Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe

Chapter 5

Chapter 53,172 wordsPublic domain

[Anmerkung 48: +Yarranton, England's Improvement by Sea and Land, 1677+; +Porter's Progress of the Nation.+ Siehe auch die gedrängte, aber ungemein klare Geschichte der britischen Eisenwerke in +M'Culloch's Statistical Account of the British Empire.+]

[Anmerkung 49: Siehe +Chamberlayne's State of England, 1684, 1687+; +Angliae Metropolis, 1691+; +M'Culloch's Statistical Account of the British Empire+ III. Thl. 2. Kap. (Ausg. v. 1847). Im Jahre 1845 betrug die nach London gebrachte Kohlenmenge nach den Parlamentslisten 3,460,000 Tonnen.]

[_Zunahme der Grundrente._] Während diese großen Veränderungen vor sich gingen, war die Grundrente, wie sich erwarten ließ, in fortwährendem Steigen. In einigen Districten hat sie sich mehr als verzehnfacht, in anderen nur verdoppelt; im Durchschnitt aber kann man annehmen, daß sie um das Vierfache gestiegen ist.

Ein großer Theil dieser Einkünfte vertheilte sich unter die Landgentlemen, eine Klasse von Leuten, deren Stellung und Character klar zu erkennen von großer Wichtigkeit ist, denn durch ihren Einfluß und ihre Leidenschaften wurde das Schicksal der Nation in mehreren wichtigen Krisen entschieden.

[_Die Landgentlemen._] Wir würden sehr irren, wenn wir glaubten, daß die Squires des siebzehnten Jahrhunderts ihren heutigen Nachkommen, mit den Grafschaftsabgeordneten und Vorsitzenden der Quartalsitzungen der Friedensrichter, wie wir sie kennen, eine genaue Ähnlichkeit gehabt hätten. Der Landgentleman unsrer Zeit erhält in der Regel eine sehr gute Erziehung, besucht nach genossener vortrefflicher Schulbildung eine ausgezeichnete Universität und es wird ihm jede Gelegenheit geboten, um etwas Tüchtiges zu lernen. Er hat sich gewöhnlich in fremden Ländern umgesehen, hat einen großen Theil seines Lebens in der Hauptstadt zugebracht und die verfeinerten Sitten der Hauptstadt begleiten ihn auf das Land. Es giebt vielleicht keine reizenderen Wohnungen, als die Landsitze der englischen Gentry. In den Parks und Gartenanlagen erscheint uns die durch die Kunst verschönerte, aber nicht verwischte Natur in ihrem lieblichsten Gewande. In den Gebäuden verbindet sich taktvolle Einsicht mit gutem Geschmack, um eine glückliche Vereinigung von Comfort und Eleganz zu erzeugen. Die Gemälde, die musikalischen Instrumente und die Bibliothek würden in jedem anderen Lande als ein Beweis von der feinen Bildung ihres Eigenthümers betrachtet werden. Ein Landgentleman, der die Revolution erlebte, bezog damals aus seinem Grundbesitz wahrscheinlich nur etwa den vierten Theil der Einkünfte, die seine gegenwärtige Nachkommenschaft genießt. Er war daher im Vergleich mit dieser ein armer Mann und in der Regel genöthigt, mit kurzen Unterbrechungen auf seinem Gute zu wohnen. Reisen auf dem Continente, eine häusliche Einrichtung in London oder selbst nur häufige Besuche der Hauptstadt waren Genüsse, die sich nur die großen Gutsbesitzer erzeugen konnten. Man kann dreist behaupten, daß von zwanzig Squires, deren Namen unter den Friedensrichtern und Grafschaftsvorständen figurirten, nicht einer war, der alle fünf Jahre einmal nach London gekommen oder je in seinem Leben nach Paris gereist wäre. Manche Gutsherren hatten eine Erziehung genossen, die sich von der ihrer Dienstleute wenig unterschied. Oft hatte der Erbe eines Gutes während seiner Knaben- und Jünglingsjahre auf dem Stammsitze seiner Familie keine anderen Hofmeister, als Lakaien und Wildhüter, und lernte kaum soviel, damit er seinen Namen unter einen gerichtlichen Verhaftbefehl schreiben konnte. Besuchte er eine Schule oder eine Universität, so kehrte er gewöhnlich schon vor dem zwanzigsten Jahre in die Abgeschiedenheit des väterlichen Hauses zurück und wenn ihn die Natur in geistiger Beziehung nicht besonders reich, begabt hatte, vergaß er bald seine akademischen Studien über ländlichen Beschäftigungen und Vergnügungen. Sein wichtiges Geschäft war die Sorge für seine Besitzung. Er untersuchte Kornproben, betastete Ferkel und an Markttagen schloß er beim Glase mit den Vieh- und Hopfenhändlern Verkäufe ab. Seine Hauptvergnügungen beschränkten sich fast ausschließlich auf Jagd und Pferderennen und auf die Genüsse einer rohen Sinnlichkeit. Seine Rede und seine Aussprache waren so, wie wir sie jetzt nur von dem ungebildetsten Menschen erwarten würden; seine Flüche, seine rohen Scherze und unsauberen Schimpfworte wurden in dem breitesten Dialecte seiner Provinz ausgesprochen. Schon nach den ersten Worten, die er sprach, konnte man leicht unterscheiden, ob er aus Somersetshire oder aus Yorkshire war. Er kümmerte sich wenig um die Ausschmückung seines Hauses, und wenn er wirklich einen derartigen Versuch machte, war das Resultat selten etwas Besseres als geschmacklose Entstellung. Der Unrath des Wirthschaftshofes sammelte sich unter den Fenstern seines Schlafzimmers und die Kohlköpfe und Stachelbeersträucher wuchsen bis dicht vor die Hausthür. Sein Tisch war reich besetzt mit ordinären Speisen und Gäste waren ihm an demselben herzlich willkommen. Da aber in der Klasse, der er angehörte, die Gewohnheit, übermäßig viel zu trinken, allgemein war und seine Mittel ihm nicht erlaubten, jeden Tag eine zahlreiche Gesellschaft mit Burgunder und Kanariensect zu berauschen, so war ein starkes Bier das gewöhnliche Getränk. Die Biermasse, welche zur damaligen Zeit consumirt wurde, war in der That ungeheuer, denn es wurde damals unter den mittleren und niederen Ständen nicht nur von denen getrunken, die es gegenwärtig trinken, sondern es ersetzte auch den jetzigen Genuß von Wein, Thee und Branntwein. Nur in vornehmen Häusern oder bei festlichen Gelegenheiten kamen ausländische Getränke auf die Tafel. Die Frau vom Hause, welche gewöhnlich das Mahl selbst bereitet hatte, zog sich zurück, sobald die Schüsseln geleert waren und ließ die Herren beim Ale und beim Tabak, denen die Schwelger in lärmender Fröhlichkeit oft noch so lange zusprachen, bis sie unter den Tisch fielen.

Nur sehr selten hatte der Landedelmann hin und wieder einen Blick in die vornehmen Zirkel gethan, und was er davon sah, diente eher dazu, seinen Verstand zu verwirren, als aufzuklären. Da er seine Ansichten über Religion, Verfassung, fremde Länder und frühere Zeiten nicht aus eigenen Studien und Beobachtungen oder aus der Unterhaltung mit gebildeten Leuten, sondern nur aus den Traditionen seines beschränkten Gesellschaftskreises geschöpft hatte, so waren es die Ansichten eines Kindes. Trotzdem hing er mit der Zähigkeit an denselben, welche unwissenden Menschen, die gewohnt sind, mit Schmeicheleien überhäuft zu werden, eigen ist, dabei besaß er zahlreiche und heftige Abneigungen. Er haßte Franzosen und Italiener, Schotten und Iren, Papisten und Presbyterianer, Independenten und Baptisten, Quäker und Juden. Gegen London und die Londoner hegte er einen Widerwillen, der mehr als einmal bedeutende politische Folgen hatte. Seine Gattin und seine Tochter standen in Bildung und Kenntnissen unter einer Haushälterin oder einem Kammermädchen unserer Tage. Sie näheten und spannen, braueten Stachelbeerwein, setzten Früchte ein und buken Wildpasteten.

Aus dieser Beschreibung des englischen Esquires könnte man schließen, daß er sich wenig von einem Müller oder einem Schenkwirthe unserer Zeit unterschied; allein wir haben noch einige wesentliche Characterzüge zu erwähnen, welche diese Meinung bedeutend modificiren werden. So mangelhaft seine Bildung und seine Kenntnisse auch waren, so zeigte er sich doch in einigen wichtigen Punkten als ein ächter Gentleman. Als Mitglied einer stolzen und mächtigen Aristokratie zeichnete er sich durch manche den Aristokraten eigene, theils gute, theils schlechte Eigenschaften aus. Sein Familienstolz war größer als der eines Talbot oder eines Howard. Er kannte die Stammbäume und Wappen aller seiner Nachbarn, er konnte sagen, welche von ihnen sich widerrechtlich angemaßt hatten, Wappenträger zu halten, und welche so unglücklich waren, Urenkel von Aldermen zu sein. Er war Gerichtsherr und übte als solcher bei den Bewohnern der Umgegend unentgeltlich eine patriarchalische und rohe Justiz aus, welche trotz zahlreicher Irrthümer und gelegentlicher Acte von Tyrannei immer noch besser war als gar keine. Er war ferner Offizier bei der Miliz, und mochte diese militairische Würde den Tapferen, welche an einem Feldzuge in Flandern Theil genommen, auch lächerlich erscheinen, so erhob sie ihn doch in seinen eigenen Augen, wie in denen seiner Nachbarn. Übrigens war es auch in der That ungerecht, seine militairischen Functionen zu verspotten. In jeder Grafschaft gab es ältere Gentlemen, welche Zeiten gesehen hatten, in denen der Dienst der Bürgerwehr kein Kinderspiel war. Der Eine war nach der Schlacht von Edgehill von Karl I. zum Ritter geschlagen worden; ein Andrer trug noch das Pflaster auf einer Wunde, die er bei Naseby erhalten; ein Dritter hatte sein altes Schloß vertheidigt, bis Fairfax die Thür mit einer Petarde sprengte. Die Anwesenheit dieser ergrauten Cavaliere mit ihren alten Schwertern, ihren alten Pistolenholftern und ihren alten Geschichten von Goring und Lunsford verlieh den Musterungen der Miliz ein ernstes und kriegerisches Gepräge, das ihnen sonst gefehlt haben würde. Selbst diejenigen Landgentlemen, welche zu jung waren, als daß sie sich mit den Kürassieren des Parlaments geschlagen haben konnten, waren wenigstens von Jugend auf von den zurückgelassenen Spuren der letzten Kriege umgeben gewesen und waren mit den Geschichten der tapferen Heldenthaten ihrer Väter und Oheime genährt worden. So bestand der Character des englischen Esquire des siebzehnten Jahrhunderts aus zwei Elementen, die wir nicht gewohnt sind, beisammen zu finden; seine Unwissenheit, seine mangelhafte Bildung, seine rohen Neigungen und seine gemeine Sprache würden heutzutage als ein Zeichen von durchaus plebejischer Herkunft und Erziehung betrachtet worden sein: dessen ungeachtet war er entschieden ein Patrizier und besaß in hohem Maße die Tugenden und Fehler, welche denen eigen sind, die ihrer Geburt nach einen hohen Rang einnehmen und an Befehlen, an Decorum und an Selbstachtung gewöhnt sind. Einer Generation, welche gewohnt ist, ritterliche Gesinnungen nur im Verein mit wissenschaftlicher Bildung und feinen Manieren zu finden, wird es nicht leicht, sich einen Mann mit dem Benehmen, dem Vocabularium und der Redeweise eines Karrenführers zu denken, der gleichwohl in Sachen der Herkunft und der Rangordnung ungemein streng und bereit ist, eher sein Leben aufs Spiel zu setzen, als einen Flecken auf die Ehre seines Hauses werfen zu lassen. Indessen können wir uns eben nur durch die Vereinigung dieser Eigenschaften, welche in unserer eigenen Erfahrung selten oder nie beisammen gefunden werden, einen richtigen Begriff von dem Landadel bilden, der die Hauptstärke der Heere Karl's I. war und lange Zeit mit bewundernswerther Treue die Interessen seiner Nachkommen vertheidigte.

Dieser rohe, ungebildete und selten gereiste Landgentleman war gewöhnlich ein Tory; aber obgleich ein entschiedener Anhänger der erblichen Monarchie, hegte er doch keine parteiliche Vorliebe für die Höflinge und Minister. Er war, und nicht ohne Grund, der Meinung, daß Whitehall mit den verderbtesten Creaturen angefüllt sei; er glaubte, daß ein Theil der ungeheuren Summen, die das Parlament seit der Restauration bewilligt, von schlauen Staatsmännern unterschlagen, ein anderer an Possenreißer und ausländischen Courtisanen vergeudet worden sei. Sein stolzes englisches Herz empörte sich bei dem bloßen Gedanken, daß die Regierung seines Vaterlandes von Frankreich Vorschriften annehmen sollte. In der Regel selbst ein alter Cavalier oder doch der Sohn eines solchen, gedachte er mit heftigem Unwillen des schnöden Undanks, mit dem die Stuarts ihre unglücklichen Freunde belohnt hatten. Wer ihn über die Geringschätzung, mit der er behandelt, und über die Verschwendung, mit der die Bastarde von Lorchen Gwynn und Madame Carwell ausgestattet wurden, murren hörte, hätte ihn für eine Rebellion reif halten können; aber sein Unmuth dauerte nur so lange, als der Thron in Gefahr schwebte. Gerade wenn Diejenigen, die der Monarch mit Reichthümern und Ehrenbezeigungen überhäuft hatte, ihn verließen, schaarten sich die zur Zeit seines Glücks so mürrischen und widersetzlichen Landedelleute wie ein Mann um ihn. So kamen sie Karl II., nachdem sie zwanzig Jahre lang gegen seine schlechte Regierung gemurrt hatten, im Augenblicke der äußersten Gefahr zu Hülfe, als seine eigenen Staatssekretäre und Lords des Schatzes von ihm abfielen, und setzten ihn in den Stand, die Opposition vollständig zu besiegen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie auch seinem Bruder Jakob die nämliche Hingebung bewiesen haben würden, wenn er sich noch im letzten Augenblicke hätte enthalten können, ihre heiligsten Gefühle zu verletzen; denn eine Institution, aber auch nur diese eine, achteten sie noch höher als die erbliche Monarchie, und diese Institution war die englische Kirche. Ihre Liebe zu dieser war zwar nicht das Resultat des Nachdenkens oder des Studiums, denn nur wenige unter ihnen hätten einen aus der heiligen Schrift oder aus der Kirchengeschichte hergeleiteten Grund angeben können, weshalb sie den Lehren, den Gebräuchen und der Verfassung dieser Kirche anhingen, und eben so wenig waren sie, im Ganzen genommen, strenge Beobachter des allen christlichen Secten gemeinsamen Sittengesetzes; aber die Erfahrung vieler Jahrhunderte beweist uns, daß Menschen im Stande sein kennen, für eine Religion, deren Glaubenssätze sie nicht verstehen und nach deren Vorschriften sie so gut als gar nicht handeln, bis zum letzten Athemzuge zu kämpfen und die Gegner derselben erbarmungslos zu verfolgen.[50]

[Anmerkung 50: Meine Schilderung des Landadels des 17. Jahrhunderts ist zu vielen Quellen entlehnt, als daß ich sie hier anführen könnte. Ich muß daher meine hier angesprochenen Ansichten der Beurtheilung Derer überlassen, welche die Geschichte und die leichtere Literatur jener Zeit studirt haben.]

[_Die Geistlichkeit._] Die Landgeistlichkeit war in ihrem Toryismus sogar noch heftiger als die Landgentry und dabei ein kaum minder wichtiger Stand. Es muß jedoch bemerkt werden, daß der Geistliche als Individuum, verglichen mit dem Gentleman als solchem, auf einer viel tieferen Stufe stand als in unseren Tagen. Die hauptsächlichste Finanzquelle der Kirche war der Zehnten, und der Zehnten bildete damals einen viel geringeren Theil des Einkommens, als gegenwärtig. King schätzte die Gesammteinkünfte der Parochial- und Collegiatgeistlichen auf nicht mehr als vierhundertachtzigtausend Pfund Sterling jährlich, Davenant auf fünfhundertvierundvierzigtausend Pfund. Gegenwärtig übersteigen sie sicherlich das Siebenfache der letzteren Summe. Der Durchschnittsertrag der Landrente ist nach seiner Schätzung in gleichem Verhältnisse gestiegen, und daraus folgt, daß die Pfarrer und ihre Vikare im Vergleich zu den benachbarten Rittern und Squires im siebzehnten Jahrhunderte viel ärmer gewesen sein müssen, als im neunzehnten.

Die gesellschaftliche Stellung des Geistlichen war durch die Reformation völlig verändert worden. Vor diesem Zeitabschnitte bildeten die Geistlichen die Majorität im Hause der Lords; sie kamen an Glanz und Reichthum den vornehmsten weltlichen Baronen gleich, ja sie übertrafen diese zuweilen darin und bekleideten in der Regel die höchsten Staatsämter, der Lordschatzmeister war häufig ein Bischof, der Lordkanzler war es fast stets. Der Geheimsiegelbewahrer und der Staatsarchivar waren ebenfalls gewöhnlich Priester, Diener der Kirche versahen die wichtigsten diplomatischen Geschäfte, kurz, man war der Ansicht, daß der ganze, sehr bedeutende Zweig der Verwaltung, zu dessen Führung der rauhe, kriegerische Adel untauglich war, speziell den Theologen zustehe. Eben deshalb nahmen Männer, welche dem Lagerleben abgeneigt, dabei aber von dem Drange beseelt waren, eine hohe Stellung im Staate zu erlangen, in der Regel die Tonsur. Man zählte unter ihnen Söhne unserer vornehmsten Familien und nahe Verwandte des Thrones, wie die Scroop und Neville, die Bourchier, die Stafford und die Pole. Die Klöster bezogen die Einkünfte ungeheurer Grundbesitzungen und den ganzen sehr bedeutenden Theil des Zehnten, der sich gegenwärtig in den Händen von Laien befindet. Bis um die Mitte der Regierung Heinrich's VIII. war daher kein Beruf so lockend für ehrgeizige und habsüchtige Charactere, als der Priesterstand. Dann aber trat eine gewaltsame Veränderung ein. Die Abschaffung der Klöster entzog der Kirche zu gleicher Zeit den größten Theil ihres Reichthums und das Übergewicht im Oberhause des Parlaments. Kein Abt von Glastonbury oder von Reading saß mehr unter den Peers und bezog Einkünfte, welche denen eines mächtigen Earl gleichkamen. Die fürstliche Pracht eines Wilhelm von Wykeham und eines Wilhelm von Wayneflete war verschwunden, der rothe Hut des Kardinals und das silberne Kreuz des Legaten waren dahin. Überdies hatte der Clerus auch den Einfluß verloren, der die natürliche Folge der Überlegenheit an geistiger Bildung ist. Wenn ehedem ein Mann lesen konnte, vermuthete man sogleich, daß er dem geistlichen Stande angehöre; zu einer Zeit aber, welche Laien, wie Wilhelm Cecil und Nikolaus Bacon, Roger Ascham und Thomas Smith, Walter Mildmay und Franz Walsingham hervorbrachte, war es nicht mehr nöthig, Prälaten als ihren Kirchspielen herbeizurufen, damit sie Verträge abschlössen, die Finanzen beaufsichtigten oder die Justiz verwalteten. Der geistliche Stand hatte nicht nur aufgehört, eine nothwendige Bedingung zur Übernahme hoher Staatsämter zu sein, sondern er begann sogar als eine Eigenschaft betrachtet zu werden, welche dazu unfähig machte. Die weltlichen Beweggründe, welche früher so viele intelligente, strebsame und vornehme junge Männer bestimmt hatten, das Priestergewand anzulegen, existirten somit nicht mehr. Unter zweihundert Pfarreien brachte noch nicht eine soviel ein, als ein Mann von Stande zu seinem Unterhalt für nöthig erachtete. Es gab zwar noch einträgliche Stellen in der Kirche, doch ihrer waren sehr wenige und selbst die reichsten erschienen dürftig im Vergleich mit dem Glanze, der früher die Fürsten der Kirche umgeben hatte. Das Haus, das ein Parker und Grindal führten, mußte Denen ärmlich vorkommen, die sich der kaiserlichen Pracht Wolsey's, seiner Paläste, Whitehall und Hampton Court, welche die Lieblingswohnungen der Könige geworden waren, der drei glänzenden Tafeln, welche täglich in seinem Speisesaale gedeckt wurden, der vierundvierzig prachtvollen Chorröcke, die in seiner Kapelle hingen, der kostbaren Livreen seiner Bedienten und der vergoldeten Streitäxte seiner Leibwächter erinnerten. So verlor der geistliche Stand seine Anziehungskraft für die höheren Klassen, und während des ganzen Jahrhunderts nach der Thronbesteigung der Königin Elisabeth sah man kaum einen einzigen Jüngling von vornehmer Geburt in den Priesterstand treten. Zu Ende der Regierung Karl's II. gab es zwei Bischöfe und vier oder fünf Geistliche mit einträglichen Stellen, welche Peerssöhne waren; aber diese wenigen Ausnahmen verwischten den Mißcredit nicht, der auf dem ganzen Stande lastete. Der Klerus wurde in seiner Gesammtheit als eine plebejische Klasse betrachtet. Und in der That, auf einen Geistlichen, der wie ein Gentleman lebte, kamen zehn andere, die nicht viel mehr als Hausdiener waren. Ein großer Theil von denjenigen, welche keine Pfründen hatten oder deren Pfründen zu gering waren, um ein anständiges Auskommen zu gewähren, lebte in den Häusern von Laien. Daß diese Sitte die Würde des geistlichen Standes untergraben mußte, hatte man schon längst erkannt; Laud hatte sich bemüht, eine Änderung herbeizuführen und Karl I. hatte mehr als einmal auf das Bestimmteste anbefohlen, daß es nur vornehmen und angesehenen Familien gestattet werden solle, Hauskaplane zu halten.[51] Aber diese Verordnungen wurden nicht mehr befolgt. Während der Herrschaft der Puritaner konnten auch wirklich viele abgesetzte Diener der anglikanischen Kirche auf keine andere Art Obdach und Brod erhalten, als indem sie sich royalistischen Familien anschlossen, und diese zu den Zeiten der bürgerlichen Unruhen angenommene Sitte bestand noch lange nach der Wiederherstellung der Monarchie und des Episcopats. In den Häusern freisinniger und gebildeter Leute wurde der Kaplan allerdings freundlich und anständig behandelt, seine Unterhaltung, sein wissenschaftlicher und geistlicher Rath wurden als reichliche Gegenleistung für die ihm gewährte Kost, Wohnung und Besoldung betrachtet, allein so war es nicht bei der Mehrzahl der Landedelleute. Der ungebildete und unwissende Squire hielt es für ein nothwendiges Attribut seiner Würde, daß ein Priester in vollem Ornate an seiner Tafel das Tischgebet sprach und wußte es so einzurichten, daß er die Würde mit Sparsamkeit vereinigte. Für Kost, ein Dachstübchen und zehn Pfund Sterling jährlich war ein junger Levit -- dies war die damals übliche Benennung -- zu haben, und dafür mußte er nicht nur seine amtlichen Functionen verrichten, sondern auch die geduldige Zielscheibe des Witzes und den stets bereitwilligen Zuhörer abgeben, bei schönem Wetter jederzeit zum Kegeln, bei Regenwetter zum Beillespiel bei der Hand sein und zuweilen sogar die Ausgabe für einen Gärtner oder einen Bedienten ersparen, denn nicht selten verstutzte der hochwürdige Mann die Obstbäume, oder striegelte die Pferde, oder bezahlte die Rechnung des Hufschmieds, oder ging mit einem Briefe oder einem Packete zehn Meilen weit über Land. Er durfte zwar mit am Familientische essen, aber man erwartete von ihm, daß er sich mit der einfachsten Kost begnügte; er durfte sich seinen Teller mit Pökelfleisch und Möhren füllen so oft er wollte, sobald aber die Torten und Pasteten erschienen, stand er auf und ging auf die Seite, bis er wieder gerufen wurde, um Gott für eine Mahlzeit zu danken, die er nur theilweise genossen hatte.[52]