Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe

Chapter 6

Chapter 63,351 wordsPublic domain

Nachdem er einige Jahre so gedient, fand er vielleicht eine Anstellung, die sein Auskommen sicherte; aber oft mußte er dieses Glück durch eine Art von Simonie erkaufen, welche mehreren Generationen von Spöttern reichen Stoff zu Witzeleien lieferte. Es war gebräuchlich, daß er mit der Pfarre zugleich auch eine Frau nahm. Diese hatte gewöhnlich bei seinem Principal in Dienst gestanden, und er konnte von Glück sagen, wenn man sie nicht in dem Verdacht hatte, die Gunst ihres Herrn in zu reichem Maße besessen zu haben. Der Character der ehelichen Verbindungen, welche der Geistliche der damaligen Zeit zu schließen pflegte, bezeichnet in der That am besten die Stellung, die er in der Gesellschaft einnahm. Ein Oxforder, der einige Monate nach dem Tode Karl's II. schrieb, beklagte sich bitter nicht nur über die Geringschätzung, mit der auf dem Lande der Advokat und der Apotheker auf den Pfarrer herabsahen, sondern auch darüber, daß man jedes junge Mädchen aus anständiger Familie eindringlich ermahnte, nie einen geistlichen Anbeter zu ermuthigen, und daß eine junge Dame durch Nichtachtung dieser Vorschrift fast in gleichem Grade entehrt wurde, wie durch eine unerlaubte Liebe.[53] Clarendon, der gewiß der Kirche nicht feind war, erwähnt es als einen Beweis von der durch die große Revolution herbeigeführten Verschmelzung der verschiedenen Stände, daß einige junge adelige Fräulein sich mit Geistlichen verbunden hatten.[54] Ein Kammermädchen wurde gewöhnlich als die geeignetste Lebensgefährtin für einen Pfarrer betrachtet. Die Königin Elisabeth selbst hatte dieses Vorurtheil gewissermaßen förmlich sanctionirt durch die specielle Verordnung, daß kein Geistlicher sich erlauben dürfe, ein Dienstmädchen ohne Erlaubniß ihrer Herrschaft zu heirathen.[55] Daher waren denn mehrere Generationen hindurch die Liebesverhältnisse zwischen Geistlichen und Dienstmädchen ein unerschöpfliches Thema für Scherz und Spott, und es dürfte nicht leicht sein, in den Theaterstücken des siebzehnten Jahrhunderts ein einziges Beispiel zu finden, daß ein Geistlicher eine Frau bekommt, die sich über den Rang einer Köchin erhebt.[56] Selbst noch unter der Regierung Georg's II. bemerkte ein Geistlicher, der scharfsinnigste Beobachter der Lebensweise und der Sitten seiner Zeit, daß in reichen Häusern der Kaplan der letzte Trost für eine Kammerzofe von zweideutigem Rufe sei, die keine Hoffnung mehr habe, den Hausverwalter zu kapern.[57]

In der Regel machte der Geistliche, der seinen Kaplanposten um einer Pfarre und einer Gattin willen aufgegeben, sehr bald die Erfahrung, daß er seine Knechtschaft nur mit einer andren vertauscht hatte. Es gab unter funfzig Pfarrstellen noch nicht eine, die ihrem Inhaber so viel eintrug, daß er mit seiner Familie anständig leben konnte. In dem Maße als die Kinder sich mehrten und heranwuchsen, zog Noth und Elend in das Haus des Pfarrers ein; die Löcher im Dache seines Presbyteriums und in seinem einzigen Rocke wurden immer größer und zahlreicher; oft mußte er durch Handarbeit auf dem Felde, durch Füttern der Schweine oder durch Auf- und Abladen von Düngerkarren sein tägliches Brod verdienen und selbst die äußerste Anstrengung schützte ihn nicht immer davor, daß der Gerichtsbote ihm auf dem Wege der Execution seine Concordanz und sein Schreibzeug nahm. Es war ein Festtag für ihn, wenn er in die Küche eines vornehmen Hauses eingelassen und von der Dienerschaft mit kaltem Braten und Bier bewirthet wurde. Seine Kinder erhielten keine bessere Erziehung als die der benachbarten Landleute; die Söhne mußten den Acker pflügen und die Töchter in Dienst gehen. Zu studiren war ihm unmöglich, denn die Summe, für welche das Patronatrecht seines Amtes hätte verkauft werden können, würde kaum zur Anschaffung einer guten theologischen Bibliothek hingereicht haben; er mußte sich daher schon überaus glücklich schätzen, wenn er auf seinem Regale zwischen den Töpfen und Schüsseln etwa ein Dutzend alter Bücher stehen hatte. In einer so ärmlichen Lage mußte auch ein hervorragender und lernbegieriger Geist verrosten.

Zwar fehlte es auch damals der englischen Kirche nicht an Geistlichen, die sich durch Talente und wissenschaftliche Bildung auszeichneten, aber diese waren nicht unter dem Landvolke zerstreut. Sie concentrirten sich in einigen Städten, wo die Mittel und Gelegenheiten, sich Kenntnisse zu erwerben und die Verstandeskräfte durch häufige Übung auszubilden, in Überfluß vorhanden waren.[58] An solchen Orten fand man Theologen, welche durch Talent, Beredtsamkeit, umfassende Kenntniß der Literatur, der Wissenschaft und des Lebens befähigt waren, ihre Kirche gegen Ketzer und Zweifler siegreich zu vertheidigen, die Aufmerksamkeit eines frivolen und weltlichen Zuhörerkreises zu fesseln, öffentliche Verhandlungen zu leiten und der Religion selbst bei dem ausschweifendsten Hofe Achtung zu verschaffen. Einige beschäftigten sich damit, die Tiefen der metaphysischen Theologie zu erforschen; Andere waren in der Auslegung der Bibel gründlich bewandert; noch Andere verbreiteten Licht über die dunkelsten Stellen der Kirchengeschichte. Diese zeigten sich als vollendete Meister in der Logik, Jene widmeten sich der Redekunst mit solchem Eifer und Erfolg, daß ihre Vorträge noch heute mit vollem Rechte für Muster des Styls gelten. Diese ausgezeichneten Männer fanden sich jedoch fast ohne Ausnahme nur auf den Universitäten, an den großen Kathedralen, oder in der Hauptstadt. Barrow war kürzlich in Cambridge gestorben, Pearson war von dort auf die Bischofsbank versetzt worden, und Cudworth und Heinrich More lebten noch daselbst. South und Pococke, Jane und Aldrich waren in Oxford, Prideaux in dem Kapitel von Norwich, Whitby in dem von Salisbury. Vorzugsweise aber war es die Londoner Geistlichkeit, von der man überhaupt stets wie von einer besonderen Klasse sprach, welche den Ruf der Gelehrsamkeit und Beredtsamkeit ihres Standes aufrecht erhielt. Die ersten Kanzeln der Hauptstadt waren damals mit einer bedeutenden Anzahl ausgezeichneter Männer besetzt, unter denen man auch einen großen Theil der Hauptwürdenträger der Kirche wählte. Sherlock predigte im Temple, Tillotson in Lincoln's Inn, Wake und Jeremias Collier in Gray's Inn, Burnet im Archive, Stillingfleet in der St. Paulskathedrale, Patrik in der St. Paulskirche in Coventgarden, Fowler in St. Giles, Cripplegate, Sharp in St. Giles in the Fields, Tenison in St. Martin, Sprat in St. Margaret, Beveridge in St. Peter in Cornhill. Von diesen zwölf Männern, die sich sämmtlich einen berühmten Namen in der Kirchengeschichte gemacht haben, wurden zehn Bischöfe und vier von diesen zehn Erzbischöfe. Ebenso waren fast die einzigen bedeutenden theologischen Werke, welche von einem Landgeistlichen herrührten, die von Georg Bull, der später Bischof von St. David wurde, und auch diese Werke würde Bull schwerlich zu Stande gebracht haben, hätte er nicht ein Gut geerbt, dessen Verkauf ihm die Mittel gewährte, sich eine Bibliothek anzuschaffen, wie sie damals wahrscheinlich kein anderer Landgeistlicher in England besaß.[59]

So zerfiel der anglikanische Klerus in zwei Klassen, die in Bezug auf Kenntnisse, Sitten und gesellschaftliche Stellung weit verschieden von einander waren. Die eine von diesen beiden Klassen, welche für die Städte und Höfe herangebildet war, enthielt Männer, welche gründliche Kenntniß der alten und neuen Wissenschaften besaßen; Männer, welche fähig waren, gegen einen Hobbes oder Bossuet mit allen Waffen der Polemik aufzutreten; Männer, welche in ihren Kanzelreden die Schönheit und Erhabenheit des Christenthums mit solchem Scharfsinn und so kräftiger Sprache zu schildern verstanden, daß selbst der gleichgültige Karl II. ihnen aufmerksam zuhörte und der übermüthige Buckingham zu hohnlächeln vergaß; Männer, welche ihre Bildung, ihre feinen Manieren und ihre Weltkenntniß befähigte, die Gewissensräthe der Reichen und Adeligen zu sein; Männer, mit denen Halifax gern über das Wohl und Wehe der Staaten sprach und von denen Dryden, wie er sich nicht scheute offen zu gestehen, schreiben gelernt hatte.[60] Der andren Klasse war ein bescheideneres und härteres Loos bestimmt. Sie war auf dem platten Lande zerstreut und bestand größtentheils aus Leuten, die nicht wohlhabender und auch nicht viel gebildeter waren als kleine Pächter oder höhere Dienstboten. Und dennoch war bei diesen Landgeistlichen, die ihr Leben nur kärglich mit den Zehntgarben und Zehntferkeln fristeten und nicht die entfernteste Aussicht hatten, es je in ihrem Berufe zu etwas Höherem zu bringen, das Gefühl der Amtswürde am stärksten. Unter den Theologen, welche der Stolz der Universitäten und die Freude der Hauptstadt waren, und die Reichthum und hohen Rang entweder schon besaßen oder doch gegründete Hoffnung hatten, solche zu erlangen, gab es eine der Zahl nach sehr bedeutende Partei von höchst ehrenwerthem Character, die sich zu den constitutionellen Regierungsgrundsätzen hinneigte. Diese Partei lebte auf dem freundschaftlichsten Fuße mit Presbyterianern, Independenten und Baptisten, sie würde gern allen protestantischen Secten die unbeschränkteste Duldung gewährt und selbst einige Änderungen in der Liturgie bewilligt haben, um die aufrichtigen und redlichen Nonconformisten auszusöhnen. Von solcher Toleranz und Mäßigung aber wollte der Landgeistliche nichts wissen. Er war in der That stolzer auf seinen zerrissenen Rock als seine Vorgesetzten auf ihren Purpur und Batist. Gerade das Bewußtsein, daß er sich in Bezug auf seine gesellschaftliche Stellung nur wenig von den Landleuten unterschied, vor denen er predigte, war der Grund, warum er einen übertrieben hohen Werth auf die geistliche Würde legte, die ihm allein Anspruch auf ihre Achtung gab. Da er in beständiger Abgeschiedenheit gelebt und nur wenig Gelegenheit gehabt hatte, durch Lesen oder durch mündliche Unterredungen seine Ansichten zu modificiren, so glaubte und predigte er die Lehren von dem unveräußerlichen Erbrechte, dem passiven Gehorsam und der Verwerflichkeit des Widerstandes in ihrer ganzen abgeschmackten Ungereimtheit. Seit langer Zeit im Kriege mit den Dissenters der Nachbarschaft haßte er diese nur zu oft lediglich um des Unrechts willen, das er ihnen zugefügt und fand an den Fünfmeilen-[61] und der Conventikelacte nichts weiter auszusetzen, als daß diese verhaßten Gesetzte nicht schärfer wären. Den ganzen Einfluß, den seine amtliche Stellung ihm verlieh, und dieser Einfluß war sehr groß, verwendete er mit leidenschaftlichem Eifer zu Gunsten des Toryismus. Man würde sehr irren, wollte man glauben, daß die Macht des Klerus damals geringer war als jetzt, weil der Landpfarrer im Allgemeinen nicht als ein Gentleman angesehen wurde, weil er sich nicht um die Hand einer Tochter des Gutsherrn bewerben durfte, weil er in höheren Gesellschaftszirkeln keinen Zutritt hatte und man es ihm überließ, mit den Dienstleuten zu trinken und zu rauchen. Der Einfluß einer ganzen Klasse richtet sich keineswegs nach dem Ansehen der einzelnen Glieder derselben. Ein Kardinal ist gewiß ein viel angesehenerer Mann als ein Bettelmönch, aber es würde ein gewaltiger Irrthum sein, wenn man annehmen wollte, daß das Kardinalscollegium deshalb eine größere Herrschaft über die öffentliche Meinung in Europa ausgeübt, als zum Beispiel der Franziskanerorden. In Irland steht gegenwärtig ein Peer weit höher im Ansehen als ein römisch-katholischer Priester; dennoch aber giebt es in Munster und Connaught wenige Grafschaften, in denen bei einem Wahlkampfe ein Verein von Priestern gegen eine Verbindung von Peers nicht den Sieg davon tragen würde. Im siebzehnten Jahrhunderte war die Kanzel für einen großen Theil der Bevölkerung das, was heutzutage die periodische Presse ist. Kaum einer von den Bauern, die zur Pfarrkirche kamen, hatte je in seinem Leben eine Zeitung, oder eine politische Flugschrift zu Gesicht bekommen. Mochten die Kenntnisse ihres Seelenhirten noch so gering sein, jedenfalls war er unterrichteter als sie. Allwöchentlich sprach er einmal zu ihnen und Niemand erwiderte etwas auf seine Reden; bei jeder wichtigen Gelegenheit ertönten auf vielen tausend Kanzeln zu gleicher Zeit heftige Schmähungen gegen die Whigs und Ermahnungen zum Gehorsam gegen den Gesalbten des Herrn, und die Wirkung dieser Reden war ungeheuer. Von allen Ursachen, welche nach der Auflösung des Oxforder Parlaments die heftige Reaction gegen die Exclusionisten hervorriefen, scheinen die Predigten der Landpfarrer die wirksamsten gewesen zu sein.

[Anmerkung 51: +Heylin's Cyprianus Anglicus.+]

[Anmerkung 52: +Eachard, Causes of the Contempt of the Clergy+; +Oldham, Satire adressed to a Friend about to leave the University+; +Tatler, 255, 258.+ Auch in den Reisen des Großherzogs Cosmus, Anhang A, wird gesagt, daß die englische Geistlichkeit eine »niedrig geborene« Klasse sei.]

[Anmerkung 53: +A causidico, medicastro, ipsaque artificum farragine, ecclesiae rector aut vicarius contemnitur et fit ludibrio. Gentis et familiae nitor sacris ordinibus pollutus censetur: foeminisque natalitio insignibus unicum inculcatur saepius praeceptum, ne modestiae naufragium, faciant, aut, (quod idem auribus tam delicatulis sonat) ne clerico se nuptas dari patiantur. -- Angliae Notitia+ von T. Wood am New-College, Oxford 1686.]

[Anmerkung 54: +Clarendon's Life II. 21.+]

[Anmerkung 55: Siehe die Verordnungen von 1559 in der Sammlung des Bischofs Sparrow. Jeremias Collier spricht in seinem +Essay of Pride+ ebenfalls mit einem Unwillen von dieser Verordnung, welcher beweist, daß sein eigner Stolz noch nicht gebeugt war.]

[Anmerkung 56: Roger und Abigail in Fletcher's +Scornful Lady+, Bull und die Amme in Vanbrugh's +Relapse+, Smirk und Susanna in Shadwell's, +Lancashire Witches+ sind nur einige Beispiele.]

[Anmerkung 57: +Swift's Directions to Servants.+]

[Anmerkung 58: Diese Unterscheidung zwischen Land- und Stadtgeistlichen wird von Eachard besonders hervorgehoben und muß Jedem auffallen, der die Kirchengeschichte der damaligen Zeit studirt.]

[Anmerkung 59: +Nelson's Life of Bull.+ Wie schwer es dem Landgeistlichen damals war, sich Bücher anzuschaffen, darüber findet man Näheres in der Biographie von Thomas Bray, dem Gründer der Gesellschaft zur Verbreitung des Evangeliums.]

[Anmerkung 60: »Ich habe ihn (Dryden) oft mit wahrem Vergnügen äußern hören, daß er sein geringes schriftstellerisches Talent nur dem häufigen Lesen der Schriften des großen Erzbischofs Tillotson verdanke.« Congreve's Widmung zu Dryden's Schauspielen.]

[Anmerkung 61: Siehe S. 22 im zweiten Kapitel. D. Übers.]

[_Die Freisassen._] Dem Einflusse des Landadels und der Landgeistlichkeit hielt indessen der Einfluß der Freisassen, einer höchst energischen und biederen Klasse, einigermaßen die Wage. Die kleinen Grundbesitzer, welche mit eigner Hand ihr Feld bestellten und ein mäßiges Einkommen genossen, ohne sich um Wappen und Helmbüsche zu kümmern oder nach einem Sitze auf der Richterbank zu trachten, bildeten damals einen viel bedeutenderen Theil der Bevölkerung als gegenwärtig. Wenn man den besten Statistikern jener Zeit glauben darf, so lebten nicht weniger als hundertsechzigtausend Gutsbesitzer, welche mit ihren Familien mehr als ein Siebentel der ganzen Bevölkerung ausgemacht haben müssen, von dem Ertrage kleiner Freigüter. Das durchschnittliche Jahreseinkommen dieser kleinen Grundeigenthümer, bestehend aus Renten, Nutznießungen und Miethzinsen, wurde auf sechzig bis siebzig Pfund Sterling geschätzt. Man hatte berechnet, daß die Anzahl der Gutsbesitzer, welche ihren Grund und Boden selbst bebauten, größer war als die Zahl Derer, welche die Güter Anderer pachtweise bewirthschafteten.[62] Ein großer Theil der Freisassen hatte sich seit dem Beginn der Reformation zu dem Puritanismus hingeneigt, war im Bürgerkriege auf die Seite des Parlaments getreten, hatte auch nach der Restauration dabei beharrt, Presbyterianer- und Indepedentenprediger zu hören, hatte die Exclusionisten bei den Wahlen stets kräftig unterstützt und betrachtete selbst nach der Entdeckung des Ryehousecomplots und der Verbannung der Whighäupter das Papstthum und die Willkürherrschaft noch mit ungeschwächter Feindseligkeit.

[Anmerkung 62: Ich habe hierbei Davenant's Schätzung zum Grunde gelegt, die etwas niedriger ist als die von King.]

[_Wachsthum der Städte._] So groß auch die Veränderungen waren, die seit der Revolution auf dem platten Lande vorgingen, in den Städten waren sie noch viel staunenerregender. Gegenwärtig ist ein Sechstel der ganzen Bevölkerung in den Provinzialstädten von mehr als dreißigtausend Einwohnern zusammengedrängt. Zur Zeit Karl's II. hatte noch keine einzige Provinzialstadt im ganzen Reiche dreißigtausend Einwohner, nur vier zählten zehntausend Seelen.

[_Bristol._] Der Hauptstadt zunächst, aber noch immer in ungeheurem Abstande, kamen Bristol, damals der wichtigste Seehafen, und Norwich, damals die erste Fabrikstadt Englands. Beide sind seitdem von jüngeren Nebenbuhlerinnen weit überflügelt worden, haben aber gleichwohl beide sehr bedeutende positive Fortschritte gemacht, denn die Bevölkerung von Bristol hat sich vervierfacht, die von Norwich mehr als verdoppelt.

Pepys, welcher Bristol acht Jahre nach der Restauration besuchte, war erstaunt über den Glanz dieser Stadt. Allerdings scheint er keinen hohen Maßstab angelegt zu haben, denn er bezeichnet es als ein Wunder, daß man in Bristol allenthalben nichts als Häuser erblicke, wenn man sich umsehe. Danach scheint es, daß in keiner andren ihm bekannten Stadt, London ausgenommen, die Häuser Wald und Feld völlig verdrängt hatten. So groß Bristol damals erschien, bedeckte es doch nur einen sehr kleinen Theil des Flächenraumes, den es gegenwärtig einnimmt. Einige Kirchen von ausgezeichneter Schönheit erhoben sich aus einem Labyrinth von engen Gäßchen, deren Häuser keine besonders festen Grundmauern hatten. Fuhr ein Wagen oder Karren durch diese Gassen, so lief er Gefahr, zwischen den Häusern stecken zu bleiben oder in die Kellergewölbe einzubrechen. Die Waaren wurden daher fast ausschließlich auf kleinen, von Hunden gezogenen Karren in die Stadt gebracht und die reichen Einwohner trugen ihren Wohlstand nicht in goldstrotzenden Equipagen zur Schau, sondern indem sie sich auf ihren Gängen durch die Stadt von einer zahlreichen Dienerschaft in prächtiger Livree begleiten ließen und glänzende Gastmähler gaben. Der Pomp bei Taufen und Leichenbegängnissen überstieg dort Alles, was man irgend anderwärts in England sah. Die Gastfreundschaft dieser Stadt war weit berühmt, ganz besonders die Collationen, mit denen die Besitzer der Zuckerraffinerien ihre Gäste bewirtheten. Diese Mahlzeiten wurden in dem Siedekessel servirt und waren stets von einem aus dem besten spanischen Weine bereiteten köstlichen Getränk begleitet, das im ganzen Lande unter dem Namen »Bristolmilch« bekannt war. Der damals blühende Handel mit den nordamerikanischen Pflanzungen und mit Westindien gestattete diesen Luxus. Die Leidenschaft für den Handel mit den Colonien war so allgemein, daß es in Bristol kaum einen Krämer gab, der nicht Handelsgüter am Bord eines nach Virginien oder nach den Antillen bestimmten Schiffes gehabt hätte. Diese Geschäfte waren allerdings zum Theil nicht der ehrenvollsten Art. In überseeischen Besitzungen der Krone war große Nachfrage nach Arbeitern und diesem Bedarfe wurde theilweis durch ein förmliches Preß- und Menschenraubsystem genügt, das sich in den englischen Seehäfen gebildet hatte. Dieses System wurde nirgends mit solcher Thätigkeit und in solchem Umfange betrieben als in Bristol. Selbst die höchsten Magistratsbeamten der Stadt scheuten sich nicht, sich durch einen so schmachvollen Handel zu bereichern. Aus den damaligen Heerdgeldlisten geht hervor, daß die Häuserzahl im Jahre 1685 gerade fünftausenddreihundert betrug. Die Zahl der Bewohner eines Hauses dürfen wir kaum höher annehmen, als sie in der City von London war, und hier kamen damals auf je zehn Häuser fünfundfünfzig Personen. Demnach muß die Bevölkerung von Bristol sich auf ungefähr neunundzwanzigtausend Seelen belaufen haben.[63]

[Anmerkung 63: +Evelyn's Diary, June 27. 1654+; +Pepys's Diary, June 13. 1668+; +Roger North's Lives of Lord Keeper Guildford, and of Sir Dudley North+; +Petty's Political Arithmetic.+ Ich habe Petty's Angaben zum Grunde gelegt, aber in den daraus hergeleiteten Folgerungen habe ich mich an King und Davenant gehalten, die zwar nicht geschickter waren als jener, aber den Vortheil hatten, daß sie nach ihm kamen. Bezüglich des Menschenhandels, wegen dessen Bristol berüchtigt war, sehe man +North's Life of Guildford, 121. 216.+ und die Rede Jeffreys' in der »Unparteiischen Geschichte seines Lebens und Todes« zusammengedruckt mit den »Blutigen Assisen«. Sein Styl war, wie immer, roh und widerlich, aber ich kann den Verweis, den er den Magistratsbeamten von Bristol gab, nicht zu seinen Verbrechen zählen.]

[_Norwich._] Norwich war die Hauptstadt einer großen und fruchtbaren Provinz, der Sitz eines Bischofs und eines Kapitels und der Hauptsitz des wichtigsten Fabrikationszweiges. Manche ausgezeichnete Männer der Wissenschaft hatten in letzter Zeit dort gelebt und keine Stadt des Landes, die Hauptstadt und die Universitätsstädte ausgenommen, enthielt so viele Sehenswürdigkeiten. Die Mitglieder der +Royal Society+ waren der Meinung, schon die Bibliothek, das Museum, das Vogelhaus und der botanische Garten Sir Thomas Browne's seien einer weiten Reise werth. Auch besaß Norwich einen kleinen Hof. Im Herzen der Stadt stand ein alter Palast der Herzöge von Norfolk, der für das größte städtische Wohnhaus im ganzen Lande, mit Ausnahme von London, galt. Dieser Palast, zu dem ein Ballhaus, eine Kegelbahn und ein großer Park gehörte, der sich an den Ufern des Wansum hinzog, ward zu Zeiten von der vornehmen Familie der Howard bewohnt, welche ein Haus führte wie mancher kleine Souverain. Die Getränke wurden den Gästen in Bechern von reinem Golde gereicht, selbst die Kohlenschaufeln und Feuerzangen waren von Silber. Die Wände waren mit Gemälden von italienischen Meistern geschmückt und die Zimmer mit einer prächtigen Sammlung von Gemmen gefüllt, die jener Earl von Arundel gekauft hatte, dessen Marmorbilder jetzt eine Zierde von Oxford sind. Hier war im Jahre 1671 König Karl mit seinem Hofstaate glänzend bewirthet worden, hier waren jedes Jahr von Weihnacht bis zum Dreikönigstag alle Gäste willkommen. Für das gemeine Volk floß das Bier in Strömen; drei Wagen, von denen einer, der vierzehn Personen faßte, fünfhundert Pfund Sterling gekostet hatte, fuhren jeden Abend in der Stadt umher, um die Damen zu den Festlichkeiten zu holen, und der Tanz wurde jedesmal mit einem glänzenden Festmahle beschlossen. Wenn der Herzog von Norfolk nach Norwich kam, wurde er empfangen wie ein König, der in seine Residenz einzieht. Die Glocken der Kathedrale und der Kirche St. Peter-Mancroft wurden geläutet, die Kanonen des Schlosses abgefeuert und der Mayor und die Aldermen überreichten ihrem hohen Mitbürger Glückwunschadressen. Im Jahre 1693 fand man durch wirkliche Zählung, daß die Bevölkerung von Norwich zwischen achtundzwanzig- und neunundzwanzigtausend Seelen betrug.[64]