Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe

Chapter 15

Chapter 153,200 wordsPublic domain

[_Arbeit der Kinder in den Fabriken._] Es mag hier erwähnt werden, daß der Gebrauch, Kinder frühzeitig zur Arbeit zu verwenden, ein Gebrauch, den der Staat als rechtmäßiger Beschützer Derer, die sich selbst noch nicht beschützen können, in unsrer Zeit mit weiser Menschenfreundlichkeit verboten hat, im siebzehnten Jahrhundert in einer Ausdehnung herrschte, welche bei Vergleichung mit dem Umfange des Fabrikwesens kaum glaublich erscheint. In Norwich, dem Hauptsitze der Tuchmanufactur, wurde ein sechsjähriges Kind schon für arbeitsfähig gehalten. Verschiedene Schriftsteller jener Zeit, darunter manche, die für große Menschenfreunde galten, erwähnen rühmend, daß in dieser Stadt allein Knaben und Mädchen von zartem Alter einen Reichthum erzeugten, der das zu ihrem Lebensunterhalt Erforderliche um zwölftausend Pfund Sterling jährlich übersteige.[175] Je sorgfältiger wir die Geschichte der Vergangenheit prüfen, um so mehr Grund finden wir, von der Meinung Derer abzuweichen, welche glauben, unsre Zeit sei fruchtbar an neuen socialen Übeln gewesen. Die Wahrheit ist, daß diese Übel, mit kaum einer Ausnahme, alt sind. Neu ist nur die Einsicht, welche dieselben erkennt, und die Humanität, die sie beseitigt.

[Anmerkung 175: +Chamberlayne's State of England+; +Petty's Political Arithmetic, chap. VIII+; +Dunning's Plain and Easy Method+; +Firmin's Proposition for the Employing of the Poor.+ Es muß bemerkt werden, daß Firmin ein ausgezeichneter Philantrop war.]

[_Löhne verschiedener Klassen von Handwerkern._] Wenn wir von den Tuchwebern zu einer andren Klasse von Arbeitern übergehen, so werden unsere Untersuchungen zu den nämlichen Resultaten führen. Die Commissare des Greenwich-Hospitals zeichneten mehrere Generationen hindurch die Löhne auf, welche verschiedenen bei den Reparaturen des Gebäudes beschäftigten Handwerkern bezahlt wurden. Aus diesen werthvollen Aufzeichnungen ergiebt sich, daß im Laufe von hundertzwanzig Jahren der Tagelohn des Ziegeldeckers von einer halben Krone auf vier Schillinge zehn Pence, der des Maurers von einer halben Krone auf fünf Schillinge drei Pence, der des Zimmermanns von einer halben Krone auf fünf Schillinge fünf Pence, und der des Bleideckers von drei Schillingen auf fünf Schillinge sechs Pence gestiegen ist.

Daraus geht klar hervor, daß die Arbeitslöhne, nach dem Geldbetrage, im Jahre 1685 nur halb so hoch waren als gegenwärtig, und nur wenige für den Arbeiter wichtige Artikel waren 1685 nur halb so theuer als jetzt. Das Bier war allerdings damals viel wohlfeiler als jetzt. Auch das Fleisch war wohlfeiler, aber immer noch so theuer, daß Tausende von Familien kaum den Geschmack desselben kannten.[176] Der Preis des Weizens hat sich wenig geändert. Während der zwölf letzten Regierungsjahre Karl's II. war der Durchschnittspreis des Quarters funfzig Schillinge. Daher war ein Brod, wie es gegenwärtig die Bewohner eines Zuchthauses bekommen, damals selbst auf dem Tische eines Freisassen oder eines Ladenkrämers eine Seltenheit. Die große Mehrzahl der Nation lebte von Roggen, Gerste und Hafer.

Die Erzeugnisse der tropischen Gegenden, die Erzeugnisse des Bergbaues und die Erzeugnisse des Maschinenwesens waren unzweifelhaft theurer als gegenwärtig. Zu den Bedürfnissen, welche der Arbeiter 1685 theurer bezahlen mußte als seine Nachkommen im Jahre 1848, gehörten unter anderen Zucker, Salz, Kohlen, Lichter, Seife, Schuhe, Strümpfe und überhaupt alle Bekleidungsstücke und alles Bettzeug. Man darf hinzusetzen, daß die Kleider und Bettdecken in früherer Zeit nicht nur theurer, sondern auch weniger haltbar waren als die neueren Fabrikate.

[Anmerkung 176: King veranschlagt in seinen +National and Political Conclusions+ das gemeine Volk Englands auf ungefähr achthundertachtzigtausend Familien. Nur die Hälfte von diesen Familien genoß seiner Aussage nach zweimal wöchentlich animalische Nahrung, die andre Hälfte gar keine, oder höchstens einmal die Woche.]

[_Zahl der Armen._] Man darf nicht vergessen, daß diejenigen Arbeiter, welche im Stande waren, sich und ihre Familien durch ihrer Hände Arbeit zu ernähren, nicht die bedürftigsten Mitglieder des Gemeinwesens waren. Unter ihnen stand noch eine zahlreiche Klasse, welche ohne fremde Unterstützung nicht leben konnte. Es wird kaum einen besseren Maßstab für die Lage des gemeinen Volks geben als das Verhältniß, in welchem die erwähnte Klasse zu der Einwohnerzahl steht. Aus den amtlichen Armenlisten geht hervor, daß gegenwärtig die Männer, Frauen und Kinder, welche Unterstützung erhalten, in schlechten Jahren ein Zehntel und in guten ein Dreizehntel der Bewohner Englands bilden. Gregor King schätzte sie zu seiner Zeit auf mehr als ein Fünftel; und diese Schätzung, die wir bei aller Achtung vor seiner Autorität kaum anders als übertrieben nennen können, wurde von Davenant für höchst verständig erklärt.

Wir sind nicht ganz ohne die Mittel, um selbst eine Schätzung zu machen. Die Armensteuer war unzweifelhaft die drückendste Abgabe, die zu jener Zeit auf unseren Vorfahren lastete. Sie wurde unter Karl II. auf nahe an siebenhunderttausend Pfund Sterling jährlich berechnet; das war weit mehr als der Ertrag der Accise und Zölle und nicht viel weniger als die Hälfte des Gesammteinkommens der Krone. Die Armensteuer nahm mit reißender Schnelligkeit zu und stieg in kurzer Zeit auf acht- bis neunhunderttausend Pfund, das heißt auf ein Sechstel ihres jetzigen Betrags. Die Einwohnerzahl war damals nur ein Drittel so stark als gegenwärtig. Das Minimum des Arbeitslohnes, in Gelde geschätzt, war die Hälfte von dem was es jetzt ist, und wir dürfen daher kaum annehmen, daß die einem Armen gewährte Unterstützung im Durchschnitt mehr als die Hälfte von dem betrug, was ihm gegenwärtig zu Theil wird. Daraus scheint zu folgen, daß damals ein größerer Theil des englischen Volks Gemeindeunterstützung erhielt als jetzt. Man muß gegen solche Schätzungen immer mißtrauisch sein, jedenfalls aber ist es noch durch nichts bewiesen worden, daß der Pauperismus während des letzten Viertels des siebzehnten Jahrhunderts eine minder drückende Last oder ein kleineres sociales Übel war als er es in unsrer Zeit ist.[177]

In einem Punkte muß man indessen zugestehen, daß der Fortschritt der Civilisation das physische Wohlsein eines Theils der ärmsten Klasse vermindert hat. Es ist schon erwähnt worden, daß viele tausend Quadratmeilen, die jetzt eingehegt und angebaut sind, damals Sumpf, Wald und Heide waren. Von diesem wilden Land war ein großer Theil rechtliches Gemeingut, und vieles von dem, was nicht Gemeingut war, hatte einen so geringen Werth, daß die Eigenthümer es factisch Gemeingut sein ließen. Auf solchen Landstrecken wurden unbefugte Ansiedler in einer jetzt nicht gekannten Ausdehnung geduldet. Der dort wohnende Landmann konnte sich mit wenig oder gar keinen Kosten zuweilen eine schmackhafte Zuspeise zu seiner harten Kost verschaffen und sich für den Winter mit Brennholz versorgen. Auf dem Platze, der gegenwärtig ein Obstgarten mit blühenden Äpfelbäumen ist, hielt er eine Heerde Gänse. Er fing wildes Geflügel auf dem Sumpfe, der jetzt schon längst ausgetrocknet und in Korn- und Rübenfelder abgetheilt ist. Er stach Torf unter den Ginsterbüschen auf dem Moore, der jetzt eine Wiese mit blühendem Klee ist, berühmt durch ihre Butter und ihrem Käse.

[Anmerkung 177: Vierzehnter Bericht der Armengesetz-Commission, Anhang +B+, Nr. 2, Anhang +C+, Nr. 1, 1848. Von den beiden oben erwähnten Schätzungen war die eine von Arthur Moore, die andre, einige Jahre später vorgenommene von Richard Dunning. Moore's Schätzung findet man in Davenant's +Essay on Ways and Means+, die Dunning'sche in Sir Friedrich Eden's werthvollem Werke über die Armen. King und Davenant schätzen die Armen und Bettler im Jahre 1696 auf die unglaubliche Zahl von 1,330,000 bei einer Bevölkerung von 5½ Millionen. Im Jahre 1846 belief sich nach den amtlichen Listen die Zahl Derer, welche Unterstützung erhielten, nur auf 1,332,089 bei einer Bevölkerung von ungefähr 17 Millionen. Hierbei ist auch zu bemerken, daß in den amtlichen Listen ein Armer sehr leicht mehr als einmal gezählt wird. -- Ich möchte dem Leser rathen, De Foe's Flugschrift, betitelt: +Giving Alms no Charity+, zu lesen und die Listen von Greenwich in M'Culloch's +Commercial Dictionary+ unter dem Artikel +Prices+ nachzusehen.]

[_Welchen Nutzen die Fortschritte der Civilisation dem gemeinen Volke brachten._] Die Fortschritte des Landbaues und die Zunahme der Bevölkerung mußten den Landmann dieser Vortheile nothwendig berauben; dafür aber läßt sich eine lange Liste anderer Vortheile anführen. Ein großer Theil der Segnungen, welche Civilisation und wissenschaftliche Bildung in ihrem Gefolge haben, kommt allen Ständen zu Gute und würde im Fall der Entziehung von dem Arbeiter eben so schmerzlich vermißt werden, als von dem Peer. Der Marktort, den der Bauer mit seinem Karren jetzt in einer Stunde erreichen kann, war vor hundertsechzig Jahren eine Tagereise weit entfernt. Die Straße, die dem Handwerker jetzt die ganze Nacht hindurch einen sicheren, bequemen und glänzend erleuchteten Spaziergang darbietet, war vor hundertsechzig Jahren nach Sonnenuntergang so dunkel, daß er die Hand nicht vor den Augen hätte sehen können, so schlecht gepflastert, daß er beständig in Gefahr geschwebt hätte, den Hals zu brechen, und so schlecht bewacht, daß er keinen Augenblick sicher gewesen wäre, überfallen und seines kleinen Verdienstes beraubt zu werden. Jeder Maurer, der von einem Gerüste herabfällt, jeder Gassenkehrer, der von einem Wagen überfahren wird, hat jetzt die Gewißheit, daß seine Wunden so zweckmäßig verbunden und seine Glieder so geschickt eingerichtet werden, wie es vor hundertsechzig Jahren ein vornehmer Lord wie Ormond, oder ein Handelsfürst wie Clayton für all' seinen Reichthum nicht haben konnte. Manche schreckliche Krankheiten sind durch die Wissenschaft ausgerottet, manche andere durch polizeiliche Maßregeln beseitigt worden. Die Dauer des menschlichen Lebens hat sich im ganzen Königreiche und namentlich in den Städten verlängert. Das Jahr 1685 galt für kein ungesundes, und doch starb in diesem Jahre mehr als einer von dreiundzwanzig Bewohnern der Hauptstadt.[178] Gegenwärtig stirbt erst von vierzig Einwohnern der Hauptstadt im Jahre einer. Der Unterschied in gesundheitlicher Beziehung zwischen dem London des neunzehnten und dem London des siebzehnten Jahrhunderts ist weit größer als der zwischen dem heutigen London in gewöhnlicher Zeit und zur Cholerazeit.

Noch wichtiger sind die Vortheile, welche allen Klassen der Gesellschaft, und namentlich den niederen durch den mildernden Einfluß der Civilisation auf den Nationalcharacter erwachsen sind. Der Grundzug desselben ist allerdings viele Menschenalter hindurch insofern der nämliche geblieben, als man überhaupt sagen kann, daß der allgemeine Character des Einzelnen, nachdem er ein gebildeter und verständiger Mann geworden, noch derselbe ist als zu der Zeit, da er ein unerfahrener und gedankenloser Schulknabe war. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß der englische Volksgeist, während er gereift ist, sich zugleich auch gemildert hat und daß wir im Laufe der Zeit nicht nur ein weiseres, sondern auch ein sanfteres Volk geworden sind. Es giebt kaum ein Blatt der Geschichte oder der leichteren Literatur des siebzehnten Jahrhunderts, welches nicht einen Beleg dafür enthielte, daß unsere Vorfahren weniger human waren als ihre Nachkommen es sind. In den Werkstätten, in den Schulen und in den Familien herrschte eine ungleich strengere, obwohl keineswegs wirksamere Zucht als gegenwärtig. Dienstherren von guter Herkunft und Erziehung pflegten ihre Untergebenen zu schlagen; Lehrer und Erzieher kannten kein andres Mittel, um ihren Zöglingen Kenntnisse beizubringen, als Schläge, und Ehemänner ganz achtbaren Standes schämten sich nicht, ihre Gattinnen zu schlagen. Die Erbitterung feindlicher Parteien war so heftig, daß wir es kaum begreifen können. Whigs murrten darüber, daß man Stafford sterben ließ, ohne vorher seine Eingeweide vor seinen Augen zu verbrennen. Tories schmähten und insultirten Russell, als er vom Tower nach dem Richtplatze in Lincoln's Inn Fields fuhr.[179] Eben so wenig Mitleid zeigte der Pöbel gegen Verurtheilte niederen Standes. Ein Verbrecher, der an den Pranger gestellt wurde, konnte von Glück sagen, wenn er unter dem Hagel von Ziegel und Pflastersteinen mit dem Leben davon kam.[180] Wenn er an den Karren angebunden wurde, um gestäupt zu werden, drängte sich der Haufe um ihn und ermahnte den Henker, ihm tüchtig aufzuzählen, damit er ordentlich heulte.[181] Gentlemen unternahmen an Gerichtstagen Lustfahrten nach Bridgewell, um die unglücklichen Weiber auspeitschen zu sehen, welche dort Hanf brechen mußten.[182] Ein Mann, der zu Tode gepreßt wurde, weil er sich weigerte, vor Gericht zu antworten, oder eine Frau, die wegen Falschmünzerei verbrannt wurde, erregten weniger Theilnahme als jetzt ein wundgeriebenes Pferd oder ein übermäßig angestrengter Ochse; Kämpfe, im Vergleich mit denen ein Boxerkampf ein edles und humanes Schauspiel ist, gehörten zu den Lieblingsbelustigungen eines großen Theiles der Bewohner. Massen von Zuschauern versammelten sich, um Gladiatoren einander mit tödtlichen Waffen in Stücke hauen zu sehen und brachen in Jubelgeschrei aus, wenn einer der Kämpfer einen Finger oder ein Auge verlor. Die Gefängnisse waren irdische Höllen, Herde aller nur denkbaren Laster und Krankheiten. Bei den Assisen brachten die abgezehrten und leichenhaft aussehenden Angeklagten aus ihren Kerkern einen Pestgestank mit in das Gerichtszimmer, der sie zuweilen an den Richtern, Anwälten und Geschwornen empfindlich rächte. Aber gegen all' dieses Elend blieb die Gesellschaft vollkommen gleichgültig. Nirgends fand man die mitleidige, nie ruhende Theilnahme, welche in unsrer Zeit dem Kinde in den Fabriken, wie der Hinduwittwe und dem Negersklaven einen kräftigen Schutz gewährt, die die Mundvorräthe und Wasserfässer jedes Auswandererschiffes untersucht, der jeder Peitschenhieb auf den Rücken eines betrunkenen Soldaten weh thut, die es nicht dulden will, daß der Dieb auf den Gefangnenschiffen schlecht genährt oder übermäßig angestrengt wird und die sich wiederholt selbst für das Leben des Mörders verwendet hat. Allerdings muß, wie jedes andre Gefühl, das Mitleid unter der Oberherrschaft der Vernunft bleiben und es hat, wenn es sich von dieser Herrschaft lossagt, schon oft nachtheilige und selbst beklagenswerthe Folgen gehabt. Aber je genauer wir die Annalen der Vergangenheit studiren, um so freudiger werden wir erkennen, daß wir in einem Zeitalter des Erbarmens leben, in einem Zeitalter, in welchem jede Grausamkeit verabscheut und selbst wohlverdienter Schmerz nur mit Widerwillen und lediglich aus Pflichtgefühl zugefügt wird. Durch diese große sittliche Veränderung hat unzweifelhaft jede Klasse viel gewonnen, am meisten aber die ärmste, die abhängigste und wehrloseste Klasse.

[Anmerkung 178: Die Zahl der Todesfälle betrug 23,222. -- +Petty's Political Arithmetic.+]

[Anmerkung 179: +Burnet I. 560.+]

[Anmerkung 180: +Muggleton's Acts of The Witnesses of the Spirit.+]

[Anmerkung 181: Tom Browne schildert eine solche Scene in Worten, die ich nicht anzuführen wage.]

[Anmerkung 182: +Ward's London Spy.+]

[_Täuschung, welche die Menschen verleitet, das Glück früherer Geschlechter zu überschätzen._] Das Gesammtergebniß der dem Leser vorgeführten Thatsachen dürfte kaum zweifelhaft sein. Trotz der augenfälligsten Beweise aber werden sich noch immer Viele das England der Stuarts als ein glücklicheres Land vorstellen als das England ist, in dem wir leben. Es mag auf den ersten Blick sonderbar scheinen, daß eine Gesellschaft, die mit rastloser Eil vorwärts schreitet, dennoch beständig mit schmerzlicher Sehnsucht zurückblickt. Aber wie unvereinbar diese beiden Neigungen auch scheinen mögen, so lassen sie sich doch leicht auf gleichen Ursprung zurückführen. Beide entspringen aus unsrer Unzufriedenheit mit dem Zustande, in dem wir uns eben befinden, und diese Unzufriedenheit spornt uns an, vergangene Generationen zu überflügeln, verleitet uns aber zu gleicher Zeit auch, ihr Glück zu überschätzen. In gewissem Sinne ist es thöricht und undankbar von uns, daß wir beständig unzufrieden sind mit einem Zustande, der sich beständig bessert. Aber eben weil beständige Unzufriedenheit herrscht, findet beständige Besserung statt. Wenn wir mit der Gegenwart vollkommen zufrieden wären, würden wir aufhören zu sinnen, zu arbeiten und in Hinblick auf die Zukunft zu sparen. Da uns aber die Gegenwart nicht befriedigt, ist es auch natürlich, daß wir eine zu günstige Meinung von der Vergangenheit haben.

Wir sind in der That in einer Täuschung befangen, ähnlich der, welche den Reisenden in der arabischen Wüste irre führt. Unter den Füßen der Karawane ist Alles trocken und kahl, und vor und hinter ihr in weiter Ferne schimmern erquickende Wasserspiegel. Die Pilger eilen vorwärts und finden nichts als Sand, wo sie vor einer Stunde einen See gesehen hatten. Sie wenden sich um und erblicken einen See da, wo sie vor einer Stunde durch den Sand wateten. Eine ähnliche Täuschung scheint die Nationen durch alle Stadien der langen Reise aus Armuth und Barbarei zu den höchsten Stufen des Wohlstandes und der Civilisation zu begleiten. Verfolgen wir aber das Trugbild entschlossen nach rückwärts, so werden wir es bis in die Regionen des sagenhaften Alterthums zurückweichen sehen. Man pflegt jetzt das goldene Zeitalter Englands in eine Zeit zu versetzen, wo der vornehmste Mann Bequemlichkeiten entbehrte, deren Mangel einem modernen Lakaien unerträglich sein würde, wo der Landwirth und Krämer zum Frühstück ein Brod aßen, dessen bloßer Anblick in einem Arbeitshause der Neuzeit eine Meuterei hervorrufen würde, wo die Menschen in der reinsten Landluft früher starben, als jetzt in den verpestetsten Gäßchen unserer Städte, und wo sie in den Gäßchen der Städte früher starben als jetzt auf der Küste von Guiana. Auch wir werden einst übertroffen, auch wir werden einst beneidet werden. Es kann wohl kommen, daß im zwanzigsten Jahrhundert der Landmann von Dorsetshire sich mit fünfzehn Schillingen die Woche für schlecht bezahlt hält, daß der Zimmermann in Greenwich zehn Schillinge den Tag verdient, daß der Arbeiter eben so wenig gewohnt ist, zu Mittag das Fleisch zu entbehren, als er jetzt gewohnt ist, Roggenbrod zu essen, daß Gesundheitspolizei und arzneiwissenschaftliche Entdeckungen die durchschnittliche Dauer des menschlichen Lebens noch um mehrere Jahre verlängern, daß zahlreiche Annehmlichkeiten und Genüsse, die jetzt unbekannt oder doch nur Wenigen zugänglich sind, jedem fleißigen und strebsamen Arbeiter erreichbar werden. Und doch wird man auch dann vielleicht sagen, daß die Zunahme des Wohlstandes und die Fortschritte der Wissenschaft nur der Minderheit auf Kosten der Mehrheit zu Gute gekommen seien, und wird von der Regierung der Königin Victoria sprechen als von einer Zeit, da England wirklich das glückliche England war, wo das Band brüderlicher Sympathie alle Klassen umschlang, wo der Anblick des Reichen das Auge des Armen nicht verletzte und der Arme den Glanz des Reichen nicht beneidete.

* * * * * * * * *

Viertes Kapitel

Jakob II.

=Inhalt.=

Seite Tod Karl's II. 5 Verdacht der Vergiftung 13 Rede Jakob's II. an den Geheimen Rath 14 Ausrufung Jakob's 15 Stand des Ministeriums 16 Neue Anordnungen 17 Sir Georg Jeffreys 18 Erhebung der Kroneinnahmen ohne Parlamentsacte 22 Einberufung eines Parlaments 23 Verhandlungen zwischen Jakob und dem König von Frankreich 23 Churchill als Gesandter nach Frankreich geschickt 25 Seine Geschichte 25 Stimmung der Regierungen des Continents in Bezug auf England 27 Innerer Kampf Jakob's II. 31 Schwankungen seiner Politik 31 Öffentliche Ausübung des katholischen Ritus in Jakob's Palast 33 Jakob's Krönung 34 Enthusiastische Adresse der Tories 36 Die Wahlen 37 Prozeß gegen Oates 41 Prozeß gegen Dangerfield 44 Prozeß gegen Baxter 45 Zusammentritt des schottischen Parlaments 48 Gesinnungen Jakob's gegen die Puritaner 49 Grausame Behandlung der schottischen Covenanters 50 Stimmung Jakob's gegen die Quäker 53 Wilhelm Penn 55 Besondere Bevorzugung der Katholiken und Quäker 57 Zusammenkunft des englischen Parlaments 59 Trevor zum Sprecher gewählt 59 Seymour's Character 59 Rede des Königs an das Parlament 60 Debatte bei den Gemeinen. -- Rede Seymour's 61 Bewilligung des Einkommens 62 Verhandlungen der Gemeinen hinsichtlich der Religion 62 Bewilligung nachträglicher Steuern 63 Sir Dudley North 63 Verhandlungen der Lords 64 Bill zur Aufhebung der Verurtheilung Stafford's 65

[_Tod Karl's II._] Der Tod Karl's II. war der Nation überraschend. Er besaß eine kräftige Constitution und schien nicht durch Ausschweifungen gelitten zu haben. Bei seinen Vergnügungen ließ er nie die Rücksicht auf die Gesundheit aus den Augen, und seine Gewohnheiten berechtigten zur Erwartung eines langen Lebens und rüstigen Greisenalters. Wie träge er auch immer da erschien, wo Anstrengung des Geistes nöthig war, in körperlichen Übungen war er lebhaft und ausdauernd. Er war in seiner Jugend ein rühmlich bekannter Ballspieler gewesen,[1] und noch im höheren Lebensalter ein unermüdlicher Fußgänger von so außergewöhnlichem Schritt, daß Diejenigen, denen die Ehre seines Umgangs zu Theil wurde, Mühe hatten, mit ihm fortzukommen. Er verließ sehr zeitig das Bett und bewegte sich regelmäßig drei bis vier Stunden in der freien Luft. Ehe noch der Thau von dem Grase des St. James-Parks verschwunden war, sah man ihn schon unter den Bäumen lustwandeln und mit seinen Wachtelhunden spielen, oder den Enten Korn vorwerfen, und diese Beschäftigungen machten ihn beim gemeinen Volke sehr beliebt, welches immer die Mächtigen gern bei ihren zwanglosen Erholungen beobachtet.[2]