Geschichten

Part 11

Chapter 113,655 wordsPublic domain

»Denk nur, Wanja, wie sonderbar das ist: ein fremder Mensch, ein ganz fremder Mensch, andere Beine hat er und andere Haut und andere Augen, und doch ist er ganz dein Eigen, ganz, ganz. Überall kannst du ihn betrachten, küssen, berühren; und jedes Fleckchen auf seinem Körper, wo es auch sein möge, und die goldenen Härchen, die auf den Armen wachsen, und jede Furche, jede Vertiefung der Haut, die über alles Mass geliebt hat, es ist alles dein. Und du kennst alles: wie er geht, wie er isst, wie er schläft, wie sich die Fältchen in seinem Gesicht verziehen, wenn er lächelt, wie er denkt, weisst du und wie sein Körper riecht. Und dann kommt es über dich, dass du glaubst, du bist nicht mehr du selbst, sondern es ist, als wärest du und er ein und dasselbe: mit deinem Fleische, mit deiner Haut pressest du dich an ihn, und wenn dann die Liebe in dir ist, Wanja, dann gibt es kein grösseres Glück auf Erden; aber ohne Liebe ist es unerträglich, unerträglich. Und ich sage dir, Wanja, es ist leichter, liebend nicht zu besitzen, als besitzen ohne Liebe! Die Ehe, die Ehe: nicht das ist ein Sakrament, was der Priester einsegnet, und wenn dann Kinder kommen: die Katze da, die wirft viermal im Jahre; aber wenn die Seele in Verlangen entbrennt sich einem andern hinzugeben und ihn ganz zu nehmen, und sei es nur für eine Woche, nur für einen Tag, und wenn bei beiden die Seele in Flammen loht, dann ist's ein Zeichen, dass Gott sie vereint hat. Sünde ist es mit kaltem Herzen oder aus Berechnung nehmen oder sich hingeben, wen aber der feurige Finger berührt hat, der bleibt rein vor dem Herrn, was er auch tun möge. Was er auch getan haben möge, wen der Geist feuriger Liebe berührt hat, alles wird ihm vergeben werden, denn er ist dann schon nicht mehr Herr seiner selbst, der Geist erfüllt ihn, er handelt in Verzückung . . .«

Und Marja Dmitrijewna war erregt aufgestanden, ging bis zum nächsten Apfelbaum, und kam zurück und liess sich wieder auf der Bank neben Wanja nieder, von wo aus man einen Teil der Wolga, unendliche Wälder auf dem anderen Ufer und weit nach rechts eine weisse Dorfkirche jenseits des Flusses sehen konnte.

»Es ist schrecklich, Wanja, wenn die Liebe uns berührt; freudig und doch schrecklich; als flöge man, ist es, und fiele immer tiefer, oder als stürbe man, wie man das zu träumen pflegt; und dann sieht man immer nur eins, das, was im Gesicht des Geliebten uns traf: ob's nun die Augen sind oder die Haare oder sein Gang. Und es ist doch sonderbar: man sieht das Gesicht -- was ist denn Besonderes darin? Eine Nase in der Mitte, ein Mund, zwei Augen. Was erregt uns denn so, was fesselt uns in diesem Gesicht? Und man sieht doch viele Gesichter, und hübsche darunter, man hat seine Freude daran, wie an einer Blume oder an einem Stück Brokatstoff, und ein anderes Gesicht ist gar nicht hübsch und doch dreht's uns die Seele im Leibe um, und nicht allen, nein, nur dir allein und nur dieses Gesicht: woher kommt das? Und noch eins,« setzte die Sprecherin zögernd hinzu, »Männer lieben Weiber und Weiber lieben Männer, man sagt es kommt vor, dass auch Weiber Weiber lieben und Männer Männer, man sagt es soll vorkommen, ich habe selbst in den Legenden der Heiligen davon gelesen: von der heiligen Jewgenia, von den heiligen Nifont, Pawnutj Borowski; dann auch vom Zaren Iwan Wassiljewitsch, dem Grausen. Ja, und es ist auch nicht schwer daran zu glauben, kann denn nicht Gott auch diesen Stachel in das Menschenherz drücken? Und es ist schwer, Wanja, gegen das zu kämpfen, was in uns gelegt ist, und es ist vielleicht auch Sünde.«

Die Sonne war fast schon hinter dem fernen zackigen Forst verschwunden und der an drei Windungen sichtbare Spiegel der Wolga leuchtete in Gelb und rosigem Golde auf. Marja Dmitrijewna blickte stumm zu den dunklen Wäldern am anderen Ufer und zum verblassenden Abendrot am Himmel hinüber; auch Wanja schwieg, den Mund halb geschlossen, als fahre er fort, Marja Dmitrijewna mit seinem ganzen Wesen zu lauschen, dann sagte er plötzlich halb traurig und halb verurteilend:

»Aber es kommt doch vor, dass die Menschen auch so sündigen: aus Neugier oder aus Stolz, aus Eigennutz.«

»Ja, es kommt vor, was kommt nicht alles vor! Das ist dann ihre Sünde,« gestand Marja Dmitrijewna gedrückt, ohne ihre Stellung zu ändern, und ohne sich Wanja zuzuwenden, »aber die, denen es eingegeben ist, die haben es schwer, ach Wanja, so schwer! Ich murre nicht; anderen mag ja das Leben leichter werden, aber es ist ohne Zweck, wie Suppe ohne Salz: sättigend, aber nicht schmackhaft.«

* * * * *

Nachdem man zuerst in den Wohnzimmern, auf der Veranda, im Flur, auf dem Hofe unter den Apfelbäumen das Mittagessen hatte decken lassen, setzte man sich jetzt im Keller zu Tische. Im Keller war es dunkel, es roch nach Malz, Kohl und ein wenig auch nach Mäusen, aber es hiess, dass es hier nicht so heiss sei, und dass es keine Fliegen gäbe; der Tisch wurde gerade vor die Tür gestellt, um mehr Licht zu haben, und wenn Malanja, die fast im Laufschritt mit den Speisen über den Hof daherkam, vor der Kellertür stehenblieb, um im Dunkeln die Stufen hinunterzusteigen, wurde es noch finsterer und die Köchin unterliess es niemals zu knurren: »Das ist aber eine Finsternis, Gott verzeih's! Sag nun ein Mensch, was sie sich ausdenken, wohin sie sich verkrochen haben!« Mitunter, wenn es zu lange dauerte, lief der kraushaarige Sergej, der Gehilfe aus dem Laden, welcher zusammen mit Iwan Ossipowitsch zu Hause ass, das Essen holen; und wenn er dann die Speisen über den Hof trug und die Schüssel mit beiden Händen hoch emporhob, trottete auch die Köchin, einen Löffel oder eine Gabel in der Hand, hinter ihm her und schrie: »Ja, was soll denn das, als ob ich das Essen nicht selbst bringen könnte?! Wozu war es nötig, Sergej zu jagen? Ich hätte es ja bald gebracht . . .«

»Sie hätten es bald gebracht und ich bringe es gleich,« parierte Sergej, der selbstzufrieden mit dem Geschirr klappernd, die Schüssel vor Arina Dmitrijewna hinstellte und sich auf seinen Platz zwischen Iwan Ossipowitsch und Sascha setzte.

»Und wozu hat nur Gott eine solche Hitze erdacht?« forschte Sergej. »Niemand braucht sie: das Wasser trocknet aus, die Bäume verdorren, -- alle haben es schwer . . .«

»Die Felder brauchen die Hitze.«

»Und auch den Feldern bringt Hitze zu unrechter Zeit und ohne Mass keinen rechten Nutzen. Aber ob nun zu rechter Zeit oder nicht, alles ist von Gott gesandt.«

»Wenn's nicht zur rechten Zeit ist, dann ist es eben eine Prüfung für Sünden.«

»Da aber wurde bei uns«, mischte sich Iwan Ossipowitsch in die Unterhaltung, »ein Greis vom Hitzschlage getroffen, der niemand gekränkt hatte und gerade auf der Pilgerfahrt war, und doch hat ihn der Hitzschlag getötet. Wie soll man denn das deuten?«

Sergej triumphierte schweigend.

»So hat er eben für andre, nicht für seine eigenen Sünden gebüsst,« entschied Prochor Nikititsch mit nicht ganz überzeugtem Ton.

»Wie ist denn das? Andre werden saufen und sich herumtreiben und der Herr wird, statt ihrer, schuldlose Greise totschlagen?«

»Oder -- entschuldigen Sie den Vergleich -- Sie zahlten Ihre Schulden nicht und mich würde man ins Loch stecken an Ihrer Statt; wäre das denn gut?« bemerkte Sergej.

»Iss lieber deine Suppe, statt dummes Zeug zu schwatzen, warum und wozu! Selbst lebst du wozu? Du denkst von der Hitze, dass sie zu nichts da sei, und sie denkt vielleicht von dir, dass du, Sergej, zu nichts da bist.«

Nachdem man sich gesättigt hatte, trank man lange und schwerfällig Tee mit Äpfeln oder Eingemachtem. Sergej fing wieder an zu räsonieren.

»Oft ist es sehr beschwerlich, zu begreifen, wie was verstanden werden muss; nehmen wir ein Beispiel: ein Soldat tötet einen Menschen und ich töte einen Menschen; er bekommt das Georgskreuz dafür und mich schickt man nach Sibirien, -- weshalb ist das so?«

»Wo sollst du das verstehen? Ich frage aber: es lebt ein Mann mit seiner Frau und ein Junggeselle hat ein Verhältnis mit einem Weibsbilde; mancher wird sagen, das ist ganz dasselbe, und ist doch ein grosser Unterschied. Worin besteht aber dieser Unterschied?«

»Das weiss ich nicht,« meinte Sergej aufhorchend.

»Stellen wir uns vor: der erste Fall,« sagte Prochor Nikititsch, als suche er nicht nur nach Worten, sondern auch nach Gedanken, »-- der erste Fall: der Verheiratete hat nur mit seinem Weibe zu schaffen, das ist eins; das andere ist, dass sie still, friedlich miteinander leben, sich aneinander gewöhnt haben, und der Mann liebt seine Frau genau so, wie er seine Grütze isst und seine Leute schilt, jene aber haben nur Dummheiten im Kopfe, nur hi-hi und ha-ha, weder Beständigkeit noch Anstand; deshalb ist das eine Gesetz und das andere Sünde. Nicht in der Handlung liegt die Sünde, sondern in der Anwendung, das heisst, welche Verwendung eine Handlung findet.«

»Erlauben Sie, aber es kommt doch vor, dass auch ein Ehemann seine Gattin mit Beben des Herzens anbetet, und ein anderer hat sich an seine Geliebte so gewöhnt, dass es ihm einerlei ist, ob er sie küsst oder eine Mücke zerdrückt: wo soll man denn da unterscheiden, was Gesetz ist und was Sünde?«

»So etwas ohne Liebe zu tun ist nichts anderes, als unrein,« warf Marja Dmitrijewna plötzlich dazwischen.

»Du sagst da >unrein<, aber es genügt nicht, ein Wort zu wissen, man muss auch seine Kraft kennen. Es steht geschrieben: >unrein< ist ein Götzenopfer; Hasen essen zum Beispiel ist >unrein<; jenes aber ist Sünde!«

»Nun hört ihr bald auf mit euren Gesprächen! Das gehört nicht vor Knabenohren,« rief Arina Dmitrijewna.

»Nun, was ist denn dabei, sie können das schon selbst verstehen. Nicht wahr, Iwan Petrowitsch?« wandte sich der alte Sorokin an Wanja.

»Was das?« fuhr der auf.

»Wie denken Sie über das alles?«

»Wissen Sie, es ist sehr schwer, über fremde Angelegenheiten zu urteilen.«

»Da haben Sie die Wahrheit gesagt, lieber Wanja,« freute sich Arina Dmitrijewna, »und urteilen Sie auch niemals darüber: es steht auch geschrieben: >Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet<.«

»Nun, es gibt Leute, die richten nicht und werden doch gerichtet,« warf Sorokin hin und erhob sich vom Tische.

* * * * *

Auf der Anlegestelle und auf dem Dampferstege waren nur die Hökerinnen zurückgeblieben, die Semmeln, Fische, Himbeeren und saure Gurken feil hatten; die Lastträger in bunten Hemden standen ans Geländer gelehnt und spien ins Wasser, und Arina Dmitrijewna, die den alten Sorokin auf den Dampfer begleitet hatte, setzte sich neben Marja Dmitrijewna in der breiten Jagddroschke zurecht.

»Wie haben wir nur die Kuchen vergessen können, Marja? Prochor Nikititsch liebt sie so zum Tee.«

»Ich habe sie ja an die sichtbarste Stelle gelegt und hernach ist's doch zu nichts nütze gewesen.«

»Du hättest doch daran erinnern können, Parfjon!«

»Wie sollte ich denn? Wenn Sie sie irgendwo draussen vergessen hätten, würde ich schon gerufen haben, aber in die Zimmer bin ich doch nicht hineingegangen,« rechtfertigte sich der alte Arbeiter.

»Iwan Petrowitsch, Sascha! Wohin geht ihr denn?« rief Arina Dmitrijewna den jungen Leuten zu, die schon die Höhe hinaufzusteigen begannen.

»Wir gehen zu Fuss, Mamachen, auf dem Fusswege kommen wir noch früher an als ihr.«

»Nun, geht, geht, habt ja junge Füsse. Aber fahren Sie nicht lieber, Iwan Petrowitsch?« wollte sie Wanja überreden.

»Nein, es macht nichts, wir gehen zu Fuss, danke schön,« rief der von oben herüber.

»Da ist der Ljubimowsche Dampfer angekommen,« bemerkte Sascha, seine Mütze abnehmend, und wandte sein etwas beschwitztes, gerötetes Gesicht dem Winde zu.

»Ist Prochor Nikititsch für lange fortgefahren?«

»Nein, er bleibt nicht länger, als bis zum Peterstage an der Unsha, da gibt's nicht viel zu tun, man muss bloss nach dem Stande der Arbeit sehen.«

»Fahren Sie denn niemals mit Ihrem Vater mit, Sascha?«

»Ich fahre fast jedesmal mit ihm, nur weil Sie bei uns zu Gaste sind, bin ich dieses Mal nicht mitgefahren.«

»Weshalb sind Sie denn nicht gefahren? Weshalb lassen Sie sich durch mich stören?«

Sascha stülpte wieder die Mütze auf sein nach allen Seiten auseinandergewehtes, schwarzes Haar und meinte lächelnd:

»Das ist ja gar keine Störung, lieber Wanja, ich bin sehr froh, mit Ihnen sein zu können. Natürlich, wenn ich nur mit Mama und Tante allein zu Hause geblieben wäre, würde ich mich gelangweilt haben, so aber bin ich sehr froh«; nach einigem Schweigen fuhr er, wie im Nachdenken fort: »ich bin doch häufig an der Unsha, Wetluga, Moskwa und seh' doch nichts, ausser meinem Geschäft, wie ein Blinder! Überall nur Wald, und von Holz und über Holz: wieviel es kostet und was die Abfuhr zu stehen kommen wird, und wieviel Bretter sich herausschneiden lassen und wieviel Balken -- das ist alles! Papachen ist nun einmal schon so veranlagt und erzieht mich ebenso. Und wohin wir auch kommen, gleich geht's zu den Waldhändlern, in die Teehäuser und überall ein und dasselbe Gespräch. Das ist langweilig, wissen Sie! In der Art, wie zum Beispiel ein Baumeister, der immerfort nur Kirchen baute, und nicht einmal ganze Kirchen, sondern nur die Gesimse an den Kirchen; und er würde die ganze Welt durchwandern und sähe nur Kirchengesimse, ohne die verschiedenartigen Menschen zu bemerken, ohne die Bäume und die Blumen dieser Gegenden zu gewahren -- nichts würde er gesehen haben, nur seine Gesimse. Der Mensch muss wie ein Fluss sein, oder wie ein Spiegel -- was sich in ihm spiegelt, das muss er auch aufnehmen; dann werden in ihm auch, wie in der Wolga, Sonne und Wolken sein, Wälder und hohe Berge, und Städte mit Kirchen, -- für alles muss man das gleiche Interesse haben, dann vereinigt man auch alles in sich. Wenn aber den Menschen nur eins erfasst, den verschlingt es auch, am meisten der Eigennutz oder auch noch das Göttliche.«

»Das heisst, was meinen Sie mit dem Göttlichen?«

»Nun, sagen wir, die kirchlichen Fragen. Wer immer nur an sie denkt und über sie liest, der kann kaum etwas anderes verstehen.«

»Wieso denn? Es gibt doch sogar Bischöfe, die Weltliches nicht scheuen, selbst unter Ihren Glaubensgenossen, zum Beispiel Erzbischof Inokentij.«

»Natürlich gibt es solche, und wissen Sie, meiner Meinung nach, tun sie nicht recht daran: man kann nicht guter Offizier und Kaufmann sein, nicht alles gleich gut verstehen. Deshalb beneide ich Sie auch von ganzer Seele, Wanja, weil niemand aus Ihnen nur eins machen will, sondern, dass Sie alles wissen und alles verstehen, nicht, wie zum Beispiel ich, und doch sind Sie nicht älter, als ich.«

»Nun, wo weiss ich denn alles, im Gymnasium lernen wir ja nichts!«

»Immerhin ist es besser, nichts zu wissen, als nur das eine zu wissen, dass man alles begreifen kann.«

Unten wurde das dumpfe Rollen von Wagenrädern vernehmlich und weit in der Ferne hörte man über dem Wasser laut schimpfen und das Plätschern von Rudern.

»Die Unsrigen kommen lange nicht.«

»Sie sind wohl zu Loginow angefahren,« bemerkte Sascha und setzte sich neben Smurow ins Gras.

»Sind wir denn im gleichen Alter?« fragte der, zur Wolga hinüberblickend, wo Wolkenschatten über die Wiesen glitten.

»Gewiss, wir sind fast im selben Monat geboren, ich habe Larion Dmitrijewitsch gefragt.«

»Kennen Sie eigentlich Larion Dmitrijewitsch gut, Sascha?«

»Nicht allzu gut; wir haben uns ja erst vor kurzer Zeit kennen gelernt; und er ist auch nicht ein Mensch, den man auf den ersten Blick kennen lernt.«

»Haben Sie gehört, was für eine Geschichte ihm passiert ist.«

»Ich habe davon gehört, ich war damals noch in Petersburg; aber ich glaube nur, dass das alles nicht wahr ist.«

»Was ist nicht wahr?«

»Dass dieses Fräulein sich nicht selbst das Leben genommen hat. Ich habe das Fräulein einmal gesehen. Larion Dmitrijewitsch zeigte sie mir einmal im Garten: so eine Sonderbare. Ich sagte Larion Dmitrijewitsch schon damals: >denken Sie an mein Wort, dieses Fräulein nimmt kein gutes Ende.< Sie war, als sei sie nicht von dieser Welt.«

»Larion Dmitrijewitsch braucht sie ja gar nicht erschossen zu haben, kann aber doch der Urheber ihres Selbstmordes sein.«

»Nein, lieber Wanja, wenn sich jemand um etwas kränkt, was ihn nicht angeht und er legt Hand an sich, daran trägt niemand die Schuld daran.«

»Aber legen Sie Stroop das zur Last, weswegen sich Ida Holberg erschossen hat?«

»Weswegen hat sie sich denn erschossen?«

»Ich glaube, Sie wissen das selbst?«

»Wegen Fjodor?«

»Mir scheint es so,« antwortete Wanja verlegen.

Sorokin schwieg lange, und als Wanja die Augen aufschlug, sah er, dass jener ganz gleichgültig, ja, ärgerlich auf die Strasse hinunterblickte, wo jetzt der Wagen mit Parfjon sichtbar wurde.

»Weshalb antworten Sie nicht, Sascha?«

Der warf einen flüchtigen Blick auf Wanja und sagte geärgert und einfach:

»Fjodor ist ein simpler Bursche, ein Bauernjunge, hat es einen Sinn, sich seinetwegen zu erschiessen? In solchem Falle dürfte Larion Dmitrijewitsch weder einen Kutscher für seine Pferde, noch einen Portier für seine Tür halten und nicht zum Arzte gehen, wenn er Zahnschmerzen hat. Damit es keinen Fjodor gäbe, müsste . . . . .«

»Wartet ihr uns schon?« rief Arina Dmitrijewna, aus der Droschke steigend, während Parfjon und Marja Dmitrijewna die Säcke und Beutel aus dem Wagen herausholten und der schwarze Hofhund sie bellend umsprang.

* * * * *

Am Peterstage wollte man in ein altgläubiges Kloster fahren, das etwa vierzig Werst jenseits der Wolga lag, um an einem so hohen Feiertage den Gottesdienst mit einem Priester zu hören und Anna Nikanorowna, eine entfernte Verwandte von Sorokins, besuchen, die in der Klosterzeidlerei lebte; nach Tscheremschany zu fahren, wo die Töchter Prochor Nikititschs lebten, verschob man auf den Eliastag, um dort bis zum Schlusse der Messe in Nishni zu bleiben, die auch Wanja besuchen wollte. Im September sollten die Frauen aus Tscheremschany, die Männer aus Nishni zurückkehren, und Wanja sollte schon Ende August geraden Wegs, ohne hierher zurückzukommen, nach Petersburg reisen. Ein paar Tage vor dem Aufbruch, als alles schon gepackt war, und alle beim Abendtee sassen und sich zum zehntenmal darüber unterhielten, wohin und für wie lange jeder fahren werde, bekam Wanja, der seit seiner Ankunft noch keinen erhalten hatte, mit der Abendpost gleich zwei Briefe. Einer kam von Anna Nikolajewna, sie bat ihn, sich in Wassilsursk nach einem kleinen Landhause, nicht teurer als sechzig Rubel, umzusehen, weil Nata schliesslich so nervös geworden, dass sie unmöglich in der Nähe von Petersburg auf dem Lande leben könne; Koka sei, um seinen Kummer zu zerstreuen, nach Nodendal bei Hangö gereist, und Alexej Wassiljewitsch, Onkel Kostja und Boba würden ganz einfach in der Stadt bleiben. Der zweite Brief war von Koka, wo er unter Phrasen seines Schmerzes über >den Tod dieses idealen Mädchens, das dieser Taugenichts ins Verderben gestürzt<, berichtete, dass das Kurhaus sich in nächster Nähe befinde und es eine Menge Damen gäbe, dass er den ganzen Tag Veloziped fahre usw. usw.

»Weshalb schreibt er mir das alles?« dachte Wanja, nachdem er den Brief durchgelesen hatte; »hat er niemand ausser mir, mit dem er davon sprechen kann?«

»Meine Tante und Cousine bitten mich, ein Landhaus für sie zu suchen, sie wollen hierher kommen.«

»Das trifft sich gut, die Hermannsche hat, glaub' ich, gerade eins leer stehen, es wollten Leute aus Astrachanj kommen, aber bis jetzt sind sie noch nicht da; da hätten auch Sie es nicht weit.«

»Fragen Sie sie doch, Arina Dmitrijewna, ob sie es nicht für sechzig Rubel abgeben will und überhaupt, wie es damit bestellt ist.«

»Sie gibt es auch für fünfzig, seien Sie nur ruhig, ich besorge schon alles.«

Wanja war in sein Zimmer gegangen und sass noch lange, ohne Licht zu machen, am Fenster und dachte an Petersburg, die Kasanskis, Stroop und seine Wohnung, und ohne zu wissen weshalb, besonders an Fjodor, wie er ihn zum letzten Male gesehen hatte, im rotseidenen Hemde ohne Gürtel, mit dem Lächeln im geröteten, aber der Röte ungewohnten Gesicht, in der Hand die Karaffe; er zündete ein Licht an, holte den Band Shakespeare mit >Romeo und Julia< hervor und versuchte zu lesen; er hatte kein Wörterbuch und verstand ohne Stroop nur den geringsten Teil, aber ein Strom von Schönheit und Leben ergriff ihn, wie nie vorher, als wäre etwas Verwandtes, schon längst nicht Gesehenes, Halbvergessenes wieder lebendig geworden und hielte ihn mit heissen Armen umfasst. Es klopfte leise an die Tür.

»Wer ist da?«

»Ich, kann ich hineinkommen?«

»Bitte.«

»Entschuldigen Sie, ich habe Sie gestört,« sagte Marja Dmitrijewna eintretend, »ich habe Ihnen einen ledernen Rosenkranz gebracht, wie wir Altgläubigen sie gebrauchen, packen Sie ihn in Ihren Koffer.«

»Ah, schön.«

»Was lasen Sie da?« fragte Marja Dmitrijewna, die zögerte, hinauszugehen. »Ich dachte mir, ob es nicht das Andachtsbuch ist, aus dem Sie lesen.«

»Nein, es ist ein Stück, ein englisches Stück.«

»So? und ich dachte es sei das Andachtsbuch. Die Worte konnte man nicht verstehen, aber man hörte, dass Sie etwas mit Ausdruck lasen.«

»Habe ich denn laut gelesen?« wunderte sich Wanja.

»Wie denn sonst? . . . Ich lege den Rosenkranz auf das Regal . . . Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Und Marja Dmitrijewna entfernte sich lautlos, nachdem sie die Lämpchen vor den Heiligenbildern in Ordnung gebracht hatte, und schloss leise, aber fest, die Tür hinter sich. Wanja sah erstaunt, als sei er eben erwacht, auf den Schrank mit den Heiligenbildern, auf das Lämpchen davor, die mit Eisen beschlagene Truhe in der Ecke, das aufgemachte Bett, den festen Tisch am Fenster mit den weissen Gardinen, hinter denen man den Garten und den gestirnten Himmel sehen konnte. Dann klappte er das Buch zu und verlöschte das Licht.

* * * * *

»Was für eine Menge Vergissmeinnicht auf dem Sumpfe blühen!« rief Marja Dmitrijewna ein Mal über das andere, als sie die sumpfige Wiese entlang fuhren, die ganz mit hohem Sumpfgrase und den blauen Blumen bedeckt war, auf denen mit den glänzenden Flügeln und grünlichen Körpern leise zitternde Libellen sassen. Sie war mit Wanja hinter dem ersten Wagen zurückgeblieben, in dem Arina Dmitrijewna mit Sascha fuhr. Bald stieg Marja Dmitrijewna aus dem Wagen und ging den Fussweg dem Sumpf und Wald entlang, bald stieg sie wieder ein, dann wieder ordnete sie die gepflückten Blumen, sang etwas vor sich hin, und unterhielt sich die ganze Zeit mit Wanja, als spräche sie mit sich selbst; sie schien trunken von der Sonne, dem blauen Himmel und den blauen Blumen. Und Wanja blickte mit fast herablassender Teilnahme in das strahlende und wie das eines Backfisches jung gewordene Gesicht dieser dreissigjährigen Frau.