Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)
Part 9
[_Sunderland's Ungnade._] Die vor dem Geheimen Rathe abgegebenen Zeugenaussagen waren erst wenige Stunden in den Händen des Publikums, als sich das Gerücht verbreitete, daß Sunderland aller seiner Stellen entsetzt worden sei. Die Nachricht von seiner Ungnade scheint die Kaffeehauspolitiker überrascht zu haben, kam aber Denen, welche die Vorgänge im Palaste beobachtet hatten, nicht unerwartet. Verrath hatte man weder durch rechtlichen noch durch greifbaren Beweis auf ihn bringen können; Diejenigen aber, die ihn scharf im Auge hielten, hatten ihn stark in dem Verdachte, daß er auf diesem oder jenem Wege mit den Feinden der Regierung, bei der er eine so hohe Stellung einnahm, Verbindungen unterhielt. Mit frecher Stirn wünschte er alles zeitliche und ewige Verderben auf sich herab, wenn er schuldig sei. Er betheuerte, sein einziger Fehler bestehe darin, daß er der Krone zu eifrig gedient habe. Habe er der königlichen Sache nicht Bürgschaften gegeben? Habe er nicht jede Brücke abgebrochen, über die er im Fall eines Unglücks seinen Rückzug hätte bewerkstelligen können? Habe er nicht fortwährend das Dispensationsrecht aufs äußerste vertheidigt, in der Hohen Commission gesessen, den Verhaftsbefehl gegen die Bischöfe unterzeichnet und sei er nicht mit eigner Lebensgefahr unter dem Gezisch und den Verwünschungen der Tausende, welche damals Westminsterhall füllten, als Zeuge gegen sie aufgetreten? Habe er nicht den glänzendsten Beweis von seiner Treue gegeben, indem er seinem Glauben entsagt und öffentlich zu einer der Nation verhaßten Kirche übergetreten sei? Was habe er von einer Veränderung zu hoffen? Habe er nicht Alles zu fürchten? So plausible diese Gründe waren und obgleich sie mit der schlauesten Gewandtheit hervorgehoben wurden, sie vermochten den Eindruck, der von hundert verschiedenen Seiten gleichzeitig aufgetauchten Einflüsterungen und Gerüchte nicht zu verwischen. Der König wurde von Tag zu Tag kälter. Sunderland versuchte es nun, sich an die Königin anzulehnen, erlangte auch eine Audienz bei Ihrer Majestät und befand sich gerade in ihrem Zimmer, als Middleton eintrat und ihm auf Befehl des Königs die Siegel abverlangte. An diesem Abend hatte der gefallene Minister die letzte Privatunterredung mit dem Fürsten, dem er geschmeichelt und den er hintergangen hatte. Die Unterredung war höchst merkwürdig. Sunderland spielte den verleumdeten Tugendhelden mit seltener Vollendung. Er sagte, er bedaure den Verlust des Staatssekretariats und der Präsidentschaft im Geheimen Rathe nicht, wenn ihm nur die Achtung seines Herrn und Gebieters bliebe. »Machen Sie mich nicht zum unglücklichsten Unterthan Ihres Reichs, Sire, indem Sie mir die Erklärung verweigern, daß Sie mich von Illoyalität freisprechen.« Der König wußte nicht was er denken sollte. Ein bestimmter Schuldbeweis lag nicht vor und die Energie und der Pathos, womit Sunderland log, hätte einen schärferen Verstand als der war, mit dem er es zu thun hatte, täuschen können. Bei der französischen Gesandtschaft fanden seine Versicherungen noch immer Glauben. Dort erklärte er, daß er noch einige Tage in London bleiben und sich am Hofe zeigen werde; dann wolle er sich auf seinen Landsitz in Althorpe zurückziehen und seinen zerrütteten Finanzen durch Sparsamkeit wieder aufzuhelfen suchen. Sollte eine Revolution ausbrechen, so müsse er nach Frankreich flüchten; seine schlecht vergoltene Loyalität lasse ihm keine andre Zufluchtsstätte übrig.[83]
Die Sunderland abgenommenen Staatssiegel wurden Preston übergeben. Dieselbe Nummer der Gazette, welche diesen Ministerwechsel ankündigte, enthielt auch die officielle Nachricht von dem Unfalle, der die holländische Flotte betroffen.[84] Dieser Unfall war zwar ernster Art, aber doch bei weitem nicht so schlimm, als der König und seine wenigen durch ihre Wünsche irregeleiteten Anhänger zu glauben geneigt waren.
[Anmerkung 83: Barillon, 8.(18.), 15.(25.), 18.(28.) Oct., 25. Oct. (4. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.), 29. Oct. (8. Nov.) 1688; Adda, 26. Oct. (5. Nov.).]
[Anmerkung 84: +London Gazette, Oct. 29. 1688+.]
[_Wilhelm nimmt Abschied von den holländischen Generalstaaten._] Am 16. October nach englischer Zeitrechnung wurde eine feierliche Sitzung der Staaten von Holland gehalten. Der Prinz erschien, um von ihnen Abschied zu nehmen. Er dankte ihnen für die freundliche Fürsorge, mit der sie über ihn gewacht, als er eine verlassene Waise gewesen, für das Vertrauen, das sie ihm während seiner Verwaltung geschenkt und für den Beistand, den sie ihm in dieser wichtigen Krisis gewährt hätten. Er bat sie überzeugt zu sein, daß er das Wohl seines Vaterlandes stets im Auge gehabt und es zu fördern gesucht habe. Er verlasse sie jetzt vielleicht auf immer. Wenn er im Kampfe für den reformirten Glauben und für die Unabhängigkeit Europa's fallen sollte, so empfehle er sein geliebtes Weib ihrer Fürsorge. Der Großpensionair antwortete mit gebrochener Stimme und kein Mitglied des ernsten Senates konnte sich der Thränen enthalten. Aber Wilhelm's eiserner Stoicismus verleugnete sich nie; er stand ruhig und ernst unter seinen weinenden Freunden, als ob er sie nur zu einem kurzen Ausfluge nach seinen Jagdgründen bei Loo hätte verlassen wollen.[85]
Die Deputirten der vornehmsten Städte begleiteten ihn bis zu seiner Yacht. Selbst die Vertreter von Amsterdam, das so lange der Hauptsitz der Opposition gegen seine Verwaltung gewesen war, schlossen sich dieser Höflichkeitsbezeigung an. In allen Kirchen des Haags wurden an diesem Tage öffentliche Gebete für ihn gehalten.
[Anmerkung 85: Protokolle der Staaten von Holland und Westfriesland; +Burnet, I. 782+.]
[_Er schifft sich ein und segelt ab._] Am Abend kam er in Helvoetsluys an und begab sich an Bord einer Fregatte, die »Brill« genannt. Unmittelbar darauf wurde seine Flagge aufgehißt. Sie zeigte das Wappen des Hauses Nassau, verbunden mit dem englischen. Die in drei Fuß hohen Buchstaben eingestickte Devise war glücklich gewählt. Das Haus Oranien führte seit langer Zeit die elliptische Devise: »Ich werde aufrechterhalten« (+Je maintiendrai+); der fehlende Nachsatz wurde jetzt durch die Worte ergänzt: »Die Freiheiten Englands und die protestantische Religion.«
[_Er wird durch einen Sturm zurückgeworfen._] Der Prinz befand sich kaum einige Stunden an Bord, so wurde der Wind günstig. Am neunzehnten stach die Flotte in See und legte vor einer steifen Brise ungefähr den halben Weg zwischen den Küsten Hollands und Englands zurück. Plötzlich aber sprang der Wind um, blies stark aus Westen und schwoll zu einem heftigen Sturme an. Die zerstreuten Schiffe erreichten mit genauer Noth die holländische Küste wieder. Die »Brill« langte am einundzwanzigsten vor Helvoetsluys an. Die Schiffsgenossen des Prinzen hatten mit Bewunderung bemerkt, daß weder Gefahr noch Mißgeschick nur einen Augenblick seine ernste Ruhe gestört hatten. Obgleich er seekrank war, weigerte er sich doch ans Land zu gehen, denn er sah ein, daß sein Bleiben an Bord Europa am deutlichsten zeigen werde, daß der ihn betroffene Unfall die Ausführung seines Vorhabens nur um kurze Zeit verzögern könne. In einigen Tagen war die Flotte wieder beisammen. Ein einziges Schiff war gescheitert, aber nicht ein Soldat oder Matrose wurde vermißt. Nur einige Pferde waren umgekommen, aber diesen Verlust ersetzte der Prinz auf der Stelle wieder und noch ehe die London Gazette die Nachricht von seinem Unfalle verbreitet hatte, war er schon wieder segelfertig.[86]
[Anmerkung 86: +London Gazette, Oct. 29. 1688+; +Burnet, I. 782+; Bentinck an seine Gattin, 21.(31.) Oct., 22. Oct.(1. Nov.), 24. Oct. (3. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.) 1688.]
[_Seine Erklärung kommt in England an._] Seine Erklärung gelangte nur einige Stunden vor seiner Ankunft nach England. Am 1. November begannen die londoner Politiker heimlich davon zu flüstern, sie ging von Hand zu Hand und wurde in die Briefkästen des Postamts geworfen. Einer der Agenten wurde verhaftet und die Packete, die er zu besorgen hatte, nach Whitehall gebracht. Der König las die Proklamation und sie machte einen erschütternden Eindruck auf ihn. Sein erster Gedanke war, das Papier vor jedem menschlichen Blicke zu verbergen. Er ließ daher sämmtliche ihm überbrachte Exemplare bis auf eines verbrennen, und dieses eine wagte er kaum aus den Händen zu geben.[87]
[Anmerkung 87: Citters, 2.(12.) Nov. 1688; Adda, 2.(12.) Nov.]
[_Jakob befragt die Lords._] Der Paragraph des Manifestes, der ihn am meisten beunruhigte, war der, in welchem gesagt war, daß einige von den geistlichen und weltlichen Peers den Prinzen von Oranien zu einem Einfall in England aufgefordert hätten. Halifax, Clarendon und Nottingham, welche gerade in London waren, wurden sogleich in den Palast beschieden und über diesen Punkt befragt. Halifax weigerte sich anfangs, eine Antwort zu geben, obgleich er sich seiner Unschuld bewußt war. »Eure Majestät fragt mich, ob ich einen Hochverrath begangen habe,« sagte er. »Wenn ich eines solchen verdächtig bin, so lassen Sie mich vor den Gerichtshof meiner Peers stellen. Kann Eure Majestät der Antwort eines Angeklagten, dessen Leben auf dem Spiele steht, Glauben schenken? Selbst wenn ich Seine Hoheit ersucht hätte herüberzukommen, würde ich mich ohne Bedenken für nichtschuldig erklären.« Der König erwiederte ihm, daß er ihn durchaus nicht als einen Angeklagten betrachte, sondern ihn nur gefragt habe, wie ein Gentleman einen Andren, der verleumdet worden sei, frage, ob die Verleumdung irgend eine Begründung habe. »In diesem Falle,« sagte Halifax, »nehme ich als Gentleman, der mit einem Gentleman spricht, keinen Anstand, bei meiner Ehre, die mir eben so heilig ist als ein Eid, zu versichern, daß ich den Prinzen von Oranien nicht veranlaßt habe herüberzukommen.«[88] Clarendon und Nottingham sagten das Nämliche. Noch mehr wünschte der König, die Gesinnung der Prälaten zu ergründen. Wenn diese ihm feindlich gesinnt waren, dann war sein Thron wirklich in Gefahr. Aber das konnte nicht sein. Daß ein Bischof der anglikanischen Kirche sich gegen seinen Souverain empören sollte, war etwas Unerhörtes. Compton wurde ins königliche Kabinet gerufen und gefragt, ob der Prinz den geringsten Grund zu seiner Behauptung habe. Der Bischof war in Verlegenheit, denn er gehörte zu den Sieben, welche die Einladung unterzeichnet hatten, und sein nicht sehr weites Gewissen wollte ihm wahrscheinlich nicht gestatten, eine positive Unwahrheit zu sagen. »Sire,« antwortete er, »ich bin fest überzeugt, daß es unter meinen Amtsbrüdern keinen giebt, der in dieser Angelegenheit nicht eben so schuldlos wäre, als ich selbst.« Die Zweideutigkeit war gut ersonnen; ob aber der Unterschied zwischen der Sünde einer solchen Zweideutigkeit und der Sünde einer Lüge irgend eines Aufwandes von Erfindungsgeist werth war, mag vielleicht bezweifelt werden. Der König war zufriedengestellt. »Ich spreche Sie Alle vollkommen frei,« sagte er; »aber ich halte es für nöthig, daß Sie öffentlich die ehrenrührige Beschuldigung zurückweisen, die Ihnen in der Erklärung des Prinzen zur Last gelegt wird.« Der Bischof bat natürlich darum, das Papier lesen zu dürfen, dem er widersprechen sollte; der König aber wollte ihn keinen Blick darauf werfen lassen.
Am folgenden Tage erschien eine Proklamation, in der einem Jeden, der es wagen sollte, Wilhelm's Manifest zu verbreiten, oder es auch nur zu lesen, die härtesten Strafen angedroht wurden.[89] Der Primas und die wenigen in London anwesenden geistlichen Peers waren vor den König beschieden worden. Preston war, mit der Erklärung des Prinzen in der Hand, bei der Audienz zugegen. »Mylords,« sagte der König, »hören Sie folgende Stelle. Dieselbe geht Sie an.« Preston las nun den Paragraph vor, in welchem die geistlichen Peers erwähnt waren. »Ich glaube kein Wort von dem Allen,« fuhr der König fort; »ich bin von Ihrer Unschuld überzeugt; aber ich halte es für nöthig Ihnen mitzutheilen, wessen Sie beschuldigt sind.«
Der Primas erklärte dem Könige mit vielen Versicherungen der Ehrerbietung, daß Seine Majestät ihm nur Gerechtigkeit widerfahren lasse. »Ich bin als treuer Unterthan Eurer Majestät geboren,« sagte er, »und ich habe meine Unterthanentreue zu wiederholten Malen eidlich bekräftigt. Ich kann nur einen König auf einmal haben. Ich habe den Prinzen nicht eingeladen herüberzukommen, und ich glaube nicht, daß ein einziger von meinen Amtsbrüdern es gethan hat.« -- »Ich weiß gewiß, daß ich es nicht gethan habe,« sagte Crewe von Durham. »Ich auch,« setzte Cartwright von Chester hinzu. Crewe und Cartwright konnte man wohl glauben, denn sie hatten Beide in der Hohen Commission gesessen. Als Compton an die Reihe kam, umging er die Frage mit einer Gewandtheit, um die ihn ein Jesuit hätte beneiden können. »Ich gab schon gestern Eurer Majestät meine Antwort.«
Jakob wiederholte ihnen immer und immer wieder, daß er sie alle vollkommen freispreche. Trotzdem dürfte es aber doch für ihn nützlich und zu ihrer Ehrenrettung nöthig sein, daß sie sich öffentlich rechtfertigten. Er verlangte daher von ihnen die schriftliche Erklärung, daß sie den Plan des Prinzen verabscheuten. Sie schwiegen, ihr Stillschweigen wurde als Zustimmung betrachtet und sie durften sich entfernen.[90]
[Anmerkung 88: Ronquillo, 12.(22.) Nov. 1688. +»Estas respuestas,«+ sagt Ronquillo, +»son ciertas, aunque mas las encubrian en la corte.«+]
[Anmerkung 89: +London Gazette, Nov. 5. 1688.+ Die Proklamation ist vom 2. Nov. datirt.]
[Anmerkung 90: +Tanner MSS.+]
[_Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel._] Unterdessen schwamm Wilhelm's Flotte auf der Nordsee. Am Abend des Donnerstag, den 2. November, ging er wieder unter Segel. Der Wind blies frisch aus Osten. Zwölf Stunden lang steuerte die Flotte in nordwestlicher Richtung. Die von dem englischen Admiral auf Recognoscirung ausgesandten leichten Fahrzeuge brachten Nachrichten, welche die vorherrschende Ansicht, daß der Feind in Yorkshire zu landen versuchen werde, bestätigten. Plötzlich aber machte die ganze Flotte auf ein vom Schiffe des Prinzen gegebenes Signal eine Wendung und steuerte nach dem britischen Kanal. Der nämliche Wind, der die Reise der Angreifer begünstigte, verhinderte Dartmouth, aus der Themse auszulaufen. Seine Schiffe mußten Raaen und Stengen einziehen, und zwei von seinen Fregatten, welche die hohe See gewonnen hatten, wurden von dem heftigen Sturme arg zugerichtet und in den Fluß zurückgetrieben.
Inzwischen segelte die holländische Flotte rasch vor dem Winde und erreichte die Meerenge am Samstag den 3. November ungefähr um zehn Uhr Morgens. Wilhelm selbst fuhr mit der »Brill« voraus, und mehr als sechshundert Fahrzeuge folgten ihm mit vollen Segeln. Die Transportschiffe befanden sich in der Mitte, und die Kriegsschiffe, über fünfzig an Zahl, bildeten den äußeren Wehrgürtel. Herbert befehligte die ganze Flotte unter dem Titel eines Generallieutenant-Admirals. Sein Schiff segelte unter der Nachhut und viele englische Seeleute, die von Haß gegen den Papismus erfüllt und durch hohen Sold angelockt waren, dienten unter ihm. Es hatte dem Prinzen viele Mühe gekostet einige hohe holländische Offiziere dazu zu bewegen, daß sie sich dem Oberbefehl eines Ausländers unterwarfen. Diese Anordnung aber war höchst weise. Auf der Flotte des Königs herrschte große Unzufriedenheit und ein glühender Eifer für den protestantischen Glauben. Aber innerhalb der Erinnerung alter Seeleute hatten die holländische und die englische Flotte dreimal mit heldenmüthiger Tapferkeit und wechselndem Glücke um die Herrschaft auf der See gekämpft. Unsere Seeleute hatten den Besen noch nicht vergessen, mit dem Van Tromp den Kanal zu fegen gedroht hatte, und eben so wenig das Feuer, welches De Ruyter auf den Werften des Medway angezündet. Hätten sich die beiden rivalisirenden Nationen noch einmal auf dem Elemente begegnet, auf welchem jede von ihnen die Herrschaft für sich in Anspruch nahm, so würde die gegenseitige Erbitterung keinen andren Gedanken haben aufkommen lassen. Eine blutige und hartnäckige Schlacht würde stattgefunden haben und eine Niederlage wäre für Wilhelm der Todesstoß gewesen. Selbst ein Sieg würde alle seine tief durchdachten politischen Pläne zerstört haben. Er hatte daher wohlweislich beschlossen, die Verfolger, falls er mit ihnen zusammentreffen sollte, in ihrer Muttersprache zu begrüßen und sie durch einen Admiral, unter dem sie gedient hatten, und den sie hochachteten, bitten zu lassen, daß sie nicht gegen alte Kameraden für papistische Tyrannei fechten sollten. Eine solche Aufforderung konnte möglicherweise einem Zusammenstoße vorbeugen. Erfolgte aber dennoch ein solcher, so standen wenigstens zwei englische Befehlshaber einander gegenüber, und der Stolz der Inselbewohner wurde nicht verwundet, wenn sie erfuhren, daß Dartmouth vor Herbert hatte die Flagge streichen müssen.[91]
[Anmerkung 91: Avaux, 12.(22.) Juli u. 14.(24.) Aug. 1688. Herr de Jonge, der mit den Nachkommen des holländischen Admirals Evertson verwandt ist, hat die Gefälligkeit gehabt, mir einige aus Familienpapieren entnommene interessante Notizen mitzutheilen. In einem vom 6.(16.) Sept. 1688 datirten Briefe an Bentinck legt Wilhelm ein großes Gewicht auf die Nothwendigkeit, einen Zusammenstoß zu vermeiden und bittet Bentinck darum, dies Herbert vorzustellen. +»Ce n'est pas le tems de faire voir sa bravoure, ni de se battre si l'on le peut éviter. Je luy l'ai déjà dit, mais il sera nécessaire que vous le répétiez, et que vous le luy fassiez bien comprendre.«+]
[_Er passirt die Meerenge._] Zum Glück war Wilhelm's Vorsicht überflüssig. Bald nach Mittag passirte er die Meerenge. Seine Flotte breitete sich auf eine Meile Entfernung von Dover im Norden und von Calais im Süden aus. Die Kriegsschiffe auf der äußersten Rechten und der äußersten Linken begrüßten beide Festungen gleichzeitig. Die Truppen traten auf dem Verdeck unters Gewehr, und das Geschmetter der Trompeten, der Klang der Cymbeln und der Trommelwirbel wurden an der englischen und der französischen Küste zu gleicher Zeit deutlich gehört. Eine unzählige Menge Neugieriger verdunkelte das weiße Gestade von Kent. Eine nicht minder zahlreiche Menge bedeckte die Küste der Picardie. Rapin de Thoyras, der durch Verfolgung aus seinem Vaterlande vertrieben, in der holländischen Armee Dienste genommen hatte und den Prinzen nach England begleitete, schilderte viele Jahre später das Schauspiel als das prächtigste und erhabenste, das je ein menschliches Auge gesehen. Bei Sonnenuntergang befand sich die Flotte auf der Höhe von Beachy Head. Jetzt wurden die Lichter angezündet. Das Meer strahlte davon viele Meilen im Umkreise. Aber die Blicke aller Steuermänner waren die ganze Nacht hindurch auf drei kolossale Laternen gerichtet, welche am Spiegel der »Brill« leuchteten.[92]
Unterdessen war von Dover ein Courier nach Whitehall abgeschickt worden mit der Nachricht, daß die holländische Flotte die Meerenge passirt habe und westwärts steure. Dies machte eine sofortige Abänderung aller militairischen Anordnungen nöthig. Nach allen Richtungen hin wurden Eilboten ausgesandt, die Offiziere mitten in der Nacht aus den Betten geholt. Am Sonntag Morgen um drei Uhr fand in Hyde Park eine große Musterung bei Fackelschein statt. In der Voraussetzung, daß Wilhelm in Yorkshire landen werde, hatte der König mehrere Regimenter nach dem Norden geschickt. Es wurden unverzüglich Expresse abgefertigt, um sie zurückzurufen. Alle Truppen bis auf diejenigen, welche zur Aufrechthaltung der Ruhe in der Hauptstadt nöthig waren, wurden nach dem Westen beordert. Salisbury war zum Sammelplatz bestimmt; da man es aber für möglich hielt, daß Portsmouth der erste Angriffspunkt werden könnte, so brachen drei Bataillone Garden und ein starkes Kavalleriecorps nach dieser Festung auf. In einigen Stunden erfuhr man, daß Portsmouth sicher sei, und die Truppen erhielten deshalb sofort den Befehl, umzukehren und nach Salisbury zu eilen.[93]
[Anmerkung 92: +Rapin's History+; +Whittle's Exact Diary+. Ich habe einen aus der damaligen Zeit herrührenden Plan von der Ordnung gesehen, in welcher die Flotte segelte.]
[Anmerkung 93: Adda, 5.(15.) Nov. 1688; Neuigkeitsbrief in der Mackintosh-Sammlung; Citters, 6.(16.) Nov.]
[_Seine Landung bei Torbay._] Als der Sonntag, der 4. November, anbrach, hatte die holländische Flotte die Klippen der Insel Wight in Sicht. Dieser Tag war zu gleicher Zeit Wilhelm's Geburtstag und Hochzeitstag. Während der ersten Stunden des Morgens wurden die Segel losgemacht und auf den Schiffen Gottesdienst gehalten. Am Nachmittag und die Nacht durch steuerte die Flotte in der bisher verfolgten Richtung weiter. Torbay war der Ort, wo Wilhelm zu landen gedachte. Der Morgen des 5. November war trübe und nebelig, so daß der Steuermann der »Brill« die Seezeichen nicht erkennen konnte und die Flotte zu weit westlich führte. Die Gefahr war groß. Dem Wind entgegen wieder umzukehren war unmöglich. Der nächste Hafen war Plymouth, aber dort lag eine Garnison unter dem Commando des Lord Bath. Diese konnte sich der Landung möglicherweise widersetzen und ein Unfall konnte schlimme Folgen haben. Überdies konnte man kaum daran zweifeln, daß die königliche Flotte jetzt die Themse verlassen hatte und mit vollen Segeln dem Kanal zusteuerte. Russell erkannte die ganze Größe der Gefahr und sagte zu Burnet: »Sie können immer beten, Doctor. Es ist Alles vorbei.« In diesem Augenblicke sprang der Wind um, es erhob sich eine leichte Südbrise, der Nebel zerstreute sich, die Sonne schien, und bei dem matten Lichte eines Herbstnachmittags wendete sich die Flotte, umschiffte das hohe Cap Berry Head und lief wohlbehalten in den Hafen von Torbay ein.[94]
Seit der Zeit, als Wilhelm auf diesen Hafen blickte, hat sich die Gestalt desselben sehr verändert. Das Amphitheater, welches das weite Becken umgiebt, bietet jetzt überall Zeichen von Wohlstand und Civilisation dar. Am nordöstlichen Ende ist ein großer Badeort entstanden, dessen milder italienischer Himmel Gäste aus den entferntesten Theilen der Insel anzieht, denn hier blüht die Myrthe im Freien und selbst der Winter ist milder als in Northumberland der April. Die Einwohnerzahl beläuft sich auf ungefähr zehntausend Seelen. Die neuerbauten Kirchen und Kapellen, die Bäder und Leseinstitute, die Gasthöfe und öffentlichen Gärten, das Krankenhaus und das Museum, die sich terrassenförmig an der Küste hinaufziehenden weißen Straßen, die hinter Buschwerk und Blumenbeeten hervorschimmernden freundlichen Landhäuser gewähren einen Anblick, wie ihn England im siebzehnten Jahrhunderte nirgends aufweisen konnte. Auf der andren Seite der Bucht liegt, durch Berry Head geschützt, der lebhafte Marktort Brixham, der wohlhabendste Sitz unsres Fischhandels. Zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts wurde hier ein Molo und ein Hafen angelegt, die sich aber für den zunehmenden Verkehr bald als ungenügend erwiesen. Die Bevölkerung beträgt etwa sechstausend Seelen und der Schiffsverkehr beläuft sich auf mehr als zweihundert Segel. Der Tonnengehalt der ein- und auslaufenden Schiffe übertrifft sehr oft den des Hafens von Liverpool zu den Zeiten der Stuarts. Als aber die holländische Flotte in der Torbay vor Anker ging, war sie nur als ein Hafen bekannt, in den sich zuweilen die Schiffe vor den Stürmen des atlantischen Oceans flüchteten. Das Gewühl des Handels und des Vergnügens störte noch nicht die Ruhe ihrer stillen Ufer und nur spärliche Bauer- und Fischerhütten lagen zerstreut umher auf dem Boden, der jetzt mit belebten Marktorten und prächtigen Lusthäusern bedeckt ist.