Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe

Chapter 10

Chapter 103,353 wordsPublic domain

Das erste derartige Etablissement war zur Zeit der Republik von einem mit der Türkei Handel treibenden Kaufmanne errichtet worden, der bei den Muhamedanern Geschmack an ihrem Lieblingsgetränk gefunden hatte. Die Annehmlichkeit, in allen Theilen der Stadt Zusammenkunftsorte zu haben und die Abende sehr wohlfeil in Gesellschaft zubringen zu können, war so groß, daß sich die Mode rasch verbreitete. Jeder Mann aus den höheren und mittleren Ständen ging täglich in sein Kaffeehaus, um Neuigkeiten zu erfahren und darüber zu sprechen, und jedes Kaffeehaus hatte einen oder mehrere Wortführer, deren Reden der große Haufe mit Bewunderung anhörte und welche bald das wurden, als was man auch die Journalisten unsrer Zeit bezeichnet hat: ein vierter Stand des Reichs. Der Hof hatte das Erstehen dieser neuen Macht im Staate schon längst mit mißliebigem Auge betrachtet und es war auch unter Danby's Verwaltung ein Versuch gemacht worden, die Kaffeehäuser zu schließen; aber Männer aller Parteien vermißten ihre gewohnten Versammlungsorte so schmerzlich, daß ein allgemeines Wehgeschrei ertönte. Die Regierung wagte es daher nicht, so allgemein und entschieden ausgesprochenen Wünschen entgegen eine Verordnung durchzuführen, deren Gesetzmäßigkeit wohl in Zweifel gezogen werden konnte. Seitdem waren zehn Jahre vergangen und während dieses Zeitraums hatte sich die Zahl und der Einfluß der Kaffeehäuser beständig vermehrt. Fremde machten die Bemerkung, daß das Kaffeehaus das sei, wodurch sich London wesentlich von allen anderen Städten unterscheide, daß es die eigentliche Heimath des Londoners sei und daß Derjenige, der einen Gentleman aufsuchen wolle, nicht danach zu fragen pflege, ob er in Fleet Street oder in Chancery Lane wohne, sondern ob er den »Griechen« oder den »Regenbogen« besuche. Niemand war von diesen Lokalen ausgeschlossen, der seinen Penny bezahlte. Indessen hatte jeder Rang und Stand und jede religiöse und politische Farbe ihr besondres Hauptquartier. In der Nähe von St. James Park waren Kaffeehäuser, in denen sich Stutzer versammelten, deren Kopf und Schultern mit schwarzen oder weißen Perrücken von nicht geringerem Umfange bedeckt waren, wie sie jetzt der Kanzler und der Sprecher des Hauses der Gemeinen tragen. Die Perrücke stammte aus Paris, eben so auch der übrige Staat des feinen Herrn: der gestickte Frack, die mit Fransen besetzten Handschuhe und die Troddelschnur, die das Beinkleid über den Hüften festhielt. Dort wurde in dem Dialecte gesprochen, der noch lange, nachdem er in den vornehmen Kreisen aus der Mode gekommen war, im Munde Lord Foppington's die Lachlust des Theaterpublikums reizte.[102] Die Atmosphäre hatte Ähnlichkeit mit der eines Parfümerieladens und der Tabak war in jeder andren Form als in der eines lieblich duftenden Schnupftabaks streng verpönt. Fiel es einem mit den Sitten bei Hauses noch Unbekannten etwa ein, eine Pfeife zu verlangen, so belehrten ihn das höhnische Lächeln der Anwesenden und die kurzen Antworten der Kellner sehr bald, daß er besser thun würde, anderswohin zugehen. Er hatte auch nicht weit zu gehen, denn in den meisten Kaffeehäusern wurde geraucht wie in einer Wachstube und Fremde wunderten sich zuweilen darüber, daß so viele Leute ihre Wohnung verließen, um beständig in einem solchen Nebel und Gestank zu sitzen. Am stärksten wurde in Will's Kaffeehause geraucht. Dieses berühmte Haus, das zwischen Coventgarden und Bow Street lag, war den schönen Wissenschaften geweiht. Die Hauptgegenstände der Unterhaltung waren dort die poetische Gerechtigkeit und die Einheit von Raum und Zeit; es gab eine Faction für Perrault und die Neueren, eine andere für Boileau und die Alten. Die eine Gruppe diskutirte darüber, ob das »Verlorene Paradies« nicht hätte in Reimen geschrieben werden sollen, einer andern bewies ein mißgünstiges Poetlein, daß das »Gerettete Venedig« im Theater hätte ausgezischt werden sollen. Nirgends konnte man unter einem Dache eine größere Mannichfaltigkeit von Gestalten sehen: Earls mit Sternen und Ordensbändern, Geistliche in ihren Priesterröcken, naseweise Templer, schüchterne Knaben von den Universitäten, Übersetzer und Indexmacher in zerrissenen Flausröcken. Das ärgste Gedränge war immer in der Nähe des Platzes, auf dem John Dryden saß. Im Winter war dieser Platz im wärmsten Winkel unweit des Kamins, im Sommer auf dem Balcon. Ihn zu begrüßen und seine Meinung über Racine's neuestes Trauerspiel oder über Bossu's Werk über die epische Dichtkunst zu hören, galt für ein Glück. Eine Prise aus seiner Dose war eine Ehre, die einem jungen Enthusiasten den Kopf verrücken konnte. Es gab ferner Kaffeehäuser, in denen man die angesehensten Ärzte consultiren konnte. Der Doctor John Radcliffe, der im Jahre 1685 von allen Londoner Ärzten die ausgedehnteste Praxis besaß, kam täglich um die Zeit, wo es an der Börse am lebhaftesten war, aus seiner Wohnung in Bow Street, damals einem eleganten Stadttheile von London, in Garraway's Kaffeehaus, wo man ihn regelmäßig, von Wundärzten und Apothekern umgeben, an einem besonderen Tische fand. Auch gab es puritanische Kaffeehäuser, in denen man keinen Schwur hörte, und wo glattköpfige Männer in näselndem Tone von Gnadenwohl und Verdammniß sprachen; ferner jüdische Kaffeehäuser, wo sich schwarzäugige Geldwechsler aus Venedig und Amsterdam versammelten, und endlich papistische, in denen, wie die guten Protestanten glaubten, Jesuiten bei der Kaffeetasse über den Plan zu einem neuen großen Brande brüteten und silberne Kugeln gossen, um damit den König zu erschießen.[103]

Diese geselligen Gewohnheiten bildeten einen characteristischen Zug des Londoners der damaligen Zeit. Er war in der That ein von dem englischen Provinzbewohner ganz verschiedenes Wesen, und es bestand damals zwischen diesen beiden Klassen noch nicht der Verkehr, wie gegenwärtig. Nur sehr vornehme und reiche Leute pflegten ihren Aufenthalt zwischen Stadt und Land zu theilen. Wenige Landedelleute kamen in ihrem Leben dreimal nach London, und ebensowenig war es damals Mode, daß die wohlhabenderen Bewohner der Hauptstadt im Sommer einige Wochen lang die frische Landluft einathmeten. Das Londoner Stadtkind wurde auf dem Dorfe angestaunt, als ob es sich in ein Hottentotten-Kraal verlaufen hätte. Wenn auf der andren Seite ein Gutsbesitzer aus Lincolnshire oder Shropshire in Fleet Street erschien, so wurde er von den Stadtbewohnern eben so leicht unterschieden, wie ein Türke oder ein Lascar. Seine Kleidung, sein Gang, seine Sprache, die Art und Weise, wie er die Läden anstaunte, in die Rinnsteine stolperte, gegen die Lastträger anrannte und unter den Dachtraufen stehen blieb, machte ihn zu einem willkommenen Schlachtopfer für Gauner und zu einer trefflichen Zielscheibe für muthwillige Spaßvögel. Raufbolde stießen ihn absichtlich in die Gosse, Miethkutscher bespritzten ihn vom Kopf bis zu den Füßen, und wenn er mit bewunderndem Entzücken den Lord Mayor mit seinem glänzenden Gefolge vorüberziehen sah, untersuchten gewandte Diebe mit alter Bequemlichkeit die weiten Taschen seines Reitrockes. Verschmitzte Gauner, noch wund von der Peitsche des Zuchtmeisters, knüpften ein Gespräch mit ihm an und dünkten ihm die liebenswürdigsten und rechtschaffensten Männer, die er jemals kennen gelernt. Geschminkte Dirnen, der Auswurf von Lewkner Lane und Whetstone Park, gab sich ihm gegenüber für Gräfinnen und Hoffräuleins aus. Wenn er sich nach dem Wege nach St. James erkundigte, schickte man ihn nach Mile End. Trat er in einen Laden, so erkannte man in ihm sogleich einen Käufer für solche Waaren, die kein Mensch sonst haben mochte, und man hing ihm verlegene Stickereien, kupferne Ringe und Uhren auf, die nicht gehen wollten. Ließ er sich in einem eleganten Kaffeehause blicken, so wurde er alsbald die Zielscheibe des rücksichtslosen Spottes der Stutzer und ernsterer Neckereien von Seiten der Studenten. Voll Ärger und Verdruß kehrte er sehr bald auf sein Landgut zurück und fand in der Ehrerbietung seiner Pächter und in der Unterhaltung mit seinen heiteren Genossen Trost für die erlittenen Demüthigungen und Kränkungen. Hier fühlte er sich wieder als Mann von Gewicht und erblickte Niemanden über sich, ausgenommen, wenn er bei den Assisen seinen Platz neben dem Richter einnahm oder wenn er bei der Musterung der Miliz den Lordlieutenant begrüßte.

[Anmerkung 102: Die Haupteigenthümlichkeit dieses Dialectes bestand darin, daß in einer Menge von Wörtern das +o+ wie +a+ ausgeprochen wurde. So wurde z.B. +stork+ (Storch) +stark+ ausgesprochen. Siehe +Vanbrugh's Relapse.+ Lord Sunderland war ein großer Meister in dieser Hofsprache, wie Roger North sie nennt, und Titus Oates affectirte dieselbe, in der Hoffnung, für einen eleganten Gentleman gehalten zu werden. +Examen, 77, 254.+]

[Anmerkung 103: +Letters sur les Anglois+; +Tom Brown's Tour+; +Ward's London Spy+; +The Character of a Coffee-House, 1673+; +Rules and Orders of the Coffee-House, 1674+; +Coffee-Houses vindicated, 1675+; +A Satyr against Coffee+; +North's Examen, 138+; +Life of Guildford, 152+; +Life of Sir Dudley North, 149+; +Life of Dr. Radcliffe, published by Curll, 1715.+ Die unterhaltendste Beschreibung von Will's Kaffeehause befindet sich in +The City and County Mouse+. Eine interessante Stelle über den Einfluß der Kaffeehausredner kommt auch in +Halstead's Succinct Genealogies, 1685+, vor.]

[_Schwierigkeiten des Reisens._] Ein Haupthinderniß für die Verschmelzung der verschiedenen Elemente der Gesellschaft war die große Schwierigkeit, die es unseren Vorfahren machte, wenn sie sich an einen andren Ort begeben wollten. Mit alleiniger Ausnahme des Alphabets und der Buchdruckerkunst haben diejenigen Erfindungen, welche die Entfernung abkürzten, zur Civilisation unsres Geschlechts am meisten beigetragen. Jede Vervollkommnung der Communicationsmittel bringt der Menschheit sowohl in materieller, als auch in moralischer und intellectueller Hinsicht Nutzen und erleichtert nicht nur den Austausch der verschiedenen Natur- und Kunstproducte, sondern trägt auch zur Beseitigung nationaler und provinzieller Vorurtheile und zur engeren Verbindung aller Zweige der großen menschlichen Familie bei. Im siebzehnten Jahrhundert waren die Bewohner von London zu fast jedem praktischen Zwecke von Reading weiter entfernt, als heutzutage von Edinburg, und von Edinburg weiter als jetzt von Wien.

Den Unterthanen Karl's II. war übrigens die Kraft, die in unseren Tagen eine beispiellose Umwälzung in allen menschlichen Dingen hervorgebracht, welche Flotten in den Stand gesetzt hat gegen Wind und Fluth zu steuern, und Bataillone, mit Gepäck und Geschützen ganze Reiche mit der Geschwindigkeit des besten Renners zu durcheilen, nicht mehr ganz unbekannt. Der Marquis von Worcester hatte unlängst die Expansivkraft des durch Hitze verdünnten Wassers erkannt, und nach vielen Versuchen war es ihm gelungen, eine rohe Dampfmaschine zu construiren, die er Feuerwasserwerk nannte und als eine bewunderungswürdige Fortbewegungsmaschine von außerordentlicher Kraft bezeichnete.[104] Aber man hielt den Marquis für wahnsinnig und überdies war er als Papist bekannt. Seine Erfindungen fanden daher keine günstige Aufnahme; sein Feuerwasserwerk gab vielleicht Stoff zu einem Vortrage in der Königlichen Societät, aber zu einem praktischen Zwecke wurde es nicht angewendet. Schienenwege gab es damals noch nicht, einige hölzerne ausgenommen, von den Kohlengruben in Northumberland bis an die Ufer des Tyne.[105] Die inneren Wasserverbindungen waren ebenfalls noch sehr spärlich; zwar hatte man einige Versuche gemacht, die Flüsse zu vertiefen und zu dämmen, aber mit sehr geringem Erfolge. Kaum ein einziger schiffbarer Kanal war nur projectirt. Die damaligen Engländer sprachen mit einer neidischen Bewunderung von dem großen Kanale, durch welchen Ludwig XIV. den Atlantischen Ocean mit dem Mittelländischen Meere verbunden hatte. Sie ahneten nicht, daß ihr ganzes Land einige Generationen später auf Kosten von Privatunternehmern von künstlichen Strömen durchschnitten sein würde, welche viermal so lang sind als die Themse, der Severn und der Trent zusammengenommen.

[Anmerkung 104: +Century of Inventions, 1663, No. 68.+]

[Anmerkung 105: +North's Life of Guildford, 136.+]

[_Schlechter Zustand der Landstraßen._] Die Reisenden und Waaren wurden meist auf den Landstraßen von Ort zu Ort geschafft und diese befanden sich in einem viel schlechteren Zustande, als man es bei dem Grade von Reichthum und Civilisation, den die Nation schon damals erreicht, hätte erwarten sollen. Die besten Verbindungswege hatten tiefe Geleise, steile Abhänge und waren im Dunkeln kaum von den zu beiden Seiten befindlichen Haiden und Sümpfen zu unterscheiden. Der Alterthumsforscher Ralph Thoresby war in Gefahr, sich auf der großen Nordstraße zwischen Barnby Moor und Tuxford zu verirren und verirrte sich wirklich zwischen Doncaster und York.[106] Pepys und seine Gattin, welche mit eigner Equipage reisten, verirrten sich zwischen Newbury und Reading; auf der nämlichen Reise verirrten sie sich noch einmal in der Nähe von Salisbury, wo sie die Nacht fast hätten auf freiem Felde zubringen müssen.[107] Nur bei gutem Wetter konnte die Straße in ihrer ganzen Breite von Räderfuhrwerk benutzt werden. Oft lag tiefer Koth zu beiden Seiten und nur ein schmaler Streifen festen Bodens zog sich zwischen dem Moraste hin.[108] Zu solchen Zeiten gab es häufigen Aufenthalt und Streit, denn die Straße war zuweilen lange von Fuhrleuten versperrt, die einander nicht ausweichen wollten. Es kam fast täglich vor, daß Kutschen stecken blieben, bis ein Ochsenvorspann aus dem nächsten Dorfe herbeigeschafft werden konnte, um sie aus dem Schlamme zu ziehen. In der schlechten Jahreszeit aber hatte der Reisende mit noch viel größeren Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Thoresby, der oft von Leeds nach der Hauptstadt und zurück reisen mußte, hat in seinem Tagebuche eine Reihe von Gefahren und Unfällen aufgezeichnet, die für eine Reise nach dem Eismeere oder durch die Wüste Sahara vollkommen genug sein würden. Einmal erfuhr er, daß zwischen Ware und London die Flüsse ausgetreten waren, daß Reisende sich nur durch Schwimmen gerettet hatten und daß ein Hausirer, der dies, auch hatte versuchen wollen, ums Leben gekommen war. In Folge dieser Nachrichten lenkte er von der Heerstraße ab und ritt über einige Wiesen, wo ihm das Wasser bis an den Sattel ging.[109] Auf einer andren Reise entging er mit knapper Noth der Gefahr, von einer Überschwemmung des Trent hinweggespült zu werden. Später einmal mußte er des schlechten Zustandes der Straße wegen vier Tage in Stamford liegen bleiben und wagte dann die Weiterreise nur in Gesellschaft von vierzehn Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, welche mit Führern und einem zahlreichen Gefolge nach London zum Parlament reisten.[110] Auf den Straßen von Derbyshire waren die Reisenden in steter Gefahr, den Hals zu brechen und mußten oft absteigen und ihre Pferde führen.[111] Die Hauptstraße durch Wales nach Holyhead war in einem solchen Zustande, daß im Jahre 1685 ein Vicekönig, der sich nach Irland begab, fünf Stunden brauchte, um den vierzehn Meilen langen Weg von St. Asaph nach Conway zurückzulegen. Zwischen Conway und Beaumaris mußte er eine große Strecke zu Fuß gehen und seine Gemahlin in einer Sänfte tragen lassen. Sein Wagen konnte ihm nur mit Beihülfe vieler Hände in unverändertem Zustande nachgeschickt werden. In der Regel wurden die Wagen in Conway auseinandergenommen und von kräftigen waleser Landleuten bis ans Ufer der Menaistraße getragen.[112] In einigen Theilen von Kent und Sussex konnten im Winter nur die stärksten Pferde durch den Schlamm kommen, in den sie bei jedem Schritte versanken. Die Märkte mußten deshalb oft mehrere Monate ausgesetzt werden. Es wird erzählt, daß die Feldfrüchte zuweilen an einem Orte unbenutzt verfaulten, während an einem wenige Meilen davon entfernten Orte der Vorrath bei weitem nicht dem Bedarf entsprach. Die Räderfuhrwerke wurden in dieser Gegend meist von Ochsen gezogen.[113] Als der Prinz Georg von Dänemark bei nassem Wetter das prächtige Schloß Petworth besuchte, brauchte er sechs Stunden zu neun Meilen Wegs und mehrere kräftige Männer mußten zu beiden Seiten des Wagens gehen, um denselben zu stützen. Von den Wagen seines Gefolges wurden mehrere umgeworfen und beschädigt. Es existirt noch ein Brief von einem seiner Kammerdiener, worin der gute Mann sich beklagt, daß er in vierzehn Stunden nicht ein einziges Mal ausgestiegen sei, außer wenn sein Wagen umwarf oder im Kothe stecken blieb.[114]

Eine Hauptursache der schlechten Beschaffenheit der Heerstraßen scheint die Mangelhaftigkeit der Gesetze gewesen zu sein. Jedes Kirchspiel war verpflichtet, die durch sein Gebiet führende Chaussee in Stand zu halten. Zu dem Ende mußte jeder Landmann sechs Tage im Jahre unentgeltlich daran arbeiten, und genügte dies nicht, so wurden Arbeiter gemiethet und die Kosten durch freiwillige Beiträge aufgebracht. Daß eine Heerstraße, welche zwei große Städte verbindet, die einen lebhaften und einträglichen Handel mit einander treiben, auf Kosten der zwischen ihnen zerstreuten ländlichen Bevölkerung unterhalten werden soll, ist offenbar unbillig, und diese Unbilligkeit war namentlich bei der großen Nordstraße in die Augen fallend, indem dieselbe durch sehr arme und dünn bevölkerte Districte führte, aber sehr wohlhabende und volkreiche mit einander verband. Es liegt wohl klar am Tage, daß man den Gemeinden von Huntingdonshire nicht zumuthen konnte, eine Straße in Stand zu halten, welche durch den lebhaften Handelsverkehr zwischen dem Westen von Yorkshire und London arg zugerichtet wurde. Bald nach der Restauration erregte dieser Übelstand die Aufmerksamkeit des Parlaments und es wurde eine Verordnung, das erste unserer zahlreichen Chausseegesetze, erlassen, durch welche den Reisenden und Gütern eine kleine Abgabe als Beitrag zu den Unterhaltungskosten dieser wichtigen Verbindungslinie auferlegt ward.[115] Diese Neuerung erregte jedoch heftiges Murren und die übrigen großen Zugänge nach der Hauptstadt blieben daher noch lange unter dem alten Systeme, bis endlich, nicht ohne große Schwierigkeiten, eine Veränderung vorgenommen wurde. Ungerechte und zwecklose Steuern, an die das Volk einmal gewöhnt ist, zahlt es oft williger als eine neue, wenn auch noch so vernünftige Abgabe. Erst nachdem viele Schlagbäume gewaltsam zerstört, in vielen Bezirken die bewaffnete Macht gegen das Volk eingeschritten und viel Blut vergossen worden war, gewann das zweckmäßige System festen Boden.[116] Der Verstand siegte nach und nach über das Vorurtheil und gegenwärtig ist unsre Insel mit einem Netze von dreißigtausend Meilen vortrefflicher Chausseen überzogen.

Auf den besseren Landstraßen wurden zur Zeit Karl's II. schwere Güter gewöhnlich durch öffentliche Frachtfuhrwerke befördert. In dem Strohe dieser Frachtwagen nistete immer ein Häufchen Passagiere, welche nicht die Mittel hatten, um in einer Kutsche oder zu Pferde zu reisen und die durch Gebrechlichkeit oder durch ihr Gepäck verhindert waren, zu Fuße zu gehen. Die Kosten der Versendung von Frachtgütern auf diesem Wege waren enorm. Von London nach Birmingham betrug die Fracht sieben Pfund, von London nach Exeter zwölf Pfund Sterling für die Tonne.[117] Dies machte pro Tonne etwa fünfzehn Pence auf die Meile, ein Drittel mehr als später auf den besten Chausseen bezahlt wurde, und fünfzehnmal so viel als jetzt die Eisenbahngesellschaften verlangen. Bei manchen nützlichen Gegenständen waren die hohen Frachtkosten so gut wie ein Prohibitivzoll. Besonders Steinkohlen sah man nirgends als in den Districten, wo sie zu Tage gefördert wurden, oder höchstens in den Gegenden, wohin sie zur See gebracht werden konnten, weshalb sie auch im südlichen England allgemein unter dem Namen »Seekohlen« bekannt waren.

Auf Nebenwegen und namentlich durch das ganze Gebiet nördlich von York und westlich von Exeter wurden die Frachtgüter durch lange Züge von Packpferden befördert. Diese starken und frommen Thiere, deren Schlag jetzt ausgestorben ist, wurden von einer eignen Menschenklasse geführt, welche große Ähnlichkeit mit den spanischen Maulthiertreibern gehabt zu haben scheint. Dem unbemittelten Reisenden war es oft willkommen, wenn er auf einem Packsattel zwischen zwei Waarenballen unter der Obhut dieser kräftigen Führer reisen konnte. Die Kosten dieser Reisegelegenheit waren gering, aber die Karawane ging nur im Schritt und die Kälte war daher im Winter oft nicht zu ertragen.[118]

Die Reichen reisten gewöhnlich in eigenen Wagen und mit wenigstens vier Pferden. Der humoristische Dichter Cotton versuchte es von London nach dem Peakgebirge nur zweispännig zu fahren; in St. Albans aber überzeugte er sich, daß die Reise entsetzlich langweilig werden würde, und er änderte daher seinen Plan. Sechsspännige Equipagen sieht man heutzutage fast nie mehr, außer bei feierlichen Gelegenheiten. Die häufige Erwähnung solcher Equipagen in alten Büchern kann uns leicht zu dem Irrthum führen, diesen Aufwand der Prachtliebe zuzuschreiben, während er in Wirklichkeit nur eine sehr unangenehme Nothwendigkeit war. Zur Zeit Karl's II. reiste man mit sechs Pferden, weil man mit wenigeren große Gefahr lief, im Kothe stecken zu bleiben. Selbst sechs Pferde waren nicht immer hinreichend. Unter der nächsten Generation beschrieb Vanbrugh mit geistreichem Humor die Reise eines zum Parlamentsabgeordneten gewählten Landedelmanns nach London. Alle Anstrengungen der sechs Pferde, deren zwei vom Pfluge weggenommen waren, vermochten bei dieser Gelegenheit die Familienkutsche nicht dagegen zu schützen, daß sie in den Schlamm gebettet wurde.

[Anmerkung 106: +Thoresby's Diary, Oct. 21, 1680, Aug. 3, 1712.+]

[Anmerkung 107: +Pepys's Diary, June 12. & 16. 1668.+]

[Anmerkung 108: +Ibid. Feb. 28. 1660.+]

[Anmerkung 109: +Thoresby's Diary, May 17. 1695.+]

[Anmerkung 110: +Ibid. Dec. 27. 1708.+]

[Anmerkung 111: +Tour in Derbyshire, by J. Browne, son of Sir Thomas Browne, 1662. Cotton's Angler, 1676.+]

[Anmerkung 112: +Correspondence of Henry Earl of Clarendon, Dec. 30. 1685, Jan. 1. 1686.+]

[Anmerkung 113: +Postlethwaite's Dict., Roads.+ Geschichte von Hawthurst in der +Bibliotheca Topographica Britannica.+]

[Anmerkung 114: +Annals of Queen Anne, 1703. Appendix No. 3.+]

[Anmerkung 115: +15, Car. II. c. 1.+]

[Anmerkung 116: Die Nachtheile des alten Systems sind in vielen Petitionen, die sich in dem +Commons' Journal+ von 1725--26 finden, schlagend dargethan. Welche heftige Opposition das neue System fand, kann man aus dem +Gentleman's Magazine+ von 1749 ersehen.]

[Anmerkung 117: +Postlethwaite's Dictionary, Roads.+]

[Anmerkung 118: +Loidis and Elmete. Marshall's Rural Economy of England+. Roderich Random kam 1739 auf einem Packpferde aus Schottland nach Newcastle.]