Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)
Part 26
[_Schreiben der Prinzessin von Oranien an Danby._] Zu gleicher Zeit wurden außerhalb der Mauern des Parlaments energische Anstrengungen gemacht, um den Streit zwischen den beiden Zweigen der gesetzgebenden Versammlung zu beendigen. Burnet glaubte es durch die Wichtigkeit der Krisis gerechtfertigt, das ihm von der Prinzessin anvertraute große Geheimniß zu veröffentlichen. Er wisse aus ihrem eigenen Munde, sagte er, daß es schon längst ihr fester Entschluß sei, selbst wenn sie nach der regelmäßigen Erbfolge auf den Thron gelangen sollte, mit Genehmigung des Parlaments ihre Gewalt in die Hände ihres Gemahls niederzulegen. Danby erhielt von ihr einen ernsten, fast harten Verweis. Sie sei die Gattin des Prinzen, schrieb sie ihm, und hege keinen andren Wunsch als ihm unterthan zu sein; man könne ihr keine schwerere Beleidigung zufügen, als wenn man sie als seine Nebenbuhlerin darstelle und sie könne Niemanden, der ein solches Verfahren einschlage, als ihren wahren Freund betrachten.[86]
[Anmerkung 86: +Burnet, I. 819.+]
[_Die Prinzessin Anna erklärt sich mit dem Whigplane einverstanden._] Die Tories hatten noch eine Hoffnung. Anna konnte vielleicht auf ihren eigenen und auf den Rechten ihrer Kinder bestehen. Es wurde keine Mühe gespart, um ihren Ehrgeiz aufzustacheln und ihr Gewissen zu beunruhigen. Ihr Oheim Clarendon war ganz besonders thätig. Erst wenige Wochen waren vergangen, seitdem die Hoffnung auf Reichthum und Ansehen ihn bewogen hatte, die pomphaft zur Schau getragenen Glaubensbekenntnisse seines ganzen Lebens zu verleugnen, von dem Könige abzufallen, sich dem Wildman und dem Ferguson anzuschließen und sogar vorzuschlagen, daß der König als Gefangener in ein fremdes Land geschickt und in eine von ungesunden Sümpfen umgebene Festung eingesperrt werden sollte. Der Köder, der diese auffallende Sinnesveränderung bewirkt hatte, war das Vicekönigamt in Irland. Bald zeigte es sich jedoch, daß der Proselyt wenig Aussicht hatte, den glänzenden Preis, nach welchem sein Sinn strebte, zu erringen. Er sah, daß Andere über die irländischen Angelegenheiten zu Rathe gezogen wurden. Sein Rath wurde nie verlangt, und wenn er ihn zudringlicherweise anbot, wurde er mit Kälte aufgenommen. Er begab sich häufig in den St. Jamespalast, konnte aber kaum ein Wort oder einen Blick erlangen. Das eine Mal schrieb der Prinz eben; ein ander Mal sollte er frische Luft schöpfen und einen Spazierritt durch den Park machen; das dritte Mal hatte er eine Conferenz mit Offizieren über militairische Angelegenheiten und konnte Niemanden empfangen. Clarendon sah nun, daß er keine Aussicht hatte, durch die Aufopferung seiner Grundsätze etwas zu gewinnen, und er beschloß daher, zu denselben zurückzukehren. Im December hatte der Ehrgeiz ihn zum Rebellen gemacht; im Januar verwandelte Enttäuschung ihn wieder in einen Royalisten. Das drückende Bewußtsein, daß er kein standhafter Tory gewesen war, verlieh seinem Toryismus eine besondere Leidenschaftlichkeit.[87] Im Hause der Lords hatte er Alles aufgeboten, um eine bestimmte Entscheidung zu hintertreiben. Jetzt verwendete er seinen ganzen Einfluß zu demselben Zwecke bei der Prinzessin Anna. Aber sein Einfluß auf sie war nur gering im Vergleich mit dem der Churchill, welche wohlweislich zwei mächtige Verbündete zu Hülfe nahmen: Tilletson, der als Gewissensrath damals ein großes Ansehen genoß, und Lady Russel, deren edle und liebenswürdige Tugenden, welche die schwerste aller Prüfungen bestanden, ihr den Ruf einer Heiligen erworben hatten. Bald ward es bekannt, daß die Prinzessin von Dänemark ihre Einwilligung zu Wilhelm's lebenslänglicher Regierung zu geben geneigt war, und es lag auf der Hand, daß es ein vergebliches Beginnen gewesen wäre, die Sache der Töchter Jakob's gegen sie selbst zu vertheidigen.[88]
[Anmerkung 87: +Clarendon's Diary, Jan. 1, 4, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 1688/89; Burnet, I. 807.+]
[Anmerkung 88: +Clarendon's Diary, Feb. 5. 1688/89; Duchess of Marlborough's Vindication; Mulgrave's Account of the Revolution.+]
[_Wilhelm spricht seine Absichten aus._] Jetzt glaubte Wilhelm, die Zeit sei gekommen, wo er sich aussprechen müsse. Er berief daher Halifax, Danby, Shrewsbury und einige andere politische Parteihäupter von hohem Ansehen zu sich und richtete mit dem stoischen Gleichmuth, unter dem er von Kindheit auf seine stärksten Gefühlsregungen zu verbergen pflegte, einige tief durchdachte und gewichtige Worte an sie.
Er habe bis jetzt geschwiegen, sagte er, und weder Bitten noch Drohungen angewendet, ja nicht einmal eine Andeutung über seine Ansichten oder Wünsche laut werden lassen; jetzt aber sei der entscheidende Augenblick gekommen, wo er seine Absichten offen erklären müsse. Er habe weder das Recht, noch den Wunsch, der Convention Vorschriften zu machen. Er beanspruche weiter nichts als das Vorrecht, jedes Amt, das er nach seiner Überzeugung nicht mit Ehren für sich und zum Wohle des Staats würde verwalten können, ablehnen zu dürfen.
Eine starke Partei sei für eine Regentschaft. Die beiden Häuser hätten darüber zu entscheiden, ob eine solche Einrichtung dem Vaterlande zum Heile gereichen könne. Seine Meinung über diesen Punkt stehe fest und er halte es für nöthig, mit Bestimmtheit zu erklären, daß er für seine Person nicht Regent werden möchte.
Eine andre Partei wünsche die Prinzessin auf den Thron zu erheben und ihm auf Lebenszeit den Königstitel und denjenigen Antheil an der Regierung zu gewähren, den sie ihm freiwillig zugestehen würde. Zu einer solchen Stellung könne er sich nicht herablassen. Er achte die Prinzessin so hoch, als nur irgend ein Mann ein Weib achten könne, aber selbst aus ihren Händen werde er eine untergeordnete und unsichere Stellung bei der Regierung nicht annehmen. Es liege einmal nicht in seiner Natur, daß er sich an die Schürzenbänder auch der besten Frau knüpfen lassen könne. Er dränge sich durchaus nicht danach, in der englischen Geschichte eine Rolle zu spielen, wenn er aber einwillige, eine solche Rolle zu übernehmen, so gebe es nur eine, die er mit Nutzen oder mit Ehren übernehmen könne. Wenn die Stände ihm die Krone auf Lebenszeit anböten, so würde er sie annehmen, wo nicht, würde er, ohne sich zu grämen, in sein Vaterland zurückkehren. Er schloß mit den Worten, er halte es für recht und billig, daß Lady Anna und ihre Nachkommen allen Kindern, die ihm eine andre Frau als Lady etwa schenken möchte, in der Thronfolge vorgezogen würden.[89]
Die Versammlung trennte sich und binnen wenigen Stunden war die Rede des Prinzen in ganz London bekannt. Daß er König werden mußte, war jetzt klar. Die einzige Frage war nur noch, ob er die königliche Würde allein oder mit der Prinzessin gemeinschaftlich bekleiden sollte. Halifax und einige andere Staatsmänner, welche die Gefahr einer Theilung der höchsten Executivgewalt in grellem Lichte erblickten, hielten es für wünschenswerth, daß Marie, so lange Wilhelm lebte, nur Königsgemahlin und Unterthanin sein sollte. Obgleich sich viel zu Gunsten eines solchen Arrangements sagen ließ, so beleidigte sie doch das Gefühl selbst derjenigen Engländer, welche dem Prinzen am meisten ergeben waren. Seine Gemahlin hatte ihm einen beispiellosen Beweis von ehelicher Unterwerfung und Liebe gegeben, und die geringste Vergeltung dafür von seiner Seite war die Verleihung der Würde einer regierenden Königin. Wilhelm Herbert, einer der wärmsten Anhänger des Prinzen, war so entrüstet, daß er aus dem Bette sprang, an das die Gicht ihn fesselte, und mit Heftigkeit erklärte, daß er nie für Seine Hoheit das Schwert gezogen haben würde, wenn er geahnet hätte, daß eine so schmachvolle Anordnung getroffen werden solle. Niemand aber zeigte sich so gereizt über die Sache als Burnet. Sein Blut kochte bei dem Gedanken an das seiner gütigen Beschützerin zugefügte Unrecht. Er gerieth in einen heftigen Streit mit Bentinck und bat um Enthebung von seinem Kaplanposten. »So lange ich ein Diener Seiner Hoheit bin,« sagte der wackere, rechtschaffene Geistliche, »würde es mir nicht geziemen, einen Plan zu bekämpfen, der vielleicht seinen Beifall hat. Ich wünsche daher, meine Freiheit wieder zu erhalten, um mit allen mir von Gott verliehenen Kräften für die Prinzessin zu kämpfen.« Bentinck bewog ihn, eine offene Kriegserklärung so lange aufzuschieben, bis Wilhelm's Entschließungen näher bekannt sein würden. In wenigen Stunden war der Plan, der so viel böses Blut gemacht hatte, völlig aufgegeben, und alle Diejenigen, welche Jakob nicht mehr als König betrachteten, stimmten in der Art der Wiederbesetzung des Thrones überein. Wilhelm und Marie mußten König und Königin werden; die Münzen mußten beider Brustbilder zeigen, die Regierungsdecrete mußten in beider Namen erlassen werden, beide mußten alle persönlichen Ehren und Privilegien der Königswürde genießen; aber die Verwaltung, welche nicht füglich getheilt werden konnte, mußte Wilhelm allein bleiben.[90]
[Anmerkung 89: +Burnet, I. 820.+ Burnet sagt, er habe die Ereignisse dieser bewegten Zeit nicht in chronologischer Ordnung berichtet. Ich mußte sie daher nach meinen eigenen Muthmaßungen ordnen, glaube aber kaum mich zu irren, wenn ich annehme, daß das Schreiben der Prinzessin in der Zeit zwischen Donnerstag den 31. Jan. und Mittwoch den 6. Febr. ankam und auch der Prinz die Erklärung über seine Absichten kund gab.]
[Anmerkung 90: +Mulgrave's Account of the Revolution.+ In den ersten drei Ausgaben habe ich diesen Vorgang unrichtig erzählt. Die Schuld lag größtentheils an mir selbst, zum Theil aber auch an Burnet, dessen nachlässiger Gebrauch des Fürworts »er« mich irreführte. +Burnet I. 858.+]
[_Die Conferenz zwischen den beiden Häusern._] Inzwischen war die zu der freien Conferenz zwischen den Häusern festgesetzte Zeit herangekommen. Die Wortführer der Lords nahmen in vollem Ornat ihre Sitze auf der einen Seite der Tafel im sogenannten gemalten Saale (+painted chamber+) ein; aber auf der andren Seite drängte sich eine so große Anzahl von Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, daß die Herren, welche die Frage erörtern sollten, nicht hindurchkommen konnten. Nicht ohne große Schwierigkeit und erst nach geraumer Zeit gelang es dem Stabträger, ihnen einen Weg zu bahnen.[91]
Endlich begann die Verhandlung. Die bei dieser Gelegenheit gehaltenen Reden sind vollständig auf uns gekommen. Es wird wenige Geschichtsforscher geben, welche den Bericht darüber nicht mit gespannter Neugierde zur Hand genommen und mit getäuschten Erwartungen wieder bei Seite gelegt hätten. Die zwischen den beiden Häusern obschwebende Streitfrage wurde von beiden Theilen als eine Rechtsfrage behandelt. Die Einwürfe der Lords gegen den Beschluß der Gemeinen waren formeller und technischer Art, ebenso auch die Entgegnungen. Somers vertheidigte den Gebrauch des Wortes Abdication durch Citate aus Grotius und Brissonius, Spigelius und Bartolus. Als er aufgefordert wurde, eine Autorität für die Behauptung anzuführen, daß England ohne Souverain sein könne, legte er die Parlamentsprotokolle vom Jahre 1399 vor, in denen ausdrücklich gesagt war, daß der Thron in der Zeit zwischen der Abdankung Richard's II. und der Thronbesteigung Heinrich's IV. vakant gewesen sei. Die Lords führten zur Widerlegung die Parlamentsprotokolle vom ersten Regierungsjahre Eduard's IV. an, aus denen hervorging, daß die Urkunde von 1399 feierlich annullirt worden war. Sie behaupteten daher, der Precedenzfall, auf den Somers sich stützte, habe keine Gültigkeit mehr. Treby kam nun Somers zu Hülfe und legte die Parlamentsacten vom ersten Regierungsjahre Heinrich's VII. vor, welche die Acte Eduard's IV. aufhoben und demnach die Gültigkeit der Urkunde vom Jahre 1399 wiederherstellten. Nach einer mehrstündigen Discussion trennten sich die Disputanten.[92] Die Lords versammelten sich in ihrem Sitzungslokale. Man wußte sehr wohl, daß sie auf dem Punkte standen, nachzugeben und daß die Conferenz eine bloße Formalität gewesen war. Die Freunde Mariens hatten eingesehen, daß sie sie tief gekränkt hatten, indem sie sie als Nebenbuhlerin ihres Gemahls hingestellt. Einige von den Peers, welche früher für eine Regentschaft gestimmt hatten, waren entschlossen, wegzubleiben oder den Beschluß des Unterhauses zu unterstützen. Sie sagten, ihre Ansicht habe sich nicht geändert, aber eine Regierung sei immer besser als gar keine und die Nation könne eine Verlängerung dieser qualvollen Ungewißheit nicht ertragen. Selbst Nottingham, der im gemalten Saale die Discussion gegen die Gemeinen geleitet hatte, erklärte, sein Gewissen erlaube ihm zwar nicht, nachzugeben, es freue ihn aber, daß die Gewissen Anderer nicht so ängstlich seien. Mehrere Lords, die in der Convention noch nicht mit abgestimmt hatten, waren bewogen worden zu erscheinen; so Lord Lexington, der eben in aller Eil vom Continent herübergekommen war, der halb wahnsinnige Earl von Lincoln, der an Krücken gehende Earl von Carlisle, und der Bischof von Durham, der sich verborgen gehalten, um über das Meer zu flüchten, aber den Wink erhalten hatte, daß sein Benehmen in der kirchlichen Commission nicht gegen ihn geltend gemacht werden sollte, wenn er für die Feststellung der Regierung stimmen würde. Danby, welcher die von ihm verursachte Spaltung zu heilen wünschte, mahnte das Haus in einer Rede, die seine gewöhnlichen Vorträge an Genialität noch übertraf, einen Kampf nicht länger fortzusetzen, der dem Staate verderblich werden könne. Halifax unterstützte ihn kräftig. Der Muth der Gegner war gebrochen.
[Anmerkung 91: +Commons' Journals, Febr. 6. 1688/89.+]
[Anmerkung 92: Siehe +Lords' and Commons' Journals, Feb. 6. 1688/89+ und den Bericht über die Conferenz.]
[_Die Lords geben nach._] Als die Frage gestellt wurde, ob König Jakob die Regierung niedergelegt habe, sagten nur drei Lords Nichteinverstanden. Über die Frage, ob der Thron erledigt sei, wurde die Abstimmung verlangt, und es ergaben sich zweiundsechzig Einverstandene und siebenundvierzig Nichteinverstandene. Unmittelbar darauf wurde der Antrag gestellt und ohne Abstimmung angenommen, daß der Prinz und die Prinzessin von Oranien zum König und zur Königin von England erklärt werden sollten.[93]
Nottingham trug nun darauf an, daß die Fassung des Unterthaneneides und des Supremateides dergestalt abgeändert werden möchte, daß auch Diejenigen ihn mit gutem Gewissen leisten könnten, die, wie er selbst, den Beschluß der Convention mißbilligten, sich aber dennoch vorgenommen hätten, loyale und gehorsame Unterthanen der neuen Souveraine zu sein. Gegen diesen Antrag wurde kein Einwurf erhoben. Es kann allerdings kaum bezweifelt werden, daß die Whigführer und diejenigen toryistischen Lords, deren Stimmen bei der letzten Abstimmung den Ausschlag gegeben, sich vorher über diesen Punkt verständigt hatten. Die neuen Eidformeln wurden den Gemeinen zu gleicher Zeit mit dem Beschlusse, daß der Prinz und die Prinzessin von Oranien als König und Königin proklamirt werden sollten, zugesandt.[94]
[Anmerkung 93: +Lords' Journals, Feb. 6. 1688/89; Clarendon's Diary; Burnet, I. 822+, und Dartmouth's Note; Citters, 8.(18.) Febr. In Betreff der Zahlen habe ich mich an Clarendon gehalten. Einige Schriftsteller geben die Majorität kleiner, andere größer an.]
[Anmerkung 94: +Lords' Journals, Feb. 6, 7. 1688/89; Clarendon's Diary.+]
[_Es werden neue Gesetze zur Sicherung der Freiheit vorgeschlagen._] Man wußte nun, wem die Krone verliehen werden sollte. Jetzt waren noch die Bedingungen der Verleihung zu bestimmen. Die Gemeinen hatten einen Ausschuß ernannt, welcher die zweckmäßig erscheinenden Schritte zur Sicherung des Gesetzes und der Freiheit gegen die Angriffe zukünftiger Regenten erwägen sollte, und der Ausschuß hatte einen Bericht erstattet.[95] Dieser Bericht empfahl erstens, daß die großen Prinzipien der Verfassung, welche der entthronte König verletzt hatte, feierlich bestätigt und daß zweitens verschiedene neue Gesetze zur Beschränkung der Prärogative und zur Läuterung der Justizpflege erlassen werden sollten. Die meisten Vorschläge des Ausschusses waren vortrefflich, aber es war schlechterdings unmöglich, daß die Häuser in einem Monate, und selbst in einem Jahre so zahlreiche, so mannichfaltige und so wichtige Angelegenheiten erledigen konnten. Es war unter andrem vorgeschlagen, daß die Miliz neu organisirt, das Recht des Souverains, die Parlamente zu prorogiren und aufzulösen, beschränkt und die Dauer der Parlamente begrenzt werden sollte; daß bei einer parlamentarischen Anklage keine Berufung an die königliche Gnade mehr zulässig sein, daß den protestantischen Dissenters Duldung gewährt, daß das Verbrechen des Hochverraths genauer bestimmt, daß Hochverrathsprozesse in einer die Unschuld mehr schützenden Weise geführt, daß die Richter auf Lebenszeit angestellt, daß die Ernennungsart der Sheriffs abgeändert werden, daß die Wahl der Geschwornen hinfüro in einer Weise stattfinden sollte, welche Parteilichkeit und Bestechung ausschloß, daß der Gebrauch, bei der Kings Bench Criminalklagen anhängig zu machen, abgeschafft, daß der Kanzleigerichtshof reformirt, daß die Gebühren der öffentlichen Beamten regulirt und daß die Quo-Warranto-Acte verbessert werden sollte. Es war augenscheinlich, daß eine umsichtige und besonnene Gesetzgebung über diese Gegenstände das Werk mehr als einer geschäftsreichen Session sein mußte, und eben so augenscheinlich war es, daß eine übereilte und unreife Gesetzgebung über so wichtige Dinge neue Mißstände erzeugen würde, schlimmer als die, welche sie vielleicht beseitigen konnte. Wenn der Ausschuß alle die Reformen aufzählen wollte, welche vor der Wiederbesetzung des Thrones bewerkstelligt werden mußten, so war die Liste unsinnig lang. Wollte er dagegen eine Liste aller Reformen geben, welche die gesetzgebende Versammlung zur geeigneten Zeit durchführen sollte, so war die Liste sehr unvollständig. Sobald der Bericht vorgelesen war, erhob sich in der That ein Mitglied nach dem andren, um einen Zusatz zu beantragen. Es wurde vorgeschlagen und angenommen, daß der Stellenverkauf verboten, die Habeascorpusacte wirksamer gemacht und das Gesetz über die +Mandamus+[96] revidirt werden sollte. Der eine Gentleman griff die Herdgeldeinnehmer, ein andrer die Acciseeinnehmer an, und das Haus beschloß, daß den Mißbräuchen dieser beiden Beamtenklassen ein Ziel gesetzt werden sollte. Ein höchst merkwürdiger Umstand ist es, daß, während das ganze militairische, gerichtliche und fiskalische System so durchgemustert wurde, kein einziger Volksvertreter die Aufhebung des Gesetzes beantragte, welches die Presse einer Censur unterwarf. Selbst die aufgeklärtesten Männer begriffen damals noch nicht, daß die Freiheit der Discussion die Hauptschutzwehr aller anderen Freiheiten ist.[97]
[Anmerkung 95: +Commons' Journals, Jan. 29., Feb. 2. 1688/89.+]
[Anmerkung 96: Die Befehle der Kings Bench an untergeordnete Gerichte, so genannt nach dem Anfangsworte. Der Übersetzer.]
[Anmerkung 97: +Commons' Journals, Feb. 2. 1688/89.+]
[_Streitigkeiten und Vergleich._] Das Haus war in großer Verlegenheit. Einige Redner erklärten mit Heftigkeit, man habe schon zu viel Zeit verloren und die Regierung müsse ohne noch einen einzigen Tag zu säumen, festgestellt werden. Die Gesellschaft sei besorgt, der Verkehr stocke, der englischen Colonie in Irland drohe die Gefahr des Untergangs, ein auswärtiger Krieg stehe zu befürchten, der verbannte Tyrann könne binnen wenigen Wochen mit einer französischen Armee in Dublin sein und von Dublin aus könne er bald nach Chester übersetzen. Sei es nicht wahnsinnig, in einer so kritischen Zeit den Thron unbesetzt zu lassen, und während die ganze Existenz der Parlamente gefährdet sei, die Zeit mit Debattirung über die Frage zu vergeuden, ob die Parlamente durch den Souverain oder durch sich selbst prorogirt werden sollten? Auf der andren Seite wurde gefragt, ob die Convention ihre Aufgabe damit gelöst zu haben glaube, daß sie einen Fürsten vom Throne gestürzt und einen andren auf denselben erhoben habe? Gewiß, jetzt oder nie sei es Zeit, die öffentliche Freiheit durch Schutzwehren zu sichern, welche den Übergriffen der Prärogative wirksam vorbeugen könnten.[98] Die auf beiden Seiten geltend gemachten Gründe waren ohne Zweifel von großem Gewicht. Die talentvollsten Führer der Whigpartei, unter denen Somers rasch einen großen Einfluß erlangte, schlugen einen Mittelweg vor. Das Haus, sagten sie, habe zwei Ziele im Auge, welche streng von einander geschieden werden müßten. Das eine Ziel sei die Sicherung der alten Verfassung des Reichs gegen ungesetzliche Angriffe, das andre die Verbesserung dieser Verfassung durch gesetzliche Reformen. Das erstere Ziel könne dadurch erreicht werden, daß man den Anspruch der englischen Nation auf ihre alten Freiheiten durch Aufnahme in den Beschluß, welcher die neuen Souveraine auf den Thron erhob, feierlich verbriefe, so daß der König seine Krone und das Volk seine Rechte kraft einer und der nämlichen Urkunde besitze. Der letztere Gegenstand werde einen ganzen Band sorgfältig ausgearbeiteter Gesetze erfordern. Der erstere Zweck könne in einem Tage, der zweite kaum in fünf Jahren erreicht werden. Über jenen seien alle Parteien einig; über diesen herrsche große Meinungsverschiedenheit. Kein Mitglied beider Häuser werde einen Augenblick zögern dafür zu stimmen, daß der König die Steuern nicht ohne Bewilligung des Parlaments erheben dürfe; aber es werde schwerlich ein neues Gesetz über das Verfahren in Hochverrathsprozessen entworfen werden können, das nicht lange Debatten hervorrufen und von dem Einen als ungerecht gegen den Angeklagten, von dem Andren als ungerecht gegen die Krone verworfen werden würde. Die Aufgabe einer außerordentlichen Versammlung der Stände des Reiches sei nicht, die gewöhnlichen Arbeiten eines Parlaments zu erledigen, die Gebühren des Kanzleigerichts zu reguliren, und den ungesetzlichen Forderungen der Visitatoren vorzubeugen, sondern vielmehr die große Regierungsmaschine wieder in Gang zu bringen. Wenn dies geschehen sei, dann würde es an der Zeit sein zu fragen, welcher Verbesserungen unsere Institutionen bedürften, auch habe diese Verzögerung durchaus keine Gefahr, denn ein Souverain, der lediglich durch die Wahl der Nation regiere, könne einer Verbesserung, welche die Nation durch das Organ ihrer Vertreter verlange, seine Zustimmung unmöglich lange verweigern.
Aus diesen Gründen beschlossen die Gemeinen mit weiser Vorsicht, alle Reformen so lange aufzuschieben, bis die alte Verfassung des Reichs in allen ihren Theilen wiederhergestellt sein würde und unverzüglich den Thron zu besetzen, ohne Wilhelm und Marien eine andre Verpflichtung aufzulegen, als daß sie den bestehenden Gesetzen Englands gemäß regierten. Damit die zwischen den Stuarts und der Nation streitig gewesenen Fragen nie wieder aufgeregt werden möchten, wurde beschlossen, daß das Instrument, durch welches der Prinz und die Prinzessin von Oranien auf den Thron berufen und die Thronfolgeordnung festgestellt wurde, die Grundprinzipien der Verfassung auf das Bestimmteste und Feierlichste darlegen sollte.
[Anmerkung 98: +Grey's Debates+; +Burnet, I. 822.+]
[_Die Rechtserklärung._] Diese unter der Bezeichnung »Rechtserklärung« bekannte Urkunde wurde durch einen Ausschuß, in welchem Somers den Vorsitz führte, entworfen. Daß dieser junge Advokat von niederer Herkunft schon zehn Tage, nachdem er zum ersten Male im Hause der Gemeinen gesprochen, zu einem so ehrenvollen und wichtigen Posten in einem mit geschickten und erfahrenen Männern gefüllten Parlamente ernannt wurde, beweist zur Genüge die Überlegenheit seines Geistes. In wenigen Stunden war die Erklärung entworfen und von den Gemeinen gebilligt. Die Lords nahmen sie ebenfalls mit einigen unwesentlichen Abänderungen an.[99]