Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe
Chapter 7
Viel tiefer als Norwich, aber doch immer hoch in Ansehen und Bedeutung standen die Hauptstädte einiger anderen Grafschaften. Es geschah damals selten, daß ein Landgentleman mit seiner Familie nach London kam; seine Metropole war die Hauptstadt der Grafschaft und dort verlebte er zuweilen einen Theil des Jahres. Jedenfalls riefen ihn Geschäfte und Vergnügungen, Assisen, Quartalsitzungen, Wahlen, Musterungen der Miliz, Pferderennen und andere Festlichkeiten oft dahin. Dort waren die Säle, in denen die Richter in ihren scharlachrothen Röcken und begleitet von Trompetern und Hellebardieren zweimal des Jahres im Namen des Königs ihre Verhandlungen eröffneten. Dort waren die Märkte, auf welchen die Umgegend ihr Getreide, ihr Vieh, ihre Wolle und ihren Hopfen zum Verkauf brachte, sowie die großen Jahrmärkte, zu denen selbst Kaufleute von London kamen und wo die Landkrämer ihren Jahresbedarf an Zucker, Schreibmaterialien, Stahlwaaren und Kleiderstoffen einkauften. Dort waren endlich die Läden und Magazine, aus denen die angesehendsten Familien der Nachbarschaft ihre Spezereiwaaren und Modeartikel bezogen. Einige von diesen Städten hatten außerdem wegen geschichtlicher Erinnerungen eine gewisse Berühmtheit. Bald war es eine Kathedrale, die in aller Kunst und Pracht des Mittelalters strahlte, bald ein Palast, den eine lange Reihe von Prälaten bewohnt hatte, bald ein Domkapitel, umgeben von den ehrwürdigen Wohnungen der Dechanten und Canonici, bald ein festes Schloß, das in alter Zeit den Nevilles oder De Vere widerstanden hatte und das noch die neueren Spuren der Rache Cromwell's oder Ruprecht's zeigte.
[Anmerkung 64: +Fuller's Worthies+; +Evelyn's Diary, Oct. 17. 1671+; +Journal of E. Browne+, dem Sohne des Sir Thomas Browne, vom Januar 1663--64; +Blomfield's History of Norfolk+; +History of the City and County of Norwich, 2 vols. 1768.+]
[_Andere Provinzialstädte._] Unter diesen interessanten Städten zeichneten sich namentlich York, die Hauptstadt des Nordens, und Exeter, die Hauptstadt des Südens, aus. Keine von beiden kann damals viel über zehntausend Einwohner gehabt haben. Worcester, die Königin des Ciderlandes, zählt deren achttausend, Nottingham wahrscheinlich eben so viel. Gloucester, berühmt durch seine entschlossene Vertheidigung, welche Karl I. so verderblich wurde, hatte gewiß zwischen vier- und fünftausend, Derby nicht ganz viertausend. Shrewsbury war der Hauptort eines großen fruchtbaren Bezirks, und die Sitzungen der Marken von Wales wurden daselbst gehalten. In der Sprache der Gentry viele Meilen im Umkreise von Wrekin hieß »zur Hauptstadt gehen« so viel als nach Shrewsbury gehen. Die Stutzer und Damen, der Provinz ahmten so gut sie konnten, auf den Promenaden am Ufer des Severn die Moden und Sitten von St. James-Park nach. Die Einwohnerzahl belief sich auf ungefähr siebentausend.[65]
Die Bevölkerungen aller dieser Städte haben sich seit der Revolution mehr als verdoppelt, in einigen ist sie auf das Siebenfache gestiegen. Die Straßen sind fast durchgängig neu gebaut, das Stroh ist durch Schiefer, das Holz durch Backsteine ersetzt worden. Unser gegenwärtiges Pflaster und unsere Straßenbeleuchtung, die prachtvolle Ausstattung vieler Kaufläden und die in den Wohnungen der Gentry herrschende geschmackvolle Eleganz würden im siebzehnten Jahrhundert wie eben so viele Wunder angestaunt worden sein; dessen ungeachtet haben die alten Provinzialhauptstädte jetzt bei weitem nicht die relative Wichtigkeit, die sie ehedem hatten. Jüngere Städte, die von unseren früheren Geschichtsschreibern selten oder gar nicht erwähnt werden und welche keine Vertreter ins Parlament schickten, sind unter den Augen noch lebender Personen zu einer Größe herangewachsen, die unsere Generation mit Stolz und Bewunderung, aber auch nicht ohne Angst und Besorgniß betrachtet.
[Anmerkung 65: Aus den Tauf- und Sterbelisten in Drake's Geschichte geht hervor, daß die Bevölkerung von York im Jahre 1730 ungefähr dreizehntausend Seelen betrug. Exeter hatte noch 1801 nur siebzehntausend Einwohner. Die Bevölkerung von Worcester wurde kurz vor der Belagerung im Jahre 1646 gezählt. Siehe +Nash's History of Worcestershire+. Ich habe auf die während eines Zeitraums von vierzig Jahren wahrscheinliche Zunahme Rücksicht genommen. Im Jahre 1740 wurde durch eine Zählung die Bevölkerung von Nottingham gerade zehntausend Seelen stark gefunden. Siehe +Dering's History+. Die Einwohnerzahl von Gloucester läßt sich aus der Häuserzahl, welche King in den Heerdgeldlisten fand, sowie aus den Geburts- und Sterbetabellen in Atkyns' Geschichte leicht ermitteln. Derby zählte 1712 viertausend Einwohner. Siehe +Wolley's M.S. History+, die in +Lyson's Magna Britannia+ erwähnt ist. Die Bevölkerung von Shrewsbury wurde im Jahre 1695 durch wirkliche Zählung ermittelt. Bezüglich der Annehmlichkeiten von Shrewsbury sehe man +Farquhar's Recruiting Officer+. Farquhar's Schilderung wird durch eine Ballade in der Pepys'schen Bibliothek bestätigt, deren Refrain lautet: »Shrewsbury für mich«.]
[_Manchester._] Indessen waren die hervorragendsten dieser Städte schon im siebzehnten Jahrhunderte als wichtige Sitze des Gewerbfleißes bekannt. Ja ihr rasches Emporblühen und ihr Reichthum ward sogar zuweilen in einer Sprache geschildert, welche Jedem, der ihren gegenwärtigen Glanz steht, spaßhaft vorkommt. Eine der bevölkertsten und blühendsten war Manchester. Der Protector hatte sie aufgefordert, einen Vertreter in sein Parlament zu schicken und die Schriftsteller aus der Zeit Karl's II. nennen sie eine betriebsame und reiche Stadt. Seit einem halben Jahrhunderte schon wurde Baumwolle von Cypern und Smyrna dahin gebracht, aber die Fabrikation war noch in ihrer Kindheit, denn Whitney hatte noch nicht gelehrt, wie der Rohstoff in fast fabelhaften Quantitäten erlangt werden konnte, so wenig als Arkwright die Kunst gezeigt, sie mit einer zauberhaften Geschwindigkeit und Akkuratesse zu verarbeiten. Die jährliche Gesammteinfuhr erreichte zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts noch nicht zwei Millionen Pfund, ein Quantum, das gegenwärtig kaum den Bedarf von achtundvierzig Stunden decken würde. Diese wundervolle Handelsstadt, die an Einwohnerzahl und Reichthum so viele berühmte Hauptstädte, wie Berlin, Madrid und Lissabon bei weitem übertrifft, war damals noch ein kleiner und schlecht gebauter Marktflecken mit kaum sechstausend Einwohnern. Damals hatte es nicht eine einzige Presse, jetzt hat es hundert Druckereien; damals besaß es nicht eine einzige Kutsche, jetzt zählt es zwanzig Wagenfabrikanten.[66]
[Anmerkung 66: +Blome's Britannia, 1678+; +Aikin's Country round Manchester+; +Manchester Directory, 1845+; +Baines, History of the Cotton Manufacture.+ Die besten Aufschlüsse über die Bevölkerung von Manchester im siebzehnten Jahrhundert fand sich in einem von dem Rev. R. Parkinson verfaßten Aufsatze im +Journal of the Statistical Society+ vom October 1842.]
[_Leeds._] Leeds war schon damals der Hauptsitz der Wollenmanufactur von Yorkshire, aber die älteren Einwohner erinnerten sich noch recht gut der Zeit, als das erste Backsteinhaus, damals und noch lange nachher das »rothe Haus« genannt, erbaut worden war. Sie rühmten sich laut ihres zunehmenden Wohlstandes und der ungeheuren Tuchverkäufe, welche unter freiem Himmel auf der Brücke abgeschlossen wurden. Hunderte, ja Tausende von Pfunden Sterling wurden an einem einzigen lebhaften Markttage umgesetzt. Die zunehmende Bedeutung von Leeds hatte die Aufmerksamkeit mehrerer aufeinanderfolgenden Regierungen auf diese Stadt gelenkt. Karl I. gewährte ihr gewisse städtische Vorrechte und Oliver Cromwell forderte sie auf, einen Vertreter in das Haus der Gemeinen zu senden. Aus den Heerdgeldlisten scheint jedoch klar hervorzugehen, daß die Bevölkerung des ganzen Stadtgebiets, zu welchem damals mehrere Dörfer gehörten, unter der Regierung Karl's II. die Zahl von siebentausend Seelen nicht überstieg. Im Jahre 1841 zählte es deren mehr als hundertfunfzigtausend.[67]
[Anmerkung 67: +Thoresby's Ducatus Leodensis+; +Whitaker's Loidis and Elmete+; +Wardell's Municipal History of the Borough of Leeds.+]
[_Sheffield._] Ungefähr eine Tagereise südlich von Leeds lag am Saume einer wilden Moorstrecke ein alter jetzt reich angebauter, damals aber unfruchtbarer und nicht einmal eingehegter Gutsbezirk, der unter dem Namen Hallamshire bekannt war. Dort gab es Eisen im Überfluß und die daselbst fabricirten plumpen Messer wurden im ganzen Lande verkauft. Geoffrey Chaucer erwähnt ihrer in seinen +Canterbury Tales+. Die Fabrikation machte jedoch während der nächstfolgenden drei Jahrhunderte nur sehr langsame Fortschritte. Dieser Umstand läßt sich vielleicht dadurch erklären, daß der Handel fast während jenes ganzen langen Zeitraums den Bestimmungen unterworfen war, welche der Gutsherr und dessen Gerichtshof vorzuschreiben für gut fanden. Die feineren Messerschmiedewaaren wurden daher theils in London fabricirt, theils vom Continent eingeführt. Erst unter Georg I. hörten die britischen Ärzte auf, die feinen Instrumente, deren sie zu ihren chirurgischen Operationen bedurften, aus Frankreich zu beziehen. Die Mehrzahl der Werkstätten von Hallamshire befand sich in einem Marktflecken, der in der Nähe des herrschaftlichen Schlosses entstanden war und der noch unter Jakob I. ein elender Ort mit etwa zweitausend Einwohnern war, von denen der dritte Theil aus halbverhungerten und halbnackten Bettlern bestand. Aus den Kirchenregistern ergiebt sich mit ziemlicher Gewißheit, daß die Bevölkerung zu Ende der Regierung Karl's II. noch nicht viertausend Seelen betrug. Man sah dort eine Menge Krüppel und jeder Reisende erkannte auf den ersten Blick die verderblichen Wirkungen einer der Gesundheit und Kraft des menschlichen Körpers höchst nachtheiligen Beschäftigung. Dies war das Sheffield, welches gegenwärtig mit seinen Vorstädten hundertzwanzigtausend Einwohner zählt und seine vortrefflichen Messer, Scheeren und chirurgischen Instrumente bis nach den entferntesten Weltgegenden versendet.[68]
[Anmerkung 68: +Hunter's History of Hallamshire.+]
[_Birmingham._] Birmingham ward zu Oliver's Zeiten noch nicht für wichtig genug gehalten, um im Parlament durch ein Mitglied vertreten zu sein. Indessen waren die dortigen Fabrikanten schon ein sehr betriebsames Völkchen, dessen Wohlstand sich fortwährend vermehrte. Sie waren stolz auf den Ruf, den ihre Eisenwaaren, wenn auch noch nicht in Peking und Lima, in Bokhara und Timbuktu, so doch in London und selbst in Irland genossen. Eine minder ehrenvolle Berühmtheit hatten sie als Falschmünzer erlangt. Der Spottname »Birminghams«, den die Torypartei den Demagogen gab, welche einen heuchlerischen Eifer gegen das Papstthum zur Schau trugen, war eine Anspielung auf die dort verfertigten falschen Groatstücke. Die Bevölkerung der Stadt, welche gegenwärtig nicht viel unter zweimalhunderttausend Seelen beträgt, belief sich damals noch nicht auf viertausend. Die Birminghamer Knöpfe fingen eben erst an bekannt zu werben, von Birminghamer Schießgewehren hatte noch kein Mensch etwas gehört, und die Stadt, aus der zwei Generationen später die Prachtwerke Baskerville's hervorgingen, welche alle Buchhändler Europa's in Erstaunen setzten, hatte damals noch nicht einen einzigen ordentlichen Buchladen, wo man eine Bibel oder einen Kalender kaufen konnte. Nur an den Markttagen kam ein Buchhändler, Namens Michael Johnson, der Vater des großen Samuel Johnson, von Lichfield, um auf einige Stunden seine Marktbude zu öffnen, und diese literarische Bezugsquelle wurde lange Zeit für den Bedarf genügend erachtet.[69]
Diese vier Hauptsitze unsrer großartigen Fabrikindustrie verdienen besondere Erwähnung. Es würde ermüdend sein, wollten wir außerdem alle die jetzt dicht bevölkerten und reichen Bienenstöcke des Gewerbfleißes anführen, welche vor hundertfunfzig Jahren noch Dörfer ohne Pfarrkirche oder öde Moorstrecken waren, auf denen nur Birkhühner und andres Wild hauste. Nicht minder wichtig sind die Veränderungen in den Ausfuhrplätzen gewesen, durch welche sich die Erzeugnisse der englischen Webstühle und Schmieden nach allen Weltgegenden ergießen.
[Anmerkung 69: +Blome's Britannia, 1763+; +Dugdale's Warwickshire+; +North's Examen+, 321; Vorrede zu +Absalom and Achitophel+; +Hutton's History of Birmingham+; +Boswell's Life of Johnson+. Im Jahre 1690 starben in Birmingham 150 Personen und 125 Kinder wurden getauft. Ich glaube daß die jährliche Sterblichkeit nicht mehr als vier Prozent betrug; in London war sie viel bedeutender. Ein Geschichtsschreiber in Nottingham rühmte funfzig Jahre später die außerordentliche Gesundheit seiner Vaterstadt, in der die Sterblichkeit nur 3-1/3 Prozent betrug. Siehe +Dering's History of Nottingham+.]
[_Liverpool._] Liverpool zählt gegenwärtig dreimalhunderttausend Einwohner und der Rauminhalt der in seinen Hafenregistern eingezeichneten Schiffe beträgt zwischen vier- und fünfmalhunderttausend Tonnen. Mehr als einmal ist im dortigen Zollhause in einem Jahre eine Summe bezahlt worden, welche das Gesammteinkommen der englischen Krone im Jahre 1685 um mehr als das Dreifache übersteigt. Die Einnahme des Postamtes zu Liverpool übertrifft selbst seit der Portoermäßigung die Summe, die das Postwesen des ganzen Reiches dem Herzoge von York eintrug. Seine riesigen Docks, Quais und Waarenspeicher werden zu den Weltwundern gerechnet, und doch scheinen sie für den Bedarf des ungeheuren Merseyhandels kaum zu genügen, so daß bereits eine rivalisirende Stadt am andren Ufer des Flusses rasch emporwächst. Zu den Zeiten Karl's II. wurde Liverpool als eine aufblühende Stadt beschrieben, welche neuerdings große Fortschritte gemacht habe und mit Irland und den Zuckercolonien einen ergiebigen Handel treibe. Binnen sechzehn Jahren hatte sich der Ertrag der Zölle verachtfacht und die damals als ungeheuer betrachtete Summe von fünfzehntausend Pfund Sterling jährlich erreicht. Die Bevölkerung kann jedoch kaum viertausend Seelen überstiegen haben, der Gehalt seiner Schiffe betrug ungefähr vierzehnhundert Tonnen, das heißt weniger als der Tonnengehalt eines einzigen unserer jetzigen Ostindienfahrer erster Klasse, und die Anzahl der zum Hafen gehörenden Seeleute darf auf nicht mehr als zweihundert Köpfe angeschlagen werden.[70]
[Anmerkung 70: +Blome's Britannia+; +Gregson's Antiquities of the County Palatine and Duchy of Lancaster, Part. II.+; Petition von Liverpool in dem +Privy Council Book, May 10, 1686+. Im Jahre 1690 war die Zahl der Sterbefälle in Liverpool hunderteinundfunfzig, die der Taufen hundertzwanzig. Im Jahre 1844 belief sich der Reinertrag der Zölle in Liverpool auf 4,365,526 Pf. St. 1 Schill. 8 P.]
[_Die Badeorte._] So wuchsen die Städte empor, in denen Reichthümer erworben und aufgehäuft wurden. Nicht minder rasch erhob sich eine andre Klasse von Städten, in denen der anderwärts erworbene Reichthum entweder aus Gesundheitsrücksichten oder um des Vergnügens willen verzehrt wird. Von den bedeutendsten derselben sind einige erst seit den Zeiten der Stuarts entstanden.
[_Cheltenham._] Cheltenham ist jetzt größer als irgend eine Stadt des ganzen Reichs im siebzehnten Jahrhundert, London allein ausgenommen, während es im siebzehnten und noch zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts von Lokalgeschichtschreibern nur als ein ländliches Kirchspiel erwähnt wird, das am Fuße der Cotswold-Hügel liege und guten Boden für Ackerbau und Weide habe. An der Stelle, welche gegenwärtig mit freundlichen Straßen und Landhäusern bedeckt ist, wuchs damals Korn und weidete Vieh.[71]
[Anmerkung 71: +Atkyns' Gloucestershire.+]
[_Brighton._] Brighton wurde als ein ehemals wohlhabender Ort geschildert, der eine Menge kleiner Fischerboote besessen und in seiner höchsten Blüthe etwa zweitausend Einwohner gehabt habe, jetzt aber seinem Untergänge entgegeneile. Das Meer spülte ein Haus nach dem andren fort und die Stadt mußte endlich ganz verschwinden. Noch vor neunzig Jahren konnte man zwischen den Steinen und dem Seetang am Strande die Trümmer eines alten Forts sehen, und alte Leute konnten noch die Spuren der Grundmauern einer Straße von mehr als hundert Hütten bezeichnen, die von den Wogen verschlungen worden war. Nach diesem Unglücke verödete der Ort bald dermaßen, daß man die dortige Pfarrei kaum noch des Besitzes werth hielt. Einige arme Fischer fuhren jedoch fort, ihre Netze auf den Küstenfelsen zu trocknen, wo jetzt eine Stadt, die mehr als zweimal so groß und volkreich ist, als das Bristol der Stuarts in einer Ausdehnung von mehreren Meilen ihre freundliche und fantastische Fronte dem Meere zeigt.[72]
[Anmerkung 72: +Magna Britannia+; +Grose's Antiquities+; +New Brighthelmstone Directory, 1770.+]
[_Buxton._] England war jedoch im siebzehnten Jahrhundert durchaus nicht ohne alle Badeorte. Die Gentry von Derbyshire und der benachbarten Grafschaften begab sich nach Buxton, wo sie in niedrigen hölzernen Hütten zusammengepfercht und mit einem Brode von Hafermehl und einem Fleische bewirthet wurden, welches die Gastwirthe für Hammelfleisch ausgaben, das aber die Consumenten stark in dem Verdachte hatten, daß es von Hunden herrührte.[73]
[Anmerkung 73: +Tour in Derbyshire, by Thomas Browne, Son of Sir Thomas Browne.+]
[_Tunbridge Wells._] Weit mehr Anziehendes hatte Tunbridge Wells, das etwa eine Tagereise von London in einer der reichsten und kultivirtesten Gegenden des Reiches lag. Gegenwärtig erblicken wir daselbst eine Stadt, die der Einwohnerzahl nach vor hundertsechzig Jahren die vierte oder fünfte Stadt Englands gewesen wäre. Die Eleganz der Läden und der Luxus der Privatwohnungen übertrifft jetzt Alles was England damals irgendwo aufzuweisen hatte. Als der Hof kurz nach der Restauration Tunbridge Wells besuchte, war es noch keine Stadt, sondern man sah nur eine Anzahl Hütten, etwas freundlicher und sauberer als die gewöhnlichen Hütten jener Zeit, welche in der nächsten Umgebung der Heilquellen zerstreut umherlagen. Einige von diesen Hütten waren transportabel und wurden auf Schleifen versetzt wohin man es wünschte. In diese Hütten kam die feine Welt von London, des Geräusches und des Rauches der Hauptstadt müde, zuweilen im Sommer, um frische Luft einzuathmen und einen Vorgeschmack vom Landleben zu erhalten. Während der Saison wurde täglich in der Nähe der Quellen eine Art Markt gehalten. Die Frauen und Töchter der Landwirthe von Kent brachten aus den umliegenden Dörfern Rahm, Obst, Weißkehlchen und Wachteln zum Verkauf, und mit ihnen zu scherzen und zu tändeln, ihre Strohhüte und ihre kleinen Füßchen zu rühmen, war für Wüstlinge, welche der prätentiösen Manieren der Schauspielerinnen und Hofdamen überdrüssig waren, ein angenehmer Zeitvertreib. Putzmacherinnen, Galanteriewaarenhändler und Juweliere kamen von London und eröffneten unter den Bäumen einen Bazar. In der einen Bude fand der Politiker seine Tasse Kaffee und die Londoner Zeitung; in einer andren wurde heimlich Basset gespielt; an schönen Abenden fanden sich Musikanten ein und auf einem weichen Rasenplatze wurde der Mohrentanz aufgeführt. Im Jahre 1685 war eben unter den Brunnengästen eine Sammlung zum Bau einer Kirche eröffnet worden, welche auf Verlangen der damals überall dominirenden Tories dem heiligen Karl, dem Märtyrer, geweiht werden mußte.[74]
[Anmerkung 74: +Memoires de Grammont+; +Hasted's History of Kent+; +Tunbridge Wells, a Comedy, 1678+; +Causton's Tunbridgialia, 1688+; +Metellus, a poem on Tunbridge Wells, 1693.+]
[_Bath._] Der wichtigste Badeort Englands war jedoch unstreitig Bath. Die dortigen Heilquellen waren schon zu den Zeiten der Römer berühmt und mehrere Jahrhunderte lang war die Stadt der Sitz eines Bischofs gewesen. Aus allen Theilen des Landes strömten die Kranken dahin und selbst der König hielt dort zuweilen seinen Hof. Bei alledem war Bath damals nur ein winkeliger Ort von vier- bis fünfhundert Häusern, welche unweit des Avon innerhalb einer alten Befestigungsmauer zusammengedrängt waren. Es giebt noch Abbildungen von den schönsten dieser Häuser, welche große Ähnlichkeit mit den schlechtesten Hütten und Schenken an der Radcliffestraße zeigen. Selbst die damaligen Reisenden klagten über die Enge und Unsauberkeit der Straßen. Die schöne Stadt, welche gegenwärtig selbst das Auge Derer entzückt, die an den Anblick der Meisterwerke eines Bramante und Palladio gewöhnt sind, und deren Boden durch den Genius von Anstey und Smollett, von Frances Burney und Johanna Austen eine klassische Berühmtheit erlangt hat, existirte damals noch nicht. Die jetzige Milsomstraße war noch ein Stück Feld, das weit außerhalb der Umfassungsmauer lag, und Baumhecken durchzogen den Platz, den gegenwärtig der »Crescent« und der »Cirkus« einnehmen. Die bedauernswerthen Kranken, denen der Gebrauch der Heilquellen verordnet war, mußten in Räumen zubringen, welche, um uns des Ausdrucks eines damaligen Arztes zu bedienen, mehr einem Stalle, als einer menschlichen Wohnung glichen. Über den Luxus und die Bequemlichkeiten, welche die zum Zwecke, der Kur oder des Vergnügens dahin kommenden vornehmen Badegäste in den Häusern fanden, haben wir vollständigere und genauere Nachrichten, als sie sonst in Bezug auf derartige Gegenstände zu erlangen sind. Ein Schriftsteller, der ungefähr sechzig Jahre nach der Revolution eine Beschreibung der Stadt herausgab, schildert mit großer Genauigkeit die Veränderungen, die im Bereiche seiner Erinnerung daselbst stattgefunden haben. Er versichert uns, daß in seinen jüngeren Jahren die Badegäste in Zimmern schlafen mußten, welche nicht viel besser waren als die Dachkammern, die er später von den Dienstleuten bewohnt fand. Der Fußboden der Speisezimmer war mit keinem Teppiche bedeckt und mit einer aus Ruß und Dünnbier bereiteten Flüssigkeit überstrichen, um seine Unsauberkeit zu verbergen; keine Wand war gemalt, kein Herd oder Kaminmantel war von Marmor, eine Platte von ordinären Quadern und Feuerböcke, die nicht mehr als einige Schillinge kosteten, wurden für genügend erachtet. Die besten Zimmer waren mit einem groben wollenen Stoffe ausgeschlagen und mit Rohrstühlen versehen. Leser, die sich für die Fortschritte der Civilisation und der nützlichen Künste interessiren, werden dem bescheidenen Topographen für die Aufzeichnung dieser Details dankbar sein und es vielleicht bedauern, daß anspruchsvollere Geschichtschreiber ihre Erzählungen von Schlachten und politischen Intriguen nicht zuweilen um einige Seiten abkürzen, um uns mitzutheilen, wie es in den Wohn- und Schlafzimmern unserer Voreltern aussah.[75]
[Anmerkung 75: Siehe +Wood's History of Bath, 1749+; +Evelyn's Diary, June 27. 1654+; +Pepys's Diary, June 12, 1668+; +Stukeley's Itinerarium Curiosum+; +Collinson's Somersetshire+; +Dr. Peirce's History and Memoirs of the Bath, 1713, book I, chap. 8, obs. 2. 1684.+ Ich habe mehrere alte Pläne und Abbildungen von Bath, besonders einen höchst interessanten, der mit Ansichten der Hauptgebäude eingefaßt ist, vor Augen gehabt. Letzterer ist v. Jahre 1717.]