Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)

Part 21

Chapter 213,395 wordsPublic domain

[_Berathungen und Beschlüsse der Lords._] Am Montag versammelten sich die Lords wieder. Halifax wurde zum Präsidenten gewählt. Der Primas war abwesend, die Royalisten traurig und muthlos, die Whigs heiter und guter Dinge. Es war bekannt, daß Jakob einen Brief zurückgelassen hatte. Einige von seinen Freunden stellten in der schwachen Hoffnung, daß der Brief vielleicht Vorschläge enthielt, welche als Grundlage zu einem gütlichen Abkommen dienen konnten, den Antrag ihn vorzulegen. Über diesen Antrag wurde abgestimmt und er wurde angenommen. Godolphin, der keineswegs als ein Feind seines ehemaligen Gebieters bekannt war, sprach einige Worte, welche den Ausschlag gaben. »Ich habe das Schreiben gesehen,« sagte er, »und muß Ihnen zu meinem Bedauern bemerken, daß es nichts enthält, was Eure Herrlichkeiten irgend zufriedenstellen könnte.« Es enthielt in der That keine Äußerung von Bedauern über frühere Fehler; es gab keiner Hoffnung Raum, daß diese Fehler in Zukunft vermieden werden würden, und es wälzte die Schuld an allem Geschehenen auf die Böswilligkeit Wilhelm's und auf die Blindheit des Volks, das sich durch die schimmernden Worte Religion und Eigenthum habe bethören lassen. Niemand wagte den Vorschlag zu machen, daß Unterhandlungen mit einem Fürsten eingeleitet werden möchten, den die härteste Schule des Unglücks nur hartnäckiger im Unrecht gemacht zu haben schien. Es war die Rede von einer Untersuchung der Geburt des Prinzen von Wales; aber die whiggistischen Peers behandelten diesen Vorschlag mit Geringschätzung. »Ich hätte nicht erwartet, Mylords,« rief Philipp, Lord Wharton, ein alter Rundkopf, der bei Edgehill gegen Karl I. ein Regiment commandirt hatte, »daß unter den gegenwärtigen Umständen Jemand das Kind erwähnen würde, das Prinz von Wales genannt worden ist, und ich hoffe, es wird zum letzten Male von ihm die Rede gewesen sein.« Nach langer Berathung wurden zwei Adressen an Wilhelm beschlossen. Die eine ersuchte ihn, die Leitung der Regierung provisorisch zu übernehmen; die andre rieth ihm, durch eigenhändig unterzeichnete Rundschreiben alle Wahlkörper des Reichs zur Absendung von Vertretern nach Westminster aufzufordern. Zu gleicher Zeit nahmen die Peers es auf sich, eine Verordnung zu erlassen, welche alle Papisten, mit Ausnahme einiger weniger bevorzugter Personen, aus London und dessen nächster Umgebung verwies.[43]

Die Lords überreichten ihre Adressen dem Prinzen am folgenden Tage, ohne den Ausgang der Berathungen der von ihm einberufenen Gemeinen zu erwarten. Es scheint in der That, als ob der erbliche Adel in diesem Augenblicke um die Aufrechthaltung seines Ansehens sehr besorgt gewesen wäre und keine Lust gehabt hätte, einer Versammlung, von der das Gesetz nichts wußte, eine ebenbürtige Autorität zuzugestehen. Sie hielten sich für ein ächtes Haus der Lords; die andre Kammer aber verachteten sie als ein bloß nachgemachtes Haus der Gemeinen. Wilhelm lehnte es jedoch wohlweislich ab einen Entschluß zu fassen, bevor er sich von der Ansicht derjenigen Gentlemen überzeugt haben würde, welche früher mit den Vertrauen der Grafschaften und Städte Englands beehrt worden waren.[44]

[Anmerkung 43: +Halifax's notes+; +Landsdown MS. 255+; +Clarendon's Diary, Dec. 24. 1688+; +London Gazette, Dec. 31.+]

[Anmerkung 44: Citters, 25. Dec. (4. Jan.) 1688/89.]

[_Verhandlungen und Beschlüsse der von dem Prinzen einberufenen Gemeinen._] Die einberufenen Gemeinen kamen in der St. Stephanskapelle zusammen und bildeten eine zahlreiche Versammlung. Sie ernannten zu ihrem Präsidenten Heinrich Powle, welcher Cirencester in mehreren Parlamenten vertreten und sich unter den Vertheidigern der Ausschließungsbill hervorgethan hatte.

Es wurden ähnliche Adressen wie die von den Lords bereits überreichten beantragt und angenommen. In keiner wichtigen Frage zeigte sich eine Meinungsverschiedenheit und einige schwache Versuche, über formelle Punkte eine Debatte zu eröffnen, wurden durch die allgemeine Verachtung vereitelt. Sir Robert Sawyer erklärte, er könne nicht begreifen, wie der Prinz ohne einen unterscheidenden Titel, wie Regent oder Protektor, die Regierung verwalten könne. Der greise Maynard, der als Jurist seines Gleichen nicht hatte und dabei ein mit der Taktik der Revolutionen wohl vertrauter Staatsmann war, versuchte es gar nicht, seinen Unwillen über einen so kindischen Einwand zu verhehlen, der in einem Augenblicke erhoben wurde, wo einmüthiges und rasches Handeln von der größten Wichtigkeit waren. »Wir werden sehr lange hier sitzen,« sagte er, »wenn wir warten wollen, bis Sir Robert begreifen kann, wie so etwas möglich ist.« Die Versammlung hielt diese Antwort der Krittelei ganz entsprechend.[45]

[Anmerkung 45: Der Urheber dieses Einwandes wurde in damaligen Büchern und Pamphlets nur mit den Anfangsbuchstaben seines Namens bezeichnet und diese wurden zuweilen mißverstanden. Eachard schrieb die Krittelei Sir Robert Southwell zu; ich bin aber fest überzeugt, daß Oldmixon ganz Recht hat, wenn er sie Sawyer in den Mund legt.]

[_Eine Convention berufen._] Die Beschlüsse der Versammlung wurden dem Prinzen mitgetheilt. Er erklärte sogleich seinen Entschluß, dem vereinten Ansuchen der von ihm einberufenen beiden Kammern zu entsprechen, Ausschreiben zur Einberufung einer Convention der Stände des Reichs zu erlassen und bis zum Zusammentritt dieser Convention die ausübende Verwaltung selbst zu übernehmen.[46]

[Anmerkung 46: +History of the Desertion+; +Life of William, 1703+; Citters, 28. Dec. (7. Jan.) 1688/89.]

[_Bemühungen des Prinzen zur Herstellung der Ordnung._] Er hatte sich keine leichte Aufgabe vorgenommen. Die ganze Regierungsmaschine war in Unordnung. Die Friedensrichter hatten ihre Functionen eingestellt. Die Finanzbeamten hatten aufgehört, Steuern zu erheben. Die von Feversham aufgelöste Armee war noch immer in Verwirrung und zur Empörung bereit. Die Flotte befand sich in einem kaum weniger beunruhigenden Zustande. Die bürgerlichen und militairischen Diener der Krone hatten bedeutende Soldrückstande zu fordern und im Staatsschatze befanden sich nur noch vierzigtausend Pfund. Der Prinz ging mit Energie an die Wiederherstellung der Ordnung. Er erließ eine Proklamation, durch welche alle Magistratspersonen in ihren Ämtern bestätigt wurden, und eine andre, welche Anordnungen zur Erhebung der Staatseinkünfte enthielt.[47] Die Reorganisation der Armee wurde rasch betrieben. Viele von den Kavalieren und Gentlemen, welche Jakob des Kommandos englischer Regimenter enthoben hatte, wurden wieder angestellt. Auch wurden Mittel und Wege gefunden, um die Tausende von irländischen Soldaten, welche Jakob nach England hatte kommen lassen, zu verwenden. In einem Lande, wo sie dem religiösen und nationalen Hasse preisgegeben waren, konnten sie nicht bleiben. Eben so wenig durfte man sie in ihre Heimath zurücksenden, wo sie Tyrconnel's Armee verstärkt haben würden. Man beschloß daher, sie auf den Continent zu schicken, wo sie unter den Fahnen des Hauses Österreich der englischen Verfassung und der protestantischen Religion indirecte, aber wirksame Dienste leisten konnten. Dartmouth wurde seines Commando's enthoben und die Seemacht durch das bestimmte Versprechen gewonnen, daß jeder Matrose so bald als möglich seinen rückständigen Sold erhalten solle. Die City von London nahm es auf sich, den Prinzen aus seiner finanziellen Verlegenheit zu reißen. Der Gemeinderath verpflichtete sich durch ein einstimmiges Votum, ihm zweimalhunderttausend Pfund zu verschaffen. Es wurde als ein großer Beweis von dem Reichthume und dem Gemeinsinne der londoner Kaufmannschaft betrachtet, daß binnen achtundvierzig Stunden die ganze Summe ohne ein andres Unterpfand als das Wort des Prinzen eingezahlt wurde. Wenige Wochen zuvor war Jakob nicht im Stande gewesen, eine viel kleinere Summe aufzubringen, obgleich er höhere Zinsen bot und werthvolles Eigenthum verpfänden wollte.[48]

[Anmerkung 47: +London Gazette, Jan. 3, 7. 1688/89.+]

[Anmerkung 48: +London Gazette, Jan. 10, 17. 1688/89; Luttrell's Diary+; Legge-Papiere; Citters, 1.(11.), 4.(14.), 11.(21.) Jan. 1689; Ronquillo, 15.(21.) Jan., 23. Febr. (5. März); Berathung des spanischen Staatsrathes vom 26. März (5. April).]

[_Seine tolerante Politik._] In sehr wenigen Tagen war die Unordnung, welche die Invasion, die Aufstände, die Flucht Jakob's und das Aufhören aller regelmäßigen Verwaltung herbeigeführt hatten, zu Ende und das Königreich hatte wieder sein gewohntes Aussehen angenommen. Ein allgemeines Gefühl von Sicherheit war zurückgekehrt. Selbst diejenigen Stände, auf welche der öffentliche Haß vorzugsweise gerichtet war und die am meisten Ursache hatten, eine Verfolgung zu befürchten, wurden durch die weise Milde des Siegers beschützt. Leute, welche in die gesetzwidrigen Handlungen der vorigen Regierung tief verwickelt gewesen waren, gingen nicht nur unangefochten einher, sondern traten sogar als Candidaten für Sitze in der Convention auf. Mulgrave wurde im St. Jamespalaste nicht ungnädig empfangen. Feversham wurde seiner Haft entlassen und ihm gestattet, das einzige Amt zu verwalten, dem er gewachsen war: das eines Bankhalters am Bassettische der Königin Wittwe. Doch Niemand hatte so viel Ursache, Wilhelm dankbar zu sein, als die Katholiken. Es würde nicht rathsam gewesen sein, die strengen Verordnungen, welche die Peers gegen die Bekenner eines von der ganzen Nation verabscheuten Glaubens erlassen hatten, förmlich aufzuheben; durch die Klugheit und Menschlichkeit des Prinzen aber wurden diese Verordnungen praktisch nicht angewendet. Auf seinem Marsche von Torbay nach London hatte er Befehl gegeben, daß an den Personen oder Wohnungen von Papisten durchaus keine Gewaltthätigkeiten verübt werden sollten. Diesen Befehl erneuerte er jetzt und wies Burnet an, auf strengste Befolgung desselben zu sehen. Eine glücklichere Wahl hätte er nicht treffen können, denn Burnet war ein so edelmüthiger und gutherziger Mann, daß sein Herz stets in warmer Theilnahme für Unglückliche schlug, und sein Haß gegen das Papstthum bot zugleich auch den eifrigsten Protestanten hinreichende Gewähr dafür, daß die Interessen ihrer Religion in seinen Händen wohl aufgehoben waren. Er hörte die Klagen der Katholiken freundlich an, verschaffte Denen, die über das Meer gehen wollten, Pässe und besuchte selbst in Newgate die dort gefangensitzenden Prälaten. Er gab Befehl, daß sie in ein bequemeres Zimmer versetzt und ihnen jede mögliche Erleichterung verschafft werden sollte. Er gab ihnen die feierliche Versicherung, daß ihnen kein Haar gekrümmt werden und daß der Prinz, sobald er es wagen könnte, nach seinen Wünschen zu handeln, sie in Freiheit setzen würde. Der spanische Gesandte meldete seinem Hofe, und durch seinen Hof dem Papste, daß kein Katholik wegen der letzten englischen Revolution Gewissensscrupel zu hegen brauche, daß Jakob allein für die Gefahren, denen die Mitglieder der wahren Kirche ausgesetzt wären, verantwortlich sei und daß Wilhelm allein sie vor einer blutigen Verfolgung gerettet habe.[49]

[Anmerkung 49: +Burnet, I. 802+; Ronquillo, 2.(12.) Jan., 8.(18.) Febr. 1689. Die Originale dieser Depeschen wurden mir durch die Gefälligkeit der verstorbenen Lady Holland und des gegenwärtigen Lord Holland mitgetheilt. Aus der letzten will ich einige Worte anführen. +»La tema de S. M. Britanica à seguir imprudentes consejos perdió á los Catolicos aquella quietud en que les dexo Carlos segundo. V. E. asegure á su Santidad que mas sacaré del Principe para los Catolicos que pudiera sacra del Rey.«+]

[_Zufriedenheit der katholischen Mächte._] In Folge dessen war die Befriedigung, mit der die Fürsten des Hauses Österreich und der Papst erfuhren, daß die langjährige Abhängigkeit Englands zu Ende sei, ziemlich ungetrübt. Als es in Madrid bekannt wurde, daß Wilhelm dem glücklichen Erfolge seines Unternehmens entgegenging, sprach nur eine einzige Stimme im spanischen Staatsrathe schüchtern sein Bedauern darüber aus, daß ein vom politischen Standpunkte betrachtet höchst erfreuliches Ereigniß den Interessen der wahren Kirche nachtheilig werden müsse.[50] Aber die tolerante Politik des Prinzen zerstreute bald alle Besorgnisse und die bigotten Granden Castiliens betrachteten seine Erhebung fast mit eben so großer Befriedigung, als die englischen Whigs.

[Anmerkung 50: Am 13.(23.) Dec. 1688 gab der Admiral von Castilien seine Meinung folgendermaßen ab: +»Esta materia es de calidad que no puede dexar de padecer nuestra sagrada religion ó el servicio de V. M.; porque, si el Principe de Orange tiene buenos succesos, nos aseguraremos de Franceses, pero peligrarà la religion.«+ Der Staatsrath wurde am 16.(26.) Februar sehr erfreut durch ein Schreiben des Prinzen, in welchem er versprach, +»que los Catolicos que se portaren con prudencia no sean molestados, y gocen libertad di conciencia, por ser contra su dictamen el forzar ni castigar por esta ràzon à nadie.«+]

[_Stimmung in Frankreich._] Mit ganz anderen Gefühlen war die Nachricht von der großen Revolution in Frankreich aufgenommen worden. Die Politik einer langen, ereignißreichen und ruhmvollen Regierung war in einem Tage über den Haufen geworfen worden. England war wieder das England der Elisabeth und Cromwell's und alle Beziehungen zu sämmtlichen Staaten der Christenheit wurden durch die plötzliche Einführung dieser neuen Macht in das System völlig verändert. Die Pariser sprachen von nichts als von den Vorgängen in London. Nationale und religiöse Gefühle bewogen sie, für Jakob Partei zu nehmen. Sie kannten die englische Verfassung nicht, sie verabscheuten die englische Kirche und unsre Revolution erschien ihnen nicht als der Sieg der öffentlichen Freiheit über den Despotismus, sondern als eine grauenvolle Familientragödie, in der ein ehrwürdiger und frommer Servius durch einen Tarquin vom Throne gestürzt und unter den Wagenrädern einer Tullia zermalmt wurde. Sie schrien Zeter über die treulosen Heerführer, verwünschten die unnatürlichen Töchter und betrachteten Wilhelm mit einem heftigen Widerwillen, der jedoch durch die Achtung, welche Tapferkeit, Genie und Erfolg fast immer erwecken, gemildert wurde.[51] Die Königin, dem Nachtwind und Regen ausgesetzt, den unmündigen Erben dreier Kronen an die Brust drückend und der von rohen Buben angehaltene, beraubte und gemißhandelte König waren in ganz Frankreich Gegenstände des Mitleids und der romanhaften Theilnahme. Ludwig aber betrachtete das Unglück des Hauses Stuart mit ganz besonders lebhaftem Mitgefühl. Alle egoistischen und alle edlen Seiten seines Characters wurden gleichmäßig erregt. Nach langen Jahren des Glücks traf ihn endlich ein großes Unglück. Er hatte auf die Unterstützung oder Neutralität Englands gerechnet; jetzt hatte er von diesem Lande nichts mehr als energische und beharrliche Feindseligkeit zu erwarten. Noch wenige Wochen zuvor hätte er nicht mit Unrecht hoffen können, Flandern zu unterjochen und Deutschland Gesetze zu geben. Jetzt konnte er froh sein, wenn er im Stande war, seine eigenen Grenzen gegen einen Staatenbund zu vertheidigen, wie ihn Europa seit vielen Menschenaltern nicht mehr gesehen hatte. Nichts konnte ihn aus dieser ganz neuen beunruhigenden Lage reißen, als eine Contrerevolution oder ein Bürgerkrieg auf den britischen Inseln. Ehrgeiz und Furcht bestimmten ihn daher, sich der gestürzten Dynastie anzunehmen. Man muß ihm jedoch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß auch edlere Motive als Ehrgeiz und Furcht ihn bei seinem Verfahren leiteten. Er besaß von Natur ein mitfühlendes Herz und der vorliegende Fall mußte nothwendig sein ganzes Mitgefühl erregen. Nur seine Stellung hatte die volle Entwickelung seiner guten Charactereigenschaften verhindert. Bei großer Ungleichheit der Standesverhältnisse wird selten ein starkes Mitgefühl aufkommen können, und er stand so hoch über der großen Masse seiner Nebenmenschen, daß ihre Drangsale nur geringe Theilnahme in ihm erweckten, ähnlich der, mit der wir die Leiden niederer Geschöpfe, eines verhungerten Vogels oder eines abgetriebenen Pferdes betrachten. So hatte die Verwüstung der Pfalz und die Verfolgung der Hugenotten kein theilnehmendes Gefühl in ihm erregt, das nicht durch Stolz und Bigotterie wirksam unterdrückt worden wäre. Aber die ganze Sympathie, deren er fähig war, wurde durch das Unglück eines großen Königs erweckt, der noch vor wenigen Wochen von knieenden Lords bedient worden und der jetzt ein verlassener Verbannter war. Mit dieser Rührung verband sich im Herzen Ludwig's eine nicht unedle Eitelkeit. Er wollte der Welt ein Beispiel von Großmuth und Artigkeit geben. Er wollte der Menschheit zeigen, wie sich ein vollendeter Edelmann in der höchsten Stellung und bei der wichtigsten Veranlassung benehmen müsse, und sein Benehmen zeichnete sich in der That durch ritterliche Großmuth und Urbanität aus, wie sie die Geschichtsbücher Europa's nicht wieder geziert hatten, seitdem der schwarze Prinz beim Souper auf dem Schlachtfelde von Poitiers hinter dem Stuhle König Johann's gestanden.

[Anmerkung 51: In dem Kapitel von La Bruyère unter der Überschrift: +Sur les Jugemens+, kommt eine Stelle vor, welche gelesen zu werden verdient, weil sie zeigt, in welchem Lichte unsre Revolution einem Franzosen von ausgezeichneten Fähigkeiten erschien.]

[_Empfang der Königin von England in Frankreich._] Sobald die Nachricht von der Landung der Königin von England an der französischen Küste nach Versailles kam, wurde ein Palast für sie in Bereitschaft gebracht. Equipagen und Garden wurden zu ihrer Verfügung abgesandt. Arbeiter wurden angestellt, um die Straße von Calais auszubessern, damit ihr die Reise möglichst erleichtert werde. Lauzun erhielt nicht nur die Zusicherung, daß ihm seine früheren Vergehen um ihretwillen vergeben sein sollten, sondern er wurde überdies mit einem eigenhändigen gnädigen Schreiben von Ludwig beehrt. Marie war schon auf dem Wege nach dem französischen Hofe, als sie die Nachricht erhielt, daß ihr Gemahl nach einer stürmischen Überfahrt glücklich bei dem kleinen Dorfe Ambleteuse gelandet war. Einige Personen von hohem Range wurden sogleich von Versailles abgesandt, um ihn zu begrüßen und zu begleiten. Unterdessen brach Ludwig selbst mit seiner Familie und seinem höchsten Adel auf, um die verbannte Königin mit Gepränge zu empfangen. Vor seiner prachtvollen Staatscarosse marschirten die schweizer Hellebardiere. Zu beiden Seiten und hinter derselben ritt die Leibgarde mit klingendem Spiel. Der glänzendste Adel von Europa folgte dem Könige mit hundert sechsspännigen Equipagen; Alles strotzte von Federn, Bändern, Juwelen und Stickereien. Der Zug war noch nicht weit gekommen, als die Annäherung Mariens gemeldet wurde. Ludwig stieg aus und ging ihr zu Fuß entgegen. Sie brach in leidenschaftliche Dankesversicherungen aus. »Madame,« sagte der König, »es ist leider ein schmerzlicher Dienst, den ich Ihnen heute erzeige. Ich hoffe später im Stande zu sein, Ihnen größere und angenehmere Dienste zu erzeigen.« Er küßte den kleinen Prinzen von Wales und ließ die Königin in seinem Staatswagen zur Rechten sitzen. Dann setzte sich der Zug nach Saint-Germains in Bewegung.

In Saint-Germains hatte Franz I. am Saume eines von Jagdwild reich bestandenen Forstes und auf dem Gipfel eines die Windungen der Seine beherrschenden Hügels ein Schloß erbaut und Heinrich IV. eine prächtige Terrasse angelegt. Keine von den Residenzen der Könige von Frankreich hatte eine gesundere Lage und eine herrlichere Aussicht. Die gewaltige Größe und das ehrwürdige Alter der Bäume, die Schönheit der Gärten und der Überfluß an Quellen waren weit berühmt. Ludwig XIV. war hier geboren, hatte hier als Jüngling sein Hoflager gehalten, hatte das Schloß Franz' I. durch mehrere stattliche Pavillons erweitert und die Terrasse Heinrich's vollendet. Bald aber bemächtigte sich des prachtliebenden Königs ein unerklärlicher Widerwille gegen seine Geburtsstätte. Er vertauschte Saint-Germains mit Versailles und verwendete ungeheure Summen auf das vergebliche Bemühen, einen ganz besonders unfruchtbaren und ungesunden Ort, dessen Boden nur aus Sand oder Lehm bestand und der weder Wald, noch Wasser, noch Wild hatte, in ein Paradies umzuschaffen. Saint-Germains war jetzt zum Wohnsitz für die königliche Familie Englands erwählt worden. Prachtvolle Mobilien waren in aller Eile dahin gesandt worden und die für den kleinen Prinzen von Wales bestimmten Gemächer waren mit Allem versehen, was ein Kind bedurfte. Einer von dem Gefolge überreichte der Königin den Schlüssel zu einer kostbaren Chatulle, die in ihrem Zimmer stand. Sie öffnete dieselbe und fand darin sechstausend Pistolen.

[_Ankunft Jakob's in St.-Germains._] Am folgenden Tage kam auch Jakob in St.-Germains an. Ludwig war schon dort, um ihn zu bewillkommnen. Der unglückliche Verbannte verbeugte sich so tief, als ob er die Knie seines Beschützers hatte umfassen wollen. Ludwig hob ihn auf und umarmte ihn mit brüderlicher Zärtlichkeit. Dann traten die beiden Könige ins Zimmer der Königin. »Hier ist ein Herr,« sagte Ludwig zu ihr, »dessen Ankunft Sie gewiß erfreuen wird.« Nachdem er hierauf seine Gäste eingeladen hatte, ihn am folgenden Tage in Versailles zu besuchen und ihm das Vergnügen zu verschaffen, ihnen seine Gebäude, seine Gemälde und seine Anlagen zu zeigen, verabschiedete er sich ohne alle Ceremonien, wie ein alter Freund.

Wenige Stunden darauf wurde dem königlichen Paare gemeldet, daß ihnen, so lange sie dem Könige von Frankreich die Ehre erzeigen würden, seine Gastfreundschaft anzunehmen, jährlich fünfundvierzigtausend Pfund Sterling aus seinem Staatsschatze ausgezahlt werden sollten. Zehntausend Pfund wurden zur ersten Einrichtung gesandt.

Viel rühmenswerther und bewundernswürdiger als Ludwig's Freigebigkeit war jedoch die ausgezeichnete Delicatesse, mit der er sich bemühte, die Gefühle seiner Gäste zu beruhigen und ihnen die fast unerträgliche Last der Verbindlichkeiten, die er ihnen auflud, zu erleichtern. Er, der bisher in allen Fragen des Vorrangs empfindlich, streitsüchtig und anmaßend, der mehr als einmal bereit gewesen war, eher ganz Europa in Krieg zu verwickeln, als in dem geringfügigsten Punkte der Etikette nachzugeben, war jetzt übertrieben ängstlich, und zwar für seine Freunde gegen sich selbst. Er gab Befehl, daß Marien alle Ehrfurchtsbezeigungen zu Theil werden sollten, die seiner verstorbenen Gemahlin je erwiesen worden waren. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob die Prinzen des Hauses Bourbon berechtigt seien, sich in Anwesenheit der Königin niederzusetzen. Derartige Kleinigkeiten waren an dem alten französischen Hofe sehr wichtige Dinge. Es ließen sich auf beiden Seiten Precedenzfälle nachweisen; aber Ludwig entschied die Frage gegen sein eignes Blut. Einige vornehme Damen unterließen die Ceremonie, den Saum von Mariens Kleide zu küssen. Ludwig bemerkte die Unterlassung und rügte sie in einem Tone und mit einem Blicke, daß diese ganze Pairie von nun an bereit gewesen wäre, ihr den Fuß zu küssen. Als das so eben von Racine geschriebene Schauspiel »Esther« in Saint-Cyr aufgeführt wurde, hatte Marie den Ehrenplatz. Jakob saß ihr zur Rechten, Ludwig nahm bescheiden zu ihrer Linken Platz. Ja er wünschte sogar, daß ein von seiner Freigebigkeit lebender Verbannter in seinem eigenen Palaste den Titel König von Frankreich führen, als König von Frankreich die Lilien mit dem englischen Löwen vereinigen und sich als König von Frankreich bei vorkommender Hoftrauer violett kleiden sollte.