Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)

Part 5

Chapter 53,185 wordsPublic domain

Zwei Dinge waren es, in Bezug auf welche die Bevölkerung der Vereinigten Provinzen besonders empfindlich war; die Religion und der Handel, und der französische König griff sie sowohl in ihrer Religion als in ihrem Handel an. Die Verfolgung der Hugenotten und die Widerrufung des Edicts von Nantes hatte überall den Schmerz und die Entrüstung der Protestanten erregt. In Holland aber waren tiefe Gefühle stärker als in irgend einem andren Lande, denn viele geborne Holländer hatten sich im Vertrauen auf die wiederholten feierlichen Versicherungen Ludwig's, daß die von seinem Großvater gewährte Duldung aufrecht erhalten werden sollte, zu Handelszwecken in Frankreich niedergelassen und ein großer Theil der Übergesiedelten war daselbst naturalisirt worden. Jetzt brachte jede Post die Nachricht nach Holland, daß diese Leute ihres Glaubens wegen mit außerordentlicher Strenge behandelt würden. Dem Einen waren Dragoner ins Quartier gelegt worden, ein Andrer war nackt an ein Feuer gehalten worden, bis er halb gebraten war; und Allen war bei strengster Strafe verboten, ihre gottesdienstlichen Gebräuche auszuüben, oder das Land zu verlassen, in das sie unter falschen Vorspiegelungen gelockt worden waren. Die Anhänger des Hauses Oranien äußerten laut ihren Unwillen über die Grausamkeit und Treulosigkeit des Tyrannen. Die Opposition war beschämt und entmuthigt. Selbst der Stadtrath von Amsterdam, so sehr derselbe dem französischen Interesse und der arminianischen Theologie zugethan, und so wenig er geneigt war, Ludwig zu tadeln oder mit den von ihm verfolgten Calvinisten zu sympathisiren, durfte es nicht wagen, sich gegen die allgemeine Stimmung aufzulehnen, denn es gab in dieser großen Stadt kaum einen einzigen reichen Kaufmann, der nicht einen Verwandten oder einen Freund unter den Verfolgten hatte. Es wurden den Bürgermeistern Petitionen mit zahlreichen und sehr angesehenen Unterschriften überreicht, in denen sie dringend gebeten wurden, dem Grafen Avaux energische Vorstellungen zu machen. Verschiedene Bittsteller begaben sich sogar persönlich in das Rathhaus, fielen auf die Knie, schilderten unter Thränen und Schluchzen die traurige Lage ihrer Lieben und flehten den Magistrat um seine Verwendung an. Auf allen Kanzeln ertönten Schmähungen und Klagen, und die Presse ergoß sich in herzzerreißenden Schilderungen und aufregenden Mahnungen. Avaux erkannte die ganze Größe der Gefahr. Er berichtete seinem Hofe, daß selbst die Gutgesinnten -- denn so pflegte er die Feinde des Hauses Oranien zu nennen -- die allgemeine Stimmung entweder theilten oder durch dieselbe eingeschüchtert würden, und er rieth ernstlich dazu, auf ihre Wünsche einige Rücksicht zu nehmen. Er erhielt jedoch kalte und geringschätzende Antworten von Versailles. Es wurde zwar einigen holländischen Familien, welche nicht in Frankreich naturalisirt waren, die Rückkehr in ihr Vaterland gestattet, den naturalisirten Holländern aber verweigerte Ludwig jedes Zugeständniß. Keine Macht der Erde, sagte er, habe ein Recht, zwischen ihn und seine Unterthanen zu treten; diese Leute wären aus eigenem Antriebe seine Unterthanen geworden, und wie er sie behandle, das gehe keinen Nachbarstaat etwas an. Der Magistrat von Amsterdam fühlte sich durch den hochmüthigen Undank des Potentaten, den er gegen die allgemeine Stimmung ihrer eigenen Landsleute kräftig und rücksichtslos unterstützt hatte, natürlich sehr unangenehm berührt. Bald folgte eine andre Herausforderung, die sie noch schmerzlicher empfanden. Ludwig begann ihren Handel anzugreifen. Er erließ zuerst eine Verordnung, welche die Heringseinfuhr in seine Staaten verbot. Avaux beeilte sich seinem Hofe zu melden, daß dieser Schritt großen Unwillen erregt habe, daß in den Vereinigten Provinzen sechzigtausend Menschen vom Heringsfang lebten und daß die Generalstaaten wahrscheinlich strenge Repressalien beschließen würden. Der König antwortete, daß er nicht nur auf dem Verbot beharre, sondern auch die Einfuhrzölle auf viele Waaren, mit denen Holland einen einträglichen Handel mit Frankreich trieb, zu erhöhen beabsichtige. Die Folge dieser Mißgriffe, welche trotz wiederholter Warnungen, wie es scheint aus bloßem übermüthigen Eigensinn begangen wurden, war, daß sich jetzt, wo die Stimme eines einzelnen mächtigen Mitgliedes der Batavischen Föderation ein der ganzen Politik Ludwig's Verderben drohendes Ereigniß hätte abwenden können, eine solche Stimme nicht erhob. Der Gesandte bemühte sich mit all' seiner diplomatischen Gewandtheit vergebens, die Partei, mit deren Hülfe er seit mehreren Jahren den Statthalter in Schach gehalten hatte, zu ralliiren. Die Arroganz und der Starrsinn seines Gebieters vereitelten alle seine Anstrengungen.

[_Fehler des Königs von Frankreich._] Endlich sah Avaux sich genöthigt, die beunruhigende Nachricht nach Versailles zu senden, daß man sich auf die der französischen Sache so lange ergeben gewesene Stadt Amsterdam nicht mehr verlassen könne, daß ein Theil der Gutgesinnten um ihre Religion besorgt sei und daß die Wenigen, deren Gesinnungen unverändert geblieben wären, es nicht wagen dürften, ihre Gedanken zu äußern. Die feurige Beredtsamkeit der Prediger, welche gegen die Greuel der französischen Verfolgung eiferten und die Wehklagen der bankerottirten Kaufleute, die ihren Untergang den französischen Maßregeln zuschrieben, hatten das Volk in eine so gereizte Stimmung versetzt, daß kein Bürger es mehr wagen durfte, sich offen für Frankreich zu erklären, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, in den nächsten Kanal geworfen zu werden. Man erinnerte daran, daß vor nicht mehr als fünfzehn Jahren das vornehmste Oberhaupt der dem Hause Oranien feindlich gesinnten Partei im Bereiche des Palastes der Generalstaaten von dem wüthenden Pöbel in Stücke zerrissen worden war. Ein gleiches Schicksal könnte nicht unwahrscheinlich auch Diejenigen treffen, welche beschuldigt werden sollten, daß sie in diesem kritischen Augenblicke den Absichten Frankreichs gegen ihr Vaterland und gegen den reformirten Glauben dienten.[40]

[Anmerkung 40: Siehe die Depeschen des Grafen Avaux. Es würde mir kaum möglich sein, alle die Stellen anzuführen, welche mir Material zu diesem Theile meiner Geschichte lieferten. Die wichtigsten finden sich unter folgenden Daten: 20. Sept., 24. Sept., 5. Oct. u. 20. Dec. 1685; 3. Jan. u. 22. Nov. 1686; 2. Oct., 6. Nov. u. 19. Nov. 1687; 29. Juli u. 20. Aug. 1688. Lord Lonsdale sagt in seinen Memoiren sehr richtig, daß ohne Ludwig's thörichtes Verfahren die Stadt Amsterdam die Revolution verhindert haben würde.]

[_Sein Streit mit dem Papste bezüglich der Vorrechte auswärtiger Gesandter._] Während Ludwig auf diese Weise seine Freunde zwang, seine wirklichen oder vorgeblichen Feinde zu werden, arbeitete er mit nicht geringerem Erfolge darauf hin, alle Bedenken zu zerstreuen, welche die römisch-katholischen Fürsten vielleicht noch hätten abhalten können, die Pläne Wilhelm's zu unterstützen. Es hatte sich zwischen dem Hofe von Versailles und dem Vatikan ein neuer Streit erhoben, ein Streit, in welchem sich die Unbilligkeit und der Übermuth des Königs von Frankreich vielleicht in beleidigenderer Weise zeigte, als bei irgend einem andren Schritte seiner Regierung.

Seit langer Zeit hatte in Rom die Regel gegolten, daß kein Justiz- oder Finanzbeamter das Haus eines Gesandten betreten durfte, der einen katholischen Staat repräsentirte. Im Laufe der Zeit war dieses Vorrecht so weit ausgedehnt worden, daß nicht nur die Wohnung, sondern auch ein beträchtlicher Umkreis um dieselbe als unverletzbar betrachtet wurde. Jeder Gesandte suchte eine Ehre darin, die Grenzen des unter seinem Schutze stehenden Raumgebiets möglichst zu erweitern, so daß endlich die halbe Stadt aus privilegirten Bezirken bestand, in denen die päpstliche Regierung nicht mehr Gewalt hatte als im Louvre oder im Escurial. Jedes Asyl wimmelte von Schleichhändlern, betrügerischen Bankerotteurs, Dieben und Mördern; in jedem Asyle waren Massen von gestohlenen oder eingeschmuggelten Waaren aufgehäuft; aus jedem Asyle zogen des Nachts Banditen aus, um zu rauben und zu morden. In keiner Stadt der Christenheit war daher das Gesetz so ohnmächtig und das Verbrechen so dreist als in der alten Hauptstadt der Religion und Civilisation. Innocenz dachte darüber, wie es einem Priester und Fürsten geziemte. Er erklärte, daß er keinen Gesandten mehr aufnehmen werde, der auf diesem alle Ordnung und Sittlichkeit untergrabenden Rechte bestände. Anfangs wurde laut darüber gemurrt, aber die Gerechtigkeit seines Entschlusses war so in die Augen springend, daß alle Regierungen, mit Ausnahme einer einzigen, ihm nach und nach beipflichteten. Der Kaiser, der unter den christlichen Monarchen die erste Stelle einnahm, der spanische Hof, der sich unter allen Höfen durch seine Empfindlichkeit und Zähigkeit in Sachen der Etikette auszeichnete, entsagten dem verderblichen Privilegium. Nur Ludwig blieb unbeugsam. Was andere Fürsten thäten, sagte er, gehe ihn nichts an. Er schickte daher eine Gesandtschaft nach Rom, die von einer starken Abtheilung Reiterei und Fußvolk begleitet war. Der Gesandte zog im Triumph nach seinem Palaste, wie ein siegreicher General durch eine eroberte Stadt marschirt. Der Palast wurde stark bewacht und Patrouillen machten Tag und Nacht die Runde um den geschützten Bezirk, wie auf den Wällen einer Festung. Der Papst ließ sich dadurch nicht einschüchtern. »Sie vertrauen auf Wagen und Rosse,« sagte er, »wir aber denken an den Namen des Herrn unsres Gottes.« Er griff energisch zu seinen geistlichen Waffen und belegte das von den Franzosen besetzte Gebiet mit einem Interdict.[41]

Als dieser Streit den Höhepunkt erreicht hatte, brach noch ein andrer aus, bei welchem Deutschland eben so stark betheiligt war als der Papst.

[Anmerkung 41: Prof. Ranke's Römische Päpste, Buch 8; +Burnet I. 789+.]

[_Das Erzbisthum Köln._] Köln und das umliegende Gebiet wurde von einem Erzbischof regiert, der zugleich ein Kurfürst des deutschen Reiches war. Das Recht der Erwählung dieses mächtigen Prälaten stand unter gewissen Beschränkungen dem Domkapitel zu. Der Erzbischof war zu gleicher Zeit auch Bischof von Lüttich, von Münster und von Hildesheim, seine Besitzungen waren bedeutend und enthielten mehrere starke Festungen, welche im Falle eines Feldzugs am Rhein von höchster Wichtigkeit waren. In Kriegszeiten konnte er zwanzigtausend Mann ins Feld stellen. Ludwig hatte keine Mühe gespart, um einen so werthvollen Bundesgenossen zu gewinnen, und dies war ihm so gut gelungen, daß Köln fast von Deutschland losgetrennt und ein Außenwerk Frankreichs geworden war. Viele dem Hofe von Versailles ergebene Priester waren in das Kapitel gebracht und der Cardinal Fürstenberg, eine notorische Creatur des Hofes, war zum Coadjutor ernannt worden.

Im Sommer des Jahres 1688 kam das Erzbisthum zur Erledigung. Fürstenberg war der Candidat des Hauses Bourbon; die Feinde dieses Hauses schlugen den jungen Prinzen Clemens von Baiern vor. Fürstenberg war bereits Bischof und konnte daher nur vermittelst einer Dispensation vom Papste, oder einer Postulation, der sich zwei Drittheile des kölner Domkapitels anschließen mußten, in eine andre Diöcese versetzt werden. Der Papst wollte einer Creatur Frankreichs keine Dispensation bewilligen, und der Kaiser bewog mehr als ein Drittheil des Kapitels, für den bairischen Prinzen zu stimmen. Inzwischen war auch in den Kapiteln von Lüttich, Münster und Hildesheim die Majorität gegen Frankreich. Ludwig sah mit Unwillen und Besorgniß, daß eine ausgedehnte Provinz, die er schon angefangen hatte als ein Besitzthum seiner Krone zu betrachten, nahe daran war, nicht allein unabhängig von ihm, sondern sogar ihm feindlich gesinnt zu werden. In einem mit großer Bitterkeit abgefaßten Schreiben beklagte er sich über die Ungerechtigkeit, mit der Frankreich bei jeder Gelegenheit vom heiligen Stuhle behandelt werde, während derselbe doch der ganzen Christenheit seinen väterlichen Schutz angedeihen lassen sollte. Viele Anzeichen verriethen, daß er fest entschlossen war, die Ansprüche seines Candidaten mit bewaffneter Hand gegen den Papst und dessen Verbündete zu unterstützen.[42]

[Anmerkung 42: +Burnet I. 758+; Ludwig's Schreiben ist vom 27. Aug. (6. Sept.) 1688 datirt. Es findet sich im +Recueil des Traités, vol. IV. No. 219+.]

[_Kluges Verfahren Wilhelm's._] So stachelte Ludwig durch zwei einander entgegengesetzte Fehler den Zorn der beiden Religionsparteien, die sich in das westliche Europa theilten, zu gleicher Zeit gegen sich auf. Nachdem er sich die eine große Abtheilung der Christenheit durch Verfolgung der Hugenotten entfremdet hatte, entfremdete er sich auch die andre durch Beleidigung des römischen Stuhles. Und diese Mißgriffe that er in einem Augenblicke, wo kein Fehler ungestraft begangen werden konnte, und vor den Augen eines Gegners, der keinem Staatsmanne, dessen Andenken die Geschichte aufbewahrt hat, an Wachsamkeit, Scharfblick und Energie nachstand. Wilhelm sah mit heimlicher Freude, wie seine Gegner sich bemühten, ein Hinderniß nach dem andren aus seinem Wege zu entfernen. Während sie sich die Feindschaft aller Parteien zuzogen, arbeitete er darauf hin, sie alle zu gewinnen. Mit seltener Klugheit stellte er den im Sinne habenden Plan den verschiedenen Regierungen in verschiedenem Lichte dar, und man muß hinzusetzen, daß keine seiner Darlegungen trotz ihrer Verschiedenheit falsch war. Er forderte die norddeutschen Fürsten auf, sich zur Vertheidigung der gemeinsamen Sache aller reformirten Kirchen um ihn zu schaaren, und den beiden Oberhäuptern des Hauses Österreich stellte er die Gefahr vor, die ihnen von Seiten des französischen Ehrgeizes drohte, sowie die Nothwendigkeit, England aus seiner Abhängigkeit zu befreien und es in den europäischen Staatenbund aufzunehmen.[43] Er verwahrte sich, und zwar aufrichtig, gegen jede Bigotterie. Der wahre Feind der britischen Katholiken, sagte er, sei der kurzsichtige und halsstarrige König, der ihnen leicht hätte gesetzliche Duldung verschaffen können, anstatt dessen aber Gesetz, Freiheit und Eigenthum mit Füßen getreten hätte, um ihnen ein gehässiges und unsicheres Übergewicht zu geben. Wenn man Jakob seine schlechte Regierung ungehindert fortsetzen lasse, müsse dieselbe in nicht zu ferner Zeit einen allgemeinen Volksaufstand herbeiführen, der eine grausame Verfolgung der Papisten nach sich ziehen könne. Der Prinz erklärte es als einen seiner Hauptzwecke, den Greueln einer solchen Verfolgung vorzubeugen. Wenn sein Plan gelinge, würde er die Macht, die er dann als Oberhaupt der protestantischen Interessen besitzen müsse, zum Schutze der Mitglieder der römischen Kirche anwenden. Zwar könnten die durch Jakob's Tyrannei entzündeten Leidenschaften es ihm vielleicht unmöglich machen, die Strafgesetze aus dem Gesetzbuche zu streichen; aber diese Strafgesetze sollten dann wenigstens durch gelinde Ausübung gemildert werden. Keine Klasse werde aus dem beabsichtigten Unternehmen mehr Gewinn ziehen, als die friedliebenden und anspruchsloseren Katholiken, welche nur den Wunsch hegten, ungestört ihrem Berufe nachgehen und ihren Schöpfer verehren zu dürfen. Die einzigen, welche dabei verlieren würden, seien die Tyrconnel, die Dover, die Albeville und anderen politischen Abenteurer, welche zum Dank für Schmeichelei und schlimmen Rath von ihrem leichtgläubigen Gebieter Statthalterposten, Regimenter und Gesandtschaften erhalten hätten.

[Anmerkung 43: Wegen der außerordentlichen Geschicklichkeit, mit der er zwei verschiedenen Parteien seine Politik in verschiedenem Lichte darstellte, wurde er später vom Hofe von St. Germains bitter geschmäht. +»Licet foederatis publicus ille praedo haud aliud aperte proponat nisi ut Gallici imperii exuberans amputetur potestas; veruntamen sibi, et suis ex haeretica faece complicibus, ut pro comperto habemus, longe aliud promittit, nempe ut, exciso vel enervato Francorum regno, ubi Catholicarum partium summum jam robur situm est, haeretica ipsorum pravitas per orbem Christianum universum praevaleat.«+ -- Brief von Jakob an den Papst, unzweifelhaft 1689 geschrieben.]

[_Seine Rüstungen zu Lande und zur See._] Während Wilhelm sich bemühte, die Sympathien der Protestanten sowohl als der Katholiken zu gewinnen, sorgte er mit nicht geringerer Energie und Klugheit für Anschaffung der zu seinem Unternehmen erforderlichen militairischen Hülfsmittel. Er konnte eine Landung in England nicht ohne Genehmigung der Vereinigten Provinzen bewerkstelligen. Hielt er um diese Genehmigung an bevor sein Plan zur Ausführung reif war, so konnten seine Absichten durch eine seinem Hause feindlich gesinnte Partei möglicherweise vereitelt werden und jedenfalls mußte die ganze Welt Kenntniß davon erhalten. Er beschloß daher, seine Voranstalten mit größter Eil zu betreiben und nach Vollendung derselben einen günstigen Augenblick abzuwarten, wo er den Bund um seine Zustimmung ersuchen konnte. Die Agenten Frankreichs bemerkten, daß sie ihn noch nie so geschäftig gesehen hatten. Es verging kein Tag, wo man ihn nicht von seiner Villa nach dem Haag sprengen sah, und beständig hielt er geheime Berathungen mit seinen ausgezeichnetsten Anhängern. Vierundzwanzig Schiffe wurden zur Verstärkung der gewöhnlichen Seemacht der Republik vollständig ausgerüstet. Für diese Vermehrung der Flotte bot sich zufällig ein vortrefflicher Vorwand dar, denn es hatten sich kürzlich einige algierische Corsaren in der Nordsee zu zeigen gewagt. Bei Nymwegen wurde ein Lager gebildet und viele tausend Mann daselbst zusammengezogen. Um diese Armee zu verstärken, wurden die Besatzungen aus den Festungen von Holländisch Brabant genommen; selbst die berühmte Festung Bergopzoom wurde fast ganz entblößt. Feldgeschütze, Bomben und Munitionswagen wurden aus allen Arsenalen der Vereinigten Provinzen nach den Hauptquartieren geschafft. Sämmtliche Bäcker von Rotterdam bucken Tag und Nacht Schiffszwieback; alle Gewehrfabrikanten von Utrecht reichten nicht hin, um die Bestellungen auf Pistolen und Flinten auszuführen; alle Sattler von Amsterdam arbeiteten mit der größten Anstrengung an Kürassen und Holftern. Die Schiffsmannschaft wurde um sechstausend Matrosen vermehrt und siebentausend neue Soldaten ausgehoben. Diese konnten allerdings nicht ohne Genehmigung des Bundes förmlich eingereiht werden; aber sie wurden inzwischen immer eingeübt und in solcher Kriegszucht gehalten, daß sie binnen vierundzwanzig Stunden nach erlangter Genehmigung ohne Schwierigkeit unter die verschiedenen Regimenter vertheilt werden konnten. Diese Rüstungen erforderten zwar viel baares Geld; aber Wilhelm hatte auch durch weise Sparsamkeit für den Fall unvorhergesehener großer Bedürfnisse einen Reserveschatz zurückgelegt, der sich auf ungefähr zweihundertfünfzigtausend Pfund Sterling belief. Das noch Fehlende wurde von seinen Anhängern bereitwilligst zugeschossen. Außerdem erhielt er auch aus England große Massen Gold, man sprach von nicht weniger als hunderttausend Guineen. Die Hugenotten, welche bedeutende Quantitäten des edlen Metalls ins Exil mitgenommen hatten, liehen ihm gern Alles, was sie besaßen, denn sie lebten der frohen Hoffnung, daß sie, wenn sein Unternehmen gelang, in ihr Vaterland würden zurückkehren dürfen, und fürchteten, daß sie im Falle des Mißlingens in ihrer Adoptivheimath kaum noch sicher sein würden.[44]

[Anmerkung 44: +Avaux Neg., Aug. 2.(12.), 10.(20.), 11.(21.), 14.(24.), 16.(26.), 17.(27.), Aug. 23. (Sept. 2.) 1688+.]

[_Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen aus England._] Während der letzten Hälfte des Juli und im Laufe des ganzen August nahmen die Rüstungen einen raschen, dem ungestümen Wilhelm aber noch immer zu langsamen Fortgang. Mittlerweile wurde zwischen England und Holland ein lebhafter Verkehr unterhalten. Da man die gewöhnlichen Mittel zur Beförderung von Nachrichten und Passagieren nicht mehr für sicher hielt, fuhr ein leichtes Boot von wunderbarer Schnelligkeit beständig zwischen Scheveningen und der Ostküste unsrer Insel hin und her.[45] Durch dieses Fahrzeug erhielt Wilhelm von hochstehenden Männern der Kirche, der Politik und des Heeres eine Reihe von Zuschriften. Von den sieben Prälaten, welche die denkwürdige Petition unterzeichnet, hatten zwei, Lloyd, Bischof von St. Asaph, und Trelawney, Bischof von Bristol, während ihres Aufenthalts im Tower die Lehre vom Nichtwiderstande noch einmal in Erwägung gezogen und waren bereit, einen bewaffneten Befreier willkommen zu heißen. Ein Bruder des Bischofs von Bristol, der Oberst Karl Trelawney, der eines der tangerschen Regimenter commandirte, welches jetzt als das vierte Linienregiment bekannt ist, erklärte sich bereit, für den protestantischen Glauben sein Schwert zu ziehen. Ähnliche Versicherungen kamen auch von dem rohen Kirke. Churchill erklärte in einem Briefe, der in ziemlich pathetischem Tone, dem sicheren Zeichen, daß er einen Schurkenstreich im Sinne hatte, geschrieben war, er sei entschlossen, seine Pflicht gegen den Himmel und gegen sein Vaterland zu erfüllen, und lege seine Ehre ganz in die Hände des Prinzen von Oranien. Wilhelm las dieses Schreiben gewiß mit jenem bittern und cynischen Lächeln, das seinen Zügen den mindest angenehmen Ausdruck gab. Er hielt sich nicht für bemüßigt, die Ehre Anderer in seine Obhut zu nehmen; auch hatten es die strengsten Casuisten nicht für unrecht erklärt, wenn ein General die Dienste von Überläufern, die er nur verachten konnte, erbat, benutzte und belohnte.[46]

Churchill's Brief wurde von Sidney überbracht, dessen Stellung in England gefährlich geworden war und der, nachdem er die Spur seines Weges durch zahlreiche Vorsichtsmaßregeln verborgen hatte, Mitte August nach Holland kam.[47] Um die nämliche Zeit schifften Shrewsbury und Eduard Russell in einem Boote, das sie in aller Stille gemiethet hatten, durch die Nordsee und erschienen im Haag. Shrewsbury brachte zwölftausend Pfund Sterling mit, die er auf seine Güter aufgenommen hatte und bei der Bank von Amsterdam deponirte. Devonshire, Danby und Lumley blieben in England, wo sie sich, sobald der Prinz den Fuß auf die Insel setzte, bewaffnet erheben wollten.

[Anmerkung 45: +Avaux Neg., Sept. 4.(14.) 1688.+]

[Anmerkung 46: +Burnet I. 765+; Churchill's Brief ist vom 4. August 1688 datirt.]

[Anmerkung 47: +Memoirs of the Duke of Shrewsbury, 1718.+]