Geschichten

Part 10

Chapter 103,552 wordsPublic domain

»Wir sind Hellenen: uns ist der unduldsame Monotheismus der Juden fremd, die sich von den darstellenden Künsten abwenden und doch am Fleische, an der Nachkommenschaft, am Samen hängen. In der ganzen Bibel findet sich nicht ein Hinweis auf den Glauben an eine Seligkeit nach dein Tode, und der einzige Lohn, dessen die Gebote Erwähnung tun (nämlich für die Achtung der Erzeuger), ist, >auf dass du lange lebest auf Erden<. Eine fruchtlose Ehe ist ein Schandfleck und ein Fluch, der sogar des Rechtes am Gottesdienste teilzunehmen verlustig macht, als hätte man vergessen, dass nach derselben jüdischen Legende Gebären und Arbeiten eine Strafe für den Sündenfall und nicht der Zweck des Lebens sei. Und je weiter die Menschen sich von der Sünde entfernen werden, um so weiter werden sie auch von Zeugung und körperlicher Arbeit stehen. Die Christen haben das dunkel verstanden, wenn das Weib nach der Geburt und nicht nachdem es die Ehe geschlossen hat, sich durch das Gebet reinigen muss, während vom Manne nichts Ähnliches verlangt wird. Die Liebe hat ausser sich selbst keinen anderen Zweck; ebenso fehlt in der Natur jegliche Idee der Finalität. Die Gesetze der Natur gehören einer ganz anderen Ordnung an, als die sogenannten göttlichen Gesetze und die menschlichen. Das Gesetz der Natur ist nicht das, dass der Baum seine Frucht tragen soll, sondern dass er unter gewissen Bedingungen Frucht tragen, und unter anderen keine Frucht tragen, ja, sogar zugrunde gehen wird, und das ebenso gerecht und einfach, wie er seine Frucht getragen hätte. Dass das Herz aufhören kann zu schlagen, wenn es von einem Messer durchbohrt wird, darin liegt keine Finalität, das ist weder gut noch böse. Und das Gesetz der Natur verletzen kann nur der, der seine Augen küssen kann, ohne sie aus den Höhlen gerissen zu haben, und der ohne Spiegel seinen eigenen Nacken zu sehen vermag. Und wenn man euch sagen wird: >naturwidrig<, so schaut auf den redenden Blinden herab und gehet vorüber an ihm, machet euch nicht den Sperlingen gleich, die vor einer Vogelscheuche auseinanderflattern. Die Menschen gehen, wie Blinde, wie Tote einher, wo sie sich ein flammendes Leben schaffen könnten, in welchem jeder Genuss so verfeinert sein würde, als wäret ihr eben geboren und müsstet gleich wieder sterben. Mit solch einem Heisshunger muss man alles in sich aufnehmen. Wunder gibt es rings um uns auf Schritt und Tritt: es gibt Muskeln und Sehnen am menschlichen Körper, die man nicht ohne Herzklopfen betrachten kann. Und nur gemeine Lüsternheit lässt den Mann den Begriff von Schönheit mit der Schönheit des Weibes verbinden, und das liegt so weit, so weit von der wahren Idee der Schönheit. Wir sind Hellenen, Liebhaber der Schönheit, Bacchanten des nahenden Lebens. Wie die Visionen Tannhäusers in Frau Venus' Hörselberg, wie Klingers und Thomas' Blick in weite, helle Fernen gibt es ein Stammland voll Sonne und Freiheit, mit schönen und kühnen Menschen, und dahin, über Meere, durch Nebel und Finsternis führt uns, Argonauten, der Weg! Und in der unerhörtesten Neuerung erkennen wir urälteste Wurzeln, und in niemals geschautem Leuchten spüren wir unsre Heimat!«

* * * * *

»Wanja, sehen Sie bitte im Speisezimmer nach, wieviel Uhr es ist,« sagte Ida Holberg und liess eine farbige Stickerei auf den Schoss fallen.

Das grosse Zimmer im neuerbauten Hause, das einer hellen Schiffskajüte ähnelte, war dürftig mit einfachen Möbeln ausgestattet; ein gelber Vorhang, der die ganze Wand bedeckte, schloss gleichzeitig alle drei Fenster, und auf die ledernen grossen Koffer, die noch nicht gepackten, mit Messingnägeln beschlagenen Handkoffer, den Kasten mit verspäteten Hyazinthen, legte sich gelbes unruhiges Licht. Wanja klappte den Dante zu, aus dem er vorgelesen hatte, und ging ins Nebenzimmer.

»Halb sechs,« sagte er, als er zurückkam. »Larion Dmitrijewitsch lässt lange auf sich warten,« murmelte er dann vor sich hin, als beantworte er die Gedanken des jungen Mädchens. »Werden wir nicht weiter lesen?«

»Es lohnt sich nicht einen neuen Gesang anzufangen, Wanja. Also:

»e vidi che con riso Udito havevan l'ultimo construtto; Poi a la bella donna tornai il viso«

und er sah, dass sie mit einem Lächeln die letzte Meinung gehört hatten, dann wandte er sich der schönen Dame zu.«

»Die schöne Dame, das ist die Betrachtung des aktiven Lebens?«

»Man kann den Kommentatoren nicht unbedingt Glauben schenken, Wanja, wenn es sich nicht bloss um historische Auskünfte handelt; verstehen Sie ihn einfach und schön, -- das ist die Hauptsache, sonst kommt wahrhaftig statt des Dante so was wie Mathematik heraus.«

Sie hatte ihre Arbeit endgültig zusammengelegt und sass, mit dem Papiermesser auf die helle Stuhllehne klopfend, wie in Erwartung da.

»Larion Dmitrijewitsch wird wohl bald kommen,« meinte Wanja, wieder die Gedanken des Mädchens erratend, fast mit dem Ton des Beschützers.

»Haben Sie ihn gestern gesehen?«

»Weder gestern, noch vorgestern. Gestern fuhr er am Tage nach Zarskoje Selo, am Abend war er im Klub und vorgestern fuhr er auf die Wiborger Seite, ich weiss nicht wozu,« berichtete Wanja ehrerbietig und stolz.

»Zu wem er wohl gefahren sein mag?«

»Ich weiss nicht, in Geschäften.«

»Sie wissen nicht?«

»Nein.«

»Hören Sie Wanja,« begann das Mädchen, das Papiermesser betrachtend. »Ich bitte Sie, -- nicht meinethalben allein, auch Ihretwegen, Larion Dmitrijewitschs wegen, im Interesse von uns allen drei, erfahren Sie, was dies für eine Adresse ist. Es ist sehr wichtig, sehr wichtig für alle drei,« und sie reichte Wanja einen Zettel, auf den Stroop mit seiner grosszügigen weiten Handschrift geschrieben hatte: >Wiborger Seite. Simbirskaja Str. Nr. 36, Wohnung 103. Fjodor Wassiljewitsch Solowjew.<

* * * * *

Niemand war sonderlich erstaunt darüber, dass Stroop unter anderen Interessen sich mit dem russischen Altertum zu beschäftigen begann, und dass sich bei ihm teils redselige europäisch gekleidete, teils alte >gottesfürchtige< in langen russischen Röcken steckende, aber ebenso gaunerische Händler mit Manuskripten, Heiligenbildern, alten Stoffen, imitierten Bronzen einzufinden begannen: dass er sich für alten Kirchengesang zu interessieren anfing, die Smolenski, Rasumowski und Metallow las, auf die Nikolajewskaja Strasse ging, um Kirchengesang zu hören und schliesslich unter Anleitung eines pockennarbigen Kirchenchorsängers begann altrussische Noten zu studieren. »Mir war diese Sackgasse des Weltgeistes ganz unbekannt,« wiederholte Stroop, bemüht Wanja für seine neue Liebhaberei zu interessieren, der sich jedoch, zu seiner Verwunderung, gerade in dieser Richtung nicht so leicht begeistern liess.

Eines Tags erklärte Stroop beim Tee:

»Das müssen Sie aber unbedingt sehen, Wanja, ein authentischer Raskolnik alter Richtung. Stellen Sie sich vor: er ist 18 Jahre alt, trägt die Podjowka, trinkt keinen Tee; seine Schwestern leben in einem altgläubigen Kloster; er hat ein Haus an der Wolga mit hohem Palisadenzaun und Kettenhunden, wo man sich um neun Uhr abends schlafen legt, so etwas wie Petscherski es beschreibt, nur weniger süsslich. Das müssen Sie unbedingt sehen. Gehen wir morgen zu Sassadin, er besitzt eine interessante >Himmelfahrt<; dorthin kommt auch unser Typ, und ich mache Sie mit ihm bekannt. Notieren Sie sich auf alle Fälle die Adresse; ich fahre vielleicht direkt von der Ausstellung hin und Sie werden ihn selbst aufsuchen müssen.« Und Stroop diktierte, wie etwas Wohlbekanntes, ohne in sein Notizbuch zu blicken: »Simbirskaja Strasse Nr. 36, Wohnung 103, Möblierte Zimmer. -- Sie werden sich dort schon zurechtfragen.«

* * * * *

Hinter der Wand hörte man das dumpfe Gespräch zweier Stimmen; die Uhr mit den Gewichten tickte leise; auf Stühlen und Fensterbrettern waren verräucherte Heiligenbilder und in lederbezogene Bretter gebundene Bücher aufgestapelt; es war staubig und roch muffelig und aus dem Korridor drang durch das Fenster über der Tür der faulige Geruch von Sauerkohlsuppe. Sassadin, der vor Wanja stehend, sich seinen russischen langen Rock anzog, sagte:

»Larion Dmitrijewitsch wird erst nach vierzig Minuten, vielleicht sogar nach einer Stunde kommen; ich muss hier in der Nähe ein Heiligenbild holen gehen und weiss nun nicht, wie wir das jetzt machen. Warten Sie vielleicht hier oder gehen Sie unterdessen irgendwohin?«

»Ich bleibe hier.«

»Nun gut, und ich komme gleich wieder. Sehen Sie sich nicht, bis ich komme, die Bücher an?« und Sassadin, der Wanja ein verstaubtes Exemplar des Limonarj hingelegt hatte, verschwand eilig durch die Tür, durch die jetzt stärker der faulige Geruch von Sauerkohlsuppe hereindrang. Wanja trat ans Fenster und schlug die Legende auf, die berichtet, wie ein frommer Greis nach dem zufälligen Besuche eines Weibes, das einsam, in derselben Wüste wie er, lebte, immer wieder mit sündigen Gedanken zu jenem Weibe zurückkehrte und es schliesslich nicht mehr ertragen konnte, in sengender Glut seinen Stab ergriff und, wie ein Blinder vor sündiger Begier taumelnd, sich zu der Stelle aufmachte, wo er das Weib zu finden hoffte; und in der Verzückung sah er die Erde sich auftun und in ihr lagen drei Leichen: ein Weib, ein Mann und ein Kind. Und er hörte eine Stimme: >Das ist ein Weib, das ist ein Mann und das ist ein Kind, wer vermag sie jetzt zu unterscheiden? Gehe hin und stille deine Begierde.< Alle sind gleich, alle sind gleich vor dem Tode, vor der Liebe und vor der Schönheit, alle schönen Leiber sind gleich, und nur die sündige Begier lässt den Mann dem Weibe nachstellen und das Weib dürsten nach dem Manne.

Hinter der Wand fuhr die junge, etwas heisere Stimme fort:

»Na, Onkel Jermolai, wenn du immer schimpfst, geh' ich fort.«

»Ja, wie soll man dich faulen Schlingel nicht schelten? Hat der Kerl angefangen Dummheiten zu treiben!«

»Wassjka hat dir wohl alles vorgelogen; was hörst du auf ihn?«

»Was hat Wassjka für einen Grund zu lügen? Nu, sag doch selbst, leugne es doch ab, dass du Dummheiten treibst?«

»Nun, und was ist dabei? Nu ja, ich tu's! Und Wassjka, macht er's vielleicht nicht? Bei uns tun's alle, vielleicht ist nur Dmitri Pawlowitsch eine Ausnahme, der . . . .« und man hörte den Sprecher auflachen. Nach einigem Schweigen begann er wieder intim und halblaut: »Wassjka hat mir's angezeigt; kam da 'nmal 'n junger Herr und sagt zu Dmitri Pawlowitsch: >Ich will, dass mich der wäscht, der mir die Tür geöffnet hat,< die Tür nun hatte ich ihm aufgemacht und früher hatte ihn Wassjka immer gebadet, der sagte ihm denn auch: >Das geht nicht an, Euer Gnaden, dass der allein geht, er ist nicht an der Reihe und versteht nichts von so was.< -- >Na, hol' euch der Teufel, so kommt alle beide!< Als Wassjka in die Badekabine trat, sagt' er: >Was werden Sie uns denn geben?< -- >Bier und zehn Rubel.< Bei uns aber ist's ausgemacht, wenn jemand den Vorhang am Türfenster herunterlässt, so heisst das, dass man Dummheiten treiben wird, und dann darf man dem Oberbader nicht weniger als fünf Rubel abgeben. So sagt ihm Wassjka denn auch: >Nein, Hochgeboren, dafür können wir's nicht machen.< Er versprach noch fünf Rubel. Wassjka ging das Wasser im Baderaum vorzubereiten und ich fing an mich auszukleiden, da sagt der Herr: >Was hast du da auf deiner Wange, Fjodor? Ist das ein Muttermal oder Schmutz?< und lacht dabei und streckt seine Hand nach mir aus. Und ich steh' da, wie ein Narr, und weiss selbst nicht, hab' ich ein Muttermal auf der Wange oder nicht. Aber da kam Wassjka wütend zurück und sagte zu dem Herrn: >Bitte, das Bad ist fertig,« so gingen wir denn alle zusammen.<

»Ist Matwej noch bei euch?«

»Nein, er hat eine Dienerstelle angenommen.«

»Bei wem denn? Beim Oberst?«

»Ja, bei ihm. Dreissig Rubel gibt er ihm und alles frei.«

»Hat Matwej nicht geheiratet?«

»Ja, und der Oberst hat ihm das Geld zur Hochzeit gegeben und ihm einen Paletot für achtzig Rubel machen lassen. Na, und seine Frau, die lebt eben im Dorf. Auf so einer Stelle erlaubt man doch natürlich nicht mit einem Weibe zu leben. Ich will auch eine Stelle annehmen,« setzte der Erzähler nach einer Pause hinzu.

»Wie Matwej?«

»Ja. Es ist ein guter Herr, er lebt allein. Dreissig Rubel, wie Matwej.«

»Du verkommst, Fedja, sieh zu!«

»Vielleicht verkomm' ich auch nicht.«

»Was ist denn das für ein Herr, ein Bekannter von dir?«

»Auf der Furstadtskaja Strasse wohnt er, wo Dmitri früher als Laufbursche diente, im zweiten Stock. Er kommt auch hierher, zu Stepan Stepanowitsch.«

»Doch nicht ein Altgläubiger?«

»I wo denn! Er ist gar kein Busse, ein Engländer, glaub' ich.«

»Lobt man ihn?«

»Ja, man sagt ein guter, lieber Herr.«

»Na, mit Gott!«

»Adieu, Onkel Jermolai, dank' auch für die Bewirtung.«

»Na, komm doch wieder mal ran, Fedja.«

»Ich komm schon,« und leichten Schrittes ging Fjodor, mit den Stiefelabsätzen klopfend, durch den Korridor und warf die Tür hinter sich zu. Wanja trat schnell hinaus, ohne sich ganz bewusst zu werden, weshalb er das tat. Er erblickte einen Burschen in einer Jacke über dem russischen Hemde, dessen Gürtelschnüre heraushingen. Er trug niedrige Lackstiefel und hatte sich die Mütze aufs Ohr gestülpt. Wanja rief ihm nach:

»Hören Sie, wissen Sie nicht, wird Stepan Stepanowitsch Sassadin bald zurück sein?«

Der Bursche kehrte sich um und im Lichte, das durch die offene Zimmertür drang, sah Wanja in ein Paar unstete, diebische graue Augen und ein bleiches Gesicht, wie Leute es haben, die immer im Zimmer oder in ewigem Dampfe leben. Das Haar war nach russischer Volkssitte in der Mitte gescheitelt und rundherum glatt beschoren. Sein Mund war schön geschnitten. Ungeachtet einer gewissen Grobheit der Züge, lag in diesem Gesichte etwas Verweichlichtes, und obgleich Wanja voller Vorurteil in diese diebischen freundlichen Augen blickte und das freche Lächeln des Mundes sah, fand er doch in diesem Gesicht und in der ganzen hohen Gestalt, deren Ebenmass selbst unter dem Anzug in die Augen fiel, etwas Bestrickendes, Beunruhigendes.

»Belieben Sie ihn zu erwarten?«

»Ja, es ist schon bald sieben Uhr.«

»Halb sieben,« verbesserte Fjodor, der seine Uhr herausgezogen hatte, »und wir glaubten, dass niemand bei Stepan Stepanowitsch im Zimmer sei. Er wird gewiss bald zurück sein,« fügte er hinzu, um etwas zu sagen.

»Ja. Danke Ihnen, pardon, dass ich Sie aufgehalten habe,« sagte Wanja, ohne sich von der Stelle zu rühren.

»Aber, bitte,« sagte jener mit einer verbindlichen Geste.

Es wurde laut geklingelt, und Stroop, Sassadin und ein junger hochgewachsener Mann traten ein. Stroop warf einen schnellen Blick auf Fjodor und Wanja, die noch immer einander gegenüberstanden.

»Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen,« wandte er sich an Wanja, während Fjodor auf ihn zustürzte, um ihm den Mantel abzunehmen.

Wanja sah dies alles wie im Traume und er fühlte, dass er in einen Abgrund hinuntersinke, dass alles sich in Nebel hülle.

* * * * *

Als Wanja das Speisezimmer betrat, schloss Anna Nikolajewna gerade ihren Satz: »und es tut einem leid, dass ein solcher Mensch sich so kompromittiert.« Konstantin Wassiljewitsch wies stumm mit den Augen auf Wanja, der ein Buch genommen und sich ans Fenster gesetzt hatte und meinte dann:

»So sagt man da >gekünstelt, unnatürlich, überflüssig<, aber wenn man bei dem Gebrauche unseres Körpers bleiben sollte, der als natürlich gilt, so müsste man mit den Händen rohes Fleisch zerreissen, um es zu verschlingen und Feinde bekämpfen; mit den Beinen Hasen verfolgen oder vor Wölfen flüchten usw. Das erinnert an ein Märchen aus >Tausendundeiner Nacht<, wo ein von der Finalität gequältes Mädchen immerfort fragt, wozu dieses und wozu jenes geschaffen sei. Und als das Mädchen nach einem bekannten Körperteile fragt, da verabfolgt die Mutter ihm eine Tracht Prügel und wiederholt dabei: >Jetzt siehst du, wozu dies geschaffen ist.< Diese Mama hat zwar die Richtigkeit ihrer Behauptung anschaulich bewiesen, aber damit dürfte die Handlungsfähigkeit besagter Körperstelle schwerlich erschöpft sein. Und sämtliche moralische Erklärungen der Natürlichkeit von Handlungen bestehen darin, dass die Nase geschaffen ist, um grün angestrichen zu werden. Der Mensch muss alle Fähigkeiten des Geistes und Körpers bis zur letzten Möglichkeit entwickeln und nach Verwendung dieser seiner Möglichkeiten forschen, wenn er nicht Caliban bleiben will.«

»Nun, die Gymnastiker können ja schon auf den Köpfen gehen ...«

»Das bedeutet in jedem Falle ein Plus und vielleicht ist das sehr angenehm, würde Larion Dmitrijewitsch sagen,« und Onkel Kostja blickte herausfordernd zu Wanja hinüber, der fortfuhr zu lesen.

»Was hat Larion Dmitrijewitsch damit zu tun?« bemerkte sogar Anna Nikolajewna.

»Du denkst doch wohl nicht, dass ich meine eigenen Anschauungen entwickele?«

»Ich gehe zu Nata,« erklärte Anna Nikolajewna und erhob sich.

»Sie ist doch gesund? Ich sehe sie gar nicht mehr,« erinnerte sich Wanja.

»Das ist ganz natürlich. Du verschwindest ja tagelang.«

»Wohin verschwinde ich denn?«

»Das muss man schon dich fragen,« sagte die Tante, das Zimmer verlassend.

Onkel Kostja trank seinen kalten Kaffee aus, und im Zimmer roch es stark nach Naphthalin.

»Sprachen Sie über Stroop, Onkel Kostja, als ich kam?« entschloss sich Wanja zu fragen.

»Über Stroop? Wirklich, ich entsinne mich nicht. Annette erzählte mir etwas.«

»Ich dachte, es sei von ihm die Rede gewesen.«

»Nein, was sollte ich mit ihr über Stroop zu reden haben?«

»Glauben Sie wirklich, dass Stroop die Überzeugung hat, die Sie eben aussprachen?«

»So spricht er jedenfalls; seine Handlungen kenne ich nicht und die Überzeugungen mancher Menschen sind ein dunkles und heikles Gebiet.«

»Glauben Sie denn, dass seine Handlungen sich nicht mit seinen Worten decken?«

»Ich weiss nicht; ich kenne seine Handlungen nicht, und dann kann man nicht immer seinen Wünschen entsprechend handeln. Wir wollten zum Beispiel schon längst aufs Land ziehen und doch . . .«

»Wissen Sie, Onkel, dieser Altgläubige, Sorokin, ladet mich zu sich an die Wolga ein: >Kommen Sie,< sagt er, >Väterchen wird nichts dagegen haben; sehen Sie sich einmal an, wie man bei uns zu Lande lebt, wenn Sie das interessiert.< Er hat plötzlich Zuneigung zu mir gefasst, ich weiss gar nicht warum.«

»Nun was, reise doch.«

»Tante wird kein Geld geben und überhaupt lohnt es sich nicht.«

»Weshalb lohnt es sich nicht?«

»Ach es ist alles ekelhaft, so ekelhaft!«

»Weshalb ist denn alles plötzlich so ekelhaft geworden?«

»Ich weiss wirklich nicht«, sagte Wanja und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Konstantin Wassiljewitsch blickte auf Wanjas herabgesunkenen Kopf und ging leise aus dem Zimmer.

* * * * *

Der Portier war nicht auf seinem Platze, die Treppentür stand offen und hinter der Tür zum Arbeitszimmer konnte man eine zornige Stimme hören. Wenn sie schwieg kam eine andere leise, eine weibliche Stimme, wie es schien, in die Entree herüber. Wanja blieb im Vorzimmer stehen, ohne Mantel und Mütze abzunehmen; der Griff der Tür des Arbeitszimmers wurde hinuntergedrückt und im Türspalt erschien eine Hand, die den Türgriff gefasst hielt und der zu ihr gehörende, im roten Ärmel eines russischen Hemdes steckende Arm. Man vernahm deutlich Stroops Worte: »Ich erlaube nicht, dass jemand sich dahineinmischt! Am allerwenigsten eine Frau. Ich verbiete Ihnen, hören Sie? ich verbiete Ihnen darüber zu sprechen!« Die Tür wurde wieder geschlossen und die Stimme wieder undeutlicher. Wanja sah sich traurig im so gut bekannten Vorzimmer um; die elektrischen Lampen vor dem Spiegel und über dem Tische, die Kleider an den Ständern; auf dem Tische lagen zwei Damenhandschuhe, aber es war kein Hut und kein Mantel zu sehen. Die Tür wurde wieder krachend geöffnet und Stroop ging mit wütendem, erblasstem Gesicht, ohne Wanja zu bemerken, in den Korridor; einen Augenblick später folgte ihm, fast laufend, Fjodor in einem roten Seidenhemde ohne Gürtel, eine Karaffe in der Hand. »Was wünschen Sie?« wandte er sich an Wanja, augenscheinlich ohne ihn zu erkennen. Fjodors Gesicht war erregt und gerötet, als hätte er getrunken oder sich geschminkt, das Hemd war nicht gegürtet, die sorgfältig auseinandergekämmten Haare schienen etwas gekräuselt zu sein, er roch stark nach Stroops Parfüm.

»Was wünschen Sie?« wiederholte er Wanja, der ihn anstarrte.

»Larion Dmitrijewitsch.«

»Ist nicht zu Hause.«

»Wieso? ich habe ihn doch eben gesehen.«

»Entschuldigen Sie, aber er ist sehr beschäftigt, er kann Sie unmöglich empfangen.«

»Gehen Sie nur und melden Sie mich.«

»Nein wirklich, kommen Sie schon lieber ein anderes Mal: eben kann er Sie unmöglich empfangen. Er ist nicht allein,« fügte Fjodor, seine Stimme dämpfend, hinzu.

»Fjodor!« rief Stroop aus dem Hintergrunde des Korridors, und Fjodor stürzte geräuschlos fort.

Wanja wartete ein paar Minuten und ging dann auf die Treppe hinaus, die Tür zuziehend, hinter der wieder gedämpfte, aber laute und zornige Stimmen hörbar wurden. Unten, im Vestibül stand eine kleine Dame in graugrünem Kleide und schwarzer Jacke vor dem Spiegel und nestelte an ihrem Schleier. Hinter ihrem Rücken vorbeigehend, erkannte Wanja sie, ohne dass sie ihn bemerkte, es war Nata. Nachdem sie ihren Schleier in Ordnung gebracht hatte, stieg sie langsam die Treppe hinauf und drückte den Knopf der Klingel an Stroops Wohnung, während der zurückgekommene Portier Wanja auf die Strasse hinausliess.

* * * * *

»Was ist das?« unterbrach sich Alexej Wassiljewitsch bei der Lektüre des Morgenblattes: »Rätselhafter Selbstmord. Gestern, den 21. Mai, machte auf der Furstadtskaja Strasse in der Wohnung des englischen Untertans L. D. Stroop, das junge, hoffnungsvolle Fräulein Ida Holberg die Abrechnung mit dem Leben. Die jugendliche Selbstmörderin bittet in einem hinterlassenen Schreiben, ihren Tod niemand zur Last zu legen, allein die Umgebung, in der der traurige Vorfall sich abgespielt hat, ruft die Annahme hervor, dass er einen romantischen Hintergrund habe. Nach Angaben des Wohnungsinhabers, hat die Verschiedene, während einer heftigen Auseinandersetzung, nachdem sie etwas auf ein Stück Papier geschrieben, plötzlich seinen, Stroops, für eine Reise vorbereiteten Revolver ergriffen und, bevor die Anwesenden noch etwas zu tun vermochten, sich eine Kugel in die rechte Schläfe geschossen. Die Lösung des Rätsels wird dadurch erschwert, dass der Diener des Herrn Stroop, Fjodor Wassiljew Solowjew, Bauer aus dem Gouvernement Orel, am selben Tage spurlos verschwunden ist, und dass die Personalien der Dame, die eine halbe Stunde vor dem fatalen Ereignis die Stroopsche Wohnung betreten hat, wie der Grad ihres Einflusses auf die tragische Lösung bisher nicht festgestellt werden konnten. Die Untersuchung ist eingeleitet.«

Am Frühstückstische schwiegen alle und im Zimmer, das von Naphthalingeruch erfüllt war, hörte man nur das Ticken der Uhr.

»Nata, was war denn da? Nata? Du weisst es doch?!« schrie Wanja ausser sich, aber Nata fuhr fort mit der Gabel auf dem leeren Teller zu zeichnen und sagte kein Wort.

Zweiter Teil