Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)
Part 6
[_Sunderland._] Man hat Grund zu glauben, daß Wilhelm um diese Zeit auch die ersten Beitrittsversicherungen von einer ganz andren Seite erhielt. Die Geschichte der Intriguen Sunderland's ist in ein Dunkel gehüllt, das schwerlich je ein Forscher wird aufzuklären vermögen; wenn es aber auch nicht möglich ist, die ganze Wahrheit zu entdecken, so kann man doch leicht einige handgreifliche Erdichtungen nachweisen. Die Jakobiten behaupteten aus naheliegenden Gründen, die Revolution von 1688 sei die Frucht eines schon vor langer Zeit angezettelten Complots gewesen, und Sunderland bezeichneten sie als das Haupt der Verschwörung. Sie behaupteten, er habe in der Verfolgung seines großen Planes seinen nur zu vetrauensvollen Gebieter angereizt, von Gesetzen zu dispensiren, ein ungesetzliches Tribunal zu errichten, freies Eigenthum zu confisciren und die Väter der Landeskirche ins Gefängniß zu werfen. Dieser Roman stützt sich auf keinen Beweis, und obgleich er bis auf unsre Zeit nacherzählt worden ist, verdient er doch kaum eine Widerlegung. Nichts ist gewisser, als daß Sunderland sich einigen der unklügsten Schritte Jakob's widersetzte, insbesondere der Verfolgung der Bischöfe, welche eigentlich die entscheidende Krisis herbeiführte. Aber wenn auch diese Thatsache nicht feststände, so würde noch ein andres Argument den Streit entscheiden. Welchen denkbaren Grund konnte Sunderland haben, eine Revolution herbeizuwünschen? Unter dem herrschenden Systeme stand er auf dem Gipfel des Ansehens und des Glücks. Als Präsident des Geheimen Raths hatte er den Vorrang vor allen weltlichen Peers, und als erster Staatssekretär war er das thätigste und mächtigste Mitglied des Kabinets. Er durfte den Herzogstitel erwarten. Er hatte den Hosenbandorden erhalten, den noch unlängst der glänzende und leichtfertige Buckingham getragen, der nach Vergeudung seines fürstlichen Vermögens und seines reichbegabten Geistes verlassen, verachtet und mit gebrochenem Herzen ins Grab gesunken war.[48] Geld, auf das Sunderland mehr Werth legte als auf Gunst- und Ehrenbezeigungen, strömte ihm in solcher Fülle zu, daß er bei einigermaßen geregelter Verwaltung seiner Einkünfte hoffen konnte, binnen wenigen Jahren einer der reichsten Unterthanen in Europa zu werden. Die directen Einkünfte seiner Stellen waren, obwohl sehr bedeutend, doch nur ein kleiner Theil seiner Revenüen. Von Frankreich allein bezog er ein regelmäßiges Jahrgeld von nahe an sechstausend Pfund, abgesehen von bedeutenden Gelegenheitsgratifikationen. Mit Tyrconnel war er, wie wir wissen, auf fünftausend Pfund jährlich, oder fünfzigtausend ein für allemal, einig geworden. Welche Summen er außerdem durch den Handel mit Stellen, Titeln und Begnadigungen verdiente, kann nur gemuthmaßt werden, aber sie müssen enorm gewesen sein. Es schien Jakob Vergnügen zu machen, einen Mann, den er als durch sich bekehrt betrachtete, mit Reichthümern förmlich zu überschütten. Alle Geldbußen, alles verfallende Eigenthum erhielt Sunderland. Von jeder Verleihung bekam Sunderland Gebühren. Wenn irgend ein Bittsteller es wagte, sich direct an den König zu wenden, so erhielt er von diesem die Antwort: »Haben Sie mit meinem Lordpräsidenten gesprochen?« Ein beherzter Mann erlaubte sich einmal die Äußerung, der Lordpräsident verschlinge das ganze Geld des Hofes. »Ja,« erwiederte Seine Majestät, »aber er verdient es auch.«[49] Wir werden das Gesammteinkommen des Ministers nicht zu hoch anschlagen, wenn wir es auf dreißigtausend Pfund jährlich schätzen, und man darf nicht vergessen, daß ein solches Einkommen damals seltener war als gegenwärtig ein Einkommen von hunderttausend Pfund. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es damals nicht einen einzigen Peer gab, dessen Privateinkünfte den Amtseinkünften Sunderlands gleichgekommen waren.
Hatte nun ein in ungesetzliche und unpopuläre Regierungsmaßregeln so tief verwickelter Mann, ein Mitglied der Hohen Commission, ein Renegat, den die Menge auf öffentlichen Plätzen mit dem Geschrei: »Papistischer Hund!« verfolgte, wohl Aussicht, unter einer neuen Ordnung der Dinge noch größer und reicher zu werden? Hatte er wohl nur Aussicht, der verdienten Strafe zu entgehen?
Er hatte gewiß schon seit langer Zeit die Möglichkeit im Auge, daß Wilhelm und Maria nach dem natürlichen Laufe der Natur und des Gesetzes einst an die Spitze der englischen Regierung kommen könnten, und wahrscheinlich hatte er es auch schon versucht, sich durch Versprechungen und Dienstleistungen, die, wenn sie entdeckt worden wären, seinen Credit in Whitehall gerade nicht erhöht haben würden, ihre Gunst zu erwerben. Aber man darf mit Gewißheit behaupten, daß es nicht sein Wunsch war, sie durch eine Revolution auf den Thron erhoben zu sehen, und daß er eine solche Revolution nicht im entferntesten vermuthete, als er gegen Ende Juni 1688 feierlich in den Schooß der römischen Kirche übertrat.
Kaum jedoch hatte er sich durch dieses unverzeihliche Verbrechen den Haß und die Verachtung der ganzen Nation zugezogen, so erfuhr er, daß die bürgerliche und kirchliche Verfassung Englands demnächst durch fremde und einheimische Waffen vertheidigt werden sollte. Von diesem Augenblicke an scheinen alle seine Pläne eine Umgestaltung erfahren zu haben. Angst und Furcht drückten ihn gänzlich darnieder und sprachen so deutlich aus seinen Gesichtszügen, daß Jedermann sie auf den ersten Blick darin lesen konnte.[50] Es unterlag kaum einem Zweifel, daß im Falle einer Revolution die den Thron umgebenden bösen Rathgeber zu strenger Rechenschaft gezogen werden würden, und er stand unter diesen bösen Rathgebern obenan. Der Verlust seiner Stellen, seiner Gehalte und seiner Pensionen war das Geringste, was er zu fürchten hatte. Sein Stammschloß Althorpe mit seinen großen Waldungen konnte confiscirt werden. Er konnte viele Jahre im Gefängniß schmachten oder sein Leben in fremdem Lande als Pensionair der Freigebigkeit Frankreichs beschließen müssen. Und selbst dies war noch nicht das Schlimmste. Der unglückliche Staatsmann begann von schrecklichen Visionen verfolgt zu werden; er sah im Geiste Towerhill mit einer zahllosen Menschenmenge bedeckt, die beim Anblicke des Apostaten in ein wildes Jubelgeschrei ausbrach, er sah ein schwarz behangenes Schaffot, er sah Burnet, der das Sterbegebet für ihn las, und Ketch, auf das Beil gestützt, mit welchem Russell und Monmouth in so grauenvoller Weise abgeschlachtet worden waren. Wohl gab es noch einen Ausweg, durch den er sich retten konnte, aber dieser Weg würde einem edlen Character noch viel schrecklicher gewesen sein, als ein Kerker oder das Schaffot. Er konnte sich durch einen rechtzeitigen und nützlichen Verrath von den Feinden der Regierung Verzeihung erwirken. Es stand in seiner Macht, ihnen in jenem Augenblicke unschätzbare Dienste zu leisten, denn der König befolgte stets seinen Rath, er hatte großen Einfluß auf die jesuitische Cabale, und der französische Gesandte schenkte ihm blindes Vertrauen. An einer des Zweckes, dem sie dienen sollte, würdigen Vermittlerin fehlte es ihm nicht. Die Gräfin von Sunderland war ein schlaues Weib, die unter einem Schein von Frömmigkeit, durch welchen sich viele erfahrene Männer täuschen ließen, mit großer Thätigkeit verliebte und politische Intriguen betrieb.[51] Der schöne und leichtfertige Heinrich Sidney war seit geraumer Zeit ihr begünstigter Anbeter, und ihrem Gatten war es ganz angenehm, sie auf diese Weise mit dem Hofe im Haag verbunden zu sehen. Wenn er eine geheime Botschaft nach Holland befördern wollte, sprach er mit seiner Gattin darüber, diese schrieb an Sidney, und Sidney theilte ihren Brief dem Prinzen Wilhelm mit. Ein derartiges Schreiben wurde aufgefangen und Jakob hinterbracht. Sie behauptete keck, es sei gefälscht, und ihr Gatte vertheidigte sich mit der ihm eigenen Geschicklichkeit, indem er dem Könige vorstellte, es sei unmöglich, daß irgend ein Mensch so schlecht sein könne, das zu thun, was er gleichwohl fortwährend that. »Selbst wenn dies wirklich Lady Sunderland's Hand wäre,« sagte er, »so würde ich doch nichts damit zu thun haben. Eure Majestät kennt mein häusliches Mißgeschick. Es ist nur zu bekannt, auf welchem Fuße meine Frau mit Sidney steht. Wer könnte glauben, daß ich einen Mann zu meinem Vertrauten machen werde, der meine Ehre an der empfindlichsten Seite gekränkt hat, den Mann, den ich von Allen am meisten hassen muß?«[52] Diese Vertheidigung wurde für genügend erachtet und nach wie vor gingen geheime Nachrichten von dem wissentlich betrogenen Gatten an die Ehebrecherin, von der Ehebrecherin an den Galan und von dem Galan an die Feinde Jakob's.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß Wilhelm um die Mitte des August die ersten bestimmten Versicherungen von Sunderland's Unterstützung mündlich durch Sidney erhielt. Gewiß ist soviel, daß von dieser Zeit an bis zu dem Augenblicke, wo die Expedition zum Absegeln bereit war, eine lebhafte Correspondenz zwischen der Gräfin und ihrem Geliebten unterhalten wurde. Einige von ihren Briefen, welche zum Theil in Chiffersprache geschrieben waren, sind noch vorhanden. Sie enthalten Versicherungen von Geneigtheit und Dienstversprechungen nebst dringenden Bitten um Schutz. Die Schreiberin giebt zu verstehen, daß ihr Gatte Alles thun werde, was seine Freunde im Haag nur wünschen könnten; sie hält es für nöthig, daß er auf einige Zeit ins Exil geht, aber sie hofft, daß seine Verbannung nicht ewig dauern und daß ihm sein Erbgut erhalten bleiben werde und bittet angelegentlich um Bezeichnung eines passenden Ortes, wohin er sich zurückziehen könne, bis die erste Wuth des Sturmes sich gelegt haben würde.[53]
[Anmerkung 48: +London Gazette, April 25. 28. 1687+.]
[Anmerkung 49: +Secret Consults of the Romish Party in Ireland+. Diese Mittheilung wird durch eine Stelle in einem Schreiben von Bonrepaux an Seignelay vom 12.(22.) Sept. 1687 bestätigt. +»Il (Sunderland) amassera beaucoup d'argent, le roi son maître lui donnant la plus grande partie de celui qui provient des confiscations ou des accommodemens que ceux qui ont encourû des peines font pour obtenir leur grace.«+]
[Anmerkung 50: Adda sagt in einer Depesche vom 26. Oct. (5. Nov.) 1688, daß man Sunderland seine Angst angesehen habe.]
[Anmerkung 51: Vergleiche Evelyn's Mittheilungen über sie mit dem, was die Prinzessin von Dänemark von ihr nach dem Haag schrieb, und mit ihren eigenen Briefen an Heinrich Sidney.]
[Anmerkung 52: Bonrepaux an Seignelay, 11.(21.) Juli 1688.]
[Anmerkung 53: Siehe ihre Briefe in Sidney's unlängst erschienenem Tagebuche und Correspondenz. Fox bezeichnet in seiner Ausgabe der Depeschen von Barillon den 30. August n. St. 1688 als den Zeitpunkt, von welchem an Sunderland ganz bestimmt ein falsches Spiel spielte.]
[_Wilhelm's Befürchtungen._] Der Beistand Sunderland's war höchst willkommen. Denn je näher der für den großen Schlag bestimmte Zeitpunkt heranrückte, um so mehr nahm Wilhelm's ängstliche Besorgniß zu. Vor gewöhnlichen Blicken verbarg er seine Gefühle hinter der eiskalten Ruhe seines Benehmens; Bentinck aber öffnete er sein ganzes Herz. Die Vorbereitungen waren noch nicht ganz vollendet, der Plan wurde schon geahnet und konnte nicht länger verborgen werden. Der König von Frankreich oder die Stadt Amsterdam konnten noch immer das ganze Unternehmen vereiteln. Wenn Ludwig eine bedeutende Truppenmacht nach Brabant schickte, wenn die Partei, welche den Statthalter haßte, das Haupt erhob, so war Alles vorbei. »Meine Angst und meine Besorgniß,« schrieb der Prinz, »sind furchtbar. Ich weiß kaum mehr was ich thue. Noch nie in meinem Leben fühlte ich so stark das Bedürfniß der göttlichen Leitung.«[54] Bentinck's Gemahlin war um diese Zeit gefährlich krank, und beide Freunde ängstigten sich sehr um sie. »Gott halte Sie aufrecht,« schrieb Wilhelm, »und gebe Ihnen die Kraft, Ihren Theil bei einem Werke zu verrichten, von welchem, soweit Menschen es beurtheilen können, das Wohl seiner Kirche abhängt.«[55]
[Anmerkung 54: 19.(29.) August 1688.]
[Anmerkung 55: 4.(14.) Sept. 1688.]
[_Jakob wird gewarnt._] Es war in der That unmöglich, daß ein so umfassender Plan, wie der gegen den König von England entworfene war, viele Wochen lang geheim bleiben konnte. Keine Vorsicht konnte es verhindern, daß scharfblickende Leute Wilhelm's großartige Kriegsrüstungen zu Lande und zur See bemerkten und den Zweck dieser Rüstungen ahneten. Schon Anfang August raunte man einander in London zu, daß ein großes Ereigniß im Anzuge sei. Der schwache und bestochene Albeville, der sich damals zu Besuch in England befand, war überzeugt oder stellte sich wenigstens so, daß die holländische Regierung keine feindlichen Absichten gegen England hege. Aber während Albeville's Abwesenheit versah Avaux mit ausgezeichneter Umsicht die Geschäfte eines französischen und englischen Gesandten zugleich bei den Generalstaaten und lieferte sowohl Barillon als auch Ludwig ausführliche Nachrichten. Avaux war fest überzeugt, daß eine Landung in England beabsichtigt wurde, und es gelang ihm, seinem Gebieter die Richtigkeit dieser Vermuthung vollkommen einleuchtend zu machen. Jeder Courier, der entweder vom Haag oder von Versailles nach Westminster kam, brachte ernste Warnungen mit.[56] Jakob aber war in einer Täuschung befangen, in der er allem Anscheine nach von Sunderland geschickt erhalten wurde. Der Prinz von Oranien, sagte der schlaue Minister, werde es nie wagen, eine überseeische Expedition zu unternehmen und Holland von Vertheidigungsmitteln zu entblößen. Die Generalstaaten würden sich in Erinnerung dessen, was sie während des furchtbaren Kampfes von 1672 gelitten und zu fürchten gehabt hätten, gewiß nicht der Gefahr aussetzen, wieder ein feindliches Heer auf der Ebene zwischen Utrecht und Amsterdam lagern zu sehen. Es herrsche allerdings große Unzufriedenheit in England, aber zwischen Unzufriedenheit und Rebellion liege noch eine große Kluft. Männer von Rang und Vermögen seien nicht so leicht zu bewegen, ihre Stellung, ihr Eigenthum und ihr Leben auf's Spiel zu setzen. Wie viele hochstehende Whigs hätten zu der Zeit, als Monmouth in den Niederlanden war, eine übermüthige Sprache geführt! Und welcher hochstehende Whig habe sich ihm angeschlossen, als er sein Banner aufgepflanzt? Es sei leicht erklärlich, warum Ludwig sich stellte, als ob er diesen leeren Gerüchten Glauben schenke. Er hoffte ohne Zweifel, den König von England durch Ängstigung zu bestimmen, daß er in dem kölner Streite auf die Seite Frankreichs trat. Durch solche Argumente ließ Jakob sich leicht in eine stupide Sicherheit wiegen.[57] Ludwig's Angst und Unwille nahm dagegen mit jedem Tage zu und der Ton seiner Briefe wurde immer schärfer und heftiger.[58] Er sagte, er könne diese Gleichgültigkeit am Vorabende einer großen Krisis nicht begreifen. Sei denn der König behext? Seien seine Minister blind? Sei es möglich, daß Niemand in Whitehall merkte, was in England und auf dem Continent vorging? Eine so thörichte Sicherheit könne doch kaum die Wirkung bloßer Unvorsichtigkeit sein, dahinter müsse absichtliche Täuschung stecken, Jakob müsse offenbar in treulosen Händen sein. Barillon wurde dringend ermahnt, den englischen Ministern nicht vollkommen zu trauen; aber alle Ermahnungen waren umsonst. Ihn sowohl als Jakob hatte Sunderland mit einem Zauber umsponnen, den keine Ermahnungen zerstören konnten.
[Anmerkung 56: Avaux 19.(29.) Juni; 31. Juli (10. Aug,), 11.(21.) Aug. 1688; Ludwig an Barillon, 2.(12.), 16.(26.) Aug.]
[Anmerkung 57: Barillon 20.(30.) Aug., 23. Aug. (2. Sept.) 1688; Adda, 24. Aug. (3. Sept.); +Clarke's Life of James the Second, II. 177. Orig. Mem.+]
[Anmerkung 58: Ludwig an Barillon, 3.(13.), 8.(18.), 11.(21.) Sept. 1688.]
[_Ludwig's Bemühungen, um Jakob zu retten._] Ludwig regte sich nachdrücklich. Bonrepaux, welcher Barillon an Schlauheit weit überlegen war und der Sunderland stets mit feindseligem und argwöhnischem Blicke betrachtet hatte, wurde mit dem Anerbieten einer Unterstützung durch Schiffe nach London gesandt. Zu gleicher Zeit erhielt Avaux Auftrag, den Generalstaaten zu erklären, daß Frankreich den König Jakob unter seinen Schutz genommen habe. Ein starkes Truppencorps wurde zum Aufbruch nach der holländischen Grenze bereit gehalten. Dieser kühne Versuch, den verblendeten Tyrannen wider seinen Willen zu retten, wurde im vollen Einverständniß mit Skelton gemacht, der jetzt Gesandter England's am Hofe von Versailles war.
Avaux verlangte seinen Instructionen gemäß eine Audienz bei den Generalstaaten, die ihm bereitwillig zugestanden wurde. Die Versammlung war ungewöhnlich zahlreich. Man glaubte allgemein, daß er eine Eröffnung in Bezug auf den Handel machen werde, und der Präsident hatte sich mit einer in dieser Voraussetzung entworfenen Antwort versehen. Sobald aber Avaux sich seines Auftrags zu entledigen begann, äußerten sich unverkennbare Zeichen von Mißbehagen. Diejenigen, von denen man glaubte, daß sie das Vertrauen des Prinzen von Oranien genossen, schlugen die Augen nieder. Die Aufregung nahm zu, als der Gesandte ankündigte, daß sein Gebieter durch die engsten Bande der Freundschaft und Allianz mit Seiner Großbritannischen Majestät verbunden sei und daß jeder Angriff auf England als eine Kriegserklärung gegen Frankreich betrachtet werden würde. Der völlig unvorbereitete Präsident stammelte einige ausweichende Phrasen hervor und die Conferenz war zu Ende. Zu gleicher Zeit war den Staaten angekündigt worden, daß Ludwig den Cardinal Fürstenberg und das kölner Domkapitel unter seinen Schutz genommen habe.[59]
Die Deputirten waren in der größten Bestürzung. Einige empfahlen Vorsicht und Aufschub. Andere athmeten nichts als Krieg. Fagel sprach mit Heftigkeit von der französischen Anmaßung und bat seine Collegen dringend, sich durch Drohungen nicht einschüchtern zu lassen. Er sagte, die passende Antwort auf eine solche Mittheilung sei die Verstärkung des Heeres und die Ausrüstung neuer Schiffe. Es wurde augenblicklich ein Courier abgesandt, um Wilhelm von Minden zu holen, wo er eine wichtige Besprechung mit dem Kurfürsten von Brandenburg hatte.
[Anmerkung 59: Avaux, 23. August (2. Sept.), 30. Aug. (9. Sept.) 1688.]
[_Jakob vereitelt dieselben._] Doch man brauchte nicht ängstlich zu sein. Jakob schien es darauf anzulegen, sich ins Verderben zu stürzen und jeder Versuch ihn zurückzuhalten hatte keinen andren Erfolg, als daß er dem Abgrunde nur noch rascher zueilte. Als sein Thron befestigt, als sein Volk gehorsam war, als das dienstwilligste aller Parlamente sich befleißigte, allen seinen billigen Wünschen entgegenzukommen, als auswärtige Königreiche und Republiken mit einander wetteiferten, ihm zu huldigen und zu schmeicheln, als es nur von ihm abhing, der Schiedsrichter der Christenheit zu sein, hatte er sich zum Sklaven und Söldlinge Frankreichs erniedrigt. Und jetzt, wo es ihm durch eine Reihe von Verbrechen und Thorheiten gelungen war, sich seine Nachbarn, seine Unterthanen, seine Soldaten, seine Seeleute und seine Kinder zu entfremden, und wo ihm kein andrer Ausweg mehr blieb, als der französische Schutz, bekam er plötzlich einen Anfall von Stolz und beschloß seine Unabhängigkeit zu behaupten. Die Hülfe, die er zu einer Zeit, wo er ihrer nicht bedurfte, mit schimpflichen Dankesthränen angenommen hatte, wies er jetzt, wo er sie nicht entbehren konnte, mit Verachtung zurück. Nachdem er sich zu einer Zeit, wo er viel eher mit ängstlicher Sorgfalt auf die Wahrung seiner Würde hätte halten können, erniedrigt hatte, wurde er undankbar hochmüthig in einem Augenblicke, wo der Hochmuth ihm zu gleicher Zeit Hohn und Verderben zuziehen mußte. Er fühlte sich beleidigt durch die freundschaftliche Hülfe, die ihn hätte retten können. War je ein König so behandelt worden? War er ein Kind oder ein Schwachkopf, daß Andere für ihn denken mußten? War er ein Winkelfürst, ein Cardinal Fürstenberg, der fallen mußte, wenn nicht ein mächtiger Beschützer ihn hielt? Sollte er sich durch einen prahlerischen Schutz, um den er nie gebeten, sich in den Augen von ganz Europa herabsetzen lassen? Skelton wurde zurückgerufen, um über sein Verfahren Rechenschaft zu geben, und wurde sogleich nach seiner Ankunft in den Tower gesperrt. Citters dagegen wurde in Whitehall gut aufgenommen und er hatte eine lange Audienz. Er konnte mit mehr Wahrheit, als die Diplomaten in solchen Fällen überhaupt für nöthig hielten, jede feindselige Absicht auf Seiten der Generalstaaten leugnen. Denn die Generalstaaten hatten bis jetzt noch keine öffentliche Kenntniß von Wilhelm's Plane, und es war keineswegs unmöglich, daß sie selbst jetzt noch demselben ihre Genehmigung vorenthielten. Jakob erklärte, daß er den Gerüchten von einer holländischen Invasion nicht den geringsten Glauben schenke und daß das Benehmen der französischen Regierung ihn überrascht und verdrossen habe. Middleton erhielt die Weisung, allen auswärtigen Gesandten zu versichern, daß kein solches Bündniß zwischen Frankreich und England bestehe, wie der Hof von Versailles zu seinen Zwecken vorgebe; dem Nuntius sagte der König, Ludwig's Absichten seien mit Händen zu greifen, sollten aber vereitelt werden. Diese zudringliche Protection sei zu gleicher Zeit eine Beleidigung und eine Schlinge. »Mein guter Bruder,« sagte Jakob, »hat vortreffliche Eigenschaften; aber Schmeichelei und Eitelkeit haben ihm den Kopf verrückt.«[60] Adda, dem an Cöln mehr gelegen war, als an England, nährte diese sonderbare Täuschung. Albeville, der jetzt wieder auf seinen Posten zurückgekehrt war, erhielt Befehl, den Generalstaaten freundschaftliche Versicherungen zu geben und einige hochtrabende Redensarten hinzuzusetzen, die sich in dem Munde einer Elisabeth oder eines Oliver nicht übel ausgenommen haben würden. »Mein Gebieter,« sagte er, »steht durch seine Macht und seinen Muth hoch über der Stufe, die ihm Frankreich gern anweisen möchte. Es ist ein kleiner Unterschied zwischen einem König von England und einem Erzbischof von Cöln.« Bonrepaux wurde in Whitehall sehr kühl aufgenommen. Die von ihm offerirte Unterstützung an Schiffen wurde zwar nicht geradezu abgelehnt, aber er mußte wieder abreisen, ohne etwas festgesetzt zu haben, und die Gesandten der Vereinigten Provinzen wie des Hauses Österreich wurden benachrichtigt, daß seine Sendung dem Könige unangenehm gewesen sei und zu keinem Resultate geführt habe. Nach der Revolution rühmte sich Sunderland, und wahrscheinlich mit Recht, daß er seinen Gebieter dazu bestimmt habe, die angebotene Unterstützung Frankreichs zurückzuweisen.[61]
Die unvernünftige Thorheit Jakob's erregte natürlich den Unwillen seines mächtigen Nachbars. Ludwig beklagte sich, daß die englische Regierung ihn zum Dank für den größten Dienst, den er ihr hätte leisten können, angesichts der ganzen Christenheit Lügen gestraft habe. Er bemerkte ganz richtig, was Avaux in Betreff des Bündnisses zwischen Frankreich und Großbritannien gesagt habe, sei wenn auch nicht dem Buchstaben nach, doch im allgemeinen Sinne wahr. Es bestehe allerdings kein in Paragraphen eingetheilter, unterschriebener, besiegelter und ratificirter Vertrag, aber Zusicherungen, welche in den Augen von Ehrenmännern für eben so heilig gälten als Verträge, wären seit mehreren Jahren zwischen den beiden Höfen gewechselt worden. Ludwig setzte noch hinzu, daß er, eine so hohe Stellung er auch in Europa einnehme, doch nie so lächerlich eifersüchtig auf seine Würde sein werde, um in einer durch die Freundschaft eingegebenen Handlung eine Beleidigung zu erblicken. Jakob aber sei in einer ganz andren Lage und werde bald den Werth des so unfreundlich zurückgewiesenen Beistandes schätzen lernen.[62]