Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)

Part 22

Chapter 223,453 wordsPublic domain

Das Benehmen des französischen Adels bei feierlichen Anlässen wurde durchaus vom Souverain geregelt; aber es lag außer dem Bereiche seiner Macht, sie am freien Denken zu hindern und in Privatzirkeln ihre Gedanken mit dem ihrer Nation und ihrem Stande eigenen feinen und beißenden Witze auszudrücken. Ihre Meinung von Marien war eine günstige. Sie fanden ihre persönliche Erscheinung einnehmend und ihre Haltung würdevoll. Sie achteten ihren Muth und ihre Mutterliebe und beklagten ihr Mißgeschick. Jakob aber verachteten sie gründlich. Sein Stumpfsinn, die kalte Gleichgültigkeit, mit der er gegen Jedermann von seinem Sturze sprach, und das kindische Vergnügen, das er an dem Pomp und Luxus von Versailles fand, waren ihnen widerlich. Sie schrieben diese sonderbare Apathie nicht der Philosophie oder Religiosität, sondern einem beschränkten und niedrig denkenden Geiste zu und äußerten, daß Niemand der die Ehre gehabt habe, Seine Großbritannische Majestät seine Geschichte erzählen zu hören, sich darüber wundern könne, daß er in Saint-Germains und sein Schwiegersohn in Saint-James war.[52]

[Anmerkung 52: Meine Mittheilungen über den Empfang Jakob's und seiner Gemahlin in Frankreich sind namentlich den Briefen der Frau von Sévigné und den Memoiren Dangeau's entnommen.]

[_Stimmung in den Vereinigten Provinzen._] In den Vereinigten Provinzen war die durch die Nachrichten aus England verursachte Aufregung noch größer als in Frankreich. Dies war der Zeitpunkt, wo der batavische Bund den Höhepunkt seiner Macht und seines Ruhmes erreichte. Von dem Tage, an welchem die Expedition absegelte, war die ganze holländische Nation in ängstlicher Spannung. Nie waren die Kirchen so gefüllt, nie war die Begeisterung der Prediger so glühend gewesen. Man konnte es nicht verhindern, daß die Bewohner des Haag Albeville insultirten. Sein Haus war Tag und Nacht von so dichten Volkshaufen belagert, daß fast Niemand es wagte, ihn zu besuchen, und er fürchtete ernstlich, seine Kapelle würde in Brand gesteckt werden.[53] Da jede Post Nachricht von dem immer weiteren Vorschreiten des Prinzen brachte, stieg der Muth seiner Landsleute mit jedem Augenblicke, und als es endlich bekannt wurde, daß er auf Ansuchen der Lords und einer Versammlung ausgezeichneter Gemeinen die ausübende Verwaltung übernommen hatte, brachen alle holländischen Parteien in einen einstimmigen Ruf des Stolzes und der Freude aus. Es wurde in aller Eil eine außerordentliche Gesandtschaft abgeschickt, um ihn zu beglückwünschen. Dykvelt, dessen Beistand wegen seiner diplomatischen Geschicklichkeit und seiner gründlichen Kenntniß des englischen Staatswesens in diesem Augenblicke besonderen Werth hatte, war einer der Abgesandten, und ihm war Nikolaus Witsen, ein Bürgermeister von Amsterdam, beigegeben, welcher deshalb dazu auserwählt worden zu sein scheint, um ganz Europa zu beweisen, daß die lange Fehde zwischen dem Hause Oranien und der Hauptstadt Hollands zu Ende sei. Am 8. Januar erschienen Dykvelt und Witsen in Westminster. Wilhelm sprach mit einer Offenheit und Herzlichkeit zu ihnen, die man in seinen Unterredungen mit Engländern selten bemerkte. Seine ersten Worte waren: »Nun, was sagen jetzt unsere Freunde in der Heimath?« In der That, der einzige Beifall, der auf sein stoisches Gemüth einen tiefen Eindruck machte, war der Beifall seines geliebten Vaterlandes. Von seiner großen Popularität in England sprach er mit kalter Geringschätzung und prophezeite nur zu wahr die wirklich eintretende Reaction. »Hier,« sagte er, »ruft jetzt Alles Hosianna, und morgen wird man vielleicht rufen: Kreuziget ihn!«[54]

[Anmerkung 53: Albeville an Preston, 23. Nov. (3. Dec.) 1688 in der Mackintosh-Sammlung.]

[Anmerkung 54: +»'Tis hier nu Hosanna: maar 't zal, veelligt, haast Kruist hem, kruist hem, zyn.«+ Witsen +MS.+ in Wagenaar, Buch 61. Es ist ein sonderbares Zusammentreffen, daß einige Jahre früher Richard Duke, ein ehedem wohlbekannter, jetzt aber fast ganz vergessener toryistischer Dichter, den man höchstens noch aus Johnson's biographischer Skizze kennt, ganz denselben Vergleich auf Jakob anwendete:

»Ist's nicht der Judenpöbel, der einstmals geschrie'n Hosianna erst und nachher kreuzigt ihn?« +»The Review.«+

Depesche der außerordentlichen holländischen Gesandten vom 8.(18.) Jan. 1689; Citters von dem nämlichen Datum.]

[_Wahl der Mitglieder zur Convention._] Am folgenden Tage wurden die ersten Mitglieder der Convention gewählt. Die City von London machte den Anfang und wählte ohne allen Widerstreit vier große Kaufleute, welche eifrige Whigs waren. Der König und seine Anhänger hatten gehofft, daß viele Wahlbeamten das Schreiben des Prinzen als ungültig betrachten würden, aber seine Hoffnung wurde getäuscht. Die Wahlen gingen rasch und ohne Hindernisse von Statten. Kaum an einem einzigen Orte gab es Widerspruch. Denn die Nation war seit länger als einem Jahre in beständiger Erwartung eines Parlaments gehalten worden. Es waren zweimal Wahlschreiben erlassen und zweimal waren sie widerrufen worden. Einige Wahlkörper waren in Folge dieser Ausschreiben schon zu der Wahl von Abgeordneten geschritten. Es gab kaum eine Grafschaft, in der die Gentry und die Freisassenschaft nicht schon vor vielen Monaten über Candidaten einig gewesen wäre, lauter gute Protestanten, welche trotz König und Lordlieutenant durchzubringen man keine Anstrengung gespart haben würde, und diese Candidaten wurden ohne Opposition gewählt.

Der Prinz erließ strenge Befehle, daß kein Staatsdiener bei dieser Gelegenheit jene Kunstgriffe anwenden solle, welche der vorigen Regierung so viele Vorwürfe zugezogen hatten. Namentlich verfügte er, daß in keiner Stadt, wo eine Wahl vor sich ging, Soldaten erscheinen dürften.[55] Seine Bewunderer konnten rühmend behaupten und seine Feinde scheinen nicht im Stande gewesen zu sein es zu leugnen, daß die Gesinnung der Wahlkörper einen unverfälschten Ausdruck erhielt. Allerdings wagte er auch nicht viel. Die ihm anhängende Partei war siegreich, voll Begeisterung und energischer Lebenskraft, und die Partei, von der allein er ernsten Widerstand zu fürchten gehabt hätte, war uneinig und muthlos mit sich selbst und noch mehr mit ihrem natürlichen Oberhaupte unzufrieden. Daher wählte ein großer Theil der Grafschaften und Boroughs whiggistische Abgeordnete.

[Anmerkung 55: +London Gazette, Jan. 7. 1688/89.+]

[_Die Angelegenheiten Schottlands._] Wilhelm's Regentenautorität erstreckte sich nicht auf England allein. Auch Schottland hatte sich gegen seine Tyrannen erhoben. Alle regulären Soldaten, durch die es so lange niedergehalten worden, waren mit Ausnahme einer sehr kleinen Truppe, welche unter dem Commando des Herzogs von Gordon, eines angesehenen katholischen Lords, die Besatzung des Schlosses von Edinburg bildete, von Jakob zum Beistande gegen das holländische Invasionsheer aufgeboten worden. Jede während des ereignißvollen Monats November nach dem Norden gegangene Post hatte Nachrichten gebracht, welche die Leidenschaften der bedrückten Schotten aufstachelten. So lange der Ausgang der militairischen Operationen noch zweifelhaft war, gab es in Edinburg Tumulte und Demonstrationen, welche drohender wurden, nachdem Jakob sich von Salisbury zurückgezogen hatte. Große Volksmassen versammelten sich anfangs bei Nacht, dann selbst am hellen Tage. Päpste wurden öffentlich verbrannt, man rief laut nach einem freien Parlamente, und Plakate wurden angeschlagen, welche auf die Köpfe der Staatsminister Preise setzten. Der am meisten verhaßte unter diesen Ministern war Perth, der den hohen Posten des Staatskanzlers bekleidete, in der königlichen Gunst sehr hoch stand, vom reformirten Glauben abgefallen war und in dem Gerichtsverfahren seines Vaterlandes zuerst die Daumenschraube eingeführt hatte. Er war ein Mann ohne Energie und von niedriger Denkweise; der einzige Muth, den er besaß, war der entehrende Muth, welcher der Schande trotzt und die Qualen Anderer gleichgültig mit ansieht. Sein Posten war zu solchen Zeiten an der Spitze des Staatsrathes; aber er hatte nicht das Herz dazu und beschloß daher, sich der Gefahr, die nach den Blicken und Äußerungen des wilden und unerschrockenen Pöbels von Edinburg nicht fern war, dadurch zu entziehen, daß er sich auf seinen Landsitz flüchtete. Eine starke Wache begleitete ihn nach Schloß Drummond; kaum aber war er abgereist, so erhob sich die Stadt. Eine kleine Anzahl Truppen versuchten es, den Aufstand zu unterdrücken, aber sie wurden überwältigt. Der Palast Holyrood, der in ein katholisches Seminar und in eine Staatsdruckerei verwandelt worden war, wurde erstürmt und demolirt. Ungeheure Haufen von papistischen Büchern, Rosenkränzen, Kruzifixen und Bildern wurden in High Street verbrannt. Mitten in der Aufregung kam die Nachricht von der Flucht des Königs. Die Mitglieder der Regierung gaben jeden Gedanken an eine Bekämpfung der Volkswuth auf und wechselten mit einer bei den schottischen Staatsmännern damals sehr gewöhnlichen Schnelligkeit die Farbe. Der Geheime Rath erließ eine Verordnung des Inhalts, daß alle Papisten entwaffnet werden sollten, und durch eine andre Proklamation forderte er die Protestanten auf, sich zur Vertheidigung des reinen Glaubens zusammenzuschaaren. Die Nation hatte nicht erst auf diesen Aufruf gewartet; Stadt und Land standen schon für den Prinzen von Oranien unter den Waffen. Nithisdale und Clydesdale waren die einzigen Bezirke, in denen eine schwache Aussicht war, daß die Katholiken sich widersetzen würden; aber beide Bezirke waren bald von Schaaren bewaffneter Presbyterianer besetzt. Unter den Insurgenten befanden sich einige heftige und finstre Männer, welche früher Argyle verleugnet hatten und die jetzt eben so wenig von Wilhelm etwas wissen wollten. Seine Hoheit, sagten sie, habe offenbar Böses im Sinne. Er habe in seiner Erklärung kein Wort von dem Covenant erwähnt. Die Holländer wären ein Volk, mit dem kein wahrer Diener des Herrn gemeinschaftliche Sache machen würde. Sie hielten es mit den Lutheranern und ein Lutheraner sei eben so gut ein Kind der Verdammniß wie ein Jesuit. Die allgemeine Stimme des Königreichs erstickte jedoch wirksam das Murren dieser haßschnaubenden Faction.[56]

Die Bewegung verbreitete sich bald bis in die Gegend des Schlosses Drummond. Perth sah, daß er unter seinen eigenen Dienern und Pächtern nicht mehr sicher war. Er überließ sich daher einer eben so trostlosen Verzweiflung, als in welche seine unbarmherzige Tyrannei oft viel bessere Menschen als er war, gestürzt hatte. In seiner Todesangst suchte er Trost in den Gebräuchen seiner neuen Kirche. Er quälte seine Priester um geistlichen Zuspruch, betete, beichtete und communicirte; aber sein Glaube war schwach und er gestand, daß trotz aller seiner Andachtsübungen die Todesfurcht ihn überwältige. Um diese Zeit erfuhr er, daß er Aussicht hatte, auf einem vor Brentisland liegenden Schiffe zu entkommen. Er verkleidete sich so gut als möglich und nach einer langen und beschwerlichen Reise über die ungangbaren Pfade des damals mit tiefem Schnee bedeckten Ochillgebirges gelang es ihm sich einzuschiffen; aber trotz aller beobachteten Vorsicht war er erkannt und Lärm gemacht worden. Sobald es bekannt wurde, daß der blutdürstige Renegat sich auf der See befinde, und daß er Gold bei sich habe, waren ihm von Haß und Habgier erfüllte Verfolger auf den Fersen. Ein von einem alten Freibeuter befehligtes Boot holte das fliehende Schiff ein und enterte es. Perth, der Frauenkleider angelegt hatte, wurde aus dem Kielraume aufs Verdeck geschleppt, ausgezogen, gemißhandelt und geplündert. Man setzte ihm Bajonnette auf die Brust. Mit weibischem Gejammer um Schonung seines Lebens flehend wurde er ans Land zurückgebracht und in die Frohnfeste von Kirkaldy geworfen. Von dort wurde er auf Befehl des Geheimen Raths, dem er kürzlich noch präsidirt hatte und in welchem Männer saßen, die seine Schuld theilten, nach dem Schlosse Stirling transportirt. Es war an einem Sonntage während des öffentlichen Gottesdienstes, als er unter militairischer Eskorte in sein Gefängniß abgeführt wurde; aber selbst strenge Puritaner vergaßen die Heiligkeit des Tages und des Gottesdienstes. Die Andächtigen verließen die Kirchen, als der Tyrann vorüberkam und laute Drohungen, Verwünschungen und Ausbrüche des Hasses begleiteten ihn bis an den Eingang seines Gefängnisses.[57]

Mehrere angesehene Schotten befanden sich in London, als der Prinz daselbst ankam, und viele andere eilten jetzt dahin, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Am 7. Januar ersuchte er sie, sich ihm in Whitehall vorzustellen. Die Versammlung war zahlreich und bestand aus sehr achtbaren Männern. An der Spitze des Zuges erblickte man den Herzog von Hamilton und seinen ältesten Sohn, den Earl von Arran, die Oberhäupter eines Hauses von fast königlichem Ansehen. Sie waren begleitet von dreißig Lords und ungefähr achtzig angesehenen Gentlemen. Wilhelm sprach den Wunsch aus, daß sie sich mit einander berathen und ihm dann sagen möchten, wie er das Wohl ihres Landes am besten fördern könnte. Dann entfernte er sich, damit sie, durch seine Anwesenheit nicht beengt, sich mit einander besprechen konnten. Sie gingen in das Berathungszimmer und übertrugen dem Herzoge von Hamilton den Vorsitz. Obgleich nur wenig Meinungsverschiedenheit stattgefunden zu haben scheint, dauerten die Verhandlungen doch drei Tage, ein Umstand, der sich durch Sir Patrick Hume's Betheiligung an der Debatte genügend erklären läßt. Arran wagte es, eine Unterhandlung mit dem Könige vorzuschlagen. Dieser Antrag aber wurde von seinem Vater und von der ganzen Versammlung übel aufgenommen und fand gar keine Unterstützung. Endlich wurden Beschlüsse gefaßt, ganz ähnlich denen, welche die englischen Lords und Gemeinen einige Tage vorher dem Prinzen überreicht hatten. Er wurde ersucht, eine Convention der schottischen Stände einzuberufen, ihren Zusammentritt auf den 14. März zu bestimmen und bis zu diesem Tage die Civil- und Militairverwaltung selbst zu übernehmen. Er kam diesen Wünschen nach und die Regierung der ganzen Insel war von nun an in seinen Händen.[58]

[Anmerkung 56: +Sixth Collection of Papers, 1689+; +Wodrow, III. 12. 4. App. 150, 151; Faithful Contendings Displayed+; +Burnet, I. 804.+]

[Anmerkung 57: Perth an Lady Errol, 29. Dec. 1688; an Melfort, 21. Dec. 1688: +Sixth Collection of Papers, 1689.+]

[Anmerkung 58: +Burnet, I. 805+; +Sixth Collection of Papers, 1689.+]

[_Stand der Parteien in England._] Der entscheidende Augenblick rückte heran und die Aufregung der Gemüther stieg auf den Höhepunkt. Kleine Clubs von Politikern steckten überall flüsternd und berathend die Köpfe zusammen. Die Kaffeehäuser waren in heftiger Gährung, und die Pressen der Hauptstadt standen keine Minute still. Von den damals erschienenen Flugschriften könnte man noch jetzt mehrere Bände füllen und man kann sich aus diesen Flugschriften unschwer eine richtige Vorstellung von dem Stande der Parteien bilden.

Eine sehr kleine Faction wollte Jakob ohne irgend eine Bedingung zurückrufen. Eine andre, ebenfalls sehr kleine Faction wünschte eine Republik zu errichten und die Verwaltung einem Staatsrathe unter der Präsidentschaft des Prinzen von Oranien zu übertragen. Diese extremen Meinungen wurden jedoch allgemein mit Abscheu verworfen. Die Nation bestand zu Neunzehn Zwanzigsteln aus Leuten, welche mit der Liebe zur erblichen Monarchie die Liebe zur constitutionellen Freiheit verbanden, wenn auch nicht alle in gleichem Verhältnisse, und die von der gänzlichen Abschaffung des Königstitels eben so wenig etwas wissen wollten, als von der unbedingten Wiedereinsetzung des Königs.

Doch in der weiten Entfernung, welche die noch den Lehren Filmer's anhängenden Bigotten von den Schwärmern trennte, die noch an die Verwirklichung der Träume Harrington's dachten, war Raum für viele Meinungsschattirungen. Läßt man die unwichtigen Unterabtheilungen unberücksichtigt, so wird man finden, daß die große Majorität der Nation und der Convention in vier Abtheilungen zerfiel. Drei von diesen Abtheilungen bestanden aus Tories und die vierte bildete die Whigpartei.

Die Freundschaft zwischen den Whigs und Tories hatte die Gefahr, welche sie erzeugt, nicht überdauert. Während des Marsches des Prinzen aus dem Westen hatten sich bei verschiedenen Gelegenheiten Spaltungen unter seinen Anhängern gezeigt. So lange der Ausgang seines Unternehmens noch zweifelhaft war, hatte seine geschickte Leitung diese Zerwürfnisse ohne Mühe geschlichtet. Aber von dem Tage seines triumphirenden Einzugs in den St. Jamespalast an war eine solche Leitung nicht mehr möglich. Indem sein Sieg die Nation von der Furcht vor papistischer Tyrannei befreite, hatte er ihm zugleich die Hälfte seines Einflusses entzogen. Alte Antipathien, welche geschlummert hatten, so lange die Bischöfe im Tower und die Jesuiten im Staatsrathe saßen, so lange loyale Geistliche zu Dutzenden ihres Lebensunterhalts beraubt und loyale Gentlemen zu Hunderten ihres Friedensrichteramtes entsetzt wurden, erwachten jetzt mit erneuter Heftigkeit wieder. Der Royalist schauderte bei dem Gedanken, daß er mit allen Denen verbündet sei, die er von Jugend auf am meisten gehaßt habe: mit ehemaligen Anführern der Parlamentsarmee, die sein Landhaus erstürmt, mit ehemaligen Parlamentscommissaren, die sein Vermögen sequestrirt hatten, mit Männern, welche das Ryehouse-Gemetzel angestiftet und an der Spitze der Insurrection im Westen gestanden hatten. Auch die theure Kirche, der zu Liebe er nach einem qualvollen Kampfe seine Unterthanentreue gegen den Thron gebrochen, war sie wirklich in Sicherheit? Oder hatte er sie von einem Feinde befreit, nur um sie einem andren preis zu geben? Allerdings waren die papistischen Priester in der Verbannung, in Verstecken oder im Gefängniß. Kein Jesuit oder Benedictiner, dem sein Leben lieb war, wagte es jetzt, sich in seiner Ordenstracht zu zeigen. Aber die Presbyterianer- und Independentenprediger zogen in langer Procession zu dem Oberhaupte der Regierung, um ihm ihre Huldigung darzubringen und wurden eben so freundlich empfangen, wie die wahren Nachfolger der Apostel. Einige Schismatiker sprachen die Hoffnung aus, daß bald jede Schranke, die sie von geistlichen Ämtern ausschlösse, fallen werde, daß die Artikel gemildert, die Liturgie gesichtet, daß Weihnachten aufhören werde ein Fest, der Charfreitag ein Fasttag zu sein, daß Canonici, deren Haupt nie ein Bischof berührt, ohne das heilige Gewand von weißen Linnen in den Chören der Kathedralen das Brot und den Wein des Abendmahls an auf Bänken sitzende Communicanten austheilen werden. Der Prinz war zwar kein fanatischer Presbyterianer, aber höchstens ein Latitudinarier. Er trug kein Bedenken, nach anglikanischem Ritus zu communiciren, aber es war ihm auch gleichgültig, nach welchem Ritus andere Leute communicirten. Es stand zu befürchten, daß seine Gemahlin nur zuviel von seinem Geiste eingesogen hatte. Burnet war ihr Gewissensrath; sie hörte Prediger von verschiedenen protestantischen Secten, und hatte unlängst geäußert, daß sie zwischen der Kirche Englands und den anderen reformirten Kirchen keinen wesentlichen Unterschied erblicke.[59] Es war daher nothwendig, daß die Kavaliere in diesem Augenblicke das von ihren Vätern im Jahre 1641 gegebene Beispiel befolgten, sich von den Rundköpfen und Sectirern trennten und trotz aller Fehler des erblichen Monarchen die Sache der erblichen Monarchie aufrecht erhielten.

Die von solchen Gesinnungen beseelte Partei war zahlreich und achtungswerth. Sie schloß ungefähr die Hälfte des Hauses der Lords, etwa ein Drittel des Hauses der Gemeinen, die Mehrheit der Landgentry und mindestens neun Zehntel der Geistlichkeit in sich; aber sie war durch Spaltungen zerrissen und auf allen Seiten von Schwierigkeiten umgeben.

[Anmerkung 59: Albeville, 9.(19.) Nov. 1688.]

[_Sherlock's Plan._] Eine Section dieser großen Partei, die besonders unter der Geistlichkeit stark vertreten und deren Hauptorgan Sherlock war, wünschte, daß Unterhandlungen mit Jakob eröffnet und daß er unter Bedingungen, welche die bürgerliche und kirchliche Verfassung des Reichs vollkommen sicher stellten, zur Rückkehr nach Whitehall eingeladen werden sollte.[60] Es springt in die Augen, daß dieser Plan, so energisch er auch von der Geistlichkeit unterstützt wurde, doch in directem Widerspruche mit den Doctrinen stand, welche der Klerus seit vielen Jahren lehrte. Es war in der That ein Versuch, einen Mittelweg einzuschlagen, wo kein Mittelweg möglich war, und einen Vergleich zwischen zwei Dingen herbeizuführen, welche keinen Vergleich zulassen: zwischen Widerstand und Nichtwiderstand. Die Tories hatten sich früher zu dem Prinzipe des Nichtwiderstandes gehalten. Aber diesen Boden hatten die meisten von ihnen jetzt verlassen und waren nicht geneigt, denselben wieder einzunehmen. Die englischen Kavaliere in ihrer Gesammtheit waren bei der letzten Erhebung gegen den König direct oder indirect so stark betheiligt gewesen, daß sie in diesem Augenblicke nicht ohne die größte Schande von der geheiligten Pflicht, einem Nero zu gehorchen, sprechen konnten; auch hatten sie überhaupt keine Lust, den Fürsten, unter dessen schlechter Regierung sie so viel hatten leiden müssen, zurückzurufen, ohne ihm Bedingungen vorzuschreiben, die es ihm unmöglich machten, seine Gewalt abermals zu mißbrauchen. Sie befanden sich deshalb in einer schiefen Stellung. Ihre alte Theorie, mochte sie nun vernünftig oder unvernünftig sein, war wenigstens vollständig und folgerichtig. War diese Theorie zweckmäßig, so mußte der König unverweilt zur Rückkehr aufgefordert und es ihm, wenn anders er wollte, gestattet werden, Seymour und Danby, den Bischof von London und den Bischof von Bristol wegen Hochverraths hinrichten zu lassen, die kirchliche Commission wiederherzustellen, die Kirche mit papistischen Würdenträgern zu füllen und die Armee unter das Commando papistischer Offiziere zu stellen. Wenn aber, wie die Tories jetzt selbst zuzugeben schienen, die Theorie unpraktisch war, warum dann mit dem Könige unterhandeln? Gestand man zu, daß er rechtmäßigerweise vom Throne ausgeschlossen werden dürfe, bis er befriedigende Garantien für die Sicherheit der kirchlichen und staatlichen Verfassung gebe, so konnte man schwerlich leugnen, daß er auch für immer rechtmäßigerweise ausgeschlossen werden durfte. Denn welche befriedigenden Garantien konnte er geben? Konnte wohl eine Parlamentsacte in klarerer Sprache gefaßt sein als die, welche vorschrieben, daß der Dechant des Christchurch-Collegiums ein Protestant sein müsse? Konnte ein Versprechen klarer und deutlicher sein als die, in denen Jakob wiederholt erklärt hatte, daß er die gesetzlichen Rechte der anglikanischen Geistlichkeit streng respectiren werde? Wenn Gesetz oder Ehrgefühl etwas Bindendes für ihn gehabt hätten, so würde er nie gezwungen gewesen sein, aus seinem Königreiche zu fliehen. Wenn aber weder Gesetz noch Ehre in seinen Augen bindend für ihn waren, konnte es dann wohl rathsam sein, ihn zurückzurufen?

Indessen würde trotz dieser Argumente wahrscheinlich ein Antrag auf Eröffnung von Unterhandlungen mit Jakob in der Convention gestellt und von der Hauptmasse der Tories unterstützt worden sein, wäre er nicht bei dieser, wie bei jeder andren Gelegenheit sein eigner schlimmster Feind gewesen. Jede von Saint-Germains kommende Post brachte Mittheilungen, welche den Eifer seiner Anhänger abkühlten. Er hielt es nicht einmal der Mühe werth, Reue über seine früheren Fehler zu heucheln oder Besserung zu geloben. Er erließ ein Manifest, in welchem er seinem Volke sagte, daß es stets sein eifriges Bestreben gewesen sei, mit Gerechtigkeit und Mäßigung zu regieren und daß es sich durch eingebildete Beschwerden selbst ins Verderben habe locken lassen.[61]

[Anmerkung 60: Siehe die Flugschrift, betitelt: +Letter to a Member of the Convention+, und die Antwort darauf; +Burnet, I. 809.+]