemmten Saum ihres grauseidenen Kleides freizumachen.

* * * * *

»Setzen wir uns hierher, Nata, ich möchte mit dir sprechen.«

»Setzen wir uns. Wovon willst du denn sprechen?« sagte das Mädchen und liess sich neben Wanja auf die Bank im Schatten der hohen Birke nieder. Die etwas abseits stehende Kirche wurde renoviert und durch die offenen Türen schallte der Kirchengesang der Maler herüber, denen der Priester bei der Arbeit im Innern der Kirche verboten hatte weltliche Lieder zu singen. Man konnte die Kirchenpforte hinter den Spiräagebüschen nicht sehen, hörte aber in der Abendluft deutlich jedes Wort: in weiter Ferne brüllte eine Herde auf dem Heimwege.

»Worüber wolltest du denn mit mir sprechen?«

»Ich weiss nicht; vielleicht wird es dir schwer fallen oder unangenehm sein, dich daran zu erinnern.«

»Du willst wohl von dieser unglücklichen Geschichte sprechen?« fragte Nata nach einer Pause.

»Ja, wenn du sie mir auch nur ein wenig erklären kannst, dann tu es bitte.«

»Du täuschest dich, wenn du glaubst, dass ich mehr weiss, als alle anderen; ich weiss nur, dass Ida Holberg sich selbst erschossen hat, aber nicht einmal die Beweggründe zu ihrer Tat sind mir bekannt.«

»Du warst doch zu jener Zeit dort?«

»Ich war dort, obgleich es nicht eine halbe Stunde vorher war, sondern vielleicht zehn Minuten, von denen ich sieben im leeren Vorzimmer wartete.«

»Hat sie sich in deiner Gegenwart erschossen?«

»Nein, der Schuss war es ja gerade, der mich veranlasste das Arbeitszimmer zu betreten . . .«

»Und sie war schon tot?«

Nata nickte stumm mit dem Kopfe die Bestätigung.

Die Maler in der Kirche stimmten den Gesang: >Herr Gott, erhör mein Rufen< an.

»Lass mich los, Teufel! Was machst du? Lass mich!«

»Ah!« schrie eine Entrüstung heuchelnde Weiberstimme in der Kirchenvorhalle, während ihr unsichtbarer Partner es vorzog sein Werk schweigend fortzusetzen.

»Ah!« kreischte die Stimme noch lauter, wie die eines Ertrinkenden und die Spiräagebüsche begannen an einer Stelle heftig zu schwanken, obgleich es windstill war.

». . . das Abendopfer!« schlossen versöhnlich die Sänger in der Kirche.

»Auf dem Tische stand eine Karaffe oder ein Siphon, etwas aus Glas, eine Flasche Kognak, ein Mensch in rotem Hemde sass auf dem Lederdiwan und machte sich am selben Tisch zu schaffen, Stroop selbst stand rechts, Ida sass am Schreibtische, den Kopf auf die Stuhllehne zurückgeworfen . . .«

»Sie lebte schon nicht mehr?«

»Ja, ich glaube, sie war tot. Als ich eintrat, sagte Stroop zu mir: >Weshalb sind Sie hier? Um Ihres Glückes, um Ihrer Ruhe willen, gehen Sie fort! Gehen Sie, bitte, augenblicklich fort!< Der Mensch auf dem Diwan erhob sich und ich sah, dass er ohne Gürtel und sehr hübsch war; sein Gesicht war rot und glühte und das Haar kräuselte sich; er schien mir betrunken zu sein. Und Stroop sagte zu ihm: >Fjodor, lassen Sie die Dame hinaus<.«

»Dein Wille geschehe,« sangen die Maler in der Kirche; die Stimmen im Spiräagebüsch klangen, jetzt schon versöhnt, leise murmelnd herüber; die Frau schien zu weinen.

»Dennoch ist es schrecklich!« sagte Wanja.

»Schrecklich!« wiederholte Nata, wie ein Echo: »Und für mich um so mehr: ich habe diesen Menschen so geliebt!« und sie brach in Tränen aus.

Wanja blickte feindselig auf dieses plötzlich gealterte, aufgedunsene Mädchen mit dem gedrungenen Munde, den Sommersprossen, die sich jetzt zu grossen braunen Flecken verschmolzen hatten, und mit den zerzausten roten Haaren, und sagte:

»Hast du denn Larion Dmitrijewitsch geliebt?«

Sie nickte stumm mit dem Kopfe und begann nach einigem Schweigen ungewöhnlich freundlich:

»Du korrespondierst jetzt nicht mit ihm, Wanja?«

»Nein, ich kenne nicht einmal seine Adresse, er hat doch seine Petersburger Wohnung aufgegeben.«

»Seine Adresse kann man doch finden.«

»Und was wäre, wenn ich mit ihm korrespondierte?«

»Nein, nichts, ich fragte nur so.«

Aus den Gebüschen kam ein junger Mann in einer Jacke, die Mütze auf dem Kopfe, hervor, und als er, an Wanja vorübergehend, diesen grüsste, erkannte er, dass es Sergej war.

»Wer ist das?« fragte Nata.

»Der Kommis von Sorokins.«

»Das ist wohl der Held des Romans, der sich eben abspielte,« setzte Nata mit frechem Lächeln hinzu.

»Welches Romans?«

»Vor der Kirche, hast du denn nichts gehört?«

»Ich habe Weiber kreischen gehört, aber was geht das mich an?«

* * * * *

Wanja wäre fast auf einen Menschen draufgerannt, der am schattigen Flussufer mit den Armen unter dem Kopfe schlafend lag. Er trug einen weissen Anzug und die Sommeruniformsmütze, die er sich aufs Gesicht gelegt hatte, war heruntergerutscht. Wanja war nicht wenig erstaunt, an der Glatze, der aufgestülpten Nase, dem schütteren roten Bärtchen und der ganz kleinen Gestalt seinen griechischen Lehrer zu erkennen.

»Sind Sie denn hier, Daniil Iwanowitsch?« fragte Wanja, der vor Staunen vergass, ihn zu begrüssen.

»Wie Sie sehen! Aber was wundert Sie denn dabei so, wo Sie doch selbst aus Petersburg hierher gekommen sind?«

»Wie bin ich Ihnen denn nicht früher begegnet?«

»Das ist ganz erklärlich, wo ich doch erst gestern angekommen bin. Leben Sie mit Ihrer Familie hier?« fragte der Grieche, der sich endgültig aufgerichtet hatte und seine Glatze mit einem rotgeränderten Taschentuche abtrocknete: »Setzen Sie sich her, es ist hier schattig und der Wind weht kühl.«

»Ja, meine Tante und meine Cousine sind auch hier, aber ich lebe nicht bei ihnen, sondern bei Sorokins, Sie haben vielleicht von ihnen gehört?«

»Ich habe einstweilen noch nicht das Glück gehabt. Aber hier ist es nicht übel, durchaus nicht übel: die Wolga, die Gärten und alles Weitere.«

»Und wo ist denn Ihr Katerchen und die Drossel, haben Sie die auch mitgenommen?«

»Nein, ich werde eine weitere Reise machen.«

Und er begann mit Begeisterung zu erzählen, wie er ganz unerwartet eine kleine Erbschaft gemacht und Urlaub genommen habe, um seinen langgehegten Traum zu verwirklichen: nach Athen, Alexandria, Rom zu reisen. In Erwartung des Herbstes, wenn es weniger heiss für eine Reise im Süden sein werde, sei er mit einem kleinen Handkoffer und drei, vier Lieblingsbüchern an die Wolga gegangen, um haltzumachen, wo es ihm gerade gefalle.

»Jetzt werden in Rom, Pompeji, in Asien interessante Ausgrabungen gemacht und man hat dort neue literarische Erzeugnisse der Alten gefunden.« Und der Grieche sprach lange mit glänzenden Augen, die Mütze wieder ins Gras werfend, von seinen Träumen, Plänen, Genüssen, und Wanja blickte traurig in das strahlende lebenbewegte hässliche Gesicht des kleinen kahlköpfigen Lehrers.

»Ja, das alles ist interessant, sehr interessant,« murmelte er träumerisch vor sich hin, als jener seinen Bericht schloss und eine Zigarette anrauchte.

»Sie bleiben bis zum Herbste hier?« fragte plötzlich Daniil Iwanowitsch.

»Wahrscheinlich. Ich will nach Nishni zur Messe,« gestand Wanja, als schäme er sich der Nichtigkeit seiner Pläne.

»Sind Sie zufrieden? Sind diese Sorokins interessante Leute?«

»Sie sind ganz einfache, aber gute und treuherzige Menschen,« antwortete Wanja und dachte mit Feindseligkeit an sie, die ihm plötzlich so fremd geworden waren. »Ich habe es langweilig, sehr langweilig! Wissen Sie, es gibt niemand, der einen mit seiner Begeisterung anstecken könnte, oder auch nur fähig wäre einen bloss zu verstehen, die geringste Bewegung der Seele zu teilen,« entrang es sich plötzlich Wanja, »hier nicht und vielleicht auch in Petersburg nicht.«

Der Grieche schaute ihn scharf an.

»Smurow,« begann er etwas feierlich. »Sie haben einen Freund, der befähigt ist die höchsten Wallungen des Geistes zu schätzen, und bei dem Sie immer Sympathie und Liebe finden können.«

»Ich danke Ihnen, Daniil Iwanowitsch,« sagte Wanja, dem Griechen die Hand hinstreckend.

»Keine Ursache,« antwortete der, »um so weniger als ich eigentlich nicht von mir sprach.«

»Von wem sprachen Sie denn?«

»Von Larion Dmitrijewitsch.«

»Von Stroop?«

»Ja, . . . warten Sie, unterbrechen Sie mich nicht. Ich kenne Larion Dmitrijewitsch ausgezeichnet, ich habe ihn nach jenem unglücklichen Vorfall gesehen und ich bezeuge Ihnen, dass er daran ebensoviel Schuld trägt, wie etwa Sie, wenn ich mich zum Beispiel in den Fluss stürzen wollte, weil Sie blondes Haar haben. Natürlich ist es Larion Dmitrijewitsch höchst gleichgültig, was man über ihn spricht, aber er drückte mir sein Bedauern darüber aus, dass einige ihm teure Menschen ihre Meinung über ihn ändern könnten und unter anderen nannte er auch Sie. Behalten Sie das im Auge, sowie auch, dass er eben in München im Hotel >Zu den vier Jahreszeiten< lebt.«

»Ich verurteile Stroop nicht, aber seine Adresse brauche ich auch nicht, und wenn Sie hierher gekommen sind, um mir dies mitzuteilen, so haben Sie sich umsonst bemüht.«