Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)
Part 20
[Anmerkung 30: +Clarke's Life of James, II. 265+; +Mulgrave's Account of the Revolution; Burnet, I. 801+; Citters, 18.(28.) Dec. 1688.]
[_Jakob's Aufbruch nach Rochester._] Am Morgen des 18. December, einem regnerischen und stürmischen Morgen, hielt die königliche Barke frühzeitig an der Treppe von Whitehall, umgeben von acht bis zehn mit holländischen Soldaten gefüllten Böten. Mehrere Edelleute und Gentlemen begleiteten den König bis ans Wasser. Es wird erzählt und läßt sich wohl auch denken, daß viele Thränen vergossen wurden. Denn selbst der eifrigste Freund der Freiheit konnte das traurige und schmachvolle Ende einer Dynastie, welche so groß hätte sein können, nicht gleichgültig mit ansehen. Shrewsbury that sein Möglichstes, um den gestürzten Monarchen zu trösten. Selbst der erbitterte und heftige Delamere war ergriffen. Man bemerkte aber, daß Halifax, der sich sonst durch seine rücksichtsvolle Freundlichkeit gegen Besiegte auszeichnete, bei dieser Gelegenheit weniger theilnehmend war als seine beiden Collegen. Wahrscheinlich konnte er die Scheingesandtschaft nach Hungerford noch immer nicht vergessen.[31]
Während die königliche Barke langsam über die hochgehenden Wellen den Fluß hinabfuhr, zog eine Brigade von den Truppen des Prinzen nach der andren in London ein. Man hatte die sehr weise Anordnung getroffen, daß der Dienst in der Hauptstadt namentlich von den im Dienste der Generalstaaten stehenden britischen Soldaten verrichtet werden sollte. Die drei englischen Regimenter wurden in und um den Tower, die drei schottischen in Southwark einquartirt.[32]
[Anmerkung 31: Citters, 18.(28.) Dec. 1688; +Evelyn's Diary+ unter demselben Datum; +Clarke's Life of James, II. 266, 267. Orig. Mem.+]
[Anmerkung 32: Citters, 18.(28.) Dec. 1688.]
[_Wilhelm's Ankunft im St. Jamespalaste._] Trotz des schlechten Wetters sammelte sich eine große Volksmenge zwischen Albemarle House und dem St. Jamespalaste, um den Prinzen zu bewillkommnen. Jeder Hut, jeder Stock war mit einem orangefarbenen Bande geschmückt. Alle Glocken von ganz London wurden geläutet, und an allen Fenstern standen Lichter zu einer Illumination bereit, während in den Straßen Reißigbündel zu Freudenfeuern aufgehäuft wurden. Wilhelm aber, der kein Freund vom Gedränge und vom Jubelgeschrei war; nahm seinen Weg durch den Park. Vor Einbruch der Nacht kam er, von Schomberg begleitet, in einem leichten Wagen im St. Jamespalaste an. In kurzer Zeit waren alle Zimmer und Treppen mit Leuten gefüllt, die ihm ihre Aufwartung machen wollten. Das Gedränge war so arg, daß die hochgestelltesten Männer nicht im Stande waren, sich bis in das Empfangszimmer hindurchzuarbeiten.[33] Während sich Westminster in dieser Aufregung befand, entwarf der Gemeinderath in der Guildhall eine Dank- und Beglückwünschungsadresse. Der Lordmayor war nicht im Stande den Vorsitz zu führen. Er hatte das Bett noch nicht wieder verlassen, seitdem der Kanzler in dem Anzuge eines Kohlenschiffers in den Gerichtssaal geschleppt worden war. Die Aldermen aber und die übrigen Beamten der Corporationen waren auf ihren Plätzen. Am folgenden Tage kam der Magistrat der City in Gala, um dem Befreier zu huldigen. Ihre Dankbarkeit wurde mit beredten Worten durch ihren Syndikus, Sir Georg Treby ausgesprochen. Einige Prinzen aus dem Hause Nassau, sagte er, seien die ersten Beamten einer großen Republik gewesen. Andere hätten die Kaiserkrone getragen; der gegründetste Anspruch dieses berühmten Geschlechts auf die öffentliche Verehrung bestehe darin, daß Gott es zu dem hohen Amte auserwählt und geweiht habe, von Generation zu Generation die Wahrheit und die Freiheit gegen die Tyrannei zu vertheidigen. An dem nämlichen Tage machten auch alle in der Hauptstadt anwesenden Prälaten, mit Ausnahme Sancroft's, dem Prinzen +in corpore+ ihre Aufwartung. Dann kam, mit ihrem Bischof an der Spitze, die londoner Geistlichkeit, an Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit und Einfluß die ersten Männer ihres Standes. Ihnen hatten sich einige hervorragende Dissentergeistliche angeschlossen, welche Compton, was ihm zu großer Ehre gereichte, mit ausgezeichneter Artigkeit behandelte. Einige Monate vorher oder nachher würde diese Artigkeit von vielen Staatskirchenmännern als ein Verrath an der Kirche betrachtet worden sein, selbst damals konnte ein scharfes Auge nur zu deutlich erkennen, daß der Waffenstillstand, zu welchen die protestantischen Secten gezwungen worden waren, die Gefahr, aus der er entsprungen war, nicht lange überdauern werde. Ungefähr hundert in der Hauptstadt wohnende nonconformistische Geistliche überreichten eine Separatadresse. Sie wurden durch Devonshire vorgestellt und mit allen Achtungs- und Wohlwollensbezeigungen empfangen. Die Juristen brachten ihre Huldigung unter Anführung Maynard's dar, der im Alter von neunzig Jahren noch so rüstig und so hellen Geistes war als zu der Zeit, da er in Westminsterhall als Ankläger Strafford's auftrat. »Mr. Serjeant,« sagte der Prinz zu ihm, »Sie müssen alle Juristen, die mit Ihnen studirten, überlebt haben.« -- »Ja, Sire,« erwiederte der Greis, »und wäre Eure Hoheit nicht gekommen, so würde ich auch die Gesetze überlebt haben«.[34]
Aber obgleich die Adressen zahlreich und voll von Lobeserhebungen, obgleich die Jubelrufe laut und die Illumination glänzend, obgleich der St. Jamespalast für die Masse der Höflinge zu klein und obgleich die Theater jeden Abend vom Parterre bis zur letzten Gallerie von orangefarbenen Bändern strotzten, so fühlte Wilhelm doch, daß die Schwierigkeiten seines Unternehmens erst begonnen hatten. Er hatte eine Regierung gestürzt: jetzt galt es die Lösung der weit schwierigeren Aufgabe, eine neue zu errichten. Von dem Augenblicke seiner Landung bis zu seiner Ankunft in London hatte er die Autorität ausgeübt, welche nach den in der ganzen civilisirten Welt anerkannten Kriegsgesetzen dem Oberbefehlshaber einer im Felde stehenden Armee zukommt. Jetzt mußte er die Rolle eines Generals mit der eines Civilbeamten vertauschen, und dies war keine leichte Aufgabe. Ein einziger falscher Schritt konnte unheilbringend werden und es war unmöglich, irgend einen Schritt zu thun, ohne Vorurtheile zu verletzen und heftige Leidenschaften zu entzünden.
[Anmerkung 33: +Luttrell's Diary+; +Evelyn's Diary+; +Clarendon's Diary, Dec. 18. 1688; Revolution Politics.+]
[Anmerkung 34: +Fourth Collection of Papers relating to the present juncture of affairs in England, 1688+; +Burnet, I. 802, 803+; +Calamy's Life and Times of Baxter, chap. XIV.+]
[_Es wird ihm gerathen, sich die Krone kraft des Eroberungsrechtes aufzusetzen._] Einige von den Rathgebern des Prinzen drangen in ihn, daß er sich die Krone ohne weiteres kraft des Eroberungsrechtes aufsetzen und dann als König unter seinem großen Siegel Einberufungsschreiben zu einem Parlamente erlassen solle. Dieses Verfahren wurde ihm von einigen ausgezeichneten Juristen eifrig anempfohlen. Sie sagten, es sei der kürzeste Weg zu dem Ziele, welches außerdem nur mit zahllosen Schwierigkeiten und Streitigkeiten erreicht werden könne. Es stimme genau mit dem glückverheißenden Beispiele überein, das vor ihm Heinrich VII. nach der Schlacht von Bosworth gegeben. Auch werde es die Bedenken vieler achtbarer Personen wegen Statthaftigkeit der Übertragung des Unterthaneneides auf einen andren Regenten zerstreuen. Weder das englische Recht noch die englische Kirche gestehe den Unterthanen die Befugniß zu, ihren Landesherrn abzusetzen. Aber kein Jurist und kein Theolog habe je geleugnet, daß eine im Kriege überwundene Nation sich dem Beschlusse des Gottes der Schlachten unterwerfen dürfe, ohne eine Sünde zu begehen. So hätten nach der chaldäischen Eroberung die gottesfürchtigsten und patriotischesten Juden die Pflichten gegen ihren angestammten König nicht zu verletzen geglaubt, indem sie dem neuen Herrscher, den die Vorsehung ihnen gesandt, mit Treue dienten. Die drei Bekenner, welche im feurigen Ofen so wunderbar erhalten worden waren, hätten in der Provinz Babylon hohe Ämter begleitet. Daniel sei nacheinander Minister des Assyrers, welcher Juda, und des Persers, welcher Assyrien unterjochte, gewesen. Ja, Christus selbst, der seinem Blute nach ein Prinz aus dem Geschlechte David's gewesen, habe dadurch, daß er seinen Landsleuten befahl, dem Kaiser Tribut zu zahlen, ausgesprochen, daß fremde Eroberung erbliche Rechte aufhebt und wohlbegründeten Anspruch auf Herrschaft giebt. Es sei daher wahrscheinlich, daß eine große Anzahl Tories, wenn sie auch nicht selbst mit gutem Gewissen einen König wählen könnten, doch unbedenklich einen durch den Ausgang des Kriegs ihnen gegebenen König annehmen würden.[35]
Auf der andren Seite standen jedoch Gründe, welche bei weitem überwiegend waren. Der Prinz konnte die Krone als mit dem Schwerte erobert nicht beanspruchen, ohne sich eines groben Wortbruches schuldig zu machen. In seiner Erklärung hatte er versichert, daß es nicht seine Absicht sei, England zu erobern, daß, wer ihn einer solchen Absicht beschuldige, nicht nur ihn persönlich, sondern auch die patriotischen Kavaliere und Gentlemen, die ihn herübergerufen, schändlich verleumde, daß die Streitmacht, die er mitgebracht habe, zu einem so schwierigen Unternehmen offenbar nicht genüge und daß es sein fester Entschluß sei, alle öffentlichen Beschwerden, wie alle seine eigenen Ansprüche einem freien Parlamente anheim zu geben. Um keines irdischen Zweckes willen konnte es recht oder klug sein, das im Angesicht von ganz Europa gegebene Wort zu brechen. Auch war es keineswegs ausgemacht, ob er, wenn er sich als Eroberer gerirte, dadurch die Bedenken zerstreute, welche die strengen Hochkirchenmänner ungeneigt machten, ihn als König anzuerkennen. Denn er mochte sich nennen wie er wollte, Jedermann wußte, daß er in Wirklichkeit kein Eroberer war. Es wäre notorisch eine bloße Fiction gewesen, hatte man sagen wollen, daß dieses große Königreich, mit einer mächtigen Flotte auf der See, einer regulären Armee von vierzigtausend Mann und einer Miliz von hundertdreißigtausend Mann, ohne eine einzige Belagerung oder Schlacht durch eine fünfzehntausend Mann starke Invasionsarmee in eine abhängige Provinz verwandelt worden sei. Es war nicht anzunehmen, daß eine solche Fiction wirklich empfindliche Gewissen beruhigen würde, aber es war kaum zu bezweifeln, daß sie den ohnehin schon gereizten Nationalstolz verwundete. Die englischen Truppen waren in einer Stimmung, welche die zarteste Schonung erheischte. Sie wußten, daß sie im letzten Feldzuge eben keine glänzende Rolle gespielt hatten. Die Anführer wie die Soldaten sehnten sich danach zu beweisen, daß sie nicht aus Mangel an Muth einer geringeren Streitmacht gewichen waren. Einige holländische Offiziere waren so unbesonnen gewesen, sich in einem Wirthshause beim Weine zu rühmen, daß sie die Armee des Königs vor sich her getrieben hätten. Diese Beleidigung hatte unter den englischen Truppen eine Gährung hervorgebracht, welche ohne das rasche Einschreiten des Prinzen wahrscheinlich mit einem furchtbaren Gemetzel geendet haben würde.[36] Welchen Eindruck mußte unter solchen Umständen eine Proklamation machen, welche verkündete, daß der Oberbefehlshaber der Fremden die ganze Insel als rechtmäßige Kriegsbeute betrachte?
Außerdem war zu berücksichtigen, daß der Prinz durch Erlassung einer solchen Proklamation mit einem Male alle die Rechte vernichtet haben würde, zu deren Vertheidiger er sich erklärt hatte. Denn die Autorität eines fremden Eroberers wird nicht durch die Gebräuche und Gesetze der besiegten Nation beschränkt, sondern sie ist ihrem Wesen nach despotisch. Wilhelm war also entweder nicht berechtigt, sich zum Könige zu erklären, oder er war auch berechtigt, die Magna Charta und die Bitte um Recht für null und nichtig zu erklären, die Geschwornengerichte abzuschaffen und ohne Zustimmung des Parlaments Steuern zu erheben. Allerdings konnte er die alte Verfassung des Reichs wiederherstellen; aber wenn er dies that, so that er es ebenfalls kraft eines willkürlichen Beschlusses. Von diesem Augenblicke an würde die englische Freiheit auf eine niedere Stufe herabgesunken sein. Sie wäre dann nicht mehr ein uraltes Erbtheil gewesen, sondern ein neues Geschenk, welches der großmüthige Gebieter, der es verliehen, auch wieder entziehen konnte, wenn es ihm sonst beliebte.
[Anmerkung 35: +Burnet, I. 803.+]
[Anmerkung 36: +Gazette de France+ 26. Jan. (5. Febr.) 1689.]
[_Er beruft die Lords und die Mitglieder der Parlamente Karl's II. zusammen._] Wilhelm beschloß daher rechtschaffener und kluger Weise, die in seiner Erklärung gegebenen Versprechungen zu erfüllen und die Aufgabe der Einsetzung der Regierung der gesetzgebenden Gewalt zu überlassen. Er vermied Alles was für Usurpation hätte erklärt werden können, so sorgfältig, daß er es ohne einen Schein von parlamentarischer Autorität nicht über sich nehmen wollte, nur die Stände des Reichs einzuberufen oder während der Wahlen die ausübende Gewalt zu handhaben. Eine eigentlich parlamentarische Autorität gab es nicht im Staate; aber es war möglich, in einigen Stunden eine Versammlung zusammenzubringen, der die Nation wenigstens einen großen Theil der einem Parlamente gebührenden Achtung zollte. Die eine Kammer konnte aus den vielen geistlichen und weltlichen Lords, welche damals in London waren, die andre aus ehemaligen Mitgliedern des Unterhauses und den Magistratsbeamten der City gebildet werden. Dieser Plan war höchst sinnreich und er wurde rasch ins Werk gesetzt. Die Peers wurden auf den 21. December in den St. Jamespalast beschieden. Es erschienen etwa siebzig. Der Prinz forderte sie auf, die Lage des Landes in Erwägung zu ziehen und ihm das Ergebniß ihrer Berathungen vorzulegen. Bald darauf erschien eine Bekanntmachung, welche alle Gentlemen, die während der Regierung Karl's II. einen Sitz im Unterhause gehabt hatten, aufforderte, am Morgen des Sechsundzwanzigsten vor Seiner Hoheit zu erscheinen. Die Aldermen von London wurden ebenfalls entboten und auch der Gemeinderath ersucht, eine Deputation zu schicken.[37]
Man hat oft in tadelndem Tone gefragt, warum diese Einladung nicht auf die Mitglieder des im vorhergehenden Jahre aufgelösten Parlaments ausgedehnt worden sei. Die Antwort darauf liegt sehr nahe. Einer der Hauptmißstände, über welche die Nation klagte, war die Art und Weise der Erwählung jenes Parlaments. Die meisten Abgeordneten der Boroughs waren durch Wahlkörper gewählt worden, welche in einer allgemein als gesetzwidrig betrachteten und von dem Prinzen in seinem Manifeste für verwerflich erklärten Weise reorganisirt worden waren. Jakob selbst hatte unmittelbar vor seinem Sturze eingewilligt, die früheren municipalen Freiheiten wieder herzustellen. Es würde gewiß von Seiten Wilhelms die größte Inconsequenz gewesen sein, wenn er, nachdem er zur Vertheidigung der angetasteten Freibriefe der Corporationen die Waffen ergriffen, Personen, welche jenen Freibriefen zuwider gewählt worden waren, als rechtmäßige Vertreter der Städte Englands anerkannt hätte.
Am Sonnabend den 22. versammelten sich die Lords in ihrem Sitzungslokale. Dieser Tag wurde damit hingebracht, die Geschäftsordnung festzusetzen. Es wurde ein Schriftführer ernannt, und da man keinem der zwölf Richter Vertrauen schenken konnte, so wurden einige von den angesehendsten Sergeants und Barristers[38] eingeladen, um über juristische Punkte ihren Rath abgeben zu können. Es wurde hierauf beschlossen, daß am nächsten Montag die Lage des Königreichs in Erwägung gezogen werden sollte.[39]
Die Zwischenzeit bis zur Montagssitzung war erwartungs- und ereignißvoll. Eine starke Partei unter den Peers nährte noch immer die Hoffnung, daß die Verfassung und die Kirche Englands auch ohne die Absetzung des Königs gesichert werden könnten. Diese Partei beschloß, eine feierliche Adresse an ihn zu beantragen, durch die er beschworen werden sollte, sich Bedingungen zu unterwerfen, welche die durch sein früheres Verfahren hervorgerufene Unzufriedenheit und Besorgniß beseitigen konnten. Sancroft, der seit der Rückkehr Jakob's von Kent nach Whitehall keinen Theil an den öffentlichen Angelegenheiten genommen hatte, beschloß jetzt, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ans Licht zu treten und sich an die Spitze der Royalisten zu stellen. Mehrere Boten wurden mit Briefen an den König nach Rochester gesandt. Es wurde ihm darin versichert, daß seine Interessen energisch in Schutz genommen werden sollten, wenn er sich nur in diesem Augenblicke entschließen könnte, Plänen zu entsagen, die sein Volk verabscheue. Einige angesehene Katholiken begaben sich persönlich zu ihm, um ihn im Namen ihres gemeinsamen Glaubens zu bitten, daß er den fruchtlosen Kampf nicht weiter treiben möchte.[40]
Der Rath war gut; Jakob aber war nicht in der Stimmung, um ihn anzunehmen. Sein Verstand war stets stumpf und schwach gewesen, jetzt aber verhinderten ihn weibische Befürchtungen und kindische Einbildungen an dem Gebrauche desselben. Er wußte, daß seine Flucht das war, was seine Anhänger am meisten fürchteten und seine Feinde am sehnlichsten wünschten. Selbst wenn sein Bleiben mit ernster persönlicher Gefahr verknüpft gewesen wäre, so hätte er es doch unter den obwaltenden Umständen für schimpflich halten müssen, das Feld zu räumen, denn es handelte sich jetzt darum, ob er und seine Nachkommen auf dem Throne seiner Ahnen regieren oder heimathlose Bettler werden sollten. Doch die feige Angst um sein Leben hatte jedes andre Gefühl aus seiner Brust verdrängt. Auf die eindringlichen Bitten und unverwerflichen Gründe der Bevollmächtigten, die seine Freunde nach Rochester gesandt, hatte er nur die eine Antwort: sein Kopf sei in Gefahr. Umsonst versicherte man ihm, daß er durchaus keine Ursache zu einer solchen Besorgniß habe, daß der Prinz von Oranien schon durch den gesunden Verstand, wenn nicht durch seine Grundsätze abgehalten werden würde, die Schuld und Schande eines Königsmordes und eines Verwandtenmordes auf sich zu laden, und daß Viele, welche niemals in die Absetzung ihres Souverains willigen würden, so lange er noch auf englischem Boden war, durch seine Flucht sich der Unterthanentreue gegen ihn entbunden erachten würden. Die Furcht unterdrückte jedes andre Gefühl. Er beschloß abzureisen, und die Ausführung dieses Entschlusses war leicht. Er wurde sehr nachlässig bewacht, Jedermann hatte Zutritt bei ihm, segelfertige Schiffe lagen in geringer Entfernung bereit, und ihre Böte konnten bis dicht an den Garten des Hauses herankommen, das er bewohnte. Wäre er klug gewesen, so würde schon der Umstand, daß seine Wächter sich bemühten, ihm die Flucht zu erleichtern, hingereicht haben, um ihn zu überzeugen, daß er bleiben mußte, wo er war. In der That, die Schlinge lag so offen zu Tage, daß nur ein durch die Angst geblendeter Thor sie nicht sehen konnte.
[Anmerkung 37: +History of the Desertion+; +Clarendon's Diary, Dec. 21. 1688+; +Burnet I. 803+, und Onslow's Note.]
[Anmerkung 38: Sachwalter ersten und zweiten Ranges. -- Der Übers.]
[Anmerkung 39: +Clarendon's Diary, Dec. 21. 1688+; Citters unter dem nämlichen Datum.]
[Anmerkung 40: +Clarendon's Diary. Dec. 21, 22, 1688+; +Clarke's Life of James, II. 268, 270. Orig. Mem.+]
[_Jakob's Flucht von Rochester._] Die Vorbereitungen wurden schleunigst getroffen. Am Samstag Abend, den Zweiundzwanzigsten, versicherte der König einigen von den Herren, welche von London aus mit Nachricht und gutem Rathe zu ihm gesandt worden, daß er sie am folgenden Morgen wiedersehen werde. Er legte sich zu Bett, stand mitten in der Nacht auf, stahl sich in Begleitung Berwick's durch eine Hinterthür fort und ging durch den Garten bis ans Ufer des Medway. Hier erwartete ihn ein kleines Boot. Bald nach Tagesanbruch befanden sich die Flüchtlinge am Bord einer Schmacke, welche die Themse hinab fuhr.[41]
Am Nachmittag gelangte die Nachricht von der Flucht nach London. Die Anhänger des Königs waren ganz bestürzt, während die Whigs ihre Freude nicht verhehlen konnten. Die gute Nachricht ermuthigte den Prinzen zu einem kühnen und wichtigen Schritte. Er hatte erfahren, daß die französische Gesandtschaft mit der ihm feindlich gesinnten Partei fortwährende Communication unterhielt. Man wußte sehr wohl, daß diese Gesandtschaft sich vortrefflich auf alle Verführungskünste verstand, und es unterlag kaum einem Zweifel, daß bei einer solchen Gelegenheit weder Ränke noch Goldstücke gespart werden würden. Barillon wollte gar zu gern noch einige Tage in London bleiben, und zu dem Ende ließ er kein Mittel unversucht, um die siegreiche Partei zu versöhnen. Auf den Straßen beruhigte er den Pöbel, der zornige Blicke auf seine Equipage warf, dadurch, daß er ihm Geld zuwarf. An seiner Tafel trank er öffentlich auf das Wohl des Prinzen von Oranien. Wilhelm aber ließ sich dadurch nicht bethören. Er hatte zwar die Ausübung der königlichen Autorität noch nicht auf sich genommen, aber er war commandirender General und als solcher nicht verbunden, einen Mann, den er als einen Spion betrachtete, innerhalb des von ihm militairisch besetzten Gebietes zu dulden. Noch vor dem Ende des Tages erhielt Barillon die Weisung, daß er England binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müsse. Er bat dringend um einen kurzen Aufschub, aber die Minuten waren kostbar, der Befehl wurde in noch bestimmteren Ausdrücken wiederholt und er reiste mit Widerstreben nach Dover ab. Um kein Zeichen von Geringschätzung und Trotz zu unterlassen, wurde er durch einen seiner protestantischen Landsleute, den die Verfolgung ins Exil getrieben, bis an die Küste begleitet. Der Ehrgeiz und die Anmaßung Frankreichs hatte so bitteren Groll erregt, daß selbst diejenigen Engländer, welche im Allgemeinen nicht geneigt waren, Wilhelm's Verhalten mit günstigem Auge zu betrachten, ihm lauten Beifall dafür zollten, daß er dem Übermuth, mit dem Ludwig viele Jahre hindurch alle europäischen Höfe behandelt hatte, so herzhaft entgegentrat.[42]
[Anmerkung 41: Clarendon's Diary. Dec. 23. 1638; Clarke's Life of James, II. 271, 273, 274. Orig. Mem.]
[Anmerkung 42: Citters, 1.(11.) Jan. 1689; Witsen's Handschr. angeführt von Wagenaar, Buch 60.]