Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe
Chapter 18
[_Sir Georg Jeffreys._] Das große Siegel blieb in Guildford's Verwahrung, aber eine harte Demüthigung ward ihm zu gleicher Zeit zu Theil. Es wurde der Entschluß gefaßt, einen energischen und tüchtigen Juristen der Verwaltung beizugeben, und hierzu wählte man Sir Georg Jeffreys, Oberrichter des Gerichtshofes der Kings-Bench. Die Verworfenheit dieses Mannes ist zum Sprichwort geworden. Die beiden großen Parteien Englands haben sein Andenken mit wetteifernder Heftigkeit angegriffen, denn die Whigs erblickten in ihm einen grausamen Feind, und die Tories fanden es für angemessen, die Schuld an allen den Verbrechen, durch welche sie ihren Sieg entehrten, auf ihn zu wälzen. Eine genaue und auf Wahrheit beruhende Untersuchung wird darthun, daß einige entsetzliche Geschichten, welche man von ihm erzählt, unrichtig oder übertrieben sind, doch selbst der besonnene Geschichtsschreiber kann von der beispiellosen Menge von Schändlichkeiten, welche das Andenken dieses verworfenen Richters entehren, nur wenige beseitigen.
Er war ein Mann von regsamem, kräftigem Geiste, aber von Natur zur Frechheit und wilden Leidenschaften geneigt. Kaum dem Kindesalter entwachsen, hatte er seine Praxis an den Schranken der Old Bailey begonnen, wo die Rechtsgelehrten immer eine Freiheit der Sprache ausgeübt haben, wie sie in Westminsterhall völlig unbekannt war. Hier war viele Jahre lang seine Hauptbeschäftigung, die Verhöre der verstocktesten Bösewichter der Hauptstadt abzuhalten, und seine tägliche Berührung mit lockeren Dirnen und Dieben weckte und vervollkommnete sein Talent dergestalt, daß er der ausgebildetste Rabulist wurde, den jemals sein Beruf erzeugte. Jede schonende Rücksicht für die Gefühle Anderer, jede Selbstachtung, jeder Sinn für Anstand waren ihm fremd. Er gewann eine unbeschreibliche Fertigkeit in der Ausdrucksweise, in welcher der Pöbel Haß und Verachtung ausspricht. Der Reichthum von Verwünschungen und Schmähreden, aus denen sein Wörterbuch bestand, ließ kaum auf dem Fischmarkt oder im Bärengarten etwas Ähnliches auffinden. Sein Gesichtsausdruck und seine Stimme müssen immer unliebenswürdig gewesen sein, aber diese natürlichen Vorzüge -- denn als solche scheint er sie betrachtet zu haben -- waren von ihm zu einer solchen Vollkommenheit ausgebildet worden, daß es nicht Viele gab, die ihn in seinen Wuthausbrüchen sehen und hören konnten, ohne heftig erregt zu werden. Frechheit und Wildheit thronten auf seiner Stirne. Der Blick seines Auges übte einen Zauber aus auf das unselige Schlachtopfer, auf das es sich richtete; doch behauptete man, seine Stirn und seine Augen hätten weniger Entsetzliches gehabt, als die verzerrten Züge seines Mundes. Sein Wuthgebrüll klang, wie Jemand sagte, der ihn oft gehört, wie der Donner des Weltgerichts. Diese Eigenschaften brachte er von der Barre mit auf den Richterstuhl. Er wurde sehr bald Gemeindesachwalter und später Syndikus von London. Als Richter bei den Sitzungen der City entwickelte er dieselben Neigungen, die ihm nach der Zeit in einer höheren Stellung einen nicht eben beneidenswerthen Nachruhm verschafft haben. Schon konnte man an ihm das abscheulichste Laster, dessen die menschliche Natur fähig ist, Vergnügen am Elend, lediglich als solchem, wahrnehmen. Es lag eine hämische Wollust in der Art und Weise, wie er den Verbrechern das Urtheil verkündigte. Ihr Jammern und Flehen schien ihm einen angenehmen Kitzel zu verursachen, und es amüsirte ihn, sie bis zu Krämpfen zu peinigen, indem er ihnen mit der weitläufigsten Ausführlichkeit die Einzelheiten der Qualen schilderte, welche sie zu erdulden hätten. Wenn er Gelegenheit fand, eine unglückliche Frauensperson zum Staupbesen zu verurtheilen, so rief er: »Henker! ich verlange, daß Ihr dieser Dame besondere Aufmerksamkeit schenkt. Peitschet derb drauf los, Mann! Haut sie, bis das Blut herunterläuft! Es ist Weihnachten, eine kühle Zeit für Madame, um sich zu entkleiden, bemüht Euch, daß ihr die Schultern warm werden.«[23] Er war kaum weniger scherzhaft, als er den armen Ludwig Muggleton verurtheilte, den trunkenen Schneider, der sich für einen Propheten ausgab. »Frecher Schurke, brüllte Jeffreys, Du sollst eine leichte, eine ungemein leichte Strafe erhalten.« Ein Theil dieser leichten Strafe war der Schandpfahl, an welchem der arme Fanatiker durch Steinwürfe beinahe getödtet wurde.[24]
Zu dieser Zeit war Jeffreys' Gemüth bis zu einem Grade verhärtet, wie es bei den schlimmsten Werkzeugen der Tyrannei erforderlich ist. Bisher hatte er in Betreff seiner Beförderung im Amte nur auf die Corporation von London gerechnet. Aus diesem Grunde hatte er sich zum Rundkopf bekannt, und immer eine freudigere Aufregung gezeigt, wenn er katholischen Priestern ankündigte, daß sie lebendig aufgeschnitten werden und mit eigenen Augen ansehen sollten, wie ihre Eingeweide ins Feuer geworfen würden, als wenn er ein gewöhnliches Todesurtheil aussprach. Sobald er von der City alles erlangt hatte, was von ihr zu erwarten war, ließ er es sich angelegen sein, seine eiserne Stirn und giftgeschwollene Zunge dem Hofe zu verkaufen. Chiffinch, dem es nichts Neues war, bei ehrlosen Geschäften aller Art den Unterhändler abzugeben, war ihm dabei behülflich. Derselbe hatte manche galante und politische Intrigue geleitet, nie aber seinem Herrn einen schändlicheren Dienst erwiesen, als durch die Einführung Jeffreys' in Whitehall. Der Überläufer erfreute sich bald der Gönnerschaft des hartherzigen und rachsüchtigen Jakob, während Karl, dessen Fehler, so bedeutend sie auch immer waren, doch in keiner Verbindung mit Unverschämtheit und Grausamkeit standen, Verachtung und Abneigung gegen ihn empfand. »Dieser Mensch«, sagte der König, »hat weder Kenntnisse, noch Verstand und Lebensart, und mehr Frechheit als zehn ausgepeitschte Bordellschwestern.«[25] Aber es gab Beschäftigungen, die Niemand übernehmen mochte, der Achtung vor dem Gesetz oder Gefühl für Schande hatte, und so wurde Jeffreys in einem Lebensalter, wo ein Sachwalter sich glücklich schätzt, wenn man ihm einen bedeutenden Prozeß anvertraut, zum Oberrichter an der Kings Bench erhoben.
Selbst seine Feinde konnten übrigens nicht in Abrede stellen, daß er manche Eigenschaften eines großen Richters besaß. Seine Rechtskunde beschränkte sich allerdings nur auf Kenntnisse, wie sie eine Praxis von nicht besonderer Wichtigkeit verleihen konnte, doch besaß er einen vortheilhaft organisirten Verstand, der ihn durch Irrwege von Sophistereien und Massen unerheblicher Thatsachen gerade auf das gesuchte Ziel hinführte. Übrigens war er selten im vollen Besitz seiner Geisteskräfte, und selbst in civilen Rechtsfallen verwirrte sein boshafter und despotischer Character sehr häufig sein gesundes Urtheil. Vor seinen Gerichtshof treten war wie der Eintritt in die Höhle eines reißenden Thieres, das unzähmbar ist und durch Liebkosungen wie durch Angriffe in gleiche Wuth versetzt wird. Er überhäufte bisweilen Kläger und Beklagte, Anwälte und Advokaten, Zeugen und Geschworne mit einer Fluth unsinniger Schimpfworte, vermischt mit Fluchreden und Schwüren. Sein Blick und Ton hatten Furcht erregt, als er noch ein junger Advokat war, der sich Praxis zu verschaffen suchte, jetzt, wo er Präsident des furchtbarsten Gerichtshofs des Reiches war, gab es in Wahrheit nur Wenige, die nicht vor ihm gezittert hätten. Selbst in nüchternem Zustande war seine Leidenschaftlichkeit entsetzlich genug, gewöhnlich aber befand sich sein Verstand unter dem Einflusse des Rausches und seine gehässigen Leidenschaften erlangten dadurch eine höhere Gereiztheit. Seine Abende verbrachte er insgemein bei Trinkgelagen, und wer ihn blos bei der Weinflasche sah, mußte ihn für einen zwar groben, plumpen, rohen und sinnlichen Menschen, zugleich aber auch für einen gemüthlichen und geselligen Mann halten. In seiner Gesellschaft befanden sich bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich Possenreißer, welche in der Mehrzahl aus den erbärmlichsten Zungendreschern, welche vor ihm praktizirten, gewählt waren, und sich zu seinem Amüsement schimpften und aufzogen. Er riß mit ihnen Zoten, stimmte in ihre Rundgesänge ein, und wenn sein Kopf erhitzt wurde, so herzte und küßte er sie in seliger Weinlaune. Wenn aber auch anfänglich der Wein auf sein Herz einen besänftigenden Einfluß auszuüben schien, so machte sich doch nach einigen Stunden eine ganz andre Wirkung bemerkbar. Oft, wenn der Gerichtshof ihn längere Zeit erwartet und sein Rausch erst halb verflogen war, betrat er seinen Gerichtssitz mit glühenden Wangen und Augen, starrend wie die eines Verrückten. Befand er sich in solchem Zustande, so thaten seine Zechgenossen von voriger Nacht wohl, wenn sie ihm fern blieben, denn die Erinnerung an die ihnen gestattete Vertraulichkeit erregte seinen Zorn und er benutzte zuverlässig jeden Anlaß, um sie mit Schimpf und Schande zu überschütten. Unter seinen vielen abscheulichen Sonderbarkeiten bestand eine in dem Vergnügen, Diejenigen, welchen er bei seinen Anfällen von trunkener Zärtlichkeit seine Gunst zugesagt hatte, nachher öffentlich anzufahren und sie zu beleidigen.
Die Dienste, welche die Regierung von ihm erwartete, leistete er nicht nur ohne Zögern, sondern eifrig und triumphirend. Der Justizmord Algernon Sidney's war seine erste That, und was darauf folgte, stand mit derselben in völligem Einklange. Ehrenwerthe Tories beklagten die Schande, welche die Unmenschlichkeit und das unanständige Betragen eines so hochgestellten Beamten auf die Verwaltung der Rechtspflege brachte, aber die Frevelthaten, welche bei diesen Männern Entsetzen erregten gaben Anspruch auf die Hochschätzung Jakob's, und deshalb erhielt Jeffreys nach Karl's Tode einen Sitz im Kabinet und die Pairswürde. Letztere Auszeichnung war ein besonderes Zeichen der königlichen Gnade, denn seit der Umgestaltung der Gerichtsverfassung des Reichs -- im dreizehnten Jahrhundert -- war kein Oberrichter Lord des Parlaments gewesen.[26]
Guildford sah sich nun von seiner politischen Thätigkeit entfernt und auf sein Amt als Billigkeitsrichter beschränkt. Im Rathe wurde er von Jeffreys mit bemerkbarer Unhöflichkeit behandelt. Die Besetzung aller Justizämter befand sich in den Händen des Oberrichters, und die Rechtsgelehrten wußten wohl, daß es das beste Mittel sei, den Oberrichter zu beruhigen, wenn man den Lord Siegelbewahrer verächtlich behandelte.
[Anmerkung 23: Protokolle der Weihnachtssession von 1678.]
[Anmerkung 24: +The Acts of the Witnesses of the Spirit, part V. chapter V.+ In diesem Werke rächt sich Ludwig nach seiner Weise an dem brüllenden Teufel, wie er Jeffreys nennt, durch eine Masse von Flüchen, um welche ihn Ernulphus beneidet haben würde. Der Prozeß fand im Jahre 1677 statt.]
[Anmerkung 25: Dieser Ausspruch ist in vielen gleichzeitigen Flugschriften zu finden. Titus Oates wurde nicht müde, denselben anzuführen. Man sehe sein #Eikôn basilikê#.]
[Anmerkung 26: Die besten Auskunftsquellen über Jeffreys sind die Staatsprozesse und +North's Life of Lord Guildford.+ Einige weniger wichtige Züge verdanke ich gleichzeitigen Flugschriften in Versen und Prosa. Dergleichen sind the +Bloody Assizes, the Life and Death of George Lord Jeffreys, the Panegyric on the late Jeffreys, the Letter to the Lord Chancellor, Jeffreys's Elegy.+ Man sehe auch +Evelyn's Diary, Dec. 5. 1683, Oct. 31. 1685.+ Es ist unnöthig, dem Leser zu empfehlen, Lord Campbell's vortreffliches Buch zu Rathe zu ziehen.]
[_Erhebung der Kroneinnahmen ohne Parlamentsacte._] Nur wenige Stunden erst war Jakob König, als schon zwischen den beiden Häuptern der Justiz Streitigkeiten ausbrachen. Die Zölle waren Karl nur auf die Dauer seines Lebens überlassen worden, und der neue Souverain konnte sie aus diesem Grunde gesetzlich nicht erheben. Ehe ein Haus der Gemeinen gewählt wurde, mußten einige Wochen vergehen, und wenn während dieser Zeit die Erhebung der Zölle sistirt wurde, so erlitt das Staatseinkommen Verluste, der regelmäßige Handelsverkehr kam ins Stocken, die Consumenten hatten keinen Gewinn davon, und die Einzigen, welche Vortheil daraus zogen, waren die glücklichen Spekulanten, deren Waarenladungen zufällig in der Zeit zwischen dem Thronwechsel und der Versammlung des Parlaments anlangten. Das Schatzamt wurde von Kaufleuten umlagert, deren Magazine mit verzollten Gütern angefüllt waren, und welche in großer Sorge schwebten, durch niedrigere Preise zu Grunde gerichtet zu werden. Unparteiische Männer mußten zugestehen, daß dies ein Fall war, wo die Abweichung einer Regierung von dem streng verfassungsmäßigen Verfahren zu rechtfertigen ist; gebietet ihr aber die Nothwendigkeit, den strengverfassungsmäßigen Weg zu verlassen, so darf sie nicht weiter von demselben sich entfernen, als die Umstände es erfordern. Guildford sah das ein, und machte einen Vorschlag, der ihm zur Ehre gereichte. Er gab den Rath, daß man die Zölle einfordere, die eingegangenen Gelder aber, getrennt von anderen Summen, im Schatzamte so lange verwahre, bis das Parlament zusammengetreten sei. Auf diese Art würde der König den Beweis liefern, daß wenn er auch den Buchstaben des Gesetzes verletze, er doch im Geiste desselben zu handeln wünsche. Jeffreys war andrer Meinung. Er rieth Jakob, ein Edict zu erlassen, worin gesagt würde, es sei Sr. Majestät Wunsch und Wille, daß die Zölle fortgezahlt würden. Dieser Rath war vollkommen nach des Königs Sinne. Der vernünftige Vorschlag des Lord Siegelbewahrers wurde als nur eines Whigs, -- oder was viel schlimmer -- eines Trimmers würdig, verworfen, und es erschien eine öffentliche Bekanntmachung nach der Angabe des Oberrichters. Viele glaubten, daß der allgemeine Unwille dadurch in hohem Grade erregt werden würde, es war aber nicht der Fall. Der Geist der Opposition war noch nicht wieder zu Leben gekommen, und der Hof konnte ohne alle Gefahr sich Handlungen erlauben, welche fünf Jahre früher eine Revolution hervorgerufen haben würden. In der vor kurzer Zeit noch so unruhigen Hauptstadt ließ sich kaum ein Murren hören.[27]
[Anmerkung 27: +London Gazette, Feb. 12. 1684--85. North's Life of Guildford, 254.+]
[_Einberufung eines Parlaments._] Die Proklamation, welche die Forterhebung der Zölle ankündigte, zeigte zugleich an, daß baldigst ein Parlament zusammenkommen würde. Nicht ohne großes Bedenken hatte Jakob den Entschluß gefaßt, die Stände des Reiches zu versammeln. Allerdings war der Zeitpunkt zu einer allgemeinen Wahl ein höchst günstiger, denn seit der Thronbesteigung des Hauses Stuart waren die Wahlkörper noch nie dem Hofe so wohlgesinnt gewesen, wie jetzt; aber der Geist des neuen Herrschers war von einer Besorgniß umfangen, die selbst nach so langer Zeit noch Scham und Ärger erzeugen muß, wenn man ihrer gedenkt. Er fürchtete, daß die Versammlung des englischen Parlaments den Unwillen des Königs von Frankreich erregen könnte.
[_Verhandlungen zwischen Jakob und dem König von Frankreich._] Dem König von Frankreich war es höchst gleichgültig, welche der zwei englischen Parteien bei den Wahlen den Sieg davon trug, denn sämmtliche Parlamente, welche seit der Restauration zusammengekommen waren, in welcher Stimmung sie auch rücksichtlich der inneren Staatsverwaltung sich befunden, hatten die emporstrebende Macht des Hauses Bourbon mit eifersüchtigem Auge betrachtet. In dieser Beziehung bestand kein großer Unterschied zwischen den Whigs und den trotzigen Landedelleuten, welche die Hauptmacht der Torypartei bildeten. Ludwig hatte deshalb weder Bestechungen noch Drohungen unterlassen, um Karl von der Zusammenberufung der Häuser abzuhalten, und Jakob, von jeher in das Geheimniß der auswärtigen Politik seines Bruders eingeweiht, war nun, nachdem er König von England geworden, gleichfalls ein Miethling und Vasall Frankreichs.
Rochester, Godolphin und Sunderland, aus welchen das innere Kabinet bestand, war es kein Geheimniß, daß ihr voriger Herrscher von dem Versailler Hofe Geld empfing. Jakob zog sie zu Rathe, ob es angemessen sei, den gesetzgebenden Körper zu versammeln. Sie gestanden zu, daß es von großer Bedeutung sei, Ludwig bei guter Laune zu erhalten, aber es schien ihnen, daß die Einberufung eines Parlaments durchaus keine Sache einer freien Wahl sein könne. Wie nachgiebig die Nation sich auch zeigte, ihre Geduld hatte Grenzen. Der Grundsatz, daß der König nicht berechtigt sei, das Geld seiner Unterthanen ohne Beistimmung der Gemeinen zu erheben, hatte in der öffentlichen Meinung feste Wurzel gefaßt, und wenn auch in einem außerordentlichen Falle selbst Whigs bereit waren, einige Wochen hindurch Zölle zu entrichten, deren Erhebung nicht gesetzlich gerechtfertigt war, so ließ sich doch nicht bezweifeln, daß selbst Tories widerspenstig werden mußten, wenn solche unbillige Besteuerung länger währen sollte, als die besonderen Verhältnisse, welche sie veranlaßt hatten. Die Häuser mußten daher unbedingt zusammentreten, und je früher sie einberufen wurden, um so besser war es. Selbst der kurze Aufschub, welcher, aus einer Mittheilung nach Versailles entstehen mußte, konnte ein Unglück herbeiführen, das nicht wieder zu beseitigen war. Unzufriedenheit und Verdacht würden sich schnell im Publikum verbreiten, und Halifax sich beschweren, daß man die Grundgesetze der Verfassung angegriffen habe. Der Lord Siegelbewahrer, als furchtsamer, pedantischer Kleinigkeitskrämer, würde ihn unterstützen. Was man mit freiem Willen hätte thun können, würde man später gezwungen thun. Gerade diejenigen Minister, denen der König die öffentliche Achtung zu entziehen wünschte, würden sich auf seine Kosten beliebt machen. Die schlechte Volksstimmung konnte auf die Wahlresultate einen wichtigen Einfluß haben. Diese Gründe ließen sich nicht widerlegen, und der König that dem Lande seinen Willen, kund, ein Parlament zusammen zu berufen. Dabei aber war er ängstlich bemüht, sich von dem Verdachte freizuhalten, als habe er vertragswidrig und unehrerbietig gegen Frankreich gehandelt. Er geleitete Barillon in ein geheimes Zimmer und bat um Verzeihung, daß er einen so bedeutungsvollen Schritt ohne vorherige Erlaubniß Ludwig's gethan habe. »Geben Sie Ihrem Herrn die Versicherung meiner Dankbarkeit und Ergebenheit, ich weiß, daß ich ohne seinen Schutz machtlos bin. Es ist mir bekannt, welche Unannehmlichkeiten meinem Bruder dadurch entstanden sind, daß er nicht treulich zu Frankreich hielt. Ich werde Sorge tragen, daß die Häuser sich nicht in auswärtige Angelegenheiten mischen können; bemerke ich bei ihnen die Absicht, Unheil anzustiften, so werde ich sie unverzüglich heimschicken. Sagen Sie das meinem geliebten Bruder, ich hoffe, er wird es mir nicht übel deuten, daß ich ohne seinen Rath gehandelt habe, er hat ein Recht darauf, von mir um Rath gefragt zu werden, und es ist mein Wunsch, über Alles seinen Rath zu hören; bei dieser Gelegenheit aber hätte ein Aufschub von einer einzigen Woche ernste Folgen nach sich ziehen können.« Diese schmachvollen Entschuldigungen wurden am nächsten Morgen von Rochester wiederholt, und Barillon nahm sie artig auf. Rochester, dadurch ermuthigt, bat nun um Geld. »Es wird gut angelegt werden«, bemerkte er, »Ihr Gebieter kann seine Einnahmen nicht einträglicher verwenden. Machen Sie ihn angelegentlichst darauf aufmerksam, von welcher Bedeutung es ist, daß der König nicht von seinem Volke, sondern von der Freundschaft Frankreichs abhängig sei.«[28]
Barillon säumte nicht, Ludwig mit den Wünschen der englischen Regierung bekannt zu machen, aber Ludwig war ihnen bereits zuvorgekommen. Kaum hatte er den Tod Karl's erfahren, so beeilte er sich, Wechsel auf England, im Werthe von fünfhunderttausend Livres, anzuschaffen, eine Summe, die etwa siebenunddreißigtausendfünfhundert Pfund Sterling gleichkam. Solche Wechsel waren zu jener Zeit in Paris nicht leicht im Laufe eines Tages aufzubringen, nach wenigen Stunden aber war das Geschäft schon besorgt, und ein Courier ging nach London ab.[29] Sobald Barillon die Rimessen erhielt, eilte er mit seinen angenehmen Neuigkeiten nach Whitehall. Jakob schämte sich nicht, Thränen der Freude und Dankbarkeit zu vergießen, oder zu thun, als vergösse er solche. »Niemand, außer Ihrem König, begeht so edle und freundliche Handlungen,« sagte er. »Ich kann ihm niemals meine Dankbarkeit zur Genüge beweisen, geben Sie ihm die Versicherung, daß meine Ergebenheit erst mit meinem Tode endigen wird.« Rochester, Sunderland und Godolphin kamen, Einer nach dem Andern, den Gesandten zu umarmen und ihm ins Ohr zu raunen, daß er ihrem königlichen Herrn neues Leben gegeben habe.[30]
Obgleich Jakob und seinen drei Räthen die von Ludwig bewiesene Schnelligkeit recht wohlgefiel, so erreichte doch der Betrag des Geschenks keineswegs ihre Erwartung. Da sie durch zudringliche Bettelei anstößig zu werden besorgten, so deuteten sie ihre Wünsche nur leise an. Sie versicherten, es sei nicht ihre Absicht, mit einem so edelmüthigen Wohlthäter wie der König von Frankreich zu feilschen, und sie wären entschlossen, gänzlich seiner Freigebigkeit zu vertrauen. Zugleich machten sie den Versuch, ihn durch ein großes Opfer der Nationalehre sich geneigt zu machen. Es war kein Geheimniß, daß es ein Hauptzweck seiner Politik war, die belgischen Provinzen mit seinem Gebiete zu vereinigen. England hatte durch einen Vertrag mit Spanien, der abgeschlossen werden war, als Danby das Schatzmeisteramt verwaltete, die Verpflichtung übernommen, jedem Versuche Frankreichs auf jene Provinzen sich zu widersetzen. Die drei Minister erklärten Barillon, daß ihr Herr durch jenen Vertrag sich nicht mehr für gebunden erachte, da er durch Karl abgeschlossen worden sei. Für diesen könne er gültig gewesen sein, sein Bruder aber fühle sich nicht durch ihn verpflichtet. Der allerchristlichste König möge daher ohne jede Besorgniß vor Einspruch von Seiten Englands beliebige Schritte thun, Brabant und Hennegau seinem Reiche einzuverleiben.[31]
[Anmerkung 28: Die Hauptquelle für Barillon's Depesche vom 9.(19.) Febr. 1685. Sie befindet sich im Anhange zu +Fox' History.+ Man sehe auch Preston's Brief an Jakob +d. d.+ 18.(28.) April 1685 bei Dalrymple.]
[Anmerkung 29: Ludwig an Barillon, 16.(26.) Febr. 1685.]
[Anmerkung 30: Barillon, 16.(26.) 1685.]
[Anmerkung 31: Barillon, 18.(26.) Febr. 1685.]
[_Churchhill als Gesandter nach Frankreich geschickt._]. Zu gleicher Zeit wurde bestimmt, daß eine außerordentliche Gesandtschaft abgeschickt werden sollte, um Ludwig der Dankbarkeit und Ergebenheit Jakob's zu versichern. Mit dieser Sendung beauftragte man eine Persönlichkeit, welche noch keine besonders hohe Stellung einnahm, deren Ruf aber, seltsam aus Schande und Ruhm hervorgegangen, zu einer späteren Periode die ganze gebildete Welt erfüllte.
[_Seine Geschichte._] Bald nach der Restauration, in den fröhlichen, sittenlosen Zeiten, welche durch die Feder Hamilton's so lebhaft geschildert worden ist, fühlte sich Jakob, jung und feurig im Genuß, von Arabella Churchhill angezogen, einer Ehrendame seiner ersten Gemahlin. Das Fräulein war nicht schön, aber Jakob's Geschmack auch nicht wählerisch, und so wurde sie seine erklärte Maitresse. Sie war die Tochter eines armen Ritters, welcher nach Whitehall kam und sich durch Herausgabe einer längst verschollenen, schwerfälligen und gezierten Folioschrift blamirte. Die Verlegenheiten der Churchhills waren dringender Art, ihre Loyalität glühend, und ihre einzige Empfindung bei Arabella's Entehrung scheint ein freudiges Erstaunen gewesen zu sein, daß ein so einfaches Mädchen so hoher Auszeichnung würdig befunden wurde.