Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe

Chapter 12

Chapter 123,297 wordsPublic domain

[_Zeitungen._] Der wichtigste Theil der Packereien, welche die alten Posten beförderten, waren die Neuigkeitsbriefe. Im Jahre 1685 gab es noch nichts, was der heutigen Londoner Tagespresse ähnlich sah, und es konnte auch nichts Derartiges geben. Weder das nöthige Kapital, noch das nöthige Geschick war dazu vorhanden; auch fehlte die Freiheit, ein nicht minder wesentlicher Mangel als der des Kapitals und der Geschicklichkeit. Allerdings stand die Presse damals noch nicht unter einer allgemeinen Censur, denn das kurz nach der Restauration erlassene Censurgesetz war schon 1679 nicht mehr in Kraft. Jedermann konnte daher auf eigne Gefahr und ohne vorherige Genehmigung von Seiten irgend eines öffentlichen Beamten eine Geschichte, eine Predigt oder ein Gedicht drucken; aber die Richter waren einstimmig der Meinung, daß diese Freiheit sich nicht auch auf Zeitungen erstrecke, und daß nach dem gemeinen Rechte Englands Niemand ohne specielle Erlaubniß der Krone berechtigt sei, politische Neuigkeiten zu veröffentlichen.[133] So lange die Whigpartei noch mächtig war, hielt die Regierung es für gerathen, eine Übertretung dieser Regel vorkommendenfalls nicht zu streng zu nehmen. Während des großen Kampfes wegen der Ausschließungsbill durften viele Zeitungen erscheinen, wie die +Protestant Intelligence+, die +Current Intelligence+, die +Domestic Intelligence+, die +True News+, der +London Mercury+.[134] Keine von diesen erschien jedoch öfter als zweimal wöchentlich und keine überstieg in Umfang ein einfaches kleines Blatt. Die Quantität des Stoffes, die der ganze Jahrgang einer dieser Zeitungen enthielt, war nicht größer als man oft in zwei Nummern der »Times« findet. Nach Besiegung der Whigs hatte der König nicht mehr nöthig, bei der Ausübung des ihm nach dem Ausspruche aller seiner Richter unzweifelhaft zustehenden Hoheitsrechts besondere Rücksichten zu nehmen. So durfte denn auch gegen das Ende seiner Regierung keine Zeitschrift mehr ohne seine Genehmigung erscheinen, und diese wurde ausschließlich der »London Gazette« ertheilt. Auch die »London Gazette« erschien nur Montags und Donnerstags. Der Inhalt einiger Nummern bestand gewöhnlich in einer königlichen Proklamation, einigen toryistischen Adressen, der Anzeige von einigen Beförderungen, einen Bericht von einem Scharmützel zwischen den Kaiserlichen und den Janitscharen an der Donau, das Signalement eines Straßenräubers, die Ankündigung eines von zwei hochstehenden Personen veranstalteten Hahnenkampfes und eine Anzeige, welche dem Wiederbringer eines entlaufenen Hundes eine Belohnung zusicherte. Dies Alles füllte zwei Seiten von mäßig großem Format. Alle Mittheilungen über Angelegenheiten von hoher Bedeutung waren in dem hölzernsten und förmlichsten Style abgefaßt. Wenn es indessen der Regierung zuweilen beliebte, die öffentliche Neugierde in Betreff eines wichtigen Vorfalls zu befriedigen, so wurde ein großer Bogen ausgegeben, der ausführlichere Mittheilungen enthielt, als die Gazette sie geben konnte; aber weder diese noch irgend eine amtlich gedruckte Beilage brachte je eine Nachricht, deren Veröffentlichung nicht den Zwecken des Hofes diente. Die wichtigsten parlamentarischen Verhandlungen und Staatsprozesse, von denen uns die Geschichte erzählt, wurden mit tiefem Stillschweigen übergangen.[135] In der Hauptstadt ersetzten die Kaffeehäuser einigermaßen die fehlenden Zeitungen; dahin strömten die Londoner, wie einst die alten Athener nach dem Marktplatze, um zu hören, ob etwas Neues geschehen sei. Dort konnte man erfahren, wie brutal ein Whig am vorigen Tage in Westminsterhall behandelt worden war, welche haarsträubenden Berichte von den Folterqualen der Covenanters die Briefe aus Edinburg enthielten, wie gröblich die Admiralität die Krone bei der Verproviantirung der Flotte betrogen und welche schweren Anschuldigungen der Geheimsiegelbewahrer in Betreff des Heerdgeldes gegen das Schatzamt erhoben habe.

[Anmerkung 133: London Gazette vom 5. und 17. Mai 1680.]

[Anmerkung 134: Eine höchst interessante und meines Wissens die einzige Sammlung dieser Zeitungen befindet sich im Britischen Museum.]

[Anmerkung 135: So wird zum Beispiel von den wichtigen Parlamentsverhandlungen vom November 1685, wie von dem Prozesse und der Freisprechung der sieben Bischöfe kein Wort erwähnt.]

[_Die Neuigkeitsbriefe._] Aber Diejenigen, welche von der großen Schaubühne des politischen Kampfes entfernt waren, konnten von dem, was daselbst vorging, nur durch die sogenannten Neuigkeitsbriefe regelmäßig Nachricht erhalten. Das Schreiben derartiger Briefe wurde daher in London ein Erwerbszweig, wie es dies jetzt bei den Eingeborenen Indiens ist. Der Neuigkeitsschreiber wanderte von Kaffeehaus zu Kaffeehaus, um Nachrichten zu sammeln, drängte sich in den Sitzungssaal der Old Bailey, wenn daselbst ein interessanter Prozeß verhandelt wurde, und erlangte sogar zuweilen Zutritt in die Galerien von Whitehall, wo er bemerken konnte, wie der König und der Herzog aussahen. Auf diese Weise sammelte er Materialien zu Wochenberichten, welche bestimmt waren, eine Provinzialstadt oder einen ländlichen Magistrat zu erleuchten. Dies waren die Quellen, aus denen die Bewohner der größeren Provinzialstädte und die Gesammtheit der Landgentry und der Geistlichkeit fast allein ihre ganze Kenntniß der Geschichte ihrer Zeit schöpften. Wir dürfen annehmen, daß es in Cambridge eben so viele Leute gab, welche gern erfahren wollten, was in der Welt vorging, als in irgend einer andren Stadt des Königreichs, London ausgenommen. Dennoch hatten die Doctoren des Rechts und die Magister der freien Künste in Cambridge während eines großen Theils der Regierung Karl's II. keine andre regelmäßige Neuigkeitsquelle als die Londoner Gazette, bis endlich die Dienste eines der Nachrichtensammler in der Hauptstadt angenommen wurden. Es war ein denkwürdiger Tag, an welchem die ersten Neuigkeitsbriefe aus London auf einem Tische des einzigen Kaffeehauses von Cambridge ausgelegt waren.[136] Auf dem Wohnsitze eines reichen Mannes auf dem Lande wurde der Neuigkeitsbrief stets mit Ungeduld erwartet, und acht Tage nach seiner Ankunft war er durch die Hände von zwanzig Familien gegangen. Er lieferte den umwohnenden Squires den Stoff zu ihrer Unterhaltung an Winterabenden und den benachbarten Pfarrern Themata zu heftigen Predigten gegen Whiggismus oder Papismus. Bei genauer Nachsuchung in den Archiven alter Familien würden sich ohne Zweifel noch viele von diesen merkwürdigen Journalen finden. Einige werden in unseren öffentlichen Bibliotheken aufbewahrt und eine Reihenfolge derselben, welche einen werthvollen Theil der von Sir Jakob Mackintosh gesammelten literarischen Schätze bildet, wird im Verlaufe dieses Werks noch dann und wann citirt werden.[137]

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß es damals keine Provinzialblätter gab. Ja es gab sogar, außer in der Hauptstadt und in den beiden Universitätsstädten, kaum noch einen Buchdrucker im Königreiche. Die einzige Presse in England nördlich vom Trent scheint sich in York befunden zu haben.[138]

[Anmerkung 136: +Roger North's Life of Dr. John North.+ Über die Neuigkeitsbriefe sehe man das +Examen, 133.+]

[Anmerkung 137: Ich ergreife diese Gelegenheit, um der Familie meines lieben und verehrten Freundes, Sir Jakob Mackintosh meinen wärmsten Dank dafür auszusprechen, daß sie mir die Materialien zur Benutzung überließ, die er zu einer Zeit gesammelt hatte, als er ein ähnliches Werk wie das vorliegende zu schreiben gedachte. Ich habe nie eine so werthvolle Sammlung von Auszügen aus öffentlichen und Privatarchiven gesehen, und ich glaube nicht, daß irgendwo noch eine zweite von gleichem Umfange existirt. Der richtige Scharfblick, mit dem Sir Jakob aus großen Massen geschichtlichen Stoffes das Werthvollste auswählte und das Werthlose unbeachtet ließ, versteht nur Derjenige zu würdigen, der nach ihm das nämliche Gebiet bearbeitet hat.]

[Anmerkung 138: +Life of Thomas Gent.+ Ein vollständiges Verzeichniß aller im Jahre 1724 vorhanden gewesenen Druckereien befindet sich in +Nichol's Literary Anecdotes of the eighteenth century+. Obgleich sich binnen wenigen Jahren die Zahl der Pressen bedeutend vermehrt hatte, gab es doch in vierunddreißig Grafschaften, darunter Lancashire, noch keinen Buchdrucker.]

[_Der »Observator.«_] Die »London Gazette« war übrigens nicht das einzige Organ, durch welches die Regierung dem Volke politische Belehrung ertheilte. Dieses Journal enthielt nur spärliche Nachrichten ohne Commentar; ein andres, ebenfalls unter dem Patronat des Hofes erscheinendes Journal, brachte dagegen nur Commentare ohne Nachrichten. Dieses Blatt, »der Observator« betitelt, wurde von einem alten toryistischen Pamphletschreiber, Namens Roger Lestrange, herausgegeben. Es fehlte diesem Lestrange durchaus nicht an schriftstellerischer Gewandtheit und an Schlauheit; seine Diction war zwar gemein und durch einen damals im Vorzimmer und im Wirthshause für witzig geltenden Jargon verunziert, aber dennoch nicht ohne Schwung und Kraft. In jeder Zeile aber, die aus seiner Feder floß, zeigte sich sein heftiger und unedler Character. Als die ersten Nummern des »Observator« erschienen, gab es allerdings einige Entschuldigungsgründe für seine Bitterkeit, denn die Whigs waren damals mächtig und er hatte zahlreiche Gegner zu bekämpfen, deren rücksichtslose Heftigkeit eine gleiche Sprache zu rechtfertigen schien. Im Jahre 1685 aber war alle Opposition unterdrückt, und ein edler Character würde es daher verschmäht haben, eine Partei, die nicht antworten durfte, zu beschimpfen und die traurige Lage von Gefangenen, Verbannten und beraubten Familien noch zu verschlimmern; aber dem hämischen Lestrange war selbst das Grab und das Trauerhaus nicht heilig. Im letzten Monate der Regierung Karl's II. starb Wilhelm Innkyn, ein hochbetagter und angesehener Dissenterpfarrer, der wegen keines andren Vergehens, als weil er Gott auf die Weise anbetete, welche damals von dem ganzen protestantischen Europa allgemein angenommen war; grausame Verfolgungen zu erdulden hatte, in Newgate an Gram und Entbehrungen. Dem Ausdruck der innigen Theilnahme von Seiten des Volks konnte man nicht Schweigen gebieten, und es folgte daher dem Sarge ein Zug von hundertfunfzig Wagen. Selbst Höflinge betrauerten den Verstorbenen und sogar der gedankenlose König zeigte einige Theilnahme. Lestrange allein brach in ein rohes Freudengeheul aus, lachte über das weibische Mitleid der Trimmer, erklärte laut, daß der lästerliche alte Heuchler seine wohlverdiente Strafe erhalten, und gelobte alle Scheinheiligen und falschen Märtyrer nicht nur bis zum Tode, sondern noch über das Grab hinaus zu bekriegen.[139] Dies war der Geist des Blattes, welches damals das Orakel der Torypartei und ganz besonders der Landgeistlichkeit war.

[Anmerkung 139: Observator vom 29. und 31. Januar 1685. +Calamy's Life of Baxter. Nonconformist Memorial.+]

[_Seltenheit von Büchern auf dem Lande._] Die Literatur, welche durch das Postfelleisen verbreitet werden konnte, bildete damals den größten Theil der geistigen Nahrung, welche den Geistlichen und Richtern auf dem Lande zu Gebote stand. Die Beförderung großer Packete von einem Orte zum andren war mit solchen Schwierigkeiten und Kosten verknüpft, daß ein umfangreiches Werk mehr Zeit brauchte, um von Paternoster Row nach Devonshire oder Lancashire zu gelangen, als gegenwärtig nach Kentucky. Wie spärlich eine Landpfarre damals selbst mit solchen Büchern versehen war, die ein Theolog am nöthigsten braucht, ist schon bemerkt worden. Die Häuser der Gentry waren nicht reichlicher versehen. Nur wenige Landedelleute der Grafschaft hatten so gute Bibliotheken, wie man sie jetzt in jedem Bedientenzimmer und in der Ladenstube jedes Krämers findet. Ein Esquire, der auf seinem Fensterbrete zwischen Angeln und Vogelflinten den +Hudibras+ und +Baker's Chronicle+, +Tarlton's Jests+ und die +Seven Champions of Christendom+ liegen hatte, galt bei seinen Nachbarn für einen großen Gelehrten. Selbst in der Hauptstadt gab es damals noch weder Leihbibliotheken noch Lesezirkel; aber diejenigen Bücherfreunde, welche nicht viel kaufen konnten, hatten dort wenigstens ein Aushülfsmittel. Die Läden der großen Buchhändler in der Umgebung der Paulskirche waren den ganzen Tag mit Lesern gefüllt und ein bekannter Kunde durfte oft auch ein Buch mit nach Hause nehmen. Auf dem Lande fehlte diese Annehmlichkeit, was man lesen wollte, mußte man kaufen.[140]

[Anmerkung 140: Cotton scheint, wie aus seinem +Angler+ hervorgeht, auf seinem Fensterbrete Platz genug für seine ganze Bibliothek gehabt zu haben, und Cotton war ein wissenschaftlich gebildeter Mann. Selbst als Franklin 1724 das erstemal nach London kam, waren Leihbibliotheken daselbst noch unbekannt. Von dem Zudrange zu den Buchläden im Stadtviertel Little Britain spricht Roger North in der Lebensbeschreibung seines Bruders Johann.]

[_Weibliche Erziehung._] Die Literaturschätze der Gattin und Töchter des Grundherrn bestanden gewöhnlich in einem Gebetbuche und einem Receptbuche. Indessen verloren sie in der That wenig bei ihrer ländlichen Abgeschiedenheit, denn selbst in den höchsten Ständen und unter Verhältnissen, welche die geistige Ausbildung erleichterten, genossen die Engländerinnen zur damaligen Zeit eine schlechtere Erziehung als jemals seit dem Wiederaufblühen der Wissenschaften. In früherer Zeit studirten sie die Meisterwerke des antiken Genius, in unseren Tagen kümmern sie sich zwar wenig um die todten Sprachen, sind aber dafür mit der Sprache Pascal's und Molière's, Dante's und Tasso's, Göthe's und Schiller's vertraut, und es giebt kein reineres und eleganteres Englisch als das, welches gebildete Frauen gegenwärtig sprechen und schreiben. Während der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber scheint die Bildung des weiblichen Geistes fast ganz vernachlässigt worden zu sein. Eine junge Dame, die nur die oberflächliche Kenntniß der Literatur besaß, galt für ein Wunder. Hochgeborne, vornehm erzogene und mit guten natürlichen Anlagen ausgestattete Ladies waren nicht im Stande eine Zeile in ihrer Muttersprache ohne orthographische und stylistische Fehler zu schreiben, deren sich jetzt eine Armenschülerin schämen würde.[141]

Die Erklärung liegt sehr nahe. Maßlose Ausschweifung, die natürliche Wirkung übertriebener Strenge, war damals vorherrschend und die Ausschweifung hatte ihre gewöhnliche Folge, die sittliche und geistige Erniedrigung der Frauen, nach sich gezogen. Ihren körperlichen Reizen pflegte man rohe und freche Huldigungen darzubringen, aber die Bewunderung und das Verlangen, welche ihre Schönheit erregte, war selten mit Achtung, wahrer Zuneigung und irgend einem ritterlichen Gefühl gepaart. Die Eigenschaften, welche sie zu Lebensgefährtinnen, Rathgeberinnen und vertrauten Freundinnen befähigten, stießen die Wüstlinge von Whitehall eher ab, als daß sie sie anzogen. Ein Ehrenfräulein, die sich so kleidete, daß ihrem Busen das vollste Recht widerfuhr, die beständig liebäugelte, wollüstig tanzte, sich durch vorlaute Keckheit auszeichnete, sich nicht entblödete, mit Kammerherren und Offizieren zu kokettiren, schlüpfrige Lieder mit bezeichnendem Ausdrucke zu singen, und sich zur Ausführung eines muthwilligen Streiches als Page zu verkleiden, hatte an diesem Hofe mehr Aussicht, gefeiert und bewundert zu werden, die Beachtung des Königs auf sich zu ziehen und einen reichen und vornehmen Gatten zu erobern, als eine Johanna Gray oder Lucie Hutchinson gehabt haben würden. Unter solchen Umständen mußte das Maaß der weiblichen Bildung nothwendig sehr niedrig sein, und es war gefährlicher, über diesem Maße zu stehen, als unter demselben. Äußerste Unwissenheit und Leichtfertigkeit wurden bei einer Dame viel eher entschuldigt, als der geringste Anflug von Pedanterie. Von den nur zu berühmten Frauen, deren Portraits wir noch jetzt an den Wänden von Hampton Court bewundern, pflegten wenige etwas Besseres zu lesen als Akrosticha, Spottlieder und Übersetzungen der »Clelia« und des »Großen Cyrus«.

[Anmerkung 141: Ein Beispiel mag genügen. Die Königin Marie hatte gute natürliche Anlagen, war von einem Bischofe erzogen, eine Freundin der Geschichte und Poesie und wurde von den ausgezeichnetsten Männern als eine hochgebildete Frau betrachtet. Zu der Bibliothek im Haag befindet sich eine prachtvolle Bibel, die ihr bei der Krönung in der Westminsterabtei überreicht worden war. Auf dem Titelblatte dieser Bibel stehen folgende von ihr eigenhändig geschriebene Worte: +»This book was given the King and I, at our crownation. Marie R.«+]

[_Literarische Bildung der Gentlemen._] Die literarischen Kenntnisse selbst der vollendetsten Gentlemen jener Zeit scheinen bei weitem nicht so solid und gründlich gewesen zu sein, als in früheren oder späteren Zeiten. Griechische Gelehrsamkeit wenigstens blühte unter der Regierung Karl's II. bei uns nicht, wie sie vor dem Bürgerkriege geblüht hatte und lange nach der Revolution wieder blühte. Es gab wohl auch Gelehrte, denen die ganze griechische Literatur von Homer bis Photius genau bekannt war, aber solche Gelehrte fanden sich fast ausschließlich nur unter den Geistlichen der Universitätsstädte, ja selbst dort waren ihrer nur wenige, und diese wenigen nicht gebührend geschätzt. In Cambridge wurde es durchaus nicht für nöthig gehalten, daß ein Theolog die Bibel in der Ursprache lesen konnte.[142] Auch in Oxford stand die Gelehrsamkeit auf keiner höheren Stufe. Als sich unter der Regierung Wilhelm's III. das ganze Christchurch-Kollegium wie ein Mann erhob, um die Ächtheit der Briefe des Phalaris zu vertheidigen, stand diesem großen Kollegium, welches damals als der Hauptsitz der Philologie im ganzen Lande betrachtet wurde, nicht soviel attische Gelehrsamkeit zu Gebote, als sie heutzutage mancher Gymnasiast besitzt. Nach dem allen wird man leicht denken können, daß eine todte Sprache, welche die Universitäten vernachlässigten, von den Laien nicht viel studirt wurde. Zu einer früheren Zeit hatten die Poesie und die Beredtsamkeit Griechenlands einen Raleigh und Falkland entzückt, zu einer spätern Periode entzückten sie einen Pitt und Fox, einen Windham und Grenville; während der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber gab es in England kaum einen bedeutenden Staatsmann, der eine Seite von Sophokles oder Plato mit Genuß lesen konnte.

Gute Lateiner gab es dagegen in Menge. Allerdings hatte auch damals die Sprache Roms ihren Character als Weltsprache noch nicht ganz verloren und war in manchen Ländern Europa's dem Reisenden und Diplomaten noch unentbehrlich. Die Fertigkeit, sie gut zu sprechen, war daher viel häufiger als zu unsrer Zeit, und es fehlte weder Oxford noch Cambridge an Dichtern welche bei einer feierlichen Gelegenheit glückliche Nachahmungen der Verse, in denen Virgil und Ovid die Größe des Augustus gepriesen hatten, am Fuße des Thrones niederlegen konnten.

[Anmerkung 142: Roger North erzählt uns, daß sein Bruder Johann, welcher Professor der griechischen Sprache in Cambridge war, sich über die allgemeine Vernachlässigung dieser Sprache unter der Universitätsgeistlichkeit bitter beklagte.]

[_Einfluß der französischen Literatur._] Doch auch das Latein wurde durch einen jüngeren Nebenbuhler verdrängt. Frankreich behauptete damals fast in jeder Beziehung den Vorrang. Sein militairischer Ruhm hatte den Höhepunkt erreicht, es hatte wichtige Coalitionen besiegt, Verträge dictirt und große Städte und Provinzen unterworfen; es hatte den kastilianischen Stolz gezwungen, ihm den Vorrang zuzugestehen, es hatte italienische Fürsten sich unterthan gemacht, sein Verfahren war in allen Angelegenheiten der feinen Lebensart, vom Zweikampfe bis zur Menuett maßgebend; es bestimmte, welchen Schnitt der Rock eines Gentleman haben, wie lang seine Perrücke, ob seine Absätze hoch oder niedrig und ob sein Hutband breit oder schmal sein müsse. In der Literatur gab es der Welt Gesetze, ganz Europa war des Ruhmes seiner Schriftsteller voll, kein andres Land hatte einen tragischen Dichter wie Racine, einen komischen wie Molière, einen so liebenswürdigen Tändler wie Lafontaine, einen so gewandten Redner wie Bossuet aufzuweisen. Der literarische Ruhm Italiens und Spaniens war untergegangen, der von Deutschland war noch nicht aufgegangen. Das Genie der ausgezeichneten Männer, welche die Hauptstadt Frankreichs zierten, strahlte daher in einem Glanze, welcher durch den Contrast noch mehr hervorgehoben ward. In der That, Frankreich übte damals eine Weltherrschaft aus, wie selbst die römische Republik sie nie erreicht hatte, denn als Rom in politischer Beziehung herrschte, war es in den Künsten und Wissenschaften Griechenlands demüthiger Schüler; Frankreich hatte auf die benachbarten Länder zu gleicher Zeit den Einfluß, den Rom auf Griechenland, und den, welchen Griechenland auf Rom ausübte. Das Französische erhob sich rasch zur Weltsprache, zur Sprache der feinen Gesellschaft und zur Sprache der Diplomatie. An mehreren Höfen sprachen die Fürsten und der Adel sie besser und eleganter als ihre Muttersprache. Auf unsrer Insel war jedoch diese sklavische Unterordnung noch nicht so weit gediehen als auf dem Continent, weder unsere guten noch unsere schlechten Eigenschaften waren fremden Ursprungs. Doch auch bei uns huldigte man der literarischen Überlegenheit unserer Nachbarn, wenn auch ungeschickt und ungern. Die wohlklingende toskanische Sprache, die allen vornehmen Herren und Damen am Hofe Elisabeth's so geläufig war, kam aus der Mode. Ein Gentleman, der den Horaz oder Terenz citirte, galt in feiner Gesellschaft für einen prahlerischen Pedanten; verzierte er aber seine Unterhaltung mit französischen Brocken, so war dies der beste Beweis, den er von seinen Talenten und seiner Bildung geben konnte.[143] Neue Regeln der Kritik, neue Muster des Styls kamen in die Mode. Die gesuchte Gespreiztheit, welche Donne's und Cowley's Verse verunziert hatte, verschwand aus unsrer Poesie. Unsre Prosa verlor zwar an edlem Schwunge, an kunstvollem Satzbau und an wohllautender Abwechselung im Vergleich mit der einer früheren Periode, aber sie wurde klarer, gefälliger und besser geeignet zur Polemik und zum Erzählen. Es ist unmöglich, in diesen Veränderungen den Einfluß französischer Muster und französischen Beispiels zu verkennen. Selbst große Meister unsrer Sprache verschmähten es nicht in ihren werthvollsten Werken sich französischer Ausdrücke zu bedienen, wo ebenso bezeichnende und wohlklingende englische ganz nahe lagen[144] und aus Frankreich wurde die Tragödie in Versen bei uns eingeführt, eine exotische Pflanze, welche in unsrem Boden siechte und bald einging.

[Anmerkung 143: Butler sagt in einer sehr beißenden Satire:

Citirst Du Griechen und Lateiner, So bist Du der Pedanten einer; Doch flechtest Du französ'sche Brocken ein Gilt's für verdienstlich und für fein.]

[Anmerkung 144: Das gröbste Beispiel dieser Art, dessen ich mich entsinne, kommt in einem Gedicht auf die Krönung Karl's II. von Dryden vor, der es gewiß nicht durch Wortarmuth entschuldigen konnte, daß er einer fremden Sprache Worte entlehnte:

+Hither in summer evenings you repair To taste the _fraicheur_ of the cooler air+ (Hier bringst im Sommer Du die Abendstunden hin, Um kühle, frische Luft mit Wonne einzuzieh'n.)]